Das Ästhetische als letztes Refugium – Gedanken zu Ernst Jüngers Novelle Sturm

In einer Welt, in der der Schützengraben zum letzten Lesesaal geworden ist und das Donnergrollen des Artilleriefeuers den literarischen Diskurs begleitet, erhebt sich in Ernst Jüngers Novelle Sturm eine Figur, deren Haltung so alt ist wie die dekadente Moderne selbst: der Ästhet, der Dandy, der letzte Leser. Es ist ein Text, der aus der Zeit fällt – und doch gerade in seinem Entstehen im Frühjahr 1923 mehr über die europäische Seele aussagt als so manche heroische Kriegsmemoiren. Der Krieg – das muss man mit Baudelaire sagen – hat längst den Charakter einer Metapher angenommen, nicht mehr bloß politisches Geschehen, sondern Kulisse für eine existenzielle Maskerade.

Albert C. Eibl hat in seinem Vortrag auf der Jünger-Tagung in Bad Saulgau diesen Punkt mit besonderem Nachdruck hervorgehoben: Sturm sei keine heroische Soldatenerzählung, sondern eine „künstlerische Versuchsanordnung“ im Sinne Huysmans’ oder Oscar Wildes – ein „rückwärtsgewandter Salon inmitten des apokalyptischen Donners“. Tatsächlich: Der Unterstand wird hier zum Kabinett, in dem Rauchkringel und Zitate von Nietzsche und französischen Symbolisten schwerer wiegen als Stahlhelme. Man liest, man philosophiert, man rekonstruiert die Welt durch Sprache – und doch weiß man: Die Granate, die einschlägt, wird nicht nach dem Grad ästhetischer Verfeinerung fragen.

Dass der junge Leutnant Sturm die Frage „Was ist das Schönste am Krieg?“ mit einem einzigen, halb lächelnden Wort beantwortet – „Die Masken.“ – gehört zu den literarisch feinsten Momenten dieser Erzählung. Keine Pose ist hier ironiefrei, kein Pathos bleibt ungebrochen. Alles ist Stil. Alles ist Ornament. Selbst der Tod.

In diesem Zusammenhang ist ein Exkurs angebracht, den Eibl in seinem Vortrag so elegant einschob, dass er beinahe wie ein barockes Seitenbild wirkte – und doch das Zentrum berührte: das Bild Allee von Middelharnis von Meindert Hobbema. Eine lange, schmale Perspektive – gesäumt von kargen Bäumen – führt ins Ungewisse. Der Blick, der sich darin verliert, ist derselbe Blick, den Leutnant Sturm auf seine Welt richtet: nicht politisch, nicht ideologisch – sondern durch und durch melancholisch. Die Allee, sagte Eibl, sei ein Sinnbild des Rückzugs in eine formale Ordnung – einer Ordnung, die selbst im Angesicht der Vernichtung Schönheit behauptet.

Doch Sturm ist nicht nur der melancholische Wanderer. Er ist auch ein Flaneur der Grenzbereiche. In den Binnenerzählungen und Dialogen der Novelle – besonders in den Passagen, in denen erotische Anspielungen auftauchen – entfaltet sich eine Ästhetik, die an die samtene Sinnlichkeit des fin de siècle gemahnt.

Der Veneres-Band, dessen Bildsprache auf antike Gemmen zurückgreift, liefert hierfür das passende Parergon. Erotik wird nicht als Ausbruch ins Triebhafte verstanden, sondern als Chiffre – als Ornament der Sehnsucht, stilisiert wie ein antikes Relief. Auch Jünger, so zeigt sich, folgt in diesen Momenten einer langen Linie von Ästheten, für die der weibliche Körper, das Spiel mit der Form, die Berührung der Oberfläche, mehr war als Begehren: ein letzter Halt im Chaos.

Man muss die Szene zitieren, in der einer der Offiziere – inmitten der Vorbereitungen auf einen englischen Angriff – über Frauen spricht: nicht als Körper, sondern als Idee. Als etwas, das in der Abwesenheit umso stärker wirkt. Es ist die gleiche Bewegung, die Oscar Wilde in Dorian Gray beschreibt, wenn er schreibt, dass „die schönste Form des Begehrens immer das Ungesagte“ sei. Und man erinnert sich an Nietzsche, der mit bitterem Spott notierte, dass „die Wahrheit eine Frau“ sei – nur zu verstehen in der Maske.

Diese Masken sind es, die Sturm zur Novelle machen – zur eigentlichen, tiefen Novelle, im Goetheschen Sinn: eine Geschichte, die ein „unerhörtes Ereignis“ nicht zeigt, sondern übertönt. Der Krieg wird nicht verleugnet, aber transponiert. In ein anderes Register. In das Register der Kunst, der Distanz, des Stils.

Was bleibt, ist ein Text wie ein letzter Tanz. Eine Chiffre, ein Echo aus jener Zone, in der der Ästhet gegen die Realität antritt – nicht mit Waffen, sondern mit Stil. Und wenn Eibl am Ende seines Vortrags davon sprach, dass Sturm auch als Aporie lesbar sei – als Zeichen, dass Dichtung und Krieg sich ausschließen –, dann sollte man ergänzen: Vielleicht ist es gerade dieses Scheitern, das dem Text seine Größe verleiht.

Denn wo sonst als im Scheitern enthüllt sich das Ästhetische als letzter Rückzugsort? Der Krieg tobt weiter – aber irgendwo in einem Unterstand, zwischen Nietzsche-Zitat und Kerzenlicht, wird noch gelesen.

Und das – nicht der Sieg – ist das eigentliche Wunder.

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