Fritz Kortner im Stummfilm „Beethoven“ – Gefeiertes Werk mit einem großartigen Schauspieler: Beethoven-Filmfest im Bonner Rex-Kino #BTHVN2020

Fritz Kortner spielt Ludwig van Beethoven in der großen Filmbiografie, die zum 100. Todestag Beethovens erschien und sein Leben von der Geburt in Bonn bis zu seinem Tod in Wien nachzeichnet.

„Ein Beethoven-Film, wie ihn der Wiener Schriftsteller Emil Kolberg erzählt und ein künstlerischer Leiter von, wie es scheint, nicht gewöhnlichen Fähigkeiten, Hans Otto (Löwenstein), ausgeführt hat, konnte sich selbstverständlich nicht die Aufgabe stellen, dem Volke erschöpfend vorzuführen, was Beethoven für das Geistes- und Gemütsleben aller Zeiten bedeutet. In sehr geschickter Weise beschränkten sich beide Verfasser darauf, dem Volke den Menschen Beethoven nahezubringen. Von seiner Kindheit in Bonn am Rhein bis zu dem erschütterndsten aller Trauerspiele, dem Taubwerden des Schöpfers der göttlichen Tonwerke, Prometheus am Felsen der körperlichen Unzulänglichkeit. Dazwischen liegen einige seiner reizendsten Erlebnisse: wie der alte Haydn ihn beim Orgelspiel in Bonn belauscht und die Größe des jungen Menschen erkennt und neidlos fördert; seine Liebe zu der schönen Gräfin Guicciardi, die seine Größe nicht versteht“, schreibt der Wiener Abend im Jahr 1927.

Das cineastische Meisterwerk wurde im Rex-Kino (mit einer fantastischen Akustik) live am Klavier von Markus Kreul begleitet, der speziell für die Aufführung des Films beim Bonner Beethoven-Filmfest eine eigene musikalische Fassung erstellt hat. Eine kleine Kostprobe ist nach den einleitenden Worten von Dieter Hertel und der Kuratorin Dr. Ingrid Bodsch auf meinem Video-Mitschnitt hören. Auch das ein kompositorisches Glanzstück.

Wer die Stimme von Kortner hören möchte, sollte sich die Gesamtaufnahme des „König Lear“ besorgen, die der WDR 1958 unter der Regie von Wilhelm Semmelroth produzierte. In ihr sprach Kortner die Titelrolle.

Diese Aufnahme ist ein großer Schatz der deutschen Theatergeschichte, zeigt er das Sprechtheater von seiner allerbesten Seite. Die CD ist in der Edition vertriebene deutsch-jüdische Schauspielerinnen und Schaupieler bei Mnemosyne erschienen.

Siehe auch:

Beethoven-Filmfest startet mit „Eroica. The Day that changed music forever“: Gänsehaut-Momente und Tränen

Weitere Vorstellungen im Rex-Kino in Bonn-Endenich:

Sa, 26.9., 14 Uhr „Beethoven – Tage aus einem Leben“ (1976)

Sa, 26.9, 18 Uhr: „The Magnificent Rebel“ (1961)

So, 27.9., 11 Uhr: „Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte“ (1994)

So, 27.9, 14 Uhr: „Ludwig van Beethoven. Eine deutsche Legende“ (1949)

Mo, 28.9., 18 Uhr: „Beethoven – Die ganze Wahrheit“ (1984)

Di, 29.9., 18 Uhr: „Ludwig van“. Ein Film von Mauricio Kagel (1970)

Mi, 30.9., 20 Uhr: „Un Grand Amour de Beethoven“ (1936/37)

Man sieht sich im Rex-Kino (das Lieblingskino von Miliana).



Beethoven-Filmfest startet mit „Eroica. The Day that changed music forever“: Gänsehaut-Momente und Tränen #BTHVN2020

Rex-Kinosaal

Im Rex-Kino in Bonn-Endenich hätte das Beethoven-Filmfest nicht besser starten können.

Den Anfang der Filmreihe machte „Eroica. The Day that changed music forever“. Als 1805 die erste öffentliche Aufführung von Beethovens dritter Sinfonie (Eroica) in Wien stattfand, hatten einige wenige Privilegierte das Werk bereits im Juni 1804 bei einer privaten Uraufführung im Schloss Lobkowitz gehört. Das preisgekröntes Epochendrama mit Ian Hart in der Hauptrolle als Beethoven erweckt den bedeutsamen Tag zum Leben. Joseph Haydn, der ehemalige Lehrer von Beethoven, trifft zu Beginn des letztes Satzes der Sinfonie ein und soll danach die titelgebende Bemerkung gemacht haben: „Der Tag, der die Musik für immer verändert“. Sir John Eliot Gardiners herausragende Produktion der Eroica, die mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique exklusiv für diesen Film im Eroicasaal in Wien gemacht wurde, ist fesselnd und wirkt im Kinosaal wie ein Erdbeben. Jedenfalls war es bei mir so: Tränen und Gänsehaut. 

Ihr solltet Kopfhörer aufsetzen, sonst wird das nichts mit der Wirkung des Films

Pressestimmen „Auf eine stärkere Besetzung konnte man nicht hoffen“. (The Times) „Eine kluge und schön gemachte Dramatisierung“. (The Sunday Times) „Das war aufregend, sowohl visuell als auch klanglich.“ (The Sunday Telegraph) „Ian Hart ist brillant wie Beethoven, eine sprunghafte, magnetische Figur von Genie und ungehobeltem Charme.“ (The Daily Mail) „Sie benutzen das, was wir von den betroffenen Menschen und Orten wissen, um eine plausible Erzählung über Politik, Liebe und Wut zu erfinden, in deren Mittelpunkt vor allem die Musik steht. Die häusliche Dimension des Schauplatzes erinnert eindringlich an die große Reichweite und die Fähigkeit des Werkes zu schockieren“ (The Daily Mail). 

Weitere Vorstellungen im Rex-Kino in Bonn-Endenich:

Do, 24.9., 18 Uhr „Märtyrer seines Herzens“, Stummfilm (1917/18)

Fr, 25.9., 18 Uhr: „Beethoven“, Stummfilm 1927 (mit Livebegleitung am Klavier, Markus Kreul)

Sa, 26.9., 14 Uhr „Beethoven – Tage aus einem Leben“ (1976)

Sa, 26.9, 18 Uhr: „The Magnificent Rebel“ (1961)

So, 27.9., 11 Uhr: „Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte“ (1994)

So, 27.9, 14 Uhr: „Ludwig van Beethoven. Eine deutsche Legende“ (1949)

Mo, 28.9., 18 Uhr: „Beethoven – Die ganze Wahrheit“ (1984)

Di, 29.9., 18 Uhr: „Ludwig van“. Ein Film von Mauricio Kagel (1970)

Mi, 30.9., 20 Uhr: „Un Grand Amour de Beethoven“ (1936/37)

Hofrat Kempelen, Turing und der Schachautomat als ironischer Vorläufer von Künstlicher Intelligenz

Die Erfindungen von Hofrat Kempelen

Mechanische Apparate und Automaten galten an den Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts als begehrtes Spielzeug, dessen ausgefeilte Technik erst mit der langsam einsetzenden Industrialisierung für nützlichere Aufgaben Verwendung finden sollte. Der berühmteste Automat wurde 1769 von Wolfgang von Kempelen, Hofrat von Kaiserin Maria Theresia, gebaut: Der „Türke“ oder Schachtürke, wie man die Puppe auf Grund ihrer orientalischen Tracht nannte, zählte als Schachautomat zu den größten Techniksensationen seiner Zeit.

Funktionierte die Maschine wirklich autonom, dann wäre sie die „wunderbarste über jedwede Vergleichung turmhoch erhabene Erfindung der Menschheit“, bemerkte Edgar Allen Poe, der die Maschine in Richmond bestaunen durfte. 

Die Erfindung des Schachtürken machte Kempelen in Europa und den USA berühmt. Sie war zwar eine Täuschung, „aber eine Täuschung, die dem menschlichen Verstande Ehre machte“, so Karl Gottlieb Windisch über das Genie der Mechanik.

Sprachautomat für Gehörlose

Die meiste Energie verwendet Kempelen auf seine sprechende Maschine. Durch ihre Bedienung sollten Gehörlose in die Lage versetzt werden, ihre Gedanken zu artikulieren. Der Apparat war in der Lage, kurze aber vollkommen verständliche Sätze auf Französisch, Italienisch und Latein aufzusagen.

Die von Kempelen gebaute Sprechmaschine, die nach 1780 im Einsatz war, steht heute im Deutschen Museum in München. 1791 schrieb Kempelen zu seinem Projekt ein Buch unter dem Titel: „Mechanismus der menschlichen Sprache nebst Beschreibung einer sprechenden Maschine“.

Kempelen unternahm in den 1780er Jahren ausgedehnte Tourneen durch Europa, um seinen Schachtürken vorzuführen. Die Sprechmaschine diente als Einführung. Sie war kein Schwindel und erhöhte die Glaubwürdigkeit des Schachtürken. Die Sprechmaschine hatte auf die philosophische, technische und literarische Szene eine nachhaltige Wirkung: Zauberflöte Mozart (mechanisches Glockenspiel), Alexander Graham Bell (Erfindung des Telefons), Charles Babbage (Erfindung der ersten Rechenmaschine) – die menschliche Stimme synthetisch hervorzubringen auf elektronischem Weg war die nächste Station: Dudley, Riesz und Watkins bauten sie 1939 – den Voice Demonstrator. 

Napoleon verliert gegen Schachtürken

Nach Kempelens Tod 1804 nahm Johann Nepomuk Mälzel den Schachautomaten in Besitz und ging mit ihm in Amerika auf Tournee. Als Napoleon Bonaparte 1809 die Stadt Wien besetzt, wünscht er gegen den Schachautomaten zu spielen, und Mälzel arrangiert eine Zusammenkunft in Schloss Schönbrunn. Der französische Kaiser verliert zwei Partien gegen den Türken.

In der dritten Partie macht der Korse wiederholt falsche Züge, worauf der wütende Androide sämtliche Figuren mit dem Unterarm vom Brett fegt – zur großen Erheiterung Bonapartes. Mälzel entwickelte wiederum das erste Metronom und beeinflusste Beethoven in seiner 8. Symphonie (1817). 

„Die Sprechmaschinen des 18. Jahrhunderts stehen am Beginn einer Geschichte der künstlichen Sprachsynthese; sie erweisen sich als systematische Strategien einer Visualisierung menschlicher Sprach und Kommunikation“, bilanziert die Wissenschaftlerein Brigitte Felderer.

Turing und die KI

Eine der seltenen historischen Ausflüge Alan M. Turings, der sich mit dem Prinzip der Universalmaschine beschäftigte, betrifft Kempelen. In „Digital Computers applied to Games“, erwähnt Turing den mechanischen Schachspieler als ironischen Vorläufer der Forschung zur Künstlichen Intelligenz. Turing konnte natürlich nicht ahnen, dass aus der Ironie Wirklichkeit geworden ist – zumindest bei denjenigen Protagonisten, die den Einsatz von Künstlicher Intelligenz nur vortäuschen.

So sagte der Gründer von Engineer.ai, Sachin Dev Duggal, dass bereits 82 Prozent einer App, die das Unternehmen entwickelt hat, automatisch mit der firmeneigenen Technologie erstellt worden seien. „Doch Reporter des Wall Street Journals berichteten, dass das Unternehmen bei der Erledigung des größten Teils dieser Arbeit auf menschliche Ingenieure in Indien setzte“, schreibt die SZ.

Besonders problematisch sei es, wenn KI bei sogenannten Chatbots vorgetäuscht wird. „Studien haben gezeigt, dass Menschen mitunter Maschinen mehr anvertrauen als menschlichen Chatpartnern, weil sie davon ausgehen, dass niemand davon erfährt. Es gibt Start-ups, die auch in diesem Bereich Leute dafür bezahlen, sich wie Maschinen zu verhalten, um dann ihr System als maschinelles Lernen zu verkaufen. 2016 enthüllte die Nachrichten-Agentur Bloomberg, dass einige Menschen zwölf Stunden am Tag damit verbrachten, sich als Chatbots für Kalenderdienste wie X.ai und Clara auszugeben“, führt die SZ aus.

Da ist mir der Schachautomat von Hofrat Kempelen viel sympathischer.

Zu diesem Komplex hatte ich mal eine Veranstaltungsidee. Leider scheiterte das Projekt an der Finanzierung.

Hier die Idee, die ich immer noch sehr gerne realisieren möchte: 

Wissenschaftler, Literaten und Experten diskutieren über den Erfindungsreichtum des 18. Jahrhunderts, der einen entscheidenden Impuls für die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert hatte, zu weiteren Technologieschüben im 20. Jahrhundert beitrug und bis heute Kunst, Kultur und Wissenschaft beschäftigt. 

Veranstaltung und begleitende Maßnahmen: 

Lesung aus dem Werk von Edgar Allan Poe „Die Entdeckung des Herrn von Kempelen“. Das könnte Wolfgang Schiffer übernehmen.

Danach Talkrunde zum Thema „Magischer Schachtürke, Sprechautomaten und die Maschinenwunder des 18. Jahrhunderts“ mit: 

Robert Löhr, Autor des Romans „Der Schachautomat“, geboren am 17.1.1973 in Berlin, arbeitet als Schriftsteller und Autor für Film, Fernsehen und Bühne – und nebenher als Regisseur, Schauspieler und Puppenspieler. Aufgewachsen ist er in Berlin, Bremen und Santa Barbara (USA). Zur Zeit lebt er in Berlin-Schöneberg. Tageszeitung „Die Welt“ über Löhrs Roman: „Robert Löhr wagt sich aufs Neue in den Türken und entdeckt die Geschichte als die, die sie tatsächlich ist, als Schlüsselgeschichte der Aufklärung. Er erzählt eine Mentalitätsgeschichte, eine Sittengeschichte, eine Gesellschaftsgeschichte. Alles leicht und flüssig und süchtig machend. Sag mal noch einer, die Deutschen könnten das nicht – den Historischen Roman“. 

Brigitte Felderer, Universität für Angewandte Kunst in Wien. Über ein Buchprojekt von Felderer: Begeistert zeigt sich FAZ-Rezensent Ernst Horst von Brigitte Felderers und Ernst Strouhals Buch „Kempelen – Zwei Maschinen“, das die Sprechmaschine und den schachspielenden Androiden des Barons Wolfgang von Kempelen (1734 bis 1804) vorstellt. Wie Horst hervorhebt, handelt es sich dabei nicht um ein Sachbuch im üblichen Sinn, sondern um ein „schönes Leporello“ in einer „altmodischen Mappe“. Felderer und Strouhal verwendeten eine von Jakob Scheid gebaute „Kempelenbox“, um die Erfindungen des Barons anschaulich zu machen. Die Box und ihr Inhalt seien keine Nachbauten, sondern künstlerische Neuinterpretationen aus modernem Material. Alles in allem ein „Sachbuch“, das nicht nur Texte biete, so der Rezensent, sondern auch Modelle „im Sinne der etwas anderen Bastelanleitung für lange Adventsabende“.

Dr. Stefan Stein, Heinz Nixdorf Museumsforum, Experte über die Geschichte und die mechanische Funktion des Schachtürken.

Die Moderation würde ich übernehmen.

Präsentation des Kempelen-Sprechautomaten (Nachbau von Jakob Scheid aus Wien) und des Schachtürken (eine voll funktionsfähige Kopie aus dem Paderborner Heinz Nixdorf Museumsforum).

Kleine Ausstellung über die Geschichte der Sprachautomatisierung.

Ist doch ein feines Konzept. Wer würde so etwas denn finanzieren?

#LassmalCut: Immer noch ikonisch im #Corona-Jahr – #NextAct virtuell @netzabine @winfriedFelser @constantinsohn @MarcWagner1975 @th_sattelberger

Nicht viele hatten seit den Corona-Beschränkungen den Mut wie Mister NextAct Winfried Felser, bei virtuellen Formaten radikal neue Wege zu gehen, viele verrückte Dinge auszuprobieren und sich von den üblichen einschläfernden Webinaren zu verabschieden.

Blecherne Stimmen, verkrampfte Moderation, kaum Interaktion und Referenten, die mit einer Flut von propagandistischen Powerpoint-Folien im sonoren Ton loblabern und ein wehrloses Publikum in den Netzschlaf wiegen: Man nennt das Ganze auch Heizdecken verkaufen über so genannte Webinare. 

Selbstgefällige Redner, die sich als schlechte Vorleser von übel gestalteten Textfolien mit phrasenhaften Bullet-Points darstellen, nerven schon bei normalen Präsenzveranstaltungen. Virtuell wirken sie besser als jedes handelsübliche Schlafmittel.

Im Auditorium eines Kongresses unterhält man sich mit der Nachbarschaft, studiert die neuesten Nachrichten auf dem Smartphone oder übersät seine Tagungsunterlagen mit „Das-ist-das-Haus-vom-Nikolaus“-Zeichnungen. 

Was bei einem normalen Kongress schon tödlich sein kann, beschleunigt sich bei Webinaren wie in einem Katalysator. Als Vortragender bekomme ich virtuell kaum eine Chance, das Ruder herumzureißen und mit einem Witz oder einer Anekdote das Publikum wieder für mich zu gewinnen.

Wenn Referenten dann noch mit monotoner Stimme aufwarten, ihre Denkpausen mit „Ähs“ und „Ähms“ überspielen, Silben verschlucken und ständig ins Mikrofon bellen, wirkt das Gesagte wie eine Foltermethode für die Ohren.

Da fand ich den Bullshit-Einstieg von Marc Wagner und den Ablauf der NextAct doch viel erfrischender.

Was für ein prägendes virtuelles Format habt Ihr denn in den vergangenen Monaten erlebt?

Siehe auch:

Mach mal Cut, das macht so keinen Sinn – über das ginlose Leben vor, auf und nach der #NextAct

#NextWirtschaftswunder auf der heutigen virtuellen #NextAct