Bildung ohne Unterricht und Ökonomik ohne Erbsenzähler #Sommerinterview mit @bildungsdesign

Die Mainstream-Ökonomen markieren eine merkwürdige Kampflinie gegen die pluralen Ökonomen: Für einige Professoren ist es eine Horrorvorstellung, dass die „Pluralen“ in ihr Fach nun Marxismus, Gender-Theorie oder Postwachstums-Ideen einschmuggeln könnten.

„Die Vertreter der sogenannten Pluralen Ökonomen wollen die Wirtschaftswissenschaft sturmreif schießen“, sagt Joachim Weimann von der Universität Magdeburg nach einem Bericht der FAZ. Viele Pluralismus-Vertreter hätten einfach keine Ahnung. „Sie beherrschen die Sprache und die Methoden der Ökonomen nicht, obwohl sie diese ständig kritisieren“, sagt Weimann.

Etwas ärmlich scheint die Replik, die sich immer noch in Kategorien der politischen Gesäß-Geografie bewegt. Siehe auch den Blogpost: Warum die Ökonomik sich wandeln muss.
Dabei gibt es gute Gründe, dass naturwissenschaftliche Gehabe der neoklassischen Wirtschaftstheorie mit ihrem pseudo-neutralen Habitus in Frage zu stellen.

Wirtschaftswissenschaft auf Excel-Tabellen-Niveau

Hier sehe ich die Notwendigkeit für eine Radikalkur. Die von den pluralen Ökonomen geforderte thematische Ausweitung des Studiums reicht dabei nicht aus. Es muss etwas anderes geben als die ökonomische Erbsenzählerei, bei der man die Bäume vor lauter Wald nicht erkennt. Es erscheint eine Flut von Fachartikeln, die alle im gleichen Stil verfasst werden: Diagramme, Excel-Tabellen (mit fatalen Folgen für die Politik-Beratung zur Euro-Krise: Thomas Herndon versus Reinhart/Rogoff – Wenn inkompetente Excel-Ökonomen irren und zur Tagesordnung übergehen) und pseudo-wissenschaftliche Prognosen durchfluten die Aufsätze, um an der akademischen Karriere zu feilen. Es fehlen sprachmächtige Analysen, großartige Monografien, verständliche Essays, diskursfreudige Utopien und geistreiche Einwürfe. Traditionelle Ökonomen sind nur noch langweilige Buchhalterseelen, die mit ihrer Empirie in den Rückspiegel schauen und Erkenntnisse für den Altpapier-Container produzieren.

Studium ohne Unterricht

(Nicht nur) BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden. Diesen Vorschlag machte der Innovationsexperte Jürgen Stäudtner im #NEO16x Käsekuchen-Diskurs:

„Man hat an den guten Kunstakademien gar keinen richtigen Unterricht mehr. Es gibt ein Orientierungsjahr, in dem versucht man, seinen Weg als Künstler herauszufinden. Es wird erwartet, dass man sich die dafür notwendigen Fähigkeiten selber beibringt. Im Hauptstudium geht es dann rund drei bis vier Jahre nur darum, eigene Projekte durchzuführen, besser zu werden und an der Verbesserung seiner Fähigkeiten zu arbeiten.“

Leidenschaft für Veränderungen

Was generell im akademischen Gefilde fehlt, ist die Vorbereitung auf Unvorhergesehenes und die Leidenschaft für Veränderungen. Studierende an Kunstakademien brennen für ihre Themen:

„Beste Voraussetzungen also, um eine Disziplin zu lehren, die junge Menschen zur eigenen schöpferischen Arbeit und künstlerischen Identität finden lässt — Kunst ist nicht lehrbar, wohl aber künstlerische Techniken, Methoden und Forschungsstrategien“, sagt Stäudtner.

In drei bis endlos langen Jahren gehe es nur darum, eine eigene künstlerische Position zu beziehen und gegenüber seinem professoralen Mentor zu verteidigen. Viel Zeit, um Themen zu erproben und die Gesellschaft zu verändern.

Bestehende Grenzen und Beschränkungen des Denkens, Wollens und Handelns müssen gesprengt werden. Nur so kommt Neues in die Welt, ohne dem Gipsabdruck von karrieristischen Erbsenzählern der Ökonomik zu folgen.

Was sich generell im Bildungssektor ändern sollte, erörtere ich am Samstag, den 19. August, um 10 Uhr mit dem Schweizer Bildungsethiker Christoph Schmitt im Bonner #Sommerinterview. Man hört, sieht und streamt sich nächsten Samstag auf http://www.facebook.com/gsohn.

Vorher gibt es noch einen Livestream am Dienstag, den 15. August, um 18 Uhr zur Podiumsdiskussion über Rheuma & Arbeit.

Siehe auch:

Bildungsethik jenseits der Zeigestock-Pädagogik

So sieht es aus in unserer Bildungslandschaft: 7,5 Jahre Warten auf den Studienplatz – ist das legal?

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Ästhetischer Mathe-Unterricht mit digitalen Werkzeugen #DigitalesManifest

Da gab es noch Kopfnüsse statt digitaler Werkzeuge - Regenweiher Grundschule in Berlin-Neukölln.
Da gab es noch Kopfnüsse statt digitaler Werkzeuge – Regenweiher Grundschule in Berlin-Neukölln.

In der Bildungspolitik wäre es jetzt wichtig, sich mehr mit den Vorzügen des vernetzten Lernens auseinanderzusetzen. Stattdessen vergeuden die Kultusminister von Bund und Ländern wertvolle Zeit für Struktur-Diskussionen. An den wirklichen Schwächen der Wissensvermittlung mogeln sich die meisten vorbei.

„Besonders im Schulunterricht werden Dinge gemacht, die eher schädlich sind als nützlich. Ein Lehrer muss sich mit 30, 60 oder 90 Schülern beschäftigen; er hat ja nicht nur eine Klasse und muss das große Ganze im Blick haben, aber nicht den Einzelnen“, sagt der Wiener Naturwissenschaftler Professor Herbert W. Franke.

Eine individuelle Förderung sei unter diesen Umständen nicht möglich. Beim Einsatz von digitalen Lernautomaten würde das anders aussehen.

Wenn man ein analytisches System zur Verfügung habe, ist eine Bestandsaufnahme für jeden einzelnen Schüler möglich. Zudem könne der Unterricht variabler gestaltet werden.

„Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik bringt sehr viel bessere Lernergebnisse“, sagt Franke.

So sei es heute mit Computerhilfe möglich, komplizierteste Gebilde in Bruchteilen von Sekunden auf den Schirm zu zaubern – wenn gewünscht bewegt oder interaktiv veränderlich.

„Der größte Teil aller mathematischen Zusammenhänge lässt sich in Bildern ausdrücken und erspart in den meisten Fällen die Mühe einer umständlichen Interpretation“, weiß Franke.

Visualisierte Formen würden zudem einen ästhetischen Reiz ausüben und die übliche Abneigung gegen Mathematik reduzieren.

„Diese Erkenntnis gilt generell für Naturwissenschaften – selbst für Quantenphysik und Molekularchemie“, erläutert Franke im ichsagmal.com-Interview.

Kluger Kopf.

Digitale Werkzeuge seien unverzichtbar, da das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis wahnsinnig begrenzt ist, so der Psychologe Friedrich Wilhelm Hesse, Gründungsdirektor des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (Knowledge Media Research Center) in Tübingen.

„Da passen ganz wenige Einheiten rein, die ohne Wiederholungen schnell wieder verschwinden.“

Und das dauert nur 200 Millisekunden. Über die Digitalisierung erfährt man hingegen eine unglaubliche Erweiterung.

„Bei Google Books sind 30 Millionen Bücher eingescannt, Großbibliotheken digitalisieren ihre Bestände. Wir haben Open-Content-Bewegungen. Wir haben User-Generated-Content. Wir haben Wikipedia mit über zwölf Millionen Artikeln. Es existieren über 200 Millionen Blogs. Jeden Tag werden 600 Millionen Kurznachrichten gewittert. Die Nutzbarkeit dieser gigantischen Daten hängt mit der Intelligenz dieser Informationsressourcen zusammen über Hyperlinks, gegenseitige Referenzierung und implizit über maschinell erschließbare Ähnlichkeiten, um emergente Informationen zu erzeugen“, so Hesse bei einer Bonner Fachdiskussion der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Mit den digitalen Werkzeugen bestünde das erste Mal die Möglichkeit, unser Arbeitsgedächtnis zu erweitern. Wir können Informationen sichtbar machen, verschieben, kombinieren, kopieren und visuell aufbereiten. Das Arbeitsgedächtnis müsse die Daten nur noch für Schlussfolgerungen generieren.

„Ich kann die Information nach den Anforderungen des Arbeitsgedächtnisses permanent neu anordnen und unterschiedlich akzentuieren. Man gewinnt nicht nur ein zusätzliches Blickfeld. Ich kann auch Operationen wie im Arbeitsgedächtnis vornehmen“, erläutert Hesse.

Über das digitale Lernen äußert sich Martin Lindner in einem interessanten Podcast von Forschergeist!

Die Schule in der Kreidezeit: Null Blog, keine Internetpeilung und der „Medienkompetenzführerschein“

Der Spiegel-Artikel und die merkwürdig kurzsichtigen Ausführungen von NRW-Ministerin Schwall-Düren zum „Medienkompetenzführerschein“ (was für ein fürchterliches Wortungetüm) sind Anlass genug, um die Frage der Internetfähigkeiten der jungen Generation zu thematisieren. Einen sehr schönen Beitrag hat netzwertig-Blogger Martin Weigert geschrieben.

Hier wird vor allen Dingen der merkwürdige Führerschein für Schüler aufgegriffen: „Das Vorhaben soll primär den Umgang mit Facebook lehren, ein Blick auf die Argumentation von NRW-Ministerin für Europaangelegenheiten und Medien Angelica Schwall-Düren lässt jedoch befürchten, dass es weniger um Kompetenz sondern eher um die einseitige Verbreitung von Platitüden geht: Schwall-Düren wies darauf hin, dass unvorsichtig preisgegebene persönliche Daten zu Mobbing missbraucht werden und auch bei beruflichen und sozialen Karrieren hinderlich sein’ können“, schreibt Weigert.

Ein gekonnter Umgang mit partizipativen Medien, mit dem Echtzeitweb und mit der Informationsflut sei essentiell, um als Individuum sowie als Gesellschaft in größtem Maße vom digitalen Wandel profitieren zu können. Und das gilt bei weitem nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer, Eltern, und natürlich (erst recht) für Politiker: Wer wie Medienministerin Schwall-Düren auf die Frage nach Twitter nur folgende zwei Sätze zu sagen habe, wirkt selbst noch recht unbeschlagen, was die Kenntnis über das Web betrifft: “Ich twittere nicht. Diese Schnell-Nachrichten enthalten oft Banalitäten, so dass ich keine Notwendigkeit sehe, das mitzumachen.”

„Angenommen, Schwall-Düren wäre die erste Testperson für den geplanten Medienkompetenzführerschein, welche Aspekte müssten ihr (und den Schülern in NRW sowie ganz Deutschland) vermittelt werden“, fragt Weigert und sammelt Vorschläge. Diese Steilvorlage greife ich doch gerne auf. Schwall-Düren sollte sich mit der Internet-Inkompetenz der Lehrer, Lehrpläne und Lehrerausbildung beschäftigen. Vor meiner Abreise nach Perinaldo führte ich ein erfrischendes Interview mit dem 83jährigen Professor Herbert W. Franke, Senior Fellow des Berliner Zuse-Instituts und Science Fiction-Autor. In dem Interview ging es um Technologien zur Visualisierung von Wissen. Natürlich drehte sich das Gespräch auch um das Bildungswesen.

Die Lehrer seien in keiner Weise darüber unterrichtet worden, welche Mittel außer Sprache und Formeln, im Unterricht eingesetzt werden können. Sie müssten eine Menge darüber lernen, wie man sich mit Bildern ausdrückt, welche Möglichkeiten es gibt. Das sind nicht nur Abbildungen, das wäre viel zu wenig. Visuelle Sprache könne mehr. Sie könne beispielsweise sehr gut verwendet werden, um Kreisfunktional-Prozesse zu verdeutlichen und verständlich zu machen. Der IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck spricht davon, dass die Schule sich noch in der Kreidezeit befindet. Professor Franke schlägt vor ein Lernen in automatisierten Schulen vor. „Die Methoden in Schulen sind vielfach antiquiert und man macht es den Schülern wirklich viel zu schwer, diese Dinge zu verstehen, die sie eigentlich alle verstehen sollten. „Von der automatisierten Schule war schon vor 30 oder 40 Jahren die Rede und das hat die Leute, die davon gehört haben, natürlich eher abgeschreckt. Statt einem Lehrer jetzt da eine Art Roboter vor sich zu haben, das ist eine Situation, die man sehr negativ beurteilt. Also das menschliche Verständnis und das Eingehen auf die Besonderheiten einzelner Schüler etwa, das wird man von einem Roboter nicht unbedingt erwarten, obwohl es in der Zukunft mehr und mehr möglich sein wird“, so Franke.

Man könnte mit den Automaten die Kenntnisse jedes einzelnen Schülers recht gut beurteilen, viel besser als das ein Lehrer aufgrund seiner Übersicht macht, die er sich verschafft während des Unterrichts und da kann man sich Methoden ausdenken, die durchaus auf eine interessante Weise dann auch den Unterricht beleben würden. Man könne mithilfe der Erkenntnisse, die man auf diese Weise errungen hat, einen Unterrichtsstoff bereitlegen, der auf den Kenntnisstand und die Fähigkeiten einzelner Schüler eingeht. Mit Lernautomaten könnten Lehrer besser auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler eingehen.

Die endlosen Bildungsdebatten über Strukturreformen, von der Ganztagsschule bis zum Turboabitur, würden am Kern des Bildungsproblems vorbeigehen. An der Qualität des Unterrichts habe sich nichts geändert. Schule und Uni seien immer noch langweilig.

„Es sind also gerade im Unterricht Dinge gemacht und durchgesetzt worden, die eher schädlich sind als nützlich. Da gab es vor mehreren Jahrzehnten eine Theorie der Vermittlung von Mathematik beispielsweise, die auf einer Grundlage beruht, die nicht haltbar war. Man hat einige Jahre die Schüler gequält, indem man ihnen Eingang zu mathematischen Kenntnissen verschaffen wollte, die eher die Sache schwieriger gemacht haben, als das vorher war. Das war etwas, was äußerlich vielleicht sogar bisschen Ähnlichkeit hat zu jenem, was ich verbinde mit Visualisierung. Aber in einer Weise, die für Kinder nicht vorstellbar war, beispielsweise der Zahlenbegriff muss nicht unbedingt gleich visualisiert werden. Wir können Zahlen recht gut zu verstehen. Das ist sogar im Tierreich nachweisbar gewesen und der Mensch hat diese Fähigkeit in viel größerer Weise. Also man muss zum Beispiel ein bisschen genauer informiert sein darüber, was der Mensch zunächst einmal überhaupt mit seinem Denken vollbringen kann. Und das ist auf der einen Seite mehr, als man denkt und auf der anderen Seite ist es natürlich auch weniger. Man muss den Unterricht so gestalten, dass er ein Vergnügen wird. Und nicht ein Zwang oder eine Qual. Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit. Ich muss sagen da waren 80 Prozent von dem, was man uns beibringen wollte, unerträglich. Ich bin unglaublich ungern in die Schule gegangen“, erklärt Franke.

Jeder Schüler sollte daher einen Computer an seinem Arbeitsplatz haben. Mit ausgeklügelten Lernsystemen könnten Lehrer den Wissensstand jedes Schüler genauer analysieren. Nach der Unterrichtsstunde könne sich der Lehrer informieren, welche Gruppe von Schülern schon so weit ist, dass er den Unterricht fortsetzen kann oder welche Schüler eine Hilfestellung brauchen, eine Wiederholung des Stoffs, einen anderen Aspekt, der ihnen das vielleicht klarer macht. Und dabei könne man dann eingehen auf die Schwächen der Schüler, aber auch auf ihre Fähigkeiten.

Zudem müssten die Lehrpläne entrümpelt werden. „Das Auswendiglernen ist etwas, was schon völlig antiquiert ist. Wir haben Systeme, die ein Gedächtnis haben, die speichert der Computer und diese Systeme sind so, dass man die notwendigen Informationen sehr schnell abrufen kann. Also dieses Auswendiglernen, noch dazu von Formeln, was ich noch erlebt habe, das ist eine völlig falsche Methode. Ich glaube, dass in naher Zukunft das Auswendiglernen von Sprachen, besser gesagt der Sprachen-Unterricht völlig überflüssig ist. Dabei sind die Sprachen wie griechisch oder lateinisch besonders bedenklich“, kritisiert Franke. Und dann müsse der angehende Lehrer auf die neue Technik vorbereitet sein, was ja heute – so viel wie ich weiß – überhaupt nicht geschieht. „Wie setzt man Computer vernünftig ein? Welche Vorteile hat man? Wie geht man mit dem Computer um?. Diese Fragen müssten in der Bildungspolitik jetzt beantwortet werden. „Und schließlich muss der Lehrer einiges davon verstehen, worüber wir uns ja schon unterhalten haben. Was wichtig ist zu wissen, auf welche Weise man diesen Stoff vermittelt kann. Da komme ich auf die Visualisierung zurück. Das ist aber nicht die einzige Methode, da gibt es natürlich noch andere Möglichkeiten. Man muss etwas mehr wissen über die Art und Weise, wie der Mensch Wissen aufnimmt, über die Organisation unseres Gedächtnisses, über die Möglichkeiten, Erkenntnisse in besserer Weise zu verschlüsseln“, fordert Franke.

Hier noch einmal die komplette Audioaufzeichnung des Interviews mit Professor Franke.

Siehe auch den Carta-Beitrag.

Nachtrag: iPhone für alle Studenten der Uni Köln als Gegenleistung für Studiengebühren – Wie sehen denn die Gegenleistungen in Wirklichkeit aus?

Die reservierte Reaktion des Pressesprechers der Uni Köln auf die Vorschläge zur Ausgabe von iPhones inklusive Flatrate-Vertrag an alle Studenten sollte nachdenklich stimmen. Wie sieht die Realität denn aus? Wie viel Service bieten die Unis für die Zwangsabgabe? In Köln gibt es beispielsweise schlechte Noten für die Anzahl der Lehrräume, gemessen an der Studentenzahl, sowie für die Öffnungszeiten der Studienbüros und Prüfungsämter. Bislang gibt es in Deutschland nur wenige Hochschullehrer, die ein neues Verständnis ihrer Lehrtätigkeit entwickeln: Einer der wenigen Professoren ist Betriebswirt Markus Voeth, der Deutschlands erster Dienstleistungsprofessor werden will. Mit zehn Serviceversprechen will Betriebswirt Markus Voeth Deutschlands erster Dienstleistungsprofessor werden. „Im Bürotrakt seines Instituts hat er eine Tafel mit zehn Serviceversprechen an die Wand gedübelt: Er verspricht, Klausuren innerhalb von vier Wochen zu korrigieren, persönliche Feedbackgespräche zu führen und E-Mails binnen 24 Stunden zu beantworten. Besonders begabte Studenten will Voeth mit eigenen Veranstaltungen fördern und sie an Firmen vermitteln“, schreibt die Financial Times Deutschland (FTD).

„Mit meinen Serviceversprechen möchte ich zeigen, dass die Studenten für mich umworbene Kunden sind“, so Voeth gegenüber der FTD. Im Restaurant könne der Kellner schließlich auch nicht sagen: „Jetzt zahlen Sie erst einmal 80 Euro, dann gucken wir, was für ein Essen Sie bekommen.“ Nach der Einführung von Studiengebühren von 500 Euro pro Semester seien die Hochschulen erst recht in der Pflicht, ihr Angebot zu verbessern. Nachahmer finden sich an deutschen Universitäten kaum. Es hagelt eher Kritik von Kollegen.

„Es ist bemerkenswert, dass der Marketingprofessor Voeth nicht nur moderne Dienstleistungsprinzipien lehrt, sondern diese auch gegenüber seinen Studenten praktiziert und damit vorlebt. Über Kritik muss man sich allerdings nicht wundern. Immerhin setzt der erste Dienstleistungsprofessor Maßstäbe, an denen sich manche seiner Kollegen nicht messen lassen können oder wollen. Dahinter mag auch ein veraltetes am Dienstbotendasein orientiertes Dienstleistungsverständnis stehen, das dem traditionellen, professoralen Selbstbewusstsein widerspricht“, vermutet Dr. Manfred Wirl, Experte für Dienstleistungsökonomie. Ein Professor, der sich gegenüber seinen Studenten mit konkreten Serviceangeboten verpflichtet, stelle die Hierarchie und damit das althergebrachte Verhältnis zwischen Professor und Studenten auf den Kopf.

Haltet Ihr es für realistisch, an der Uni Köln in den Genuss eines iPhones zu gelangen? Eure Erwartungen interessieren mich.