Memorandum an den Bundeskanzler: Wachstum 2026 – die Kunst, das Unbequeme rechtzeitig zu tun @bundeskanzler

Deutschland startet in das Jahr 2026 mit einem Kanzleramt, das – nüchtern betrachtet – zwei widersprüchliche Aufträge zugleich erfüllen muss: Stabilität sichern und Disruption organisieren. Friedrich Merz ist seit dem 6. Mai 2025 Bundeskanzler; die Bühne ist also real, nicht nur rhetorisch.

Der Dreh- und Angelpunkt lautet: Wir brauchen neue Impulse, weil die nächste Produktivitätswelle nicht automatisch zu uns kommt. Sie kommt nur dorthin, wo Institutionen, Märkte und Köpfe so aufgestellt sind, dass sie Innovation erlauben, beschleunigen und gesellschaftlich akzeptabel machen.

Die Vorlesung der Wirtschaftsnobelpreisträger und eine bemerkenswert klare Debatte auf der Next Economy Open (#NEO25) liefern dafür eine präzise Landkarte: Kultur & Institutionen (Mokyr), Mechanik der schöpferischen Zerstörung (Aghion/Howitt) und die politische Ökonomie des „Wachstum – ja, aber welches?“ (Kurz).

Was Wachstum wirklich braucht: vier Bedingungen und ein unangenehmer Nachsatz

Die historische Perspektive ist brutal einfach: Dauerhaftes Wachstum ist kein Naturzustand, sondern ein Artefakt – gebaut aus Regeln, Erwartungen und Freiheiten. Mokyr destilliert dafür vier institutionelle Bedingungen:

  1. Anreize für das „obere Ende“ der Talentverteilung – jene wenigen, die neue Ideen hervorbringen.
  2. Einen offenen, wettbewerblichen Markt für Ideen (inklusive der Einsicht, dass „99 von 100 Ideen Müll sind“ – und genau deshalb Wettbewerb nötig ist).pdf Nobelpreise Wirtschaft
  3. Freiheit der Bewegung für kreative Menschen – dorthin, wo sie produktiv sein können – Botschaft an die Deutsche Rentenversicherung im Umgang mit Selbstständigen.
  4. Einen Möglichmacher-Staat: nicht erdrückend, nicht abwesend.

Der Nachsatz ist die eigentliche Warnung: Institutionen passen sich langsam an, Technologie oft schnell. Wenn der Schock diskontinuierlich wird, drohen „Mass Extinctions“ und Katastrophen – in der Ökonomie übersetzt: Firmensterben, politische Panikregulierung, Vertrauensverlust.

2026 ist genau so ein Anpassungsjahr. Nicht, weil KI „alles frisst“, sondern weil sie eine General-Purpose-Technologie ist, die Prozesse, Berufe, Märkte und Machtverhältnisse gleichzeitig verschiebt.

Wie Wachstum entsteht – und warum es sich politisch immer „schmutzig“ anfühlt

Aghion und Howitt stellen das in die Mitte, was in vielen Sonntagsreden fehlt: Wachstum ist ein konflikthafter Prozess. Technischer Fortschritt fällt nicht wie „Manna vom Himmel“ auf alle Köpfe, sondern entsteht durch Innovationen profitgetriebener Akteure, erzeugt Gewinner – und Verlierer.

Howitt formuliert den politischen Kern: Ob und wie schnell ein Land wächst, hängt davon ab, wie der Konflikt gelöst wird – ob die potenziellen Verlierer Innovation blockieren oder ob Gesellschaften Übergänge organisieren.

Und damit sind wir bei der praktischen Regierungsfrage:

Wachstumspolitik ist Übergangspolitik.
Sie entscheidet, ob neue Technologien eingesetzt werden dürfen und ob Menschen den Wandel akzeptieren.

Aghion übersetzt das in drei „Win-win“-Hebel: Flexibilität mit Sicherheit, Bildung, Wettbewerb – ausdrücklich als Paket, das Innovationskraft und Inklusivität zugleich erhöhen kann.pdf Nobelpreise Wirtschaftpdf Nobelpreise Wirtschaft

  • Flexibiltät mit Sicherheit: Dänemark zeigt, dass Jobverlust bei starkem Absicherungs- und Retrainingssystem nicht in gesundheitliche und soziale Katastrophen kippen muss – und dass dies die Akzeptanz von KI-getriebenem Strukturwandel erhöht.
  • Bildung: Das Problem der „lost Einsteins“ – viele Talente aus armen Familien werden nie Innovatoren, wenn Aspirationen und Förderung fehlen. Losgröße 1 im Bildungssystem mit KI-Agenten angehen.
  • Wettbewerb: Wenn Superstar-Firmen Markteintritt entmutigen, verlangsamt sich Dynamik; dann braucht es modernisierte Wettbewerbspolitik – bis hin zu Datenzugang/Daten-Sharing, um Aufholprozesse zu ermöglichen.

„Wachstum oder kein Wachstum?“ – die Kurz-Session als Realitätscheck

Auf wird die Frage „Wachstum oder kein Wachstum?“ bewusst als Ordnungsfrage gestellt: Welche Art Wachstum, welche Dynamik, welche gesellschaftliche Trägerschaft?

Zwei Sätze aus der Session sind für einen Kanzler wichtiger als zehn Strategie-PDFs:

  • Geschichte ist Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht das Resultat eines Masterplans. (Adam Ferguson als Leitplanke gegen planwirtschaftliche Hybris.)
  • Für Deutschland: Gibt es noch das „unternehmerische Gen“ – und wird es gelehrt? Und: Wer innovieren will, muss investieren; konsumtiv dominierte Haushalte produzieren keine Innovationssprünge.

Kurz ergänzt die Schumpeter-Realität: Innovation erzeugt Gewinner und Verlierer; Verlierer werden sich wehren – und die Frage ist, ob Kompensation/Übergänge organisiert werden.

Das ist der Punkt, an dem Wachstumspolitik entweder Technokratie wird (und scheitert) oder Staatskunst (und funktioniert).

Wachstumsagenda 2026–2030 für Bundeskanzler Merz: 12 Hausaufgaben

Das „Goldilocks“-Staatsupdate: weniger Reibung, mehr Richtung

  1. Regel- statt Ausnahmeverwaltung: Genehmigungen als Standardprozess mit Fristen, klaren Zuständigkeiten, digitalem Status. (Wenn „Institutionen zu langsam“ sind, ist das ein Produktivitätskiller.)
  2. Strategische Regulierung für KI: Nicht maximalistisch, sondern anwendungsnah: Haftung, Datenräume, Beschaffung – mit „sandboxes“, damit Anpassung schnell genug wird. (Institutionelle Adaptation ist sonst das Bottleneck.)
  3. Öffentliche Beschaffung als Innovationsmotor: Staat kauft nicht nur billig, sondern klug: Pilotmärkte für GovTech, HealthTech, DefenceTech.

Der Markt für Ideen: offen, streitbar, kompetitiv

  1. Wissenschaftliche Anreize modernisieren: Karrieren, Tenure-Äquivalente, Transferpfade – Mokyrs Punkt ist simpel: Anreize sind günstig im Verhältnis zum gesellschaftlichen Ertrag.pdf Nobelpreise Wirtschaft
  2. Talente bewegen lassen: Visa, Anerkennung, Englischfähigkeit der Verwaltungen, Mobilität zwischen Uni–Start-up–Mittelstand–Industrie. „Freedom of movement“ ist Wachstumsinfrastruktur.
  3. Unternehmertum als Bildungskern: Nicht als Wahlfach, sondern als Kompetenz (Problemlösen, Gründen, Scheitern, Iterieren) – genau die „Gen“-Frage aus der Kurz-Session.

Disruptive Innovation politisch entschärfen, ohne sie zu ersticken

  1. Flexicurity 2.0 (deutsches Modell): Wer Wandel fordert, muss Übergänge finanzieren: Weiterbildung, Matching, Einkommensbrücken. Aghions Argument ist explizit: Das macht kreative Zerstörung sozial akzeptabel – gerade mit KI.pdf Nobelpreise Wirtschaft
  2. „Lost Einsteins“-Offensive: Frühförderung, Stipendien, Mentoring, Exzellenzpfade für Kinder aus Nichtakademikerhaushalten – weil Innovatoren nicht nur in wohlhabenden Familien geboren werden dürfen.pdf Nobelpreise Wirtschaft

Wettbewerbspolitik als Wachstumspolitik

  1. Wettbewerb modernisieren: Weniger Ritual, mehr Dynamik: Markteintritt, Datenzugänge, Plattformregeln, M&A-Prüfung mit Innovationsfolgen. Aghion betont: Reformierte Wettbewerbspolitik erhöht Innovation und soziale Mobilität.pdf Nobelpreise Wirtschaft
  2. Daten als Aufholinstrument: Wo marktbeherrschende Akteure Aufholen verhindern, muss „shared data“ möglich sein – sonst verschiebt sich die Technologielücke dauerhaft.pdf Nobelpreise Wirtschaft

Investieren statt „nur“ konsumieren: der Haushaltskompass

  1. Ausgabenqualität radikal messen: Nicht „mehr Staat“ oder „weniger Staat“, sondern: mehr investive Ausgaben, weniger rein konsumtive Trägheit. Kurz formuliert es unmissverständlich: Ohne Investition keine Innovation; konsumtive Dominanz gewinnt keine „Blumentöpfe“.pdf Nobelpreise Wirtschaft
  2. Kapital für Skalierung: Venture/Scale-up-Finanzierung, Mitarbeiterbeteiligung, Börsensegment für Wachstumsfirmen – damit gute Innovatoren nicht im „Tal der Skalierung“ stecken bleiben.

Warum der Impuls 2026 kommen muss (und nicht 2028)

Weil der Konfliktmechanismus der schöpferischen Zerstörung sonst politisch kippt: Blockade statt Erneuerung. Howitt sagt: Wachstum hängt davon ab, ob Gewinner die neuen Technologien implementieren dürfen oder ob potenzielle Verlierer sie verhindern.

Und weil KI – bei aller Unsicherheit – nicht nur Routine, sondern auch kognitive Arbeit umsortieren kann. Das ist nicht Panik, sondern ein Strukturhinweis: Wenn ganze Segmente umgebaut werden, braucht es institutionelle Geschwindigkeit und sozialen Puffer zugleich.

Ein Kanzler-Test, in einem Satz

Wenn 2026 am Ende wie 2025 aussieht, war es kein „Moment des Aufbruchs“, sondern nur ein Moment der Rhetorik. (Die Neujahrsansprache setzt den Anspruch selbst.)

Die gute Nachricht: Die Werkzeuge sind bekannt. Die schlechte Nachricht: Sie greifen nur als Paket – Kultur der Innovation + dynamischer Wettbewerb + investive Prioritäten + akzeptierte Übergänge.

Zwischen Aufklärung und Algorithmus: Warum Nobelpreise heute wichtiger sind denn je #NEO25-Session am Freitag, 5. Dezember, 11 Uhr

Ein Beitrag zur -Session mit Schumpeter-Forscher Heinz D. Kurz auf der Next Economy Open 2025

Freitag, 05.12.2025, 11:00 Uhr

Passen Nobelpreise noch in die Zeit?
Wir glauben: Mehr denn je.

In einer Ära, in der Künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen und ökologische Kipppunkte die wirtschaftliche Zukunft bestimmen, wirken die Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaft manchmal wie Relikte aus einer ruhigeren Zeit. Doch die Preisträger des Jahres 2025 – wie schon jene von 2024 – liefern bemerkenswerte Einsichten, die zu einem Leitbild künftiger Wirtschaftspolitik werden könnten.

Mit Heinz D. Kurz, einem der profiliertesten Schumpeter-Forscher unserer Zeit, richten wir bei der Next Economy Open den Blick darauf, wie diese Nobelpreise in das moderne Verständnis wirtschaftlicher Dynamik passen.

Die Kultur des Wissens – Warum Joel Mokyr den Wirtschaftsnobelpreis verdient

Es gibt Nobelpreise, die eine Theorie auszeichnen.
Und es gibt jene seltenen Ehrungen, die ein neues Weltbild markieren.

Der Preis für Joel Mokyr, gemeinsam mit Philippe Aghion und Peter Howitt, gehört zur zweiten Kategorie.

Während Aghion und Howitt die Mechanik des Wachstums beschrieben haben – den „Code des Fortschritts“ – hat Mokyr den kulturellen Unterbau freigelegt, ohne den kein technologischer oder wirtschaftlicher Wandel denkbar wäre.

Wissen als Produktionsfaktor

Mokyr, Wirtschaftshistoriker an der Northwestern University, hat etwas geschafft, das in der heutigen Ökonomie fast unmöglich ist:
Er hat den Fortschritt selbst historisiert.

In seinem zentralen Werk A Culture of Growth zeigt er, dass Wachstum nicht einfach aus Kapital, Maschinen oder cleveren Geschäftsmodellen entsteht, sondern aus einer Kultur des Fortschritts – aus einem geteilten Glauben an die Veränderbarkeit der Welt durch Wissen.

Europa erfand im 17. und 18. Jahrhundert die „Republic of Letters“: ein Netzwerk aus Gelehrten, Ingenieuren, Tüftlern und Visionären, das Wissen wie Güter zirkulieren ließ. Ein mentaler Marktplatz, auf dem Argumente mehr galten als Herkunft, Kritik wichtiger war als Konvention und Neugier der wichtigste Antrieb wurde.

Ein frühes „Open Source“, lange bevor der Begriff existierte. Goethe war einer ihrer Meister – ein europäischer Netzwerker avant la lettre.
(Ein Vorläufer von Winfried Felser, könnte man sagen.)

Märkte für Ideen – Vorläufer digitaler Netzwerke

Mokyrs „Republic of Letters“ war das erste große soziale Netzwerk Europas.
Es funktionierte auf Basis von Offenheit, Nachprüfbarkeit und Meritokratie – genau den Prinzipien, die heute erfolgreiche digitale Ökosysteme bestimmen.

Diese Wissenskultur war die institutionelle Revolution vor der industriellen Revolution.
Sie schuf die Infrastruktur, aus der später Dampfmaschinen, Fabriken und moderne Märkte hervorgingen.

Damit korrigiert Mokyr ein tief sitzendes Missverständnis der Ökonomie: Dass Wachstum primär eine Funktion von Kapital und Arbeit sei.
Für ihn ist wirtschaftlicher Fortschritt vor allem ein kulturelles Gleichgewicht zwischen Skepsis und Neugier, zwischen Wettbewerb und Kooperation.

Oder, wie wir bei der Next Economy Open sagen:
„Eco statt Ego.“
(Das müsste Winfried Felser tatsächlich freuen.)

Die Lehre für das KI-Zeitalter

In der Gegenwart, in der Künstliche Intelligenz neue Wissensräume erschließt, wird Mokyrs Theorie zum Wegweiser.
Auch heute stellt sich die Frage:

Wird Wissen monopolisierte Ressource – oder erneuerbare Kulturform?

Was im 17. Jahrhundert die Republic of Letters war, könnte heute das offene Netzwerk von KI-Agenten werden:
ein neuer Markt der Ideen, der von Vielfalt, Austausch und Vertrauen lebt.
(Ein Gedanke, der Frank H. Witt gefallen dürfte.)

Die Ökonomie des 21. Jahrhunderts wird nicht von Maschinen bestimmt, sondern von der Architektur des geteilten Wissens.
Joel Mokyr hat gezeigt, wie diese Architektur einst entstand – und warum wir sie heute neu bauen müssen.

Der Nobelpreis ist deshalb weniger eine Ehrung als ein Auftrag:
die Kultur des Wissens zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Heinz D. Kurz über Schumpeter und die Nobelpreise: Wachstum oder kein Wachstum?

In unserer Session diskutiert Heinz D. Kurz die jüngsten wirtschaftswissenschaftlichen Nobelpreise im Licht der aktuellen Schumpeter-Forschung.
Denn Schumpeters Frage ist heute aktueller denn je:

Wachstum – oder kein Wachstum?
Und vor allem: Welches Wachstum?

Kurz, weltweit renommierter Wirtschaftshistoriker, hat mit seinen Arbeiten zur Geschichte des ökonomischen Denkens Maßstäbe gesetzt. Sein Werk Geschichte des ökonomischen Denkens gilt als Standard. Für seine kritische Weiterentwicklung der Schumpeter-Forschung erhielt er 2019 die Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal.

Sein analytischer Blick auf die Dynamik des Kapitalismus – auf Innovation, kreative Zerstörung und strukturellen Wandel – verbindet sich ideal mit den Fragen, die Mokyr, Aghion und Howitt aufwerfen:

  • Wie entstehen neue Wissensräume?
  • Wie organisiert sich Innovation in einer vernetzten Welt?
  • Wie viel Staat, wie viel Markt braucht der Fortschritt?
  • Welche Rolle spielen Unternehmertum, Technologie und Kultur?

Kurz zeigt, dass Schumpeters Theorie genau hier eine Brücke schlägt.
Denn für Schumpeter wie für Mokyr ist Fortschritt kein linearer Prozess, sondern ein kulturelles und institutionelles Ereignis.

Warum Nobelpreise heute relevant sind

Nobelpreise sind kein nostalgisches Ritual.
Sie markieren intellektuelle Weggabelungen – und manchmal neue Weltbilder.

Die Wirtschaftsnobelpreise von 2024 und 2025 zeigen:
Wachstum und Wohlstand entstehen nicht aus Technik allein, sondern aus Kultur, Kooperation und kreativer Zerstörung.

Joels Mokyrs Beitrag erinnert uns daran, dass Wissen der wichtigste Produktionsfaktor einer freiheitlichen und innovativen Gesellschaft bleibt.
Dass Offenheit und Vernetzung – von der Republic of Letters bis zur KI – der Motor des Fortschritts sind.
Und dass wir diese Kultur aktiv gestalten müssen.

Gemeinsam mit Heinz D. Kurz diskutieren wir, was das für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der nächsten Jahre bedeutet.

Man hört, sieht und streamt sich am Freitag, den 5. Dezember.