Wehling-PR-Fibel für die ARD peinlich – Unwissenschaftliches Geschreibsel auf Basis der #Framing-Theorie

Die Bedeutung der so genannten Framing-Theorie ist in vielen empirischen Studien recht eindrucksvoll untermauert worden. Etwa in der Arbeit meiner Frau 🙂

Auszug aus der Untersuchung: In einer Dokumentation der American Broadcasting Company (ABC) über die Tätigkeiten von PR-Agenturen während des Kuweit-Krieges wurde unter anderem berichtet, dass die PR-Agentur Hill & Knowlton eine Erhebung veranlasst hat, um festzustellen, was Menschen berühren oder wütend macht (Kellner 2007, 26). Die Verbindung zwischen gesprochenem oder geschriebenem Wort, den dadurch gezeichneten Bildern und ausgelösten Emotionen und (automatisierten) Gedankengänge umfasst den in der Medienwirkungsforschung diskutierten Framing-Ansatz. 

Nach Graber (1984, 23) ist ein Frame „a cognitive structure consisting of knowledge about situations and individuals that has been abstracted from prior experiences. It is used for processing new information and retrieving stored information.” Graber unterteilt Frames in vier Funktionen (ebd. 24): • Sie bestimmen, welche Informationen von einem Menschen wahrgenommen, verarbeitet und zum Wiederabruf gespeichert werden. • Sie helfen dem Menschen dabei, Informationen zu strukturieren und zu bewerten. • Sie haben eine Ergänzungsfunktion, da sie eventuell mehr Informationen enthalten und bereitstellen, als in der aktuellen Situation zur Verfügung stehen. • Sie geben Handlungsmöglichkeiten vor, die schnelles Reagieren ermöglichen. Auch Matthes (2007, 134 ff.) unterscheidet vier Elemente, Frames werden als konsistenter Sinnhorizont bezeichnet „der zu einem Thema verschiedene Überzeugungen miteinander verknüpft“. Die einzelnen Elemente werden wie folgt definiert: • Problemdefinition: Warum ist ein Thema wichtig ist und wird öffentlich diskutiert? (Am Beispiel Krieg: Kriegsverbrechen) • Ursachenzuschreibung: Auf welche Ursachen oder Personen kann die Situation zurückgeführt werden? (Wer sind die Kriegsverbrecher?) • Lösung bzw. Handlungsaufforderung: Wie lauten die Forderung zur Behebung des Problems und welche geeigneten Akteure können das Problem lösen? (Regierung muss in das Kriegsgeschehen eingreifen) • Explizite Bewertung: Wie wird das Problem moralisch bewertet? (Kriegsverbrechen sind unmoralisch und verwerflich) Frames sind also ein Deutungsmuster, oder wie Krüger (2013, 168) beschreibt, eine Brille, durch die der Betrachter auf das Geschehen blickt und mit deren Hilfe er es strukturiert und bestimmte Aspekte ein- oder ausblendet. Eine Hypothese zum Einfluss von Ideologien auf die Konstruktion eines Medien-Frames formuliert Polthoff (2012, 169): „Wenn die Werte, Normen und Grundannahmen, die in einer Ideologie vorherrschend sind, für die Erschaffung eines Frames zu einem bestimmten Thema von Belang sind, dann wird der Journalist die Aussagen innerhalb dieses Frames so gestalten, dass sie im Einklang mit diesen Werten, Normen, Grundannahmen usw. stehen.“

Meine Frau hat diesen Framing-Forschungsansatz in einer quantitativen und qualitativen Erhebung als Instrument eingesetzt, um die Wirkung von Kriegspropaganda auf die öffentliche Meinung nachzuweisen – ist ihr auch gelungen.

Was Elisabeth Wehling in ihrer Auftragsarbeit für die ARD gemacht hat, ist aber etwas völlig anderes. Sie hat Empfehlungen abgegeben, wie man Framing in den Dienst des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stellen kann. Um das mal neutral zu formulieren. Ich möchte nicht abgemahnt werden. Es geht nicht um die Analyse der öffentlichen und veröffentlichten Meinung, es geht auch nicht um die Wirkung von Frames auf das Image der ARD – von Lügenpresse bis Systemmedien. Das wäre ein guter wissenschaftlicher Ansatz gewesen. Wehling hat hingegen eine PR-Fiebel für die ARD erstellt. Das Honorar für das Papier soll angeblich bei 120.000 Euro liegen. Was für eine Frechheit. Herausgekommen ist ein unsägliches Werk mit Neusprech-Anleitungen, die ich als Folterinstrument wahrgenommen habe während der Lektüre.

Kostprobe:

„Kontrollierte Demokratie statt jeder wie er will.

Das Recht auf freie Information überlebt sich nicht.

Das Gute sehen.

Gutes sehen statt Brot und Spiele fürs Volk.

Exzellenz statt Umsatz. Exzellenz statt Profitfixierung.

Demokratie statt Umsatz.“

Ich stimme mit Hans Hütt übrigens nicht überein, dass Framing Etikettenschwindel sei. Die kommunikationswissenschaftliche Arbeit meiner Frau widerlegt das.

Auch in den Wirtschaftswissenschaften gibt es dazu interessante Arbeiten zur narrativen Ökonomie. Siehe die Arbeiten von Birger P. Priddat, Professor für Wirtschaft und Philosophie.

Aber was Wehling für die ARD geschrieben hat, ist nicht wissenschaftlich orientiert, sondern reine PR.

In einem Punkt hat Hans Hütt recht: „Die Haushaltsabgabe als ‚moralischen Auftrag‘ hochzujazzen, nährt nur den Zweifel an der Integrität derjenigen, die Zuflucht zu solcher Prosa suchen. Vollends kurios wird das Manual, wenn es in Verkennung des rechtlichen Rahmens, namentlich der Urteile des Bundesverfassungsgerichts, den Zentralbegriff der Grundversorgung als Einladung abtut, damit gelinge den Feinden der ARD, ihr Schrumpfen zu rechtfertigen.“

Wie sehen das eigentlich die festen und freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ARD? Würde dazu gerne via Skype ein paar Reaktionen einfangen – einfach bei mir melden: 0177 620 44 74.

Siehe auch: Eine absurde Debatte um ein misslungenes Papier

Wie Staaten immer tiefer in die Abhängigkeit von #Microsoft geraten und eine Frage an Axel O. #9vor9 @axelopp

In der ARD-Sendung „Die Story“ stellt das Journalistenteam Investigate Europe das sogenannte Microsoft-Dilemma vor. Der aufwändig recherchierte Beitrag erzählt, wie Microsoft nach wie vor seine Monopolstellung behält: Mit gezieltem Lobbyismus und durch die Trägheit von Institutionen.

Die Monopolstellung Microsofts ist stark: „Jeder ist betroffen“ urteilen die Journalisten, „die Abhängigkeit reicht tiefer als die Verwendung von Word oder Excel“. Tausende Spezialprogramme der Finanzämter und anderer Behörden seien alle von Windows abhängig. Auch Martin Schallbruch, der bis 2016 IT-Direktor der Bundesregierung war, sieht Probleme, die sich in Zukunft noch verstärken werden:

„Kontrollfähigkeit und Steuerungsfähigkeit des Staates im Hinblick auf seine eigene IT nimmt immer weiter ab.“

Eine Alternative sei mit Linux eigentlich vorhanden, schreibt netzpolitik.org.

„Warum steigen die europäischen Staaten also nicht im großen Stil um, um sich von der Abhängigkeit zu befreien? Rafael Laguna von Open-Xchange vergleicht die Situation mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien. Auch da sei die Skepsis groß gewesen, doch mittlerweile gäbe es Tage, an denen unser Strom fast vollständig aus erneuerbaren Energien stamme. Vor allem der Staat müsse Anreize zur Veränderung bieten. Viele Entscheider in der IT würden sich zudem finanziell selbst schaden, wenn sie das Monopol Microsofts aktiv angingen“, so netzpolitik.org.

Während die großen Internetunternehmen wie Facebook, Amazon und Google verstärkt auf Open-Source-Software setzten, liefern sich die Staaten Europas immer wieder dem Microsoft-Monopol aus.

„Anfragen nach Informationsfreiheitsgesetz zu den Konditionen der Verträge zwischen Bund und Microsoft werden ‚wegen Konzerngeheimnissen‘ nur geschwärzt herausgegeben. Microsoft ist also in der Lage, den Staat daran zu hindern, seine Bürger zu informieren, beispielsweise über die genauen Kosten der Software“, erläutert netzpolitik.org.

Martin Schallbruch, der frühere IT-Chef der Bundesregierung, berichtet in der ARD-Doku, wie die Staaten immer tiefer in die Abhängigkeit von Microsoft geraten. Ein Top-Jurist aus den Niederlanden beschreibt, wie die EU-Kommission und die Regierungen dafür das europäische Ausschreibungsrecht brechen. In Frankreich hat das Verteidigungsministerium beim Abschluss von geheimen Verträgen mit Microsoft das Parlament umgangen, darum will die Senatorin Joelie Garriaud-Maylam nun einen Untersuchungsausschuss einsetzen.

Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar warnt, die Microsoft-Systeme setzen die privaten Daten der Bürger der Ausforschung durch die US-Geheimdienste aus. Interne Dokumente belegen, dass das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik dieses Misstrauen teilt. Sowohl das Europaparlament als auch der Bundestag haben darum mehrfach gefordert, dass die staatlichen IT-Systeme auf quelloffene „Open Source“-Software umgestellt wird, die von Europas eigenen Sicherheitsbehörden geprüft werden können. Italiens Armee hat mit diesem Umstieg auch begonnen, erzählt der italienische General Camillo Sileo. Genauso halten es Polizeibehörden in Frankreich und Litauen oder die Städte Rom und Barcelona.

Resümee der Sendung:

„Die Software des Konzerns macht angreifbar für Hacker und Spione, verstößt gegen das europäische Vergaberecht, blockiert den technischen Fortschritt und kommt Europa teuer zu stehen. Warum aber stemmen sich Regierungen gegen die Alternativen, oder kehren sogar zurück in die Arme von Microsoft?“

Ich habe mir heute die Reportage angeschaut. Sie ist klasse.

Axel Oppermann war da anderer Meinung. So sei es relativ einfach, Informationen über Preise zu recherchieren, erklärte er in . Warum werden dann die Konditionen zwischen Bund und Microsoft geschwärzt, wenn man sie nach dem Informationsfreiheitsgesetz anfordert?

Axel O., dann lege doch mal die Konditionen in der nächsten #9vor9 Sendung auf den Tisch.

Wir können dann mal live nachrechnen.

Siehe auch:

Ein Thema, eigentlich bekannt, gerade aber von der Politik und von Lobbyisten tot geschwiegen: Unsere Abhängigkeit von Microsoft, insbesondere dem Betriebssystem und den Office-Anwendungen in öffentlicher Verwaltung und Unternehmensanwendungen mit kritischen Datenbeständen.

PLATTFORM-MONOPOLE, VOICE, MICROSOFT & MEHR: #9VOR9 ÜBER DIE TECH-NEWS DER WOCHE

Replik zur Sendung: Die verpasste Gelegenheit

Von der Vergeblichkeit des Shitstorms: Können Schufa, GEMA, WDR oder ARD wirtschaftliche Schäden erleiden? #Bloggercamp.tv

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Unternehmen müssen von Shitstorms keine nachhaltigen wirtschaftlichen Schäden befürchten. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK). Sie hat die Empörungswellen von Social Media-Nutzern von Januar 2010 bis Mai 2013 analysiert. Allerdings reagierten die meisten betroffenen Unternehmen auf die Phase massiver Kritik in den sozialen Netzwerken mit Anpassungen von Krisenplänen und sogar Restrukturierungen ihrer Kommunikationsabteilungen. Ein Großteil der befragten Unternehmen erwartet eine Zunahme und den systematischeren Einsatz von Shitstorms durch Protestgruppen in der Zukunft.

„Trotz der Heftigkeit der Kritik und der hohen medialen Aufmerksamkeit, mit denen die Unternehmen sich während eines Shitstorms konfrontiert sahen, haben die betroffenen Unternehmen bislang kaum messbare Umsatz- oder Gewinneinbußen noch einen nachweisbaren Glaubwürdigkeitsverlust festgestellt. Das hat uns überrascht und das scheint Shitstorms von einer klassischen Unternehmenskrise deutlich zu unterscheiden“, so Professor Ralf Spiller, Leiter der Studie.

In der Untersuchung wurden nur solche Shitstorms berücksichtigt, über die im betrachteten Zeitraum in den Online-Ausgaben der sechs größten überregionalen deutschen Tageszeitungen berichtet wurde:

„Wir wollten nur Empörungswellen ab einer bestimmten Wahrnehmungsschwelle analysieren, die in Medienberichten explizit als Shitstorms bezeichnet wurden,“ so Spiller.

Dieses Kriterium traf zwischen Januar 2010 und Mai 2013 auf 28 in Deutschland operierende Unternehmen zu. Mit 10 Kommunikationsverantwortlichen dieser betroffenen Unternehmen konnten Leitfadeninterviews zu den Shitstorms geführt werden.

Analysiert wurden auch die Maßnahmen, die Unternehmen beim Umgang mit Shitstorms ergriffen haben. Als erfolgreichste und gängigste Maßnahmen nannten die Unternehmenssprecher die unverzügliche Kommunikation mit der Gegenpartei sowie die Beseitigung des Fehlers. Typisch war, dass Kommunikationsmaßnahmen wie Aufklärung oder Entschuldigung ausschließlich in den sozialen Medien stattfanden.

„Klassische Instrumente wie Pressekonferenzen, Pressemitteilungen oder Hintergrundgespräche wurden nur ganz selten als Reaktion auf die Kritik von Social Media Usern eingesetzt. Die Kommunikationsverantwortlichen scheinen sie im Kontext der sozialen Medien für unzureichend zu halten“, so Thomas Hintzen, Co-Autor der Studie.

Als Katalysator für Shitstorms spielen klassische Medien gleichwohl eine große Rolle. Die meisten Befragten gaben an, dass ein Katalysator in Form eines Medienberichtes oder eines prominenten Unterstützers zur Verbreitung des Shitstorms beigetragen hätten.

Gut. Mag so sein. Aber bleiben die kritischen Beiträge, die man unter Shitstorm zusammenfasst, wirklich ohne wirtschaftliche Folgen? Welche Datengrundlage konnte die Hochschule bei den betroffenen Firmen denn einsehen? Nach der Methodik der Wissenschaftler kamen lediglich Leitfadeninterviews zum Einsatz. Es ist kaum anzunehmen, dass die Befragten offen zugeben, dass sie in schweres Fahrwasser für Umsätze und Gewinn geraten sind.

Letztlich manifestiert sich die Unzufriedenheit mit Unternehmen in den Empörungswellen: Schlechte Produkte, miserabler Service, arrogantes Verhalten oder moralisch fragwürdiges Geschäftsgebaren und dergleichen mehr. Stimmt die Aussage von Jeff Bezos nicht:

„If you make customers unhappy in the physical world, they might each tell 6 friends. If you make customers unhappy on the Internet, they can each tell 6.000 friends.“

Interessant ist auch die Liste der untersuchten Unternehmen: Etwa die Schufa – wie soll ich als Kreditnehmer eine Schufa-Abfrage ablehnen, wenn mir meine Bank oder irgendein anderer Anbieter keinen Kredit gibt? Dann sind da noch Tele 5, die ProSieben-Sendung Galileo, WDR, ARD und RTL: Die öffentlich-rechtlichen sind gebührenfinanziert, da kann nichts passieren. Und die Privatsender? Das würde nur über die Werbewirtschaft laufen. Auch da sind direkte Effekte eher unwahrscheinlich.

Und dann ist auch noch die GEMA aufgeführt. Ist das ein Scherz? Wie soll man diesem Verwertungsmonopolisten denn wirtschaftlich ans Bein pinkeln? Ich halte die Studie methodisch für fragwürdig – auf den ersten Blick.

In unserer Mittwochssendung von Bloggercamp.tv um 16 Uhr ist Professor Peter Gentsch von BIG Social Media zu Gast. Sein Unternehmen hat ebenfalls Shitstorm-Wellen unter die Lupe genommen.

Wer eigene Erkenntnisse zu diesem Thema gesammelt hat und präsentieren möchte, kann gerne noch als Interviewgast dazu kommen. Ich starte den Hangout rund 15 Minuten vor dem Beginn der Sendung. Einfach unten in den Kommentaren eine Nachricht hinterlassen oder mir direkt eine E-Mail schicken an: gunnareriksohn@gmail.com

Mal schauen, was Professor Gentsch zur MHMK-Studie sagt. Ihr könnt wieder mitdiskutieren über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus. Da ich morgen alleine moderiere, werde ich wohl nicht auf die Tweets achten.

Update:

Tim Ebner macht morgen auch mit. Danke für die Vermittlung, liebe Astrid 🙂 Tim ist Shitstorm Schnüffler, Social Media Geek und Marketing Freak, Berater bei @kpunktnull. Da passt er ja wie die Faust aufs Auge!

https://twitter.com/A_Christofori/status/476423938168606721

Update:

Grafik hat jetzt direkt nichts mit Shitstorms im Social Web zu tun, aber ein wenig passt es noch zum Thema unserer Sendung.

VW Toyota.001

Update:

Die Empörungswelle über BSE hatte massive wirtschaftliche Auswirkungen.

BSE-Krise.001

Siehe auch:

Udo Lindenbergs #panikparty – Anatomie eines Shitstorms. Bleibt das für den Konzertveranstalter auch ohne Konsequenzen?

Der Google Glass-Schock: Wir werden alle sterben #daserste #Kontraste

Begehrtes Objekt beim Videocamp in Düsseldorf
Begehrtes Objekt beim Videocamp in Düsseldorf

Google Glass sei datenschutzrechtlich eine heikle Angelegenheit. In diesem Ton greift Curved den grottenschlecht gemachten Bericht des ARD-Magazins Kontraste auf. Es sei mit der Datenbrill sehr leicht, sich strafbar zu machen. Nutzer von Google Glass stünden nach derzeitiger Rechtslage bei öffentlichem Filmen schon fast mit einem Bein im Gefängnis.

Nach deutschem Recht sei es verboten, Aufnahmen von Menschen ohne deren Zustimmung zu verbreiten. „Wenn Ihr mit Google Glass die Straße entlanggeht und das ganze ins Netz streamt, wäre jeder Passant, an dem Ihr vorbeigeht ein potenzieller Kläger in einem zivilrechtlichen Unterlassungsprozess“, schreibt Curved und zitiert den Urheberrechtsguru Professor Jan Hegemann, der neben dem Datenschutz-Deichgrafen Weichert in dem Fernsehstück nicht fehlen darf:

„Wir haben es hier mit einem Instrument zu tun, das massenhaft eingesetzt auch zu massenhafter Rechtsverletzung führt.“ Das dramatische Drehbruch des etwas angestaubten Films erinnert in seiner Tonlage an Google Street View mit einigen falschen Informationen – beispielsweise ist es leider nicht möglich, mit Google Glass Livestreaming via Hangout on Air zu machen (es sei denn, man hackt das Teil) Das ist generell mit der mobilen Hangout App nicht möglich im Gegensatz zu Bambuser.

Entsprechend kritisch waren die Reaktionen auf Twitter:

https://twitter.com/ambajorat/status/459420036852359169

https://twitter.com/tobiasgillen/status/459419939947159552

Führte das Street-View-Projekt von Google zu höchst bizarren Abwehrkämpfen von Hausfassaden, Gartenzwergen im Vorgarten und Verpixelungs-Initiativen zur Unkenntlichmachung von Jägerzäunen, wird die Brillenvariante zu einem noch größeren Sturm der Empörung beitragen: Schlagzeilen wie „Stasi-Brille belästigt Otto Normalverbraucher“ oder „Spionage-Spielzeug für Stalker und Spanner“ sind vorprogrammiert. Liebwerteste Gichtlinge der „Bild“-Zeitung, für diese Schlagzeilen beantrage ich übrigens Leistungsschutzrecht.

Aber selbst Google-Aufsichtsrat Eric Schmidt und Google-Ideas-Director Jared Cohen greifen in ihrem neuen Opus „Die Vernetzung der Welt“ zum Vokabular billiger Agentenfilme, um den Nutzen der Wunderbrille zu beschreiben. So könnte man in Kombination mit einer Armbanduhr frühzeitig Religionswächter oder Agenten der Geheimpolizei verorten. Kein Scherz, das haben die beiden Autoren so formuliert. Die Uhr kommuniziert über GPS-Daten den Standort ihres Trägers und die Datenbrille stellt fest, aus welcher Richtung ein Agent kommt. Mehr ist den Google-Topmanagern auf 441 Seiten nicht eingefallen. Kein Wunder, dass die Fantasie wuchert.

Dabei können sich Hobby-Spione schon heute im Online-Handel wesentlich wirksamer mit allen möglichen Geräten ausrüsten, um unbemerkt andere Menschen zu beobachten. Etwa Schlüsselanhänger mit Camcorder, SpyCam-Kugelschreiber oder Feuerzeuge mit winziger Webcam. Niemand scheint sich so richtig darüber zu echauffieren. Taucht in einem Produktnamen das Wort „Google“ auf, brennen in der öffentlichen Debatte schnell die Sicherungen durch. Insofern hat Sascha Lobo sicherlich recht, wenn er Google vorwirft, nicht genügend über die Wirkung von Google Glass zu diskutieren.

„Die technosoziale Faszination ist so groß, dass der Verkauf selbst kaum mehr als eine Preisfrage sein wird. Google Glass braucht kein Marketing, sondern Aufklärung.“

Von zivilen und vernünftigen Anwendungen wird leider nur wenig gesprochen. Etwa bei Ferndiagnosen. Über das dritte Auge kann ein Tierarzt kontaktiert werden und einem Bauern, der mit der Netz-Brille das Tier untersucht, erste Hinweise über das Krankheitsbild geben.

Bei der Analyse eines Tatorts folgt das dritte Auge dem Sichtfeld des Inspekteurs und fängt Informationen ein, die dem Betrachter vielleicht gar nicht so richtig aufgefallen sind. Phänomen: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Zudem können die Filmaufnahmen live übertragen und von weiteren Inspekteuren am Bildschirm verfolgt werden. Auch die nachträgliche Bearbeitung der Aufzeichnungen ergänzt die eigenen Sinneseindrücke, die von Störquellen beeinträchtigt sein können.

Gleiches gilt für die Wartung von Flugzeugen. Mit dem dritten Auge – gepaart mit Sprachsteuerung – hat man die Hände frei, muss nicht ständig seine Arbeit wegen Schreibarbeiten unterbrechen, protokolliert über Sprache die Arbeitsschritte und reduziert die Fehlerquellen.

Damit der Nutzen von elektronischen Assistenten (ich wollte schon Agenten schreiben) nicht vollends vor die Hunde geht, sollten potenzielle Anwender von intelligenten Gadgets schon jetzt über neue Formen der Höflichkeit nachdenken, fordert der Blogger Gerhard Schröder.

Das Ganze passt ja gut zu: Heulsusen gegen Google.

Siehe auch:

Google Glass macht Überwachung sichtbar. Jo und was ist mit den unsichtbaren Überwachungsmöglichkeiten?

Anderer Schwerpunkt, aber dennoch lesenswert: Ich kann den “Google+ ist ne Geisterstadt” Bullshit nicht mehr hoeren

Aber glücklicherweise wird ja das Internet ab Montag für immer abgeschaltet.

Zwang zur Depublizierung abschaffen, Erlösmodelle für Kreative anbieten und ein ARD-Portal für Hörspiele sowie Feature

Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit - lyrisches Frühwerk
Der Radiomacher und Schriftsteller Wolfgang Schiffer in seiner Sturm-und-Drang-Zeit – lyrisches Frühwerk

Auf vielen Feldern der Netzpolitik sollte man endlich anfangen, das digitale Fachwissen der Netzbewegung mit realpolitischem Sachverstand zu kombinieren, um neue Allianzen zu schmieden (Thema meiner morgigen The European-Kolumne). Etwa mit den Kulturschaffenden, die bei der Urheberrechtsdebatte auf der Strecke bleiben, da in erster Linie die Interessen der Verwerter bedient werden. Ähnlich wie Sascha Lobo kritisiert auch Wolfgang Schiffer, der frühere WDR-Hörspielchef und Literaturblogger, den Zwang zur Depublizierung.

„Ich halte das für einen Skandal. Die Staatsverträge sind auf Druck von außen geändert worden. Das Depublizieren betrifft ja nicht alleine visuelle oder akustische Tonträger, sondern selbst schriftliche Angaben und Pressetexte“, moniert Schiffer in der Premierensendung von Wortspiel-Radio.

Nur wenn man Werke zum ewig gültigen Kulturgut erkläre, bleiben sie auch auf Dauer im Netz – etwa Hörspiele und Radio-Feature.

„Aber das tun die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht zwingend. Wir hängen dieser Entwicklung aber auch in der Klärung von Urheberrechtsfragen ein ganzes Stück hinterher. Was wir dringend benötigen – und da ist die Politik gefragt – sind urheberrechtliche Vereinbarungen, die dieser veränderten medialen Situation, die der Moderne einfach mal Rechnung tragen. Denn im Umkehrschluss kann es eben nicht sein, dass alles, was einmal honoriert worden ist, für ewig im Internet steht und von allen genutzt werden kann, aber derjenige, der von seinen künstlerischen Potenzialen leben muss, kein Geld mehr sieht. Das ist kein Geschäftsmodell, das ist Scheiße“, kritisiert Schiffer.

Was Verlage übrigens auch häufig praktizieren, wenn sie Zweit-Verwertungsrechte verweigern. Die Gewichte haben sich von den Urhebern zu den Produzenten, Verlegern und Verwertern verschoben. Hier müsse man zu Korrekturen kommen, fordert Schiffer.

„Ich habe mich schon vor sieben Jahren dafür eingesetzt, dass wir die Hörspiele online anbieten und uns mit den Urhebern auf vernünftige Bezahlmodelle einigen. Inzwischen tun wir das vermehrt.“

Es gibt auch schon einige Beispiele im Netz, wo man gegen kleines Geld richtige gute Hörspiele und Feature abrufen kann – etwa die Plattform Hörspielpark.

Hier seien Ausnahmeverträge mit den Produzenten abgeschlossen worden – also den Rundfunkanstalten.

„Ich habe mich damals für die Ausnahmen sehr eingesetzt, um ein Modell kreieren zu können. Aber ich darf gleichermaßen auch sagen, dass die Initiatoren des Hörspielparks relativ glücklich wären, wenn sie unter ein großes Dach schlüpfen könnten. Der Dienst ist nicht sehr bekannt, er wird nicht ausreichend abgerufen und es ist ein mühsames Geschäft“, sagt Schiffer.

Die ARD sei die einzige mediala Konstruktion, in der Hörspiele und Feature überhaupt produziert werden. Man sollte sich dort von Insellösungen trennen, weniger auf so genannte Alleinstellungsmerkmale in den einzelnen Rundfunkanstalten beharren und endlich ein Portal schaffen, auf dem man alles findet. Das hätte eine viele größere Durchschlagskraft.

„Für die künstlerischen Werke, die in den ARD-Sendeanstalten geschaffen werden, sollte man den Zugang im Netz so einfach wie möglich gestalten“, resümiert Schiffer am Ende des Wortspiel-Radio-Gespräches.

Die zweite Sendung des Wortspiel-Radios kommt am 10. Oktober live von der Frankfurter Buchmesse, wenn die technischen Bedingungen es erlauben.

Interessant auch:

Von Hackermoral, neuen Versionen und Cybermobs – hier vor allem die Diskussion mit Dirk von Gehlen über sein via Crowdfunding finanziertes Buch „Eine neue Version ist verfügbar“.

Das Denunzianten-Drehbuch der Geheimdienste

Hacker-Ethik gegen Staatsüberwachung

Was mir zum Kommentar „Snowdens fleckiger Heiligenschein“ des ARD-Korrespondenten Horst Kläuser durch den Kopf schießt:

Besser könnten die Regieanweisungen von Geheimdiensten nicht funktionieren, um undichte Stellen wie in einem x-beliebigen Agenten-Thriller zu diskreditieren, bloßzustellen, jegliche Lebensadern zu kappen und finanziell ausbluten zu lassen. So ergeht es Wikileaks-Gründer Julian Assange und nun auch Edward Snowden. Man kratzt an seinem Sockel, lanciert Details aus dem Privatleben, zerpflückt die Motive und zerlegt das private Netzwerk des missliebigen Flötenspielers. Dann stehen nicht mehr die Machenschaften von staatlichen Schnüffel-Agitatoren auf der Tagesordnung, sondern die „Verfehlungen“ des Geheimnisverräters. Die massiven Einschüchterungs-Kampagnen und Denunzianten-Manöver laufen immer nach dem gleichen Muster ab.

Rezeptur gegen staatliche Repression

Freigeister sollten sich von diesem Kesseltreiben nicht beeindrucken lassen. Was die Geheimdienste im Netz treiben, ist ein Informationskrieg. So sieht es das Internet-Urgestein John-Perry Barlow. Als Rezeptur gegen diese Repression sei an die Hackerethik von Steven Levy erinnert, die 1984 (!) erschien. Ausführlich in meiner morgigen The European-Kolumne nachzulesen 🙂

Kein Mensch sagt mehr Beat oder: Wie die Pflicht zur „Depublizierung“ der Hörspielkunst schadet

Hörspiele wieder verfügbar machen

Die sich aus 17 Sachverständigen und 17 Abgeordneten aller Parlamentsfraktionen zusammensetzende Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags (EIDG) empfahl im Januar 2013 ausdrücklich die Aufhebung der im Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebenen Depublikationspflicht.

Es waren bekanntlich die Leistungsschutz-Gichtlinge der Verlage und privaten Rundfunk-Anbieter, die sich gegen die öffentlich-rechtlichen Sender stellten und entsprechende Gesetzesänderungen verlangten.

Das Resultat ist höchst ärgerlich, wenn man sich das beschämend schlechte Angebot der Mediatheken von ARD und ZDF anschaut. Der Schwachsinn des Depublizierens entspricht nicht mehr dem Nutzungsverhalten der Medienkonsumenten. Ich entscheide selbst, wann und wo ich Angebote von öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernseh-Sendern wahrnehmen möchte. Der Grundversorgungsauftrag, den wir über Gebühren finanzieren, sollte auch für die digitalen Plattformen gelten – ohne irgendwelche Einschränkungen.

Es ist auch für die Autorinnen und Autoren – also für die Urheber – wichtig, ihre Werke dauerhaft im Netz präsentieren zu können. Etwa für Hörspiele.

Um so löblicher ist das Projekt „Hörspielpark“ unter der künstlerischen Leitung von Paul Plamper:

„Unser Ziel ist, das Gesamtwerk ausgewählter Hörspielmacher zu fairen Preisen dauerhaft erhältlich zu machen. Es gibt immer wieder Hörer, die nach Hörspiel-Sendungen im Radio fragen, ob es das Hörspiel als CD oder Download zu kaufen gibt. Für sie und andere Interessierte wollen wir Autorenhörspiele zugänglich machen.“

Mit „Hörspielpark“ hat Plamper einen auf Nutzergebühren basierenden Netzvertrieb geschaffen, in dem er seine Produktionen und weitere Werke einer freien Anbietergemeinschaft von Hörspielmachern präsentiert: zum Vorhören, Downloaden oder als CD – und stets in bester Tonqualität, schreibt Wolfgang Schiffer in seinem Literaturblog „Wortspiele“.

Die Bezahlung läuft komfortabel über Paypal – der Preis pro Hörspiel liegt so um die fünf bis sieben Euro. Also sehr angemessen für ein weithin unterschätztes Genre des Kulturbetriebes in Deutschland.

Bei Durchstöbern der Hörspiele bin ich direkt auf ein ziemlich irres Stück gestoßen, das in Bonn spielt: Kein Mensch sagt mehr Beat. Rafael Jové kauft die unscheinbare Single mit dem Titel „Hans Daniels präsentiert Bonner Beatbands“ in einem Fürther Trödelgeschäft und findet auf ihr ein James Brown infiziertes Stück Funk, so roh und ungefiltert, wie man es aus Deutschland nie vermutet hätte. Jové reist der Geschichte dieser alten Schallplatte hinterher und er trifft alle, die mit ihr zu tun hatten: CDU-Wahlkämpfer, den ehemaligen Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels, älter gewordene Musiker, Fans und Schallplattenhändler.

Warum wir uns stärker gegen die Pflicht zur Depublizierung stellen sollten, werde ich in einigen Interviews und Storys ausführlicher aufgreifen. Aber das ist eine kleine Überraschung – für die Leistungsschutz-Gichtlinge…..

Ach Frau Piel, Frau Schäferkordt, Herr Doetz und Herr Moor….

was der Was-mit-Medien-Blog über das gestrige Streitgespräch beim NRW-Medienforum dankenswerter Weise dokumentiert, hätte Iwan Petrowitsch Pawlow einige Forschungsarbeit über klassische Konditionierung erspart. Die Reaktionen der WDR-Intendantin Monika Piel auf die kleine Despoten-Provokation von Richard Gutjahr beweist, dass die Vertreter der alten Medienwelt den Sturz von ihrem Nachrichten-Thron immer noch nicht verkraftet haben: „Ja, ich find’ das so anmaßend zu behaupten, dass da alle sitzen und nicht wissen, was im Internet passiert. Was denken Sie sich denn eigentlich, wie man solche Häuser leitet, wenn man … Wir nehmen nichts um uns wahr? Wir arbeiten nicht mit dem Internet, wir merken nicht, was da passiert? Das ist eine so dumme Anmaßung“, sagte Piel. Ich möchte hier jetzt nicht auf die politische Entgleisung des Tutti-Frutti-TV-Lobbyisten Doetz und seinem Hass auf die Republica-Blogger eingehen. Er könnte sich im nächsten Jahr in Berlin der Disputation auf der Bloggerkonferenz stellen, wenn er kein Feigling ist.

Generell sollten die Apologeten der Massenmedien endlich kapieren, was sich im Web 2.0 abspielt und warum der massenmediale Baukasten einstürzt, den Enzensberger in der Zeitschrift Kursbuch 1970 publizierte und sich dabei auf die Medientheorie von Brecht bezog. Es geht um die Polarität von Repression und Emanzipation. Ein repressiver Mediengebrauch ist gekennzeichnet: durch ein zentral gesteuertes Programm, ein Sender und viele Empfänger, passive Konsumhaltung, Produktion durch Spezialisten, Kontrolle durch Eigentümer, Gremien oder Bürokraten. Beim Gegenpol, der in idealtypischer Weise das Web 2.0 charakterisiert, geht es um dezentrale Programme, jeder Empfänger ein potenzieller Sender (siehe mein Youtube-Video), Interaktion der Teilnehmer, kollektive Produktion, gesellschaftliche Produktion durch Selbstorganisation. Da ist es völlig wurscht, ob Frau Piel oder der WDR auf Facebook, Twitter oder sonstwo unterwegs sind. Die Machtverhältnisse ändern sich – mit Republica-Bloggern hat das nichts zu tun. Auch das Fernsehen bekommt das zu spüren. Der WDR-Mitarbeiter Ranga Yogeshwar kann es Ihnen erläutern, Frau Piel. Hier schon mal eine Kostprobe zum Hören.

Auf eine Aussage von Frau Piel bin ich in meiner Video-Botschaft näher eingegangen. So sagte die WDR-Intendantin: „Es geht hier nicht um uns als Privatpersonen, da würde ich Ihnen auch nicht erzählen, ob ich twittere oder nicht, da können Sie nachgucken. Es geht darum, was wir in den Sendern machen. Selbstverständlich benutzen wir auch im Sender Twitter. Ich möchte Sie aber auch mal darauf aufmerksam machen, dass für uns als Sender – ob in Blogs oder in Twitter oder auf sozialen Plattformen – die Regeln gelten, die auch sonst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten. Wir können nicht da einfach hingehen, und völlig subjektive Dinge verbreiten, wie das jeder andere macht. Ich sehe doch jeden Tag, was bei mir ankommt in meiner E-Mail-Box. Jeder Mensch kann von sich geben, was er will, Persönlichkeitsrecht spielt keine Rolle, Urheberrecht spielt keine Rolle, es spielt gar nichts ‘ne Rolle. Okay. Aber das können wir umgekehrt nicht machen. Für uns gelten die gleichen Regeln.“ Warum Frau Piel auch mit ihrem Subjektivismus-Beispiel falsch liegt und warum wir einen Objektivismus-Streit führen sollten, erläutert der Bonn-Duisdorfer Ich-Sender in diesem Video:

Müll-Geschäfte drehen sich weiter: Der Grüne Punkt und die Heuschrecken

Vor ein paar Tagen wurde bereits berichtet, dass sich der amerikanische Finanzinvestor KKR beim Grünen Punkt-Müllkonzern „zurückzieht“. „Neuer Eigentümer des Kölner Unternehmens wird das Management unter Führung von Stefan Schreiter, 45, der die Firma seit 2006 lenkt….Allerdings stemmen die DSD-Manager den Kauf nicht alleine. Sie erwerben lediglich einen nicht bezifferten Teil der Anteile. Der Rest geht an die britische Private Equity-Gesellschaft Solidus Partners. Einer der Solidus-Partner, Philippe von Stauffenberg, soll Beiratsvorsitzender des DSD werden. Zum Verkaufspreis machten die Beteiligten keine Angaben. Finanzkreisen zufolge soll KKR einen niedrigen dreistelligen Millionen-Betrag erlöst haben. Vor sechs Jahren hatte der amerikanische Finanzinvestor 260 Millionen Euro für den Entsorger von Verpackungsmüll bezahlt. Schreiter, der vor seiner Tätigkeit beim DSD, Finanzchef des weltweit größten Herstellers von Gasfedern, Stabilus, war, will das Unternehmen künftig auch international voranbringen. In Deutschland hat der ehemalige Monopolist in den vergangenen Jahren durch wachsende Konkurrenz erhebliche Marktanteile verloren“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Interessant wäre es ja schon, wer sonst noch zur Gruppe der privaten und institutionellen Investoren zählt, die am Kauf beteiligt sind. Einen Namen habe ich schon gehört, konnte ihn aber noch nicht verifizieren. Hier kann man raten.

Weiß eigentlich noch jemand, wie der Deal vor gut fünf Jahren über die Bühne geht. Die ARD-Reportage, siehe oben, hat das komprimiert dargestellt. Der Private-Equity-Fonds Kohlberg Kravis Roberts (KKR) hatte für den Kauf der damaligen „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland AG“ (DSD) wenig eigenes Kapital aufwenden müssen, berichtete damals das Manager Magazin. „Von den 260 Millionen Euro Kaufpreis stammen nur rund 100 Millionen tatsächlich aus dem Geld von KKR-Investoren. Bei den übrigen 160 Millionen handelt es sich um Bankkredite, die KKR über eine Tochter namens Deutsche Umwelt Investment AG (DUI) aufgenommen hat. Rückwirkend zum 1. Januar 2005 hat KKR die Deutsche Umwelt Investment AG mit der DSD AG verschmolzen. Auf diese Weise erbt das DSD die 160 Millionen Euro Bankschulden und KKR entledigt sich eine Großteils seines Investitionsrisikos – ein beliebter Kniff in der Private-Equity-Branche“, so das Hamburger Blatt.

Das Handelblatt recherchierte denn auch sehr schnell, dass sich der Kaufeinsatz schon im ersten Geschäftsjahr mehr als ausgezahlt hat: „Die für den Kauf aufgenommenen Bankkredite über 159 Millionen Euro konnten bis zum Jahresende komplett getilgt werden. Den von KKR eingesetzten 108 Millionen Euro als Eigenkapital stand nach zwölf Monaten ein Jahresüberschuss von 146 Millionen Euro gegenüber“. Eine solche Kapitalrendite von 35 Prozent sei selbst für Private-Equity-Firmen sensationell, wundert sich ein Brancheninsider.

Nach Auffassung des Kölner Journalisten Werner Rügemer brauche das Vorgehen der Heuschrecken Verbündete innerhalb des übernommenen Unternehmens: „Und so werden – man könnte es zynisch ‚Mitarbeiterbeteiligung‘ nennen – die bisherigen Geschäftsführer und Bereichsleiter in Kapitaleigner verwandelt. Wenn sie zum Kauf der Gesellschaftsanteile nicht genügend Geld haben, erhalten sie vom Finanzinvestor günstige Kredite“, führt Rügemer aus. Sarah Bartlett beschreibt in ihrem Buch „The Money Machine“, wie KKR Macht und Profite organisiert. Wer Allianzen mit KKR schmiede, könne gut verdienen. Juristen hätten die Chance, durch KKR-Beteiligungen Multimillionäre zu werden. Politiker könnten sich ihre Kampagnen-Kassen aufbessern lassen und mit Wall Street-Prominenz verkehren. Auch Vorstandschefs werde es ermöglicht, durch Beteiligungsrechte an KKR-Firmen Millionen zu verdienen.

Bin gespannt, wie diese Müll-Story weitergeht? Ein Umweltpolitiker flötete mir kürzlich ins Ohr, dass sich spätestens mit dem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz der Abfall-Zirkus mit den Dualen Systemen erledigt hat. Die Kommunen würden die Getrenntsammlung übernehmen und nicht nur auf Verpackungen beschränken. Der Konsumgüterindustrie könnte es auch wurscht sein, ob die Gebühren für die Sammlung über Gelbe Tonnen und Säcke von privatwirtschaftlichen Müll-GEZs abkassiert oder direkt mit den Kommunen verrechnet werden. Es könnte allerdings auch sein, dass sich die Systeme untereinander zerlegen.

Nachtrag:
Ich weiß nicht, ob die zur Solidus-Firmenfamilie gehören. Jedenfalls residiert die Solidus Partners SCA in, na, wo….richtig in Luxemburg: Boulevard Napoléon 1er, 54, 2210 LUXEMBOURG.

Margot Honecker, die Unbelehrbare, feiert den 60. Jahrestag der DDR

Sie war die mächtigste Frau der DDR: Margot Honecker, Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und selbst 26 Jahre lang Volksbildungsministerin im Arbeiter- und Bauernstaat. Seit 1992 lebt sie im Exil in Chile. Panorama hat sie dort gesucht – und gefunden. Panorama-Reporterin Christine Adelhardt hat mit Margot Honecker gesprochen. Sehr viele Antworten hat sie nicht bekommen. Einem Zuschauer von Panorama verdankt die Redaktion den Hinweis auf einen Film, der die Kaderlady im privaten Kreis zur Feier des 60. Jahrestages der DDR zeigt. Nobel von der Redaktion, die Recherche im Social Web nicht als eigene Leistung darzustellen. Die Aufnahmen finden sich bei Youtube. Man brauchte ins Suchfeld nur „Margot Honecker“ eingeben und wurde sofort an zweiter Stelle fündig. Das ist doch mal ein schönes Beispiel für die Symbiose von Profi- und Bürgerjournalismus.

„Der Sozialismus kommt wieder, auch in Deutschland“, so beurteilt Margot Honecker die politische Lage zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Nach wie vor bezeichnet sie den Fall der Mauer als Verrat. Was sie vor allen Dingen jungen Menschen in der DDR angetan hat, wurde von der Panorama-Redaktion mit Augenzeugenberichten gut herausgearbeitet. Stichwort: Jugendwerkhof Torgau (Anweisung, die mit MH unterschrieben wurde: „Den Willen Jugendlicher brechen“).