„Merkel macht nichts, oder sie tut Dinge, die Deutschland schaden“, findet der BDVB-Präsident.
In einigen Jahren würden die negativen Auswirkungen der Politik Merkels schmerzlich spürbar. Seine Hauptkritikpunkte sind die abrupte Energiewende, die Europolitik und die Grenzöffnung für unkontrollierte Immigration.
„Merkel ist Deutschlands großes Problem – für den Wirtschaftsstandort ebenso wie für die Gesellschaft“, so Schauf weiter.
Die plötzliche Energiewende habe großen wirtschaftlichen Schaden angerichtet, doch sei Merkel das nicht bewusst.
Wörtlich sagte Schauf, die Kanzlerin habe „den ökonomischen Sachverstand eines Grundschülers“.
Die Mehrkosten der abrupten Energiewende und der planwirtschaftlichen Subventionen für erneuerbare Energien lägen in vielfacher Milliardenhöhe, sowohl Unternehmen als auch die Volkswirtschaft litten.
„Leider sind regierende Politiker für ihre Taten nicht in persönliche Haftung zu nehmen. Ein Geschäftsführer einer GmbH müsste nach solchen Fehlentscheidungen vermutlich ins Gefängnis“, so Schauf.
Auf dieses Merkel-Haudrauf-Interview habe er angeblich überwältigend viele und nur positive Rückmeldungen erhalten, sagt Schauf gegenüber der FAZ. Angst vor negativen Reaktionen habe er nicht, so das FDP-Mitglied.
Angst braucht er nicht haben. Aber ich habe mal ein paar Reaktionen eingeholt:
„Wie soll man so viel intellektuelle Primitivität noch kommentieren? Was aus dem Klima wird und das Schicksal seiner Enkelkinder, wenn er welche haben oder bekommen sollte, ist ihm gleichgültig, welche Subventionen in Atomenergie, industrialisierte Landwirtschaft etc. geflossen sind und fließen, offensichtlich auch, soziale Gerechtigkeit spielt eh keine Rolle, und was hat uns Wohlstandsbürger schließlich das Elend von Menschen aus anderen Ländern zu interessieren? Es wird immer schlimmer, welcher Dreck im Namen von Institutionen abgelassen werden kann“, kritisiert der emeritierte BWL-Professor Reinhard Pfriem.
Der Rundumschlag von Schauf zeige ein grundsätzliches Dilemma:
„Argumentativ ist darauf kaum angemessen zu reagieren. Alex Rühle zitierte in der Süddeutschen vom 28. Januar den amerikanischen Komiker Stephen Colbert, der bereits 2005, also vor dem ‚postfaktischen Zeitalter‘, eine grundlegende Wende im rationalen Diskurs moderner Gesellschaften thematisierte: ‚Früher hatte jeder das Recht, seine eigene Meinung zu haben, aber nicht seine eigenen Fakten. Mittlerweile sind Fakten unwichtig geworden. Sichtweisen sind alles.‘ Was kann eine Antwort auf Schauf sein? Ich würde sagen, das faktische, transformative Tun. Gerne in wechselnden Koalitionen mit Menschen, Unternehmen und Institutionen, die bereit sind nüchtern, ihren Interessen folgend, verantwortlich zu handeln“, so die Reaktion von Klaus Burmeister, Geschäftsführer der D2030-Initiative.
Die von Schauf aufgeführten Punkte seien nicht relevant, moniert Professor Lutz Becker, Studiendekan der Hochschule Fresenius.
„Die Diskurse drehen sich im Moment um die falschen Dinge. Reformfragen werden nicht gestellt. Die Frage, in welcher Welt wir leben wollen, wird immer hinter Partikularinteressen zurück gestellt. Die Fragen sind heute, wie wir Arbeit neu verteilen, wie wir die politische Teilhabe verbessern, wie wir grundsätzliche Strukturreformen im Bereich Verkehr, Umwelt, digitale Teilhabe angehen wollen.“
Die Kritik an Merkel sei zu billig.
Da haben wir ja schon mal drei Stimmen, die dem Schauf nicht zustimmen. Also ganz so harmonisch wird es wohl im Bundesverband der Volks- und Betriebswirte (BDVB) nicht verlaufen, Herr Schauf.
Die Ökonomie sei ein Ausdruck kultureller Verhältnisse, auch was in ihr für wichtig gehalten und wertgeschätzt wird, bemerkt BWL-Professor Reinhard Pfriem:
„Die gleichen kulturellen Strömungen wirken auch auf die Konstellationen der politischen Kräfte ein. Gerade in einem repräsentativen Parteiensystem. Es war die Vorstellung schon immer naiv, daran zu glauben, dass auf dem Weg des Politischen die Akteure zu Maßnahmen gezwungen werden, die sie selbst nicht machen wollen. Das funktioniert nicht. Wenn man sich das Parteiensystem anschaut sowie das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger.“
Staatliche Regelungen bewirken nach Ansicht von Pfriem nur dann positive Veränderungen, wenn es sozial- und gesellschaftspolitischen Druck gibt. Ohne Basisbewegungen hätte es in den 70er und 80er Jahren keinen Fortschritt in der Umweltpolitik gegeben, die letztlich zum Atomausstieg und zur Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes geführt haben. Auf anderen Feldern funktioniere das nicht.
„Denken Sie an die Mobilität, wo der Lobbyismus von Alexander Dobrindt sich ausleben kann und es in dem Autofahrerland Deutschland nach wie vor nicht möglich ist, auch nur Geschwindigkeitsbegrenzungen durchzusetzen.“
Wie sich Eliten abschotten
Liegt es an der Atomisierung oder Entsolidarisierung der Gesellschaft? Pfriem bejaht das.
Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die alten Eliten abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von „gewöhnlichen“ Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Castells „Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“.
Quartiersräte als Bindeglied
Die Zersplitterung der Gesellschaft und der Separatismus elitärer Gruppen ist auch nach Meinung von Pfriem ein großes Problem.
„Es gibt ein grundlegendes Defizit an der Möglichkeit politischer Artikulation“, mahnt der Ökonom Reinhard Pfriem und plädiert für die Entwicklung von institutionellen Formen, die tatsächlich wieder radikale Demokratie ermöglicht: „Es gibt in Berlin in einigen sozialen Brennpunkten der Stadt so genannte Quartiersräte, wo die heterogenen und zukunftsorientiert tätigen Akteure zusammengebracht und mit der darüber liegenden Ebene verkoppelt werden.“
Also ein Bindeglied zu den kommunalen und landespolitischen Instanzen. In der Hauptstadt sind es die Bezirksverordneten-Versammlungen und das Abgeordnetenhaus. Die gegenwärtige Form von repräsentativer Parlamentsdemokratie schwebe schon institutionell über dem, was Menschen wirklich bewegt. Pfriem bringt den Begriff der Agora ins Spiel, also den Ort öffentlichen Verständigung und Kommunikation in der griechischen Antike. Das gilt nach seiner Auffassung auch für die Wissenschaft, die sich transparent zu zeigen und zu rechtfertigen hat sowie ihre von der Gesellschaft alimentierte Funktion unter Beweis stellen muss.
Hausaufgaben hat vor allem die Wirtschaftswissenschaft zu machen: Vonnöten sei eine transformative Ökonomie, die sich von ihren Rechtfertigungserzählungen löst, erläutert Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. Sie müsse sich von einer Reparaturökonomie zur Orientierungswissenschaft weiter entwickeln:
„Plötzlich haben wir mit Null-Grenzkosten-Produkten und Produktivitätssprüngen zu tun, die das Maß vorangegangener technologischer Metamorphosen deutlich übertreffen. Jetzt würde man sich eine Ökonomie wünschen, die dazu Antworten entwickelt. Wie organisieren wir unseren Sozialstaat, was passiert mit der Geldwirtschaft im Zeitalter von Bitcoin, wie finanziert sich der Staat? Wo sind die Ökonomen als öffentliche Intellektuelle? Sie verkriechen sich lieber in ihren Boxen und machen tolle Experimente und wundern sich über die zunehmende Kritik an der Visionslosigkeit der Wirtschaftswissenschaften.“
Es gebe immer noch zu viele Sandkastenökonomen, meint Professor Lutz Becker, Studiendekan an der Hochschule Fresenius.
„Mein akademischer Lehrer Peter Ulrich hat das mal so schön gesagt: Wir brauchen ein Ethos ganzer Systeme. Wir müssen das immer auf einer höheren Ebene beurteilen.“
Debattenstoff für weitere Diskussionsrunden. Beispielsweise auf der Next Economy Open am 9. und 10. November.
Wer mitmachen möchte mit Subevents, sollte sich einfach bei mir melden.
Die Mainstream-Ökonomen markieren eine merkwürdige Kampflinie gegen die pluralen Ökonomen: Für einige Professoren ist es eine Horrorvorstellung, dass die „Pluralen“ in ihr Fach nun Marxismus, Gender-Theorie oder Postwachstums-Ideen einschmuggeln könnten.
„Die Vertreter der sogenannten Pluralen Ökonomen wollen die Wirtschaftswissenschaft sturmreif schießen“, sagt Joachim Weimann von der Universität Magdeburg nach einem Bericht der FAZ. Viele Pluralismus-Vertreter hätten einfach keine Ahnung. „Sie beherrschen die Sprache und die Methoden der Ökonomen nicht, obwohl sie diese ständig kritisieren“, sagt Weimann.
Etwas ärmlich scheint die Replik, die sich immer noch in Kategorien der politischen Gesäß-Geografie bewegt. Siehe auch den Blogpost: Warum die Ökonomik sich wandeln muss.
Dabei gibt es gute Gründe, dass naturwissenschaftliche Gehabe der neoklassischen Wirtschaftstheorie mit ihrem pseudo-neutralen Habitus in Frage zu stellen.
Wirtschaftswissenschaft auf Excel-Tabellen-Niveau
Hier sehe ich die Notwendigkeit für eine Radikalkur. Die von den pluralen Ökonomen geforderte thematische Ausweitung des Studiums reicht dabei nicht aus. Es muss etwas anderes geben als die ökonomische Erbsenzählerei, bei der man die Bäume vor lauter Wald nicht erkennt. Es erscheint eine Flut von Fachartikeln, die alle im gleichen Stil verfasst werden: Diagramme, Excel-Tabellen (mit fatalen Folgen für die Politik-Beratung zur Euro-Krise: Thomas Herndon versus Reinhart/Rogoff – Wenn inkompetente Excel-Ökonomen irren und zur Tagesordnung übergehen) und pseudo-wissenschaftliche Prognosen durchfluten die Aufsätze, um an der akademischen Karriere zu feilen. Es fehlen sprachmächtige Analysen, großartige Monografien, verständliche Essays, diskursfreudige Utopien und geistreiche Einwürfe. Traditionelle Ökonomen sind nur noch langweilige Buchhalterseelen, die mit ihrer Empirie in den Rückspiegel schauen und Erkenntnisse für den Altpapier-Container produzieren.
Studium ohne Unterricht
(Nicht nur) BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden. Diesen Vorschlag machte der Innovationsexperte Jürgen Stäudtner im #NEO16x Käsekuchen-Diskurs:
„Man hat an den guten Kunstakademien gar keinen richtigen Unterricht mehr. Es gibt ein Orientierungsjahr, in dem versucht man, seinen Weg als Künstler herauszufinden. Es wird erwartet, dass man sich die dafür notwendigen Fähigkeiten selber beibringt. Im Hauptstudium geht es dann rund drei bis vier Jahre nur darum, eigene Projekte durchzuführen, besser zu werden und an der Verbesserung seiner Fähigkeiten zu arbeiten.“
Leidenschaft für Veränderungen
Was generell im akademischen Gefilde fehlt, ist die Vorbereitung auf Unvorhergesehenes und die Leidenschaft für Veränderungen. Studierende an Kunstakademien brennen für ihre Themen:
„Beste Voraussetzungen also, um eine Disziplin zu lehren, die junge Menschen zur eigenen schöpferischen Arbeit und künstlerischen Identität finden lässt — Kunst ist nicht lehrbar, wohl aber künstlerische Techniken, Methoden und Forschungsstrategien“, sagt Stäudtner.
In drei bis endlos langen Jahren gehe es nur darum, eine eigene künstlerische Position zu beziehen und gegenüber seinem professoralen Mentor zu verteidigen. Viel Zeit, um Themen zu erproben und die Gesellschaft zu verändern.
Bestehende Grenzen und Beschränkungen des Denkens, Wollens und Handelns müssen gesprengt werden. Nur so kommt Neues in die Welt, ohne dem Gipsabdruck von karrieristischen Erbsenzählern der Ökonomik zu folgen.
Was sich generell im Bildungssektor ändern sollte, erörtere ich am Samstag, den 19. August, um 10 Uhr mit dem Schweizer Bildungsethiker Christoph Schmitt im Bonner #Sommerinterview. Man hört, sieht und streamt sich nächsten Samstag auf http://www.facebook.com/gsohn.
Winfried Felser startet eine Blogparade unter dem Hashtag #NewWork17
Im Gefolge des Werturteilstreits Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel. Aber schon diese Reduktion ist ein Werturteil. Etwa die Anwendung des Ökonomismus auf alle Lebensbereiche, von Schule bis Medizin. Wir werden ausschließlich als Kunden betrachtet, als Objekt der Begierden. Man merkt es an der Unternehmenskommunikation, die darauf ausgelegt ist, uns mit weltweit führenden Wortblähungen an der Nase herumzuführen. Wir werden mit wohlklingenden Versprechungen umworben, also mit Angeberei und haltlosen Behauptungen. Und das führt zu einer fatalen Schieflage:
„In einer Gesellschaft, in der alle öffentlichen Räume von Botschaften überflutet werden, die im Konsumieren die Antwort auf alle Lebensfragen versprechen, hat es ein an Wahrhaftigkeit ausgerichteter Diskurs um das gute Leben schwer. Dies untergräbt die kulturellen Voraussetzungen moralischer und politischer Autonomie“, kritisiert Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut.
Dierksmeier plädiert für einen qualitativen Liberalismus in Konfrontation mit oligarchischen und plutokratischen Strukturen. Pseudo-Liberale, die sich unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Freiheiten ausbreiten, demontieren die Freiheit- und Bürgerrechte. Wer anderen vorschreibt, Freiheit sei allein quantitativ zu verstehen, also als Maximierung von Erträgen, Nutzen, Profiten und Einkommen, der verstößt selber gegen jene von Liberalen hochgehaltene Freiheit zur bürgerlichen Selbstbestimmung.
Das Bekenntnis zu einer normativ und qualitativ ausgerichteten Ökonomik bedeutet allerdings nicht, sich von einer empirischen Sozialforschung zu verabschieden. Wir sollten Indikatoren in den Blick nehmen, die als belastbarer Maßstab für das gute Leben in Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert werden können. Ohne Empirie ersticken wir in einem Meinungsbrei.
Das gilt für Wissenschaftler, für Politiker, Organisationsberater und auch für jene, die sich als New Work-Vordenker verdingen. Im „Traktat über kritische Vernunft“ beschreibt der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert die Grundlagen für eine empirisch begründete Wissenschaft. Aussagen über eine noch so komplexe Ökonomik – ob nun auf dem Niveau einer einzelnen Organisation oder einer ganzen Volkswirtschaft – dürfen sich nicht einer Prüfung durch die Wirklichkeit entziehen. Alles andere sei Modell-Platonismus. Es werden schlichtweg logische Strukturen konstruiert. Theorien, Modelle oder Gesetze, die weder vorläufig noch endgültig an der Erfahrung scheitern können, haben keinen Erklärungswert und damit auch keine prognostische Bedeutung.
„Es sind hypothesenlose Theorien, auch wenn ihre Formulierung geeignet ist, ihre empirische Gehaltlosigkeit zu verschleiern“, schreibt Albert.
Ob es nun um eine eindeutige Widerlegung geht oder die Wahrscheinlichkeit als Kriterium für die Gültigkeit einer These herangezogen wird, ist dabei zweitrangig. Wichtig im kritischen Diskurs ist es, sich von der Immunisierungsstrategie gegen empirische Einsichten nicht in die Irre führen zu lassen. Das gilt für die Ökonomik und auch für politische Debatten über New Work, Digitalisierung und sonstige Mode-Themen, die uns auf Kongressen, Seminaren, Workshops und Facebook-Seiten präsentiert werden. Am Beispiel der New Work-Bewegung habe ich das in meiner aktuellen Netzpiloten-Kolumne durchleuchtet.
So unternehmen angeblich viele Arbeitgeber große Anstrengungen, um Mitarbeiter an sich zu binden. Dennoch stagniert der Anteil der Arbeitnehmer, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber aufweisen bei mageren 15 Prozent. Ebenso viele Arbeitnehmer haben innerlich bereits gekündigt. 70 Prozent der Beschäftigten sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Rechnet man die 85 Prozent Unzufriedenen auf die erwerbstätige Bevölkerung hoch, sind das rund 30 Millionen Menschen. Und dieser Wert hat sich seit dem Start des Index vor 17 Jahren kaum verändert. Der Anteil der Zufriedenen lag damals bei 16 Prozent.
Beim deutschlandweit ersten Dorfcamp ist das intensiv mit Ute Schulze, Mike Schnoor, Tim Ebner und Christian Bartels in einer Session unter dem Thema „New Work – Mehr Schein als Sein“ diskutiert worden.
Resümee: Menschen müssen sich in der Dienstleistungs- und Netzökonomie besser organisieren. In der industriellen Revolution ist das durch Arbeitervereine und Gewerkschaften geschehen. Und durch Unternehmer wie Ernst Abbé (1840-1905), die sich als mutige Reformer in Szene setzten. Abbé brachte Ende des 19. Jahrhunderts (!) betriebliche Sozialleistungen auf den Weg, die der staatlichen Sozialgesetzgebung um Jahrzehnte voraus waren: darunter feste Mindesteinkommen, Neunstundentag, Urlaubsanspruch, Krankengeld, Invaliditäts- und Altersversorgung, Arbeitervertretungen und Beteiligung der Belegschaft am Unternehmenserfolg (nachzulesen im Opus „Heranführung an die Betriebswirtschaftslehre“ von Professor Reinhard Pfriem).
Die zersplitterte und hoch moderne Arbeitswelt unserer Tage hat den Organisationsgrad der Beschäftigten dramatisch reduziert. An die Stelle von wirklichen Reformen in der Arbeitswelt treten Placebo-Maßnahmen wie kollektives Duzen im Unternehmen, krawattenlose CEOs, Obstkörbe, Kicker-Tische und Carrera-Bahnen. Mike Schnoor verwies auf die schlechten Bedingungen in der Startup-Szene und in Agenturen. Als Indikator für diese These könnte die Zahl der Betriebsräte in solchen Unternehmen herangezogen werden. Sie wird wohl erschütternd niedrig ausfallen. Bei den sogenannten Leiharbeitern und den Beschäftigten auf Abruf werden die Ergebnisse auch nicht besser abschneiden. Über diese Indikatoren sollten wir reden und nicht über nette Absichten, Kuschel-Wuschel-Postings im Social Web und nicht überprüfbare Behauptungen.
Die traditionelle Betriebswirtschaftslehre habe abgewirtschaftet, so Professor Andreas Syska im Jahr 2013.
„Sie liefert immer seltener Antworten auf drängende Fragen bzw. führt mit ihren Antworten in die falsche Richtung. Dies zeigt sich ganz besonders in der Kostenrechnung und im Controlling, wo sich die mittlerweile überholten Modelle vergangener Jahrzehnte wiederfinden. Sie gaukelt eine Berechenbarkeit vor, die oftmals nicht mehr gegeben ist.“
Das kann ich nur unterschreiben. Die Syska-Rede passt zu meinem Beitrag über die Betriebswirtschaftsleere:
Ökonomen wenden sich nach Meinung von Justus Haucap immer stärker Themen zu, die für die Wirtschaftswissenschaften als esoterisch und nebensächlich betrachtet werden können.
So fanden sich in jüngster Zeit in der Fachzeitschaft „American Economic Review“ Beiträge zu Fragen wie etwa, ob es im Sumoringen in Japan Anzeichen für Absprachen gibt (Antwort: Ja), wie sich Leute bei TV-Spielshows verhalten, wie Fußballspieler am besten einen Elfmeter schießen sollten, ob die Ausstrahlung der Fernsehserie „16 and Pregnant“ auf M-TV die Anzahl der Teenager-Schwangerschaften reduziert (Antwort: Ja), oder ob Menschen, deren Mütter während der Schwangerschaft einen nahen Verwandten verloren haben, etwa den Kindesvater, im späteren Leben häufiger psychisch krank sind als andere (Antwort: Ja).
„Weil Daten zu wichtigen wirtschaftlichen Themen oftmals fehlen oder nicht verfügbar sind, beschäftigen sich viele Ökonomen zunehmend mit aus ökonomischer Sicht randständigen Themen, bei denen weder Autoren noch Gutachter die dazu vorhandene Literatur zu kennen scheinen. Der Beitrag über die MTV-Sendung und Schwangerschaften von Teenagern litt bereits unter demselben Manko. Innovation ist in diesen Fällen oft ein Mangel an Belesenheit. Dass dies zu wissenschaftlichem Fortschritt beiträgt, ist unwahrscheinlich“, schreibt der Wettbewerbsökonom in einem Gastbeitrag für die FAZ.
Ökonomen täten daher gut daran, sich wieder stärker auf den Kern des Untersuchungsbereiches zu beschränken, fordert Haucap.
Aber wie schaut es mit der Expertise der Wirtschaftswissenschaften aus, wenn es um die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geht?
In der BWL findet man da nicht viel, kritisiert Professor Arno Rolf: Was in der Forschung noch schwach ausgebildet sei, ist die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley. Sie seien es in erster Linie, die die Umwelt volatil und komplex machen.
„Für diese Entwicklung hat weder die Business-Ecosystems-Forschung noch die Betriebswirtschaftslehre bislang befriedigende Antworten. Dafür braucht es ganz neue Konzepte und Methoden, und neue Metaphern müssen her, weil beispielsweise aus den klassischen linearen Strukturen wie Supply Chains oder Value Chains (Wertschöpfungsketten) dynamische Value Networks (Wertschöpfungsnetze) werden (Zhang, Jianliang/Fan Yushun: Current State and Research Trends on Business Ecosystem)“, erläutert der Informatiker.
Gleiches gilt für die VWL: Was bewirken digitale Kopien und die unendliche Verfügbarkeit von virtualisierten Gütern und Dienstleistungen oder das Phänomen Streaming als Erscheinung ohne Substrat? Welche Relevanz bekommt die von Wolf Lotter in seinem Buch “Zivilkapitalismus” beschriebene Zugangsökonomie – also Zugang zu Wissen, Technologie, nützlichen Ideen, die zu einer neuen Unabhängigkeit führen?
Wo und wie entstehen neue Märkte durch die Verkürzung von Wertschöpfungsketten, den Wegfall von Vermittlern und das Entstehen neuer Vermittler?
Was bewirken die drastisch sinkenden Transaktions- und Grenzkosten, die von der Plattformökonomie ausgelöst werden? Welchen volkswirtschaftlichen Effekt hat „Zugang vor Besitz“, wie es der Internet-Vordenker Jeremy Rifkin in seinem zugespitzten Opus „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ beschreibt?
Welche Machtverschiebungen gibt es in der Netzökonomie? Wer zählt zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern? Wie sollte die Wettbewerbspolitik auf die Monopolstrategien von Google und Co. reagieren? Die Internet-Plattformen könnten machtpolitisch irgendwann zu einem Problem werden, warnt Professor Lutz Becker, Studien-Dekan der Hochschule Fresnius, im #BonnerSommerInterview. Damit müssten wir uns gesellschaftlich auseinandersetzen, fordert Becker. Antworten von den unpolitischen Modellschreinern der wirtschaftswissenschaftlichen Institute sind da nicht zu erwarten. Gefragt wäre eher ein Ludwig Erhard des 21. Jahrhunderts mit netzökonomischer und soziologischer Expertise, der erkennt, wie man mit den großen Aggregationen des Silicon Valley ordnungspolitisch umgeht.
“Das nationale Kartellrecht ist mittlerweile ein zahnloser Tiger. AT&T ist im Vergleich zu Google aus nichtigem Anlass zerschlagen worden”, so Becker.
Das funktioniere im globalen Maßstab nicht mehr. Bislang gebe es keine Antworten auf die “Highländer-Märkte”– also auf das Bestreben der amerikanischen Technologie-Konzerne nach absoluter Herrschaft:
“Erst werden maximale Marktanteile angestrebt und erst danach fängt man mit der Abschöpfung an.”
Auch klassische Industrien werden durch die Plattform- und App-Ökonomie in neue oligopolistische Abhängigkeitsverhältnisse geraten, etwa durch 3D-Druck- und Robotik-Plattformen zu sehen.
“In dieser Welt ersetzt der ‘Wettbewerb um den Markt’ den ‘Wettbewerb im Markt’. Im Zentrum eines solchen Ökosystems sitzt ein Market Maker, alle anderen Unternehmen müssen ihre Strategien anpassen und degenerieren zu digitalen Pizzabring-Diensten“, so der Kölner Ökonom Thomas Vehmeier.
Für den herkömmlichen Reifenhändler oder Kleinverlag, für den ortsansässigen Apothekerbetrieb oder den Optiker seien das keine tauglichen Rezepte, um bei weiterlaufendem Bestandsgeschäft den Wandel einzuläuten. Diese Rezepte seien von der Realität in vielen Unternehmen zu weit weg und können daher nicht angegangen werden.
“Als Antwort bieten sich gegebenenfalls offene und multifunktionale Plattformen an, die mittelständischen Industrien im Sinne des Commons-Gedanken vor neuen ökonomischen Abhängigkeiten schützen, gleichzeitig neue Geschäftsmodelle sowie Zugänge zu internationalen Märkten eröffnen”, resümiert Becker
Die ökonomische Lehre leidet jedenfalls an einer Fragmentierung, kritisiert Professor Nils Goldschmidt, Direktor des Zentrums für ökonomische Bildung an der Universität Siegen.
Er fordert einen pluralen Diskurs in der VWL. Es könne doch nicht sein, dass man die politische Ökonomie in den Modellwelten ausblendet:
Wenn ich über Entwicklungsprobleme in Afrika sprechen will, dann muss ich über politisch-ökonomische Prozesse sprechen, dann muss ich entwicklungsökonomisch denken. Wir brauchen wirtschaftshistorische Forschung, wir brauchen in vielen Bereichen institutionen-ökonomische und verfassungsökonomische Forschung.
Diese unterschiedlichen Zugänge zur Ökonomie erwartet die Öffentlichkeit und erwarten die Studenten. Es geht um politische Ideen, um Ethik im Wirtschaftsleben, um die Gestaltung der Gesellschaft und um zivilgesellschaftliches Engagement. Es geht immer stärker auch um netz-ökonomische Trends. Genau diese Fähigkeiten werden an vielen VWL-Fakultäten nicht gefördert – also plurale Ökonomik. Deshalb sinkt auch die Attraktivität der VWL, die die Studentinnen und Studenten mit überkommenden Theoriemodellen traktieren. Dabei ist es doch die Stärke einer wissenschaftlichen Disziplin, multiple Methodiken zu vermitteln und nicht von einem unumstößlichen Identitätskern zu sprechen. Unterschiedliche Erkenntniswege und Zugangswege sind in der Soziologie oder Politologie an der Tagesordnung. In der VWL leider nicht. Und in der BWL sieht es auch nicht viel besser aus.
Wie intensiv beschäftigen sich BWL- und VWL-Lehrstühle in Deutschland mit der Netzökonomie? Vielleicht könnten wir das mal kollaborativ in den nächsten Wochen recherchieren. Forschungsvorhaben, neue Institute, Lehrstühle etc. Ich habe da keine Gesamtübersicht. Die sollten wir mal zusammentragen. Das gilt für staatliche und private Hochschulen.
Die Kombination vorhandener Fähigkeiten mit neuen Technologien über Plattformen ist ist sicherlich eine höchst sinnvolle Rezeptur für die Netzökonomie. Nach der Theorie von Professor Clayton Christensen nicht so ganz. Aber es ist schlau und entspricht der Innovationstheorie von Joseph Schumpeter. Der Ökonom wird ständig reduziert auf den Begriff der kreativen Zerstörung. Dabei bietet Schumpeter mehr. Er kritisiert die statischen Unternehmer, die nicht in der Lage ist, mit Neuem zu experimentieren.
Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen.
Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.
Die meisten Wirtschaftsakteure beschränken sich auf die Aufrechterhaltung von Routinen. Insofern liegt wohl der Ökonom Lutz Becker richtig, dass es eher auf die Denkhaltung ankommt und nicht auf die betriebswirtschaftliche Brille der Disruptionstheorie.
Disruptionstheorie von Clayton Christensen
Disruptive Innovatoren können sich in der ersten Phase auf die weniger anspruchsvolle Klientel konzentrieren und Angebote machen, die gerade noch gut genug sind. Erst danach bewegen sich die Startups in den Mainstream-Markt, ein Prozess, der bei den Discountern gut zu beobachten ist.
Ein disruptiver Innovator kann auch einen völlig neuen Markt schaffen, wie mit dem iPhone und dem App-Ökosystem von Apple für die Etablierung des mobilen Internets.
Das ist nur das Abschluss-Stück meiner Story, die in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift absatzwirtschaft erschienen ist.
Da findet Ihr in der aktuellen Nummer weitere feine Artikel. Etwa zum Thema: Die großen Konzerne sind Parallelgesellschaften:
Die Wirtschaft hat sich eine Reihe von Skandalen geleistet, die das ethische Verständnis in Wirtschaft und Gesellschaft in Frage in stellen. Mit VW ist die Entwicklung möglicherweise an einem Tipping Point angekommen, nachdem die Liste der Skandale schon eine beachtliche Länge erreicht hat, unter anderem mit Commerzbank, Deutscher Bank, Fifa, Siemens und Thyssen-Krupp. Auf der Nextact in Köln suchten Marketingpapst Prof. Dr. Heribert Meffert, Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger und Dr. Richard Straub, Gründer der Peter Drucker Society Europe, in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von absatzwirtschaft-Chefredakteur Christian Thunig nach Lösungsmöglichkeiten.
Klingt doch spannend. Also 8,99 Euro aus dem Sparschwein holen 🙂
Manager sollten lieber ihren Kunden hinterher laufen, statt ihrem Plan, so der unkonventionelle Rat der Beraterin Anne M. Schüller. Ähnlich sieht das der Organisationswissenschaftler Gerhard Wohland. Die gängige Managementlehre führt nach seiner Ansicht in viele Denkfallen. Sie geht von Voraussetzungen aus, die längst nicht mehr gelten. Über Generationen fuhr man gut damit, Managementprobleme mit den Methoden des industriekapitalistischen Taylorismus zu bearbeiten.
“Fast die gesamte Betriebswirtschaftslehre ruht auf diesem Fundament“, so Wohland, Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung.
Diese Methodik machte Sinn, als die Märkte noch überschaubar und träge waren.
„Unter den Bedingungen enger und dynamischer Märkte ist sie das Problem, für dessen Lösung sie gehalten wird. Die Zukunft ist so unsicher geworden, dass ihre Vorwegnahme für Zwecke der Unternehmenssteuerung nicht mehr gelingt. So laufen Planung, Budgetierung und Anreizsysteme – die das Rückgrat des Taylorismus bilden ins Leere. Derart ihrer Orientierung beraubt, erzeugt die Steuerung statt Wertschöpfung mehr und mehr ökonomischen Unsinn“, erklärt Wohland.
Planung helfe bei Überraschungen nicht weiter. Hier würden sich Unternehmen schwertun, die klassisch organisiert seien. Das seien keine Höchstleister.
„Höchstleister gehen mit Problemen anders um. Sie planen nicht im Kontext hoher Dynamik. Denn da nutzt Planung überhaupt nichts. Mit Plänen werde ich berechenbar und kann leichter von der Konkurrenz angegriffen werden. Höchstleister sind hingegen die Quelle der Dynamik. Sie sorgen für Überraschungen, unter denen die anderen leiden. Deshalb ist es so wichtig zu wissen, wie diese Höchstleister funktionieren“, empfiehlt Wohland.
Viele Unternehmen in Deutschland seien keine Höchstleister. Sie würden aus dem bestehen, was sich in der Vergangenheit als funktionstüchtig erwiesen hat.
„Sie haben ihr eigenes Gedächtnis und halten sich damit mehr schlecht als recht über Wasser. Und es ist schon erstaunlich, was für ein Unsinn dabei herauskommt. Wenn man versucht, seine eigene Organisation durch Intelligenz zu verändern, kommt selten etwas Vernünftiges heraus. Die Beharrungskräfte sind einfach zu stark“, weiß Wohland.
Kreativität bleibe dabei auf der Strecke, meint Innovationsberater Jürgen Stäudtner:
„Wir haben einen Projektplan, ein klares Enddatum und kontrollieren regelmäßig, ob noch alles nach diesem Plan läuft. Dabei ist ein Projektplan und ein festgelegtes Ende überhaupt nicht relevant für den Erfolg eines Produktes. Dafür sind ganz andere Faktoren wesentlich entscheidender.”
Ein Werkzeug gegen verkrustete Planwirtschaft in Unternehmen sei das so genannte Labor, so Wohland. Ein Problem werde präzise und transparent vom Vorstand kommuniziert und sollte die Talente im Unternehmen provozieren, das Problem zu lösen.
„Die Wände des Labors sind gläsern. Jeder darf es besuchen und sich auf Augenhöhe mit den dort arbeitenden Talenten austauschen. Wenn das Labor erfolgreich ist, dann beginnt die Organisation mit dem Aufsaugen. Ein Change-Manager ist dabei nicht vonnöten. Das Ganze breitet sich von alleine aus und wirkt ansteckend. Es wächst die Bereitschaft, sich von dem alten Kram und den alten Zöpfen zu verabschieden. Wenn das eintritt, habe ich die Organisation überlistet“, sagt Wohland.
Die verkrusteten Strukturen könnten sich gegen das eigene Unternehmen wenden, so dass einem die eigene Macht im Weg steht.
“Und genau das muss geändert werden. Nur die Macht zu reduzieren oder Hierarchien abzuflachen, ist Romantik. Das sind irrationale Vorstellungen über das, was eine Organisation kann. Um Höchstleister zu werden, braucht man sogar Controller, die denken können. Sie sind ja nicht doof. Man braucht sie als Bündnispartner, um mit dynamischen Märkten fertig zu werden”, empfiehlt Wohland.
Das findet man aber nicht in den Lehrbüchern der BWL und schon gar nicht an den Business Schools, bestätigt Management-Experte Alexander Ross:
„Die Business-Schools sind überteuert, der Unterricht weltfremd, die Forschung schmalspurig und die MBA-Absolventen versagen in Serie.”
Ein MBA verwalte, würde aber nichts unternehmen. So weisen die Business-School-Experten Stuart Crainer und Des Dearlove darauf hin, dass MBA-Absolventen bei erfolgreichen Unternehmensgründungen auffallend unterrepräsentiert sind. Wenn sie selbstständig seien, dann meist mit einem Beratungsunternehmen.
Was an den meisten Manager-Kaderschmieden abgespult werde, sei reine Stoff-Bulimie, kritisiert Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule in Karlsruhe:
„Reinschaufeln, auskotzen, vergessen. So funktioniert die Wirtschaftswissenschaft bislang wie ein Jahrmarktsverkäufer. Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, beklagt sich Zerr.
Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings.
„In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metapher verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu machen. Das ist das Programm unserer Universität“, sagt Zerr.
Stichworte wie industrielles Internet, Industrie 4.0, Smart Cities und die Aktivitäten der Silicon Valley-Giganten betreffen mittlerweile jedes Unternehmen, ob klein oder groß, ob produzierendes Gewerbe oder Dienstleistungen.
„Da schaut man zuerst auf Arbeiten der Wirtschaftswissenschaften, um Orientierungshilfe zu bekommen, wie die Welt der digitalen Transformation für das Management begreifbar und besser handelbar wird und wie ein Unternehmen in der digitalen Ökonomie bestehen kann“, schreibt Arno Rolf, Professor für Informatiksysteme in Organisationen und Gesellschaft, in einem FAZ-Gastbeitrag.
Das Objekt der Betriebswirtschaftslehre sei nicht mehr allein die einzelne Unternehmung.
„Der Fokus ist auch auf ihre Einbindung in Netzwerke gerichtet. In Netzwerkorganisationen haben einzelne Unternehmen keine scharf umrissenen Grenzen mehr“, so der Uni-Professor aus Hamburg.
Ein Rückzug auf die „Kernkompetenzen“ eines Unternehmens funktioniert nicht mehr. Da vieles nicht mehr selbst entwickelt und hergestellt, sondern an Spezialisten im Netzwerk ausgelagert werde, hat das Management vor allem die Aufgabe, die richtigen externen Netzwerkpartner zu finden, zu koordinieren und bei der Stange zu halten.
Erfolgreich seien jene Organisationen, die neue Netze knüpfen, Projekte wechseln, neuen Knoten im Netz Bedeutung geben und nationale Grenzen überschreiten. „Die fehlende Vernetzung eines Akteurs kann schnell zum Ausschluss führen. Tradierte Hierarchien werden nicht überflüssig, sie sind aber unsichtbarer geworden“, so Rolf. Begrenzungen fallen über weltweit verteilte Rechner weg:
„Die Nutzer – Unternehmen, private Nutzer, Verbraucher, Lieferanten, Regionen oder staatliche Behörden – werden zu Knoten im Netz und arbeiten über das Internet zusammen. Die Netze haben offene Strukturen, können grenzenlos expandieren, neue Knoten einbeziehen und überflüssige rasch abschalten.“
Was in der Forschung noch schwach ausgebildet sei, ist die ungeheure Dynamik der digitalen Transformation mit ihren ständig neu aufkommenden Trends in der Informationstechnik und der Angriffslust der Internetkonzerne aus dem Silicon Valley. Sie seien es in erster Linie, die die Umwelt volatil und komplex machen.
„Für diese Entwicklung hat weder die Business-Ecosystems-Forschung noch die Betriebswirtschaftslehre bislang befriedigende Antworten. Dafür braucht es ganz neue Konzepte und Methoden, und neue Metaphern müssen her, weil beispielsweise aus den klassischen linearen Strukturen wie Supply Chains oder Value Chains (Wertschöpfungsketten) dynamische Value Networks (Wertschöpfungsnetze) werden (Zhang, Jianliang/Fan Yushun: Current State and Research Trends on Business Ecosystem)“, erläutert der Informatiker.
Reiche das Business-Ecosystem-Leitbild aus, um eine der drängenden Fragen der Wirtschaftswissenschaften, den steilen Aufstieg der Internetgiganten Google und Co. zu verstehen und die Folgen für die traditionellen Unternehmen abzuschätzen und daraus Schlüsse und Erkenntnisse für die Strategien des Managements zu ziehen?
Welche Antworten hat man auf die „Tsunami-Strategien“ der Internetgiganten Google, Amazon, Facebook, Apple und Co, die mit ihren Angeboten fast alle Branchen überrollen. Man würde gern wissen, ob die aktuelle ökonomische Forschung diesen Vorgang im Schumpeterschen Sinne als schöpferische Zerstörung einschätzt oder dafür eine neue Metapher gefunden werden müsse.
Eine Herausforderung werde der mit Internet, Smartphones und Applikationen (Apps) einhergehende Kulturwandel sein.
„Bislang setzt die Betriebswirtschaftslehre eher auf hierarchische Modelle. Eine zentrale Instanz müsse alles im Griff haben. Mit den neuen Techniken ist eine Mitmachkultur entstanden, die in alle Generationen hineinflutet und mit einem enormen Zugewinn an Bequemlichkeit und Komfort für die Nutzer verbunden ist; für manche auch mit der Möglichkeit, selbständig in Start-ups arbeiten zu können. Diese Alltagsattraktivität ist der Grund für eine bislang nie dagewesene Technikakzeptanz“, meint Rolf – was vielleicht für die Gründerszene gilt, nicht jedoch für die politischen Akteure.
Es seien vor allem die Start-ups mit ihren hierarchiearmen Projektorganisationen, die die Innovationen vorantreiben.
„Sie sind heute vielfach die Impulsgeber und Schöpfer von Innovationen für große Unternehmen, die sich mit ihren Bürokratien teilweise lahmlegen“, resümiert Rolf.
Die klassische BWL liefert für die digitale Transformation weder Modelle, Methoden noch Metaphern. Vielleicht sollte man spezielle Lehrstühle für Netzökonomie etablieren, um die Wirkungen des Plattform-Kapitalismus, wie es Sascha Lobo formulierte, zu untersuchen.
Autoland bald abgebrannt?
Technikbasierte Unternehmen wie Google machen jedenfalls vor keiner Branche und vor keinem etablierten Unternehmen halt – selbst die deutsche Autoindustrie wird das zu spüren bekommen. Siehe: Google macht Zukunft – auch in der Industrie: Und Deutschland?
Ob die alten Regeln, die in Deutschland gelten, noch zeitgemäß sind, analysiert Professor Klemens Skibicki:
Mit dem Netzökonomie-Campus, der am Sonntag startet, möchte ich eine neue Debatte anstoßen, die dann über Tagungen, Studien, E-Books, Workshops, Barcamps, virtuellen Expertenrunden via Hangout on Air weitergeführt werden kann.