Volles Haus für Vergessene: Michael Krüger und die verlorenen Dichter

Am Dienstagabend, dem 25. November 2025, war die Bonner Buchhandlung Böttger schlicht: ein volles Haus. Kein Kulturereignis mit Restplätzen, sondern Menschen, die bewusst den Weg in einen Raum gesucht hatten, in dem von etwas die Rede war, das im öffentlichen Betrieb immer weniger vorkommt: von Dichtern. Michael Krüger, Verleger, Lyriker, Erzähler, war gekommen, um sein neues Buch „Unter Dichtern“ vorzustellen – eine Lebensbilanz in Geschichten, Erinnerungen, Nachrufen.

Dass dieser Abend ausgerechnet in dieser Buchhandlung stattfand, ist kein Zufall. Alfred Böttger, der Hausherr, gehört zu jener aussterbenden Spezies von Buchhändlern, die ihr Lager als kommentierten Katalog ihres eigenen Lesens begreifen. Er sagte offen, er habe sich den Band zunächst „aufgehoben“ – im Vertrauen auf Krügers Qualität. Erst in der unmittelbaren Vorbereitung zur Lesung sei ihm klar geworden, wie anders dieses Buch gebaut ist: nicht als lose Folge von Lebenssplittern, sondern als nach Straßennamen geordnete Topographie eines Lebens mit Dichtern, von einer Münchner Adresse zur nächsten, von einer Wohnung zur nächsten.

Im Mittelpunkt des Abends standen jene Figuren, die Krüger seit Jahrzehnten begleiten: Günter Bruno Fuchs, Wolfgang Bächler, Danilo Kiš, Oskar Pastior, dazu als eminente Bezugspunkte Gottfried Benn und Martin Walser, letzterer ausdrücklich als großzügiger Unterstützer in existenziellen Notlagen. Es war, als würde Krüger noch einmal jene Schattenbibliothek öffnen, in der die Lebensläufe der Dichter verzeichnet sind, die im öffentlichen Gedächtnis kaum noch vorkommen.

Dichter als Berufsrisiko

Krüger hat sein Leben damit verbracht, Dichter nicht nur zu lesen, sondern ihnen Wohnungen, Honorare, Verlagsprogramme und Reden zu widmen. In seinen Anekdoten zeigt sich, wie weit die Wirklichkeit von der pathetischen Formel „Land der Dichter und Denker“ entfernt ist. Eine Szene, die er erzählte, ist bereits zu einer Art Grundmetapher geworden: Ein Dichter trägt im Hotel ins Formular bei „Beruf“ das Wort „Dichter“ ein – und wird daraufhin gebeten, das Zimmer im Voraus zu bezahlen.

In diesem Moment konzentriert sich die Lage der Poesie: Dichter gelten als ökonomisches Risiko und gesellschaftliche Randfigur. Die Kulturgeschichte, die dieses Land sich gern selbst erzählt, stößt an die schlichte Frage: Wer kann heute von Gedichten leben? Und: Wer nimmt sie überhaupt noch wahr?

„Das sind schon zwei“ – Günter Eich und die Lage der Lyrik

Um die Rezeptionslage der Dichter zu kennzeichnen, griff Krüger zu einem Gedichtvers eines anderen, älteren Poeten: Günter Eich. Der schrieb einmal, mit seiner charakteristischen Mischung aus Trockenheit und Melancholie:

In Saloniki weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim. Das sind schon zwei.

In diesem knappen Befund steckt die ganze Einsamkeit der Lyrik – und zugleich ihr Trotz. Man muss ihn nur leicht aktualisieren: Vielleicht weiß heute einer in Bonn und einer in Bad Nauheim von einem Dichter wie Wolfgang Bächler, von einem Oskar Pastior, von einem Günter Bruno Fuchs. „Das sind schon zwei“: mehr Rechenschaft ist in Zeiten zersplitterter Aufmerksamkeit kaum zu erwarten.

Günter Bruno Fuchs – der Koloss im falschen Zimmer

Zu den eindringlichsten Figuren des Abends gehörte Günter Bruno Fuchs. Krüger zeichnete ihn als Koloss: ein Mann, der mit seinem Körper schon eine Art Kommentar zur Zumutbarkeit dieses Berufs darstellt. Zu groß, zu laut, zu durstig für die schmal gewordenen Räume des Literaturbetriebs – und zugleich verletzlich, abhängig, prekär.

Die Anekdote, die Krüger erzählte, beginnt wie eine harmlose Reisegeschichte und kippt rasch ins Groteske. Fuchs kommt nach München, um seinen Verleger zu besuchen und ein Honorar abzuholen. Er trinkt zu viel, verirrt sich in Treppenhäusern und landet schließlich im falschen Schlafzimmer: Eine Nachbarin, den Tränen nahe, berichtet, dass sie den Dichter nicht mehr aus ihrem Bett herausbekommen habe. Das Komische und das Tragische dieser Szene sind kaum zu trennen.

Hinzu kommt die heimliche Geldbewegung: Fuchs erhält sein Honorar von Dr. Hanser so diskret, dass dessen Frau nichts davon erfährt. Die Literatur, so wird in dieser Episode sichtbar, lebt nicht von geordneten Institutionen, sondern von verdeckten Loyalitäten, von stillen Entscheidungen Einzelner. Walser, der „großzügige Unterstützer“, steht exemplarisch für diese Form privater Rettungsaktionen.

Dichter, die bleiben – Bächler, Pastior, Kiš

Wolfgang Bächler tritt in Krügers Erinnerungen als ein Dichter auf, der an seiner eigenen Existenz scheitert. Umzüge, Ängste, Krankheiten, vergebliche Hoffnungen auf Preise und Anerkennung bilden eine Biographie, in der die Gedichte wie Inseln liegen. Dass die juristischen Instanzen des Betriebs ihn über Jahrzehnte übersehen, ist bei Krüger kein Skandalruf, sondern eine stille Anklage: Ein Land, das Dichter dieses Formats systematisch ignoriert, spricht damit auch ein Urteil über sich selbst.

Oskar Pastior ist die andere Variante des Dichters, der nicht mehr verschwindet: Er zieht mit seinem Klappbett, seinem Tabak, seiner Sprachartistik in Krügers Wohnung und von dort in dessen Leben ein. „Unter Dichtern“ erzählt viele solcher Episoden des Nicht-Aufhörens. Dichter, die Wohnungen nicht verlassen, die im Gästezimmer bleiben, die sich in Freundschaften einschreiben, bis keine klare Grenze mehr zwischen Privatem und Poetischem besteht.

Danilo Kiš schließlich bringt jene Metapher ins Spiel, die über diesem ganzen Projekt zu schweben scheint: die „Enzyklopädie der Toten“. In Kiš’ Erzählung sind dort die Lebensläufe derer verzeichnet, die in den offiziellen Lexika nicht vorkommen. Krügers Buch könnte man als einen Band dieser imaginären Enzyklopädie lesen – speziell für Dichter. Jede Anekdote ist ein Versuch, ein Leben, das durch die Maschen der großen Erzählungen gefallen ist, noch einmal festzuhalten.

Und über all dem steht Gottfried Benn, dessen Urteilskraft über Gedichte für eine Generation Maßstab war – und der doch selbst zeigt, wie schnell auch kanonisierte Dichter im Bewusstsein der Gegenwart verblassen.

Ein Land, das seine Dichter vergisst – und ein Abend dagegen

Die Diagnose, die sich aus diesen Geschichten ergibt, ist ernüchternd: Dieses Land hat seine Dichter weitgehend aus dem öffentlichen Blick verloren. Anthologien verschwinden aus Programmvorschauen, Lyrik ist in großen Medien eher Ausnahme als Regel, und der Satz „Ich lese Gedichte“ wirkt oft wie ein Bekenntnis zu einer Randkultur.

Und doch stand an diesem Abend ein Mann vor einem vollen Haus, der sein Leben mit Dichtern verbracht hat. Er sprach von den Lebenden wie von den Toten, von Reisen, Hotels, Treppenhäusern, von überquellenden Aschenbechern und stillen Briefen, von Hilfszahlungen und Nachrufen. Das Publikum hörte zu, lachte, schwieg, notierte.

Vielleicht liegt gerade darin die Bedeutung eines solchen Abends: Er zeigt, dass die großen Selbstbeschreibungen – „Land der Dichter und Denker“ – zwar brüchig geworden sind, die Praxis der Poesie aber noch nicht verschwunden ist. Sie hat sich in kleinere Räume zurückgezogen: in Buchhandlungen wie die von Alfred Böttger, in Gespräche nach Lesungen, in Bücher wie „Unter Dichtern“, die die Gesichter und Geschichten bewahren, bevor sie endgültig in Vergessenheit geraten.

Krügers Band ist so gesehen weniger autobiographische Geste als Rettungsversuch. Er legt ein Archiv an, das nicht nur für Literaturhistoriker interessant ist, sondern für alle, die wissen wollen, was aus jenen geworden ist, die den Beruf „Dichter“ noch in Formularen angeben – und damit Riskantes tun.

In der Bonner Buchhandlung Böttger war an diesem Dienstagabend zu spüren, dass dieses Archiv nicht nur auf Papier existiert. Es lebte im Raum: im Erzählen Krügers, im zuhören­den Schweigen der Anwesenden, im stillen Engagement eines Buchhändlers, der solche Abende möglich macht. Ein volles Haus – und für einen Moment der Eindruck, dass die Dichter in diesem Land noch nicht ganz abgeschrieben sind.

2 Gedanken zu “Volles Haus für Vergessene: Michael Krüger und die verlorenen Dichter

  1. Anonym

    Lieber Herr Sohn,
    erneut bin ich begeistert von Ihren so sorgsam gewählten und treffenden Worten zu dem wahrhaft wunderbaren Abend bei Alfred Böttger. Vielen Dank dafür!
    TA

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.