„Ein Virus reißt die Weltwirtschaft in eine Jahrhundertkrise. Schon vor dieser Krise stand die Rezession vor der Tür, hatte Deutschland die niedrigste Innovatorenquote seit Beginn der KfW-Analysen 2002, erlebten Tausende Zombie-Unternehmen Scheinblüte wegen Niedrigstzinspolitik. Schon vor dieser Krise mangelte es der Automobilbranche an Transformation und der Gründerszene an Skalierung“, schreibt Thomas Sattelberger in einem Gastkommentar für das Handelsblatt.
Corona sei Brandbeschleuniger und Katalysator zugleich. „Gewinner sind Digitalfirmen wie Amazon, Zoom und Alibaba. Und Volkswirtschaften mit digitalem Spielbein“, so Sattelberger.
Überraschender Weise zählt die Fähigkeit zur Remote-Fähigkeit von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu einem Stabilisator in der Krise.
Coronakrise hat in Österreich (-48 %) wesentlich stärkere Auswirkungen auf die Entwicklung der Stellenausschreibungen im Vorjahresvergleich als in Deutschland (-24 %) oder der Schweiz (-21 %).
Das wird aber nicht ausreichen, um die größte Weltwirtschaftskrise seit 1929 zu überstehen – schon gar nicht durch JA-ABER-Rückzugsgefechte in Hochschulkreisen, wie bei meiner Kontroverse mit Lars Hochmann und Lutz Becker. Beide sollten noch einmal über ihre Nachhaltigkeitskonzepte und Utopien nachdenken…..
In UK hat man ja generell Probleme mit Remote….Es kommt auf die virtuelle Format-Vielfalt an. Blended-Learning kann genauso öde sein wie Präsenz-Formate. pic.twitter.com/NG0CdhznXC
„Die Post-Corona-Trümmer sind unsichtbar“, so Sattelberger.
Sie werden von einigen Protagonisten sogar in Abrede gestellt – denen mangelt es wohl an der volkswirtschaftlichen Expertise und an der politischen Weitsichtigkeit.
Wer die jetzige Wirtschaftskrise leugnet, verhöhnt die Menschen, die unter der Rezession leiden und befeuert damit den politischen Extremismus.
Was vor uns liegt, gleicht einer Herkulesaufgabe ohne rosa Wünsch-Dir-Was-Wölkchen: „Unsere Wirtschaft steht zudem vor einem doppelten Wendepunkt: Wir müssen die Gesundung meistern und zusätzlich den Übergang vom Industrieparadigma zur digitalisierten Netzökonomie“, schreibt Sattelberger.
Wie einst bei Ludwig Erhards Wirtschaftswunder gehöre die Zukunft wieder Unternehmern, Machern, Gründern. Frauen wie Männern. „Nur dass sie heutzutage neues Wachstum in innovativen Ökosystemen schaffen müssen.“
Sieben Handlungsfelder sieht Sattelberger:
1. Deep-Tech-Republik Deutschland. Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz, Biotech, Raumfahrt: unsere Zukunftsbranchen.
2. Digitale Freiheitszonen. Shenzhen ist um die Ecke: Frankreich, Polen, Großbritannien nutzen seit Jahrzehnten die Hebeleffekte von Hotspots und Free Enterprise Zones.
3. Systemrelevante Industrie wieder made in Germany. Puffer- und nahtlose globale Wertschöpfungsketten erweisen sich in der Krise als Mythos.
4. Antitrust & small is beautiful. Nach der Krise fressen die Großen die Kleinen. Da muss gegengesteuert werden. Das zählte übrigens zu den Meisterleistungen von Ludwig Erhard – also das Wettbewerbs- und Kartellrecht.
5. New Deal für Deutschlands digitalen Hoover-Staudamm. Deutschland hat stark entzündete Achillesfersen: Homeschooling, E-Health, E-Government, Homeoffice der öffentlichen Verwaltung.
6. Bildungsoffensive. Den alten Bildungsmuff mit digitalem Zuckerguss zu überziehen greift zu kurz.
7. Mit New Work zur Entrepreneurial Society. Das ist weit mehr als Homeoffice und die damit verbundene individuelle Souveränität für abhängig Beschäftigte. Es bedeutet balancierte Freiheits- und Schutzrechte für Freelancer und die wachsende Crowdwork.
Das sind wichtige Punkte, die ich allesamt unterschreiben kann. Thomas Sattelberger wird sie heute auf der NextAct vorstellen.
Da werden ab 16 Uhr spannende Themen auf Zoom debattiert:
Wer teilnehmen möchte an der Zoom-Konferenz, möge mich jetzt noch schnell kontaktieren via Handy 0177-6204474, über Blog-Kommentar, Direktnachricht auf Twitter oder Facebook-Messenger. Ich schicke Euch dann direkt den Zugangslink. Start 16 Uhr. Ihr solltet es nicht verpassen.
Oder mitdiskutieren via Youtube, Facebook, Periscope/Twitter oder LinkedIn. Wird dann aber nicht so lustig.
Die großen Konzerne in Deutschland sind nach Auffassung von Thomas Sattelberger selbstherrliche Parallelgesellschaften:
„Und innerhalb der großen Konzerne sind Leitungsgremien noch mal eigene Parallelwelten, die umgeben sind von einem Hofstaat ähnlich wie bei Ludwig XIV. Das ist aber ein Spiegelbild der Gesellschaft.“
Die Folgen dieser abgeschotteten Machtblöcke kann man in Konzernen wie VW beobachten. „Ein altes System versucht verzweifelt, alte Macht und alte Technologie zu verteidigen – zuerst in Grauzonen und dann illegal“, kritisiert der FDP-Bundestagsabgeordnete und frühere Top-Manager.
Aggressive Konzernziele
Generell setzen sich diese Organisationen extreme ökonomische Marktziele mit aberwitzigen Renditeerwartungen. Und das gilt nicht nur für VW. Diese aggressiven Ziele sind häufig mit nicht-innovativen Strukturen gekoppelt und einem strengen Regime des Gehorsams. Wer nicht spurt, wird bestraft. „Da hocken dann die verängstigten oberen und mittleren Manager sowie Vorstände in ihren Büros und stellen sich die Frage, wer als Nächstes geköpft wird. Ihre gesamte Welt ist die Konzernwelt. Sie sind mit ihrer Rolle total verschmolzen, die sogar bis zum Suizid führt“, erläutert Sattelberger.
Der entrückte Wolfsburger Kosmos
Wer sich die Kommunikationsdesaster von VW in den vergangenen Jahren anschaut, erkenne schnell, wie entrückt Wolfsburg von der realen Welt ist. Es ist der anmaßende Glaube, dass nichts schief gehen kann.
Und das war nach Meinung von Sattelberger auch lange Zeit so:
„Der Lopez-Skandal ging durch, der Skandal mit dem bezahlten niedersächsischen SPD-Bundestagsabgeordneten ging durch, die 13.000 Euro von Kanzler Schröder für den Wiener Opernball gingen durch, die Brasilien-Exkursion von Peter Hartz ging durch. Piech wurde dadurch nicht beschädigt. Der Druck auf Kunden und Partner, den VfL Wolfsburg zu sponsern, ging durch. Das ist ein System der Omnipotenz.“
Da werde despotisch durch regiert und der Vorstandschef bekommt nur das zu hören, was er hören will. Vonnöten wären Checks and Balances, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Also ein Regelwerk, dass es unfähigen und machtbesessenen Managern sowie Unternehmern erschwert, allzu großen Schaden anzurichten. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben das für die Politik sehr gut hinbekommen.
Die Täter des alten Systems können nicht sanieren
Für die Wirtschaft gilt das nicht. Die Machtsysteme von Konzernen und großen mittelständischen Unternehmen benötigen Störungen. VW holt hingegen Protagonisten des alten Systems an die Macht, um die Sünden der Vergangenheit zu bewältigen. Das könne nicht gutgehen, moniert Sattelberger und findet sich in guter Gesellschaft. So spricht der US-Staatsanwalt Eric Schneiderman von einer reuelosen Firmenkultur, die zu dem systematischen Abgasbetrug geführt habe. Mitten im Zentrum der Vorwürfe steht nicht nur der abgelöste VW-Boss Winterkorn, sondern auch sein Nachfolger Matthias Müller. Als Chef des Audi-Produktmanagements wird ihm vorgeworfen, schon 2006 von der unzureichenden Abgasbehandlung gewusst zu haben.
„Man darf nicht den Bock zum Gärtner machen“, moniert Sattelberger und fordert härtere Corporate Governance-Regeln, die in der angelsächsischen Welt schon vor Jahrzehnten öffentlich debattiert und eingeführt worden sind.
Aufsichtsrat ohne Aufsicht
Auch in Skandinavien gibt es gute Modelle. So wird der Nominierungsausschuss für Vorstandsposten nicht vom Aufsichtsrat gebildet, sondern von der Hauptversammlung bestimmt.
Wer sich hingegen Aufsichtsräte wie bei VW näher anschaut, weiß, warum es keine richtige Aufsicht gibt.
„Da sitzen die Familienmitglieder Piech und Porsche, da sitzen zwei ruhige Vertreter aus Katar, da sitzt eine Bankerin aus der befreundeten Wallenberg-Familie, das Land Niedersachsen und die wohlgestimmte Arbeitnehmerseite. Wir alle wissen, was da passiert. Das ist eine Konstruktion, um als Arbeitsbeschäftigungsmaschine für Niedersachsen zu dienen“, führt Sattelberger aus.
Von wirklicher Kontrolle könne da nicht gesprochen werden.
Habitus statt Qualifikation
Nominierungen für Vorstandsposten und Kontrollgremien würden leider im Verborgenen laufen. Die Entscheidung der Telekom, Sattelberger als Personalvorstand an Bord zu holen, sei kladendestin auf einem Schloss in der Nähe von Berlin abgelaufen. Oben zähle nur noch der Eindruck im Gespräch. Habitus sei dabei wichtiger als die Qualifikation.
„Das ist nur ein kleines Referenzsystem. Unterhalb der Top-Etage sieht das anders aus. Da kommt eine ausgefeilte und sehr valide psychologische Eignungsdiagnostik zum Einsatz“, weiß Sattelberger.
Würde man dieses Verfahren auch bei Top-Managern als Hürde setzen, könnte man schnell erkennen, das viele von denen einen Schatten in der Birne haben – neurotisch, aggressiv, machiavellistisch und teilweise auch psychopathisch.
„In einer guten Eignungsdiagnostik kommt man an solche Themen ran. Aber oben wird die nicht mehr angewandt. Das wissenschaftliche Auswahlverfahren gibt es für das gemeine Volk. An der Unternehmensspitze zählt nur noch der Habitus“, so Sattelberger.
Um das zu ändern, fordert er eine Corporate Governance, die ein strengeres Regelwerk erstellt und Fehlverhalten sanktioniert. Man brauche Störenfriede im Vorstand und eine Graswurzelbewegung im Unternehmen – hier sehe ich das Betätigungsgebiet der Organisationsrebellen. Es müsse zudem eine Personalfunktion geben, die souveräner agiert. Sattelberger fordert eine konsistente kritische Medienbranche als Kompass für gutes Unternehmertum und gutes Management. Fehlentwicklungen und Korruption müssten kontinuierlich angeprangert werden. Zudem brauche man analog zu Politikern eine ManagerWatch-Plattform und eine digitale APO, um den zivilgesellschaftlichen Druck zu erhöhen. Im Bundestag verfügt Sattelberger jetzt über die nötigen Ressourcen, um das aktiv nach vorne zu bringen.
Trump und die deutschen Konzernchefs
Generell ist Außen- und Innendruck gefragt, wenn beispielsweise ein deutscher Konzernchef dem Post-Demokraten Donald Trump in den Hintern kriecht und Arbeitsplätze in den USA verspricht, die er in Deutschland weghaut. Oder eine Steuerreform lobt, die international zu einer weiteren Verschlechterung der Verteilungsgerechtigkeit führt. Die Organisationsrebellen könnten beispielsweise bei Siemens eine Debatte über die vulgär-kapitalistische Ausrichtung der so genannten Trickle-down-„Theorie“ anstoßen. These: Wenn die Reichen reicher werden, wird das Geld der Oberschicht über kurz oder lang nach unten durchsickern – diese Propaganda predigt Trump.
In der Realität „erfreuen“ sich über 15.000 Menschen allein im Silicon Valley an ihrer Obdachlosigkeit, verbunden mit der lukrativen Perspektive, bei den explodierenden Immobilienpreisen im Tal der Tech-Giganten irgendwann eine Einzimmerwohnung zu ergattern, die durchschnittlich bei 4.000 Dollar pro Monat liegt. Dickerchen Trump will das „verbessern“. Der Milliardär macht den Reichen und Schönen weitere Steuergeschenke. Seine Reform wird das Einkommen der Vermögenden um rund 20 Prozent erhöhen und zu Einnahmeausfällen in der Staatskasse von zwei bis sechs Billionen Dollar führen.
Die Organisationsrebellen könnten auch Diskurse anstoßen, wie heuchlerisch ein Heer von Managementberatern und Umstrukturierungsexperten für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität plädieren, ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten.
„Größere Unternehmen wurden restrukturiert, so dass sich ganze Abteilungen als eigenständige ‚profit centers‘ wiederfanden. Dies geschah unter der Maßgabe, mehr Spielraum zu ermöglichen und den Unternehmergeist auf allen Ebenen zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziel, die Wertschöpfung zu erhöhen und dem Management bessere Durchgriffsmöglichkeiten an die Hand zu geben“, weiß Felix Stalder.
Sozialstaatliche Absicherung Einzelner hält man für überholt. Kollektive Institutionen, die für eine gewisse Stabilität in der Lebensführung sorgen können, gelten als bürokratische Hindernisse. Um politische Freiheit, soziale Verantwortung und Autonomie geht es den Flexibilisierungsideologen ganz und gar nicht. Sie wollen mehr Spielraum für ihre Nasenring-Systeme bekommen. Sie wollen frei und anarchisch ihren Geschäften nachgehen, ohne von öffentlich dokumentierten Regeln, Gesetzen und demokratisch legitimierten Institutionen gestört zu werden. Sie wollen ihren kybernetischen Steuerungsobsessionen freien Lauf geben. Also das, was als digitaler Darwinismus durchs Netz wabert. Man konzipiert den Menschen – analog zu Tieren, Pflanzen und Maschinen – als einen Organismus, der auf Reize aus seiner Umwelt reagiert. Der Verstand spielt in diesem Modell keine Rolle, relevant ist einzig das Verhalten.
„Und dieses Verhalten, so die kybernetische Hypothese, kann programmiert werden. Nicht durch direkten Zugriff auf den Menschen (der wird als undruchdringbare Black Box konzipiert), sondern indirekt, durch die Veränderung der Umwelt, mit der Organismen und Maschinen via Feedback gekoppelt sind. Diese Eingriffe sind meist so subtil, dass sie für den Einzelnen nicht wahrnehmbar sind, weil es nirgends eine Grundlinie gibt, gegen die man die Neigung des ‚Bodens der Tatsachen‘ feststellen könnte“, erläutert Stalder.
Systemfragen
Für den Einzelnen und im Einzelfall seien die Effekte oft minimal. Aber aggregiert und über längere Zeiträume können die Effekte substantiell sein, ohne dass sie deswegen für den Einzelnen feststellbar wären. Es sind kaum bemerkbare Anstubsverfahren, mit denen die Planungsfetischisten vorgehen. Dahinter steht ein libertärer Paternalismus, der die scheinbare individuelle Wahlfreiheit mit einer nicht sichtbaren Autoritätsfigur verbindet. Das Ideal ist die „freiheitliche Bevormundung“, die man im Arbeitsleben jeden Tag erlebt.
„Ganz im Geiste der Kybernetik und kompatibel mit den Strukturen der Postdemokratie sollen die Menschen über die Veränderung der Umgebung in die von Experten festgelegte Richtung bewegt werden, während sie gleichzeitig den Eindruck erhalten, frei und eigenverantwortlich zu handeln“, bemerkt Stalder.
Ob die Organisationsrebellen diese relevanten Systemfragen wirklich auf ihre Agenda setzen, bezweifle ich. Umso wichtiger ist es, von außen zu wirken und die New Work-Floskeln vieler Führungskräfte zu entlarven. Beispielsweise: „Wir haben als Motto des Jahres ,Passion!‘ ausgewählt, dieses Wort muss mindestens bis zum Juli englisch ausgesprochen werden.“ Und zwar so: “Excellence is our Passion”. Mit schönen Grüßen an die so fortschrittliche Lichtgestalt Kasper Rorsted. Insider bei Henkel werden wissen, um was es geht.
Für die Veranstaltung am 21. November mit Thomas Sattelberger an der Fresenius Hochschule in Köln sind mittlerweile einige Fragen aufgelaufen.
Hier eine Zusammenfassung:
Zur Unternehmensführung: Wie können die Alt-Herren-DAX-Strukturen für Innovatoren aufgebrochen werden?
Können Menschen mit gebrochenem Lebenslauf bzw. ohne entsprechende Vorbildung gute Chefs sein?
Ist ein freundschaftliches Chef-Angestellten-Verhältnis schädlich?
Was muss sich in deutschen Unternehmen ändern, damit Frauen in Führungspositionen anerkannt werden?
Wie könnte man ein „Inzucht-System“ in Konzernen und mittelständischen Unternehmen brechen oder auflösen?
Wie schafft man es auf der Chef-Etage, wieder mehr Mut zu neuen Gedanken/Innovationen und damit verbundenen Risiken zu erreichen?
Sind die Denkschulen der Manager und Ingenieure nur auf die eigene Karriere aufgebaut? Wie haben Sie Ihre Karriere organisiert?
Denken Sie, dass das klassische Arbeitszeitmodell überholt ist?
Was halten Sie von der Verschmelzung von Arbeit und Freizeit?
Welche betriebswirtschaftlichen Erfolge könnte man mit Ihrem „Club der toten Dichter“ erzielen?
Welche neuen Geschäftsmodelle gibt es denn für die DAX-Konzerne?
Wie sollten Unternehmen ihre Mitarbeiter rekrutieren und fördern, um dem Innovationsdruck gerecht zu werden?
Gibt es Ideen für alternative Arbeitsmodelle – Home Office, Leistung statt Stunden etc.?
Warum kandidieren Sie für den Deutschen Bundestag?
Ist die Digitalkompetenz der Jugend zu schlecht?
Sollten Schulen papierlos sein?
Wenn Sie sagen, dass Sie den typischen BWL-Studiengang nicht gut finden, was sollte ein Studiengang mitbringen bzw. was sollte gelehrt werden?
Warum ist die Herkunft für die Zukunft eines Menschen in Deutschland immer noch entscheidend? Wie könnte man Kinder aus nicht-akademischen Familien besser fördern?
Am Montag, den 21. November kommt der ehemalige Dax-Vorstand und APO-Rebell Thomas Sattelberger nach Köln in die Fresenius Hochschule und wird mit den Studierenden und allen weiteren Interessierten debattieren. Von 16:25 bis 18 Uhr. Thema: Wirtschaft im Umbruch – im Spannungsfeld von Ethik und Innovation.
Ein paar Thesen von Sattelberger habe ich auf Slideshare zusammengefaßt.
Es wäre toll, wenn Ihr im Vorfeld einige Fragen oder kritische Einwürfe formuliert und auf Twitter mit dem Hashtag #fragSattelberger veröffentlicht. Oder hier in der Kommentarfunktion veröffentlichen. Man sieht sich am 21. November in der Fresenius Hochschule im Atrium (Im MediaPark 4c, 50670 Köln) 🙂
Für die Untersuchung wurden ausschließlich CEOs und Aufsichtsratsvorsitzende von 78 der umsatzstärksten Unternehmen aus Deutschland ausgewählt – frei nach dem Motto „Frag den Bäckermeister, wie er seine Brötchen beurteilt“.
„In der Studie artikulieren die Manager deutlich, dass jetzt vor allem die richtige Führung und die richtige Kultur zum Ziel führen. Denn es ist nicht trivial, den Kontrollverlust zu organisieren. Es braucht einen Mentalitätswandel, lieber früh zu scheitern, um zielstrebig die Richtung zu ändern. Dazu gehören Offenheit und Flexibilität, um stärker als bisher auf Kooperationen mit Wettbewerbern zu setzen“, schreiben die Studienautoren.
Die größten Defizite beim digitalen Wandel ihrer Organisationen, sehen die Manager in den Chefetagen übrigens nicht bei sich selbst, sondern – welch eine Überraschung – bei ihren Mitarbeitern. Auch die Wettbewerber werden durchgehend schlechter beurteilt als das eigene Unternehmen.
„Keiner nennt in diesem Zusammenhang aber potenzielle Disruptoren aus der digitalen Welt, beispielsweise Startups, alle achten bisher nur auf klassische Konkurrenten.“
Für den eigenen Führungsstil wird zwar auch Nachholbedarf konstatiert, allerdings sehen hier die Umfrageteilnehmer die kleinste Transformationslücke.
Digitale Kompetenz bei Vorständen zweitrangig
Bei Vorstandsbesetzungen spielen die Aspekte der digitalen Transformation keine dominante Rolle, obwohl das Thema von existenzieller Relevanz für Unternehmen ist. Bei Aufsichtsratsbesetzungen ist die Lücke noch größer. Das überrascht nicht wirklich, wo doch die wichtigsten Posten in Unternehmen eher im Verborgenen ablaufen. Da zählt eben Habitus mehr als die Qualifikation, wie der ehemalige Konzernvorstand Thomas Sattelberger im ichsagmal-Sommerinterview konstatierte.
Thomas Sattelberger hat sich seinen rebellischen 68er Geist bewahrt
Der Start in die ichsagmal.com-Sommerinterview-Saison hat es in sich. Der frühere Konzernvorstand Thomas Sattelberger hat ordentlich aus dem Nähkästchen geplaudert.
Bei Facebook Live waren es 90 Minuten (bislang die Livestreaming-Obergrenze) und über Hangout on Air haben wir noch 30 Minuten oben drauf gelegt.
Langeweile kommen in den 120 Minuten nicht auf. Etwa die Aussagen zu Aufsichtsräten in Deutschland: Wer sich die Aufsichtsräte wie bei VW näher anschaut, weiß, warum es keine richtige Aufsicht gibt.
„Da sitzen die Familienmitglieder Piech und Porsche, da sitzen zwei ruhige Vertreter aus Katar, da sitzt eine Bankerin aus der befreundeten Wallenberg-Familie, das Land Niedersachsen und die wohlgestimmte Arbeitnehmerseite. Wir alle wissen, was da passiert. Das ist eine Konstruktion, um als Arbeitsbeschäftigungsmaschine für Niedersachsen zu dienen“, führt Sattelberger aus.
Von wirklicher Kontrolle könne da nicht gesprochen werden.
Oder das Thema der Auswahlkriterien für Vorstände: Habitus statt Qualifikation
Nominierungen für Vorstandsposten würden leider im Verborgenen laufen. Die Entscheidung der Telekom, ihn als Personalvorstand an Bord zu holen, sei kladendestin auf einem Schloss in der Nähe von Berlin abgelaufen. Oben zähle nur noch der Eindruck im Gespräch. Habitus sei dabei wichtiger als die Qualifikation.
„Das ist nur ein kleines Referenzsystem. Unterhalb der Top-Etage sieht das anders aus. Da kommt eine ausgefeilte und sehr valide psychologische Eignungsdiagnostik zum Einsatz“, weiß Sattelberger.
Würde man dieses Verfahren auch bei Top-Managern als Hürde setzen, könnte man schnell erkennen, das viele von denen einen Schatten in der Birne haben – neurotisch, aggressiv, machiavellistisch und teilweise auch psychopathisch.
„In einer guten Eignungsdiagnostik kommt man an solche Themen ran. Aber oben wird die nicht mehr angewandt. Das wissenschaftliche Auswahlverfahren gibt es für das gemeine Volk. An der Unternehmensspitze zählt nur noch der Habitus“, so Sattelberger.
Um das zu ändern, fordert er eine Corporate Governance, die ein strengeres Regelwerk erstellt und Fehlverhalten sanktioniert. Man brauche Störenfriede im Vorstand und eine Graswurzelbewegung im Unternehmen. Es müsse eine Personalfunktion geben, die souveräner agiert. Sattelberger fordert eine konsistente kritische Medienbranche als Kompass für gutes Unternehmertum und gutes Management. Fehlentwicklungen und Korruption müssten kontinuierlich angeprangert werden. Zudem brauche man analog zu Politikern eine ManagerWatch-Plattform und eine digitale APO, um den zivilgesellschaftlichen Druck zu erhöhen. Ausführlich nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.
Dazu passt dann auch die Hangout-Runde am 8. August, um 16 Uhr:
Lust auf ein Sommerinterview? Dann einfach bei mir melden für die Terminabsprache. Am besten in Bonn-Duisdorf, dann muss ich die Technik nicht rumschleppen.
Den Netzwerkern des Establishments in Politik und Wirtschaft geht es vor allem um gegenseitige Abhängigkeiten. Es sind Seilschaften, Kartelle, Klüngel und Cliquen, die ihre Macht nur hinter verschlossenen Türen entfalten können. Die Struktur und Logik des Social Webs erschwert die Arbeit der Pseudo-Elite in Politik, Wirtschaft und Medien. Offene, freie und anarchische Systeme sind Gift für die Kontroll-Freaks der alten Management-Schule.
„Wenn das Wesen der Digitalisierung darin besteht, Wissen allen verfügbar zu machen, Hierarchien aufzubrechen und kollaborativ den Wandel zu gestalten, und eben dieser Wandel doch an der Elfenbeinturm-Executive-Denke krankt, wie kann man dann im Jahre 2016 allen ernstes noch so Elfenbeinturm-Executive-Formate bringen? Das ist doch Meta-Banane“, kritisiert der Kölner Mittelstandsexperte Marco Petracca.
Wir brauchen Zugänge zu Wissen, Technologie, Diensten und Ideen in offenen und vernetzten Strukturen – ohne verkrustete Hierarchien und Hinterzimmer-Seilschaften. Das haben die alten Eliten immer noch nicht begriffen. Sie verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft. Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die Old Boys im Generaldirektorenmodus abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von “gewöhnlichen” Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Wie kann man diese Barrieren durchbrechen?
Am Samstag startet wieder die ichsagmal.com Sommerinterview-Saison im Doppel-Livestream über Hangout on Air und Facebook Live. Diesmal fahre ich nach München, um ab 17 Uhr Thomas Sattelberger zu befragen. Thema:
Wie alte Systeme, alte Macht, altes Territorium und alte Technologien verteidigen.
Die großen Konzerne sind nach Auffassung von Sattelberger Parallelgesellschaften.
„Und innerhalb der großen Konzerne sind Leitungsgremien noch mal eigene Parallelwelten, die umgeben sind von einem Hofstaat ähnlich wie bei Ludwig XIV. Das ist aber ein Spiegelbild der Gesellschaft“, so Sattelberger.
Nachzulesen in der Juli-Ausgabe der absatzwirtschaft. Wie kann man das in einer vernetzten Ökonomie ändern? Und: Wie wachsen die kreativen Netzökonomien so, dass sie nicht wieder alte Betondampfer werden? Wird die digitale Revolution von Managern und Unternehmern als sozialer Handlungsraum verstanden oder versuchen sie nicht eher, ihre Organisationen mit digitalen Werkzeugen nur auf Effizienz zu trimmen? In vielen Unternehmen werden mittlerweile Hierarchien abgebaut und Entscheidungsabläufe verschlankt. Weniger Hierarchie heißt aber nicht automatisch mehr Beteiligung und Verbesserung der Arbeitswelt.
Untersuchungen des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung in München belegen, dass die meisten Führungskonzepte auf die rigide Umsetzung des Prinzips „Steuern nach Zahlen setzen“. Das führt oftmals zu einer Zentralisierung von Macht und Entscheidungskompetenz. Die Mitarbeiter sehen sich dann nur noch als zahlengetriebene Exekutoren von Sachzwängen und Vorgaben. Kontrollmöglichkeiten werden mit der Digitalisierung ausgebaut und Beschäftigte stehen gar unter einem strengeren Regime von Vorgaben. Man schafft damit eher eine digitale Fließband-Organisation mit dem Maschinen-Paradigma des 19. Jahrhunderts.
Das sind ein paar Punkte, die ich am Samstag in die Diskussion werfen möchte. Welche Fragen habt Ihr?
Die Kombination vorhandener Fähigkeiten mit neuen Technologien über Plattformen ist ist sicherlich eine höchst sinnvolle Rezeptur für die Netzökonomie. Nach der Theorie von Professor Clayton Christensen nicht so ganz. Aber es ist schlau und entspricht der Innovationstheorie von Joseph Schumpeter. Der Ökonom wird ständig reduziert auf den Begriff der kreativen Zerstörung. Dabei bietet Schumpeter mehr. Er kritisiert die statischen Unternehmer, die nicht in der Lage ist, mit Neuem zu experimentieren.
Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen.
Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.
Die meisten Wirtschaftsakteure beschränken sich auf die Aufrechterhaltung von Routinen. Insofern liegt wohl der Ökonom Lutz Becker richtig, dass es eher auf die Denkhaltung ankommt und nicht auf die betriebswirtschaftliche Brille der Disruptionstheorie.
Disruptionstheorie von Clayton Christensen
Disruptive Innovatoren können sich in der ersten Phase auf die weniger anspruchsvolle Klientel konzentrieren und Angebote machen, die gerade noch gut genug sind. Erst danach bewegen sich die Startups in den Mainstream-Markt, ein Prozess, der bei den Discountern gut zu beobachten ist.
Ein disruptiver Innovator kann auch einen völlig neuen Markt schaffen, wie mit dem iPhone und dem App-Ökosystem von Apple für die Etablierung des mobilen Internets.
Das ist nur das Abschluss-Stück meiner Story, die in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift absatzwirtschaft erschienen ist.
Da findet Ihr in der aktuellen Nummer weitere feine Artikel. Etwa zum Thema: Die großen Konzerne sind Parallelgesellschaften:
Die Wirtschaft hat sich eine Reihe von Skandalen geleistet, die das ethische Verständnis in Wirtschaft und Gesellschaft in Frage in stellen. Mit VW ist die Entwicklung möglicherweise an einem Tipping Point angekommen, nachdem die Liste der Skandale schon eine beachtliche Länge erreicht hat, unter anderem mit Commerzbank, Deutscher Bank, Fifa, Siemens und Thyssen-Krupp. Auf der Nextact in Köln suchten Marketingpapst Prof. Dr. Heribert Meffert, Ex-Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger und Dr. Richard Straub, Gründer der Peter Drucker Society Europe, in einer Podiumsdiskussion unter der Leitung von absatzwirtschaft-Chefredakteur Christian Thunig nach Lösungsmöglichkeiten.
Klingt doch spannend. Also 8,99 Euro aus dem Sparschwein holen 🙂