Europa am Kipppunkt der KI-Ära – Sam Altman und Mathias Döpfner eröffnen die politische Debatte über Souveränität, Freiheit und die Zukunft des Menschen

Mit der Premiere seines neuen Gesprächsformats „MD MEETS“ legt Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner die Latte hoch: Kein Politiker, kein Showgast – sondern Sam Altman, der mächtigste KI-Architekt der Gegenwart, CEO von OpenAI. In 45 Minuten sprechen die beiden über nichts Geringeres als das Schicksal Europas, den Sinn des Fortschritts und die Frage, ob der Mensch in der Ära künstlicher Intelligenz überlebt – moralisch, ökonomisch und kulturell.

Dieser Podcast ist mehr als Medienunterhaltung. Es ist eine politische Zäsur. Döpfner, einer der wichtigsten publizistischen Köpfe Europas, trifft den Entwickler jener Technologie, die unsere Demokratien, Arbeitsmärkte und Wahrheitsbegriffe zugleich beflügelt und bedroht. Der Springer-Chef fragt, Altman antwortet – und im Subtext steht die neue Weltordnung der Intelligenzsysteme.

Europas letzte Chance

„Europa darf nicht Weltmeister der Regulierung werden“, warnt Altman. Der Satz klingt technokratisch, ist aber Sprengstoff. In Wahrheit sagt er: Wenn Europa weiter bremst, wird es von der Landkarte der Innovation verschwinden. Altman kündigt den Aufbau einer „OpenAI-Souverän-Cloud für Deutschland“ an – gemeinsam mit SAP und Microsoft. Eine strategische Kampfansage an die digitale Abhängigkeit vom Silicon Valley und zugleich ein Testfall für Europas Selbstbehauptung im Zeitalter der KI.

Döpfner legt den Finger auf die Wunde: Europas Regierungen verteidigen Datenschutz, aber verlieren den Anschluss. Altman kontert höflich, aber bestimmt – KI sei längst weiter, als die meisten wüssten. „Wir haben Systeme, die unsere klügsten Menschen in den schwersten intellektuellen Disziplinen schlagen“, sagt er. Der Satz ist so beiläufig wie beunruhigend. Er beschreibt das Ende des kognitiven Monopols des Menschen – und den Beginn eines Wettlaufs zwischen technologischer Geschwindigkeit und politischer Trägheit.

Arbeit, Würde, Kontrolle

Döpfner fragt nach den Jobs der Zukunft. Altman antwortet, als sähe er in Zeitlupe zu, wie sich eine Zivilisation neu ordnet: „Kurzfristig wird KI viele Jobs zerstören. Langfristig werden völlig neue entstehen.“ Es ist die klassische Fortschrittsformel – und doch schwingt Skepsis mit. Die Frage, was bleibt, wenn Maschinen denken, berühren, komponieren, ist keine ökonomische mehr, sondern eine anthropologische. Altman glaubt an das „unerschöpfliche Bedürfnis des Menschen, gebraucht zu werden“. Eine tröstliche These, die aber zur Nagelprobe wird, wenn ganze Branchen automatisiert werden – von der Anwaltschaft bis zur Redaktion.

Gerade letzteres führt zum Kern des Gesprächs: der Zukunft des Journalismus. Altman erkennt die Paradoxie seiner eigenen Schöpfung: ChatGPT ist zugleich Werkzeug und Risiko für die Öffentlichkeit. „Ich wäre traurig, wenn KI den Journalismus zerstört“, sagt er. Aber er weiß auch, dass sie ihn verwandeln wird. Döpfner bringt das Prinzip auf den Punkt: „Ohne Vergütung für Inhalte trocknet das System aus – dann gibt es nichts mehr, was sich ‚scrapen‘ lässt.“ Eine präzise Beschreibung des neuen Urheberkriegs zwischen Maschine und Medium.

Der neue Prometheus

Philosophisch wird es, als Döpfner Harari und Oscar Wilde zitiert: Wird der Mensch zum Gott? Will Sam Altman ewig leben? Seine Antwort ist überraschend nüchtern: Nein. Ewigkeit sei kein Ziel, sagt er, sondern ein Irrtum. Fortschritt brauche Erneuerung, Sterblichkeit, Übergang. Altman träumt vom Leben als Landwirt, wenn die KI seine Arbeit übernimmt – der Schöpfer, der sich selbst abschafft. Das ist mehr als Anekdote. Es ist ein modernes Gleichnis: Der neue Prometheus will nach der Erleuchtung zurück in den Ackerboden.

Doch zwischen Technikglaube und Natursehnsucht bleibt die offene Frage: Wer kontrolliert die Schöpfung? Altman denkt in geopolitischen Kategorien. KI, sagt er, werde Kriegsführung, Propaganda und Machtbalance grundlegend verändern. Wenn „ein böser Akteur“ Zugang zu Superintelligenz habe, könne er ganze Systeme destabilisieren. Die Konsequenz: globale Governance, ähnlich der nuklearen Rüstungskontrolle. Der Vergleich ist nicht zufällig. KI ist längst eine strategische Waffe – unsichtbar, allgegenwärtig, unkontrolliert.

Freiheit im Zeitalter der Antwortmaschinen

Döpfner und Altman verhandeln schließlich, was auf dem Spiel steht: die Freiheit des Wortes. Für Altman ist sie „einer der schwierigsten, aber zentralsten Werte der westlichen Zivilisation“. Für Döpfner ist sie Geschäftsgrundlage und Überzeugung zugleich. Beide wissen: Wenn Wahrheit von Algorithmen berechnet wird, wird Journalismus zur Gegenmacht – oder verschwindet.

Altman plädiert für neue ökonomische Modelle: Mikropayments für Inhalte, faire Vergütung für journalistische Recherche, eine Rückkopplung von digitalem Nutzen und menschlicher Arbeit. Eine Idee, die Döpfner offen aufnimmt. Der Verleger und der Entwickler eint die Einsicht, dass Information eine Ressource ist, die sich nur dann erneuert, wenn sie einen Wert behält.

Der wahre Inhalt

Die Premiere von „MD MEETS“ ist deshalb mehr als ein Medienereignis. Sie markiert den Moment, in dem KI, Medien und Politik ihre gemeinsamen Bruchstellen öffentlich verhandeln. Altman und Döpfner sprechen über Technologie – und meinen Zivilisation.

Für Europa ist das Gespräch eine Einladung, die eigene Zukunft nicht länger als Beobachter, sondern als Akteur zu gestalten. Wenn Döpfner Altman fragt, was er Europa rät, antwortet der nüchtern: „Reguliert die großen Risiken, aber lasst die kleinen zu.“ In diesem Satz steckt eine Doktrin für die neue Epoche – und vielleicht das letzte Zeitfenster, um nicht endgültig Zuschauer im Theater der Superintelligenz zu werden. Für Sohn@Sohn wäre es wichtig, auf eine granulare Regulierung zu verzichten. Die trifft in der Regel die Kleinen und nicht die Großen, gell Herr Voss…..

bionic hand and human hand finger pointing

Künstliche Intelligenz und Demografie: Zukunftsthemen im Fokus der Fachmesse Zukunft Personal #ZPNord

an artist s illustration of artificial intelligence ai this image depicts a look inside how ai microchips are designed it was created by champ panupong techawongthawon as part of the v
Photo by Google DeepMind on Pexels.com

Professor Karl-Heinz Schwuchow, ein Experte auf dem Gebiet des internationalen Personalmanagements, betont die Wichtigkeit, zwischen echter KI und simplen automatisierten Systemen zu unterscheiden. Er kritisiert, dass der Begriff der KI oft irreführend verwendet wird, um einfache Chatbots oder algorithmische Prozesse zu beschreiben. Dabei hebt er die Notwendigkeit hervor, auf Fachmessen wie der Zukunft Personal eine Plattform für einen kritischen Diskurs zu bieten, der über den bloßen Hype hinausgeht und einen fundierten Einblick in die realen Potenziale und Grenzen der KI bietet.

Ein weiteres zentrales Themaist die demografische Entwicklung. Schwuchow beschreibt die wachsende Herausforderung, die der demografische Wandel mit sich bringt, insbesondere vor dem Hintergrund der abnehmenden Erwerbsbevölkerung durch den Eintritt der Babyboomer-Generation in den Ruhestand. Er betont die Dringlichkeit, durch Automatisierung, Robotik und KI die entstehende Lücke zu schließen, und fordert eine Neuausrichtung im HR-Management, um diesen Veränderungen gerecht zu werden.

Darüber hinaus wird die Bedeutung der Anpassung von Qualifikationsprofilen und die Notwendigkeit, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Arbeitsprozess zu halten und weiterhin zu nutzen, hervorgehoben. Schwuchow weist auf eine Studie hin, die zeigt, dass insbesondere ältere Beschäftigte eine stärkere Anerkennung und Wertschätzung innerhalb des Arbeitsumfeldes suchen, was Unternehmen dazu veranlassen sollte, alle Generationen adäquat anzusprechen und zu fördern.

Man hört, sieht und streamt sich zu diesen Themen wieder auf der Zukunft Personal Nord in Hamburg am 23. und 24. April.

Inspirationen durch die Forschung von Dan #Kahneman – So eine Art Nachruf

In vielfacher Hinsicht hat mich die Forschungsarbeit des Mathematikers und Psychologen Daniel Kahneman inspiriert. Vor allem die Zerschlagung der Rationalitätsmythen, die in der Ökonomik und in der Managementlehre umherschwirren. Im Alter von 90 Jahren ist Kahneman gestorben. Statt eines Nachrufs erscheinen hier noch einmal zwei Beiträge für Zeitschriften, die ich in den vergangenen Jahren schrieb. Sie haben nichts an Aktualität eingebüßt.

Beitrag Nummer 1:

Mut zur Bescheidenheit: Kahneman lesen und öfter in den Zoo gehen

Es war ein umstrittenes Jahr für die internationale Ökonomen-Debatte (. „Griechenland schrammte um Haaresbreite am Bankrott vorbei und die Wirtschaftsforscher rund um die Welt diskutierten heftig über die richtige Lösung“, so die FAZ. In diesem Streit positionierte sich der New Yorker Volkswirtschaftler Paul Krugman als heftiger Gegner der Sparauflagen für Griechenland und der deutschen Politik. Damit wurde er auch bei uns zu einem der bekanntesten Volkswirtschaftler: wie schon im Vorjahr fiel der Name Krugman am häufigsten, wenn Politiker und Ministerialbeamte gefragt wurden, auf wen sie hören. In den Medien holte er zusätzlich auf.

Kahneman verschwindet aus der öffentlichen Diskussion

2014 hatte noch der Verhaltensökonom Daniel Kahneman die Liste angeführt, der mit seiner gewaltigen Forschungsleistung punktet. „Doch Kahnemans großes Buch ‚Schnelles Denken, langsames Denken‘ verschwindet langsam aus der aktuellen öffentlichen Diskussion“, schreibt FAZ-Redakteur Patrick Bernau.

Bei der Ökonomen-Rangliste der FAZ geht es darum, wer in Medien, Politik und Forschung wirkt. In der Berechnung machen die Maße für den Einfluss der Wirtschaftsforscher in Politik und Medien gemeinsam die Hälfte des Gewichts aus. Der politische Einfluss eines Ökonomen wurde bei Abgeordneten und hohen Ministerialbeamten in Bund und Ländern erfragt. Die Bedeutung in der Öffentlichkeit wurde gemessen, indem die Zitate in überregionalen Medien, im Fernsehen und im Radio ausgezählt wurden. Die Forschung macht die andere Hälfte der Wertung aus.

Kahneman rangiert zwar noch auf dem zweiten Platz – allerdings nur gestützt durch seine Präsenz in der Forschung mit 500 Punkten. In der Politik kommt er auf ganze Null und in den Medien auch nur auf magere 14 Punkte. Krugman erzielt in den Medien 175, in der Politik 250 und in der Forschung 103 Punkte. Das Endergebnis lautet also: 529 Punkte.

Warum sich Entscheider mit System 1 und und 2 beschäftigen sollten

Das ist betrüblich. Besonders Journalisten, Manager und Politiker sollten Kahneman auf ihre Agenda setzen. Der erste Nichtökonom, der 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ein vorzüglicher Ratgeber in komplexen und schwierigen Fragen. Mit dem Biologen, Informatiker, Imker und Wissensarbeiter Erich Feldmeier habe ich deshalb via Live-Hangout einen furiosen Ritt durch die Geschichte beliebter und weit verbreiteter Entscheidungs-Irrtümer unternommen, die Kahneman dokumentiert.

Es geht um Zufall, Glück und Selbstüberschätzung im Management, in der Politik und im täglichen Leben. Eine Anleitung zum kursorischen Lesen im Opus „Schnelles Denken, langsames Denken“. Das automatische und das willentliche System in unserem Gehirn reduziert Kahneman auf System 1 und 2. Das sei schneller aussprechbar und würde bei der Lektüre zu einer geringeren Arbeitsgedächtnis-Belastung beitragen sowie unser Denkvermögen von Ballast befreien. Schließlich muss System 1 rund 20.000 Entscheidungen pro Tag treffen. Den größten Teil könne unser Gehirn nur automatisiert bewältigen. Es schaltet ohne unser Zutun in den Modus des Autopiloten. System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten. Die Operationen gehen oftmals mit dem subjektiven Erleben von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher.

Autopilot dominiert

Wenn wir uns selbst beschreiben, identifizieren wir uns natürlich mit System 2, dem bewussten, logisch denkenden Selbst, das Überzeugungen hat, Entscheidungen trifft und sein Denken sowie Handeln bewusst kontrolliert. Nur steht leider System 2 nicht im Zentrum unseres Denkapparates. System 1 übernimmt allzu oft das Kommando, ist die Hauptquelle unserer Überzeugungen, Eindrücke und Gefühle.

Nur selten gelingt es System 2, die ungezügelten Impulse und Assoziationen unseres Autopiloten zu bändigen oder gar zu verwerfen. Etwa die Auslotung von Ursachen für Erfolg. Das Erfolg auf Talent und Glück beruht und großer Erfolg auf ein wenig mehr Talent und sehr viel Glück zurückzuführen ist, ist für unser Ego eine echte Kampfansage.

Glück und Zufall bringen keine Schlagzeilen

Nur allzu gern versuchen wir krampfhaft, den Faktor Glück zu ignorieren und für unser Tun eine gehörige Portion Kausalität schlichtweg zu erfinden. Wenn ein durchschnittlicher Golfer bei einem zweitägigen Turnier einen überdurchschnittlichen Start hinlegt, gehen wir davon aus, dass er auch am zweiten Tag eine gute Leistung zeigt. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass er wohl eher wieder ein normales Ergebnis bringt, weil das außerordentliche Glück des ersten Tages nicht anhalten wird. Für Sportreporter ist das keine Neuigkeiten.

Was Kahneman als Regression zum Mittelwert bezeichnet, bringt keine Schlagzeilen. Die Headline muss daher anders lauten: „Der Golfer zeigte Nerven und konnte dem Druck nicht standhalten“. Oder: „XY ist kein Siegertyp“. Oder auch: „Der Gegner zermürbte den Champion des ersten Tages“. Mit folgender Schlagzeile geben wir uns nicht zufrieden: „Der Golfer hatte ungewöhnlich viel Glück“. Da fehlt die kausale Kraft, die unser Intellekt bevorzugt.

Kausale Geschichten erfinden

Wir suchen krampfhaft nach einer eindeutigen Beziehung von Ursache und Wirkung, tappen damit aber in die Falle ungerechtfertigter kausaler Schlüsse. Glück oder Zufall passen nicht zur Attitüde der Welterklärer. Das gilt auch für Rückschaufehler. Ex post ist man immer schlauer und erkennt Gründe, die vorher niemanden interessierten. So erhielt am 10. Juli 2001 die CIA Informationen, wonach El Kaida einen größeren Angriff gegen die USA plane. Der damalige CIA-Direktor George Tenet unterrichtete nicht George Bush, sondern die Sicherheitsberaterin Rice.

Als das nach den Anschlägen auf das World Trade Center publik wurde, schrieb der Washington-Post-Chefredakteur Ben Bradlee: „Es erscheint mir selbstverständlich, dass man eine solche Nachricht, die Geschichte schreiben wird, direkt dem Präsidenten mitteilt.“ Was für ein Schlaumeier. Am 10. Juli wusste niemand, dass diese Neuigkeit Geschichte schreiben würde. Den gleichen Mumpitz fabrizieren jeden Tag neunmalkluge Börsenanalysten, die in ihren Ex-post-Kommentaren immer schon alles wussten, aber eben erst im Nachgang des Geschehens. Niemand würde sich vor die Kamera der einschlägig bekannten Börsensendungen stellen und sagen, dass man schlichtweg keine Peilung hat, warum es zu irgendwelchen Schwankungen an den Finanzmärkten kam.

Eine weitere Methode der Wahrheitskonstrukteure ist die ständige Wiederholung von Aussagen, um Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben. Das erzeugt Vertrautheit, die sich nur schwer von der Wahrheit unterscheiden lässt. Man reduziert damit die kognitive Beanspruchung des Publikums und zahlt auf das Konto der Bequemlichkeit ein.

Konstruierte Erfolgsprinzipien

Ärgerlich sind auch jene Zeitgenossen, die aus der Untersuchung von erfolgreichen Firmen konkrete Handlungsanweisungen ableiten, um genauso erfolgreich wie jene untersuchten Firmen zu werden. Kahneman zitiert eines der bekanntesten Beispiele dieses Genres: „Immer erfolgreich“ von Jim Collins und Jerry I. Porras. Es enthält eine gründliche Analyse von 18 konkurrierende Unternehmenspaarungen, bei denen eines erfolgreicher war als das andere. Jeder Vorstandschef, Manager oder Unternehmer sollte nach Auffassung der beiden Autoren dieses Buch lesen, um visionäre Firmen aufzubauen.

„Wenn man weiß, wie wichtig der Faktor Glück ist, sollte man besonders argwöhnisch sein, wenn aus dem Vergleich von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Firmen hochkonsistente Muster hervorgehen. Wenn der Zufall seine Hand im Spiel hat, können regelmäßige Muster nur Illusionen sein“, warnt Kahneman. Nach dem Erscheinen des Buches schwand der Abstand in Ertragskraft und Aktienrendite zwischen den herausragenden und den weniger erfolgreichen Firmen praktisch auf null. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren erzielten die Unternehmen mit den schlechtesten Bewertungen im weiteren Verlauf viel höhere Aktienrenditen als die meistbewunderten Kandidaten. Und wenn es um Vorhersagen von Experten geht, sind die Ergebnisse noch erschütternder.

„Menschen, die ihre Zeit damit verbringen und ihren Lebensunterhalt damit verdienen, sich gründlich mit einem bestimmten Sachgebiet zu beschäftigen, erstellen schlechtere Vorhersagen als Dartpfeile werfende Affen, die ihre ‚Entscheidungen’ gleichmäßig über alle Optionen verteilt hätten. Selbst auf dem Gebiet, das sie am besten kannten, waren Experten nicht deutlich besser als Nichtexperten“, schreibt Kahneman. Also öfter in den Zoo gehen.

Göttin Fortuna 

Besonders von Top-Managern wird die Rolle von Können und Geschick maßlos überbewertet. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Kahneman. Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. 

Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus. Man könne sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen, meint Kahneman. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch sind. Das Opus von Kahneman hat sich zwar gut verkauft, wird aber von Entscheidern in Politik und Wirtschaft wenig genutzt. Zeit zum ändern. 

Beitrag Nummer 2:

Helden des Glücks 

In seinem neuen Buch „Luck: A Key Idea for Business and Society“ fordert der Verhaltensforscher Chengwei Liu ein Ende des Kults um Vorstandschefs und hochrangige Persönlichkeiten – dazu würde ich auch Parteivorsitzende zählen. Seine These: Der Faktor Glück spielt besonders in Top-Positionen eine entscheidende Rolle.„Wir haben eine romantische Vorstellung von Anführern und denken, dass das Wohl der gesamten Gruppe, des gesamten Unternehmens oder gar der Nation von ihnen abhängt. Das tut es nicht. Forschungen zeigen, dass die Ernennung von CEOs den Erfolg von Unternehmen viel weniger beeinflusst, als die Finanzmärkte anfangs glauben. Topmanager können einfach nicht so viel ausrichten, wie wir es gern hätten.“

Auch Chefs sollten daher per Zufallsverfahren ausgewählt werden, schlägt Liu vor. Anführer im antiken Griechenland wurden per Losentscheid rekrutiert. Vieles weise darauf hin, dass dies auch für Unternehmen sinnvoll wäre. Zufallsmechanismen würden zu besseren Ergebnissen führen. Ein derartiges Vorgehen werde als fairer wahrgenommen, es kann Korruption verhindern und zu mehr Stabilität führen.

Unternehmen sollten zudem bedenken: Wer hochrangige Führungskräfte über die pseudo-rationale Bewertung von Leistung bestimmt, schafft Interessenkonflikte: „Es kommt zu politischen Spielen. Die Bewerber arbeiten gegeneinander, um hervorzustechen, und schaden so dem Unternehmen. Ein Losentscheid macht dies überflüssig. Weil die Manager auf der höchsten Ebene ohnehin alle gleich gut qualifiziert sind, kann dies tatsächlich die beste Wahl sein“, resümiert Liu, Professor für Strategie- und Verhaltensforschung an der Berliner Business School ESMT. 

Und was machen Führungskräfte in Politik und Wirtschaft? Sie perfektionieren Methoden der Täuschung, sie bauen glitzernde Fassaden auf, suchen Sündenböcke, wenn mal etwas schief geht, hauen andere in die Pfanne und erfinden für dieses Ego-Management nette Fantasie-Namen wie Agiles Management, Shareholder Value oder Scorecard-Leadership-Schnick-Schnack. Sie landen in der Falle der Maßlosigkeit und der Selbstüberschätzung. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman.

Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. In der Rückschau neigen wir zu Scheinkorrelationen, die sich bei eingehender Betrachtung als Hirngespinst herausstellen. Die meisten Vorstandschefs beeinflussen den Erfolg ihres Unternehmens nur minimal. Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus und für die PR-Einflüsterer. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch oder verlogen sind. Krampfhaft versuchen die „Siegertypen“ des politischen und wirtschaftlichen Systems, ihre Handlungen und Intentionen umzuschreiben. Da werden Ursachen den Wirkungen zugeordnet, obwohl es diesen Zusammenhang gar nicht gibt. Höchste Zeit, dieses Regime der Selbstüberschätzung zu sabotieren und zu ignorieren. 

Innovative Unternehmen, die Rolle des Staates und die Kompetenz beim Erkennen von Innovationen

Forschungen zeigen, dass Gegenden mit vielen kleinen, innovativen Unternehmen und Neugründungen, die etablierte Organisationen bedrängen und vom Markt fegen, langfristig erfolgreicher sind und mehr Arbeitsplätze schaffen sowie erhalten als solche mit wenig innovativen Unternehmen. Philippe Aghion, Céline Antonin und Simon Bundel haben das auf den Spuren der Theorien von Joseph Schumpeter untersucht. Sie stellen fest: Es gibt eine positive Korrelation zwischen den beiden Messgrößen. „Die amerikanischen Bezirke mit den höchsten Raten bei der Schaffung und Vernichtung von Arbeitsplätzen waren im Durchschnitt auch die Bezirke, die zwischen 1985 und 2010 die meisten neuen Patente hervorgebracht haben. Diese Daten umfassen mehr als 1.100 Bezirke, und die Korrelation beträgt 0,456. Diese Korrelation ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass die innovativsten Unternehmen die kleinen, jungen Unternehmen sind, die auch die meisten Arbeitsplätze schaffen und vernichten. Je größer das Unternehmen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es innovativ ist. Darüber hinaus sind die Innovationen kleinerer Unternehmen radikaler und bedeutender als die größerer Unternehmen. Das Paradigma der schöpferischen Zerstörung löst eine Reihe von Rätseln im Zusammenhang mit dem Wachstum“, schreiben die drei Autoren in ihrem Opus „The Power Of Creative Destruction“. Nachzulesen in dem Beitrag „Schumpeter revisited: Die Kraft der kreativen Zerstörung“.

Welche Ableitungen kann man auf dieser Grundlage für die Wirtschaftspolitik machen? Die drei Autoren haben sich auch damit beschäftigt. Eine zu starke Exekutive könne in Richtung Autokratie abdriften, Korruption zum Nachteil von Innovationen erzeugen und so den Wohlstand eines Landes schwächen. „Genauso wie es ein optimales Maß an Wettbewerb gibt, das Innovation und Wachstum fördert, gibt es auch ein optimales Maß an Exekutivgewalt. Zu wenig Exekutivgewalt kann die Fähigkeit des Staates zur Durchführung von Reformen lähmen; zu viel Exekutivgewalt kann zu einer ‚illiberalen Demokratie‘ oder zu Autokratie führen. Der optimale Kompromiss zwischen zu viel und zu wenig Macht hängt von Überlegungen wie der Bedeutung von Reformen einerseits und dem Risiko und den Kosten von Enteignungen andererseits ab. In Kriegszeiten, in einer Krise oder bei dringendem Reformbedarf ist es wünschenswert, der Exekutive mehr Macht zu geben. In normalen Zeiten ist es jedoch vorzuziehen, die Macht der Exekutive zu begrenzen.“ Werde die Macht der Exekutive nicht begrenzt, werden die etablierten Unternehmen wahrscheinlich ihre Renten nutzen wollen, um den Markteintritt neuer, innovativer Unternehmen zu verhindern, und sie werden zu diesem Zweck Lobbyarbeit bei den politischen Entscheidern betreiben. Je ungezügelter die Macht der Exekutivbeamten sei, desto größer ist die Versuchung für Unternehmen, sie zu beeinflussen oder sogar zu bestechen.

In ihrem Buch „Why Nations Fail“ verweisen Daron Acemoglu und James Robinson auf Beispiele, in denen amtierende Beamte Wachstum blockierten, weil sie befürchteten, dass die daraus resultierende schöpferische Zerstörung ihre Macht gefährden würde. „So wurde im Osmanischen Reich die erste Druckerpresse erst 1727 zugelassen, mehr als 300 Jahre nach ihrer Erfindung durch Gutenberg. Ziel war es, die Verbreitung neuer Ideen einzuschränken, indem eine niedrige Alphabetisierungsrate gewährleistet wurde, die bis 1800 tatsächlich unter 3 Prozent der Bevölkerung blieb. Die Autoren verweisen auch auf das Spanien des 15. Jahrhunderts, wo der Handel mit den neuen amerikanischen Kolonien unter der strengen Kontrolle eines Zunftwesens stand“, schreiben Aghion, Antonin und Bundel.

Das wäre ein Blick auf die volkswirtschaftliche Ebene. Betriebswirtschaftlich sind Erkenntnisse von Lysander Weiß und Lucas Sauberschwarz interessant: Innovation sei Hochleistungssport. Und der ist geprägt von Freiraum UND Vorgaben:

„Dass diese Kombination im Arbeitsumfeld tatsächlich erfolgversprechend ist, zeigt eine groß angelegte Studie unter 4.195 Personen aus 41 Geschäftsbereichen in zehn multinationalen Unternehmen. Dabei wurde der Grad an Alignment und Autonomy der verschiedenen Einheiten bestimmt und deren Leistung gemessen. Das Ergebnis: Eine (selten so klare) Korrelation zwischen den Organisationseinheiten mit hohem Alignment und hoher Autonomy („agile Organisation“) und hoher Leistung.“

Arbeitsumgebungen können dabei schnell in unerwünschte Gefilde abdriften:

  • Instrumente, welche für hohe Zufriedenheit, aber nicht für hohe Leistung sorgen, führen zu einer sog. „Country Club-Umgebung“, in der es zwar allen Mitarbeitenden gut geht, jedoch wenig Ergebnisse erzielt werden.
  • Instrumente, welche für hohe Leistung, aber nicht für hohe Zufriedenheit sorgen, führen zu einer sogenannte „Burnout-Umgebung“, in der kurzfristig gute Ergebnisse erzielt werden, diese mittelfristig jedoch stark abfallen, da Mitarbeitende ausbrennen oder abwandern.
  • Wenn weder für hohe Zufriedenheit noch für hohe Leistung gesorgt wird, besteht die Gefahr einer Niedrigleistungsumgebung, in der es niemandem wirklich gut geht, und auch kaum Ergebnisse erzielt werden.

Die von Jesko Dahlmann erforschten Innovatoren zeichnen sich zudem durch Kompetenz aus. Sie glänzten durch ein sicheres Urteilsvermögen in ihrem Fachgebiet und konnten bei der Anwendungen von Erfindungen die richtigen Entscheidungen treffen. Eine gute Ausbildung und die Nähe zur Wissenschaft seien unabdingbar, schreibt Dahlmann in seiner Forschungsarbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie der Wirtschaftsgeschichte“. Dazu zählt er auch die räumliche Nähe zu Universitäten, Forschungsinstituten und den Informationsaustausch zwischen Innovatoren und Inventoren. Die fachliche Expertise und den Erfindungsreichtum anderer Menschen wirtschaftlich nutzbar zu machen, sei eine Fähigkeit, die von Schumpeter besonders hervorgehoben wurde. Die ist bei vielen Kompetenz-Simulanten aber häufig gar nicht vorhanden. Da stehen sich auf der Seite der Auftraggeber und der Auftragnehmer technologische Blindfische gegenüber. Von denen habe ich in meinem Berufsleben schon viele kennengelernt.

Wolf Lotter hat das gut auf den Punkt gebracht:

Kompetenzsimulation auf LinkedIn und Co. – Interesse an einem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs zu diesem Thema?

Hashtag-Soziologie

Der Kölner Soziologe Klaus Janowitz hat sich der Herkules-Aufgabe gewidmet, in der vernetzten Welt für etwas mehr Klarheit zu sorgen. Erinnert sei an seine Überlegungen zur Hashtag-Ökonomie als Gegenentwurf zur durchorganisierten Gesellschaft. Es geht dabei um Verbindungen von Neigungen und Interessen. Es geht um vernetzten Individualismus fernab von Reports, Indikatoren, Kennzahlen und Excel-Tabellen, die nur Ausdruck der Hilflosigkeit in einer vernetzten Welt sind. Vor Jahren widmete sich Janowitz der Einordnung des Begriffes der Digitalen Transformation. Seit Ewigkeiten wird uns dieser Begriff um die Ohren gehauen.

Dabei findet und fand Janowitz eine Menge heiße Luft, etwa im Buch der so genannten Digital-Darwinisten Karl-Heinz Land und Ralf Kreuzer:

„Mit dem Begriff digitale Transformation wird der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten.“

Zerpflückt man diesen Satz in seine Einzelteile, bleibt wenig Substanz übrig. Was heißt denn „zielgerichteter Einsatz“? Was sind eigene Wertschöpfungsprozesse?

Was bedeutet das generell für die Tautologien, die uns von Digitalen Darwinisten oder sonstigen Digitalen Evangelisten aufgetischt werden? Solche Netz-Erklärer, die die Konferenzbühnen beherrschen, stellen sich nicht einer kritischen Überprüfbarkeit ihrer Erzählungen. Wo bleibt die theoretische Fundierung im Diskurs über die Wirkungen der Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat? Das vorherrschende Geschwätz in Netz-Debatten, die sich mit Künstlicher Intelligenz, Digitaler Transformation, Content Marketing, Storytelling, Plattformen oder Industrie 4.0 beschäftigen, bestehen aus „ganzheitlicher“ Phrasendrescherei. Das gilt für die Beraterzunft und auch für die betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich ausgebildeten Stichwortgebern.

Selbstkonstruierter Unsinn

Der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert würde das Keynote-Gemurmel als selbstkonstruierten Unsinn abtun. Belastbar seien nur Aussagen, die sich anhand einer Auseinandersetzung mit der uns umgebenden realen Welt überprüfen lassen. Es dominieren aber hypothesenlose Leerformeln, die ihre empirische Gehaltlosigkeit verschleiern. Man könnte sogar von Dogmen sprechen, da uns von vielen digitalen Vordenkern absolute Gewissheiten verkauft werden, ohne auch nur in Ansätzen empirische Einsichten zu vermitteln. Man fahndet nur nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise und schließt von Einzelphänomenen auf die Allgemeinheit. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt und rückwärtsgewandt. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen. Und dann gibt es noch eine beträchtlich Anzahl an Kompetenz-Simulanten, die nur ihre Ahnungslosigkeit kaschieren und auf fahrende Züge aufspringen wollen. Das gilt selbst für Informatik-Professoren, die uns irgendetwas von ISDN erzählen wollten in Zeiten, wo das zum technologischen Fallobst zählte. Hinter der Fassade der Selfies und der Schonwetter-Postings steckt schlichtweg Lüge, Angeberei und Dunnbrettbohrer-Wissen. Im Autorengespräch mit Wolf Lotter habe ich das thematisiert:

Lotter spricht über die zunehmende Tendenz unserer Gesellschaft, sich auf das Einfache und Bequeme zu konzentrieren. Er kritisiert die „Fake-Industrie“, die sich aus der Bequemlichkeit heraus entwickelt hat, und fordert ein Ende dieser Entwicklung.

Lotter hebt hervor, dass es durchaus kulturelle Praktiken gibt, die auf dem Wissen und den Werken anderer aufbauen. Zur Sprache kommen Schriftsteller wie Walter Kempowski, Thomas Mann und Bertholt Brecht, die sich auf vorhandenes Wissen berufen haben, um etwas Neues zu schaffen. Diese Praxis sieht er nicht als problematisch an, solange sie dazu dient, etwas Originelles und Erhellendes zu schaffen.

Er kritisiert jedoch die Praxis des Plagiats und des Diebstahls, die in unserer Gesellschaft und insbesondere auf Plattformen wie LinkedIn weit verbreitet ist. Lotter bemängelt, dass viele Menschen vorgeben, originelle Ideen zu haben, ohne die Quellen ihrer Inspiration anzugeben.

Lotter spricht auch über die Diskrepanz zwischen dem, was Unternehmen behaupten zu wollen – Vielfalt und Originalität – und dem, was sie tatsächlich belohnen – Anpassung und Konformität.

Er argumentiert, dass diese Tendenz zur Anpassung und Konformität dazu führt, dass echte Innovationen nicht belohnt werden und dass das mittlere Management oft daran interessiert ist, den Status quo zu erhalten.

Lotter kritisiert auch die Praxis der Selbstinszenierung, die oft auf Kosten von Originalität und Authentizität geht. Er argumentiert, dass diese Praxis dazu führt, dass Menschen, die tatsächlich originell und authentisch sind, oft übersehen werden.

Soweit der Exkurs zum Autorengespräch mit Wolf Lotter über sein neues Buch „Echt“.

Die Überprüfbarkeit von Hypothesen

Jeder sollte immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Bei unserem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs wurden Ideen verhandelt, wie man den dominierenden digitalen Plattformen des Silicon Valley Paroli bieten könnte. Zur Sprache kamen Open Source-Ideen, die zu einer Dezentralisierung des Netzes taugen. Kann man sich überhaupt aus der häufig zu beobachtenden Pareto-Verteilung befreien, die in den meisten Netzwerken vorherrscht? 20 Prozent derer, die Einkommen haben, zahlen 80 Prozent der Einkommenssteuer; 20 Prozent der Produkte eines Supermarktes machen 80 Prozent des Umsatzes aus; 20 Prozent der Wissenschaftler bekommen 80 Prozent der Zitate ab; 20 Prozent der Wissenschaftler schreiben 80 Prozent der wissenschaftlichen Texte. Selbst für Wikipedia gilt: 20 Prozent der Autoren liefern 80 Prozent der Beiträge. Wie kommt man aus diesen Machtstrukturen raus?

Raiffeisen für die Netzökonomie

Letztlich plädierte die netzökonomische Fachrunde für einen stärkeren Schulterschluss, den vor allem kleine und mittelständische Unternehmen leisten müssen. Etwa über die Raiffeisen-Idee, die im 19. Jahrhundert begründet wurde: Solche Genossenschaften seien Netzwerke, die helfen, wenn eine Branche im Wandel und im Wachsen ist, erläutert die Volkswirtin Theresia Theurl von der Uni Münster gegenüber der Wirtschaftswoche:

„Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“

Um das Problem der schlechten Bonität zu lösen, setzte der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Man könnte es auch nach dem Motto der „Vier Musketiere“ formulieren: „Einer für alle, alle für einen“.

Eine Gruppe Kreditbedürftiger schließt sich zusammen und stattet ihre Genossenschaften mit Haftungskapital aus. Für den Einzelnen ist die Einlage bezahlbar, doch unter dem Strich kommt ein ordentliches Kapitalpolster zusammen. Dadurch entsteht eine privat finanzierte Bank, die Geld an ihre Mitglieder verleihen kann, ohne bei Ausfällen einzelner Schuldner pleitezugehen.

Gleiches gilt für die Digitalisierung der Wirtschaft, etwa bei Investitionen in 3D-Drucker, beim Einkauf, bei der Vermarktung über Plattformen und beim Wissenstransfer. Bringt die Raiffeisen-Idee nun Impulse für die Netzökonomie in Deutschland? Bislang nicht. Wir sollten mal wieder einen netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs auf die Beine stellen. Anfang Juni auf unserer Terrasse in Bonn-Duisdorf. Ich backe auch den Käsekuchen.

Ruf nach echter Innovation und Selbständigkeit: Autorengespräch mit @WolfLotter zu seinem neuen Buch „Echt – Der Wert der Einzigartigkeit in einer Welt der Kopien“

Willkommen zu einer neuen Folge von Sohn@Sohn Adhoc! Ein Buch von Wolf Lotter mit dem Titel „Echt: Der Wert der Einzigartigkeit in einer Welt der Kopien“ steht im Fokus. Dieses Werk stellt eine interessante Gegenposition zu Dirk von Gehlens „Lob der Kopie“ dar. Lotter betont nicht den Gegensatz zu Gehlen, sondern vielmehr die repetitive Natur unserer Interaktionen in sozialen Medien und die mangelnde Innovation und Transformation. Er kritisiert den Umgang mit Fake News und plädiert dafür, Originalität wieder in den Mittelpunkt von Wirtschaft und Gesellschaft zu rücken.

Lotter reflektiert über die Bedeutung von Innovation und Transformation in einer Wissensökonomie. Er beklagt, dass Deutschland zu stark in einer Kultur des Kopierens und Konsums verharrt und neue Ideen vernachlässigt. Er erinnert an die historische Entwicklung von „Made in Germany“ als Reaktion auf kopierende Praktiken und plädiert für eine ähnliche Wende in der Gegenwart.

Die Diskussion über China als verlängerte Werkbank und die Notwendigkeit einer Reindustrialisierung führt zu der Erkenntnis, dass China sich von der Massenproduktion zur Qualitäts- und Wissensproduktion entwickelt. Lotter betont die Einsichtsprobleme in der deutschen Wirtschaft und die Notwendigkeit, Innovation und individuelle Lösungen zu fördern.

Die amerikanische Reaktion auf den chinesischen Aufstieg wird kritisch betrachtet, wobei Protektionismus und Investitionen in nachhaltige Innovationen diskutiert werden. Lotter plädiert für eine konkurrenzfähige Industrie und eine Förderung von Mittelständlern und Solo-Selbständigen.

Die Rolle der Politik in der Wirtschaftspolitik wird hinterfragt, mit dem Appell an Politiker, sich stärker mit den Bedürfnissen und Herausforderungen kleinerer Unternehmen auseinanderzusetzen. Lotter kritisiert die Verbreitung von „Fake News“ in Bezug auf die Bedeutung der Industrie für den Wohlstand und plädiert für eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik auf Innovation und Wissensproduktion.

Lotter fordert eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Strukturen und eine Neuausrichtung auf Innovation, Individualität und regionale Stärken. Er betont die Bedeutung von Handwerk und Problemlösungskompetenz sowie die Förderung von Mittelständlern als Schlüssel für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.

In einer Welt voller Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit, in der Authentizität oft nur eine Fassade ist, stellt sich die Frage: Wie echt sind wir wirklich? Die Suche nach Echtheit und Wahrheit durchdringt alle Bereiche unseres Lebens, sei es in der Umwelt, der Ernährung, der Politik oder der Wirtschaft.

Das inflationäre Gerede über die ökologische Wende und der gleichzeitige Trend zum XXL-Verbrauch bei Einwegverpackungen verdeutlichen, wie oberflächlich unsere Bemühungen um Nachhaltigkeit oft sind. Bio-Siegel und Nachhaltigkeitslabels werden als Marketinginstrumente genutzt, um Produkte besser zu verkaufen, ohne tatsächlich substantielle Veränderungen zu bewirken.

Es ist einfacher, durch Schlagwörter und oberflächliche Gesten ein gutes Gewissen zu erlangen, als tatsächlich Verantwortung zu übernehmen. Doch echte Veränderung erfordert mehr als nur Lippenbekenntnisse und oberflächliche Maßnahmen.

Es ist an der Zeit, die Realität anzuerkennen und sich der Selbstverantwortung zu stellen. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir nicht nur Konsumenten sind, sondern gestaltende Bürgerinnen und Bürger, die aktiv Veränderungen herbeiführen können. Es geht darum, die Fassaden zu durchbrechen und die Wahrheit hinter den Inszenierungen zu erkennen.

Die Sehnsucht nach Authentizität und Echtheit erstreckt sich auch auf andere Bereiche, wie die Medienlandschaft und die Wirtschaft. Doch allzu oft werden Originalität und Wahrhaftigkeit durch Opportunismus und Oberflächlichkeit ersetzt. Die Belohnung liegt nicht in echter Innovation, sondern in der Behauptung von Kompetenz und Anpassungsfähigkeit.

Lotter kritisiert die mangelnde Selbstverantwortung in der Gesellschaft, insbesondere im Management großer Unternehmen, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, obwohl sie profitabel sind. Er unterstreicht die Notwendigkeit, echte Unternehmer und Unternehmerinnen zu unterstützen, die bereit sind, Risiken einzugehen und Probleme aktiv zu lösen.

Die aktuelle politische Landschaft wird ebenfalls kritisch betrachtet. Lotter bemängelt die Inkompetenz vieler politischer Akteure und fordert eine intensivere Debatte über die Qualifikationen und Kompetenzen in der öffentlichen Verwaltung. Er warnt davor, dass die Politik zu oft auf Bürokratie und Klientelpolitik setzt, anstatt echte Veränderungen voranzutreiben.

Lotter plädiert für mehr Selbstständigkeit und Selbstbestimmung in der Gesellschaft und fordert eine Abkehr von reaktionären und fortschrittsfeindlichen Strukturen.

Zwischen Digital-Detox-Spießigkeit und Verboten: Sternstunde Philosophie mit Bernhard Pörksen und Rolf Dobelli @srfkultur @barbaraBleisch @dobelli @WEilenberger

⁦⁩In einer Zeit, in der das Smartphone unser ständiger Begleiter und die digitale Vernetzung allgegenwärtig ist, wirft die Sendung „Sternstunde Philosophie“ mit Rolf Dobelli und Bernhard Pörksen unter der Leitung von Wolfram Eilenberger und Barbara Bleisch einen kritischen Blick auf die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf unseren Alltag und unsere geistige Gesundheit. Die Diskussion kreist um die omnipräsente Frage, inwiefern uns Handys und soziale Medien im Alltag beeinflussen, ob sie unseren Geist „vergiften“, eine Aufmerksamkeitskrise hervorrufen und wie der Trend zum „Digital Detox“ zu bewerten ist.

Die beiden Gäste, Rolf Dobelli, bekannt für seine kritische Haltung gegenüber dem News-Konsum, und Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler, erörtern die tiefgreifenden Veränderungen in unserer Kommunikation, Aufmerksamkeit und im sozialen Miteinander durch die Digitalisierung. Dobelli plädiert für einen selektiven Umgang mit Informationen und betont die Notwendigkeit, sich auf längere, tiefgründige Inhalte zu konzentrieren, um echtes Verständnis und Wissen zu kultivieren. Pörksen hingegen warnt vor den Gefahren der „Aufmerksamkeitsökonomie“, die durch Algorithmen der sozialen Medien gefördert wird, und fordert eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Mechanismen digitaler Plattformen.

Beide Gäste sind sich einig, dass die aktuelle „Rip-off-Kultur“ der sozialen Medien zu einer Verflachung der geistigen Auseinandersetzung führt und eine Herausforderung für die individuelle Konzentrationsfähigkeit sowie für das demokratische Zusammenleben darstellt. Die Debatte zeigt deutlich, dass es nicht nur um eine individuelle Entscheidung für oder gegen die Nutzung digitaler Medien geht, sondern um eine gesellschaftliche Herausforderung, die nach strukturellen Lösungen verlangt.

Interessant ist, dass trotz der kritischen Betrachtung der negativen Auswirkungen digitaler Medien auch die positiven Aspekte, wie der Zugang zu einem unendlichen Pool an Informationen und Bildungsinhalten, nicht außer Acht gelassen werden. Die Diskussion legt nahe, dass eine ausgewogene, bewusste Nutzung digitaler Technologien und Medien die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts darstellt.

„Sternstunde Philosophie“ gelingt es, die ambivalente Rolle digitaler Medien in unserer Gesellschaft zu beleuchten und regt zum Nachdenken über unseren eigenen Umgang mit dem „liebsten Spielzeug“ an. Die Sendung hinterlässt den Zuschauer mit der Erkenntnis, dass die Frage nach der richtigen Balance zwischen digitaler Vernetzung und geistiger Autonomie eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit ist und lädt ein, den eigenen Digitalverbrauch kritisch zu reflektieren.

Bei den Ausflügen in die Neuro-Welt fällt mir immer wieder auf, mit welcher Selbstverständlichkeit über Auswirkungen auf das Gehirn gesprochen wird – von Manfred Spitzer bis Ralf Dobelli:

Dahinter stecken Träume, Horrorszenarien und schlichtweg Idiotie, wie bei den Pionieren der Künstlichen Intelligenz, die noch nicht einmal in der Lage sind, künstliche Gehirne von Kleinkrebsen nachzubauen oder gar zu verstehen. Biologen versuchen das nun seit Jahrzehnten – ohne Erfolg. Das Kleinstgehirn des Krabbeltierchens besteht gerade mal aus 30 Millionen Neuronen und kontrolliert den Verdauungstrakt. Man hat bis heute nicht verstanden, wie das funktioniert. Es bleibt das nüchterne Fazit: “We don’t know how the human brain works.” Ähnliches erlebten wir beim milliardenschweren Human Brain Project. Humanoide Maschinen sind Hirngespinste von Sachbuch-Autoren, Wissenschaftlern und Journalisten, die einem mechanistischen Weltbild hinterherlaufen.

Es sind letztlich völlig überdrehte Thesen, die man mit Künstlicher Intelligenz und Neurowissenschaften verbindet. Das wirkt sich positiv auf den Verkauf von Büchern über das Ende des Zufalls aus oder über Neuro-Leadership, Neuro-Marketing und Maschinen-Intelligenz. Es ist eine beliebte Methode, um milliardenschwere Forschungsbudgets und Beratungsaufträge zu kapern, wie beim Human Brain Project. Beim öffentlichen Diskurs sollte man die wirtschaftlichen Interessen dieser Akteure nicht aus den Augen
verlieren.

Die Logik ist nur ein Beschreibungsapparat, so wie die Grammatik für Sprache, sagte Systemtheoretiker Heinz von Foerster im Fernsehinterview mit Lutz Dammbeck:

„Die Logik ist ja nur eine Maschine, um mit gewissen Aussagen gewisse andere Aussagen machen und entwickeln zu können. Der Übergang von A nach B, das ist, was die Logik kontrolliert….also die Logik bringt ja gar nichts Neues….die Logik macht es nur möglich, dass Sie von einem Satz, der etwas verschwommen ist, etwas ableiten können, oder Sätze, die ähnlich verschwommen sind, ordentlich beweisen können.” In diesen weltweit funktionierenden Maschinensystemen seien alle Aussagen richtig – im Sinne der Ableitungen.

Wer die Manipulatoren der toten Maschinenwelt verstehen will, darf die Maschinen nicht in den Vordergrund stellen und sie beseelen. „Sonst kommt im Wechselspiel von Mensch und Maschine zu viel Toleranz ins Spiel. Ich höre auf zu denken. Das gilt auch für die Moralisierer, die der Technik böse Absichten unterstellen und ständig krude Verbote fordern. Wer einen Schuldigen in der Maschinenwelt verortet, unternimmt keine weiteren Denkanstrengungen mehr. Die Maschine ist aber keine Person. Wenn ich den Stecker ziehe, tut sie gar nichts mehr. Maschinen sind immer Werkzeuge von Menschen. Auch der Algorithmus wird von Menschen gemacht und benutzt“, sagt der Organisationswissenschaftler Gerhard Wohland.

Da der Mensch aber nicht berechenbar ist, spucken die Maschinen vielleicht sinnvolle Daten zur Stauwarnung und zur Vorhersage von Grippewellen aus, versagen aber bei der Antizipation menschlichen Verhaltens, wenn es um komplexe Fragen geht und nicht um meine morgendlichen Rituale, die vom Toilettengang bis zur Verspeisung von Himbeermarmeladen- Brötchen reichen. Für diese Vorhersage braucht man keine aufwendigen Algorithmen – es handelt sich um triviale Gewohnheiten.

Was wirklich wichtig ist, dokumentierte Johann Gottfried Herder. Er war im 18. Jahrhundert davon überzeugt, dass eine Bibliothek, die zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht. Kein Gelehrter könne das Universalarchiv noch einholen. Alles ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Herder selbst wird deshalb zum Cursor, zum Läufer, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft, die man so bisher noch nicht gelesen hat. Er wendet die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre an. „Herder darf schnell werden, weil er nicht nur auf eine neue Form des Lesens rekurriert, sondern auch auf eine alte rhetorische und gelehrte Schreibtechnik. Es ist ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt“, schreiben Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrem Buch „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“ (Kadmos-Verlag http://www.kv-kadmos.com). Kanonische Wissensbestände sollten daher durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Bildung unter hochtechnischen Bedingungen wäre demnach eine operative Kompetenz – im 18. Jahrhundert und auch heute! Es gehe darum, Wissenstechniken zu entwickeln, die als Such- und Kombinationsverfahren mit der Überfülle produktiv umgehen, so Bickenbach und Maye.

Von der klassischen Abfallwirtschaft zur zirkulären Ökonomie – Gespräch mit @DirkMessner vom Umweltbundesamt

white wind turbines on gray sand near body of water

Von der Abfallentsorgung zur Ressourcenwirtschaft: Die zirkuläre Revolution – Livetalk mit dem UBA-Präsidenten @DirkMessner

Die Kreislaufwirtschaft steht im Zentrum einer der dringlichsten Debatten um Nachhaltigkeit und Umweltschutz in Deutschland und Europa. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, hebt im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview die mangelnde Effizienz der aktuellen Systeme hervor: Trotz Jahrzehnte langer Bemühungen liegt die Kreislaufwirtschaftsquote in Deutschland bei bescheidenen 13 Prozent, sogar über dem europäischen Durchschnitt. Eine Zahl, die nachdenklich stimmt und dringenden Handlungsbedarf signalisiert.

Das Gespräch zeichnet ein Bild von den Herausforderungen und Chancen, die die zirkuläre Ökonomie für die Gesellschaft bereithält. Reflexionen über die Entwicklungen der letzten vier Jahrzehnte, beginnend mit der Gründung der ersten Umweltabteilung unter dem Innenminister Hans-Dietrich Genscher, über die Einführung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes in der Amtszeit von Bundesumweltminister Klaus Töpfer bis hin zu den heutigen Bemühungen, verdeutlichen, wie sehr der Fokus bisher auf End-of-Pipe-Lösungen lag. Die Notwendigkeit, den Blickwinkel zu erweitern und eine umfassende Strategie zu entwickeln, die den gesamten Lebenszyklus von Produkten und Materialien betrachtet, wird deutlich.

Im Zentrum der Diskussion stehen die sogenannten „dicken Fische“ – jene Bereiche, die den größten Anteil am Ressourcenverbrauch haben. Besonders im Bauwesen, einem Sektor, der für die Hälfte des Ressourcenverbrauchs und Abfallaufkommens verantwortlich ist, liegen enorme Potenziale für die Kreislaufwirtschaft. Die Förderung von Recycling by Design und die Vermeidung von Verbundstoffen könnten wesentlich dazu beitragen, die Zirkularitätsrate zu steigern.

Darüber hinaus betont Messner die Bedeutung von Innovationen und neuen Technologien wie digitalen Wasserzeichen und digitalen Pässen, die es ermöglichen, Materialflüsse präziser zu verfolgen und Recyclingprozesse effizienter zu gestalten. Die Rolle der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz als Treiber für eine nachhaltige Entwicklung wird hervorgehoben.

Die Diskussion weist auf die Bedeutung eines integrativen Ansatzes hin, der die Ziele des European Green Deals berücksichtigt. Die zirkuläre Ökonomie muss als Teil einer größeren Agenda für Klimaneutralität, den Schutz der Ökosysteme und Zero Pollution verstanden werden. Nur durch die Zusammenarbeit verschiedener Sektoren und die Umsetzung gemeinsamer Strategien kann eine nachhaltige Zukunft gesichert werden.

Die Erkenntnisse aus dem Gespräch mit Dirk Messner unterstreichen die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels: weg von einer linearen Abfallwirtschaft hin zu einer zirkulären Ökonomie, die nicht nur ökologisch nachhaltig ist, sondern auch wirtschaftliche und soziale Vorteile bietet. Die Überwindung bestehender Herausforderungen erfordert Mut, Kreativität und die Bereitschaft, bestehende Systeme grundlegend zu überdenken. Der Weg ist lang und die Zeit drängt, doch die Diskussion zeigt, dass das Bewusstsein und die Bereitschaft zum Wandel wachsen.

Auf Facebook gibt es das Gespräch auch.

Übrigens: 10 Jahre Techniktagebuch – Ein Grund zum Feiern.

WIE SOCIAL COMMERCE DEN ONLINEHANDEL BEFEUERT

Die EU-Kommission merkt an, dass es nicht möglich sei, sich aus einem wachsenden Abfallstrom „herauszurecyceln“

Kippen-Müll-Blumen-Kombi

Werden wir eine Mehrweg-Ökonomie in Europa. Und damit sind nicht nur Getränke gemeint. Die Europäische Kommission hat Ende 2022 einen Vorschlag zur Weiterentwicklung des EU-Verpackungsrechts vorgelegt. Es soll die bisherige Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWD) durch eine Verordnung ersetzen, um eine einheitliche Umsetzung zu erreichen und den Binnenmarkt zu stärken. Die EU-Kommission verfolgt drei Ziele: die Vermeidung von Verpackungsabfall, den Aufbau hochwertiger Recyclingkreisläufe und die Schaffung eines gut funktionierenden Marktes für Sekundärrohstoffe durch Mindest-Rezyklatanteile für bestimmte Kunststoffverpackungen. Mit dieser Initiative sollen drei miteinander verknüpfte Problemgruppen angegangen werden: das wachsende Aufkommen von Verpackungsabfällen in Verbindung mit einer Zunahme von Einwegverpackungen, einem hohen Anteil an vermeidbaren Verpackungen und einem größeren Anteil von Kunststoffen am Verpackungsmix. Hindernisse für die Kreislauffähigkeit von Verpackungen, insbesondere die zunehmende Verwendung von Verpackungsdesign-Merkmalen, die das Recycling behindern, und die verwirrende Kennzeichnung von Verpackungen für die Sortierung durch den Verbraucher. Außerdem verhindern fragmentierte Märkte eine kosteneffiziente Abfallbewirtschaftung in einem Binnenmarkt. Das Downcycling und die geringe Verwendung von recycelten Inhalten in Verpackungen, was die Fähigkeit der EU einschränkt, die Verwendung von Neumaterialien in neuen Verpackungen zu reduzieren.

Der Entwurf fordert eine Reduzierung der jährlichen Pro-Kopf-Menge an Verpackungsabfall um fünf Prozent bis 2030, um zehn Prozent bis 2035 und 15 Prozent bis 2040. Die Vergleichsbasis ist dabei das Jahr 2018. Diese Zielsetzungen seien notwendig, so die EU-Kommission, weil in den vergangenen Jahren die Menge an Verpackungsabfällen stärker gewachsen ist als das Recycling. Das Aufkommen hat den Angaben der Kommission zufolge in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20 Prozent zugenommen und erreichte 2020 in den 27 EU-Staaten 79,3 Mio Tonnen, was einer Durchschnittsmenge von 177 kg pro Person entsprach. Bis 2030 wird ein Anstieg um weitere 19 Prozent erwartet, falls keine Maßnahmen ergriffen werden. Für Plastik wird sogar ein Zuwachs von 43 Prozent prognostiziert.
Die EU-Kommission merkt an, dass es nicht möglich sei, sich aus einem wachsendem Abfallstrom „herauszurecyceln“.

Damit die Vermeidungsziele erreicht werden können, setzt der Verordnungsvorschlag auf die Nachfüllung von Behältern und auf verbindliche Quoten für die Nutzung von Mehrwegverpackungen in bestimmten Anwendungsbereichen. Hat in der Gastro-Branche in Deutschland ja hervorragend geklappt – nicht.

Der EU-Vorschlag sieht zudem eine Pfandpflicht für die Mitgliedstaaten zur Schaffung von Pfandsystemen für Einweg-Getränkeverpackungen ab Jahresbeginn 2029 vor. Betroffen sind Plastikflaschen und Metallbehälter mit einem Fassungsvermögen von jeweils bis zu drei Litern. Die
Pfandpflicht gilt nicht für Wein, aromatisierte Weinprodukte, Spirituosen sowie Milch und Milchprodukte. Der Vorschlag fordert außerdem von den Mitgliedstaaten, sich zu „bemühen“, für Einweg-Glasflaschen, Getränkekartons und für wiederverwendbare Verpackungen Pfand- und Rücknahmesysteme einzuführen. Sie sollen außerdem sicherstellen, dass für Endverbraucher die Rückgabe von Mehrwegverpackungen ebenso bequem ist wie die von gleichartigen bepfandeten Einwegverpackungen. In Deutschland hat das Pflichtpfand für Einweg zu einer Abschwächung der Mehrwegquote auf unter
50 Prozent beigetragen. Der Handel stellt Rücknahmeautomaten auf und mehr nicht.

Und was ist los beim Plastikrecycling. Da soll wieder irgendetwas mit dem chemischen Recycling passieren ( Kritisiert wird bei solchen Verfahren der hohe Energieverbrauch. Zudem schwinde der Druck, sortenreine Verwertungsketten aufzubauen. Plastics Europe und die mit der Studie beauftragte Beratungsgesellschaft Deloitte betonen dagegen die Bedeutung des chemischen Recyclings auf dem Weg hin zur einer höheren Wiederverwertungsquote. 

Existierten Gelbe Tonnen, Plastik und Verbundverpackungen eigentlich schon im 19. Jahrhundert oder wie kam Friedrich Nietzsche zu der Ansicht, dass alles, was ist oder sein wird, schon einmal war? Die ewige Wiederkunft des Gleichen verfolgt Handel, Industrie und Entsorger schon seit seiner Geburt vor über 30 Jahren.

So verzehren sich die Schöpfer des Recycling über Gebühren-Preller, Trittbrettfahrer, Betrugsmodelle, Trickser und Fälscher. Ein jährlich ablaufendes Ritual der Eingeweihten. Der überschaubare Kreis von Tonnen-Philosophen ergeht sich mit Inbrunst in der Rezeption von Lizenzentgelten, Mengenströmen, Leichtverpackungen, Zertifikaten, Vollständigkeitserklärungen, Novellen der Verpackungsverordnung bis zum Verpackungsgesetz, Eigenrücknahmen, Branchenlösungen, haushaltsnahe Entsorgungssysteme (profan gesprochen: in der Regel Gelbe Säcke und Tonnen), Anfallstellen, Selbstentsorger, Gemeinsame Stelle, Vollzugsbehörden, Transportverpackungen, Umverpackungen, materialgleiche Nichtverpackungen, Wertstoff-Tonnen, rohstoffliche und werkstoffliche Verwertung, Reduktion in Hochöfen und Müllexporte (pardon: Wertstoffexporte) nach Asien, Bulgarien oder einfach das Meer.

Im Livetalk mit dem UBA-Präsidenten Dirk Messner geht es zum die zirkuläre Ökonomie. Bislang nur eine Illusion – also die Kreislaufwirtschaft.