Nicht Facebook schmiert ab, sondern Twitter: Über Kaugummi-Dreck beim Kurznachrichtendienst

Auf die Länge kommt es vielleicht doch nicht an.
Auf die Länge kommt es vielleicht doch nicht an.

Netzökonom Holger Schmidt hat Anfang März einige recht interessante Fakten über Twitter zusammengetragen, die sich so langsam zur Krise des Kurznachrichtendienstes auswachsen.

„Etwa 70 bis 80 Prozent der Menschen, die sich bei Twitter anmelden, springen im Laufe der Zeit wieder ab. Nur etwa 3 Prozent der Menschen, die sich jemals bei Twitter im deutschsprachigen Raum angemeldet haben, sind heute noch täglich als Schreiber aktiv. Zwar hat Twitter mit Hilfe der Kooperationen mit Fernsehsendern im vergangenen Jahr viele neue Nutzer in Deutschland hinzugewonnen, doch besonders treu sind diese nicht. 80 Prozent der neu hinzugekommenen Nutzer gaben an, seltener als einmal im Monat Tweets zu schreiben.“

Als @SPIEGELONLINE einen Blogbeitrag von Schmidt an seine damals 280.000 Follower twitterte, kamen trotz einiger Retweets ganze 250 Klicks auf den Text zustande.

„Eine Nachfrage bei einem Blogger-Kollegen brachte etwa die gleiche magere Resonanz. Ich treffe auch immer mehr Twitterer der ersten Stunde, die keine Lust mehr haben, weil die ‚Echokammer‘ inzwischen ziemlich leer sei. Bleibt nur ein kleiner Teil an Menschen übrig, für die Twitter als täglicher Nachrichtenlieferant unverzichtbar geworden ist? Denn auch im Kriterium der sozialen Interaktionen auf den Nachrichtenseiten verliert Twitter an Bedeutung gegenüber Facebook“, schreibt Schmidt und bestätigt damit die Erfahrungen vieler anderer Nutzer.

Folgt man den Analysen der Blogrebellen, hängen mittlerweile alle Websites am „Tropf“ von Facebook. Ob riesig wie Buzzfeed und Upworthy oder klein wie Postillon und Schlecky – 50 Prozent des Traffics kommen über soziale Netzwerke und über 90 Prozent davon kommen über das Mark Zuckerberg-Imperium.

Michael Seemann hat gar den Glauben an Twitter verloren, wie er im Wir-Müssen-Reden-Podcast mit Max Winde ausführt (so ab 01:58 Std.). Er sei kurz vor seinem siebten Twitter-Geburtstag.

„Das ist die längste Beziehung, die ich je hatte. Ich lass sie jetzt still und leise auslaufen.“

Er habe nicht mehr das Gefühl, dass man viele Leute erreicht. Man treffe sehr viele Karteileichen.

„Die Reichweite sinkt und niemand interessiert sich mehr so richtig für Twitter. Die Leute wandern ab. Viele konzentrieren sich immer mehr auf Facebook“, sagt Seemann.

Wer auf Facebook richtig aktiv sei, wie Leander Wattig, erziele extrem viele Interaktionen, obwohl man in der Regel weitaus weniger Fans oder Freunde hat im Vergleich zur Zahl der Twitter-Follower. Besonders in Deutschland gehe die Twitter-Nutzung massiv zurück, wie die Zahlen von Holger Schmidt belegen. Bei uns sei der Dienst nie richtig in die Gänge gekommen. Der Peak wurde vor rund zwei Jahren erzielt. Seitdem geht es in den Keller.

„Meine eigene Timeline ist irgendwie umgekippt“, erzählt Seemann.

Da werde nur noch irgendwelcher Kaugummi-Dreck von vorgestern abgesondert. Wie steht es mit Eurer Twitter-Timeline. Alles im Eimer?

Den Facebook-Untergang müssen wir jetzt wohl erst einmal vertagen, oder? Wir sollten uns vielleicht eher über die Folgen der Facebook-Dominanz einige Gedanken machen.

Siehe auch:

Facebook-Lamento, Klickbomben und barfüssige Propheten.

Kontrollverlust bei #Bloggercamp.tv: Gespräch mit Michael Seemann

Endlich ist es bei Google Plus möglich, Live-Übertragungen via Hangout on Air mit dem Einbettungscode vorzuplanen. So kann man im Vorfeld besser darauf aufmerksam machen, wann und wo eine Sendung angeschaut werden kann. Die nützlichste und sinnvollste Änderung bei der Eventplanung fürs Livestreaming.

Am Mittwoch wird Michael Seemann in der 16 Uhr-Sendung von Bloggercamp.tv sein Startnext-Buchprojekt „Das neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust“. Weit über 6.000 Euro hat Michael übrigens schon eingesammelt in den ersten Tagen nach dem Start der Finanzierungsphase – knapp 2.000 Euro fehlen bis zur Wunschsumme. Das dürfte klappen 🙂

Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während der Sendung wie immer

Vorbericht siehe: Wie berechenbar ist die Unberechenbarkeit? #Kontrollverlust #rp14 #Bloggercamp.tv

Wie berechenbar ist die Unberechenbarkeit? #Kontrollverlust #rp14 #Bloggercamp.tv

Wie planbar ist der Mensch?
Wie planbar ist der Mensch?

Das Schwerpunktthema „INTO THE WILD“ der Berliner Blogger-Konferenz re:publica 2014 ist gut gewählt. Von unterschiedlicher Seite wird suggeriert, dass wir über Algorithmen „wieder“ zu berechenbaren Wesen degradiert werden können. Das würde vielen wohl in den Kram passen – nicht nur den Apologeten des starken Staates. Ähnliches versprechen auch die Big Data-Vielschwätzer, die sich in der Beraterszene tummeln und mit ihren Analyse-Tools die eierlegende Wollmichsau versprechen.

Bedeutungsschwer wird von goldenen Social Web-Regeln, Patentrezepten im Marketing und der perfekten personalisierten Werbung gesprochen. Schaut man hinter die Kulissen der Zahlenschieber, bleibt häufig nur Dünnbrettbohrertum übrig. Beweise für ihre Allwissenheit liefern die Neo-Controlling-Gichtlinge des Netzes nur ungern. Bislang sind die Big Data-Gurus, Social Web-Tool-Gläubihgen, Targeting- und Reichweiten-Strategen meinen Einladungen zu Live-Demonstrationen via Hangout on Air ausgewichen. Das wundert mich nicht, da sie in der Regel alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen.

Dabei wäre es doch so einfach für die Alchemisten der Neuzeit, einen Blick in ihre Zauberküchen zu gewähren und Fallbeispiele direkt mit der Crowd zu besprechen. Vielleicht fürchtet man die Erkenntnis, dass die Nacktheit des Kaisers mit seinen neuen Kleidern allzu deutlich wird. Überprüfbarkeit von Modellen zu verlangen, ist Gift für die metaphysischen Schaumschläger. Ein wenig erinnert diese Anmaßung von Wissen der Big Data-Jünger an den Positivismus-Streit, den der Philosoph Karl Popper auslöste. Eine wissenschaftliche Haltung müsse kritisch sein, so Popper. Eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging, sondern kritische Überprüfungen suchte. Überprüfungen, die die Theorie oder These widerlegen konnten, die sie falsifizieren konnten, aber nicht verifizieren. Auch eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf ein Gesetz zu ziehen, das diese Verbindungen als kausal notwendig, ausnahmslos geltend und streng allgemein bestimmt.

Wer krampfhaft nur nach Bestätigungen von eigenen Modellen sucht, neigt zum Sektierertum und verdrängt die Fehlbarkeit seines Wissens. Es ist eine Welt des bloßen Scheins, die ausschließlich aus menschlichen Vermutungen besteht, die keinerlei Gewissheit bietet. Was Popper in seinem „Kritischen Rationalismus“ formulierte, war übrigens schon den vorsokratischen Philosophen wie Parmenides und Xenophanes vor rund 2.500 Jahren klar. Alles menschliche Wissen sei ein Raten: Es ist alles durchwebt von Vermutung.

Deshalb ist die „Forderung“ nach Unberechenbarkeit, die im Programmtext der re:publica auftaucht, recht eigentümlich, um es vorsichtig zu formulieren:

„Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss?“

Kann man Unberechenbarkeit und den Kontrollverlust strategisch planen? Das ist absurd und widersprüchlich. Am Mittwoch diskutieren wir ja in unserer 16 Uhr-Sendung von Bloggercamp.tv mit Michael Seemann über sein Startnext-Buchprojekt „Das Neue Spiel – Nach dem Kontrollverlust“. Da werde ich das Motto der auch zur Sprache bringen.

In der ersten Bloggercamp.tv-Session um 11 Uhr ist wieder Drohnen-Zeit:

Siehe auch:

Über die trügerischen Verheißungen der Big Data-Hohepriester:

Vielleicht erleben wir auch nur die letzte Schlacht des Controllings, um in den Zeiten des Kontrollverlustes die alte Logik des Industriezeitalters in die vernetzte Welt zu retten. Die Schaffung von neuer Übersichtlichkeit im chaotischen Universum des Cyberspace. Der Wunsch nach Rückgewinnung der Deutungshoheit und die Sehnsucht nach maschinengesteuerten Entscheidungen auf dem Fundament der Ratio.

Big Data evoziert utopische wie auch dystopische Rhetorik. Es weckt Hoffnungen und Ängste vor Überwachung. Das eine Lager erträumt sich ein Himmelreich der Planbarkeit, das andere warnt vor dem Niedergang des selbstbestimmten Lebens.

Beide Fraktionen sitzen mit ihren Mutmaßungen im selben Schützengraben und glauben an die vermeintlichen Zahlen-Zauberstücke, die ihnen Big Data-Analysten mit bedeutungsschweren Gesten vorführen. Häufig handelt es sich um Physiker oder Mathematiker, die zur Sozialwissenschaft konvertiert sind. Und dies wohl ist kein Zufall 😉

Lesenswert: Leben mit der Paranoia: Into the wild – re:publica 2014.

Internetmäander.

Staatlicher Verdachtstotalitarismus kann alle treffen – auch Dieter Bohlen

Das NSA-Big-Data-Big-Brother-Problem
Das NSA-Big-Data-Big-Brother-Problem

Von Dieter Bohlen ist man ja so einiges gewohnt auf der nach oben offenen „hammermäßigen“ Peinlichkeitsskala. Mit seinem Presseauftritt in Österreich als Gallionsfigur des milliardenschweren Polit-Opis Fränkiboy Stronach hat der selbsternannte Pop-Titan diese Skala noch einmal in luftige Höhen geschraubt (noch peinlicher ist übrigens die „gut aufgestellte“ dauergrinsende Fränk Stronach-Sprechpuppe Kathrin Nachbaur, die der ORF-Moderator Armin Wolf recht zügig an die Grenzen ihrer Polit-Kompetenz gebracht hat).
So gab er seinem „Gastgeber“, der wohl eine fette Gage für Dieterchen locker machte, in der entspannten Haltung zur NSA-Totalüberwachung recht. Passt gut in die Beschwichtigungs-Reihe „Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich auch vor dem Verdachtstotalitarismus nicht fürchten“. Wenn die Überwachung dazu diene, Terroranschläge zu verhindern, dann sei ihm das recht, schwafelte Bohlen:

„Meine E-Mails kann jeder den ganzen Tag lesen, ist mir scheißegal.“

Was passiert aber, liebwertester Pop-Titan-Gichtling, wenn Dich die Big Data-Analysen der NSA zur Persona non grata abstempeln und Dir die Gründe nicht mitgeteilt werden. Transparenz, Meister Bohlen, ist der NSA nämlich auch „scheissegal“.

Die verdachtsunabhängige Totalüberwachung kann jeden treffen. Schlechte Playback-Sänger, mittelmäßige Entertainer und überhaupt jeden Reisenden. Abwehrrechte gegen die NSA-Willkür gibt es nicht und die Willkür kann schon am Flugschalter auf der Reise in die USA anfangen. Der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow hat das heute in der FAZ eindrücklich beschrieben:

„Eine Dreiviertelstunde vor Abflug knisterte das Sprechgerät, das Urteil über meinen Fall wurde verkündet, die Frau teilte mir knapp und emotionslos mit, die Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika sei mir untersagt. Ohne Angabe von Gründen.“

Da hilft dann auch keine Gesangseinlage mehr weiter, Dietchen, die vom Band eingespielt wird.

Denn: „Einer der wichtigsten und bedrohlichsten Aspekte des NSA-Skandals ist die geheimnistuerische Essenz des Systems. Transparenz ist offensichtlich der größte Feind jener, die vorgeblich die Freiheit verteidigen“, so Trojanow.

Die Gründe könne er nur erahnen. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich publizistisch mit den internationalen und nationalen Überwachungsstrukturen, in Artikeln und Essays wie auch in einem zusammen mit Juli Zeh verfassten Buch zu diesem Thema „Angriff auf die Freiheit“.

Wir sollten also nicht mehr von der vermeintlichen Terrorabwehr faseln, sondern uns den Abwehrrechten gegen staatliche Willkür von paranoiden Geheimdiensten widmen, die sich der politischen Kontrolle immer mehr entziehen. Das-betrifft-mich-doch-nicht-Bohlen-Mantra mag schön bequem sein, aber der „Fall“ Trojanow belegt, dass die Einschläge näher kommen. Völlig neben der Spur läuft übrigens der „CDU-Netzpolitiker“ Thomas Jarzombek. Als eine Antwort auf die NSA-Abhöraffäre will er nach einem Blog-Bericht von Hyperland die einheimische Internetwirtschaft fördern.

„Der Ansatz: Wenn nicht mehr der Großteil der Informationen durch die Server von US-Unternehmen fließt, kann die NSA weniger abhören. Das Problem dabei: Eine solche Aufholjagd würde mehr als eine Legislaturperiode dauern. Und ob aus Deutschland jemals ein ernstzunehmender Konkurrent zu Facebook, Google oder Microsoft kommt, ist mehr als zweifelhaft.“

Und nicht nur das. Wo waren noch mal die Schnittstellen, die von der NSA angezapft werden? Die reichen ja wohl bis ins Herz der Politik in Brüssel und Berlin. Ist der Datenverkehr über deutsche Server sicherer? Stichwort „Staatstrojaner“.

Vielleicht sollte man das mal eingehender mit Dieter Bohlen diskutieren, so als Sprachrohr des Otto-Normal-Verbrauchers.

Im netzpolitischen Diskurs sollte man neue Wege gehen. Das hat Wolfgang Michal sehr gut zusammengefasst:

„Bei vielen ‚Sachthemen‘ wird heute die Chance vertan, eine verständliche, nicht-elitäre Sprache zu entwickeln. Denn der von Felix Schwenzel zum Kronzeugen einer ‚Mir doch egal‘-Haltung erhobene Rhön-Bauer wird von der Digitalisierung genauso erfasst werden wie der piratige Altbaunerd in Berlin-Friedrichshain. Für beide geht es um ‚gleiches Recht für alle‘, um ‚Schutz der Privatsphäre‘, um den freien Zugang zu alten Apfelsorten.“

Wir werden das mit Wolfgang Michal in der nächsten Woche in Bloggercamp.tv eingehend diskutieren. Am Mittwoch, den 9. Oktober, um 18:30 Uhr. Wer bei der Live-Runde mitmachen möchte, kann sich bei mir oder Hannes Schleeh melden. Oder einfach einen Blog-Kommentar unter diesem Beitrag schreiben.

Vielleicht sollte man sich auch mehr mit der Frage auseinandersetzen, wie man diese automatischen Denunzianten-Systeme von NSA und Co. besser bekämpfen kann. Stichwort „Datenverbrechen“. Der Staat ist jedenfalls kein geeigneter Hüter für eine Verbesserung des Datenschutzes.

Es hilft nur „Transparenz gegen Überwachung“, so die Position von Michael Seemann, die er in der Musikzeitschrift „Spex“ ausführlich darlegte und auch im ichsagmal-Interview skizzierte.

„Im neuen Spiel sind Datenschutz-Gesetze gegen Prism nicht nur unwirksam, sondern stärken die Macht der Institutionen, denn sie schränken in erster Linie die Zivilgesellschaft ein, nicht aber die Dienste. Jede Regulierung des Kontrollverlustes wirkt in dieser Mechanik wie ein Daten-Auswertungsmonopol der Mächtigen und stärkt deren Deutungsmacht.“

Gegen staatliche und private Big Data-Denunziantensysteme muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen.

Auch diesen Aspekt möchte ich mit Euch intensiver in Hangout-Interviews besprechen. Meldet Euch!

Posttraumatische Zerknirschtheit: Netzaktivisten stehen im Regen #btw13

Netzaktivisten im Regen
Netzaktivisten im Regen

Es gibt gaaaanz viele Politiken und gaaanz viele Interessen, die auf die Tagesordnung der politischen Willensbildung drängen. Es gibt den so genannten vorpolitischen Raum, wo sich Politik abspielt – von Seniorenheimen bis zu Universitäten. Es gibt Geldpolitik, Tierschutz-Politik, Agrarpolitik, Sportpolitik, Vereinspolitik, Schrebergarten-Politik, Bundesgartenschau-Politik, Recycling-Politik, Wärmedämmungs-Politik, Baupolitik, bla, bla, blubb. Ja und es gibt Netzpolitik – obwohl das ein relevantes Querschnittsthema für die Gesellschaft sein müsste – Stichwort „Digitale Transformation fast aller Lebensbereiche“ – , ist das Ganze eben auch ein Politikfeld unter vielen. Menschen hören Radio, schalten den Fernseher an und betrachten Youtube-Filmchen, interessieren sich aber nicht die Bohne für „Rundfunk-Politik“ – es sei denn, die Gebühren werden erhöht.

Ähnliches widerfährt jetzt der Netzpolitik. Die politische Klasse hat zwar keine digitalpolitische Kompetenz nachgerüstet, sie hat aber begriffen, dass fast jeder netzpolitische Shitstorm eben doch nur aus semantischen Dünnschiss mit kurzer Halbwertzeit besteht, wie es Michael Seemann im ichsagmal-Interview ausführte.

Man brauche neue und andere Narrative im politischen Diskurs, so Seemann. Oder in den vielzitierten Worten des früheren CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler: Es gehe heute nicht mehr darum, Bahnhöfe, sondern darum, Begriffe zu besetzen. Oder so ähnlich.

Was natürlich nicht heißt, dass die Besetzung von Begriffen ohne Inhalte dauerhaft funktioniert. Mitnichten. Netzpolitik scheint sich als Begriff jedenfalls ausgenudelt zu haben. Wat nu?

Mein Diskussionsreigen via Live-Hangouts geht weiter. Heute, um 12 Uhr mit Joachim Graf von iBusiness und am Montag, um 12 Uhr mit Anke Knopp ‏@nowanda1.

Siehe auch:

Politik im Datenzeitalter – Was die SPD verschläft.

Gerhart Baum: Ich will, dass wir beißen können.

Wie es um die digitale Kompetenz der Bundesregierung steht, kann man hier nachlesen: Mobiles Breitband-Web: Deutschland nur auf Rang 40 – hinter Griechenland und Kasachstan.

Und meine Mittwochskolumne: NETZPOLITIK ZERSCHELLT AM MERKEL-FELSEN.

Stimmt das? Nur netzpolitische Nullnummern.

Jetzt live: Netzpolitik vor dem Ende? Diskussion mit @mspro

Netzpolitik am Ende? Auf der Suche nach Superkräften #btw

Die ewige Kanzlerin
Die ewige Kanzlerin

Im Netz reagiert man auf den Wahlsieg von Merkel entweder sarkastisch mit Verweis auf das Elend der FDP oder sogar schwarzseherisch mit Untergangsprophetien und Jammerklagen. Es ist die Fortsetzung der Debatte um das Versagen der Netzgemeinde im Kampf gegen das Leistungsschutzrecht. Realpolitische Klugheit ist nicht zu erkennen – eher ein wenig naive Wolkenkuckucksheim-Positionen. Zu den wenigen pragmatischen Reaktionen zähle ich den Beitrag von Michael Seemann, der auch in der LSR-Disputation eine gute Figur gemacht hat.

Der erfolgreiche Kampf gegen Zensursula, der da aus dem Nichts zu einer gigantischen Woge des Protestes führte, ließ uns von einer neuen Politik träumen:

„Wir wussten nur noch nicht welcher. Die Piraten, bereits 2006 gegründet, erschien 2009 das erste Mal als realistische Machtoption auf der Bildfläche. Aber nicht nur das. Auch die Aktivisten glaubten die neu entdeckten Superkräfte in politischen Einfluss ummünzen zu können. Netzpolitik.org wurde zu einem der meistgelesenen Blogs und allen Parteien saß der Schock über die Netzmacht tief in den Knochen“, schreibt Michael.

Und er führt weiter aus:

„Die Netzsperren wurden, obwohl bereits beschlossen, aus Angst vor der mächtigen Netzlobby beerdigt. Leutheusser-Schnarrenberger achtete peinlich darauf, jedem CDUler, der mit der Vorratsdatenspeicherung um die Ecke kam, sofort auf die Patschen zu hauen. Netzpolitik war en vouge, alle Parteien gründeten Arbeitskreise und Lobby-Beiboote zum Thema, von der Regierung gab es eine eigene Enquetekommission. Die Piraten eilten von Wahlerfolg zu Wahlerfolg und Tatort-Autoren und andere Besitzstandswahrer schrieben offene Briefe aus Angst um ihre Urheberrechtspfründe. Schließlich stoppte die Netzszene noch ein internationales Handelsabkommen – wo geht’s hier zur Weltherrschaft?“

Merkel-Hangout-Mashup
Merkel-Hangout-Mashup
Doch dann kam die Schose ins Stocken. Nichts ging mehr. Das Leistungsschutzrecht wurde in etwas abgeschwächter Variante beschlossen, die NSA-Spionage-Affäre verfing nicht in breiten Bevölkerungskreisen, die Piraten übten sich in personeller Selbstzerfleischung und gingen den Altparteien auf den Leim, statt ihre digitalpolitische Kompetenz zu beweisen. Michael Seemann spricht vom Ende einer Ära:

„Netzpolitik ist in dieser, jetzigen Konzeption tot. Eine Politik aus dem Netz, für das Netz als reine Selbstbespiegelung der Interessen der Netzgemeinde hat ausgesorgt. Hier müssen jetzt eingehende Analysen stattfinden: Ist Post-Privacy bereits so eine Gesellschaftsnormalität, dass die Prism-Debatte nicht verfängt? Ist es ein deutsches Phänomen, das Netz und seine Zukunft weniger wichtig zu nehmen, oder liegt es an der Demokratie? Ist die Netzgemeinde einfach nicht anschlussfähig für die neue Generation und andere Interessensgruppen? Haben wir versagt: organisatorisch, ideologisch, personell? Was ist das eigentlich, was da am Boden liegt? Eine Idee, eine soziokulturelle Gruppe, eine Haltung, ein Tool?“

Die Politik habe ihren Respekt vor dem Netz verloren. Viel Getöse, nichts dahinter.

„Auch Shitstorms bestehen nur aus Dünnschiß.“

brandeins-Autor Thomas Ramge hatte im Oktober des vergangenen Jahres bereits prognostiziert, dass sich die etablierten Kräfte irgendwann aus dem „Schwitzkasten der Nerds“ befreien werden.

So sei ACTA in Deutschland an einem überschaubaren und gut organisierten Kreis von etwa 50 bis 100 Leuten gescheitert, die sich erfolgreich als netzpolitische Experten positioniert haben und die Öffentlichkeit dominieren. Ramge erwähnt den Blogger Jens Best, den Netzaktivisten Markus Beckedahl und die Sprecherin des Chaos Computer Clubs Constanze Kurz, die in rechtlichen Fragen rund um die Nutzung von Informationstechnik extrem bewandert sind und mit ihrem Expertenwissen eine echte Kommunikationsmacht aufgebaut haben.

So wiederhole sich auf politischer Ebene das alte Machtspiel der IT-Spezialisten. Wenige Kundige nehmen viele Unkundige in den Schwitzkasten. Ramge erkannte bereits damals erste Abnutzungseffekte des Expertentums, da die Politik mit etwas Zeitverzögerung das nötige Fachwissen aufrüstet. Er zitiert einen „Branchenkenner“:

„Politiker haben keine Lust mehr, sich von Leuten ohne Mandat am digitalen Nasenring durch die Manege ziehen zu lassen. Der Trick wird nicht mehr lange funktionieren. Aber dafür müssen zumindest Fachpolitiker endlich selbst zu Experten werden.“

Schaut man sich die digitalpolitische Bilanz der amtierenden Bundesregierung an, so gibt es immer noch eklatante Defizite. Aber nicht nur dort. Auch in der Verwaltung, in den etablierten Parteien und bei den Industrie-Lobbyisten sieht es nicht besser aus – man braucht nur einen dieser unsäglich langweiligen IT-Gipfel besuchen.

Ein Nekrolog auf die Netzpolitik ist also verfrüht. Nur sollte man endlich anfangen, das digitale Fachwissen der Netzbewegung mit realpolitischem Sachverstand zu kombinieren. Themen gibt es reichlich. Die mangelhafte Bereitschaft der Führungselite zur digitalen Transformation, die Aufarbeitung des NSA-Skandals, die Verhinderung eines Trojaner-Gesetzes, die Bewahrung der Netzneutralität, die Notwendigkeit einer digitalen Medienordnung inklusive Abschaffung der Pflicht zur Depublizierung, die staatliche Aufgabe bei der Schaffung einer Netzinfrastruktur für schnelles Internet und, und, und.

Eure Meinung interessiert mich. Wer mit mir über die Netzpolitik und den „Zustand“ der Netzbewegung diskutieren möchte via Hangout-Interviews, sollte sich in den nächsten Tagen bei mir melden. Entweder hier melden über die Kommentarfunktion oder per Mail an: gunnareriksohn@gmail.com

Siehe auch:

An schwarzen Tagen wie diesen.

Eine Niederlage für die Netzpolitik.

Rückschlag für die Netzbewegung – Die Urne ist offline.

Piraten: Warum es nicht gereicht hat und was wir daraus für die Zukunft lernen können.

Gruppe 47 für die Netzpolitik

Netzwerker Hans Werner Richter

In der Netzgemeinde ist nach dem gescheiterten Widerstand gegen das Leistungsschutzgesetz so richtig Leben in die Bude gekommen. Das ist heute ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen. Einige Netzaktivisten stellen nicht nur sich, sondern auch generell ihre Relevanz für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik infrage. Eine Welle der inneren Einkehr, Demut und Bescheidenheit macht sich breit. Und das ist doch ein Schritt in die richtige Richtung. Sascha Lobo stellt fest, dass es in Sachen Leistungsschutzrecht nicht gelungen sei, die YouTube-Generation abzuholen. Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter zu finden ist. Wenn das schon nicht gelingt, ist es nicht verwunderlich, dass der weniger internetaffine Teil der Bevölkerung überhaupt nicht erreicht wird. Selbst in der eigenen Familie dringt man mit seinen eigenen netzpolitischen Thesen nicht durch.

Ertrunken in der eigenen Nachrichtensauce

Wir schwimmen in einer Nachrichtensauce, die wir über Aggregatoren wie Rivva wahrnehmen und halten das für relevante Realität. Pustekuchen. Es gibt mittlerweile ein dreifaches Meinungsklima: die veröffentlichte Meinung der Massenmedien, die öffentliche Meinung der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger und die netzöffentliche Meinung der Nerds. Und selbst die Meinungsbildung im Netz ist noch gespalten: Die Musik spielt auf Facebook, YouTube, Tumblr und WordPress.com.

„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – danebenstellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn ,Spiegel online‘ mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, sagt der Blogger Michael Seemann und begründet seine Thesen im ichsagmal-Interview.

Um breitere Bevölkerungskreise zu erreichen, müssten sich die Computerveteranen über 50 stärker ins Zeug legen und netzpolitisch einmischen, meint der CRM-Experte Michael Gorny.

Man könnte ja so eine Art Gruppe 47 für die digitale Sphäre gründen, die in losen Netzwerkstrukturen die Meinungsbildung vorantreibt. Schließlich war der von Hans Werner Richter ins Leben gerufene Literaturzirkel äußerst erfolgreich und prägend für die Kulturszene der Nachkriegszeit. Und das ohne literarisches und politisches Programm.

„Alles war nicht eine Frage von Programmen, sondern eine Frage der Mentalität“, resümiert Richter in seinen Tagebuchnotizen.

Fragt sich nur, wer von den liebwertesten Netz-Gichtlingen in die Rolle von Günter Grass, Martin Walser, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz schlüpft?

Sascha Lobo soll übrigens den Beppe Grillo der Netzbewegung spielen. Denn nur er sei geeignet, die netzpolitische Bewegung zu erweitern mit der reichweitenstarken YouTube-Generation der Y-Tittys und den smarten, coolen Internet-Unternehmern aus dem neuen Mittelstand.

„Diese breite Bewegung könnte dem Standort Deutschland den erhofften Modernitätsschub und den Netzthemen die überfällige Anerkennung bringen“, schlägt zumindest Wolfgang Michal vor.

Bin gespannt auf weitere Vorschläge, die ich in Hangout on Air-Interviews für unser Buchprojekt zur Streaming Revolution einsammeln möchte. Meldet Euch für weitere netzpolitische Gesprächsrunden.

Siehe auch:

Das Internet entwickelt sich zurück.

Google Street View und der Kontrollverlust für Internet-Nicht-Nutzer, Verleger, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik

Michael Seemann hat in einem interessanten Beitrag verdeutlicht, dass der Kontrollverlust, den Unternehmen, Gesellschaft und Politik durch die Dezentralisierung der Kommunikationsströme im Internet erleben, auch vor Internet-Nicht-Nutzern nicht halt macht: „Im Netz existiert bald eine Repräsentation von jedem, ob wir wollen, oder nicht. Man kann das ignorieren. Verschwinden aber wird das virtuelle Profil dadurch nicht. Es wird wachsen und immer wichtiger werden, auch für das Offline-Leben. Man kann versuchen, mit Anwälten und vielen Briefen dagegen anzukämpfen, aber diesen Kampf wird man auf lange Frist verlieren. Wer Teil der Welt ist, wird Teil des Internets sein.“

Es bleibe nur eine Chance: es beeinflussen. Es gibt effektivere und bessere Möglichkeiten, Einfluss auf das eigene Bild zu nehmen, als es verpixeln zu lassen. Man sollte seine Daten selber in die Hand nehmen, an seinem öffentlichen Bild arbeiten. In der stofflichen Welt überlegen wir auch, was wir wem erzählen und was besser nicht – wir gehen bewusst mit unserem Wissen und unserem Selbst um.

Und ganz entscheidend: „Je mehr Menschen sich an der Kommunikation im Netz beteiligen, desto engmaschiger wird die Informationsabdeckung, desto ‚unverpixelter‘ wird diese eins-zu-eins-Weltkarte, die längst aus viel mehr besteht als aus Hausfassaden“, so Seemann. Da können die Hausmeister, Abmahnheinis und Urheberrechts-Keulenschwinger machen was sie wollen, den Kontrollverlust über ihre Hoheitsgebiete können sie nicht mehr zurückerobern. Das musste heute auch die Medienredaktion der NZZ einräumen. Vor zwei Wochen war ein Namensbeitrag des Verlegers Norbert Neininger erschienen, der sich vehement für das Leistungsschutzrecht einsetzte. Sein Plädoyer hat etliche Reaktionen provoziert: „Allerdings nur ablehnende“, so die NZZ. Der Gastbeitrag würde nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben. Hinter einem Leistungsschutzrecht würde mehr oder weniger versteckt die Forderung nach einem Gebühren-Erhebungssystem lauern. Ein grenzüberschreitendes bürokratisches Monster wäre die Folge. „Das Internet wirbelt nicht nur die alte Medienordnung durcheinander, es verändert auch die Meinungslage“, schreibt die NZZ. Eine breite libertäre Grundstimmung sei aufgekommen. „Das Vorhaben der Verleger wird als rückwärtsgewandt und protektionistisch wahrgenommen“, resümiert das Schweizer Blatt.

Im Vergleich mit der technologisch ausgelösten libertären Welle im Netz wirken die Erbauer von neuen Barrieren wie Museumswärter.