„Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Planungsspektakel“: Zum Beethoven-Festspielhaus

Beethoven Denkmal

Jetzt hat der Bonner Stadtrat mit den Stimmen von CDU, SPD, FDP und Bürger Bund beschlossen, das Areal südlich der Beethovenhalle für ein neues Konzerthaus „zur Verfügung zu stellen“ und an eine „private Bauherrengesellschaft“ zu übergeben. Auf dem Gelände muss dann nur noch ein Bunker und ein Studentenwohnheim abgerissen und Versorgungsleitungen verlagert werden. Das Ganze kostet schlappe 8,45 Millionen Euro, wobei die Stadt ihren Kostenanteil auf 4,4 Millionen Euro deckeln möchte. Der Rest soll vom Land NRW kommen. Die Baukosten liegen angeblich bei rund 70 Millionen Euro, also auf dem Niveau der Elbphilharmonie, als man der Öffentlichkeit noch Beruhigungspillen verabreichtet, bevor das Wunderwerk dann auf knapp 600 Millionen Euro hochschnellte. Unklar ist immer noch, in welcher Höhe die Stadtverwaltung mit den Betriebskosten des Beethoven-Neubaus belastet wird.

Planungsdialektik: Bleiben wir wieder nur Zaungäste?

Die Post startet im Juli wieder einen Architektenwettbewerb. Diesmal mit zehn „namhaften“ Architekturbüros aus aller Welt. Ende Oktober soll ein „Preisgericht“ die beiden besten Entwürfe präsentieren. Die Ergebnisse sollen dann öffentlich im Posttower gezeigt werden. Dann prüfen ausgewählte Generalunternehmen die Baukosten. Danach gründet man eine Betriebsstiftung, klärt die Bau- und Betriebskosten, erstellt das Nutzungskonzept und legt einen Businessplan. Im Frühjahr 2019 soll der Honoratiorenbau dann fertig sein, um noch in einer Konzertsaison vor dem großen Jubiläum das Haus „einzuspielen“. Bleiben wir bei diesem „Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Planungsspektakel“ wie¬der nur Zaungäste?

Fragt man die Festspielhaus-Freunde nach der Beteiligung der Bonner Bürgerschaft beim Wettbewerbsverfahren, bekommt den Verweis auf die private Trägerschaft. Fragt man nach der Notwendigkeit des Prachtbaus, argumentieren die Klassik-Fans mit den Interessen der Stadt. Ein sehr schönes dialektisches Spielchen auf Kosten der Allgemeinheit, auf Kosten der Kleinkunst und der Graswurzel-Kulturszene. Das Konzerthaus sei ein „Luftschloss, von dem nur wenige profitieren“, kritisiert Dorothea Paß-Weingartz von den Grünen. Damit steht sie nicht allein. Die Post könnte ja die Sitzungen des „Preisgerichts“ via Hangout on Air live übertragen und über Twitter Wortmeldungen zulassen. Bloggercamp.tv würde das organisieren. Oder scheuen Post und Festspielhaus-Honoratioren die Graswurzel-Debattenkultur des Netzes?

Morgen ausführlich in meiner The European-Mittwochskolumne nachzulesen. Die Idiotensysteme im Management müssen eine Woche warten 🙂

Dissonanzen beim Beethoven-Festspielhaus in Bonn: Planerischer Blindflug führt zum Absturz

Fachurteil zur Beethovenhalle bevor sie von der Stadt heruntergewirtschaftet wurde: Von Exper­ten wird vor allem die raum­akus­ti­sche Pla­nung des neuen Kon­zert­saa­les geprie­sen. So ist alle wis­sen­schaft­li­che Sorg­falt auf­ge­wen­det wor­den, die einem sol­chen weit wir­ken­den Zen­trum der Musik­pflege zukommt. Ent­stan­den ist einer der moderns­ten und akus­tisch ein­wand­freis­ten Kon­zert­säle, von dem sich die Beet­ho­ven­stadt Bonn im deut­schen Musik­le­ben eine beträcht­li­che Ran­ger­hö­hung ver­spricht. Die ers­ten Akus­tik­pro­ben brach­ten glän­zende Ergeb­nisse. Jeder der 1420 Plätze, im Par­kett wie auf den Rän­gen, ist mit­ten im Schall­ge­sche­hen: die dyna­mi­schen Schwan­kun­gen sind, wel­chen Stand­ort man im Raum auch immer ein­nimmt, kaum merk­lich. Ande­rer­seits ist aber auch dafür gesorgt, dass die Akus­tik nicht nur für eine bestimmte Art von Musik, etwa für roman­ti­sche Klang-Massen, vor­züg­lich ist, son­dern ebenso der kla­ren Linea­ri­tät eines baro­cken oder auch moder­nen Wer­kes gerecht wird.
Fachurteil zur Beethovenhalle bevor sie von der Stadt heruntergewirtschaftet wurde: Von Exper­ten wird vor allem die raum­akus­ti­sche Pla­nung des neuen Kon­zert­saa­les geprie­sen. So ist alle wis­sen­schaft­li­che Sorg­falt auf­ge­wen­det wor­den, die einem sol­chen weit wir­ken­den Zen­trum der Musik­pflege zukommt. Ent­stan­den ist einer der moderns­ten und akus­tisch ein­wand­freis­ten Kon­zert­säle, von dem sich die Beet­ho­ven­stadt Bonn im deut­schen Musik­le­ben eine beträcht­li­che Ran­ger­hö­hung ver­spricht. Die ers­ten Akus­tik­pro­ben brach­ten glän­zende Ergeb­nisse. Jeder der 1420 Plätze, im Par­kett wie auf den Rän­gen, ist mit­ten im Schall­ge­sche­hen: die dyna­mi­schen Schwan­kun­gen sind, wel­chen Stand­ort man im Raum auch immer ein­nimmt, kaum merk­lich. Ande­rer­seits ist aber auch dafür gesorgt, dass die Akus­tik nicht nur für eine bestimmte Art von Musik, etwa für roman­ti­sche Klang-Massen, vor­züg­lich ist, son­dern ebenso der kla­ren Linea­ri­tät eines baro­cken oder auch moder­nen Wer­kes gerecht wird.

2020 soll der 250. Geburtstag des großen Bonner Sohnes gebührend gefeiert werden. Es geht natürlich um Beethoven und er soll einen neuen Musen-Tempel erhalten – ein Festspielhaus mit Bilbao-Effekt, Weltgeltung, touristischer Anziehungskraft und sonstigen phantastischen Wirkungen. So versprechen es zumindest die Festspielhaus-Freunde. Was aus den planerischen Peinlichkeiten nun geworden ist, habe ich gestern thematisiert und mich dafür ausgesprochen, wenigstens die Beethovenhalle wieder im alten Glanz herzurichten inklusive Konzertsaal-Anbei, was man bei den Festspielhaus-Freunden abschätzig als Wurmfortsatz bezeichnet. Wenn die so weiter machen, ist noch nicht mal ein Wurmfortsatz drin.

Rheinauenschreiber Sebastian Eckert sieht das noch pessimistischer und schreibt von einem Blindflug in den Abgrund:

„In sechs Jahren soll die Halle stehen. Noch gibt es allerdings weder einen Entwurf, noch einen Architekturwettbewerb, noch einen Bauplatz, noch einen Bauplan, noch eine Ausschreibung. Es gibt keine Vorlagen, aber es soll fix gehen. Bedenkt man, dass es Rat und Verwaltung in fünf Jahren nicht geschafft haben, das Planschbecken im Römerbad zu erneuern, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Bedenkt man, dass die Koalition in Bonn derzeit lieber zulässt, dass der Kämmerer durch Haushaltssperre spart, anstatt einen Nachtragshaushalt zu verabschieden, kann man nur noch nach Luft japsen. Wer weiß, ob nicht jeder Ratsbeschluss, sei es nur zum Umbau einer Straße an der Halle, sofort durch den Kämmerer gekippt wird? Von privaten juristischen Einsprüchen ganz zu schweigen. Denn ein Anwohner wird sicher klagen. Nicht nur wegen Lärmbelästigung durch Konzerte in der Halle. Und dass man sich da als Stadt nicht hinweg setzen kann, zeigt ein Bau an der Friedrich-Breuer Straße. Baustopps sind da vorprogrammiert.“

Christian Wendling vom Haus der Architektur in Köln sieht noch Chancen für eine Realisierung – allerdings müsste jetzt der gesamte Prozess ohne weitere Reibungsverluste ablaufen:

Das A und O sei eine optimale Vorbereitung des Wettbewerbs.

„Leider müssen zu viele Wettbewerbe Fragen klären statt Antworten zu geben; die Zielvorgabe sollte aber vorher schon klar sein, und zwar nicht in etwa, sondern konkret. Das bedeutet im kulturellen und politischen Raum eine sachliche Diskussion, ggf. auch in Rückkopplung mit der Öffentlichkeit und den üblichen Beteiligungsprozessen. Je mehr im Vorfeld geklärt ist, desto passender werden die im Wettbewerb gezeigten Lösungen sein können, desto breiter wird die Zustimmung sein, die man insbesondere bei öffentlichen Gebäuden benötigt, um Projekte zügig abzuwickeln und an ihnen nicht im Nachhinein wieder dogmatische Grundsatzdiskussionen zu führen oder Überraschungen zu erleben.“

Man sollte die kleine Lösung anstreben und die Beethovenhalle sanieren sowie modernisieren.

Plädoyer für die Beethovenhalle

Luftschlösser hat Beethoven nicht verdient
Luftschlösser hat Beethoven nicht verdient

Für das neue Bonn-Portal namens „Bundesstadt.com“ habe ich mich für die Sanierung der Beethovenhalle ins Zeug gelegt. Die „Beethoven-Freunde“ kontern diese Position regelmäßig mit dem Argument der hohen Kosten von rund 40 Millionen Euro, die angeblich für die Modernisierung ausgegeben werden müsse.

Die Kosten für das neue Festspielhaus sollen dagegen aus „privaten“ Mitteln finanziert werden. Merkwürdig klingen die Formulierungen der Finanzzusagen mit „in Aussicht“ gestellt, man will dieses und jenes an Geld zusammenkratzen, selbst eventuelle Mehrkosten sollen abgedeckt sein. Im gleichen Atemzug stellen die selbst ernannten Beethoven-Freunde alle Anstrengungen in Frage, die Beethovenhalle wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Kommt mir irgendwie kindisch vor. Verliert das alte Spielzeug seine Attraktivität , schmeißt man es in die Ecke und nervt die Öffentlich so lange, bis ein neuer Prunkbau für das Abo-Publikum aus der Taufe gehoben wird.

Dabei klangen die Lobeshymnen des Fachpublikums bei der Einweihung der Beethovenhalle so vielversprechend. Kleine Kostprobe aus meiner Anthologie, die ich heute bei Bundesstadt.com veröffentlich habe:

„Bonn als illus­trer Fest­spiel­ort! Wird die Geburts­stadt Beet­ho­vens in der Lage sein, gleich Bay­reuth und Salz­burg musi­sche Atmo­sphäre inter­na­tio­na­ler Pro­ve­ni­enz, fas­zi­nie­ren­des Flui­dum einen Mythos bil­den? Dann hätte die pro­vi­so­ri­sche Metro­pole einen gro­ßen Wurf auf End­gül­ti­ges getan. Sie würde ihrer unbe­strit­te­nen Würde als tra­di­ti­ons­rei­che Uni­ver­si­täts­stadt den Glanz der Kunst­stadt hinzufügen.“

Das ist keine aktuelle Meldung der Festspielhaus-Apologeten, sondern ein Artikel aus dem Jahr 1958.

Warum soll das, was man in den vergangenen Jahrzehnten nicht auf die Reihe bekommen hat, mit einem neuen Musentempel gelingen?

Erst die Programmatik auf Vordermann bringen, statt weiter Luftschlösser zu bauen. Wie wäre es mal mit einer Bürgerbefragung in Bonn zu diesem Thema – initiiert vom Rat der Stadt und nicht von den Festspielhaus-Honoratioren?

Bonn bekommt wohl doch keine Elbphilharmonie: Puh, noch mal Glück gehabt

Konzertsaal der Beethovenhalle im alten Glanz

Kleiner Scherz. Gemeint ist natürlich der von Honoratioren ersehnte Musentempel namens „Festspielhaus“, der die Herzen des Abo-Publikums förmlich zur Raserei bringen soll. Zum 250. Geburtstag von Beethoven sollte das Prachtstück fertig werden – mit privater Finanzierung.

Nun hat die Bonner Kulturverwaltung einen niederschmetternden Sachstandsbericht vorgelegt, der die Freunde des Festspielhauses überhaupt nicht erfreut.

Für mich ist das keine Überraschung. Es reicht halt nicht aus, nette PR-Kampagnen zu starten – ohne die Bonner Bürgerschaft im Ganzen einzubeziehen.

Es sind Ehrgeizlinge wie IHK-Präsident Wolfgang Grießl, die sich wohl ein Denkmal setzen wollen. Magere fünf Millionen Euro sind bislang durch die Grießl-Initiative „5000×5000“ zusammengekommen. Die IHK betont übrigens, dass dieses Unterfangen das Privatvergnügen von Herrn Grießl ist. Warum wird er dann im Zusammenhang mit der Initiative stets als IHK-Präsident tituliert?

Mitte Juni wollen sich die unter dem Dach des Verbandes Dehoga organisierten Bonner Hoteliers und Gastwirte zu Details über einen geplanten „Beethoventaler“ äußern, berichtet der General Anzeiger.

Sie wollen sich „äußern“ – aha.

Die Baukosten sind also noch nicht einmal in Ansätzen gedeckt. Und was passiert eigentlich, wenn wir in der Beethovenstadt ein ähnliches Debakel wie mit der Elbphilharmonie erleben? Zahlt das dann Herr Grießl aus seiner Privatkasse oder lassen die Festspielhausfreunde in ihren Reihen eine Kollekte kreisen?

Zu Beginn der Planungen vor sieben Jahren ging Hamburg von mickrigen 77 Millionen Euro aus – ja, Ihr habt richtig gehört, liebe Festspielhausfreunde in Bonn. Da klingeln jetzt zu recht Eure Ohren. Denn der neue Beethoven-Tempel wird auch nur mit schlappen 80 Millionen Euro projektiert. Und auch die Argumente für das musische Millionen-Grab dürften den Bonnerinnen und Bonnern bekannt vorkommen. Da war von “Leuchtturmarchitektur”, von wirtschaftlichen Impulsen, neuen Arbeitsplätzen sowie von dem vielzitierten und vielbeschworenen “Bilbao-Effekt” die Rede.

Nachzulesen in meinem Blogpost: Der etwas andere Bilbao-Effekt: Prunkbauten, Großmannssucht und leere Kassen #Elbphilharmonie #Festspielhaus.

Man sollte sich also schleunigst von den Wolkenkuckucksheim-Planungen der Festspielhausfreunde verabschieden und sich auf die Sanierung der Beethovenhalle konzentrieren. Aber auch da hat man wertvolle Zeit verplempern lassen. Zudem: Selbst ein neues Festspielhaus macht aus Bonn noch kein Bayreuth oder Salzburg. Da fehlt es der Stadt an Programmatik. Siehe: Bonn und Beethoven: Kulturpolitischer Provinzialismus.

Alles schön dokumentiert im Sachstandsbericht der Kulturverwaltung.

Bonn braucht einen Jazzclub, liebwerteste Stadt-Gichtlinge: Mox nix-Politik

Ich habe mir auf Facebook erlaubt, meiner Verwunderung über die Schwerpunkte in der Bonner Kulturpolitik Ausdruck zu verleihen nach der gestrigen Dottendorfer Jazznacht und einigen Gesprächen mit den Jazzmusikern nach dem Konzert.

So ist es für ausgezeichnete Musiker wie Thomas Kimmerle und Oliver Pospiech schlichtweg unmöglich, in Bonn einen neuen Jazzclub aufzumachen mit Konditionen, die einen dauerhaften Betrieb gewährleisten. Der Jazzkeller von Thomas in der Burbacher Straße 2 musste schließen wegen der exorbitanten Erhöhung der Gewerbemiete.

Das Ordnungsamt glänzt dabei mit unzumutbaren und kostentreibenden Bedingungen, um in der Stadt einen Laden aufzumachen. In der Regel scheitert das an den Auflagen für Lärmschutz, wenn ein geeignetes Objekt gefunden wurde. Oder die Lage ist perfekt aber die Gewerbemiete unbezahlbar. Vom Kulturdezernenten und dem Oberbürgermeister ist für die Kleinkunstszene wohl keine Unterstützung zu erwarten, die sind ja mit der Fata Morgana-Planung des Honoratioren-Musiktempels namens „Festspielhaus“ beschäftigt.

Auch das sogenannte private und bürgerschaftliche Engagement des IHK-Präsidenten richtet sich eher auf das pseudo-elitäre Abo-Publikum aus. In der kleinen Facebook-Disputation zur Rolle der IHK wurde mir gerade als Mitglied der IHK-Bonn/Rhein-Sieg mitgeteilt, dass die Festspielhaus-Initiative das reine Privatvergnügen des IHK-Präsidenten ist. Warum wird er in den Medien dann beim Geld eintreiben immer als IHK-Präsident vorgestellt? Merkwürdig. Wie ist dann eigentlich diese Aussage zu werten? Der Bau eines Beethoven Festspielhauses in Bonn würde angeblich die regionale Wirtschaft fördern:

„Das ist das Ergebnis einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg. Damit unterstrich die Kammer am Freitag in Bonn ihren Einsatz für einen Neubau am Standort Rheinaue.“

Alles schön reinbuttern in dieses Prestigeprojekt und gleichzeitig den Geldhahn bei anderen Projekten wie der Rheinkultur zudrehen. Das macht Sinn. Als IHK-Zwangsmitglied würde ich gerne aus dieser Organisation austreten und mein Mitgliedsbeitrag für die Jazzszene spenden. Könnte der IHK-Präsidentl wenigstens dafür sorgen?

Die Dottendorfer Jazznacht – übrigens das Ergebnis eines bürgerschaftlichen Engagements – war jedenfalls erste Sahne?

Und was macht die Stadt? Mix nix-Politik (das Stück von Art Farmer wurde gestern auch gespielt). Hier das Original