Warum die Zukunft von „Owned Media“ abhängt

2017 habe ich im prmagazin über Content Factorys geschrieben – über Daimler, über die Rolle von Unternehmen als eigene Medien und über ein Interview mit Sascha Pallenberg, der damals schon mahnte: Wer seine Kommunikation zu sehr an fremde Plattformen delegiert, baut sein Haus auf gemieteten Grundstücken. Das war 2017. Acht Jahre später ist diese Warnung nicht nur aktueller, sondern dringlicher geworden.

Wir regen uns heute über „Tech-Broligarchen“ auf, über Musk, Meta, TikTok, über algorithmische Willkür und plötzliche Reichweitenabstürze. Aber die wichtigste Konsequenz daraus wird in vielen Organisationen immer noch nicht gezogen: Sie müssten viel radikaler in eigene Medienpräsenz investieren.

Nicht die Hoffnung auf Mastodon, Fediverse & Co. wird uns retten, sondern die Rückbesinnung auf etwas, das fast altmodisch wirkt: eigene digitale Orte mit eigener Handschrift.

Von der Plattform-Euphorie zur Plattform-Ernüchterung

Die 2010er waren das Jahrzehnt der Plattform-Euphorie:

  • Neue Kanäle wurden reflexartig bespielt: „Wir müssen da jetzt auch hin!“
  • Kommunikationsstrategien wurden um KPIs gebaut, die Plattformen freundlicherweise gleich mitlieferten.
  • Erfolg wurde in Followern, Likes und „Engagement“ gemessen – nicht in nachhaltig aufgebauten Beziehungen.

Genau hier setzte Pallenberg 2017 an: Plattformen sind nützlich, aber sie gehören anderen. Ihr Geschäftsmodell ist nicht, dass Unternehmen dort in Ruhe vertrauensvolle Öffentlichkeit pflegen können – ihr Geschäftsmodell ist die Maximierung von Aufmerksamkeit, Daten und Werbeeinnahmen.

2025 sehen wir das Ergebnis dieser Schieflage:

  • Reichweitenabstürze: Was gestern „organisch“ lief, ertrinkt heute ohne Mediabudget.
  • Algorithmische Blackbox: Kein Mensch versteht mehr, warum welcher Beitrag fliegt oder stirbt.
  • Moderationsrisiken: Accounts werden gesperrt, Regeln geändert, Prioritäten verschoben – ohne verlässliche Ankündigung.
  • Content-Smog: KI-generierte Massenware flutet die Feeds, gute Inhalte gehen im Rauschen unter.

Der spontane Reflex vieler Digitalmenschen lautet: „Dann eben Fediverse, Mastodon, Bluesky – weg von den großen Tech-Broligarchen!“
Das ist nachvollziehbar, aber strategisch zu kurz gesprungen.

Fediverse ist Infrastruktur – nicht Heilsversprechen

Das Fediverse ist sympathisch: dezentral, föderiert, offener Standard statt geschlossene Silos. Für Journalist:innen, Aktivist:innen und digitale Zivilgesellschaft ist das ein essenzieller Raum.

Aber aus Sicht von Organisationen ist das Fediverse:

  • eine weitere Distributionsschicht,
  • ein weiterer Kontaktpunkt,
  • nicht die Antwort auf die Frage: Wo ist unser eigenes Zuhause im Netz?

Denn auch im Fediverse kann Instanz A dichtmachen, Instanz B sich spalten und Instanz C moderationspolitisch abdriften. Die Probleme sind andere als bei den großen Plattformen – aber es bleiben Abhängigkeiten.

Die zentrale strategische Frage lautet deshalb nicht:

„TwitterX oder Mastodon?“

sondern:

„Was ist unser eigener, stabiler Referenzpunkt im Netz – und wie spielen wir von dort aus in alle relevanten Umgebungen hinein?“

Owned Media: Der unterschätzte Kern der digitalen Strategie

Die Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb so leicht zu verdrängen:
Owned Media – eigene Medienpräsenz unter eigener Adresse.

Das ist der Bereich, in dem Organisationen tatsächlich souverän sind:

  1. Technisch: Die Domain gehört euch, das System gehört euch (oder ist zumindest sauber an euch gebunden).
  2. Inhaltlich: Ihr entscheidet über Tonalität, Länge, Tiefe, Rhythmus.
  3. Beziehungsmäßig: Ihr könnt direkte, möglichst datensparsame, aber stabile Beziehungen aufbauen – ohne dass ein Dritter den Kontakt jederzeit abdrehen kann.

Social Media, ob zentralisiert oder föderiert, wird damit zu dem, was es eigentlich immer hätte sein sollen:
Verteiler, Verstärker, Dialograum – aber nicht das Archiv, nicht das Gedächtnis und nicht der primäre Wertschöpfungsort.

Von Posts zu Formaten: Was bleibt, wenn der Feed weitergezogen ist?

Plattformen denken in Posts, Clips, Snippets. Owned Media denkt in Formaten:

  • eine wiederkehrende Kolumne,
  • eine Interviewserie mit Expert:innen,
  • ein Themen-Dossier, das über Jahre aktualisiert wird,
  • ein Deep-Dive-Podcast zu einem Fachgebiet,
  • ein kommentierter Newsletter statt einer Presseschau im Feed.

Diese Formate haben eine längere Halbwertszeit als jeder Trend-Hashtag. Sie lassen sich in Social Media anspielen – aber sie leben nicht in Social Media.

Die Plattformen sind damit so etwas wie der belebte Marktplatz der Stadt.
Owned Media ist die Bibliothek, die Redaktion, das Studio.

Persönliche Medien als Prototype: Ichsgamal.com & Co.

Ein Blog wie ichsgamal.com funktioniert, weil es:

  • eine erkennbare Stimme hat,
  • nicht von der Tageslaune eines Algorithmus abhängt,
  • Inhalte über die Jahre auffindbar macht,
  • und dadurch eine Art „Langzeit-Gespräch“ mit dem Publikum ermöglicht.

Überträgt man dieses Prinzip auf Organisationen, wird klar, wie defizitär viele Corporate-Auftritte noch sind:

  • Corporate Blogs versanden als Newsroom-Ablage.
  • Expert:innen tauchen nur als Zitatgeber in Pressetexten auf.
  • Storytelling findet vor allem in Plattform-spezifischen Formaten statt, statt auf eigenen Bühnen.

Dabei wäre die Blaupause relativ simpel:
Organisationen brauchen ihr eigenes Magazin, in dem Menschen aus dem Unternehmen unter eigenem Namen schreiben, erklären, streiten, erklären, einordnen. Social Media verweist dorthin – nicht umgekehrt.

KI, synthetische Influencer und die nächste Vertrauenskrise

Die nächsten Jahre werden das Problem eher verschärfen als lösen:

  • Generative KI senkt die Kosten der Content-Produktion weiter gegen Null.
  • Synthetische Influencer und geskriptete „Persönlichkeiten“ werden Streams und Feeds bevölkern.
  • Plattformen werden zu immer volleren Mischungen aus Werbung, Empfehlung, Bot-Content und gut Gemeintem.

In dieser Umgebung wird Glaubwürdigkeit zur knappsten Ressource. Und Glaubwürdigkeit ist an Bedingungen geknüpft:

  1. Eindeutige Absender – wer spricht da eigentlich?
  2. Konsistenz – sind Haltung und Qualität über Jahre nachvollziehbar?
  3. Auffindbare Orte – kann ich nachschauen, was vor drei Jahren gesagt wurde?

Wer diese Bedingungen nur in fremden Plattformökosystemen zu erfüllen versucht, macht sich angreifbar. Wer sie auf eigenen Präsenzen erfüllt, kann Plattformwechsel, Trends und Formatzyklen gelassener betrachten.

Owned Media ist damit nichts weniger als:
Infrastruktur für Vertrauen in einer zunehmend synthetischen Öffentlichkeit.

Social Web neu sortiert: Satelliten um ein eigenes Zentrum

Wie könnte eine Kommunikationsarchitektur für die nächsten Jahre aussehen?

  • Im Zentrum:
    Die eigene Domain, das eigene Magazin, Blog, Portal. Dazu Newsletter, Podcasts, Video- oder Wissensformate.
  • Als Orbit:
    X, LinkedIn, Instagram, TikTok, YouTube, Mastodon, Bluesky etc. als Satelliten, die:
    • Aufmerksamkeit einsammeln,
    • Gespräche ermöglichen,
    • aber immer wieder zurück zum Zentrum verlinken.
  • Als Infrastruktur-Schicht:
    Offene Standards wie RSS, ActivityPub & Co. sorgen dafür, dass Inhalte verteilt werden können – aber klar ist: Die Quelle liegt bei euch.

Statt „Wir machen jetzt auch was auf Plattform X“ wäre die sinnvollere Denke:

„Wie zahlt Plattform X auf unser eigenes Medienhaus ein? Und wenn gar nicht: Müssen wir da wirklich sein?“

Fünf konkrete Schritte für die nächsten Jahre

Zum Abschluss fünf Schritte, die Organisationen jetzt gehen können – ohne auf die nächste Plattform-Revolution zu warten:

  1. Medieninventur machen
    Auflisten, was es wirklich gibt: Domains, Blogs, Magazine, Newsletter, Podcasts, Social-Profile.
    Und dann markieren: Was gehört uns wirklich? Wo sind wir nur Mieter?
  2. Einen echten Hub definieren
    Eine Domain, eine Startseite, ein Magazin, das inhaltlich ernst genommen wird – nicht als Pressetext-Friedhof, sondern als publizistisches Produkt.
  3. Formate statt Ad-hoc-Content etablieren
    Wiederkehrende Reihen, Rubriken, Gastgeber:innen. Dinge, auf die man sich als Publikum verlassen kann.
    Plattform-spezifische Formate (Reels, Shorts, Threads) docken daran an, nicht umgekehrt.
  4. Menschen sichtbar machen – mit Adresse
    Experten, Entwickler, Forscher schreiben und sprechen erkennbar.
    Ihre Inhalte haben eine feste Heimat auf eurer eigenen Präsenz – Social Media ist der Wegweiser dorthin.
  5. Plattformstrategien an das Zentrum rückkoppeln
    Jede Aktivität auf fremden Plattformen sollte die Frage beantworten:
    Wie stärkt das unsere eigenen Medienpräsenzen, unsere eigenen Beziehungen, unsere eigene Datenbasis?
    Wenn die Antwort ausbleibt, ist es wahrscheinlich nur Aktivismus im Feed.

Sascha Pallenberg warnte 2017 im Gespräch davor, Kommunikation auf fremden Grundstücken zu bauen. Acht Jahre später ist klar: Wir haben diese Warnung verstanden – aber vielerorts noch nicht umgesetzt.

Die kommenden Jahre werden nicht einfacher: mehr Plattformen, mehr KI, mehr Lärm.
Je lauter es draußen wird, desto wichtiger wird drinnen ein klarer, eigener Ort.

Die Zukunft liegt nicht im nächsten Netzwerk, sondern im eigenen.

Deutschlands Industrie: Vom Exportwunder zur Abstiegsgefahr @KfW_Research

Über Jahre lebte die deutsche Industrie von drei stillen Privilegien: relativ günstiger Energie, offener Globalisierung und einem besonderen Verhältnis zu China. Die Studie von KfW Research zeigt, wie sich diese Privilegien schrittweise verflüchtigt haben: Die Industrieproduktion liegt deutlich unter dem Höchststand von 2017, die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe ist seit Jahren bestenfalls stagnierend, während andere Industrieländer vorbeiziehen. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Weil der industrielle Anteil an Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland höher ist als in den meisten Vergleichsländern, wirken diese Verschiebungen stärker in die gesamte Volkswirtschaft hinein, als es etwa in Frankreich oder den USA der Fall wäre. Deutsche Industrie am Scheidewe… Die Industrie ist nicht irgendein Sektor, sie ist das Tragegerüst. Wenn sie wankt, verschiebt sich der Schwerpunkt der ganzen wirtschaftlichen Architektur.

China: vom Absatzmarkt zum systemischen Wettbewerber – und möglichen Lehrmeister

Über Jahrzehnte war China Absatzmarkt, Kostenlokation und Konjunkturprogramm in einem. Nun nähert sich der chinesische Exportsektor dem deutschen in Struktur und Anspruch an – vom Maschinenbau bis zur Automobilindustrie. Die KfW zeigt, wie stark sich die Exportstruktur Chinas der deutschen angenähert hat; aus Ergänzung ist Überlappung geworden. pdfKfwPKIndustrie

Damit verschiebt sich die Beziehung: China ist nicht mehr das fernöstliche Nachfragewunder, das deutsche Wertschöpfung saugt, sondern ein Wettbewerber mit anderen Spielregeln – massiver staatlicher Unterstützung, Skalen, Tempo. Die KfW weist darauf hin, dass die chinesische Wirtschaftspolitik, gemessen an Subventionen und staatlicher Unterstützung, eine Größenordnung erreicht, die mit klassischen Lehrbuchmodellen von „freier Konkurrenz“ wenig zu tun hat. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Wenn aber ein Land, das ein Drittel der globalen Industriegüter produziert, systematisch Industriepolitik betreibt, reicht „Laissez-faire“ nicht mehr, um im Spiel zu bleiben. Genau hier setzt der Gedanke der „Atempause“ an, den die KfW-Studie formuliert: Zölle und andere handelspolitische Instrumente sollen nicht als ideologisches Bekenntnis, sondern als temporäres Werkzeug verstanden werden, um Anpassungsprozesse zu ermöglichen und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. KfW Research zum Industriestand…

Gleichzeitig liegt eine zweite, unbequemere Botschaft in der Pressekonferenz: Von chinesischen Unternehmen lässt sich viel lernen – über Geschwindigkeit, über konsequente Skalierung, über die Integration von Elektronik, Software und Hardware in einem Produkt, über die Bereitschaft, neue Geschäftsmodelle aggressiv zu testen. Der reflexhafte Ruf nach Abschottung blendet genau diese Lernchancen aus.

Wenn der Sonderstatus schwindet: Lohnstückkosten und die Rückkehr der „banalen“ Standortfaktoren

Solange deutsche Unternehmen durch Technologie, Qualität und Reputation erhebliche Preismacht hatten, waren hohe Arbeitskosten und Steuern ökonomisch verkraftbar. Nun, da sich technologische Abstände verkürzen, treten Faktoren in den Vordergrund, die zuvor überstrahlt wurden. Die KfW-Zahlen zeigen: Deutschlands Lohnstückkosten und Unternehmenssteuern liegen im internationalen Vergleich im oberen Bereich, während Bürokratiebelastung und Regeldichte von den Unternehmen als zentrales Wettbewerbshemmnis genannt werden.

Dieser Befund ist inhaltlich banal und politisch explosiv. Denn Lohnstückkosten sind nicht bloß Löhne; sie sind Löhne im Verhältnis zur Produktivität. Sie reagieren auf Tarifstrukturen, Regulierung, Technologieeinsatz und Managementqualität. Wer sie allein als Problem „zu hoher Löhne“ interpretiert, verengt das Problem. Wer sie ignoriert, verkennt, dass im globalen Wettbewerb irgendwann die Rechnung präsentiert wird.

Wenn der Vorsprung in Technologie und Produktivität dünner wird und der Kostennachteil gleichzeitig wächst, entsteht eine gefährliche Schere. Genau in dieser Schere befindet sich die deutsche Industrie heute.

Schöpferische Zerstörung – oder: Was man sterben lässt, entscheidet mit, was wachsen kann

In der Pressekonferenz wird betont, dass das Alte schrumpfen und das Neue wachsen muss – und dass man schöpferische Zerstörung zulassen muss. pdfKfwPKIndustrie Das klingt hart, ist aber nichts anderes als die Einsicht, dass die Energiewende, der zweite China-Schock und der Umbau der Autoindustrie nicht ohne sektorale Schrumpfungsprozesse zu haben sind. Die energieintensive Produktion liegt deutlich unter Vorkrisenniveau und scheint sich auf einem neuen, niedrigeren Plateau einzupendeln. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie verhindern wir Schrumpfung?“, sondern: „Wie organisieren wir sie so, dass Neues schnell und groß genug nachwächst?“ Wer jedes bestehende Geschäftsmodell politisch konserviert, blockiert die Ressourcen, aus denen die nächste industrielle Generation entstehen soll – Kapital, Arbeitskräfte, Managementaufmerksamkeit.

Daraus folgt eine unbequeme, aber strategisch zwingende Linie für die Wirtschaftspolitik: Unterstützung ja, aber mit klarem Verfallsdatum und mit Bedingungen, die Transformation erzwingen – etwa durch Investitions- und Dekarbonisierungsauflagen, durch Innovationsziele oder durch Standorteffizienzprogramme. Rettung ohne Umbau würde lediglich die Illusion des Alten verlängern.

KI: Anwenden statt Erfinden als strategische Spezialisierung

In der Diskussion wurde der Gedanke formuliert, dass Deutschland nicht notwendigerweise an der globalen Spitze der grundlagenorientierten KI-Entwicklung stehen muss, um dennoch massiv zu profitieren – der Schwerpunkt sollte auf Anwendung, nicht auf der Erfindung der Basistechnologie liegen.

Das ist keine Kapitulation, sondern eine Spezialisierungsstrategie. Wer versucht, gleichzeitig Weltspitze in Halbleitern, Foundation Models und industrieller Anwendung zu sein, wird an der Kapitalintensität dieses Anspruchs scheitern. Ein Land mit der Stärke in Präzisionsmaschinenbau, industrieller Prozessintegration und qualifizierter Facharbeit kann eine andere Wette eingehen: Die besten global verfügbaren KI-Systeme nehmen, sie tief in industrielle Prozesse, Produkte und Dienstleistungen einbauen – und genau dort Wettbewerbsvorsprünge schaffen.

Dafür ist weniger heroische Grundlagenforschung nötig als vielmehr eine radikale Erhöhung der Implementierungsgeschwindigkeit: rechtssichere Datenräume, schnellere Genehmigungen für Reallabore, steuerliche Anreize für Automatisierung und Softwareinvestitionen, eine Ausbildungsoffensive, die „KI im Betrieb“ zu einem Standardbestandteil technischer Berufe macht. In der Logik der Lohnstückkosten wäre KI dann kein Kostenfaktor, sondern eine Produktivitätsmaschine.

Wagniskapital, Start-ups und die fehlende europäische Tech-Börse

Die Kurzstudie zu Start-ups, die auf der Pressekonferenz vorgestellt wurde, zeigt, wie stark Wagniskapital als Beschäftigungsbooster wirkt: VC-finanzierte Start-ups wachsen bei der Mitarbeiterzahl im Schnitt mehr als doppelt so schnell wie vergleichbare Start-ups ohne Wagniskapital und mehr als viermal so schnell wie der klassische Mittelstand. KfW Research zum Industriestand…

Die Ironie liegt darin, dass ein erheblicher Teil des Wertzuwachses später im Ausland realisiert wird. Seit 2005 wurden knapp tausend VC-Exits in Deutschland erfasst; der mit Abstand wichtigste Exit-Kanal sind Unternehmensübernahmen – und in der Mehrheit der Fälle sitzt der Käufer nicht in Deutschland. KfW Research zum Industriestand…

Eine europäische Tech-Börse, wie sie in der Diskussion angedeutet wurde, ist in diesem Kontext kein Prestigeprojekt, sondern ein funktionales Element industrieller Souveränität. Solange die großen Technologie-Listings überwiegend in den USA stattfinden, bleibt die Wertschöpfung der „Champions von morgen“ kapitalmarktseitig dort verankert – mit allen Folgen für Governance, Regulierung und Reinvestitionen. Die KfW-Studie betont, wie wichtig ein leistungsfähiges Innovationsökosystem und besserer Zugang zu privatem Kapital sind, um Forschung, Start-ups und industrielle Transformation zu verzahnen. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Eine solche Börse wäre nur dann glaubwürdig, wenn sie mit drei weiteren Entscheidungen einherginge:

  1. Kapitalmarktunion ernst nehmen – harmonisierte Regeln, tiefere Liquidität, weniger Fragmentierung.
  2. Anreize für Pensionskassen und Versicherer, stärker in Wachstumstitel und VC-Fonds zu investieren.
  3. Steuerliche und regulatorische Entlastung von Mitarbeiterbeteiligungen, damit Fachkräfte tatsächlich an der Wertsteigerung „ihrer“ Unternehmen teilhaben.

Ohne diese Flankierung bliebe eine Tech-Börse eine leere Hülle.

Vom Fachkräftemangel zur Produktivitätsstrategie

Die KfW-Daten zeigen, dass Unternehmen den Fachkräftemangel als strukturelles Risiko wahrnehmen; viele planen, mangels Personal künftig Aufträge abzulehnen oder Produktion zu reduzieren. In einer alternden Gesellschaft ist das kein vorübergehendes Problem, sondern ein dauerhafter Engpass.

Die logische Antwort kann nicht darin bestehen, stets mehr Menschen in die gleichen Prozesse zu schieben. Die Antwort muss lauten: mehr Wertschöpfung pro Kopf. Das verbindet die Debatte über Lohnstückkosten mit der über KI und Digitalisierung: Ein hoch regulierter Arbeitsmarkt mit hohen Löhnen ist dann tragfähig, wenn Produktivitätssprünge kontinuierlich sind.

Strategisch gedacht, ist der Fachkräftemangel daher ein Zwang zur Modernisierung – oder er wird zu einem Wachstumsdeckel. Die Wahl liegt nicht zwischen „Automatisierung oder Beschäftigung“, sondern zwischen „Automatisierung und höherwertiger Beschäftigung“ auf der einen und „Kapazitätsverzicht und Deindustrialisierung“ auf der anderen Seite.

Industriepolitik als Navigation, nicht als Ersatzmarkt

Die KfW-Studie argumentiert, dass es in der aktuellen Gemengelage Gründe gibt, den Anpassungsprozess der Industrie wirtschaftspolitisch zu begleiten – nicht zuletzt, weil andere große Akteure das Spielfeld bereits mit Interventionen neu gezeichnet haben. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Entscheidend ist, wie man Industriepolitik versteht. Sie kann zur Ersatzreligion degenerieren, in der der Staat versucht, die Rolle des Marktes zu übernehmen – und dabei regelmäßig danebenliegt. Oder sie kann als Navigationshilfe fungieren, die klare Leitplanken setzt:

  • Infrastruktur und Energie: schnellere Netze, mehr erneuerbare Kapazitäten, temporäre, klar befristete Entlastung bei Energiekosten, wie es die KfW vorschlägt, um energieintensive Unternehmen zu halten, während die Infrastruktur ausgebaut wird.
  • Regulatorische Entschlackung: systematischer Abbau von Bürokratie, Standardisierung von Verfahren, digitale Verwaltung – nicht als kosmetische Projekte, sondern als messbare Entlastung mit jährlichen Zielen. KfW Research zum Industriestand…
  • Offensive für Forschung und Innovation: steuerliche Forschungsförderung, mission-orientierte Programme in Bereichen, in denen Deutschland bzw. Europa strategische Vorteile ausbauen kann – von klimaneutralen Industrieverfahren bis zu industrieller KI. Deutsche Industrie am Scheidewe…

Die Leitlinie könnte lauten: Der Staat ändert Rahmenbedingungen, Unternehmen ändern Geschäftsmodelle.

Ein Programm für den Weg aus der Scheidelage

Die Pressekonferenz der KfW markiert einen mentalen Wendepunkt: Die industrielle Schwäche wird nicht länger als „Delle“ behandelt, sondern als Signal, das ein neues Entwicklungsprogramm verlangt. Aus den Analysen lassen sich vier strategische Linien ziehen:

  1. Wettbewerb neu definieren: China nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Benchmark und Lernquelle begreifen; gleichzeitig Abhängigkeiten reduzieren und asymmetrische Industriepolitik nicht naiv hinnehmen.
  2. Standortfaktoren korrigieren: Lohnstückkosten senken vor allem über höhere Produktivität, nicht über Lohndruck; Unternehmenssteuern und Bürokratie reduzieren, damit die verbleibende Industrie atmen kann.
  3. Innovation finanzieren und halten: Wagniskapital mobilisieren, Mittelstand und Start-ups besser vernetzen, eine europäische Tech-Börse als ernsthaften Listing-Ort etablieren und so verhindern, dass die nächste Generation von Industrie-Champions systematisch ins Ausland abwandert.
  4. KI und Digitalisierung als Hebel für Wertschöpfung verstehen: Nicht überall Erster sein wollen, sondern bewusst auf Exzellenz in der Anwendung industrieller KI und Automatisierung setzen. Das ist die Stelle, an der Deutschlands traditionelle Stärken – Ingenieurskunst, Prozesskompetenz, industrielle Qualität – mit den Technologien des 21. Jahrhunderts verschmelzen können.

Die deutsche Industrie steht tatsächlich am Scheideweg. Der eine Pfad führt über Schutzreflexe, Subventionen ohne Transformation und eine stille Erosion industrieller Substanz. Der andere verlangt Mut zur schöpferischen Zerstörung, klare Prioritäten und die Bereitschaft, Neues zu wagen – genau das, was die KfW in ihrer Analyse als Imperativ formuliert.

Welche Richtung eingeschlagen wird, entscheidet nicht nur über die kommenden Konjunkturzyklen, sondern darüber, ob Deutschland in der nächsten industriellen Epoche Taktgeber bleibt – oder zum gut alimentierten Zuschauer wird.

Überalterte Chefetagen lähmen den Aufschwung: Wenn Firmen keine Erben finden

Deutschland steckt nicht nur in einer klassischen Konjunkturflaute, sondern in einer strukturellen Sackgasse. So fasst Hermann Simon, der „Hidden-Champions“-Experte, die Lage zusammen. Klassische Rezessionsindikatoren wie ein schwaches Umsatzwachstum des Mittelstands kaschieren, dass tiefer liegende Probleme vorliegen: Eine alternde Unternehmerbasis, historisch niedrige Investitionsbereitschaft und ein verhaltener Gründergeist junger Talente. KfW-Analysen bestätigen, dass der deutsche Mittelstand zwar „auch in schwierigen konjunkturellen Zeiten eine hohe Resilienz“ zeigt, jedoch bei Investitionen historisch auf einem Tiefpunkt verharrt. Mit anderen Worten: Es wird weniger in die Zukunft investiert. Gleichzeitig steigt der Kostendruck, ohne dass Unternehmen das Wachstumskapital mobilisieren. Solche Symptome weisen weit über eine normale Konjunkturdelle hinaus auf eine tiefe Systemkrise.

Vergreisende Firmenleitungen und fehlende Nachfolgen

Ein zentrales Kennzeichen der Lage ist die Altersstruktur im Mittelstand. KfW-Research weist darauf hin, dass im Jahr 2024 mehr als 54 % aller Mittelstandsinhaber 55 Jahre oder älter waren – vor 20 Jahren betrug dieser Anteil nur etwa 20 %. Das durchschnittliche Alter der Inhaber liegt inzwischen bei über 54 Jahren (Gesamtbevölkerung: 44,6 Jahre). Weniger als jeder Zehnte im Mittelstand ist heute unter 40 – ein historisches Tief. Parallel dazu fehlen junge Nachfolger: Eine repräsentative KfW-Befragung zeigt, dass es zu wenige Interessenten gibt, die bestehende Unternehmen übernehmen möchten. Diese Schieflage führt zum von KfW-Experten beschriebenen Nachfolgeengpass. Sie stellen nüchtern fest: „Eng gekoppelt an die Alterung ist ein sich verschärfender Nachfolgeengpass. […] Eine ungeklärte Nachfolge wirkt wie eine Bremse auf die Investitionstätigkeit“. Ist die Nachfolge gelöst, so KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher, löst sich auch die Investionsbremse.

Hermann Simon illustriert diese Lücke mit konkreten Beispielen: Im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview nennt er einen 79-jährigen Metallbauer mit 23 Mitarbeitern ohne Nachfolger, ein 69-jähriges Ingenieursgenie ohne Nachfolger sowie einen 65-jährigen Weltmarktführer mit über einer Milliarde Euro Umsatz – ebenfalls ohne Nachfolger. Die Basis des Mittelstands bröckelt also: Immer mehr Unternehmer erreichen das Rentenalter, investieren kaum noch und finden keine Nachfolge. Die Folge ist, dass innovative Projekte liegen bleiben und erfahrene Firmen ohne nennenswerten Übergang geschlossen werden (teils sogar aus Frust über bürokratische Hürden). Nach KfW-Berechnungen planen bis Ende 2025 etwa 231.000 Unternehmer ihre Geschäftsaufgabe. Allein demografisch würde das in den nächsten Jahren Zehntausende von (oft gesunden) Unternehmen aus dem Markt fegen.

Gründergeist und Innovationstanzamkeit

Parallel zu den Nachfolgeproblemen fehlt es an neuem Unternehmergeist. Junge Talente meiden das Risiko der Selbstständigkeit: Schon heute „flüchtet die junge Generation ins Beamtentum und in Konzerne“, diagnostiziert Simon. In China heben bei seinen Vorträgen über 50 % der jungen Ingenieure die Hand, wenn er fragt, wer Hidden Champion werden wolle – in Deutschland nur etwa 5 %. Der Frust ist: Ein abgeschlossenes Studium oder gute Berufschancen garantieren ein sicheres Einkommen, Unternehmertum dagegen steht im Ruf, mit zu vielen Ungewissheiten behaftet zu sein. Die DIHK-Umfrage belegt: Viele qualifizierte Fachkräfte entscheiden sich „gegen eine Selbstständigkeit“, weil sie in Krisenzeiten lieber ein gesichertes Angestelltenverhältnis mit guten Konditionen wählen. Eine fehlende Kultur, sich selbständig zu machen, beschränkt nicht nur Start-ups: Sie lässt auch das Angebot an Nachfolgekandidaten für etablierte Unternehmen stark schrumpfen.

Die geringen Gründungszahlen bestätigen diesen Trend. Zwar vermeldet der KfW-Gründungsmonitor 2024 einen leichten Anstieg der Startup-Aktivitäten, doch das Niveau bleibt gering und lange nicht ausreichend, um die Lücke zu schließen. Statt unternehmerischer Erneuerung entsteht in Deutschland ein „mentaler Stillstand“: Die Forschung blüht an Universitäten, aber das Wissen fließt kaum in neue Geschäftsmodelle. In einem provokanten Vergleich stellt Simon fest, dass Bonn-Rhein-Sieg trotz sechs Exzellenzclustern und zahlreicher Forschungsinstitute nur zwei Drittel des Pro-Kopf-Einkommens Luxemburgs erreicht. Innovation bleibt in Deutschland oft Theorie, nicht Praxis.

Zusätzlich fehlt der Mut zu radikalen Innovationen. Die meisten Förderprogramme setzen auf technologische Zukunftsprojekte (E-Mobilität, Künstliche Intelligenz, Start-ups), während das unsichtbare Rückgrat der Industrie – die Hidden Champions im Maschinenbau, Anlagenbau oder Spezialchemie – kaum wahrgenommen wird. Simon kritisiert etwa, dass „Ministerien und Agenturen gar nicht wissen, dass es diese Unternehmen gibt“. Die Sprunginnovationsagentur mit 250 Mio. Euro Budget sei ein „lächerliches“ Gegenstück zu DARPA (4,5 Mrd.). Ohne einen Fokus auf die eigenständige Weiterentwicklung etablierter Mittelständler und ihre oft unspektakulären Nischenprodukte bleibt Deutschlands Innovationspolitik halbherzig.

Grenzen klassischer Wirtschaftspolitik

Vor diesem Hintergrund versagen klassische Rezepte: Steuererleichterungen, Konjunkturprogramme oder Bürokratieabbau greifen nur am Rand. Sie entlasten zwar Unternehmer finanziell, beseitigen aber nicht das Gründerproblem und die mangelnde Risikobereitschaft. KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher bringt es auf den Punkt: „Die Unternehmen beweisen auch in schwierigen Zeiten eine hohe Resilienz. Das heißt allerdings nicht, dass es ihnen wirklich gut geht. […] Die Investitionsbereitschaft bleibt weiter gering“. Es fehlt nicht an Gewinnen oder kurzfristig verfügbaren Mitteln, sondern an Weitblick und Zuversicht, diese Mittel in neue Anlagen und Ideen zu investieren. Ohne ausreichend Nachfolger und Gründer verpuffen die Effekte von Investitionsanreizen: Selbst wenn Steuern sinken oder Zuschüsse fließen, bleiben Firmen zurückhaltend, wenn sie das operative Ende ihres Geschäfts fürchten.

Politische Debatten um Konjunkturpakete oder Zinsentscheidungen treffen damit am Thema vorbei. Wie Simon provozierend anmerkt, nützt höchste Exzellenzforschung wenig, wenn aus ihr „Wissen ohne Handeln“ wird. Stattdessen fordert er eine radikale Entbürokratisierung und vor allem Tempo bei Entscheidungen – Stichwort Ein-Gang-Verfahren für Nachfolgemeldungen oder verkürzte Genehmigungen. Nur so wird das Ruder herumgerissen.

Handlungsfelder und Forderungen

Das skizzierte Gesamtproblem verlangt gezielte Maßnahmen jenseits konventioneller Stellschrauben. Wir brauchen vor allem mehr Unternehmertum, nicht mehr Schulden. Konkrete Handlungsfelder sind:

  • Förderung von Unternehmensnachfolgen: Schaffung einer einheitlichen Anlaufstelle für Nachfolgeprozesse (eine zentrale Behörde oder Plattform), um Bürokratie zu reduzieren. Steuerliche Übergangsregelungen und Informationskampagnen müssen deutlich ausgebaut werden. Idee: Steuererleichterungen nur beim Erhalt des Betriebs (nicht beim Ausscheiden), Nachfolgeberater stützen, öffentliche Nachfolgebörsen lancieren. DIHK und KfW mahnen, das Nachfolgeverfahren zu entbürokratisieren und Altinhaber gezielt anzusprechen.
  • Mentalitätswandel bei jungen Talenten: Unternehmertum muss als Karriereoption Aufwertung erfahren. Entrepreneurship sollte in Schulen und Hochschulen systematisch gefördert werden – ähnlich wie Simon vorschlägt, Naturwissenschaftler praxisnah Business lehren zu lassen, etwa im Stil einer „Business School“ an Universitäten. Start-up-Module, Gründerstipendien und Ausbildungspartnerschaften zwischen Industrie und Hochschulen können jungen Menschen Mut machen. Es braucht eine Kultur, die Erfindergeist feiert und Scheitern als Lernchance definiert.
  • Innovationspolitik über Technologie hinaus: Förderpolitiken müssen weg von reinen Prestigeprojekten hin zu den Stärken der Industrie rücken. Dazu gehört stärkere Förderung produkt- und prozessbezogener Innovationen im Mittelstand (Infrastruktur, Produktionstechnik, Nachhaltigkeit). Statt nur Bälleroboter und Flugtaxis zu unterstützen, sollten die Nischenchampions entwickelt werden, auf deren Produkten ein Großteil des globalen Handels basiert Eine gezielte „Hidden-Champions-Strategie“ könnte Forschung, Marketing und Internationalisierungsmärkte für bewährte Firmen fördern. Innovationsfonds sollten nicht nur Zukunftstechnologie (KI, Quanten) finanzieren, sondern auch Verbesserungen in etablierten Bereichen.
  • Umbau der Förderkulisse für unternehmerisches Risiko: Deutschland muss eine risikofreudigere Förderlogik etablieren. Das heißt: Mehr Wagniskapital und Muttermal für Scheitern. Öffentliche Risikokapitalfonds könnten Venture-Capital-Investments größerer Art auflegen, Anreize für private Investoren schaffen. Die neue Sprunginnovationsagentur muss mit höheren Budgets und flexiblen Investitionskriterien ausgestattet werden. Auch Förderprogramme sollten stärker auf unternehmerische Visionen ausgerichtet sein (hohes Risiko, hohes Potenzial) statt vor allem verbrauchsarme Technologien. Die Verweisungsquote für erfolgreiche Nachfolgeprojekte sollte Belohnung sein, nicht Pflicht. Kurz: Es darf nicht mehr als „verschenktes“ Geld gelten, wenn etwas scheitert.

Deutschland fehlt heute nicht das Kapital oder die Technologie-Expertise, sondern der Mut zu Unternehmertum und nachhaltiger Erneuerung. Das zeigt sich an den konkreten Beispielen fehlender Nachfolger, junger Gründungsunlust und historischen Investitionsniveaus. Nur wenn Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam ein Umfeld schaffen, das Nachfolge erleichtert, Gründer beflügelt und mutige Innovation belohnt, kann Deutschland aus der Sackgasse herausfinden. Ohne diesen kulturellen und strukturellen Wandel drohen der deutschen Wirtschaft langfristig Stillstand und Schrumpfen – trotz jeder Steuererleichterung und jedes Konjunkturpakets.

Volles Haus für Vergessene: Michael Krüger und die verlorenen Dichter

Am Dienstagabend, dem 25. November 2025, war die Bonner Buchhandlung Böttger schlicht: ein volles Haus. Kein Kulturereignis mit Restplätzen, sondern Menschen, die bewusst den Weg in einen Raum gesucht hatten, in dem von etwas die Rede war, das im öffentlichen Betrieb immer weniger vorkommt: von Dichtern. Michael Krüger, Verleger, Lyriker, Erzähler, war gekommen, um sein neues Buch „Unter Dichtern“ vorzustellen – eine Lebensbilanz in Geschichten, Erinnerungen, Nachrufen.

Dass dieser Abend ausgerechnet in dieser Buchhandlung stattfand, ist kein Zufall. Alfred Böttger, der Hausherr, gehört zu jener aussterbenden Spezies von Buchhändlern, die ihr Lager als kommentierten Katalog ihres eigenen Lesens begreifen. Er sagte offen, er habe sich den Band zunächst „aufgehoben“ – im Vertrauen auf Krügers Qualität. Erst in der unmittelbaren Vorbereitung zur Lesung sei ihm klar geworden, wie anders dieses Buch gebaut ist: nicht als lose Folge von Lebenssplittern, sondern als nach Straßennamen geordnete Topographie eines Lebens mit Dichtern, von einer Münchner Adresse zur nächsten, von einer Wohnung zur nächsten.

Im Mittelpunkt des Abends standen jene Figuren, die Krüger seit Jahrzehnten begleiten: Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Bächler, Danilo Kiš, Oskar Pastior, dazu als eminente Bezugspunkte Gottfried Benn und Martin Walser, letzterer ausdrücklich als großzügiger Unterstützer in existenziellen Notlagen. Es war, als würde Krüger noch einmal jene Schattenbibliothek öffnen, in der die Lebensläufe der Dichter verzeichnet sind, die im öffentlichen Gedächtnis kaum noch vorkommen.

Dichter als Berufsrisiko

Krüger hat sein Leben damit verbracht, Dichter nicht nur zu lesen, sondern ihnen Wohnungen, Honorare, Verlagsprogramme und Reden zu widmen. In seinen Anekdoten zeigt sich, wie weit die Wirklichkeit von der pathetischen Formel „Land der Dichter und Denker“ entfernt ist. Eine Szene, die er erzählte, ist bereits zu einer Art Grundmetapher geworden: Ein Dichter trägt im Hotel ins Formular bei „Beruf“ das Wort „Dichter“ ein – und wird daraufhin gebeten, das Zimmer im Voraus zu bezahlen.

In diesem Moment konzentriert sich die Lage der Poesie: Dichter gelten als ökonomisches Risiko und gesellschaftliche Randfigur. Die Kulturgeschichte, die dieses Land sich gern selbst erzählt, stößt an die schlichte Frage: Wer kann heute von Gedichten leben? Und: Wer nimmt sie überhaupt noch wahr?

„Das sind schon zwei“ – Günter Eich und die Lage der Lyrik

Um die Rezeptionslage der Dichter zu kennzeichnen, griff Krüger zu einem Gedichtvers eines anderen, älteren Poeten: Günter Eich. Der schrieb einmal, mit seiner charakteristischen Mischung aus Trockenheit und Melancholie:

In Saloniki weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim. Das sind schon zwei.

In diesem knappen Befund steckt die ganze Einsamkeit der Lyrik – und zugleich ihr Trotz. Man muss ihn nur leicht aktualisieren: Vielleicht weiß heute einer in Bonn und einer in Bad Nauheim von einem Dichter wie Wolfgang Bächler, von einem Oskar Pastior, von einem Günter Bruno Fuchs. „Das sind schon zwei“: mehr Rechenschaft ist in Zeiten zersplitterter Aufmerksamkeit kaum zu erwarten.

Günter Bruno Fuchs – der Koloss im falschen Zimmer

Zu den eindringlichsten Figuren des Abends gehörte Günter Bruno Fuchs. Krüger zeichnete ihn als Koloss: ein Mann, der mit seinem Körper schon eine Art Kommentar zur Zumutbarkeit dieses Berufs darstellt. Zu groß, zu laut, zu durstig für die schmal gewordenen Räume des Literaturbetriebs – und zugleich verletzlich, abhängig, prekär.

Die Anekdote, die Krüger erzählte, beginnt wie eine harmlose Reisegeschichte und kippt rasch ins Groteske. Fuchs kommt nach München, um seinen Verleger zu besuchen und ein Honorar abzuholen. Er trinkt zu viel, verirrt sich in Treppenhäusern und landet schließlich im falschen Schlafzimmer: Eine Nachbarin, den Tränen nahe, berichtet, dass sie den Dichter nicht mehr aus ihrem Bett herausbekommen habe. Das Komische und das Tragische dieser Szene sind kaum zu trennen.

Hinzu kommt die heimliche Geldbewegung: Fuchs erhält sein Honorar von Dr. Hanser so diskret, dass dessen Frau nichts davon erfährt. Die Literatur, so wird in dieser Episode sichtbar, lebt nicht von geordneten Institutionen, sondern von verdeckten Loyalitäten, von stillen Entscheidungen Einzelner. Walser, der „großzügige Unterstützer“, steht exemplarisch für diese Form privater Rettungsaktionen.

Dichter, die bleiben – Bächler, Pastior, Kiš

Wolfgang Bächler tritt in Krügers Erinnerungen als ein Dichter auf, der an seiner eigenen Existenz scheitert. Umzüge, Ängste, Krankheiten, vergebliche Hoffnungen auf Preise und Anerkennung bilden eine Biographie, in der die Gedichte wie Inseln liegen. Dass die juristischen Instanzen des Betriebs ihn über Jahrzehnte übersehen, ist bei Krüger kein Skandalruf, sondern eine stille Anklage: Ein Land, das Dichter dieses Formats systematisch ignoriert, spricht damit auch ein Urteil über sich selbst.

Oskar Pastior ist die andere Variante des Dichters, der nicht mehr verschwindet: Er zieht mit seinem Klappbett, seinem Tabak, seiner Sprachartistik in Krügers Wohnung und von dort in dessen Leben ein. „Unter Dichtern“ erzählt viele solcher Episoden des Nicht-Aufhörens. Dichter, die Wohnungen nicht verlassen, die im Gästezimmer bleiben, die sich in Freundschaften einschreiben, bis keine klare Grenze mehr zwischen Privatem und Poetischem besteht.

Danilo Kiš schließlich bringt jene Metapher ins Spiel, die über diesem ganzen Projekt zu schweben scheint: die „Enzyklopädie der Toten“. In Kiš’ Erzählung sind dort die Lebensläufe derer verzeichnet, die in den offiziellen Lexika nicht vorkommen. Krügers Buch könnte man als einen Band dieser imaginären Enzyklopädie lesen – speziell für Dichter. Jede Anekdote ist ein Versuch, ein Leben, das durch die Maschen der großen Erzählungen gefallen ist, noch einmal festzuhalten.

Und über all dem steht Gottfried Benn, dessen Urteilskraft über Gedichte für eine Generation Maßstab war – und der doch selbst zeigt, wie schnell auch kanonisierte Dichter im Bewusstsein der Gegenwart verblassen.

Ein Land, das seine Dichter vergisst – und ein Abend dagegen

Die Diagnose, die sich aus diesen Geschichten ergibt, ist ernüchternd: Dieses Land hat seine Dichter weitgehend aus dem öffentlichen Blick verloren. Anthologien verschwinden aus Programmvorschauen, Lyrik ist in großen Medien eher Ausnahme als Regel, und der Satz „Ich lese Gedichte“ wirkt oft wie ein Bekenntnis zu einer Randkultur.

Und doch stand an diesem Abend ein Mann vor einem vollen Haus, der sein Leben mit Dichtern verbracht hat. Er sprach von den Lebenden wie von den Toten, von Reisen, Hotels, Treppenhäusern, von überquellenden Aschenbechern und stillen Briefen, von Hilfszahlungen und Nachrufen. Das Publikum hörte zu, lachte, schwieg, notierte.

Vielleicht liegt gerade darin die Bedeutung eines solchen Abends: Er zeigt, dass die großen Selbstbeschreibungen – „Land der Dichter und Denker“ – zwar brüchig geworden sind, die Praxis der Poesie aber noch nicht verschwunden ist. Sie hat sich in kleinere Räume zurückgezogen: in Buchhandlungen wie die von Alfred Böttger, in Gespräche nach Lesungen, in Bücher wie „Unter Dichtern“, die die Gesichter und Geschichten bewahren, bevor sie endgültig in Vergessenheit geraten.

Krügers Band ist so gesehen weniger autobiographische Geste als Rettungsversuch. Er legt ein Archiv an, das nicht nur für Literaturhistoriker interessant ist, sondern für alle, die wissen wollen, was aus jenen geworden ist, die den Beruf „Dichter“ noch in Formularen angeben – und damit Riskantes tun.

In der Bonner Buchhandlung Böttger war an diesem Dienstagabend zu spüren, dass dieses Archiv nicht nur auf Papier existiert. Es lebte im Raum: im Erzählen Krügers, im zuhören­den Schweigen der Anwesenden, im stillen Engagement eines Buchhändlers, der solche Abende möglich macht. Ein volles Haus – und für einen Moment der Eindruck, dass die Dichter in diesem Land noch nicht ganz abgeschrieben sind.

Zwischen Aufklärung und Algorithmus: Warum Nobelpreise heute wichtiger sind denn je #NEO25-Session am Freitag, 5. Dezember, 11 Uhr

Ein Beitrag zur -Session mit Schumpeter-Forscher Heinz D. Kurz auf der Next Economy Open 2025

Freitag, 05.12.2025, 11:00 Uhr

Passen Nobelpreise noch in die Zeit?
Wir glauben: Mehr denn je.

In einer Ära, in der Künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen und ökologische Kipppunkte die wirtschaftliche Zukunft bestimmen, wirken die Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaft manchmal wie Relikte aus einer ruhigeren Zeit. Doch die Preisträger des Jahres 2025 – wie schon jene von 2024 – liefern bemerkenswerte Einsichten, die zu einem Leitbild künftiger Wirtschaftspolitik werden könnten.

Mit Heinz D. Kurz, einem der profiliertesten Schumpeter-Forscher unserer Zeit, richten wir bei der Next Economy Open den Blick darauf, wie diese Nobelpreise in das moderne Verständnis wirtschaftlicher Dynamik passen.

Die Kultur des Wissens – Warum Joel Mokyr den Wirtschaftsnobelpreis verdient

Es gibt Nobelpreise, die eine Theorie auszeichnen.
Und es gibt jene seltenen Ehrungen, die ein neues Weltbild markieren.

Der Preis für Joel Mokyr, gemeinsam mit Philippe Aghion und Peter Howitt, gehört zur zweiten Kategorie.

Während Aghion und Howitt die Mechanik des Wachstums beschrieben haben – den „Code des Fortschritts“ – hat Mokyr den kulturellen Unterbau freigelegt, ohne den kein technologischer oder wirtschaftlicher Wandel denkbar wäre.

Wissen als Produktionsfaktor

Mokyr, Wirtschaftshistoriker an der Northwestern University, hat etwas geschafft, das in der heutigen Ökonomie fast unmöglich ist:
Er hat den Fortschritt selbst historisiert.

In seinem zentralen Werk A Culture of Growth zeigt er, dass Wachstum nicht einfach aus Kapital, Maschinen oder cleveren Geschäftsmodellen entsteht, sondern aus einer Kultur des Fortschritts – aus einem geteilten Glauben an die Veränderbarkeit der Welt durch Wissen.

Europa erfand im 17. und 18. Jahrhundert die „Republic of Letters“: ein Netzwerk aus Gelehrten, Ingenieuren, Tüftlern und Visionären, das Wissen wie Güter zirkulieren ließ. Ein mentaler Marktplatz, auf dem Argumente mehr galten als Herkunft, Kritik wichtiger war als Konvention und Neugier der wichtigste Antrieb wurde.

Ein frühes „Open Source“, lange bevor der Begriff existierte. Goethe war einer ihrer Meister – ein europäischer Netzwerker avant la lettre.
(Ein Vorläufer von Winfried Felser, könnte man sagen.)

Märkte für Ideen – Vorläufer digitaler Netzwerke

Mokyrs „Republic of Letters“ war das erste große soziale Netzwerk Europas.
Es funktionierte auf Basis von Offenheit, Nachprüfbarkeit und Meritokratie – genau den Prinzipien, die heute erfolgreiche digitale Ökosysteme bestimmen.

Diese Wissenskultur war die institutionelle Revolution vor der industriellen Revolution.
Sie schuf die Infrastruktur, aus der später Dampfmaschinen, Fabriken und moderne Märkte hervorgingen.

Damit korrigiert Mokyr ein tief sitzendes Missverständnis der Ökonomie: Dass Wachstum primär eine Funktion von Kapital und Arbeit sei.
Für ihn ist wirtschaftlicher Fortschritt vor allem ein kulturelles Gleichgewicht zwischen Skepsis und Neugier, zwischen Wettbewerb und Kooperation.

Oder, wie wir bei der Next Economy Open sagen:
„Eco statt Ego.“
(Das müsste Winfried Felser tatsächlich freuen.)

Die Lehre für das KI-Zeitalter

In der Gegenwart, in der Künstliche Intelligenz neue Wissensräume erschließt, wird Mokyrs Theorie zum Wegweiser.
Auch heute stellt sich die Frage:

Wird Wissen monopolisierte Ressource – oder erneuerbare Kulturform?

Was im 17. Jahrhundert die Republic of Letters war, könnte heute das offene Netzwerk von KI-Agenten werden:
ein neuer Markt der Ideen, der von Vielfalt, Austausch und Vertrauen lebt.
(Ein Gedanke, der Frank H. Witt gefallen dürfte.)

Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts wird nicht von Maschinen bestimmt, sondern von der Architektur des geteilten Wissens.
Joel Mokyr hat gezeigt, wie diese Architektur einst entstand – und warum wir sie heute neu bauen müssen.

Der Nobelpreis ist deshalb weniger eine Ehrung als ein Auftrag:
die Kultur des Wissens zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Heinz D. Kurz über Schumpeter und die Nobelpreise: Wachstum oder kein Wachstum?

In unserer Session diskutiert Heinz D. Kurz die jüngsten wirtschaftswissenschaftlichen Nobelpreise im Licht der aktuellen Schumpeter-Forschung.
Denn Schumpeters Frage ist heute aktueller denn je:

Wachstum – oder kein Wachstum?
Und vor allem: Welches Wachstum?

Kurz, weltweit renommierter Wirtschaftshistoriker, hat mit seinen Arbeiten zur Geschichte des ökonomischen Denkens Maßstäbe gesetzt. Sein Werk Geschichte des ökonomischen Denkens gilt als Standard. Für seine kritische Weiterentwicklung der Schumpeter-Forschung erhielt er 2019 die Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal.

Sein analytischer Blick auf die Dynamik des Kapitalismus – auf Innovation, kreative Zerstörung und strukturellen Wandel – verbindet sich ideal mit den Fragen, die Mokyr, Aghion und Howitt aufwerfen:

  • Wie entstehen neue Wissensräume?
  • Wie organisiert sich Innovation in einer vernetzten Welt?
  • Wie viel Staat, wie viel Markt braucht der Fortschritt?
  • Welche Rolle spielen Unternehmertum, Technologie und Kultur?

Kurz zeigt, dass Schumpeters Theorie genau hier eine Brücke schlägt.
Denn für Schumpeter wie für Mokyr ist Fortschritt kein linearer Prozess, sondern ein kulturelles und institutionelles Ereignis.

Warum Nobelpreise heute relevant sind

Nobelpreise sind kein nostalgisches Ritual.
Sie markieren intellektuelle Weggabelungen – und manchmal neue Weltbilder.

Die Wirtschaftsnobelpreise von 2024 und 2025 zeigen:
Wachstum und Wohlstand entstehen nicht aus Technik allein, sondern aus Kultur, Kooperation und kreativer Zerstörung.

Joels Mokyrs Beitrag erinnert uns daran, dass Wissen der wichtigste Produktionsfaktor einer freiheitlichen und innovativen Gesellschaft bleibt.
Dass Offenheit und Vernetzung – von der Republic of Letters bis zur KI – der Motor des Fortschritts sind.
Und dass wir diese Kultur aktiv gestalten müssen.

Gemeinsam mit Heinz D. Kurz diskutieren wir, was das für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der nächsten Jahre bedeutet.

Man hört, sieht und streamt sich am Freitag, den 5. Dezember.

Kopf, Kultur, Kapital: Im Innersten der deutschen Champions League #ZPNachgefragtDay am 4. Dezember zur zehnjährigen Jubiläum der Next Economy Open #NEO25 #OEB25

Abseits der grellen Scheinwerfer der Börsenmetropolen gedeiht eine Klasse von Unternehmen, die still und unerkannt zur Weltspitze gehört. Es sind die Hidden Champions, jene mittelständischen Weltmarktführer, die der deutsche Ökonom Professor Hermann Simon bereits in den 1990er-Jahren so taufte. Ihr Erfolg – oft in Nischenmärkten errungen – bildet das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Fast die Hälfte der weltweit identifizierten “heimlichen“ Marktführer hat ihren Sitz in Deutschland. Diese Firmen, meist familiengeführt und im Investitionsgüterbereich tätig, haben sich dem Trend zur Deindustrialisierung erfolgreich entzogen. Sie verbinden bodenständige regionale Verwurzelung mit globaler Präsenz – eine Balance, die ihnen auch in Krisenzeiten bemerkenswerte Resilienz verleiht. Kein Wunder also, dass Ökonomen in ihnen einen wesentlichen Pfeiler der Volkswirtschaft erkennen.

Das Buch „Hidden Champions HR – Personalmanagement der Weltmarktführer“, herausgegeben von Professor Karlheinz Schwuchow und Joachim Gutmann, richtet den Scheinwerfer ins Innere dieser Unternehmen. Es fragt, worin ihre besondere Kunst der Personalführung besteht – jenes oft unsichtbare Gefüge aus Kultur, Managementprinzipien und Mitarbeiterbindung, das ihren Markterfolg überhaupt erst ermöglicht. Gleich zu Beginn ordnet ein Essay von Hermann Simon den Aufstieg und Wandel der Hidden Champions im großen Bild ein. Simon skizziert, wie diese Firmen die neuen Spielregeln der Globalisierung im „chinesischen Jahrhundert“ adaptieren. So verlagern Hidden Champions beispielsweise Forschungszentren in Technologie-Hotspots rund um den Globus und geben dabei ein Stück provinzieller Behaglichkeit zugunsten „konsequenter Weltoffenheit“ auf – ohne jedoch ihre Identität einzubüßen. Diese strategische Weitsicht verbindet sich bei den Hidden Champions stets mit Langfristorientierung und Fokussierung auf Kernkompetenzen.

Personalmanagement jenseits der Moden: Mitarbeiter im Mittelpunkt

Die Leitthese des Buches, unterstrichen schon im Vorwort der Herausgeber, lautet: Der überragende Erfolg der Hidden Champions fußt in hohem Maße auf ihrem besonderen Umgang mit Menschen – ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie ihren Führungskräften. Um ihre ehrgeizigen Markt- und Wachstumsziele zu erreichen, pflegen diese Firmen eine spezifische Unternehmenskultur, die organisatorisch und führungsmäßig ganz auf Hochleistung ausgerichtet ist. Sie ist oft noch von den Gründerpersönlichkeiten geprägt und zugleich ausgeprägt mitarbeiterorientiert. Hohe Leistungsansprüche und unbedingtes Commitment gehen Hand in Hand mit sozialer Verantwortung gegenüber den Beschäftigten. Tradition und Moderne, Stabilität und Wandel sind für Hidden Champions dabei keine unüberbrückbaren Gegensätze, sondern ein Spannungsfeld, das kreativ für den langfristigen Erfolg genutzt wird. Personal und Organisation werden so zu den Fundamenten ihres nachhaltigen Wachstums.

Gerade Personalmanagement wird in diesen Unternehmen als strategische Kernaufgabe begriffen, nicht als Verwaltungsroutine. Von der Gewinnung der Auszubildenden bis zur Förderung der Top-Fachkräfte durchzieht eine umfassende Mitarbeiterorientierung alle Ebenen. Lebenslanges Lernen, Wissensmanagement, Bindung erfahrener Kräfte – all das hat hier einen Stellenwert, der in vielen Großkonzernen oft nur in Sonntagsreden beschworen wird. Demografischer Wandel und Fachkräftemangel, Globalisierung und Digitalisierung – die großen Herausforderungen unserer Zeit – begegnen Hidden Champions mit durchdachten, langfristigen Antworten. So gelingt es ihnen, im Wettbewerb um Talente trotz geringer Bekanntheit und oft abgelegener Standorte zu bestehen: Die Nachteile der Provinz gleichen sie durch kluge Personalstrategien aus. Ihre Arbeitgeberattraktivität steigern sie mit authentischem Employer Branding, bei dem die eigenen Mitarbeiter als glaubwürdigste Botschafter auftreten.

Auffällig ist, dass diese Mittelständler sich regelmäßig gängigen Managementmoden entziehen. Kurzlebige Trends – insbesondere angelsächsische Hypes – lässt man links liegen. Stattdessen folgen Hidden Champions ihrer eigenen, bewährten Linie, geprägt von Werten statt Moden. Die Ergebnisse geben ihnen recht: Eine durchweg hohe Mitarbeiterzufriedenheit und Loyalität bestätigt den zentralen Stellenwert der Belegschaft für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. In der Tat sind Fluktuation und Krankenstand bei Hidden Champions deutlich geringer als anderswo – laut Studien liegt die Fluktuationsrate im Schnitt unter sieben Prozent. Solche Stabilität reduziert nicht nur Kosten für ständige Neueinstellungen; sie bewahrt auch kostbares Know-how und langfristige Kundenbeziehungen. Diese Firmen zeigen eindrücklich, dass nachhaltiger Erfolg auf Konstanz, Vertrauen und Identifikation fußt. Selbst ohne modische „Purpose-Statements“ oder glossy CSR-Berichte setzen Hidden Champions Maßstäbe in der Personalarbeit und führen vor, „was Erfolgsunternehmen ausmacht“.

Fallstudien, Anekdoten und Impulse

Statt theoretischer Platitüden bietet Hidden Champions HR einen direkten Blick in den Maschinenraum der vorgestellten Unternehmen. Der Aufbau des Buches folgt vier großen Themenblöcken – Strategie & Kultur, Führung & Verantwortung, Digitalisierung & KI sowie Agilität & Transformation –, unter denen insgesamt 22 Fallstudien versammelt sind. Jede Fallstudie wurde von Insider*innen verfasst – meist Personalverantwortlichen der jeweiligen Firma – und beleuchtet einen spezifischen Aspekt des dortigen Personalmanagements. Die Bandbreite ist beeindruckend: Der Bogen spannt sich „vom zukunftsorientierten Personalmanagement bei Phoenix Contact über New Learning und New Leadership bei Ottobock sowie Künstlicher Intelligenz in der Personalgewinnung bei Carl Zeiss bis hin zur agilen Transformation bei B. Braun Melsungen“. Mit anderen Worten: Von High-Tech bis Traditionsindustrie, von Maschinenbau über Orthopädietechnik bis Medien und Konsumgüter ist alles vertreten. Der Sammelband öffnet die Werktore von so unterschiedlichen Hidden Champions wie etwa Stihl (Motorgerätehersteller) und Hubert Burda Media, Zeppelin (Luftschiffbau bis hin zu spezialisierten Nischenplayern à la Schöffel (Outdoor-Bekleidung). Diese Vielfalt demonstriert anschaulich, dass es kein isoliertes Phänomen einzelner Branchen ist – es gibt sie überall, die heimlichen Gewinner, die im Hintergrund Weltklasse-Leistungen erbringen.

Die Fallstudien selbst liefern reichhaltiges Anekdotenmaterial und praxisnahe Einblicke. So erfährt man beispielsweise, dass Phoenix Contact sich vor Jahren das ambitionierte Ziel gesetzt hat, „einer der besten Arbeitgeber“ zu sein – und dieses Ziel nicht nur in Hochglanzbroschüren verkündet, sondern konsequent verfolgt hat: Das Unternehmen wurde zwölfmal als Top-Arbeitgeber ausgezeichnet, woraufhin der Personalchef als vollwertiges Mitglied in die Geschäftsführung aufrücken durfte. Dieser Schritt, HR zur Chefsache zu machen, spricht Bände über die Firmenphilosophie. Bei Ottobock, dem Weltmarktführer für Prothesen und Orthesen, liest man von einem Change-Projekt, das exemplarisch für die partizipative Kultur der Hidden Champions steht: Ein interdisziplinäres Kernteam von 30 Beschäftigten erarbeitete gemeinsam mit der Geschäftsführung sechs neue Leitprinzipien für die zukünftige Führungskultur. Die Umsetzung dieses Programms LEADership 2020+ begleitet Ottobock mit ungewöhnlichen Formaten – CEO-Podcasts, Sonderausgaben der Mitarbeiterzeitung, ein eigens eingerichteter Newsletters – um wirklich alle Mitarbeiter weltweit ins Boot zu holen. Diese ko-kreative Herangehensweise zahlte sich aus: Sie stärkte nicht nur die Akzeptanz der Veränderung, sondern machte jeden einzelnen Beschäftigten zum Mitverantwortlichen der neuen Kultur.

Auch die Herausforderungen der Digitalisierung werden greifbar illustriert. In einer Fallstudie berichtet etwa Carl Zeiss darüber, wie Künstliche Intelligenz im Recruiting zum Einsatz kommt – ein spannender Spagat zwischen High-Tech-Auswahlverfahren und dem Bewahren menschlicher Unternehmens-DNA. B. Braun Melsungen, ein 180 Jahre altes Familienunternehmen, schildert seinen Weg zur agilen Organisation: Hier wird New Work nicht als Buzzword abgetan, sondern aktiv gestaltet, um Tradition und Agilität zu versöhnen. Und als die COVID-19-Pandemie über alle hereinbrach, förderte sie bei manchen Hidden Champions sogar Unerwartetes zutage: Plötzlich wurden Talente und Kompetenzen sichtbar, die zuvor unter den alten Strukturen verborgen waren. Aus der Not einer Krise machten diese Unternehmen eine Tugend, indem sie interne Weiterbildungsprogramme und virtuelle Kollaborationsformen in Rekordzeit entwickelten – oft mit dem erfreulichen Nebeneffekt, schlummernde Potenziale im eigenen Haus zu wecken.

All diese Beispiele werden im Buch nicht trocken referiert, sondern lebendig und mit Augenmaß für das Wesentliche dargestellt. Die jeweiligen Autoren – von der HR-Direktorin bis zum Werksleiter – krempeln sprichwörtlich die Ärmel hoch und berichten aus erster Hand, wie sie Probleme angehen. Doch geschieht dies niemals hemdsärmelig oder banal, sondern immer mit spürbarer Substanz und Reflexion – theoretisches Blabla sucht man hier vergebens. Gerade dieser praxisnahe, aber dennoch integre Ton macht die Lektüre reizvoll. Man spürt den Stolz und die Verantwortung, mit der die Hidden Champions ihr Personal führen, ohne dass es in Selbstbeweihräucherung abgleitet. Oft sind es kleine Details – ein zitiertes Mitarbeiterstatement hier, eine erzählte Anekdote dort – die dem Leser ein eindrückliches Bild der jeweiligen Unternehmenskultur vermitteln.

Werte, Wandel und wirtschaftskulturelle Erkenntnis

Beim Lesen dieses Buches entsteht unweigerlich ein übergeordnetes wirtschaftskulturelles Bild des deutschsprachigen Mittelstands. Hidden Champions HR ist mehr als eine lose Sammlung von Best Practices – es gerät zu einer Art Soziogramm der Mittelstands-DNA. Einige gemeinsame Leitmotive tauchen in fast allen Fallstudien auf: Da ist zum einen der ausgeprägte Wertekompass, oft durch familiäre Eigentümer geprägt, der für Konsistenz zwischen Anspruch und gelebter Realität sorgt. In mehreren Beiträgen wird deutlich, wie sehr diese Unternehmen darauf bedacht sind, dass Führungskräfte nicht bloß Entscheider, sondern Kulturvorbilder und Coach ihrer Teams sind. Die Konsistenz zwischen normativem Anspruch und täglichem Verhalten ist ein Erfolgsgeheimnis, das nur schwer imitierbar ist. Zum anderen zeigt sich der Mittelstand hier als wandlungsfähiger Organismus: Technologiebrüche, globale Machtverschiebungen oder neue Generationen in der Belegschaft – all das begreifen Hidden Champions weniger als Bedrohung denn als Ansporn zum Wandel. Sie schaffen es, Wandel und Kontinuität zu versöhnen, indem sie ein klares Zukunftsbild entwerfen und zugleich ihre Wurzeln nicht kappen. Diese Kultur der behutsamen Erneuerung durchzieht viele Geschichten im Buch: sei es ein Maschinenbauer, der mit einem internen Digital Lab junge IT-Talente anzieht, oder ein Traditionskonzern, der seinen Führungskräften Mut zum “Courage to Transform“ abverlangt (so geschehen bei Trumpf).

Interessant für die wirtschaftskulturelle Lesart ist auch, wie unterschiedlich einzelne Unternehmen ihre Antworten finden – und doch im Grundsätzlichen übereinstimmen. Einige Hidden Champions – etwa exportstarke Industriezulieferer – agieren fast globalistischer als mancher Großkonzern, mit Entwicklungszentren in aller Welt und multikulturellen Teams. Andere, zum Beispiel traditionsreiche Familienbetriebe, setzen bewusst auf lokale Verwurzelung und organisches Wachstum. Doch beide Typen vereint eine Haltung: Sie betrachten Mitarbeiter nicht als Human Resource, die man beliebig ein- und auswechseln kann, sondern als langfristige Mitunternehmer im Geiste. Diese Haltung schlägt sich in konkreten Kennzahlen nieder (lange Betriebszugehörigkeiten, hoher Anteil interner Beförderungen, investitionsfreudige Weiterbildungsbudgets) ebenso wie in einem gewissen Stolz auf die eigene Andersartigkeit gegenüber dem Manager-Mainstream. Man könnte sagen, Hidden Champions pflegen eine Form von rebellischem Konservatismus: Sie bewahren traditionelle Tugenden – Qualitätsbesessenheit, Kundenähe, Verantwortungsbewusstsein – und kombinieren sie mit unkonventionellen Lösungen, wo immer der Mainstream versagt. Das Buch liefert dazu zahlreiche Beispiele, von der radikalen Kundenfokussierung bis zur Unabhängigkeit von Beratermoden. Als Leser*in gewinnt man den Eindruck, hier wird ein Stück deutscher Wirtschaftskultur entschlüsselt: Man versteht, wie diese Mittelständler ticken, was sie antreibt, und warum sie oft erfolgreicher sind, als es ihre geringe Bekanntheit vermuten ließe.

Ein Lehrstück für Führung und ein Manifest des Mittelstands

Hidden Champions HR überzeugt als Gesamtwürdigung einer oft unterschätzten Unternehmensklasse. Der Sammelband ist analytisch tiefgehend, reich an Beispielen und dennoch angenehm lesbar – gerade weil er auf dröge Theoriediskussionen verzichtet und stattdessen die Praxis sprechen lässt Für Führungskräfte und Personalverantwortliche, ob in Mittelständlern oder in Konzernen, bietet dieses Buch einen Fundus an Inspiration. Es zeigt, dass Personalarbeit kein Selbstzweck ist, sondern wettbewerbskritischer Faktor – und dass exzellentes Personalmanagement nicht lautes Marketing braucht, sondern im Stillen Großes bewirken kann. Die Lektüre gleicht einer Reise durch versteckte Königreiche industrieller Exzellenz: Man lernt von Ottobock etwa, wie kultureller Wandel spielerisch gelingen kann, von Phoenix Contact, wie Employer Branding authentisch gelebt wird, oder von Festo, wie Ausbildung und Technologie gemeinsam gedacht werden (hier wurden jüngst neue Berufsbilder rund um KI und Industrie 4.0 geschaffen). Jede Station liefert Denkanstöße, die über den Einzelfall hinausweisen.

Stilistisch schafft der Band dabei einen angenehmen Spagat zwischen Feuilleton und Fachbuch. An einigen Stellen liest er sich wie ein Wirtschaftskrimi – man fiebert mit, ob eine Transformation gelingt –, an anderen wie ein kenntnisreicher Kommentar zur Lage des Mittelstands. Die Redaktion der Herausgeber Schwuchow und Gutmann sorgt trotz der vielen Stimmen für einen roten Faden. Ihre eigene Einführung und Simons Auftaktbeitrag geben dem Werk einen theoretischen Rahmen, der die Fallstudien kontextualisiert und verbindet. So entsteht am Ende mehr als die Summe der Teile: nämlich das facettenreiche Porträt einer Unternehmenskultur, die auf Vertrauen, Beständigkeit und Mut zur Erneuerung gründet.

Unterm Strich ist “Hidden Champions HR“ ein hochwertiges Wirtschaftsfeuilleton in Buchform, literarisch präzise und intellektuell anregend, ohne anwendungsferne Abstraktion. Es schärft den Blick dafür, dass große Ziele und humane Führung einander nicht ausschließen, sondern bedingen. Die heimlichen Weltmarktführer des Mittelstands lehren uns in diesem Buch, dass exzellentes Management immer auch Menschenführungskunst ist – eine Kunst, die hier mit viel Leidenschaft, Realitätssinn und visionärer Kraft zum Ausdruck kommt. Für jede Führungskraft, die über den Tellerrand kurzfristiger Moden hinausblicken will, ist dieses Werk eine wahre Fundgrube an Erkenntnissen und Ermutigungen. Es erinnert uns daran, dass wirtschaftlicher Erfolg letztlich im Verborgenen geschmiedet wird: in den Werkshallen und Büros, wo kluge Köpfe und engagierte Hände täglich daran arbeiten, aus deutscher Provinz heraus Weltklasse zu schaffen. Und es feiert genau diese stille Meisterschaft in einer Weise, die sowohl analytisch überzeugt als auch ansteckend inspiriert.

Karlheinz Schwuchow, Joachim Gutmann (Hrsg.): Hidden Champions HR – Personalmanagement der Weltmarktführer. Haufe Group, Freiburg 2022. (Zitate und Inhalte entstammen diesem Band). Am Donnerstag, den 4. Dezember werden wir das Thema um 15 Uhr vertiefen beim .

Man hört, sieht und streamt sich live von der Online Educa Berlin im Hotel Interconti in der Budapester Straße. Kommt vorbei oder schaut Euch den Livestream an.

Zwischen Aufbruch und Amtsstuben – Warum der Mittelstand längst dort ist, wo die KI-Debatte nicht hinfindet

Der Klang unserer öffentlichen Technologie-Debatten wirkt seltsam gedämpft, fast so, als würde jemand durch dicke Gardinen sprechen. Man hört viel über Risiken, Unsicherheiten, Überforderung. Was man selten hört: wie unbeeindruckt viele Unternehmen längst an ihrer Zukunft arbeiten. Wenn man den Maschinenraum der Wirtschaft betritt – jenen Ort, an dem Entscheidungen nicht formuliert, sondern umgesetzt werden –, dann zeigt sich ein anderes Deutschland. Ein Land, das experimentiert, strukturiert, integriert. Ein Land, das viel weniger zaudert, als es die Kommentarlage vermuten lässt.

Die neue Studie „Die Zukunftsmacher“ ist dafür ein präziser Seismograph. Sie dokumentiert ein Bild, das nicht recht zu dem passt, was auf Podien so gern behauptet wird:
64 Prozent der Unternehmen erzielen messbare Effizienzgewinne,
91 Prozent treffen Entscheidungen schneller und fundierter,
jeder fünfte Euro des Digitalbudgets fließt bereits in KI-Projekte.
Das sind keine Experimente, das ist Struktur. Das ist die nüchterne, robuste Arbeit an Geschäftsmodellen, die in fünf Jahren noch tragfähig sein sollen.

Es ist eine paradoxe Situation: Während viele noch nach Worten suchen, hat der Mittelstand längst Fakten geschaffen.

Warum die Reaktionen von Krause und Simon entscheidend sind

Manchmal braucht es zwei Stimmen von außen, um die Konturen eines Befunds klar sichtbar zu machen. Zwei Stimmen, die von sehr unterschiedlichen Orten kommen – und gerade dadurch ein vollständigeres Bild erzeugen.

Die erste ist Christoph Krause. Wer seine Arbeit kennt, weiß: Er ist kein Mann für abstrakte Debatten. Er steht mit beiden Füßen im betrieblichen Alltag – bei Herstellern, Handwerkern, Weltmarktführern. Sein LinkedIn-Kommentar zu deinem „Kill the KI-Biedermeier“ war deshalb mehr als eine Zustimmung. Er war eine Korrektur der öffentlichen Wahrnehmung.

Krause beschreibt dort, wie Unternehmen im Maschinenraum arbeiten: ohne Pathos, ohne Alarmismus, aber mit einer Konsequenz, die man eher in Werkhallen als in Diskussionsrunden findet. Er verweist auf Beispiele wie die Berns Gruppe, die mit ihrem KI-Assistenten „Berni“ pro Monat rund 250 Arbeitsstunden einspart, Dokumentationsprozesse transformiert und ein Wissensarchiv aufbaut – ganz pragmatisch, ganz bodennah, fernab jeder dystopischen Erwartungshaltung. Genau solche Fälle zeigen, was die Studie belegt: KI ersetzt keine Fachkräfte. Sie macht sie wirksamer. Sie befreit sie von Ballast. Krause holt die Debatte aus dem Abstrakten ins Konkrete – und korrigiert damit einen öffentlichen Diskurs, der oft an der Oberfläche kleben bleibt.

Die zweite Stimme ist Hidden-Champion-Forscher Professor Hermann Simon. Sein Blick auf die Studie kam nicht als Kommentar an ein Netzwerk, sondern als persönliche Rückmeldung – und gerade deshalb hat er Gewicht. Simon ist kein Alarmist, kein Apokalyptiker, sondern jemand, der wirtschaftliche Entwicklungen nüchtern vermisst. Seine Bemerkung, die Studie liefere „eine Unterstützung aus der Praxis“, ist ein bemerkenswerter Satz. Denn er bedeutet: Die Hidden Champions, jene oft unterschätzten Motoren unserer Industrie, nutzen KI nicht als Spielerei, sondern als Produktivitätsinstrument.

Er schreibt mir, dass die größten Effekte in Kostensenkungen und Produktivitätssteigerungen liegen. Dass Monetarisierung nicht immer sofort sichtbar wird, aber langfristig den Unterschied macht. Diese Einordnung transformiert Krauses praxisnahe Beispiele in ein ökonomisches Argument von seltener Klarheit: Die Wertschöpfung verlagert sich – und wer diese Verlagerung versteht, baut Zukunft statt nur Narrative.

Wo die Debattein Deutschland falsch abbiegt – und was die Studie wirklich zeigt

Wer in die Zahlen blickt, erkennt das Muster: KI ist kein Add-on, kein digitales Sahnehäubchen, sondern ein struktureller Produktionsfaktor. Die Studie zeigt, dass KI längst die volle Wertschöpfungskette erreicht hat – Front Office, Back Office, Produktion, Qualitätssicherung.

Besonders frappierend ist der Befund, wie konsistent diese Entwicklung ist:

  • digitale Reife ist messbar gestiegen,
  • KI-Investitionen wachsen trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten,
  • Use Cases werden skaliert, nicht nur getestet,
  • und ein Großteil der Unternehmen baut explizit auf datenbasiertes Entscheiden.

Es zeigt sich ein Deutschland, das selten beschrieben wird:
Nicht das Land der Digital-Skepsis, sondern das Land der digitalen Disziplin.
Nicht das Land der Blockierer, sondern der stillen Realisten.
Nicht der Ort, an dem Visionen verkündet werden, sondern der Ort, an dem Lösungen gebaut werden.

Warum der Begriff „KI-Biedermeier“ funktioniert – und warum er überwunden werden muss

Der Begriff hat seine Wucht, weil er eine kulturelle Haltung beschreibt: die Sehnsucht nach Ruhe in Zeiten technologischer Umbrüche. Er beschreibt jene Stimmen, die aus der Veränderung eine Bedrohung machen, statt aus ihr einen Hebel zu formen. Doch die Studie, Krauses Beispiele und Simons ökonomische Einordnung zeigen: Das KI-Biedermeier ist ein Diskursphänomen, kein Wirtschaftsphänomen.

Der Mittelstand lebt längst anders.
Er baut, während die Debatte zaudert.
Er strukturiert, während andere spekulieren.
Er investiert, während die Feuilletons über Überlastung schreiben.

Und deshalb ist der Satz „Kill the KI-Biedermeier“ nicht radikal, sondern schlicht notwendig. Er ist eine Beschreibung der Wirklichkeit – und ein Appell, sich ihr anzuschließen.

Ein nüchterner Schluss: Zukunft entsteht nicht in Debatten, sondern in Entscheidungen

Am Ende bleibt ein Befund, der ebenso klar wie unbequem ist:
Deutschland hat kein KI-Problem.
Deutschland hat ein Debattenproblem.
Die Unternehmen arbeiten, die Diskurse schwanken. Die Zukunftsmacher handeln, die Kommentatoren warten. Das ist die eigentliche Kluft.

Die Reaktionen von Christoph Krause und Hermann Simon markieren zwei Koordinaten dieser Kluft:
die gelebte Praxis und die ökonomische Einordnung.
Wer beides zusammennimmt, erkennt:

Die Zukunft findet statt.
Nur nicht dort, wo man über sie spricht, sondern dort, wo man sie einsetzt.

So. Und nun alle die Studie bestellen.

Oder im Smarter-Service-Magazin.

DIE KITTLE­RSCHE FUNKTION

Man muss die Szene sehen: Ein fensterloser Konferenzraum, Teppich in der Farbe „Ersticktes Moos“, irgendwo in einem deutschen Konzern. Dieser Teppich hat schon viele Karrieren kommen und gehen sehen, aber heute steht etwas Bedeutenderes bevor: die numerische Erweckung einer ganzen Entscheiderklasse.

Vorn steht ein Mann im maßgeschneiderten PowerSuit, der den Laserpointer hält wie ein Chirurg das Skalpell – mit der gleichen Überzeugung, aber ohne jede Konsequenz. Auf der Leinwand: 180.000.
Kein Kontext, kein Nenner, kein Zähler, kein Zeitraum.
Einfach: 180.000.

Das Publikum atmet hörbar ein. Reflexhafte Begeisterung, als hätte man gerade verkündet, dass ab morgen eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich eingeführt wird.
180.000!
Die Macht der reinen Zahl, sakral wie eine Hostie.

Eine andere Folie ist nicht nötig. Ein solcher Zahlenblock trägt die Bedeutung bereits in sich. Bedeutung entsteht schließlich nicht aus Inhalten, sondern aus der Bereitschaft, Inhalte anzunehmen, wenn sie nur in PowerPoint gegossen sind.

Die Geburt der Kittlerschen Funktion

Und da kommt sie ins Spiel, die berühmte Kittlersche Funktion – jenes ominöse, frei flottierende Gebilde aus der Abteilung „wissenschaftlich klingend, empirisch unauffindbar“.
Ein angeblich bahnbrechendes Instrument der Konjunkturvorhersage.

Die Formel selbst – niemand hat sie je gesehen.
Ein Mythos.
Ein Rauschen im akademischen Halbdunkel.

Der Referent erklärt trotzdem in salbungsvoller MBA-Intonation:

„Wie Sie unten links an der Kittlerschen Funktion klar und deutlich erkennen…“

Unten links?
Da ist nur eine Grafik, die aussieht wie ein schlecht gelaunter Pinselstrich von Kandinsky nach drei Espresso und einem Nervenzusammenbruch.

Egal.
Niemand fragt.
Niemand wagt es.
Fragen sind die Schwäche des Undisziplinierbaren.

Die Kittlersche Funktion – das ist die neue Manager-Metaphysik.
Sie verspricht, Absatzmärkte mit 97,3 Prozent Genauigkeit vorherzusagen.

Warum 97,3?
Weil 100 unglaubwürdig wäre.
Und 90 nach Schulmathe klingt.

97,3 dagegen ist exakte Verführung.

Das große Zahlen-Zittern

In Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden laufen sie seit Jahren gemeinsam auf einem Zahlen-Trip.
Die einen wollen Sicherheit vermitteln, die anderen Expertise verkaufen.
Und alle gemeinsam scheinen zu glauben:

Wenn es in PowerPoint steht, ist es wahr.
Wenn es bunt ist, ist es plausibel.
Wenn es drei Nachkommastellen hat, ist es Wissenschaft.

Auf jeder Folie:
Bunte Kreise, Gradient-Hintergründe, Balken, die nach Management riechen. Dazu Buzzwords – unimodal, holistisch, integriert.

Niemand weiß, was damit gemeint ist, aber alle nicken, als hätten sie gerade das Wirkprinzip der Quantenmechanik verstanden.

PowerPoint-Folien sind das Opium der Entscheiderklasse.
Betäubung in 16:9.

Die Zahl 180.000 wird später im Protokoll stehen, als sei sie durch Messung und nicht durch Eingebung entstanden.

Korrelation = Kausalität = Karriere

Corona war die große Bühne der statistischen Schamanen.
Mobilität runter, Zustimmung rauf.
Oder umgekehrt.
Oder gleichzeitig.

„Klarer Zusammenhang!“, ruft der eine.
„Plausible Kausalität!“, der andere.

Wenn man wollte, konnte man sogar Sonnenflecken und den Absatz von Zimtstangen korrelieren. Ein bisschen Excel, ein bisschen „Glättung 5 Tage“, und schon entsteht eine Storyline, die jeder Talkshow standhält.

Die Kittlersche Funktion hatte damals schon ihre Missionare:

„Die Nichtlinearität der öffentlichen Stimmungskurve“, erklärt ein Professor,
„korreliert hochsignifikant mit der zweiten Ableitung der mittleren Mobilitätsfriktion.
Nur die Kittlersche Funktion modelliert das korrekt.“

Daneben auf der Folie:
Ein blauer Blob, der langsam in einen roten läuft.

Das Publikum:
„Ah ja. Natürlich.“

Malen nach Zahlen – Management ohne Erkenntnis

Marketingabteilungen präsentieren seit Jahren bunte Erfolgskurven, die sich bei zweitem Hinsehen als stochastischer Flüchtigkeitsfehler entpuppen. Aber wer sieht schon hin?

Corporate-Bla-Bla-Projekte werden als Leuchttürme verkauft und verglühen lautlos im Schatten des ersten Beitrags.

„Zwei Kommentare pro Beitrag im Durchschnitt!“
– „Ist das viel?“
– „Naja, kommt auf die Kittlersche Funktion an, da ist das ein Peak.“

Es ist immer selbsterfüllende Prophezeiung:
Der Vorstand will Zahlen – die Agentur liefert Zahlen.
Der Vorstand will Zukunft – die Agentur liefert exponentielle Linien, die aussehen wie der Himalaya.
Der Vorstand fragt nie, ob der Himalaya in der Firma oder nur auf der Folie existiert.

Alle sind glücklich.
Bis zum Quartalsende.

Die heilige Dreifaltigkeit der Beratungsfolien

  1. Drama-Folie – rote Schrift, große Zahl: 180.000
  2. Lösung-Folie – bunte Kästchen, unverständliche Pfeile
  3. Kittler-Folie – irgendein Graph, der nichts bedeutet, aber 40.000 Euro kostet

Dazu das hocherhabene, logisch unauffindbare Gebrabbel:

„Wir müssen unimodal denken, aber trimodal handeln,
um die neue Normalform iterativ zu stabilisieren – selbstverständlich unter Berücksichtigung organisationaler Ambidextrie als skalierender Leitdifferenz,
die den Übergang zwischen Exploitation und Exploration holistisch orchestriert.“

Der Satz ist gleichzeitig leer und unanfechtbar.
Wie ein Horoskop für Betriebswirte.

Man könnte lachen,
würde man nicht wissen:

Es wird ernst genommen.

Bis ins Protokoll.
Bis in die Strategiearbeit.
Bis in die nächste PowerPoint-Schlacht.

Und natürlich:
Bis zur nächsten Anwendung der Kittlerschen Funktion.

Wenn der Altkleider-Container zur Systemfrage wird – Smart City oder stumme Verwaltung? #Bonn #BonnOrange

Drei Altkleidercontainer. Drei Straßen in Bonn. Drei Bilder derselben Ohnmacht: Müllberge, aufgerissene Säcke, Wind, der die Reste durch den Stadtteil trägt. Keine fünf Minuten liegen zwischen den Fundstellen, kein System scheint dazwischen. Es ist die Rückkehr des Analogen in seiner dysfunktionalsten Form.

„Bitte rufen Sie uns an, wenn der Container vor dem Abfuhrtermin voll: 0228.xxxxxxx“ – So steht es auf dem Aufkleber. Ein Satz wie aus einem Nachkriegsroman, als hätte sich die digitale Transformation an dieser rostigen Blechkiste den Schädel gestoßen.

Aber das ist nur die Oberfläche. Darunter: ein Versagen im Design öffentlicher Infrastrukturen, das sich nicht nur auf Altkleider, sondern auf die Systemlogik der Stadt selbst übertragen lässt. Und es ist dieses Missverhältnis zwischen technologischem Fortschritt und kommunalem Stillstand, das die Telekom-Studie „Digitale Ökosysteme“ in seiner ganzen Tragweite aufgreift.

Smart Services? Fehlanzeige.

Die Studie analysiert eindringlich, wie datenbasierte Dienstleistungen längst das Rückgrat moderner Wertschöpfung bilden – nicht nur in der Industrie, sondern zunehmend auch in der Stadtentwicklung. Was dort als Smart Building, Smart Mobility oder Smart Waste Management konzipiert ist, scheitert hier an der banalsten Schnittstelle: dem gefüllten Container.

Statt vernetzter Sensorik: Klebeband.
Statt Echtzeit-Monitoring: Wildwuchs.
Statt systematischer Erfassung: ein Scherbenhaufen aus Fast Fashion, Überforderung und Verwaltungsvergessenheit.

Die Studie über digitale Ökosysteme zeigt mit Praxisbeispielen, dass es längst anders geht. In Barcelona etwa steuern IoT-Sensoren das Müllaufkommen, reduzieren Leerfahrten, senken Emissionen. In der deutschen Realität hingegen scheint das Ziel, ein Foto für den Kommunalwahlkampf zu vermeiden, wichtiger als eine vorausschauende Strategie.

Die Stadt als Container

Ein Container, der voll ist, ist nicht nur ein logistisches Problem – er ist ein Symbol. Für eine Stadt, die Daten nicht versteht. Für Kommunen, die Verwaltungsakte digitalisieren, aber nicht die Realität. Und für eine Gesellschaft, die Nachhaltigkeit predigt, aber systemisch daran scheitert, ihre Stoffkreisläufe zu schließen.

Dabei ist die Technologie da: IoT-Systeme zeigen, wie Sensorik, Algorithmen und Cloud-Plattformen ein zirkuläres Ökosystem erzeugen können – bei Textilien, bei Services, bei Verantwortung. Ein Container, der meldet, wann er voll ist. Der erkennt, ob Müll oder Kleidung eingefüllt wird. Der Teil eines Echtzeit-Dashboards ist, das Verwaltung, Dienstleister und Bürgerinnen und Bürger verbindet. Kein utopisches Bild, sondern ein serienreifes System.

Vom Technologiedefizit zum Demokratieversagen

In Zeiten, in denen Plattformlogiken und vernetzte Datenströme unsere Städte prägen müssten, wirken die Bonner Altkleidercontainer wie archaische Fossilien. Sie stehen nicht nur für ein fehlendes Smart-Waste-Konzept, sondern für ein Politik- und Verwaltungsverständnis, das Reaktion mit Steuerung verwechselt.

Die Frage, die sich stellt, ist also größer: Wenn wir nicht einmal in der Lage sind, den Zustand eines Containers digital zu erfassen, wie wollen wir dann den Anspruch einer nachhaltigen, smarten, resilienten Stadtgesellschaft einlösen? Der überquellende Altkleidercontainer ist kein Nebenwiderspruch – er ist ein Symptom. Für ein Missverhältnis zwischen technologischem Potenzial und politischem Willen. Die Telekom-Studie ruft zur Gestaltung vernetzter Ökosysteme auf. Die Kommune duckt sich weg. Doch wer nicht handelt, wird verwaltet – und wer verwaltet, darf sich über die nächste Müllflut nicht wundern.

Die Stadt muss zuhören lernen. Nicht erst, wenn der Container voll ist.

Die Studie gibt es kostenlos hier. Einzige Gegenleistung: Die E-Mail-Adresse.

Die Wallbox war gestern – wie Karl Grote das Laden neu denkt: Ideenschmiede #GreenMonday

In der aktuellen Debatte um Elektromobilität dreht sich vieles um die Wallbox. Sie ist zum Fetisch der grünen Moderne geworden: kompakt und steuerlich gefördert. Wer eine besitzt, demonstriert nicht nur Umweltbewusstsein, sondern auch Eigentum. Denn die Wallbox setzt das Einfamilienhaus mit Stellplatz voraus – eine Architektur der Exklusion in einem Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung zur Miete wohnt.

Die neue Studie des Fraunhofer ISI („Laden in Mehrparteienhäusern“) benennt das Dilemma klar: Zwar werden 80 % aller E-Autos zu Hause geladen – doch der größte Teil der Bevölkerung hat keine Möglichkeit, eine private Ladeinfrastruktur zu installieren. Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich verbessert, aber sie bleiben fragmentarisch. Komplexe Eigentumsverhältnisse, mangelnde Netzanschlusskapazität, Unsicherheit in der Nachfrage, wirtschaftliche Unwägbarkeiten – das alles hemmt den Ausbau.

Die Wallbox ist eine Lösung für wenige – nicht für die Gesellschaft.

Und hier kommt Karl Grote ins Spiel. Auf dem Green Monday stellte er eine Idee vor, die so einfach wie visionär ist: Ladehubs in Parkhäusern. Nicht der Neubau, nicht die Förderung von Einzelanschlüssen, sondern die Nutzung bestehender, bislang ungenutzter Infrastruktur. Nachts, wenn die Städte schlafen, stehen die Parkhäuser leer – und das Auto ruht. Genau dort, genau dann kann geladen werden. Ohne Transformatoren, ohne neue Trassen, ohne millionenschwere Investitionen.

Grote denkt Elektromobilität nicht als Hardwareproblem, sondern als Systemfrage. Er nimmt ernst, dass das Auto im Schnitt 23 Stunden am Tag steht. Warum also nicht diese Zeit nutzen? Warum nicht den Strom langsam, aber kontinuierlich fließen lassen – in genau dem Takt, der Netze schont, Wohnquartiere entlastet und soziale Teilhabe ermöglicht?

Die sozialen Implikationen sind gewaltig: Wer keine Einfahrt besitzt, wer keinen Arbeitgeber mit Ladepunkt hat, wer in dicht besiedelten Vierteln wohnt, bleibt bislang außen vor. Grotes Ansatz hingegen demokratisiert das Laden – er macht die Ladeinfrastruktur zugänglich, bezahlbar und integrativ.

In der Fraunhofer-Studie äußern Bewohner:innen von Mehrparteienhäusern deutlich ihre Präferenzen:

  • Die private Wallbox ist beliebt, aber nur für wenige umsetzbar.
  • Quartierslösungen ohne Kostenvorteil? Wenig attraktiv.
  • Doch mehr als 20 % der Befragten sind bereit, bis zu 500 Meter zur Lademöglichkeit zu laufen, wenn sie günstig und zuverlässig ist.

Genau hier setzt Grote an.

Statt teure Schnellladesäulen in jeden Hinterhof zu pressen, braucht es durchdachte Hub-Strategien. Es braucht einen Systemwechsel, wie ihn Grote vorschlägt: Laden als Teil der Quartiersentwicklung. Parken und Strom als kommunale Infrastrukturaufgabe. Und eine Tarifgestaltung, die nicht privilegiert, sondern beteiligt.

Die wirtschaftliche Logik ist ebenso überzeugend:

  • Parkhäuser sind meist nur zu 40–50 % ausgelastet, viele nachts nahezu leer.
  • Der ruhende Verkehr belastet Straßen und Quartiere – Ladehubs entlasten.
  • Keine Neubauten, sondern smarte Nutzung vorhandener Strukturen.

Die Wallbox ist das Symbol einer alten Denke: Jeder für sich, in seiner Garage, mit seiner Förderung. Karl Grote hingegen denkt in Systemen, in Synergien, in Stadtentwicklung.

Sein Konzept hat längst Aufmerksamkeit erregt: Das Umweltministerium, die Hannover Messe, Investoren – alle wollen mehr wissen. Und doch bleibt die entscheidende Frage: Warum wird diese Idee nicht längst umgesetzt?

Antwort: Weil wir immer noch versuchen, die Zukunft mit den Werkzeugen der Vergangenheit zu bauen.

Deshalb: Wenn Elektromobilität wirklich zum sozialen Projekt werden soll, dann müssen wir von der Wallbox auf den Ladehub umdenken.