DIE KITTLE­RSCHE FUNKTION

Man muss die Szene sehen: Ein fensterloser Konferenzraum, Teppich in der Farbe „Ersticktes Moos“, irgendwo in einem deutschen Konzern. Dieser Teppich hat schon viele Karrieren kommen und gehen sehen, aber heute steht etwas Bedeutenderes bevor: die numerische Erweckung einer ganzen Entscheiderklasse.

Vorn steht ein Mann im maßgeschneiderten PowerSuit, der den Laserpointer hält wie ein Chirurg das Skalpell – mit der gleichen Überzeugung, aber ohne jede Konsequenz. Auf der Leinwand: 180.000.
Kein Kontext, kein Nenner, kein Zähler, kein Zeitraum.
Einfach: 180.000.

Das Publikum atmet hörbar ein. Reflexhafte Begeisterung, als hätte man gerade verkündet, dass ab morgen eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich eingeführt wird.
180.000!
Die Macht der reinen Zahl, sakral wie eine Hostie.

Eine andere Folie ist nicht nötig. Ein solcher Zahlenblock trägt die Bedeutung bereits in sich. Bedeutung entsteht schließlich nicht aus Inhalten, sondern aus der Bereitschaft, Inhalte anzunehmen, wenn sie nur in PowerPoint gegossen sind.

Die Geburt der Kittlerschen Funktion

Und da kommt sie ins Spiel, die berühmte Kittlersche Funktion – jenes ominöse, frei flottierende Gebilde aus der Abteilung „wissenschaftlich klingend, empirisch unauffindbar“.
Ein angeblich bahnbrechendes Instrument der Konjunkturvorhersage.

Die Formel selbst – niemand hat sie je gesehen.
Ein Mythos.
Ein Rauschen im akademischen Halbdunkel.

Der Referent erklärt trotzdem in salbungsvoller MBA-Intonation:

„Wie Sie unten links an der Kittlerschen Funktion klar und deutlich erkennen…“

Unten links?
Da ist nur eine Grafik, die aussieht wie ein schlecht gelaunter Pinselstrich von Kandinsky nach drei Espresso und einem Nervenzusammenbruch.

Egal.
Niemand fragt.
Niemand wagt es.
Fragen sind die Schwäche des Undisziplinierbaren.

Die Kittlersche Funktion – das ist die neue Manager-Metaphysik.
Sie verspricht, Absatzmärkte mit 97,3 Prozent Genauigkeit vorherzusagen.

Warum 97,3?
Weil 100 unglaubwürdig wäre.
Und 90 nach Schulmathe klingt.

97,3 dagegen ist exakte Verführung.

Das große Zahlen-Zittern

In Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden laufen sie seit Jahren gemeinsam auf einem Zahlen-Trip.
Die einen wollen Sicherheit vermitteln, die anderen Expertise verkaufen.
Und alle gemeinsam scheinen zu glauben:

Wenn es in PowerPoint steht, ist es wahr.
Wenn es bunt ist, ist es plausibel.
Wenn es drei Nachkommastellen hat, ist es Wissenschaft.

Auf jeder Folie:
Bunte Kreise, Gradient-Hintergründe, Balken, die nach Management riechen. Dazu Buzzwords – unimodal, holistisch, integriert.

Niemand weiß, was damit gemeint ist, aber alle nicken, als hätten sie gerade das Wirkprinzip der Quantenmechanik verstanden.

PowerPoint-Folien sind das Opium der Entscheiderklasse.
Betäubung in 16:9.

Die Zahl 180.000 wird später im Protokoll stehen, als sei sie durch Messung und nicht durch Eingebung entstanden.

Korrelation = Kausalität = Karriere

Corona war die große Bühne der statistischen Schamanen.
Mobilität runter, Zustimmung rauf.
Oder umgekehrt.
Oder gleichzeitig.

„Klarer Zusammenhang!“, ruft der eine.
„Plausible Kausalität!“, der andere.

Wenn man wollte, konnte man sogar Sonnenflecken und den Absatz von Zimtstangen korrelieren. Ein bisschen Excel, ein bisschen „Glättung 5 Tage“, und schon entsteht eine Storyline, die jeder Talkshow standhält.

Die Kittlersche Funktion hatte damals schon ihre Missionare:

„Die Nichtlinearität der öffentlichen Stimmungskurve“, erklärt ein Professor,
„korreliert hochsignifikant mit der zweiten Ableitung der mittleren Mobilitätsfriktion.
Nur die Kittlersche Funktion modelliert das korrekt.“

Daneben auf der Folie:
Ein blauer Blob, der langsam in einen roten läuft.

Das Publikum:
„Ah ja. Natürlich.“

Malen nach Zahlen – Management ohne Erkenntnis

Marketingabteilungen präsentieren seit Jahren bunte Erfolgskurven, die sich bei zweitem Hinsehen als stochastischer Flüchtigkeitsfehler entpuppen. Aber wer sieht schon hin?

Corporate-Bla-Bla-Projekte werden als Leuchttürme verkauft und verglühen lautlos im Schatten des ersten Beitrags.

„Zwei Kommentare pro Beitrag im Durchschnitt!“
– „Ist das viel?“
– „Naja, kommt auf die Kittlersche Funktion an, da ist das ein Peak.“

Es ist immer selbsterfüllende Prophezeiung:
Der Vorstand will Zahlen – die Agentur liefert Zahlen.
Der Vorstand will Zukunft – die Agentur liefert exponentielle Linien, die aussehen wie der Himalaya.
Der Vorstand fragt nie, ob der Himalaya in der Firma oder nur auf der Folie existiert.

Alle sind glücklich.
Bis zum Quartalsende.

Die heilige Dreifaltigkeit der Beratungsfolien

  1. Drama-Folie – rote Schrift, große Zahl: 180.000
  2. Lösung-Folie – bunte Kästchen, unverständliche Pfeile
  3. Kittler-Folie – irgendein Graph, der nichts bedeutet, aber 40.000 Euro kostet

Dazu das hocherhabene, logisch unauffindbare Gebrabbel:

„Wir müssen unimodal denken, aber trimodal handeln,
um die neue Normalform iterativ zu stabilisieren – selbstverständlich unter Berücksichtigung organisationaler Ambidextrie als skalierender Leitdifferenz,
die den Übergang zwischen Exploitation und Exploration holistisch orchestriert.“

Der Satz ist gleichzeitig leer und unanfechtbar.
Wie ein Horoskop für Betriebswirte.

Man könnte lachen,
würde man nicht wissen:

Es wird ernst genommen.

Bis ins Protokoll.
Bis in die Strategiearbeit.
Bis in die nächste PowerPoint-Schlacht.

Und natürlich:
Bis zur nächsten Anwendung der Kittlerschen Funktion.

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