Wie viele Betriebsräte gibt es in Startup-Unternehmen? Über das Leben im Hipster-Bullshit @MathildeRama @derfreitag #Xing #NewWork

Die New Work-Bewegung betreibt in Deutschland wirkungslose Canapé-Events zur Gewissensberuhigung. Supermarkt-Verkaufspersonal, Personal von Pflegediensten, Betriebsräte, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, schlecht bezahlte Clickworker oder Vertreter der rund 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich mit Arbeitsverträgen auf Abruf herumschlagen müssen, von fiesen Chefs am Arbeitsplatz mit Webcams überwacht und in Echtzeit dirigiert werden, sucht man bei den hochpreisigen Veranstaltungen in cool wirkendem Ambiente vergeblich. Siehe dazu auch: Über die untergrabene Freiheitsidee: Firma als Diktatur

Da hilft auch die Umbenennung von Xing SE in New Work SE nicht weiter. Das ist eher der Gipfelpunkt des Zynismus.

Änderungen im Gallup-Zufriedenheitsindex sind ebenfalls nicht feststellbar. So unternehmen angeblich viele Arbeitgeber große Anstrengungen, um Mitarbeiter an sich zu binden. Dennoch stagniert der Anteil der Arbeitnehmer, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber aufweisen bei mageren 15 Prozent. Ebenso viele Arbeitnehmer haben innerlich bereits gekündigt. 70 Prozent der Beschäftigten sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Rechnet man die 85 Prozent Unzufriedenen auf die erwerbstätige Bevölkerung hoch, sind das rund 30 Millionen Menschen. Und dieser Wert hat sich seit dem Start des Index vor knapp 20 Jahren kaum verändert. Der Anteil der Zufriedenen lag damals bei 16 Prozent.

Beim deutschlandweit ersten Dorfcamp ist das vor einiger Zeit intensiv mit Ute Schulze, Mike Schnoor, Tim Ebner und Christian Bartels in einer Session unter dem Thema „New Work – Mehr Schein als Sein“ diskutiert worden. Resümee: Menschen müssen sich in der Dienstleistungs- und Netzökonomie besser organisieren. In der industriellen Revolution ist das durch Arbeitervereine und Gewerkschaften geschehen. Die zersplitterte und hoch moderne Arbeitswelt unserer Tage hat den Organisationsgrad der Beschäftigten dramatisch reduziert.

Mike Schnoor verwies auf die Startup-Szene und auf Agenturen. Als Indikator könnte die Zahl der Betriebsräte in solchen Unternehmen herangezogen werden. Sie wird wohl erschütternd niedrig ausfallen. Bei den sogenannten Leiharbeitern und den Beschäftigten auf Abruf werden die Ergebnisse auch nicht besser abschneiden. 

Mathilde Ramadier hat das im Interview mit „Der Freitag“ trefflich auf den Punkt gebracht: Die Freiheit der Start-ups ist für sie eine neoliberale Lüge. Das Gerede über flache Hierarchien, jeder ist Unternehmer im Unternehmen, wir sind alle gleich und haben uns lieb, ist phrasenhafte Verarsche. „Es gab Start-ups, bei denen wir alle Manager von etwas waren: People-Manager, Country-Manager, der Herr am Empfang war Office-Manager. Das Wort hatte keinen Sinn“, so Ramadier.

Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert gebetsmühlenhaft für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. „Größere Unternehmen wurden restrukturiert, so dass sich ganze Abteilungen als eigenständige ‚profit centers‘ wiederfanden. Dies geschah unter der Maßgabe, mehr Spielraum zu ermöglichen und den Unternehmergeist auf allen Ebenen zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziel, die Wertschöpfung zu erhöhen und dem Management bessere Durchgriffsmöglichkeiten an die Hand zu geben“, erläutert Felix Stalder.

Sozialstaatliche Absicherung Einzelner hält man für überholt. Kollektive Institutionen, die für eine gewisse Stabilität in der Lebensführung sorgen können, gelten als bürokratische Hindernisse. Wer nach einem Betriebsrat fragt, fliegt raus und wird gilt fortan als Spielverderber. Um politische Freiheit, soziale Verantwortung und Autonomie geht es den Flexibilisierungsideologen ganz und gar nicht. Sie wollen mehr Spielraum für ihre Nasenring-Systeme bekommen. Lasst Euch von der Hipster-Scheiße nicht beeindrucken. Dahinter steckt egozentrischer Vulgärkapitalismus, der den Staat als Ärgernis sieht und ihn unterlaufen will.

#Datendiebstahl – Es war wohl doch nur ein Schüler, liebwerteste Investigativreporter der Bild-Zeitung und @jreichelt @gaborsteingart

Wer überlegt, ob er lieber mit dem Bundesinnenminister oder dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung über die Daten-Affäre sprechen möchte, sollte sich gegen Horst Seehofer entscheiden, schreibt Gabor Steingart martialisch in seinem Newsletter-Opus zur Frühstückszeit: „Julian Reichelt, der 38-jährige ehemalige Kriegsreporter, war früher dran. Er sitzt mit einer Truppe hochspezialisierter Investigativreporter auf dem riesigen Datenschatz der Hacker, der nun nach allen Regeln der Kunst gesichtet und analysiert wird. Es gilt das Motto der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann: ‚Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar‘.“ 

Ne Nummer kleiner geht es wohl nicht.

Und dann wird das Datenklau-Arkanum von Steingart noch 007-mäßig auf die Spitze getrieben:

„Das waren nicht ein oder zwei Jungs, die bei Pizza und Cola light im Keller gesessen haben. Das muss eine größere Struktur gewesen
sein.“
„Das Wahrscheinlichste ist, dass es zumindest staatliche Unterstützung – von welcher Seite auch immer – für diesen Hack gab.“
„Wir wissen ja, seitdem wir uns damit beschäftigen: Es wird nicht gehackt und geleakt, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, sondern es wird gehackt und geleakt, um eine politische Agenda zu verfolgen.“
„Ich glaube, dass in unserem Informationszeitalter das Zurückhalten von Informationen nicht funktionieren wird und schon gar nicht wird es beruhigend oder stabilisierend wirken. Das heißt, wenn ich zu dem Schluss komme, dass es ein überragendes öffentliches Interesse gibt, dann wird man nicht umhinkommen, Dinge zu veröffentlichen.“

Der Hacker und Unternehmer Adrian Janotta hatte gestern im Interview schon die Vermutung geäußert, dass es sich wohl um eine Melange von unterschiedlichen Aktivitäten eines Doxing-Protagonisten handelt, der die Doofheit vieler Persönlichkeiten ausnutzte beim Zugang zu heiklen Daten. Etwa über das Eindringen in Windoof, um als Co-Pilot dann Social Web-Accounts zu übernehmen.

Und nun das: „Nach SPIEGEL-Informationen wurde bereits am Sonntag ein 20 Jahre alter Mann aus Mittelhessen festgenommen. Er steht im Verdacht, Hunderte Datensätze von Politikern und Prominenten im Internet veröffentlicht zu haben. In ersten Vernehmungen zeigte sich der Mann geständig.“ Wird jetzt wohl doch keine 007-Story.

Uploadfilter sind eine Schnapsidee, sagt der neue Datenschützer @UlrichKelber – Was sagt @AxelVossMdEP?

Im Interview mit der Zeitschrift c’t setzt Ulrich Kelber, der neue Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit einige wichtige Akzente, die in den kommenden Jahren stärker ins Zentrum der Netzpolitik rücken sollten – etwa das Gewaltmonopol des Staates bei der Durchsetzung von rechtsstaatlichen Verfahren auf Plattformen wie Facebook oder Twitter: Es ist fatal, hier die Silicon Valley-Unternehmen zum Staat im Staate zu machen nach dem Motto „Du, Facebook, sorge dafür, dass dies und jenes funktioniert.“ Damit kastrieren sich Legislative, Exekutive und Judikative. So hält Kelber die Initiative des EU-Parlaments zur Einführung von Upload-Filtern für eine Schnapsidee. Ist der Datenschützer jetzt auch fremdgesteuert von amerikanischen Konzernen, lieber Axel Voss.

Kelber stellt die berechtigte Frage, wer die Technik für die Überwachung von Uploads liefern soll? Dinge zu machen wie: „Ach Google, mach Du doch bitte eine rechtskonforme Lösung“ sei eine hochgefährliche Angelegenheit – vor allem für kleinere Anbieter. Faktum ist, Voss und Co. wissen nicht, wie man den Beschluss des EU-Parlaments technologisch umsetzen kann. Und allein das ist ein netzpolitischer Treppenwitz.

Interessant finde ich zudem die Ausführungen zum Informationsfreiheitsgesetz. Kelber will sich intensiv damit beschäftigen, wie das Gesetz wirklich umgesetzt wird und wie die Fristen eingehalten werden. Wie werde versucht, etwas zu umgehen? Werden Geschäftsgeheimnisse nur vorgetäuscht? Da gibt es eine Menge zu tun, Herr Kelber: Bei Anfragen überbieten sich die Behörden in der Kunst des Abwimmelns. Die Gummiparagrafen des IFG machen es möglich. Der Exekutive wird es leicht gemacht, unliebsam Fragende in die Schranken zu weisen. Ein stattlicher Anteil der insgesamt 13 Paragrafen regelt, wie man den Bürger wieder los wird: Etwa Paragraf 3: Schutz von besonderen öffentlichen Belangen, Paragraf 4: Schutz des behördlichen Entscheidungsprozesses, Paragraf 5: Schutz personenbezogener Daten oder Paragraf 6: Schutz des geistigen Eigentums und von Betriebs- oder Geschäftsgeheimnissen.

Sehen sich die Behörden mit besonders hartnäckigen Fällen konfrontiert, die sich nicht abblocken lassen und auf ihrem Recht auf Informationsfreiheit bestehen, greifen die liebwertesten Beamten-Gichtlinge zur Allzweckwaffe: Paragraf 10: Gebühren und Auslagen. Wie hoch diese tatsächlich sein können, liegt im Ermessen der Behörde und variiert je nach Hartnäckigkeitsgrad. Also für Bürgeranfragen schwer kalkulierbar. Die Abschreckung wirkt erstaunlich gut. Wer nicht über entsprechende Budgets verfügt, zieht die Anfrage lieber zurück. Eine bürgernahe Verwaltung sieht anders aus. Ein Auftrag zum Ändern.