Ein Sender, eine Botschaft, viele Empfänger und wenig Medienexperimente #DigiTreff #SMCBN

dirkvongehlen

In der digitalen Sphäre geht es um Vorläufigkeit und Nichtlinearität. Wir zerlegen, bearbeiten und verschieben Projekte und Formate, um an den Bruchstellen, den Knicken, den Faltungen und Lockerungen nach neuen Anschlussmöglichkeiten zu suchen, an denen wir dann weiter experimentieren sowie neue Ideen einhaken und weiter entwickeln können. So hat es Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung, in seinem Futurepublish-Vortrag in Berlin und im ichsagmal.com-Gespräch zum Ausdruck gebracht.

An die Stelle von Gewissheiten rückt das Experiment. Man schaltet um von einer recht großen Formen- und Formatsicherheit, die auf Marktsicherheit berechnet ist, auf die Unsicherheit des Experiments, ohne zu wissen, ob es dafür überhaupt einen funktionierenden Markt gibt. Von dieser Einsicht ist die klassische Medienbranche noch weit entfernt. Ein Sender, eine Botschaft, viele Empfänger – viel mehr wird nicht geboten. Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung stellt in seinem neuen Buch „Meta! Das Ende des Durchschnitts“ die richtigen Fragen, die wir beim #DigiGTreff in Kooperation mit dem Social Media Chat Bonn am Donnerstag, den 30. März beantworten sollten:

Wie verändert sich die Vorstellung von Öffentlichkeit, wenn nicht mehr alle unter dem gleichen Lautsprecher stehen müssen, um zu erfahren, was für sie wichtig ist? Wie verschieben sich Gedanken-und Geschäftsmodelle wenn der Kontext künftig ebenso bedeutsam für eine Botschaft sein kann wie deren Text (Inhalt)? Was heißt das für all diejenigen, deren Geschäfte bisher darauf basier(t)en, Text und nicht Kontext zu erstellen? Welche Herausforderungen ergeben sich für diese Akteure der Öffentlichkeit, wenn das Sammeln von Nutzerdaten dazu führt, dass manche Inhalte gar nicht mehr beim Sender sondern vielmehr beim Empfänger erstellt werden?

Der Status quo ist da leider nicht sehr erbaulich, so Andreas Rickmann, Head of Social Media bild.de:

„Respect your Reader! Diese Forderung ist Anfang 2017 eigentlich absurd, sollte sie doch selbstverständlich sein. Ist sie auf Plattformen aber nicht. Ob übergeigte Zeilen oder Clickbaits, die Produktenttäuschungen sind: Medienmarken leisten es sich noch immer, ihre Leser auf Plattformen nicht ernst zu nehmen. Nicht ernst zu nehmen, wie der Inhalt an die Leute kommt, aber auch, was für das Leben der Leute wirklich relevant ist.“

Wohin die Reise gehen könnte, zeigt die Experimentierstube der BBC mit dem Konzept „Visual Perceptive Media“:

„Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Geschichten, Hintergrundmusik, Farbgestaltung und die grundsätzliche Stimmung eines Dramas in Echtzeit auf ihre Persönlichkeit angepasst werden. Das nennen wir Visual Perceptive Media, und daran arbeiten wir in unserem Media-CityUK-Labor.“

Nach Ansicht von Dirk von Gehlen gibt es keinen Grund von einer Medienkrise zu sprechen, wenn man darauf achtet, was Medien in Zukunft sein werden: Kontext-, nicht Text-Produzenten.

„In der Welt nach dem Durchschnitt werden Medien mehr noch als heute Bezugsrahmen schaffen und deshalb als wertvoll wahrgenommen werden. Und das obwohl der Inhalt einfach da ist – und das auch noch im Überfluss. Es gibt mehr Texte, Bilder, Videos als man betrachten kann. Was heute begrenzt ist, ist die Aufmerksamkeit.“

Im Markt der Medien werden Anbieter auf dieses verschobene Verhältnis von Angebot und Nachfrage reagieren und nicht mehr (Durchschnitts-) Inhalt verkaufen, sondern Filter, die Inhalte begrenzen. Eine Zeitung werde in Zukunft vermutlich noch genauso viel kosten wie heute, sie wird aber nicht mehr jeden Tag als ein Bündel Inhalt in den Briefkasten geliefert.

„Im Gegenteil: Sie liefert nur noch dann Informationen, wenn sie für den Empfänger wirklich wichtig sind. Je weniger desto besser – verbunden mit dem Versprechen: Nichts, was für dich wirklich von Bedeutung ist, wirst du verpassen. Ein solches Produkt entfaltet seinen Wert vielleicht sogar im Gegensatz zum heutigen Modell dadurch, dass es eher selten verschickt wird. Es verkauft keinen Inhalt mehr, sondern die Dienstleistung, Aufmerksamkeit zu sparen“, schreibt von Gehlen.

Ob der General Anzeiger das in Bonn hinbekommt? Bin gespannt auf die #DigiTreff Debatte am 30. März ab 18 Uhr.

Vom falschen Umgang mit Live-Videos #smcbn

Technik von Steve Paine im Coworking Bonn - da geht mein Herz auf :-)
Technik von Steve Paine im Coworking Bonn – da geht mein Herz auf 🙂

Livestreaming in der Praxis: Es wird kaum in Formaten gedacht. Vorankündigung wird vernachlässigt. Netzwerk-Effekte lässt man links liegen. Moderationen verlaufen aseptisch. Der Kontext des Einsatzes von Livestreaming-Diensten wird nicht bedacht. Interaktionen bei mobilen Apps bleiben auf der Strecke. Nachberichte und Dokumentationen bleiben aus.

Die Vorteile beim Verzicht auf Postproduktionen durch Live-Videos werden nicht anständig honoriert. Da regt man sich dann eher auf, dass der Moderator, der zugleich Operator, Social Web-Community-Manager, Kommentar-Kurator und Aufmerksamkeitskatalysator vor, während und nach der Übertragung ist, zum Schluss kein elegantes Ende des Livestreams hinbekommt, weil man halt zum Laptop laufen muss, um die Stopp-Taste zu bedienen. Hab ich alles schon erlebt. Livestreaming wird auf Kamera-aufstellen-und-einfach-übertragen reduziert und Ideen für lebendige Diskurse versanden im Routinebetrieb – da ist der Abstimmungsaufwand zu hoch, Herr Sohn.

Medien, Unternehmen, Verbände und sonstige Institutionen wagen zu selten das Abenteuer der direkten und ungeschminkten Live-Übertragung – zumindest gilt das in Deutschland. Da hat Alexander Görlach, der frühere Chefredakteur und Gründer des The European-Debattenmagazins mit der seiner Einschätzung der Lage schon recht:

„Es gibt wenig Begeisterung für Medien und wenig Begeisterung für Formate. Vor allem nicht, wenn es um neue Ideen geht. Sicherlich gibt es die innerhalb der verschiedenen Redaktionen, aber es gibt keine übergeordnete unternehmerische Lust oder Freude an dem Thema.“

In den USA sei man im Datenjournalismus weiter, außerdem in Sachen Videocontent und Mobile-Technologien. Das US-Onlinemagazin Mic habe zum Beispiel in wenigen Jahren 30 Millionen US-Dollar eingesammelt und heute über 100 Mitarbeiter. Und das alles mit einem einzeiligen Pitch – nämlich, dass Millennials Inhalte anders konsumieren, über Snapchat und Livevideos.

Social Media Chat Bonn mit neuer Konzeption - jedes Mal ein anderer Standort.
Social Media Chat Bonn mit neuer Konzeption – jedes Mal ein anderer Standort.

Insgesamt ein recht flotter und diskussionsfreudiger Abend bei der Neuausrichtung des #smcbn – Operation gelungen 🙂

Über meine Erfahrungen in den vergangenen Jahren beim Nutzen von schnellen, ungeschminkten und direkten Live-Formaten habe ich mich ausführlich in meinem E-Book ausgelassen. Gibt es allerdings nur bei amazon.