Die vermietete Öffentlichkeit und der Daumen des Admins: TwitterX, Meta, Microsoft/LinkedIn, Mastodon und die Illusion der unschuldigen Plattform

Der Marktplatz hat einen Eigentümer bekommen

Die alte Medienfrage lautete: Wer spricht? Die neue lautet: Wem gehört der Raum, in dem gesprochen wird? Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der ganze Verlust der digitalen Öffentlichkeit. Man hatte uns ein Netz versprochen, ein Gemeinsames, ein elektrisches Kaffeehaus mit Weltanschluss. Erhalten haben wir Hausordnungen, Zugriffszähler, Werbeauktionen, Moderationsnebel und Eigentümer, die mit einem Fingerschnippen die Akustik ändern.

TwitterX ist dafür der grellste Fall. Man kann diesen Ort nicht mehr Plattform nennen, ohne an eine Bühne zu denken, deren Bretter der Besitzer während der Vorstellung austauscht. Einst galt Twitter als Nervensystem der Gegenwart, als Ort für Journalisten, Aktivisten, Wissenschaftler, Politiker und jene Zwischenwesen, die in Deutschland lange „Netzgemeinde“ hießen. Heute wirkt X wie eine Alarmanlage, die nicht mehr zwischen Einbruch, Kaminfeuer und Besitzerlaune unterscheiden kann.

Der blaue Haken, früher ein kleines Zeichen der Identifizierbarkeit, wurde zum Orden für zahlende Selbstdarsteller. Verifikation mutierte zur Maskerade. Ein Ausweis wurde zum Partyhütchen. Die Europäische Kommission verhängte im Dezember 2025 gegen X eine Geldbuße von 120 Millionen Euro wegen Verstößen gegen Transparenzpflichten des Digital Services Act; beanstandet wurden unter anderem die irreführende Gestaltung der blauen Haken, Mängel im Werbearchiv und ein erschwerter Datenzugang für Forschende.

Der entscheidende Vorgang liegt tiefer. TwitterX zeigt, was geschieht, wenn Öffentlichkeit nicht als Institution, nicht als Infrastruktur, nicht als demokratische Zumutung gedacht wird, vielmehr als Privatbesitz. Dann wird aus Streit ein Inventarposten. Aus Debatte wird Traffic. Aus dem Bürger wird Nutzungsverhalten. Und aus dem Eigentümer wird ein absoluter Monarch mit Meme-Kompetenz.

Meta baut das Einkaufszentrum der Gefühle

Meta hat diesen Wandel zivilisierter verpackt. Facebook und Instagram riechen nicht nach Barrikade, eher nach Einkaufszentrum mit Familienalbum. Man trifft dort die Tante, den Verein, den Friseur, die Lokalpolitik, die alte Schulfreundin und ein Fitnessstudio, das einen seit neun Jahren verfolgt. Meta ist nicht laut im Sinne von X. Es bindet durch Erinnerung, Bequemlichkeit, Gewohnheit und soziale Erpressung. Wer geht, verliert scheinbar Kontakte. Wer bleibt, zahlt mit Aufmerksamkeit, Daten, Ausdrucksformen, Zeit.

Die raffinierte Leistung dieses Konzerns besteht darin, Öffentlichkeit in private Komfortzonen aufzuspalten. Jeder erhält sein kleines Wohnzimmer, kuratiert vom Konzern. Man glaubt, bei sich zu sein, während man längst in einer Versuchsanordnung sitzt. Die Chronik der Freunde, die Ferienbilder, der empörte Kommentar, der Reels-Strudel, die Trauerbekundung, der Glückwunsch zum Geburtstag: alles wird Teil einer Verwertungslandschaft, die Empfindungen nicht zerstört, sie gewinnbringend sortiert.

Nun kommt die Künstliche Intelligenz hinzu. Der alte Plattformvertrag lautete: Du gibst uns Inhalte, wir geben dir Reichweite. Der neue lautet: Du gibst uns die Sprache deiner Lebenswelt, wir bauen daraus Systeme, die künftig so tun, als bräuchten sie dich weniger. Meta kündigte 2025 an, öffentliche Inhalte erwachsener Nutzer in der EU, etwa öffentliche Beiträge und Kommentare, sowie Interaktionen mit Meta AI zum Training eigener KI-Modelle zu verwenden. Das klingt nach Fortschritt. Es ist zugleich eine feine Form digitaler Erbfolge: Erst schreibt die Welt freiwillig mit, dann trainiert der Konzern aus dieser Welt seine Produkte, danach verkauft er die automatisierte Nachahmung als Dienstleistung zurück.

LinkedIn ist das Assessment-Center mit Kommentarfunktion

Microsoft und LinkedIn verdienen eine eigene Abteilung im Kabinett der Plattformkomik. LinkedIn ist das soziale Netzwerk für Menschen, die sogar ihre Niederlagen in Personalabteilungssprache vortragen. Dort heißt eine Kündigung „neues Kapitel“, Überarbeitung „Purpose“, Selbstvermarktung „Thought Leadership“ und jedes halbwegs normale Gespräch „wertvoller Austausch“. Wer dort länger liest, bekommt den Eindruck, die Menschheit sei nicht erschaffen worden, um zu leben, zu lieben, zu irren oder zu denken, vielmehr um Zertifikate zu erwerben und mit sanftem Lächeln Transformationen zu begleiten.

Das Tragische an LinkedIn ist seine unfreiwillige Wahrhaftigkeit. Nirgends zeigt sich der neue Kapitalismus so ungeschminkt wie dort, wo alle so tun, als seien sie ganz bei sich. Die Sprache der Bewerbung hat das Privatleben kolonisiert. Menschen schreiben über ihr Scheitern wie über eine Quartalspräsentation. Sie bedanken sich bei Teams, die sie hinauskomplimentiert haben. Sie feiern Chefs, deren Haupttalent darin besteht, Kostenstellen in „Chancenräume“ umzubenennen. LinkedIn ist ein globaler Empfangsraum mit Teppichboden, in dem jeder wartet, bis ein Algorithmus ihn kurz aufruft.

Microsoft kaufte LinkedIn 2016 für 26,2 Milliarden Dollar. Damit erwarb der Konzern nicht bloß ein berufliches Netzwerk. Er erwarb die wohl größte Selbstauskunftsbühne der arbeitenden Welt: Lebensläufe, Karrieresprünge, Branchenkontakte, öffentliche Beiträge, Fachvokabeln, Rangordnungen, Zugehörigkeiten. Früher hätte man Dystopien darüber geschrieben. Heute nennt man es Premium-Funktion.

Seit November 2025 kann LinkedIn in bestimmten Regionen Mitgliederdaten zum Training generativer Inhaltsmodelle nutzen; dazu zählen nach LinkedIns Hilfeangaben Profilinformationen und öffentliche Inhalte, private Nachrichten werden ausgenommen. Der Witz liegt in der Höflichkeit der Formulierung. LinkedIn klingt nie wie ein Konzern, der zugreift. LinkedIn klingt wie ein Coach, der einem zur besseren Ausschlachtbarkeit gratuliert.

Der Copilot sitzt nicht nur nebenan

Microsoft fügt diesem Schauspiel die Aura des Betriebssystems hinzu. Der Konzern, der einst den Schreibtisch eroberte, greift nun nach dem beruflichen Selbstbild. Copilot heißt diese Gegenwart gern, als säße da ein freundlicher Nebensitzender, der beim Navigieren hilft. Tatsächlich wächst ein neuer Typ von Arbeitsumgebung heran, in der Schreiben, Suchen, Erinnern, Bewerten, Planen und Präsentieren immer enger mit den Auswertungslogiken der Anbieter verbunden werden. Der Angestellte denkt, er benutze ein Werkzeug. Das Werkzeug protokolliert, klassifiziert, assistiert, empfiehlt und gewöhnt ihn an seine eigene Ersetzbarkeit.

Besonders anschaulich wurde diese Entwicklung bei Microsoft Recall. Microsoft beschreibt Recall als Funktion auf Copilot+-PCs, die Bildschirminhalte lokal verarbeitet und als Momentaufnahmen auf dem Gerät speichert; Nutzer können Speichern deaktivieren, pausieren, Apps und Websites filtern und Momentaufnahmen löschen. Dass Signal 2025 unter Windows eine standardmäßig aktivierte Schutzfunktion gegen Bildschirmaufnahmen einführte und diese ausdrücklich mit Microsoft Recall begründete, ist eine der feinsten Miniaturen des digitalen Zeitalters: Eine Datenschutz-App muss dem Betriebssystem die Augen verbinden, weil der Hausherr ein fotografisches Gedächtnis entdeckt hat.

Die Gratisarbeiter der digitalen Republik

Paul Masons Gedanke, Informationstechnologie könne mit einer in erster Linie von Marktkräften regulierten Wirtschaft womöglich nicht verträglich sein, trifft einen empfindlichen Nerv. Die Plattformökonomie hat eine Leistung vollbracht, von der frühere Industrielle nur träumen konnten: Sie hat Arbeit so umetikettiert, dass sie nicht mehr wie Arbeit aussieht. Posten, Liken, Kommentieren, Melden, Bewerten, Markieren, Empfehlen, Erklären, Korrigieren, Übersetzen, Moderieren, Trainieren: Alles Tätigkeiten, alles Wertschöpfung, alles meist unbezahlt.

Man nannte das Partizipation. Das war der große rhetorische Coup. Das alte Fließband brauchte Lohn. Das neue braucht Begeisterung. Wer schreibt, liefert Material. Wer streitet, liefert Bindung. Wer sich empört, liefert Frequenz. Wer sich vernetzt, liefert Graphen. Wer kündigt, bleibt als Datensatz. Wer geht, hinterlässt Muster.

Das Silicon-Valley-Märchen von der rebellischen Garagenkultur war nie bloß Folklore. Es war ein Geschäftsmodell im Kapuzenpullover. Man versprach Ausstieg aus den alten Hierarchien und erzeugte neue. Man versprach Freiheit und erfand Abhängigkeiten mit besserem Interface. Man verhöhnte Bürokratien und baute Governance-Strukturen, gegen die manche Ministerialverwaltung wie ein basisdemokratischer Jugendclub wirkt.

Open Source öffnet den Code, nicht die Macht

An dieser Stelle beginnt die bequemste Ausrede der digitalen Gegenwelt. Sie lautet: Dann eben Mastodon. Dann eben Open Source. Dann eben Fediverse. Das ist verständlich, oft ehrenwert, gelegentlich notwendig. Es ist nur keine Erlösung.

Open Source ist keine Tugendmaschine. Freie Software verhindert nicht den Missbrauch einer Software. Sie verhindert im besten Fall die geheime Aneignung des Codes. Die Affero General Public License kann Betreiber nicht zu Liberalität, Gemeinwohl oder demokratischer Kultur zwingen. Sie kann sie vor allem zur Offenlegung bestimmter Änderungen verpflichten. Die Software Freedom Conservancy erklärte im Fall Truth Social, die AGPL behandle alle gleich, auch Akteure, deren Werte man nicht teile; sie müssten nur nach denselben Copyleft-Regeln handeln.

Das ist die bittere Reifeprüfung des freien Codes. Wer Freiheit technisch ernst nimmt, kann sich seine Nutzer nicht aussuchen. Wer eine offene Lizenz wählt, gibt nicht bloß Verbündeten ein Werkzeug in die Hand. Er gibt es auch Gegnern, Opportunisten, Propagandisten und politischen Geschäftsleuten. Die Freiheit des Codes ist gerade da am radikalsten, wo sie den moralischen Komfort ihrer Urheber beleidigt.

Truth Social, die freie Software im goldenen Käfig

Truth Social ist dafür der sauberste Fall. Mastodon erklärte 2021, Trumps damals neue Plattform nutze Mastodon-Quellcode mit visuellen Anpassungen; zunächst habe Truth Social weder formal auf Mastodon verwiesen noch den Quellcode zugänglich gemacht, obwohl die AGPL bei solchen Netzwerkdiensten Offenlegung verlangt. Nach öffentlichem Druck wurde ein Open-Source-Bereich ergänzt.

Daraus folgt keine kleine Fußnote, daraus folgt eine medienpolitische Lektion. Freie Software kann die Lizenzverletzung angreifen, nicht die politische Verwandlung ihrer Werkzeuge. Sie kann sagen: Zeig den Code. Sie kann nicht sagen: Verwende den Code nur für anständige Zwecke.

Noch deutlicher war der Fall Gab. Mastodon schrieb 2019, Gab habe den eigenen Code aufgegeben und sei auf frei verfügbare Mastodon-Software gewechselt, auch um Sperren durch Google und Apple zu umgehen, weil Mastodons clientseitige API bestehende Mastodon-Apps als Zugang hätte nutzbar machen können. Eine Architektur, die als Ausbruch aus Big Tech gedacht war, konnte von einem rechten Netzwerk als Umgehungsinstrument gegen Big-Tech-Sanktionen eingesetzt werden. Das ist kein Randfall. Das ist der Preis universeller Nutzbarkeit.

Truth Social treibt diese Lektion ins Groteske. Aus freier Software wurde eine Loyalitätsbühne. Aus offenem Code wurde ein politischer Andachtsraum mit Börsenticker. Die Muttergesellschaft Trump Media prüfte 2026 laut Reuters sogar, Truth Social als eigenes börsennotiertes Unternehmen abzuspalten; zugleich meldete sie für 2025 einen Nettoverlust von 712,3 Millionen Dollar bei sehr überschaubarem Umsatz. Früher baute man Medien, um Öffentlichkeit zu erreichen. Heute kann die Behauptung von Öffentlichkeit genügen, um Finanzarchitektur zu errichten.

Mastodon ist kein Lamm

Mastodon ist damit nicht erledigt. Im Gegenteil. Gerade wer Mastodon verteidigen will, muss die Romantik abräumen. Das Mammut ist kein Lamm. Es frisst keine Daten wie Meta, es brüllt nicht wie X, es lächelt nicht wie LinkedIn im Kostüm des Personalwesens. Aber es besitzt seine eigene Form von Macht. Sie ist kleiner, verteilter, oft ehrenamtlich, manchmal fürsorglich, manchmal streng, gelegentlich dünnhäutig. Der Irrtum beginnt dort, wo Dezentralität mit Demokratie verwechselt wird.

Ein Fediverse-Server ist kein Parlament. Er ist ein Haus mit Betreiber, Hausordnung, Datenbank, Tür und Schlüssel. Der Betreiber kann seriös handeln, transparent moderieren, Einsprüche ermöglichen, Angriffe abwehren. Er kann auch eitel, überfordert, ideologisch, nachtragend oder schlicht schlecht organisiert sein. Die Macht ist nicht verschwunden. Sie ist nur umgezogen.

Die offizielle Mastodon-Dokumentation beschreibt klar, dass Moderation lokal wirkt. Ein Administrator kann Nutzer anderer Server nicht global löschen, aber lokale Kopien und Sichtbarkeit auf dem eigenen Server kontrollieren. Moderationsmaßnahmen reichen von Verwarnungen über Begrenzungen und Einfrieren bis zur Suspendierung; bei letzterer verschwindet ein Konto öffentlich von der jeweiligen Instanz, und Daten können nach Fristablauf endgültig entfernt werden.

Noch gewichtiger ist die Macht über ganze Server. Mastodon erlaubt Domain-Blocks gegen komplette Instanzen. Die Dokumentation nennt verschiedene Schweregrade, darunter Medien ablehnen, Server begrenzen und Server suspendieren. Bei einer Server-Suspendierung werden Verbindungen zu Konten des gesperrten Servers gekappt; sie entstehen bei späterer Freigabe nicht automatisch neu. Die Mastodon-API-Dokumentation beschreibt entsprechende Verwaltungsfunktionen, mit denen Domains vom Föderieren ausgeschlossen, geändert oder wieder entfernt werden können.

Das ist der Faktenkern der Caligula-Frage. Der Mastodon-Admin ist kein Weltkaiser. Aber er ist Hausherr seiner Instanz. Er kann nicht über Rom richten, doch über seine Stadtmauer. Daumen hoch: Du föderierst. Daumen runter: Deine Instanz verschwindet aus diesem lokalen Blickfeld.

Der AGB-Hausmeister hat einen Generalschlüssel

Die AGB-Hausmeisterei des Fediverse verdient mehr Aufmerksamkeit, weil sie sich oft im Ton moralischer Notwehr kleidet. Sehr häufig geht es tatsächlich um Schutz: gegen Spam, Hetze, Belästigung, organisierte Angriffe, rechtsradikale Netzwerke, Pornobots, Betrug. Ohne Moderation wird aus Föderation schnell eine offene Kanalisation. Aber eine notwendige Macht bleibt Macht. Aus einem guten Grund entsteht noch keine herrschaftsfreie Struktur.

Die lokale Instanz kann sich als Zufluchtsort verstehen, als Club, als publizistisches Biotop, als politisches Projekt, als Nachbarschaft, als technische Spielwiese. Damit erhält der Betreiber eine Macht, die klassische Plattformkritik gern übersieht: Er kontrolliert nicht die ganze Welt, aber er kontrolliert die lokale Wirklichkeit. Wer sichtbar ist, wer als Risiko gilt, welche Instanzen als kontaminiert gelten, welche Konflikte als Belästigung gewertet werden, welche Schärfe als legitim durchgeht, welche Ironie als Angriff gilt: All das wird nicht im Himmel der Dezentralität entschieden. Es wird in Admin-Interfaces, Chatkanälen, Moderationslisten und manchmal im Bauchgefühl weniger Personen entschieden.

Darum ist Mastodon nicht die Abschaffung der Plattformmacht. Mastodon ist ihre Verkleinerung, ihre Verteilung, ihre partielle Rückholbarkeit. Das ist ein Fortschritt. Aber kein Freispruch.

Private Nachrichten sind keine Beichtstühle

Auch der Datenschutzmythos verdient Korrektur. Mastodon ist kein sicherer Messenger. Die offizielle Dokumentation warnt davor, gefährliche oder sensible Informationen über private Erwähnungen zu teilen. Mastodon sei keine verschlüsselte Messenger-App wie Signal oder Matrix; Datenbankadministratoren der beteiligten Server könnten Zugriff auf den Text erhalten. Die Netzwerkdokumentation erklärt zudem, dass private Erwähnungen technisch Beiträge mit Sichtbarkeit „mention only“ sind.

Dass Mastodon 2026 Fördermittel für neue Funktionen einschließlich Ende-zu-Ende-verschlüsselter privater Nachrichten erhielt, unterstreicht den Punkt: Diese Schutzform ist Entwicklungsziel, kein gegenwärtiger Normalzustand. Mastodon selbst nennt einen Arbeitsbeginn Ende 2026 und eine Umsetzung bis Ende des zweiten Quartals 2027.

Das ist kein Argument gegen Mastodon. Es ist ein Argument gegen falsche Heiligsprechung. Wer Konzernen misstraut, sollte kleinen Betreibern nicht blind vertrauen. Nähe ist keine Garantie. Ehrenamt ist keine Kryptographie. Sympathie ersetzt keine Rechte.

Metas freundliche Umarmung des offenen Netzes

Die nächste Gefahr für Mastodon kommt nicht nur von rechten Forks oder übereifrigen Instanzhütern. Sie kommt von Meta. Threads nähert sich dem Fediverse an. Meta führte 2025 eine Suche nach Fediverse-Profilen und einen eigenen Fediverse-Feed in Threads ein, sofern Nutzer Fediverse-Sharing aktiviert haben.

Das klingt auf den ersten Blick wie eine späte Anerkennung offener Protokolle. Auf den zweiten Blick ist es eine strategische Umarmung. Meta muss das offene Netz nicht frontal bekämpfen. Es kann an ihm andocken, seine Inhalte bequemer auffindbar machen und den Zugang über eine Konzern-App normalisieren. Der Konzern frisst nicht zwingend den ganzen Fediverse-Garten. Es reicht, wenn er das größte Tor baut.

Damit verschiebt sich die medienpolitische Frage. Nicht allein: Welche Plattform ersetzt TwitterX? Viel wichtiger: Wer kontrolliert die Übergänge zwischen den Welten? Wer bestimmt, wie offene Inhalte in Konzernumgebungen erscheinen? Wer profitiert, wenn föderierte Kommunikation durch die bequemste App wahrgenommen wird? Meta könnte das Fediverse domestizieren, indem es es benutzbar macht.

Die Tyrannei kommt im Tonfall der Verbesserung

Das Tückische der neuen Macht ist ihr Tonfall. Sie kommt selten mit Stiefeln. Sie kommt mit Nutzungsbedingungen. Sie kommt mit „Verbesserungen“. Sie kommt als Update, als neue Funktion, als Beta, als Assistent, als Creator-Programm, als Sicherheitsmaßnahme, als Komfortversprechen. Sie fragt nicht: Darf ich deine Öffentlichkeit privatisieren? Sie fragt: Möchtest du relevantere Inhalte sehen?

Die Sprache dieser Systeme ist ein Weichmacher. Aus Kontrolle wird Personalisierung. Aus Überwachung wird Sicherheit. Aus Abhängigkeit wird Ökosystem. Aus Monopolnähe wird nahtlose Integration. Aus Datenhunger wird Innovation. Aus Entlohnung wird Sichtbarkeit. Aus Macht wird Governance. Aus Willkür wird Produktentscheidung.

So entsteht eine neue politische Lage. Die großen Plattformen sind keine Medienhäuser im klassischen Sinn, keine neutralen Leitungen, keine öffentlichen Plätze. Sie sind Mischwesen aus Verlag, Marktplatz, Meldeamt, Werbebörse, Archiv, Casino, Fernsehstudio, Personalberater und Verhaltenslabor. Ihre Macht liegt nicht allein in dem, was sie zeigen. Sie liegt in dem, was sie wahrscheinlich machen. Sie entscheiden nicht bloß über Reichweite. Sie prägen Erwartung. Sie verändern den Stil des Denkens.

Europa reguliert die Hausherren

Die europäische Regulierung versucht, diese Macht einzufangen. Der Digital Services Act klassifiziert Plattformen und Suchmaschinen mit mehr als 45 Millionen monatlichen Nutzern in der EU als sehr große Online-Plattformen oder sehr große Online-Suchmaschinen und unterwirft sie strengeren Pflichten. Das ist keine juristische Fußnote. Es ist der Versuch, privatisierte Öffentlichkeiten wieder politisch lesbar zu machen.

Doch Regulierung bleibt langsamer als Gewöhnung. Bis ein Gesetz greift, haben Millionen Menschen bereits gelernt, ihre Sätze kürzer, schriller, gefälliger oder karrieretauglicher zu schreiben. Bis ein Verfahren abgeschlossen ist, hat ein Konzern seine Oberfläche dreimal verändert. Bis ein Bußgeld gezahlt ist, hat sich die nächste Abhängigkeit als Bequemlichkeit verkleidet.

Deshalb darf Medienpolitik nicht nur auf Sanktionen hoffen. Sie muss über Eigentum, Interoperabilität, Datenportabilität, offene Standards, gemeinnützige Infrastrukturen und digitale Grundversorgung sprechen. Wer Demokratie ernst nimmt, kann ihre Gesprächsräume nicht dauerhaft den Launen börsennotierter Konzerne, einzelner Milliardäre oder lokaler Mini-Souveräne überlassen.

Bleiben, ohne sich einzurichten

Wo also aktiv bleiben? Die Antwort verlangt weniger Moralpose als Nüchternheit. X kann für Recherche, Echtzeitbeobachtung, politische Milieus und publizistische Reibung noch nützlich sein. Aber man betritt diesen Ort besser wie einen Bahnhof nach Mitternacht: wach, kurz angebunden, ohne Gepäckablage.

Meta bleibt für lokale Gruppen, Kultur, Vereine, Familiennetze und visuelle Öffentlichkeit relevant. Doch niemand sollte Facebook oder Instagram mit einem Archiv, einer Heimat oder gar einem demokratischen Forum verwechseln. LinkedIn ist beruflich kaum zu ignorieren, doch man sollte dort nie länger in der Sprache der Plattform sprechen, als zur Vermeidung beruflicher Nachteile nötig ist.

Mastodon verdient Nutzung, Kritik und Pflege zugleich. Dort ist Macht eher ausweichbar. Man kann Instanzen wechseln, eigene Server betreiben, lokale Regeln vergleichen, Blockentscheidungen öffentlich debattieren. Aber auch der Umzug kostet Reputation, Kontakte, Auffindbarkeit und Nerven. Wer im Fediverse lebt, lebt freier als im Konzernkäfig, aber nicht außerhalb von Herrschaft.

Die eigentliche Regel lautet: Nirgends wohnen. Überall arbeiten, werben, beobachten, stören, verlinken, abholen. Das eigene Zentrum muss außerhalb liegen: eigene Website, eigener Newsletter, eigenes Archiv, Podcast, RSS, offene Protokolle, föderierte Dienste, Suchbarkeit jenseits der Plattformlaune. Wer seine Texte, Kontakte und Gedanken vollständig in fremde Systeme einsperrt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann der Vermieter die Schlösser tauscht.

Die Öffentlichkeit braucht wieder Ausgänge

Der Kampf um das Internet ist kein nostalgisches Gefecht zwischen alten Bloggern und neuen Influencern. Es ist ein Konflikt um die Frage, ob gesellschaftliche Verständigung eine Nebenwirkung privater Geschäftsmodelle bleiben darf. Die Plattformen haben uns nicht zum Schweigen gebracht. Das wäre plump gewesen. Sie haben uns sprechen lassen, unablässig, messbar, sortierbar, verwertbar. Genau darin liegt ihre historische Raffinesse.

Man kann diese Orte nutzen. Man muss sie sogar kennen. Aber man darf ihnen nicht glauben, wenn sie sich als Welt ausgeben. Eine Timeline ist keine Zeit. Ein Feed ist keine Nahrung. Ein Netzwerk ist keine Gesellschaft. Ein Profil ist keine Person. Ein blauer Haken ist kein Ausweis. Ein Copilot ist kein Freund. Ein Open-Source-Server ist kein Paradies. Ein Admin ist kein Verfassungsgericht.

Die digitale Öffentlichkeit lässt sich nicht retten, wenn alle verschwinden. Sie lässt sich aber auch nicht retten, wenn alle überall mitmachen. Entscheidend ist, dass Nutzer, Autoren, Journalisten, Wissenschaftler, Unternehmen und Institutionen ihre Sichtbarkeit nicht mit Freiheit verwechseln. Plattformen können nützlich sein, aber sie dürfen nicht zum einzigen Ort werden, an dem Texte, Kontakte und Debatten stattfinden. Wer sie nutzt, sollte zugleich eigene Wege offenhalten: eine Website, einen Newsletter, ein Archiv, unabhängige Kanäle, einen Blog wie ichsagmal.com. Das ist keine Unhöflichkeit gegenüber den Plattformen. Es ist Selbstschutz.

Nachtrag:

https://social.cologne/deck/@kingconsult@berlin.social/116538129867972227

@frebelt stimmt zu: „Die dezentralen, souveränen und fairen Netzwerke sind keine Alternativen zu den zentral gesteuerten Trackingplattformen #X #Instagram #Facebook und Co. – sie sind die einzige Option für demokratische, inhaltszentrierte und unabhängige öffentliche Kommunikation.“

So viel Framing und Behauptung in einem Satz liest man selten.

„Dezentral“, „souverän“ und „fair“ sind keine Eigenschaften, die automatisch aus einem Protokoll fallen. Auch dezentrale Netzwerke haben Machtzentren: Serverbetreiber, Admins, Moderationsregeln, Blocklisten, informelle Zirkel, technische Gatekeeper. Wer über Föderation, Sichtbarkeit und Ausschluss entscheidet, übt Macht aus.

Das macht Mastodon, Fediverse und Open Source nicht wertlos. Im Gegenteil: Sie können bessere, offenere und weniger abhängig machende Strukturen ermöglichen. Aber sie sind nicht per se demokratisch, inhaltszentriert oder unabhängig. Sie müssen es durch transparente Regeln, überprüfbare Verfahren, faire Moderation, Portabilität und echte Ausweichmöglichkeiten erst beweisen.

Heinz von Foersters Satz passt hier ziemlich gut: „Handle stets so, dass die Zahl Deiner Möglichkeiten wächst.“ Von Lutz Becker geklaut.

Genau darum geht es. Nicht darum, eine Plattformreligion durch die nächste zu ersetzen. Wer von X, Instagram oder Facebook weg will, sollte nicht im nächsten digitalen Gehege landen. Demokratische Kommunikation braucht mehr Möglichkeiten, nicht neue Gewissheiten.

Die Alternative zu den zentralen Trackingplattformen ist deshalb nicht digitale Heiligsprechung. Die Alternative ist Machtkritik überall: bei Konzernen, bei Plattformen, bei Protokollen und auch bei den AGB-Hausmeistern kleiner Instanzen.

Ein Netzwerk ist nicht schon demokratisch, weil es dezentral ist. Es wird demokratischer, wenn Macht begrenzt, begründet, überprüfbar und verlassbar wird.

#DigitaleÖffentlichkeit

Benn in Bleistift: Ein Brief an Marguerite Valerie Schlüter führt in die Werkstatt der Nachkriegsliteratur

Der Brief von Dr. Gerhard Schuster an Marguerite Valerie Schlüter, datiert Marbach am Neckar, 27. Juni 1985, ist auf den ersten Blick ein schmales Arbeitsdokument: zwei maschinenschriftliche Seiten, sachlich, knapp, mit wenigen handschriftlichen Zeichen am Rand. Mir fiel dieses Schreiben durch den Ankauf eines ganzen Konvoluts von Briefen, Postkarten, Drucken und Geburtstagswünschen aus dem Umfeld von Professor Hermann Kasack zu. Gerade diese Herkunft erweitert den Klangraum des Blattes. Es stammt aus jener Sphäre der deutschen Nachkriegsliteratur, in der Autoren, Verleger, Lektorinnen, Archivare und Herausgeber durch Korrespondenzen, Widmungen, Korrekturen und Gefälligkeiten miteinander verbunden waren. Wer nur den gedruckten Benn kennt, sieht das Ergebnis. Dieser Brief zeigt die Arbeit davor.

Die berühmte Lektorin im Adressfeld

Adressatin ist Marguerite Valerie Schlüter, eine der großen, bis heute zu wenig sichtbaren Figuren der bundesdeutschen Verlagsgeschichte. Sie war Benns Lektorin im Limes Verlag, Vertraute, Kennerin der Werkgeschichte, Vermittlerin zwischen Autor, Verlag, Nachlass und späterer Edition. Mit Max Niedermayer gehört sie zu den Personen, ohne die Gottfried Benns Nachkriegspräsenz kaum denkbar wäre. Benn war nach 1949 nicht einfach wieder da. Er wurde verlegt, betreut, geordnet, kommentiert, vermittelt. An dieser Arbeit hatte Schlüter entscheidenden Anteil.

Schusters Brief setzt genau dort ein, wo literarischer Ruhm seine Aktenlage bekommt. Die großen Namen stehen im Raum: Balzac, Klabund, Chamisso, Benn. Doch sie erscheinen nicht als Bildungsschmuck. Sie erscheinen als Suchaufträge. Wo steht das Zitat? Wer war wann Herausgeber? Welche biographische Spur trägt? Welche Kopie liegt schon vor? Welche Institution könnte Auskunft geben? Der Brief ist ein kleines Protokoll philologischer Anstrengung.

Ein Arbeitszettel, der Brief geworden ist

Der erste Teil des Schreibens liest sich wie ein Arbeitszettel in Briefform. Schuster beantwortet eine Reihe von Fragen, die Schlüter offenbar am 29. Mai gestellt hatte. Zur Balzac-Stelle meldet er einen Fehlfund. Klabunds Novelle verweist er in eine Beilage. Zum „Querschnitt“ liefert er eine editorisch belastbare, doch vorsichtig formulierte Auskunft. Zum „nichtsnutzigen Bruder“ Klabunds findet sich bei Kaulla nichts. Bei Deubel aktiviert er eine frühere Kopie. Bei Chamisso empfiehlt er den Weg in die Musiksammlung im Gasteig.

Das ist kein schmückendes Beiwerk zur Benn-Forschung. Das ist Benn-Forschung in Aktion. Schuster schreibt nicht aus der Pose des Allwissenden. Er arbeitet mit geprüftem Wissen, mit Lücken, mit Verdacht, mit Verweisen. Ein guter Editor weiß nicht alles; er weiß vor allem, was er noch nicht behaupten darf. In diesem Brief wird diese Genauigkeit greifbar.

Die Balzac-Spur und Benns Erinnerungszitate

Gleich zu Beginn steht die „Balzac-Stelle“. Schuster hatte gehofft, sie zu finden, vermutete das Zitat „in einem der Briefe“, kam jedoch nicht darauf. Der Satz ist aufschlussreich, weil er eine typische Schwierigkeit bei Benn berührt. Benns Prosa und Briefe leben von Anspielung, Verdichtung, halb erinnerten Formeln, selbstbewusst gesetzten fremden Stimmen. Ein Zitat kann bei ihm gleichzeitig präzis und verschoben sein.

Als Kandidat drängt sich Benns Formulierung „Der Ruhm hat keine weißen Flügel, sagt Balzac“ auf. Sie führt in die Nähe von Balzacs „Illusions perdues“ und der französischen Wendung von der „gloire aux ailes blanches“. Doch Benns Satz ist keine bloße Übersetzung. Er klingt wie eine deutsche Benn-Formel über eine französische Balzac-Spur. Genau an solcher Stelle beginnt editorische Mühe. Ein glatter Nachweis wäre bequem; ein Erinnerungszitat verlangt mehr. Schusters Fehlanzeige ist deshalb nicht nebensächlich. Sie bewahrt den Unterschied zwischen Beleg und Wahrscheinlichkeit.

Der „Querschnitt“ und die Würde der Autopsie

Am dichtesten wird der Ausschnitt bei der Notiz zum „Querschnitt“. Schuster hält fest, 1936 sei E. F. von Gordon alleiniger Herausgeber gewesen, Victor Wittner sei ihm vorausgegangen. Die Bestände des „Q.“ seien in Marbach lückenhaft; das „GV“, also wohl das Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums, helfe nur begrenzt weiter. Genaueres könne allein die Autopsie eines vollständigen Exemplars ergeben, möglicherweise in der damaligen Bayerischen Staatsbibliothek.

Das Wort „Autopsie“ ist hier kein Gelehrtenornament. Es meint die Einsicht in das Original. Bei einer Zeitschrift wie dem „Querschnitt“, mit wechselnden Herausgebern, Verantwortlichkeiten und politischen Verschiebungen der dreißiger Jahre, reicht ein Sekundärnachweis nicht aus. Man muss das Heft sehen. Titelblatt, Impressum, Jahrgang, Heftnummer, Verantwortlichkeitsvermerk: Solche Angaben entscheiden, ob eine Annotation trägt.

Gerade diese Passage zeigt Schusters Professionalität. Er gibt eine Auskunft, begrenzt sie, nennt den Grund der Begrenzung und weist auf den Weg zur Klärung. Das ist philologische Eleganz ohne Pathos.

Klabund und die Macht der fehlenden Beilage

Bei Klabund arbeitet der Brief mit einer Leerstelle. „Klabunds Novelle: vgl. Beilage.“ Der entscheidende Beleg liegt außerhalb des überlieferten Briefs. Für den heutigen Leser entsteht dadurch eine kleine archivalische Irritation. Das Blatt verweist auf ein zweites Blatt, das fehlt. So wird sichtbar, wie fragil editorische Kommunikation sein kann. Briefe, Kopien, Beilagen, Notizzettel, Durchschläge: Alles gehört zusammen, doch selten bleibt alles zusammen.

Noch schärfer wirkt die Bemerkung zu „Klabunds nichtsnutzigem Bruder“. Schuster hat in dem Band von Kaulla nichts gefunden, andere Angaben ebenfalls nicht. Vermutlich ist Guido von Kaullas Klabund-Biographie gemeint. Wichtig ist nicht allein das Ergebnis, wichtig ist die Disziplin der Fehlanzeige. Eine biographische Anekdote wird nicht durch Wiederholung wahr. Wo der Beleg fehlt, muss die Annotation zurücktreten. Der Editor schützt den Text auch vor dem Reiz des allzu Plausiblen.

Deubel, Benn und der Streit um Geist und Leben

Bei Deubel wechselt der Brief den Arbeitsmodus. Schuster verweist auf eine „Kopie aus den NDtH“, die er Schlüter früher bereits geschickt habe. Die Frage nach Benns Reaktion auf einen Angriff durch Deubel wird nicht neu aufgerollt; sie wird auf ein schon vorhandenes Arbeitsdokument zurückgeführt. Das ist typisch für die analoge Editionspraxis der achtziger Jahre: Kopien wandern, werden abgelegt, erinnert, erneut aktiviert. Der Kommentar entsteht aus solchen kleinen, beweglichen Dossiers.

Doch hinter der knappen Notiz steht ein größerer weltanschaulicher Konflikt. Werner Deubel, Philosoph, Klages-Schüler und Freund Ludwig Klages’, las Benn aus einer radikalen Kritik an Zivilisation, Fortschritt und rationalistischem Geist heraus. Für Deubel war Benn nicht einfach ein schwieriger moderner Autor. Er verkörperte jene Kälte des Intellekts, jenen analytischen Zugriff auf Körper, Krankheit, Verfall und Bewusstsein, den die Klages-Schule als lebensfeindliche Herrschaft des Geistes über die Seele bekämpfte.

Damit berührt die Deubel-Spur einen Grundkonflikt der Moderne: Biozentrismus gegen Logozentrismus, Seele gegen Geist, organische Lebensmetaphysik gegen die zergliedernde Macht der Diagnose. Benn, der Arzt und Dichter, war für einen solchen Gegner besonders angreifbar. Seine frühen Texte führen den Körper nicht als heile Natur vor; sie öffnen ihn anatomisch, klinisch, sprachlich. Seine Moderne kennt Präparat, Sektion, Laborblick, Hirn, Nerven, Zerfall. Was Benn als poetische Energie aus der Entzauberung gewinnt, musste Deubel als Symptom eines kulturellen Niedergangs erscheinen.

Schon Deubels Angriff von 1928 in der „Deutschen Rundschau“ zielte auf einen vermeintlich religionsähnlichen Fortschrittsglauben, auf Technik, Zivilisation und den Kult des Bewusstseins. Aus dieser Perspektive war Benn kein Befreier der Sprache, vielmehr ein Zeuge jener Moderne, die das Lebendige in Begriff, Experiment und intellektuelle Pose überführt. Deubels Nähe zu Klages’ Hauptwerk Der Geist als Widersacher der Seele gibt dem Konflikt seine Schärfe: Benns Werk wurde hier nicht nur literarisch kritisiert, es wurde weltanschaulich angeklagt.

Für den Essay ist diese Deubel-Notiz deshalb wertvoll. Sie zeigt, dass die Benn-Edition nicht nur Verse, Varianten und Nachweise ordnete. Sie musste auch alte Kämpfe rekonstruieren: die Angriffe aus dem konservativ-lebensphilosophischen Milieu, die Abwehr der Moderne, die Deutung Benns als kalter Diagnostiker einer zerfallenden Kultur. Schusters kurzer Verweis auf die frühere Kopie öffnet damit ein ganzes Konfliktfeld. In einem halben Satz steht plötzlich die Frage, ob Benns dichterischer Blick als höchste Nüchternheit oder als Verrat am Lebendigen zu lesen sei.

Chamisso im Gasteig

Die letzte Notiz führt aus der Literatur in die Musik. Zu Chamisso hat Schuster trotz Sekundärliteratur nichts gefunden. Sein Rat lautet nun nicht: noch eine Monographie, noch ein Lexikon. Er empfiehlt den Anruf bei der Musiksammlung im Gasteig, wegen der Plattensammlung und der Firmenkataloge. Daraus lässt sich schließen, dass Schlüters Frage mit einer Vertonung, Aufnahme, Rezitation oder einem Tonträgernachweis zusammenhing.

Dieser Hinweis ist wunderbar zeittypisch. 1985 bedeutet Recherche nicht Suchmaske und Volltextdatenbank. Recherche bedeutet Gedächtnis, Bibliothek, Katalog, Telefon, richtige Ansprechpartnerin, richtiger Bestand. Der Gasteig erscheint als Spezialadresse für das, was in der literarischen Sekundärliteratur nicht zu greifen war. Auch das gehört zur Editionsarbeit: das richtige Medium erkennen.

Benn am Rand

Besonders reizvoll sind die Bleistiftzeichen auf dem maschinenschriftlichen Brief. Am linken Rand steht, gut sichtbar, „Benn“, unterstrichen. Daneben finden sich weitere Notizen, Haken, Linien und eine Markierung bei der Chamisso-Passage. Nicht alle Zeichen lassen sich sicher lesen. Gerade deshalb sollte man sie vorsichtig deuten.

Sie wirken weniger wie Korrekturen des Absenders als wie spätere Lesespuren, vielleicht von Schlüter, vielleicht von einer ordnenden Hand im Umfeld des Konvoluts. Der unterstrichene Name „Benn“ macht aus dem Brief ein zuordenbares Stück: Dieses Blatt gehört in den Benn-Komplex. Die Randzeichen verwandeln die Korrespondenz in ein Arbeitsobjekt. Sie markieren Relevanz, ordnen, heben hervor, helfen beim Wiederfinden. Der Brief ist damit nicht nur ein Schreiben über Recherche; er wurde selbst recherchierbar gemacht.

Die „Stuttgarter Ausgabe“ rückt heran

Im zweiten Teil des Briefes nennt Schuster den Druck der Zeit. Schlüter sei mit den Anmerkungen zum Briefwechsel beschäftigt. Zugleich sei verabredet, dass zum 21. März zwei Bände mit allen Gedichten vorliegen sollten. Schuster müsse sein Manuskript der Anmerkungen und Varianten bis Mitte Oktober abgeben. Deshalb bittet er Schlüter um zwei oder drei Tage Mitarbeit an den Kladden, notfalls in zwei Arbeitsblöcken. Frau Benn sei bereit, die Arbeitshefte nach Marbach zu leihen.

Hier wird aus den einzelnen Suchspuren ein Editionsdrama im Kleinen. Die „Stuttgarter Ausgabe“ steht nicht als fertiges Monument vor uns. Sie entsteht aus Fristen, Arbeitsheften, unleserlichen Stellen, Verlagsabsprachen, Reisen auf Spesen von Klett-Cotta, prüfenden Blicken und der Bereitschaft einer Witwe, Materialien nach Marbach zu geben. Benns Gedichte, später in festen Bänden konsultiert, mussten durch diese Zone der Prüfung hindurch.

Schlüter als Instanz der Lesbarkeit

Warum bittet Schuster gerade Schlüter? Weil sie nicht irgendeine Helferin war. Sie hatte Benn als Lektorin begleitet, seine Publikationsgeschichte mitgeprägt, seine Texte betreut, seine Korrespondenzen gekannt. Sie verfügte über ein Wissen, das kein Katalog ersetzen kann: Werkgedächtnis, editorische Erfahrung, persönliche Nähe, Kenntnis der verlegerischen Vorgänge.

Wenn Schuster schreibt, er wolle das Manuskript nicht ohne ihre prüfenden Blicke aus der Hand geben, klingt darin hohe Anerkennung. Die berühmte Lektorin wird zur Instanz der Lesbarkeit. Ihre Kompetenz betrifft nicht nur Orthographie oder Stil. Sie betrifft den Weg eines Werks durch Jahrzehnte, Institutionen, Nachlässe, Ausgaben. Wer Benn ediert, braucht Schlüter.

Der Brief aus dem Kasack-Umfeld

Dass dieses Schreiben in einem Konvolut aus dem Umfeld von Hermann Kasack auftauchte, passt zur Struktur der Nachkriegsliteratur. Die Wege der Briefe folgen nicht immer den Werkgrenzen. Ein Benn-Briefzusammenhang kann in einem Kasack-Umfeld liegen, weil Verlagskontakte, Akademien, Geburtstagsgaben, Herausgeberbeziehungen und persönliche Netzwerke ineinandergreifen. Solche Konvolute sind keine sauberen Schubladen. Sie sind Sedimente literarischen Lebens.

Gerade daraus entsteht ihr Wert. Ein einzelner Brief gewinnt Gewicht, wenn er nicht isoliert erscheint, vielmehr als Teil eines Verkehrs aus Glückwünschen, Postkarten, Drucken, Korrekturen, Dank und Bitte. Literaturgeschichte besteht auch aus solchen Papierbewegungen. Sie zeigen, wer wen kannte, wer wem vertraute, wer Material weitergab, wer Fragen stellte, wer Antworten lieferte.

Die kleine Form und der große Benn

Der Brief von Schuster an Schlüter ist keine große Benn-Deutung. Er enthält keinen neuen Satz Benns, keine unbekannte poetologische Erklärung, keine dramatische Enthüllung. Sein Rang liegt anders. Er zeigt, wie Benn nach Benn weiterarbeitete: in Archiven, Verlagen, Kommentaren, Kladden, Kopien, am Telefon, am Rand eines maschinenschriftlichen Blattes.

Das ist ein starkes Bild für den Nachruhm. Der Autor ist tot, doch sein Werk bleibt in Bewegung. Jede Ausgabe ordnet neu, jede Annotation greift ein, jede Lesart entscheidet. Der Ruhm, um noch einmal Balzac und Benn aufzunehmen, hat vielleicht keine weißen Flügel. Er hat Papierfasern, Bleistiftstriche, Kopien, Leihgaben, Bibliotheksbestände und Menschen wie Marguerite Valerie Schlüter, die den Text nicht nur lieben, auch verantworten.

Nachruhm braucht genaue Leser

Am Ende wirkt dieser Brief wie ein Gegenbild zur Vorstellung vom einsamen Autor. Benns Werk steht nicht nur auf Benn. Es steht auch auf Max Niedermayer, auf Marguerite Schlüter, auf Ilse Benn, auf Gerhard Schuster, auf Marbach, auf Klett-Cotta, auf den vielen anonymen Ordnungen von Bibliotheken und Archiven. Der Brief macht diese Arbeit sichtbar.

Vielleicht liegt darin seine schönste Qualität. Ein maschinenschriftliches Blatt mit Bleistiftzeichen erzählt, wie Literatur haltbar wird. Nicht durch Verehrung allein. Durch Prüfung. Durch Zweifel. Durch Nachweise. Durch den Mut zur Lücke. Durch den Anruf bei der richtigen Sammlung. Durch die Frage, ob ein einziges Wort wirklich so dasteht.

Und durch eine Lektorin, deren Name im Adressfeld steht: Marguerite Valerie Schlüter.

Jenseits des Hotline-Terrors: Warum Michael Bommer der eigentliche Pionier der neuen Kundenkommunikation war

Der falsche Hosenkauf ist kein Einzelfall, sondern ein Systemfehler

Der von der F.A.Z. beschriebene Fall ist banal – und gerade deshalb ökonomisch brisant: Ein Kunde bestellt am späten Sonntagabend versehentlich eine Hose in der falschen Größe, findet keinen Stornierungsknopf, scheitert an den Servicezeiten der Hotline und erhält auf seine E-Mail erst am Montagmorgen eine Antwort. Dann ist die Bestellung bereits im Versandprozess. Die Stimmung ist am Tiefpunkt.

Was hier wie eine kleine Alltagspanne aussieht, ist in Wahrheit ein Symptom für ein überholtes Servicemodell. Der Kunde will kein Organisationsdiagramm durchleiden. Er will eine einfache Entscheidung: Kann ich stornieren – ja oder nein? Das Unternehmen wiederum will keine unnötigen Hotlinekontakte, keine Retourenkosten, keine Eskalationen und keine beschädigte Kundenbeziehung. Zwischen beiden steht ein System, das zu langsam, zu kanalfixiert und zu wenig entscheidungsfähig ist.

KI wird erst dann nützlich, wenn sie handeln darf

Genau an dieser Stelle setzt der F.A.Z.-Beitrag über Novomind an. Das Hamburger Softwareunternehmen will mit KI nicht nur freundlich antworten, sondern operative Vorgänge automatisieren. Bei einer Stornierung sammelt die Software relevante Daten wie Kundennummer, Kaufzeitpunkt, AGB-Lage und Stornierungsgrund. In eindeutigen Fällen kann daraus eine vollständig automatisierte Entscheidung entstehen.

Das ist der entscheidende Punkt: Kundenservice der Zukunft besteht nicht aus einem besseren Chatfenster. Er besteht aus Systemen, die Anliegen verstehen, Daten verbinden, Regeln prüfen und Prozesse ausführen. Ein Bot, der nur redet, bleibt ein digitaler Empfangstresen. Ein KI-Agent, der stornieren, umbuchen, erstatten oder eskalieren kann, wird zur produktiven Infrastruktur.

Der eigentliche Engpass ist nicht Sprache, sondern Datenintegration

Stefan Grieben, Vorstandschef von Novomind, beschreibt in der F.A.Z. die zentrale Voraussetzung: Shopsoftware und Onlinekundencenter müssen enger miteinander verschmelzen. Bestellverläufe, Produktinformationen, Serviceanfragen, E-Mails und Rückmeldungen aus sozialen Medien müssen intelligent verknüpft werden. Erst dann könne KI wirklich intelligent sein.

Das ist wirtschaftlich präzise. Die meisten Serviceprobleme entstehen nicht, weil Unternehmen zu wenig Kommunikationskanäle haben. Sie entstehen, weil diese Kanäle nicht zusammenarbeiten. Der Kunde schreibt eine E-Mail, ruft danach an, kommentiert später auf Social Media – und muss sein Anliegen jedes Mal neu erklären. Der Hotline-Terror ist deshalb keine Panne, sondern die Folge fragmentierter Datenarchitekturen.

Novomind industrialisiert, was Michael Bommer früh vorgedacht hat

Novomind steht in dem F.A.Z.-Beitrag exemplarisch für die aktuelle Industrialisierung dieser neuen Servicewelt. Doch die geistige Vorarbeit für diese Entwicklung wurde lange vorher geleistet. Einer der wichtigsten Pioniere war der verstorbene Michael Bommer.

Bommer dachte Kundenkommunikation nicht als Verwaltung von Beschwerden, sondern als intelligente Assistenz. Im Sohn@Sohn-Opus, das er noch zu Lebzeiten bekommen hat, wird er ausdrücklich als Pionier der Technologie- und Kundenkommunikation beschrieben. Dort zieht sich durch viele Kapitel dieselbe Grundidee: weg von Callcenter-Attacken, Warteschleifen und starren Kanälen; hin zu personalisierten, lernfähigen, elektronischen Assistenten.

Bommer erkannte früh: Der Kunde will kein Callcenter, sondern Erledigung

Bommers eigentliche Einsicht war radikal einfach: Kunden wollen nicht telefonieren, klicken, suchen oder warten. Sie wollen, dass ihr Anliegen erledigt wird. Niemand ruft freiwillig eine Hotline an. Niemand hangelt sich aus Freude durch Service-Unterseiten. Niemand wiederholt gern Kundennummern, Geburtsdaten und Vertragsdetails.

Deshalb sprach Bommer früh über Messaging, Chatbots, KI und kognitive Self-Service-Strukturen. Seine These war: Unternehmen brauchen keine separate App, keine separate Hotline-Nummer und keine isolierten Service-Unterseiten mehr. Kundenkommunikation müsse dort stattfinden, wo der Kunde ohnehin kommuniziert – im Messenger, im Chat, in der App, im intelligenten Assistenten.

Aus dem Callcenter-Agenten wird der Dirigent intelligenter Systeme

Bommer war dabei kein naiver Automatisierungsromantiker. Er sah nicht einfach den Menschen verschwinden. Er sah eine neue Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine.

Einfache Fälle übernimmt der Bot. Komplexe, emotionale oder unklare Fälle gehen an menschliche Agenten. Diese Agenten werden nicht mehr nur Gesprächsarbeiter sein, sondern Bot-Manager, Eskalationsprofis, Trainer und Qualitätskuratoren. Genau diese Idee findet sich im Bommer-Manuskript: Chatbots und menschliche Agenten müssen wie in einem „Tango“ zusammenspielen.

Das ist bis heute der Prüfstein jeder seriösen KI-Strategie im Kundenservice. Vollautomatisierung ohne Übergabe erzeugt neuen Frust. Rein menschlicher Service ohne Automatisierung bleibt teuer, langsam und nicht skalierbar. Erst die intelligente Kombination beendet den Hotline-Terror.

Der Sonntagabend wird zum Lackmustest der Serviceökonomie

Der Sonntagabend aus dem F.A.Z.-Beispiel ist mehr als eine Anekdote. Er ist der Lackmustest moderner Kundenkommunikation. Funktioniert der Service nur montags bis freitags von acht bis 18 Uhr, dann ist er nicht kundenzentriert, sondern organisationszentriert.

Digitale Märkte schlafen nicht. Onlineshops verkaufen rund um die Uhr. Dann müssen auch grundlegende Servicehandlungen rund um die Uhr möglich sein. Wer nachts bestellen kann, muss nachts auch stornieren können. Wer am Wochenende kauft, darf am Wochenende nicht in eine Prozessfalle laufen.

Agentic Commerce ist nur ein Teil der größeren Revolution

Die F.A.Z. stellt am Ende die Frage, ob sich Kunden künftig eher für vollautomatisierte Kaufabschlüsse durch KI-Agenten interessieren – also Agentic Commerce – oder eher für intelligente Produktsuche, Agentic Search.

Aus Bommers Perspektive ist diese Gegenüberstellung zu eng. Entscheidend ist nicht, ob der Agent sucht oder kauft. Entscheidend ist, ob er im Interesse des Kunden handelt. Mal soll er Toilettenpapier nachbestellen. Mal soll er die richtige Hautcreme finden. Mal soll er eine Rechnung erklären, einen Vertrag prüfen, eine Stornierung auslösen oder eine Reklamation sauber dokumentieren.

Die nächste Stufe der Kundenkommunikation ist deshalb nicht nur Conversational Commerce. Sie ist Delegated Service: Der Kunde delegiert Aufgaben an ein System, dem er vertraut.

Europas Chance liegt nicht in aggressiver Manipulation, sondern in verlässlicher Assistenz

Im F.A.Z.-Beitrag weist Grieben die Angst vor asiatischen Billiganbietern wie Temu und Shein teilweise zurück. Technisch sei deren Datenauswertung keine Raketenwissenschaft; die Aggressivität liege eher im Shopdesign und im Marketing.⁴

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Die europäische Antwort auf Plattformdruck darf nicht darin bestehen, noch aggressivere Interfaces zu bauen. Sie muss in besserer, vertrauenswürdigerer Assistenz liegen: Datenschutz, Transparenz, saubere Prozessautomatisierung, nachvollziehbare Entscheidungen und echte Entlastung. KI im Kundenservice darf keine Manipulationsmaschine sein. Sie muss ein verlässlicher Erledigungsraum werden.

Der Hotline-Terror ist kein Naturgesetz

Der klassische Kundendienst behandelt Kundenanliegen oft wie Störungen. Der Kunde muss sich anpassen: an Servicezeiten, Menülogiken, Ticketnummern, Zuständigkeiten und Prozessgrenzen. Genau das ist der Hotline-Terror.

Aber dieser Terror ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis schlechter Integration, defensiver Organisationen und einer Servicekultur, die Kommunikation mit Abwehr verwechselt. KI kann diese Logik aufbrechen – allerdings nur, wenn sie tief in Prozesse, Daten und Entscheidungsregeln eingebettet wird.

Michael Bommers Vermächtnis wird jetzt marktreif

Der F.A.Z.-Beitrag über Novomind zeigt, dass viele Ideen nun in die betriebliche Wirklichkeit einziehen, die Michael Bommer lange vorher antizipiert hatte: intelligente Kundendialoge statt Callcenter-Attacken, elektronische Assistenten statt Warteschleifen, Messaging statt Kanalchaos, Prozessautomatisierung statt Vertröstung.

Deshalb gehört Bommer in die Genealogie dieser Entwicklung. Novomind liefert heute eine marktfähige Plattform für den industriellen Einsatz. Aber Bommer war einer derjenigen, die den Paradigmenwechsel früh formuliert haben. Er sah, dass Kundenkommunikation nicht länger vom Unternehmen her gedacht werden darf, sondern vom Anliegen des Menschen.

Die neue Kundenkommunikation beginnt dort, wo die Hotline endet

Die Zukunft des Kundenservice liegt nicht im schöneren Warten. Sie liegt im Ende des Wartens. Sie liegt nicht in der freundlicheren Hotline-Stimme, sondern in Systemen, die Anliegen erkennen, prüfen und lösen. Sie liegt nicht in mehr Kanälen, sondern in weniger Reibung.

Der falsche Hosenkauf am Sonntagabend zeigt, was auf dem Spiel steht. Die KI-Plattformen von heute zeigen, was technisch möglich wird. Und Michael Bommer zeigt, wer diese Richtung früh verstanden hat: eine Kundenkommunikation jenseits des Hotline-Terrors – persönlich, intelligent, asynchron, handlungsfähig.

Erst Awareness, dann Applaus: Urlaub in Zeiten der Ich-AG

Es begann, wie es immer beginnt. Mit einer Anreise voller Hoffnung, im Gepäck eine neue Badehose, die vegan ist, atmungsaktiv und angeblich aus recycelten Fischerbooten besteht. Man wollte dieses Jahr bewusster reisen, also hatte man sich für das „Resonanz-Retreat“ entschieden – Yoga bei Sonnenaufgang, Waldbaden bei Sonnenhöchststand, und abends dann: Scampipfanne. Natürlich „nachhaltig“. Natürlich all-you-can-eat. Natürlich mit Safran, aber nur aus der Region.

Die Gruppe war bunt gemischt. Man verstand sich blendend. Zumindest bis man reden musste. Dann fingen alle an zu schweigen. Oder zu posten. Jeder Blick war ein Selfie-Filter, jede Regung ein vorsorglich geübter Skandal-Umkurver. Die Gespräche klangen wie LinkedIn-Profile mit WLAN-Störung.

Am zweiten Tag wurde ein Promi gesichtet. Ex-Fernsehgesicht, ehemals „Kult“ – wenn man sich darunter jemanden vorstellen kann, der in den 90ern beim Frühstücksfernsehen zwischen den Wetterkarten vergessen wurde. Signore Showdown, wie wir ihn insgeheim nannten, war von ein paar ambitionierten Jung-PRlern mitgeschleift worden, die glaubten, ein prominenter Name würde dem Retreat Tiefe verleihen. Stattdessen brachte er bloß ein orthopädisches Nackenkissen und eine Aura von Altbackenheit mit.

Showdown saß tagsüber schweigend am Pool, nachts schnarchte er wie ein abgelehnter Radiobeitrag über Männergesundheit. Er war das Fossil der alten Medienwelt, konserviert in Aftershave und Altersstarrsinn. Die Gruppe mochte ihn – aber nur in der Theorie. In der Praxis war er so beweglich wie ein ausrangierter Bürostuhl, sprach ausschließlich in Anekdoten, in denen er der Held war, und verbrauchte beim Duschen mehr Wasser als ein durchschnittlicher Brunnen in Marokko.

Dann kam der Zwischenfall. Jemand kollabierte. Einfach so, mitten im Gruppengespräch über ökologischen Fußabdruck und Mikroplastik im Himalaya. Ein dumpfer Aufschrei, ein Stuhl fiel um, eine Sonnenbrille flog in den Pool. Und was passierte?

„Scampipfanne?“ fragte jemand. Reflexartig. Instinktiv. Ohne Ironie.

Man war ja hungrig, es war fast 13 Uhr. Und der Mensch, der da zu Boden ging, war weder besonders bekannt noch glutenfrei. Keine Priorität also.

Die Gruppe formierte sich wie ein Rudel enttäuschter Publikumslieblinge: besorgt, aber nicht zuständig. Der Kollaps störte – vor allem den Tagesplan. Irgendjemand murmelte „Awareness-Raum, dritte Etage“, ein anderer suchte die Notfallnummer – im WLAN-geschützten Achtsamkeitsmodus.

Signore Showdown schlief weiter.

So endete der Retreat nicht mit Erkenntnis, sondern mit einem schiefen Gruppenbild, in dem alle etwas zu verspannt lächelten, weil niemand wusste, ob der oder die Zusammengebrochene wieder aufgestanden war oder gerade abtransportiert wurde. Es war auch egal. Das Licht war gut.

Und abends? Gab es wieder Scampipfanne. Natürlich mit Zitrone. Natürlich regional. Natürlich alles bewusst.

Aber irgendwas war weg. Vielleicht das letzte Quäntchen Würde. Vielleicht auch nur der Knoblauch.

Im Archiv der finsteren Jahre: Helmuth Kiesel las in der Bonner Buchhandlung Böttger aus seiner Literaturgeschichte der Jahre 1933 bis 1945 – Der Abend wurde zu einer Lektion über das Lesen im moralischen Ausnahmezustand

Ein Standardwerk betritt die Buchhandlung

Die Bonner Buchhandlung Böttger war an diesem Abend mehr als ein Veranstaltungsort. Sie war ein Resonanzraum für eine alte, nie erledigte Frage: Was darf Literaturgeschichte wissen wollen, wenn sie sich jenen Jahren nähert, in denen Sprache befohlen, Bücher verbrannt, Autoren vertrieben, Morde verschleiert und dennoch Gedichte geschrieben wurden?

Alfred Böttger eröffnete den Abend mit jener Mischung aus Bonner Buchhändlerwitz, bibliophilem Ernst und kanonischem Instinkt, die eine Lesung in eine kleine Institution verwandeln kann. Er sprach von einem Werk, auf das er, wie er bekannte, im Grunde vierzig Jahre gewartet habe: Helmuth Kiesels „Schreiben in finsteren Zeiten“, erschienen bei C. H. Beck, 1392 Seiten stark, gebunden, achtundsechzig Euro. Nicht einfach ein Band über die Literatur des Nationalsozialismus, vielmehr der noch fehlende Schlussstein einer großen Literaturgeschichtsschreibung, der elfte Band jener Reihe, deren Einbände Generationen von Germanisten kennen.

Deutschsprachig heißt: beschädigt, verstreut, gerettet

Kiesel begann mit einem Wort, das harmlos klingt und doch die ganze Dramatik seines Unternehmens enthält: deutschsprachig. Nicht „deutsche Literatur“ allein, denn von 1933 an war die deutsche Sprache kein nationaler Besitz mehr, falls sie es je gewesen sein sollte. Sie wurde in Zürich gesprochen, in Wien, in Prag, in Palästina, in Kalifornien, in den baltischen und siebenbürgischen Restlandschaften einer alten Bildungstopographie. Friedrich Torberg, den Kiesel anführte, konnte sich der Sprache nach als deutscher Schriftsteller, der Herkunft nach als Österreicher, den sittlichen Fundamenten nach als Jude verstehen. Ein einziger Begriff reichte da nicht mehr aus.

Das war die erste philologische Lehre dieses Abends: Literaturgeschichte beginnt nicht beim Urteil, auch nicht beim Freispruch. Sie beginnt bei der Genauigkeit des Wortes. Wer „deutschsprachig“ sagt, nimmt die zerstreuten Archive, die Emigration, die Schweizer und österreichischen Sonderwege, die verbannten Stimmen und die im Reich verbliebenen Stimmen in einen gemeinsamen, gefährlichen Hörraum auf.

Der Bann der Urteile

Über dieser Literatur liegt ein moralischer Bann. Thomas Manns Verdikt, alles zwischen 1933 und 1945 in Deutschland Gedruckte sei mit Blut und Schande behaftet, steht wie ein Brandmal über der Nachgeschichte. Kiesel machte deutlich, wie stark solche Aussagen die Forschung prägten: Weimarer Republik, Exil, innere Emigration, Reichsliteratur – das alles wurde nach 1945 nicht nur gelesen, es wurde sortiert, beschämt, verschwiegen, gerettet, ausgeschieden.

Der Skandal seines Buches liegt nicht darin, dass es relativiert. Er liegt darin, dass es differenziert. Differenzierung ist in diesem Feld keine Milde, keine Entlastung, kein Freibrief. Sie ist die strengere Form der Anklage. Denn erst wer genau sieht, erkennt, wo Opportunismus beginnt, wo Feigheit in Stil übergeht, wo Tarnung Widerstand werden kann, wo literarische Größe moralisch beschädigt bleibt und wo das Vergessen selbst zu einer zweiten Form der Gewalt wird.

Literatur als Waffe, Literatur als Seismograph

Kiesel las und erläuterte aus seinem Buch, als wolle er die Literatur jener Jahre aus der archivalischen Starre lösen. Sie erscheint bei ihm als Reflexionsmedium und als Eingriffsinstrument. Der Satz „Kunst ist Waffe“, den die Zeit kannte, ist kein Beiwerk, er ist eine Signatur. Autoren wurden in die Politik hineingezogen, von außen bedrängt, von innen geängstigt, vom Regime verfolgt, verführt oder gebraucht.

Dabei erzählte Kiesel nicht nur von den großen Namen: Thomas Mann, Brecht, Hesse, Jünger, Seghers, Benn. Er ging auch in die Randzonen, wo Gedichte der Begeisterung neben Gedichten der Angst stehen, wo ein Parteitagsgedicht den Tod als heimlichen Diktator hinter der Rede des Führers erscheinen lässt, wo Friedrich Georg Jüngers „Der Mohn“ die Sprache der Antike nutzt, um Gegenwart zu maskieren. Philologie heißt hier: die Tarnkappe anheben, ohne den Text zu zerbrechen.

Der Buchhändler und der schwierige Jünger

Dann geschah, was bei guten Buchhandlungsabenden immer geschehen kann: Die Veranstaltung verließ den vorgesehenen Pfad. Alfred Böttger kam auf Ernst Jünger zu sprechen. Er erzählte von seiner eigenen, lange gespaltenen Beziehung zu diesem Autor. Vor Jahrzehnten habe er eine signierte Halbleder-Gesamtausgabe günstig erworben, mehr aus spekulativem Instinkt als aus Liebe. Sie stand erst unten, im Dunkel, fast wie ein problematisches Erbstück. Im Laufe der Jahre rückte sie näher an den Bereich des täglichen Blicks. Aus Distanz wurde Lektüre, aus Lektüre eine Zumutung, aus der Zumutung eine Notwendigkeit.

Böttger verwies auf Kiesel als Herausgeber und Kommentator der historisch-kritischen Jünger-Ausgaben: „In Stahlgewittern“, „Auf den Marmorklippen“, „Strahlungen“, „Der Kampf als inneres Erlebnis“. Gerade in einer Zeit, in der die Kategorien der politischen Moral wieder hastiger und schärfer werden, könne man Jünger nicht umgehen. Man müsse ihn lesen, genauer: man müsse ihn in der philologisch gesicherten Gestalt lesen, die Kiesel ihm gegeben hat.

Die Überraschung aus Bad Saulgau

Dass man bei Jünger noch immer Überraschungen erleben kann, stellte die Jünger-Tagung 2025 in Bad Saulgau unter Beweis. Dort wurde im Zusammenhang mit Detlev Schöttkers „Die Archive des Chronisten“ ein Kommentar Hannah Arendts über Jüngers „Strahlungen“ ins Licht gerückt, 1950 veröffentlicht, zugänglich und doch von der Forschung jahrzehntelang kaum wahrgenommen. Arendt erkannte in Jüngers Kriegstagebüchern einen besonders aufrichtigen Beleg für die Schwierigkeit, moralische Wertvorstellungen in einer Welt zu bewahren, in der Wahrheit und Moral ihren erkennbaren Ausdruck verloren hatten. Helmuth Kiesel, Herausgeber der historisch-kritischen Ausgabe der „Strahlungen“, reagierte bewegt; hätte er den Satz gekannt, hätte er ihn als Motto der Ausgabe erwogen.

Auch andere Funde dieser Tagung öffneten neue Räume: ein bisher unveröffentlichter Brief Friedrich Georg Jüngers an Ernst vom 16. Februar 1962, der den Bruderzwist schärfer zeigt, als es die öffentliche Legende vom geschwisterlichen Gleichklang erlaubt; Hinweise auf Joschka Fischers frühe Jünger-Lektüre; Heiner Müllers Notiz über Jünger als ein „vergessenes Geschoss“; Benns distanzierter Geburtstagsgruß. Der Autor, den man seit Jahrzehnten erledigt zu haben glaubt, kehrt aus den Archiven nicht gereinigt zurück, auch nicht verdammt, vielmehr schwieriger, unruhiger, gegenwärtiger.

Die Moral der Genauigkeit

Das ist der tiefere Zusammenhang zwischen Kiesels Bonner Lesung und Böttgers Jünger-Exkurs. Beide handelten von der Zumutung, dass Literatur nicht aus den Urteilen besteht, die über sie gefällt wurden. Sie besteht aus Texten, Varianten, Kontexten, Briefen, Erstdrucken, Rezensionen, Verschiebungen, Lücken. Die Moral der Philologie ist keine Schwäche des Urteils. Sie ist dessen Voraussetzung.

Kiesels „Schreiben in finsteren Zeiten“ ist daher kein Monument im Sinn eines Grabmals. Es ist ein Instrument. Man schlägt es auf und gerät in eine Landschaft, in der jedes Wort seine Akte hat. Die Größe des Unternehmens liegt nicht allein in der Masse des Materials, in den tausenden Namen, Titeln, Rezeptionszeugnissen. Sie liegt in der Weigerung, die Epoche auf eine bequem handhabbare Formel zu bringen.

Die Bonner Lesung zeigte, dass Literaturgeschichte dort am stärksten ist, wo sie den Leser nicht beruhigt. Sie führt in die finsteren Zeiten nicht, um dort nach nachträglicher Übersicht zu suchen. Sie führt hinein, weil dort die deutsche Sprache ihre gefährlichsten Prüfungen bestand und verlor, weil dort Schreiben Flucht, Anpassung, Tarnung, Widerstand, Karriere, Gebet, Verrat und Erinnerung zugleich sein konnte.

Am Ende stand in der Buchhandlung Böttger kein versöhnlicher Abend. Es stand ein gelehrter Ernst im Raum: Wer diese Jahre lesen will, darf sich nicht mit den bequemen Gewissheiten begnügen. Er muss in die Bücher zurück. Genau dorthin, wo die Urteile entstehen, aus denen man sich später sein Gewissen baut.

Helmuth Kiesel: „Schreiben in finsteren Zeiten. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933–1945“. C. H. Beck, München 2025. 1392 Seiten, Leinen, 68 Euro.

Autorengespräch: Uwe Schneidewind und die Macht des Neins #Notizzettel

In seinem neuen Buch „Dienstschluss – Herausforderung Kommunalpolitik“ blickt Uwe Schneidewind auf fünf Jahre im Wuppertaler Rathaus zurück. Der ehemalige Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, der Ende 2020 als gemeinsamer Kandidat von Grünen und CDU zum Oberbürgermeister gewählt wurde, hatte sich vorgenommen, Theorie in konkrete lokale Transformation zu übersetzen. Doch seine Bilanz ist ernüchternd: Er spricht von einer „politischen Ökonomie des Neins“, die Veränderung systematisch blockiert. Das Kernargument: In der Lokalpolitik verschaffen sich Menschen Macht, indem sie Vorhaben schlicht verhindern. Diese „Nein‑Profis“ haben, so Schneidewind, kaum Gestaltungsanspruch, bauen dadurch aber eine starke Verhandlungsposition gegenüber denen auf, die gestalten wollen. Für ehrenamtliche Ratsmitglieder gebe es dabei kaum Rechenschaftspflicht; wer Fortschritt ausbremse oder unqualifiziertes Personal auswähle, müsse nicht mit Konsequenzen rechnen.

Die politische Ökonomie des Neins: Lebendige Demokratie ist häufig von der Überzeugung getragen, dass sich erst durch Kritik an bestehender Praxis politische Handlungsmöglichkeiten ergeben. Es gibt bei vielen das Selbstverständnis, dass derjenige, der Kritik übt, die Demokratie stärkt. Dies schafft allerdings eine Rechtfertigung für Akteure im politischen Betrieb, denen es bei ihrer Kritik nicht um die Stärkung von Demokratie geht, sondern um eigene Motivlagen. Sie nutzen den positiv belegten Klang der Kritik für eine spezielle Praxis des »Neins« und entwickeln darin eine hohe Kunstfertigkeit. Dies funktioniert besonders gut in Zeiten fundamentaler Umbrüche und umfassender Transformation, denn diese Phasen zeichnen sich durch zwei wichtige Charakteristika aus: (1) Sie muten Menschen viel zu und lösen damit Verunsicherung und Ängste vor Veränderung aus. (2) Sie erfordern bisher nicht erprobte Ansätze, denn das bestehende politische Instrumentarium reicht nicht aus, um umfassende Transformationen anzustoßen. Ein solches innovatives Vorgehen ist strukturell fehleranfällig. Genau das liefert Ansatzpunkte für eine besondere Kaste professioneller Nein-Sager. Diese politischen Akteure sind in hohem Maße darin erprobt zu blockieren. Dafür verfügen sie über ein breites Instrumentarium, das sie oft bis zur Perfektion entwickelt haben: Es reicht vom Rückgriff auf formale und rechtliche Bedenken, der Infragestellung der Relevanz eines Problems, der Überdramatisierung von Folgen einer Veränderung bis hin zur persönlichen Diffamierung von Treibern der Transformation, um deren Vorhaben zu delegitimieren. Nein-Sager wissen genau: Transformateure sind darauf angewiesen, dass sich auch andere für Veränderungsprojekte stark machen, um Herausforderungen gemeinsam erfolgreich zu meistern. Und sie zahlen häufig einen Preis dafür, Blockaden zu überwinden und weiterzukommen. Blockierer heimsen diese Preise wiederum ein; sie agieren quasi als Zollstationen an den Pfaden der Transformation. Mit dem gewonnenen »Transformationszoll« in Form inhaltlicher Zugeständnisse oder dem Zugang zu Ämtern erreichen sie Machterhalt und -ausbau. Es gibt ganze Netzwerke von politischen Akteuren, die in ihrem gesamten beruflichen und politischen Wirken wenig Konstruktives auf den Weg gebracht haben, aber hohe Künstler der Blockade sind.

Ich war während meiner Amtszeit – insbesondere nach dem Auseinanderbrechen der schwarz-grünen Koalition im Jahr 2022 – in der misslichen Situation, auf keine stabile Mehrheit im Stadtrat zurückgreifen zu können. Fortan gab es eine geschlossene Mehrheit von SPD, CDU und FDP gegen mich, die sich darin einig war, dem Oberbürgermeister keinen relevanten Erfolg in seiner Amtszeit mehr zu gönnen. Das Ziel war, mich bei der nächsten Wahl im Jahr 2025 durch einen Kandidaten der eigenen Partei abzulösen. Wichtige Anliegen ließen sich ab diesem Zeitpunkt nur noch über Bande spielen, das heißt, die sichtbaren Initiatoren zentraler Pläne mussten Akteure sein, hinter denen sich eine Mehrheit versammeln konnte. Als Oberbürgermeister galt es, sich maximal zurückzunehmen und aus dem Hintergrund heraus zu agieren, um die Vorhaben nicht zu gefährden.

Als Beispiel dient die Debatte um die Nachnutzung des ehemaligen Kaufhof‑Gebäudes. Schneidewind wollte den leerstehenden Bau zusammen mit einem privaten Projektentwickler zu einem Bildungsstandort mit Schule und Zentralbibliothek umbauen. Ende Juni 2024 lehnte der Rat diese Idee mit großer Mehrheit ab; er wolle keine Schule im Kaufhaus und kündigte stattdessen an, einen neuen Schulbedarfsplan zu erarbeiten und lediglich die Bibliotheksnutzung zu prüfen. Kurz darauf brachten SPD, CDU und FDP einen gemeinsamen Antrag ein, der den Standort für eine Schule ausdrücklich ausschloss und die Verwaltung beauftragte, ein Bibliothekskonzept für den Kaufhof und andere Standorte auszuarbeiten. Schneidewind deutet diese Vorgänge als Beleg für Machtpolitik und verweist darauf, dass ein Jahr später ein fast identisches Konzept ohne Schule einstimmig beschlossen wurde – für ihn ein typischer Transformationszoll, den die „Nein‑Profis“ erheben.

Die unangenehmste Form der Blockade ist die Mobilisierung von strafrechtlich relevanten Rechtsmitteln gegen einzelne Personen. Ich bin davon in meiner Amtszeit glücklicherweise verschont geblieben, habe sie aber in meinem lokalen und regionalen Umfeld immer wieder erleben müssen, denn das Handeln der öffentlichen Hand bewegt sich in einem besonders verrechtlichten Rahmen. Bei einer engen Auslegung aller Datenschutz-, Informationspflicht-, Reisekosten-, Firmenwagennutzungs-, Anti-Diskriminierungs-, Vergabe- und Anti-Korruptionsregeln wird eine auf Ergebnisse und Effizienz ausgerichtete und mit Augenmaß durchgeführte Amtsführung extrem erschwert. Unvermeidlich gerät man hier in Graubereiche. Und es gibt Akteure in Verwaltung und Politik, die solche (vermeintlichen) Verstöße registrieren und in »Giftboxen« sammeln, um sie in geeigneten Momenten hervorzuholen und zu nutzen. Schließlich ist nichts effektiver als eine öffentlich inszenierte Strafanzeige wegen vermeintlicher Untreue kurz vor der Wahlkampfphase, der dann öffentlich begleitete Untersuchungen folgen. Mein Solinger Amtskollege Tim Kurzbach erlebte genau das 2024, als ihm Anstiftung zur Untreue vorgeworfen wurde. Es war eine der Erfahrungen, die seine Entscheidung beeinflussten, trotz guter Wiederwahlchancen nach zwei Amtszeiten nicht nochmals für das Amt anzutreten. 

Der Band ist keine reine Abrechnung. Schneidewind berichtet vom alltäglichen Systemversagen bei Schwimmbädern, Schulbau und Nahverkehr, benennt aber auch „Inseln des Gelingens“, die in vermeintlicher Ohnmacht entstehen, wenn Projekte wachsen und Engagierte sich vernetzen. Eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung beschreibt das Buch als Mischung aus Reform‑Plädoyer und Abrechnung, legt aber nahe, dass die Bilanz eher negativ ausfällt: Schneidewind klage über Blockade‑Föderalismus und die Überflüssigkeit mancher Stadträte, biete wissenschaftliche Ansätze, reiße Vieles aber nur an.

Ein weiteres Thema des Interviews wird die politische Kultur in Deutschland sein. Schneidewind warnt vor einer destruktiven Kritikkultur und der Verrohung der Debatten. Er verweist auf Kollegen wie Silvio Witt in Neubrandenburg, der seinen Rücktritt angekündigt hat – als Reaktion auf persönliche Anfeindungen, den Wahlerfolg der AfD und die Entscheidung der Stadtvertretung, die Regenbogenfahne abzuhängen. Solche Fälle seien keine Einzelfälle und zeigten, wie sehr sich Hate‑Speech und populistische Stimmungsmache auf kommunale Amtsträger auswirken.

Wie unterscheidet Schneidewind zwischen legitimer Opposition und destruktiver Blockade? Welche Rolle spielt der eigene Politikstil, wenn sich einstige Verbündete abwenden? Und welche Vorschläge hat der Wissenschaftler für einen lernenden Regulierungsrahmen, mehr Experimentierräume und eine konstruktive Debattenkultur? Das Buch bietet Stoff für eine Debatte über Transformationskraft, kommunale Demokratie und die Frage, ob es gelingen kann, die „Kraft des Ja“ gegen das institutionaliserte Nein zu setzen.

Wie kann man als Nicht-Handelnder agieren? Beim Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Karl Popper wird man fündig. Er spricht von der „Stückwerk-Sozialtechnik“. Sein politisches Ideal ist das schrittweise Herumprobieren oder Herumbasteln. Es geht nicht um die Durchsetzung von Tabula-Rasa-Methoden oder um die Allwissenheit von Politikern, die sich gerne in der Pose des Machers darstellen, sondern um Versuch und Irrtum. Niemand ist in der Lage, alles richtig zu machen. Niemand kann genau wissen, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln. Politische Ziele können nach Ansicht von Popper ehrgeizig formuliert werden. Im Regierungsalltag können sie aber auch fehlschlagen.

Problematisch in der Politik sei häufig die Kombination von Wirrnis und Aggressivität in der politischen Debatte, so Popper.

Mit der Stückwerk-Sozialtechnik pflege man hingegen eine nüchterne Diskussionskultur, da es nicht um abstrakte Ideale geht, unter denen möglicherweise jeder etwas anderes versteht, sondern um kleine Schritte.

Die Maschine, die Wissenschaft verändert – Zwischen User Modeling, Transformer und virtuellem Labor: Künstliche Intelligenz verändert, wie Forschung fragt, prüft und Verantwortung verteilt

Wer verstehen will, wohin sich Künstliche Intelligenz entwickelt, sollte zwei Forschungstraditionen zusammenlesen, die lange getrennt wirkten. Die eine stammt aus der frühen dialogorientierten KI: Wolfgang Wahlster und Alfred Kobsa untersuchten, wie technische Systeme Modelle ihrer Nutzer bilden, um sinnvoll antworten, beraten, erklären oder warnen zu können. Die andere Linie führt zum Transformer, jener Architektur, die seit 2017 große Teile der modernen KI geprägt hat. In „Attention Is All You Need“ beschreiben Ashish Vaswani, Noam Shazeer, Niki Parmar, Jakob Uszkoreit und ihre Mitautoren eine Architektur, die auf Selbstaufmerksamkeit beruht und ohne rekurrente Netze oder Faltungen auskommt.

Beide Linien treffen heute in einer neuen Frage zusammen. Künstliche Intelligenz verarbeitet längst nicht mehr nur Sprache. Sie ordnet Moleküle, Zellen, Bilder, Datenbanken, Sensordaten, Texte, Theorien und Experimente. Sie wirkt in der Medizin, in der Robotik, in Lernsystemen, in der Verwaltung, in der Suche, in Empfehlungssystemen und in der Grundlagenforschung. Ihre Leistungsfähigkeit hängt nicht allein von größeren Modellen ab. Entscheidend wird, wie gut sie Situationen, Absichten, Unsicherheit, Rollen, Risiken und wissenschaftliche Ziele modelliert.

Der Mensch vor dem System

Wahlster und Kobsa formulierten schon in den achtziger Jahren eine Einsicht, die heute wieder an Gewicht gewinnt. Ein Dialogsystem soll nicht mechanisch auf Eingaben reagieren. Es muss Annahmen darüber bilden, was der Nutzer weiß, was er will, welche Pläne er verfolgt und welche falschen Vorstellungen ihn möglicherweise leiten. Gerade in aufgabenorientierten Dialogen wird ein explizites Modell der Überzeugungen, Ziele und Pläne des Nutzers zum zentralen Problem.

Das bekannteste Beispiel wirkt harmlos. Fragt jemand nach der nächsten Tankstelle, reicht die geographisch nächste Adresse nicht aus. Hilfreich ist die nächste Tankstelle, die geöffnet ist. Die Antwort muss also den wahrscheinlichen Zweck der Frage erkennen. Das System reagiert auf eine Lage, nicht bloß auf eine Zeichenfolge.

In dieser kleinen Szene liegt ein Grundproblem heutiger KI. Ein medizinisches System muss unterscheiden, ob ein Patient, eine Ärztin oder ein Angehöriger fragt. Ein Lernsystem muss erfassen, welche Begriffe verstanden wurden. Ein Behördenassistent muss erkennen, ob jemand eine Regel sucht, missversteht oder an ihr scheitert. Ein Roboter muss die Fähigkeiten und Risiken der Menschen im Arbeitsraum berücksichtigen. Ohne Nutzer- oder Situationsmodell bleibt KI reaktiv. Mit einem guten Modell kann sie kooperativ handeln.

Der Transformer als Beziehungsarchitektur

Der Transformer löste zunächst ein technisches Problem der Sequenzverarbeitung. Ältere Sprachmodelle arbeiteten häufig Schritt für Schritt. Die rekurrente Verarbeitung erschwerte paralleles Training und lange Abhängigkeiten. Der Transformer ersetzt diese Logik durch Selbstaufmerksamkeit. Elemente einer Sequenz können direkt auf andere Elemente Bezug nehmen. Das Modell erfasst Beziehungen über weite Distanzen hinweg und lässt sich effizient parallelisieren.

Im Autorennachweis des Transformer-Papers findet sich ein wissenschaftshistorisch wichtiger Satz: Jakob Uszkoreit schlug vor, rekurrente Netze durch Self-Attention zu ersetzen, und gab den Anstoß, diese Idee systematisch zu prüfen. Dieser Hinweis ist mehr als eine Fußnote der KI-Geschichte. Er markiert den Übergang von einer KI, die Sequenzen abarbeitet, zu einer KI, die Relationen großräumig gewichtet.

Sprache wurde dadurch zu einem Beziehungsraum. Später weitete sich diese Logik auf Bilder, Code, Proteine, Moleküle, Sensorik und wissenschaftliche Daten aus. Der Transformer steht damit für eine neue Form maschineller Modellierung: Zusammenhänge werden nicht vollständig vorab in Regeln gegossen. Sie werden aus Daten, Kontexten und Rückkopplungen erschlossen.

Jakob Uszkoreit und die Rückkehr der Ingenieurintuition

Bei der Paneldebatte „The Future of Science in the Age of AI“ am Eröffnungstag des Google AI Center Berlin am 5. März 2026 wurde diese Verschiebung zur Leitfrage. Auf dem Podium saßen Yossi Matias, Jakob Uszkoreit, Fabian Theis, Alena Buyx und Klaus-Robert Müller. Die Diskussion kreiste um die Frage, ob KI Wissenschaft nur beschleunigt oder ihre innere Ordnung verändert.

Uszkoreit setzte dabei den entscheidenden Akzent. Der Transformer entstand nicht aus einer abgeschlossenen mathematischen Theorie des Verstehens. Er entstand aus einer technischen Idee, die funktionierte. Für Uszkoreit ist das kein Betriebsunfall der Wissenschaft, eher eine Rückkehr zu einer älteren Dynamik. In vielen Epochen kam die Ingenieurkunst vor der Theorie. Menschen bauten, variierten, prüften, verbesserten. Die systematische Erklärung folgte später.

Damit verschiebt sich auch das Bild der Forschung. Wissenschaft beginnt nicht immer mit einer fertigen Theorie, aus der Experimente abgeleitet werden. Oft beginnt sie mit einem wirksamen Eingriff, einem überraschenden Befund, einem Artefakt, das mehr kann als erwartet. KI verstärkt diese Bewegung. Sie erzeugt Hypothesen, findet Muster, entwirft Moleküle, schlägt Experimente vor. Verstehen bleibt wichtig, aber es entsteht häufiger nach dem Gelingen.

Wenn Hypothesen billig werden, wird Prüfung kostbar

Yossi Matias beschrieb in Berlin KI als Beschleuniger wissenschaftlicher Entdeckung. KI-Agenten können Literatur auswerten, Hypothesen erzeugen, Entwürfe kritisieren, Lücken in Argumentationen markieren und Forschungswege vorsortieren. Daraus entsteht die Vorstellung eines virtuellen Labors, das auch jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Verfügung steht.

Diese Entwicklung verändert die akademische Arbeitsteilung. Wissenschaftliche Reife war lange mit Langsamkeit verbunden: lesen, vergleichen, rechnen, scheitern, verwerfen, erneut beginnen. Wenn Systeme Teile dieser Arbeit übernehmen, verschwindet die Forscherin nicht. Ihre Aufgabe verlagert sich. Sie muss stärker urteilen, auswählen, priorisieren und validieren.

Gerade darin liegt die neue Knappheit. Ideen können massenhaft generiert werden. Hypothesen lassen sich in Tausenden Varianten bilden. Der Engpass liegt bei der Prüfung. Reproduzierbarkeit, Fehlerabschätzung, experimentelle Bestätigung und institutionelle Qualitätskontrolle werden wichtiger als die bloße Erzeugung neuer Vorschläge. KI macht die Wissenschaft schneller. Sie zwingt sie zugleich, ihre Prüfverfahren zu härten.

Biologie als Testfall

Fabian Theis machte deutlich, warum die Lebenswissenschaften zu einem zentralen Testfeld dieser Entwicklung werden. In der Biologie fehlen oft jene kompakten Gesetze, die der Physik über lange Zeit Orientierung gaben. Zellen, Gewebe, Krankheiten und Therapien bilden ein Geflecht von Wechselwirkungen, das menschliche Intuition überfordert.

KI kann hier Muster über Millionen von Zellen und molekularen Zuständen hinweg erkennen. Sie kann Krankheitsverläufe modellieren, Zellzustände vergleichen und Kombinationen von Interventionen entwerfen. Der Mensch bleibt nicht außen vor. Doch seine Rolle verändert sich. Er wird zum Interpreten, Prüfer und Gestalter maschinell erzeugter Wissensräume.

Damit zeigt sich eine Parallele zum User Modeling. In beiden Fällen geht es um Annahmen unter Unsicherheit. Was weiß das System? Was vermutet es? Welche Daten fehlen? Welche Konsequenzen hat ein Eingriff? Die Frage betrifft nicht nur den einzelnen Nutzer. Sie betrifft biologische Systeme, medizinische Entscheidungen, wissenschaftliche Hypothesen und gesellschaftliche Anwendungen.

Die Mathematik bleibt unentbehrlich

Klaus-Robert Müller brachte in die Debatte eine notwendige Nüchternheit ein. KI ist mathematisch fundiert, doch die Wissenschaften unterscheiden sich darin, wie viel Daten sie besitzen und wie teuer Irrtümer sind. In der Bildklassifikation kann ein Fehler harmlos sein. In der Medizin kann er lebensentscheidend werden. In der Quantenchemie oder Molekülsimulation sind Daten oft aufwendig zu berechnen. Dort muss KI physikalisches und mathematisches Vorwissen nutzen, um mit weniger Beispielen tragfähige Aussagen zu gewinnen.

Daraus folgt: Es gibt keine einheitliche Wissenschafts-KI. Jedes Feld bringt eigene Datenlagen, Risiken, Standards und Erklärungspflichten mit. Die Modelle müssen nicht nur leistungsfähig sein. Sie müssen zum jeweiligen Erkenntnis- und Verantwortungsraum passen.

Die Ethik der Forschungsbeschleunigung

Alena Buyx verschob die Frage von der Transparenz auf die Organisation der Wissenschaft. In der Medizin wurde häufig gehandelt, bevor alle Wirkmechanismen vollständig verstanden waren. Aspirin ist ein klassisches Beispiel. Vollständige Erklärung ist nicht immer Voraussetzung verantwortlichen Handelns. Entscheidend ist der Umgang mit Unsicherheit, Risiko und Verantwortung.

Buyx’ Kernfrage betrifft Ausbildung und Infrastruktur. Wenn KI-Werkzeuge allgegenwärtig werden, wer kontrolliert dann Datenzugänge, Modelle und Rechenkapazitäten? Wie bleibt Forschung unabhängig, wenn zentrale Ressourcen bei wenigen Akteuren liegen? Wie bildet man Nachwuchs aus, wenn junge Forschende mit KI plötzlich Aufgaben bewältigen können, für die früher ein ganzes Labor nötig war?

Ihr Beispiel aus der Chirurgie trifft den Punkt. Minimalinvasive Verfahren veränderten das Operieren grundlegend. Chirurgen mussten neue Techniken lernen, zugleich mussten sie wissen, wann der alte Eingriff nötig bleibt. Für die KI-Wissenschaft gilt etwas Ähnliches. Forschende sollen neue Werkzeuge nutzen. Sie müssen aber erkennen können, wann das Werkzeug versagt.

Personalisierung als Machtform

Damit führt die Berliner Debatte zurück zu Wahlster und Kobsa. Personalisierung ist keine bloße Bequemlichkeit. Sie entscheidet, welche Information jemand erhält, welche Komplexität reduziert wird, welche Wege empfohlen werden und welche Optionen verschwinden. Das gilt für Lernplattformen, medizinische Systeme, Suchmaschinen, Forschungsassistenten, Verwaltungssysteme und Robotik.

Ein System, das Menschen modelliert, erzeugt keine neutrale Beschreibung. Es arbeitet mit Annahmen. Diese Annahmen können hilfreich, falsch, riskant oder diskriminierend sein. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen Wissen, Vermutung, Rollenannahme und statistischer Zuschreibung zentral.

Wahlster und Kobsa sahen dieses Problem früh. Ein User Model ist bei ihnen nicht einfach eine Sammlung von Informationen über eine Person. Es ist eine eigene Wissensquelle mit expliziten Annahmen, die vom übrigen Systemwissen unterscheidbar sein müssen. Die Modellierungskomponente soll solche Annahmen aufbauen, aktualisieren, löschen, konsistent halten und anderen Systemteilen verfügbar machen.

Diese begriffliche Präzision fehlt vielen heutigen KI-Systemen. Sie passen sich an, ohne ihre Annahmen offenzulegen. Sie prognostizieren, ohne klar zwischen Evidenz und Zuschreibung zu trennen. Sie wirken intelligent, während ihr Bild vom Menschen verborgen bleibt.

Wissenschaftliche Literatur als Trainingsmaterial

Uszkoreit brachte in Berlin einen Gedanken ein, der weit über technische Fragen hinausreicht: Wissenschaftliche Literatur lässt sich als von Menschen erzeugte synthetische Daten lesen. Fachartikel speichern nicht nur Erkenntnisse. Sie tragen auch die Anreizstrukturen der Wissenschaft in sich: Publikationsdruck, Zitierlogiken, modische Themen, methodische Vorlieben, institutionelle Hierarchien.

Wenn KI diese Literatur massenhaft auswertet, übernimmt sie nicht nur Wissen. Sie lernt auch Formen wissenschaftlicher Selbstdarstellung. Damit entsteht ein neues Risiko. KI könnte Forschung objektiver machen, weil sie größere Zusammenhänge erkennt. Sie könnte aber auch bestehende Verzerrungen beschleunigen, weil sie aus Texten lernt, die bereits von Karrieren, Gutachten und Förderlogiken geprägt sind.

Die Antwort darauf liegt nicht allein in besseren Modellen. Sie liegt in neuen Prüfverfahren, offenen Daten, Replikationskulturen, transparenter Autorenschaft und Anreizsystemen, die robuste Erkenntnis stärker belohnen als schnelle Produktion.

Aufmerksamkeit reicht nicht

„Attention Is All You Need“ war ein glänzender Titel für einen technischen Durchbruch. Für die gesellschaftliche Wirklichkeit der KI reicht Aufmerksamkeit nicht aus. Ein System braucht Gedächtnis, Zweckbindung, Revidierbarkeit, Risikobewusstsein und eine klare Trennung zwischen Annahme und Erkenntnis.

Die neue KI spricht von Tokens, Parametern, Kontextfenstern und Attention Heads. Die ältere User-Modeling-Forschung sprach von Überzeugungen, Zielen, Plänen, Fehlannahmen, Konsistenz und Revision. Die nächste Generation vertrauenswürdiger KI muss diese Sprachen zusammenführen.

Die nächste Wissenschaft kennt ihre Unsicherheit

Die zentrale Aufgabe liegt nicht darin, KI menschlicher wirken zu lassen. Wichtiger ist, ihre Annahmen über Menschen, Daten, Systeme und Hypothesen prüfbar zu machen. Gute KI wird nicht maximal personalisieren oder maximal generieren. Sie wird situationsgerecht modellieren, Unsicherheit ausweisen und Grenzen respektieren.

Nach der Ära der großen Modelle beginnt die Ära verantwortlicher Modellierung. Sie betrifft nicht nur Sprache. Sie betrifft Wissenschaft, Medizin, Bildung, Verwaltung, Industrie und öffentliche Infrastruktur.

KI verändert Forschung nicht allein durch Geschwindigkeit. Sie verschiebt den Ort, an dem Erkenntnis entsteht: zwischen Theorie und Experiment, Mensch und Modell, Hypothese und Intervention, Verstehen und Wirkung. Genau dort entscheidet sich, ob Wissenschaft im Zeitalter der KI nur produktiver wird. Oder auch klüger.

Zur KI-Forschungsgeschichte, die vor 40 Jahren in Maria Laach bei Bonn begründet wurde, siehe auch das Interview mit Wolfgang Wahlster:

Wie Gumbrecht die Geister der Geisteswissenschaften noch einmal versammelt

Hans Ulrich Gumbrechts Autobiografie „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“ lässt sich als Lebensbericht lesen. Man kann sie auch als Atlas einer verschwundenen Gelehrtenrepublik verstehen. Dann erscheinen Würzburg, Konstanz, Bochum, Siegen, Stanford, Rio und Jerusalem nicht als Stationen einer Karriere, vielmehr als Zonen geistiger Temperatur. In ihnen wechselt der Luftdruck des Denkens. Mal herrscht die frühe Bundesrepublik mit ihren Bildungsversprechen, mal die Siegener Theorieprovinz, mal Stanford mit seiner kalifornischen Freiheit, mal Jerusalem als Ort einer erhofften und versagten Erlösung.

Gumbrecht erzählt sich nicht als Sieger. Er erzählt sich als einer, der nie ganz in dem Raum aufgeht, den er gerade bewohnt. Das ist die Kraft des Untertitels: Halbdistanz. Kein ästhetischer Sicherheitsabstand, keine elegante Pose des Beobachters. Eher eine Lebensbedingung. Der fränkische Geburtsort, die westdeutsche Universität, die amerikanische Akademie, die brasilianische Sprache, die jüdische Gegenwart Jerusalems: überall Nähe, nirgends Verschmelzung. Halbdistanz ist bei Gumbrecht nicht Mangel an Zugehörigkeit. Sie ist die Form, in der Erkenntnis überhaupt möglich wird.

Der Gelehrte, der dem Gelehrtenbild entkommt

Gerade deshalb wirkt sein Bekenntnis so irritierend. Gumbrecht beginnt seine Autobiografie nicht mit dem Pathos des Gelehrten, der schon als Kind im Bücherlicht saß. Er spricht davon, kein leidenschaftlicher Leser im klassischen Sinn zu sein, nicht in jener Weise, wie das bürgerliche Ideal es vorsieht: jede Woche ein großer Roman, jedes neue philosophische Werk als Pflicht. Auch das Unterrichten lag ihm nicht als natürliche Begabung. Das eigene Schreiben betrachtet er mit einer Skepsis, die fast rücksichtslos wirkt.

Man kann das als Koketterie lesen. Man sollte es ernster nehmen. Gumbrecht verabschiedet damit den alten Typus des Gelehrten, dessen Autorität auf einer fast liturgischen Verbindung von Lektüre, Lehre und Bildungshabitus ruht. Die Figur, die hier spricht, hat nicht weniger gelesen, nicht weniger gedacht, nicht weniger geschrieben. Aber sie akzeptiert nicht mehr die überlieferten Requisiten der Rolle. Das ist mehr als Selbstironie. Es ist eine kleine Theorie des Intellektuellen nach dem Bildungsbürgertum.

Die Bonner Republik als Durchgangsraum

Gumbrecht spricht von der alten Bonner Republik mit einer Wärme, die gerade deshalb überzeugt, weil sie nicht nostalgisch wird. Diese Republik war für ihn ein Möglichkeitsraum. Seine Eltern kamen aus nichtakademischen Verhältnissen, studierten Medizin, wurden Chirurgen. Der soziale Aufstieg war real, der kulturelle Besitz nicht automatisch mitgeliefert. Bücher standen im Regal, ohne gleich eine genealogische Aura zu erzeugen.

Genau hier liegt der politische Kern seiner Erinnerung an die Reformuniversitäten. Bochum, Bielefeld, Siegen: Das waren nicht nur Neugründungen, nicht nur bauliche Zeichen der Bildungsexpansion. Sie waren Durchbrüche in eine Gesellschaft, die den Aufstieg ins kulturelle Establishment Menschen aus nichtbürgerlichen Familien noch immer schwer machte. Die Bonner Republik hatte ihre Trägheiten, ihre Selbstgefälligkeiten, ihre westdeutschen Rituale. Aber sie besaß auch jene institutionelle Beweglichkeit, die aus Bildungsferne keinen Lebensfluch machen musste.

Gumbrecht bewundert diese Bundesrepublik rückblickend. Nicht als moralische Idylle. Als historische Konstruktion, die mehr Türen öffnete, als die Nachwelt ihr zugestehen will.

Siegen auf der Landkarte des Geistes

Siegen ist in Gumbrechts Erzählung der Ort, an dem das Unwahrscheinliche Form annimmt. Die Stadt, über die man spottete, die Universitätsgründung, die vielen überflüssig erschien, das „protestantische Loch an der Sauerland-Linie“: Ausgerechnet dort begann eine Episode, in der Theorie wieder Ereignischarakter bekam.

Friedrich Kittler trat auf, Niklas Luhmann kam mittwochs aus Bielefeld, Lyotard machte aus der Gastprofessur eine intellektuelle Adresse, Derridas erster Besuch in der Bundesrepublik führte nach Siegen. Frank Schirrmacher musste für ein FAZ-Interview mit Lyotard dorthin reisen. Das ist eine dieser Geschichten, die heute erfunden klängen, wäre sie nicht zu gut belegt durch die Erinnerung jener, die dabei waren.

Siegen war keine Metropole. Eben darin lag seine Kraft. Die Hauptstadt des Denkens kann überall auftauchen, wenn die richtigen Spannungen entstehen. Für einen Augenblick wurde die Provinz zum Prüfstand der Theorie. Nicht, weil sie schöner, klüger oder traditionsreicher gewesen wäre. Weil sie offen genug war, ihren Mangel an Prestige in Energie zu verwandeln.

Kittlers Exorzismus

Friedrich Kittler war unter diesen Gestalten der radikalste Entzauberer. Seine Formel von der „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ wirkt bis heute wie eine Provokation, weil sie das Fach dort trifft, wo es sich am liebsten feiert: im Glauben an Geist, Mensch, Geschichte, Sinn. Kittler attackierte nicht einen Irrtum innerhalb der Geisteswissenschaften. Er attackierte ihre sakrale Selbstbeschreibung.

Bei ihm treten Medien, Apparate, Speicher, Codes, Schreibmaschinen, Grammophone, Filme, Computer an die Stelle des humanistischen Innenraums. Nicht der Mensch spricht, bevor die Technik kommt. Die technischen Formen bestimmen mit, was überhaupt gesagt, gespeichert, gehört, gelesen und gedacht werden kann.

Gumbrecht teilt Kittlers Wachheit für diese Verschiebung. Doch er übernimmt nicht dessen vollständige Exorzismuslust. Kittler treibt den Geist aus. Gumbrecht fragt, welche Formen geistiger Gegenwart nach dieser Austreibung noch möglich sind. Genau darin unterscheiden sich beide. Kittler ist der kalte Operateur an der Legende des Humanismus. Gumbrecht ist der Chronist der verbliebenen Intensitäten.

Luhmanns Volvo und die Ordnung des Unwahrscheinlichen

Niklas Luhmann kommt in Gumbrechts Erinnerungen mit einer fast literarischen Präzision vor: der Volvo aus Bielefeld, die eigentümliche Stimme, die Ankündigung, man müsse nun jeden Mittwoch mit ihm rechnen. Luhmann erscheint nicht als bloßer Autor der Systemtheorie, vielmehr als atmosphärische Macht. Seine Begriffe wurden übernommen, sein Tonfall kopiert, seine Art, Fragen zu stellen, zog andere in einen Betrieb der Unterscheidungen hinein.

Das erklärt den Unterschied zu Kittler. Kittler elektrisiert, Luhmann organisiert. Kittler erzeugt Funken, Luhmann erzeugt Anschlussfähigkeit. Kittlers Denken hat etwas von einem Schlaglicht, Luhmanns Denken von einem sich selbst fortschreibenden Bauplan. Gumbrecht bewundert beides, aber er wird keinem von beiden einfach Schüler. Seine eigene Bewegung bleibt unsteter, offener, stärker auf Situationen gerichtet.

Habermas als Hintergrundrauschen der Republik

Habermas steht in diesem Gespräch weniger im Vordergrund. Gerade dadurch ist seine Funktion erkennbar. Er bildet den politischen Horizont jener westdeutschen Intellektualität, in der Öffentlichkeit, Vernunft, Moral und Verfahren noch miteinander verbunden waren. Er ist die große Referenz der alten Bundesrepublik, der Mann, an dem sich Zustimmung und Absetzung gleichermaßen bildeten.

Gumbrecht denkt nicht gegen Habermas im polemischen Sinn. Er zeigt eher eine andere Linie. Neben dem normativen Bau der Öffentlichkeit entsteht bei ihm eine Geschichte der intellektuellen Situationen: Poetik und Hermeneutik, Siegen, Stanford, Gracián, Kittler, Taubes, Bohrer. Die Republik erscheint dann nicht nur als Diskursordnung. Sie erscheint als Geflecht von Räumen, Stimmen, Anreisen, Einladungen, Verstörungen.

Jacob Taubes oder die produktive Störung

Jacob Taubes nimmt in diesem Geflecht eine Sonderrolle ein. Gumbrecht überhöht ihn nicht zum größten Philosophen seiner Zeit. Er beschreibt ihn klüger: als jüdischen Intellektuellen, dessen Anwesenheit in der alten Bundesrepublik bestimmte Ausweichbewegungen unmöglich machte.

Taubes kam aus einer Zürcher Rabbinerfamilie, aus der jüdischen Welt New Yorks, aus einer theologischen und intellektuellen Tradition, die der Bundesrepublik etwas zumutete. In Poetik und Hermeneutik wurden Gespräche anders, wenn er anwesend war. Nicht automatisch besser, nicht immer gerechter, aber weniger bequem. Taubes zwang Themen in den Raum, die sonst am Rand geblieben wären.

Seine Beziehung zu Carl Schmitt bleibt eine der schwierigsten Szenen dieser Gelehrtenrepublik. Der jüdische Intellektuelle fährt zum alten Ex-Nazi nach Plettenberg. Gumbrecht nennt seine damalige Reaktion: schrecklich. Später erkennt er gerade in solchen unerträglichen Konstellationen eine Quelle intellektueller Lebhaftigkeit. Das ist keine Rechtfertigung. Es ist die Einsicht, dass geistige Geschichte selten aus moralisch sauberen Versuchsanordnungen besteht.

Poetik und Hermeneutik: Die Republik der Vorlage

Die Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik erscheint bei Gumbrecht wie ein verlorenes Ritual. Zwei Wochen Bad Homburg, täglich Diskussionen, vorab verschickte Texte, keine Vorträge, keine Zusammenfassungen. Man kam vorbereitet, man blieb, man diskutierte stundenlang.

Heute klingt das fast archaisch. Die Gegenwart hat den Kalender zerstückelt, die Aufmerksamkeit parzelliert, die akademische Kommunikation beschleunigt und zugleich verdünnt. Poetik und Hermeneutik war ein Gegenmodell: Zeit als Bedingung des Denkens. Nicht der schnelle Kommentar, nicht das sofortige Resultat, nicht der verwertbare Output standen im Zentrum. Entscheidend war die gemeinsame Bearbeitung einer Vorlage.

Man darf dieses Format nicht verklären. Auch dort gab es Eitelkeit, Macht, Ausschlüsse, alte Belastungen. Aber es besaß eine Größe, die kaum zu bestreiten ist: Es zwang bedeutende Geister, sich füreinander Zeit zu nehmen.

Karl Heinz Bohrer: Die Würde der Nicht-Ankunft

Karl Heinz Bohrer ist in Gumbrechts Erinnerungen eine Figur von fast romanhafter Prägnanz. Früher Literaturchef der FAZ, später Professor in Bielefeld, Freund Gumbrechts, Gast in Stanford. Bohrer gehört zu den Intellektuellen, die nicht durch Einpassung wirken. Sie wirken durch Unverfügbarkeit.

Gumbrecht erzählt, Bohrer sei fremdsprachlich extrem unbegabt gewesen, was auch eine Stärke sein könne: Er habe das Deutsche so vollständig bewohnt, dass für eine andere Sprache kaum Platz blieb. In Stanford aber wurde genau dieser Mann zum Faszinosum. Studenten sahen in ihm den europäischen Intellektuellen. Stanford bot ihm eine dauerhafte Professur an. Bohrer lehnte ab. Jahr für Jahr.

Er lehnte nicht ab, weil ihn Stanford nicht reizte. Das Angebot selbst machte ihm Freude. Die Möglichkeit war kostbarer als die Einlösung. Darin liegt die ganze Bohrer-Figur: anwesend sein, ohne sich verfügbar zu machen; leuchten, ohne zu bleiben; eine Institution faszinieren, ohne von ihr verschluckt zu werden. In Zeiten restloser Administrierbarkeit wirkt das wie ein aristokratischer Rest.

Werner Krauss und das spanische Licht

Werner Krauss gehört zu den Gestalten, bei denen Gumbrechts Erzählkunst plötzlich eine andere Frequenz bekommt. Krauss, Romanist, DDR-Akademiemitglied, Widerstandskämpfer, zum Tode verurteilter Plötzensee-Häftling, erscheint zunächst grotesk: schwerer Körper, Cognacflaschen im Koffer, Erschöpfung, halb geschlossene Augen.

Doch dann geschieht etwas, das keine Theorie ersetzen kann. In einer Konstanzer Dachwohnung spricht Krauss über das spanische Silberne Zeitalter. Lorca, Antonio Machado, Gerardo Diego, Buñuel, Dalí, Unamuno, Ortega y Gasset treten nicht als Namen auf, vielmehr als Erinnerungskörper. Krauss interpretiert Literatur nicht. Er ruft sie herbei.

Gumbrecht erkennt darin eine andere Form von Geistesgeschichte. Sie wird nicht systematisiert. Sie wird verkörpert. Krauss’ beschädigter Leib und seine Erinnerung an Spanien gehören zusammen. Die deutsche Katastrophe steht neben dem Licht Madrids. Der Überlebende trägt die Literatur nicht im Kopf, er trägt sie in der Stimme.

Machado, Amichai und die Literatur ohne Erlösung

Die literarische Tiefenschicht von Gumbrechts Autobiografie führt weiter zu Machado de Assis und Jehuda Amichai. Machado, der brasilianische Klassiker, eröffnet ihm Rio nicht als Exotik, sondern als Vergangenheit mit physischer Anziehungskraft. Brás Cubas schreibt aus dem Jenseits und rechtfertigt ein Leben, das sich nicht rechtfertigen lässt. Gumbrecht erkennt Machados Ironie als Sympathie: keine kalte Überlegenheit, kein Vernichten der Figur, vielmehr eine Nähe zum Scheitern.

Amichai führt in eine härtere Zone. Gumbrecht und Amichai teilen Würzburg und Jerusalem, doch jede Gleichsetzung wäre taktlos. Amichai musste Würzburg als jüdisches Kind verlassen, weil die Stadt zur Todeszone wurde; Gumbrecht verließ Würzburg Jahrzehnte später auf einem Weg in die Welt. Jerusalem wurde für Amichai Ort jüdischer Normalisierung, für Gumbrecht kein Ort der Erlösung von deutscher Geschichte.

Auch darin zeigt sich Halbdistanz: Nähe ohne Aneignung.

Gracián oder die Klugheit nach dem System

Der vielleicht feinste Seitenweg führt zu Balthasar Gracián. Gumbrecht hat das Handorakel neu übersetzt und liest es nicht als Handbuch des Zynismus. Für ihn ist Gracián ein Autor der Distanz, der Gelassenheit, der stoischen Selbstführung. Der Jesuit des spanischen Barock schreibt im Handorakel keine Theologie, obwohl er Theologe war. Er liefert kurze Regeln für das Verhalten in unsicheren Lagen. Keine Gesamtphilosophie, kein Weltbild, kein metaphysisches Dach.

Darum erklärt sich seine Wirkung auf Schopenhauer, Nietzsche und Brecht. Alle drei standen im Gravitationsfeld großer Systeme, ohne ihnen ganz zu gehören. Schopenhauer übersetzte Gracián und blieb der große Außenseiter der Universitätsphilosophie. Nietzsche begehrte Weltform und sprengte sie. Brecht entschied sich politisch für den Marxismus, blieb aber scharf genug, Graciáns kühle Klugheit zu brauchen.

Gumbrecht reiht sich in diese Familie nicht prahlerisch ein. Doch die Nähe ist unverkennbar. Er gehört zu jenen, die ein System verstehen, manchmal bewundern, vielleicht sogar wünschen, aber nicht in ihm wohnen können. Gracián gibt solchen Geistern keine Heimat. Er gibt ihnen Manieren des Überlebens.

Die Kälte als Verzicht auf falsche Wärme

Helmuth Lethens Verhaltenslehre der Kälte schwebt hier mit. Gumbrecht nimmt den Begriff auf, ohne ihn in Menschenfeindlichkeit umzudeuten. Kälte meint nicht Grausamkeit. Sie meint den Verzicht auf trügerische Wärme großer Erklärungen. An Hegel, an Marx, an geschlossene Weltbilder kann man sich wärmen. Gracián wärmt nicht.

Sein Handorakel verlangt Aufmerksamkeit, Distanz, Timing, Selbstbegrenzung. Es hilft nicht, sich in eine große Geschichte einzuschreiben. Es hilft, die nächste Lage zu bestehen. In der Moderne nach den Systemen ist das kein kleiner Anspruch. Vielleicht ist es sogar der realistischere.

Stanford und die Freiheit des Nicht-Narrativen

Stanford ist in Gumbrechts Werk kein bloßer Karriereort. Es ist der Ort einer neuen Formfreiheit. Sein Buch „1926“ entstand dort als Versuch, ein Jahr nicht zu erzählen, sondern begehbar zu machen. Alphabetische Ordnung statt Chronologie, Präsenz statt Narration. Der Leser soll zeitweise vergessen, wann er liest, und glauben, im Jahr 1926 zu sein.

Gumbrecht nennt dieses Buch eine positive Diskontinuität seines Werks. Das klingt bescheiden, meint aber viel. In Stanford gewann er eine Freiheit der intellektuellen Entscheidung, die er in Deutschland nicht in dieser Weise erfahren hatte. Die amerikanische Universität gab ihm nicht nur einen Arbeitsplatz. Sie gab ihm ein anderes Verhältnis zur Form.

Deep Learning und das Ende der alten Universität

Von Stanford aus fällt der Blick auf Deep Learning, künstliche Intelligenz und die Zukunft der Universität. Gumbrecht unterscheidet präzise: Nicht jede elektronische Technologie verdient den Namen künstliche Intelligenz. Im engeren Sinn beginnt KI dort, wo Algorithmen sich selbst optimieren.

Damit stellt sich die Universitätsfrage neu. Wenn Überblickswissen, Vorlesungen, Wissensvermittlung elektronisch günstiger und oft effizienter zu haben sind, verliert die Universität einen Teil ihrer alten Selbstverständlichkeit. Was bleibt? Begegnung? Forschung? Streit? Präsenz? Formung von Urteilskraft?

Gumbrecht verweigert fertige Antworten. Das macht seine Diagnose glaubwürdig. Er spricht nicht vom Untergang, er spricht von einer offenen Transformation. Aber der Ernst bleibt: Vielleicht endet nicht nur eine Epoche der Geisteswissenschaften. Vielleicht endet die Universität, wie Humboldt sie gedacht hat.

Gumbrecht als Wetterkundler des Geistes

Was verbindet all diese Figuren? Kittler, Luhmann, Habermas, Bohrer, Gracián, Brecht, Schopenhauer, Nietzsche, Werner Krauss, Jacob Taubes, Carl Schmitt, Machado, Amichai, Leo Löwenthal, Carlo Barck? Gumbrecht baut aus ihnen kein Pantheon. Er stellt sie in Wetterlagen.

Jeder bringt ein Klima mit. Kittler die Kälte der Apparate. Luhmann die Architektur der Unterscheidungen. Habermas die moralische Öffentlichkeit. Taubes die jüdische Störung der westdeutschen Selbstberuhigung. Bohrer die ästhetische Unverfügbarkeit. Gracián die Distanz. Krauss den beschädigten Körper der Geschichte. Machado die Ironie der Sympathie. Amichai die Gnade ohne Erlösung.

Gumbrecht ist weniger Systematiker als Meteorologe solcher Intensitäten. Er schreibt nicht die Geschichte des Geistes. Er lässt spüren, wann die Luft sich ändert.

Hören, bevor man ordnet

Vielleicht fasst Werner Krauss den ganzen Gumbrecht am besten zusammen. Auf die Frage, ob er seine Erinnerungen an die spanische Literatur in eine Geschichte fassen wolle, antwortet er, dafür sei es zu spät; man solle einfach zuhören und selbst etwas damit anfangen.

Das könnte als Motto über diesem Autorengespräch stehen. Gumbrecht liefert keine fertige Lehre. Er stellt Stimmen, Orte, Zeiten, Brüche, Fehlschläge und Glücksfälle so nebeneinander, dass aus ihnen etwas entsteht, was keine bloße Theorie leisten könnte: eine Gegenwart der Vergangenheit.

Sein Denken beginnt dort, wo Systeme nicht mehr genügen und Anekdoten noch nicht bloß Unterhaltung sind. Es lebt von Halbdistanz, von Nähe ohne Verschmelzung, von Kälte ohne Zynismus, von Erinnerung ohne Erlösung. Wer dieses Gespräch hört, erlebt mehr als eine Autobiografie. Er erlebt die Frage, wie man nach dem großen Jahrhundert der Geisteswissenschaften weiterdenken kann — mit weniger Schutz, weniger Wärme, weniger Gewissheit, aber vielleicht mit größerer Genauigkeit.

Exkurs: Was Merz von Gracián lernen könnte – Herr Kanzler, heute Abend dem Gumbrecht-Gespräch lauschen :-) @Bundeskanzler

Dieser Exkurs gehört in meinen Beitrag über Friedrich Merz, politische Beratung und die verlorene Kunst des Rats. Nach dem Blick auf Helmut Kohls langjährige Vertraute, auf Teltschik, Bergsdorf, Biedenkopf, Geißler und die geistige Umgebung der alten Union, verschiebt sich der Akzent: Nicht nur die Berater fehlen, auch die ältere Lehre politischer Selbstbeherrschung. Genau hier führt der Weg zu Balthasar Gracián, dem spanischen Jesuiten des siebzehnten Jahrhunderts, dessen „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ im Gespräch mit Hans Ulrich Gumbrecht eine zentrale Rolle spielt, das heute um 20 Uhr ausgestrahlt wird. Gumbrecht beschreibt Graciáns Buch als kompaktes Werk von Ratschlägen zum Verhalten im Alltag, aus dem kein geschlossenes Weltbild abzuleiten sei, wohl aber ein Stil der Gelassenheit.

Friedrich Merz könnte von Gracián lernen, dass politische Klugheit nicht mit Rechthaben beginnt. Sie beginnt mit der Kontrolle des eigenen Erscheinens. Der spanische Jesuit wusste, dass Macht nie nur aus Absicht besteht. Sie entsteht aus Takt, Verzögerung, Maskierung, rechtem Maß, Menschenkenntnis und der Fähigkeit, den eigenen Impuls nicht mit Entschlusskraft zu verwechseln.

Das ist die Lektion, die Merz am dringendsten bräuchte. Er besitzt Angriffslust, Begriffshärte, ökonomischen Ernst und einen Instinkt für die Schwächen des politischen Gegners. Was ihm oft fehlt, ist die zweite Bewegung: die Einhegung der eigenen Energie. Gracián hätte vermutlich nicht gefragt, ob Merz recht hat. Er hätte gefragt, was der Kanzler gewinnt, wenn er sichtbar recht behalten will.

Gerade im Kanzleramt wird der starke Satz gefährlich. In der Opposition kann er eine Lage klären. In der Regierung kann er den nächsten Konflikt erzeugen, bevor der vorige verstanden ist. Merz wirkt häufig, als sei er noch immer im Modus der Entlarvung. Gracián hätte ihm nahegelegt, dass Macht aus dosierter Sichtbarkeit entsteht. Nicht jeder Gedanke verlangt sofort nach öffentlicher Form. Nicht jede Provokation verdient Antwort. Nicht jede Empörung ist eine Einladung zur Selbstbehauptung.

Gumbrecht führt im Gespräch aus, Gracián habe als bedeutender jesuitischer Theologe die theologischen Großantworten im „Handorakel“ gerade ausgeblendet und stattdessen eine Sammlung präziser Verhaltensratschläge geschaffen. Diese Verschiebung ist politisch aufschlussreich. Ein Kanzler muss nicht bei jeder Gelegenheit eine Gesamtlehre vortragen. Er muss wissen, wann er spricht, wann er wartet, wann er anderen Raum gibt, wann er einen Koalitionspartner nicht demütigt, wann er die eigene Anhängerschaft enttäuschen muss, um regierungsfähig zu bleiben. Hier lohnt der Blick auf das Gespräch mit Professor Hans Ulrich Gumbrecht um 20 Uhr.

Thematisiert wird Gracián als Autor der Kälte. Er tröstet nicht. Er entzaubert. Der Mensch erscheint bei ihm als Wesen der Eitelkeit, der Gelegenheit, der Täuschbarkeit und der Selbstüberschätzung. Genau deshalb passt er in die Berliner Gegenwart. Merz’ Problem liegt nicht nur in mangelnder Kommunikation. Es liegt in einem Defizit an Weltklugheit. Er verwechselt zu oft Klartext mit Klarheit. Klartext sucht Wirkung. Klarheit ordnet Kräfte.

Darum wäre Gracián für Merz kein literarischer Schmuck, kein bildungsbürgerlicher Seitenblick, kein Aperçu für eine Sonntagsrede. Er wäre eine Zumutung. Er würde dem Kanzler die härteste Frage stellen: Beherrschst du die Lage, oder beherrscht dich dein Bedürfnis, in ihr glänzend zu erscheinen?

Aus Gumbrechts Hinweis auf Graciáns Wirkungsgeschichte ergibt sich noch ein zweiter Gedanke. Das „Handorakel“ faszinierte gerade Denker, die ein System suchten und zugleich an der Möglichkeit geschlossener Systeme zweifelten: Schopenhauer, Nietzsche, Brecht, Lethen. Auch Merz regiert in einer Zeit, in der die alten Systeme nicht mehr tragen. Der westliche Marktoptimismus, die alte industrielle Sicherheit, die transatlantische Gewissheit, die europäische Routine: alles unter Druck. In einer solchen Lage führt nicht, wer am lautesten Ordnung behauptet. Führung gewinnt, wer im Ungeordneten Maß findet.

Vielleicht lautet die Gracián-Lektion für Merz daher so: Werde nicht kleiner als dein Amt durch den Wunsch, größer zu erscheinen als deine Gegner. Genau daran entscheidet sich Kanzlerschaft. Nicht am nächsten rhetorischen Befreiungsschlag. Nicht an der nächsten scharfen Formel. Politische Autorität beginnt oft dort, wo der Satz, der Applaus verspräche, unausgesprochen bleibt.

Herr Kanzler, heute Abend dem Gumbrecht-Gespräch lauschen 🙂

Der beratene Kanzler und der ratlose Kanzler: Warum Friedrich Merz mehr braucht als Experten @Bundeskanzler @dieterschnaas

Friedrich Merz ist nicht allein. Um ihn herum arbeiten Staatssekretäre, Abteilungsleiter, Sprecher, Sherpas, Planer, Dossierverfasser, außenpolitische Zuarbeiter, wirtschaftspolitische Analytiker, Kommunikationsleute, Umfragekundler, Strategen auf Zeit und jene graue Priesterschaft der Gegenwart, die sich Consultants nennt. Nie war Politik von mehr Beratung umstellt. Nie war der Verdacht größer, dass gerade diese Überfülle an Beratung den eigentlichen Rat verdrängt.

Das ist der verborgene Skandal des ersten Kanzlerjahres von Friedrich Merz. Nicht seine einzelnen Sätze, nicht die missglückten Interviews, nicht der Streit in der Koalition, nicht einmal die gebrochenen Wahlkampfversprechen erklären allein, weshalb sich ein Kanzler, der als Mann der Entscheidung gewählt wurde, so oft wie ein Getriebener ausnimmt. Die tiefere Frage lautet: Wer spricht mit ihm, wenn keine Kamera läuft? Wer kennt seine Schwächen lange genug, um sie ihm zuzumuten? Wer besitzt die Freiheit, ihm zu widersprechen, ohne am nächsten Tag als Störfaktor betrachtet zu werden? Wer kann aus Lage, Sprache, Geschichte und Instinkt jene politische Form gewinnen, die mehr ist als ein Regierungsvorhaben? Ein Kanzler kann von Beratung überfüllt und an Rat verarmt sein.

Die neue Priesterschaft der Consultants

Der Consultant ist die merkwürdigste Figur der späten Moderne. Er verkauft Nähe zur Entscheidung, ohne Entscheidung tragen zu müssen. Er verwandelt Ungewissheit in Diagramme, Angst in Prozesse, Verantwortung in Workshops. Er spricht von Transformation, sobald etwas unklar ist, von Strategie, sobald mehrere Folien einander folgen, von Resilienz, sobald Ratlosigkeit nicht mehr zu verbergen ist.

Peter Sloterdijk hat den alten Namen dieser Gattung freigelegt: Sekretär. Nicht im degradierenden Sinn des Schreibers, vielmehr als Mitwisser der Macht. Der klassische Konsultant wusste, dass zwischen Nachdenken und Handeln ein Abgrund liegt. Kein noch so kluges Erwägen gleitet organisch in die Tat. Der Handelnde muss springen. Er pflückt unreife Früchte, weil die Geschichte selten auf Reife wartet. Genau hier beginnt die Würde des Rats: nicht in der Risikovermeidung, eher in der Kunst, den Verantwortlichen in den gefährlichen Augenblick hineinzuführen.

Die Gegenwart hat daraus ein Entlastungsgewerbe gemacht. Beratung soll den Sprung simulieren und zugleich den Sturz versichern. Sie liefert Optionen, lässt Verantwortung beim Auftraggeber, spricht in kreativer Mehrdeutigkeit und verschwindet, sobald der politische Preis fällig wird. Das Orakel von Delphi lebt weiter, nur trägt es heute kein Gewand, es trägt Anzug, Laptop und Projektvertrag.

Für Unternehmen mag das genügen. Für einen Kanzler reicht es nicht. Der Kanzler braucht keine Lieferanten von Mehrdeutigkeit. Er braucht Mitwisser, die das Risiko sehen, die Fortuna kennen, die Macht der Gelegenheit begreifen und dennoch nicht aus dem Raum treten, wenn aus Möglichkeit Schuld wird.

Kohls Kreis der politischen Klugheit

Helmut Kohl hatte solche Menschen. Man muss ihn nicht verklären, um den Unterschied zu erkennen. Kohl war kein einsamer Titan, kein philosophischer Kanzler, der aus sich heraus Geschichte erzeugte. Seine Größe lag auch darin, Köpfe an sich zu binden, deren Intelligenz nicht von ihm abhängig war. Horst Teltschik, Wolfgang Bergsdorf, Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Wulf Schönbohm, Warnfried Dettling: Das waren keine austauschbaren Dienstleister. Das waren politische Charaktere mit Eigengewicht.

Teltschik war mehr als außenpolitischer Experte. Er war ein Stratege mit Sensorium für historische Geschwindigkeit. Bergsdorf war mehr als Kommunikationsmann. Er verstand, dass Sprache nicht Verpackung der Politik ist, vielmehr ihr erstes Ordnungsinstrument. Biedenkopf brachte ordnungspolitische und institutionelle Schärfe in die CDU. Geißler verband Moral, Angriffslust und intellektuelle Unruhe. Schönbohm und Dettling gehörten zu jener jungen Politintelligenz, die die Parteizentrale nicht als Aktenlager auffasste, vielmehr als Ort geistiger Vorbereitung von Macht.

Kohl holte solche Köpfe nicht zufällig an seine Seite. In der Rückschau wird sichtbar, dass er nach 1973 mit Biedenkopf und später Geißler Generalsekretäre gewann, die Reform und Modernisierung der CDU organisierten und zugleich das öffentliche Ansehen der Partei verändern sollten; in der Parteizentrale rückten Radunski, Schönbohm und Dettling in entscheidende Positionen, Dettling sogar an die Spitze einer Planungsgruppe als neuem Think Tank der Union.

Diese Welt war rau, eitel, machtbewusst. Aber sie besaß einen Vorzug, der heute selten geworden ist: Sie verband Loyalität mit geistiger Reibung. Kohl liebte Streitgespräche, sofern sie seine Macht nicht zerstörten. Er suchte Personen, die ihn ergänzten. Er benötigte keine Bewunderungsverwaltung. Er brauchte Resonanz.

Der Abend, an dem PR Geschichte wurde

Am 23. November 1989 sitzt im Kanzlerbungalow eine größere Runde zusammen. Eigentlich geht es um Öffentlichkeitsarbeit im letzten Jahr vor der Bundestagswahl. Anwesend sind unter anderem Seiters, Johnny Klein, Eduard Ackermann, Wolfgang Bergsdorf, Redenschreiber, Demoskopen, Teltschik. Aus PR wird binnen Minuten Geschichte. Die Runde erkennt, dass Kohl in der deutschen Frage die Führung übernehmen muss. Die Debatte dreht sich nicht um Slogans, nicht um Bildregie, nicht um mediale Schadensbegrenzung. Sie dreht sich um die Frage, wie der Kanzler den Strom der Ereignisse in eine politische Architektur zwingt.

Teltschik schlägt ein Konzept vor, das einen gangbaren Weg zur deutschen Einheit beschreibt und in eine gesamteuropäische Friedensordnung eingebettet ist. Am nächsten Tag wird gezweifelt, gestritten, abgewogen. Der Schritt könnte international gefährlich wirken. Er könnte in der DDR falsch verstanden werden. Er könnte Moskau beunruhigen. Dann arbeitet eine kleine Gruppe weiter. Sie analysiert die Lage in der DDR, das Umfeld von Sowjetunion, Vereinigten Staaten und europäischen Partnern, tastet sich über Vertragsgemeinschaft, konföderative Strukturen und Föderation an ein Stufenmodell heran. Am 25. November ist der Entwurf fertig. Der Zehn-Punkte-Plan ist geboren.

In dieser Szene liegt der Unterschied zwischen alter politischer Klugheit und heutiger Kommunikationsverwaltung. Öffentlichkeitsarbeit bestand darin, inhaltlich zu führen. Die Rede war nicht Dekoration der Entscheidung. Die Rede war Entscheidung in sprachlicher Gestalt.

Der Kanzler ohne geistigen Hofstaat

Friedrich Merz hat ein anderes Problem. Er besitzt Machtwillen, Temperament, ökonomische Intuition, politische Erfahrung als Oppositionsfigur, die Fähigkeit zur Zuspitzung. Doch all das wird im Kanzleramt gefährlich, wenn kein gewachsener Kreis vorhanden ist, der aus Zuspitzung Richtung macht. Der Satz läuft dann schneller als der Gedanke. Der Auftritt überholt die Strategie. Die Korrektur folgt der Provokation, bevor eine Erzählung entstanden ist.

Merz wirkt nicht wie ein Mann ohne Berater. Er wirkt wie ein Mann ohne ausreichend alte Vertraute. Darin liegt ein Unterschied von fast anthropologischer Tiefe. Berater kennen Akten. Vertraute kennen den Menschen. Berater reagieren auf Lagen. Vertraute erinnern an frühere Irrtümer. Berater formulieren Alternativen. Vertraute erkennen den Ton, in dem ein Politiker sich selbst zu verlieren beginnt.

Die Bundesrepublik erlebt damit eine Kanzlerschaft, die vielleicht an einem Defekt leidet, den keine Umfrageberatung behebt: Ihr fehlt ein innerer Kreis von geistiger Dauer. Nicht ein Freundeskreis, nicht ein Hofstaat der Zustimmung, nicht eine kleine Glaubensgemeinschaft. Gemeint ist eine Schule politischer Urteilskraft, über Jahre gebildet, mit gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Erinnerung, gemeinsamem Wissen um die gefährlichen Versuchungen des Chefs.

Die verkaufte Strategie

Die Republik hat sich daran gewöhnt, Strategie einzukaufen. Parteien beauftragen Agenturen, Ministerien bestellen Gutachten, Fraktionen erwerben Szenarien, Regierungen lassen Kommunikationslinien testen. Das alles kann nützlich sein. Gefährlich wird es, wenn der Staat glaubt, aus gekaufter Expertise könne politische Autorität entstehen.

Autorität entsteht aus Erkennbarkeit. Sie entsteht, wenn Bürger spüren, dass an der Spitze nicht nur reagiert, verwaltet, moderiert und nachjustiert wird. Sie entsteht, wenn eine Regierung ein inneres Bild des Landes besitzt. Genau dieses Bild vermisst man bei Merz. Dieter Schnaas hat in der WirtschaftsWoche die Formel gefunden, Merz und Lars Klingbeil wüssten mit Deutschland nichts anzufangen. Der Satz ist hart, vielleicht zu hart. Aber er trifft eine Wunde. Deutschland wird regiert, als müsse es durch eine Serie von Zumutungen gebracht werden. Es wird zu selten als Projekt beschrieben, für das sich Anstrengung lohnt.

Das ist mehr als ein Kommunikationsfehler. Ein Land folgt keiner Excel-Tabelle. Es braucht Rang, Richtung, Selbstbeschreibung. Es muss wissen, weshalb Verzicht verlangt wird, weshalb Reformen notwendig sind, weshalb Freiheit mehr meint als Entlastung und weshalb Zukunft nicht nur aus Sanierung besteht.

Die verlorene Kunst der Gegenrede

Der Niedergang der politischen Beratung zeigt sich am stärksten dort, wo die Gegenrede verschwindet. Consultants widersprechen selten dort, wo ihr Mandat endet. Parteifreunde widersprechen selten dort, wo Listenplätze beginnen. Beamte widersprechen selten dort, wo politische Leitung Unmut zeigt. Medien widersprechen ständig, doch von außen; das härtet nur die Abwehr.

Der gute Vertraute widerspricht von innen. Er hat Zugang, weil er lange gedient hat. Er hat Freiheit, weil er nicht nur Funktion ist. Er hat Gewicht, weil sein Urteil nicht erst gestern gemietet wurde. Solche Menschen waren in der alten Union vorhanden. Rüdiger Altmann, Johannes Groß, Wilhelm Hennis standen nicht täglich am Kabinettstisch, doch sie gehörten zu einem weiteren geistigen Resonanzraum, in dem Politik noch mit Geschichtsbewusstsein, Staatsdenken, Anthropologie und Stilgefühl verbunden war.

Heute verengt sich Politik auf Managementsprache. Man optimiert Prozesse, beschleunigt Verfahren, misst Stimmungen, simuliert Bürgernähe. Das Wort „Reform“ wird zur Drohung. Das Wort „Zukunft“ klingt nach Belastung. Das Wort „Verantwortung“ klingt nach Kürzung. Wer so spricht, verliert den seelischen Kredit des Landes.

Fortuna wartet nicht auf Powerpoint

Sloterdijks Gedanke von der beschleunigten Zeit führt zum Kern politischer Führung. Die richtige Entscheidung kommt immer zu früh. Wartet man auf vollständige Gewissheit, ist die Gelegenheit verloren. Greift man zu früh, droht der Absturz. Genau in diesem Zwischenraum lebte die alte Kunst des Konsultanten. Machiavellis Fortuna ist keine Göttin der Vorsichtigen. Sie liebt den, der den Kairos erkennt.

Kohl erkannte 1989 den Kairos nicht allein, doch er hatte Menschen um sich, die ihm halfen, ihn zu greifen. Sie übersetzten geschichtlichen Druck in politische Form. Sie wussten, dass eine Rede im Bundestag kein mediales Ereignis, vielmehr ein Eingriff in die Ordnung Europas sein konnte. Sie verstanden, dass PR, richtig verstanden, nicht Oberflächenpflege ist. PR heißt in historischer Lage: den öffentlichen Sinn einer Entscheidung schaffen.

Merz hat bisher zu oft den Eindruck erweckt, die Gelegenheit werde schon wiederkommen, wenn man nur lange genug von Reform, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit spricht. Aber Gelegenheit ist kein Haustier. Sie lässt sich nicht durch Pressekonferenzen füttern. Sie verlangt den Griff, der aus einem Programm ein Bild und aus einem Bild eine Bewegung macht.

Ein Kanzler braucht Mitwisser

Die Krise Friedrich Merz’ ist daher nicht nur eine Krise seiner Koalition. Sie ist eine Krise der politischen Beratungszivilisation. Die Bundesrepublik hat Expertise im Übermaß und Rat in zu geringer Menge. Sie hat Daten, Dossiers, Prognosen, Evaluationen. Was fehlt, sind die geistigen Begleiter der Macht: Menschen, die mehr wissen als Zuständigkeiten, mehr können als Moderation, mehr riskieren als Formulierungen.

Merz müsste, wollte er noch einmal wirklich führen, nicht nur sein Kabinett ordnen. Er müsste sich einen Kreis schaffen, der nicht aus Bewunderern besteht, auch nicht aus Dienstleistern, vielmehr aus Vertrauten mit intellektuellem Tiefgang, strategischer Phantasie, historischer Bildung und persönlicher Treue. Ein solcher Kreis entsteht nicht in Klausuren. Er lässt sich nicht ausschreiben. Er wächst durch gemeinsame Kämpfe, Niederlagen, Zumutungen, bestandene Konflikte.

Vielleicht ist das die härteste Wahrheit für einen Kanzler, der spät an die Macht kam. Man kann ein Amt gewinnen. Einen geistigen Hofstaat kann man nicht nachträglich bestellen wie ein Gutachten. Man muss ihn rechtzeitig aufgebaut haben.

Der einsame Manager der Republik

Friedrich Merz wollte die Bundesrepublik aus der Ära der Moderation herausführen. Er wollte zeigen, dass Politik wieder entscheidet. Doch wer Entscheidung verspricht, muss mehr liefern als Entschlossenheitsrhetorik. Er muss den Bürgern erklären, in welches Land sie mit ihm aufbrechen. Er muss den Zumutungen einen Sinn geben. Er muss aus Reparatur Regierungskunst machen.

Helmut Kohl war nicht größer, weil er allein dachte. Er wurde größer, weil um ihn herum gedacht wurde. Weil Teltschik, Bergsdorf, Biedenkopf, Geißler, Schönbohm, Dettling und andere aus politischer Nähe keine geistige Unterwerfung machten. Weil sie wussten, dass Macht ohne Rat blind wird. Weil sie begriffen, dass ein Kanzler nicht nur geführt werden darf, aber geführt denken muss.

Merz steht heute vor der gegenteiligen Gefahr. Er ist der beratene Kanzler, dem der Rat fehlt. Die Republik sieht einen Mann, der von Professionalität umgeben ist und dennoch oft einsam wirkt. Das könnte seine eigentliche Schwäche sein. Nicht der falsche Satz. Nicht die schlechte Umfrage. Nicht der nächste Streit mit der SPD. Viel tiefer: das Fehlen jener klugen, alten, widerspruchsfähigen Nähe, ohne die ein Kanzler zwar regieren kann, aber kaum Geschichte gewinnt.