Unternehmen sind politische Akteure, lieber Herr Sprenger – Zur Debatte über @JoeKaeser

In der der Differenz zwischen der „Nützlichkeitsethik“ (teleologische Ethik) von Hobbes und der Pflichtethik (deontologische Ethik) von Kant liegt das Spannungsfeld fast aller Debatten über Wirtschaftsethik

In der Differenz zwischen der Nützlichkeitsethik des Staatstheoretikers Thomas Hobbes und der Pflichtethik des Philosophen Immanuel Kant liegt das Spannungsfeld fast aller Debatten über Wirtschaftsethik und Wirtschaftstheorie. Das ist zwar eine recht verkürzte Sichtweise, aber so grob kann man die unterschiedlichen Strömungen in der Ökonomik einteilen.

Nützlichkeit und Sittlichkeit haben nichts miteinander zu tun, sagen die Pflichtethiker. Verfechter der Nützlichkeitsethik kontern, Moral ist für nach Vorteil strebenden Menschen und nicht für Heilige da. Letztere Denkweise dominiert in der Wirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik und auch im wirtschaftlichen Handeln. Das individuelle Wohlergehen wird addiert zu gesellschaftlichen Zuständen. Einfach gesagt: Eine Handlung ist dann moralisch, wenn die Folgen für mich und für viele optimal sind.

Wenn wir uns die Intrigen, Lügen, Manipulationen und Machenschaften zur Diesel-Affäre anschauen, geht es wohl wenig um Pflichtethik. Was Aufsichtsräte und Vorstände interessiert, ist nicht beim Philosophen Kant anzusiedeln. Man will schlichtweg relativ ungeschoren davonkommen und handelt dabei rechtskonform. Nach der geltenden Rechtsprechung müssen die Aufsichtsräte in Deutschland vor allem auf die Liquidität der Unternehmen achten. Sie müssen Warnsignale frühzeitig wahrnehmen und im Krisenfall ohne Zeitverzögerung Sanierungen einleiten – ansonsten drohen den Kontrolleuren haftungsrechtliche Konsequenzen. Aber wie steht es mit unethischem Verhalten?

Passt das in das monokausale Gefüge der Controlling-Pflichten mit dem Gejodel über Kennzahlen, Bilanzbewertungen und juristischen Kenntnissen über Gesellschaftsverträge? Wohl nicht. Was aber sind die Konsequenzen von Abgas-Betrügereien ? Sie vernichten den Unternehmenswert, schädigen das Gemeinwohl, führen mittelfristig zu einem Stellenabbau und belasten die Volkswirtschaft. Mit der reinen Lehre der Nützlichkeit kommen wir da nicht weiter. Hier liegt eine Schwäche der Wirtschaftspolitik, der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und des Managements vor.

Mehrheitsfähig dürfte die Position des Unternehmers Stephan Brockhoff sein, die er im Interview mit Zeit Online äußert: Mit etwas mehr Menschlichkeit komme ein Veränderungsprozess in Gang, der gerade in der Marktwirtschaft gut funktioniert. „Denn mithilfe von Vertrauen und Empathie kann man das ungenutzte Potenzial von vielen Mitarbeitern in Unternehmen bergen – und letztlich auch monetarisieren. Menschlichkeit rechnet sich insofern.“

Thomas Hobbes würde jubeln. Es geht meistens um die Frage, ob moralisch oder ethisch relevante Sachverhalte sich für das Unternehmen positiv auswirken. Was Management-Zeitschriften und die Wirtschaftsforschung in der Corporate Social Responsibility-Debatte ins Zentrum rücken, ist der ökonomische Imperativ. Es muss sich rechnen. Mit der Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt hat das aber nichts zu tun: „Unternehmen publizieren oft schön formulierte Pressemitteilungen, CSR-Reports oder Codes of Conduct und errichten damit eine Imagefassade, während die eigentlichen Geschäftsprozesse unangetastet bleiben“, schreiben Andreas Georg Scherer, Guido Palazzo und Andreas Butz in einem Fachbeitrag für den Sammelband „Theorien der Wirtschafts- und Unternehmensethik“, erschienen im Suhrkamp-Verlag.

Die Mehrheit der Ökonomen sieht das wohl anders. Unternehmen sind Institutionen, die auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind. Jede soziale oder ökologische Verantwortung, die über gesetzliche Bestimmungen hinausgeht, sei abzulehnen. Eine solche Orientierung wäre kein Beitrag für die Wirtschaftlichkeit. Darüber hinaus sei das private Gewinnstreben aufgrund der Allokationsfunktion des Marktsystems der Katalysator für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt.

In der vulgär-kapitalistischen Variante von Donald Trump heißt das dann Trickle-down-„Theorie“. These: Wenn die Reichen reicher werden, wird das Geld der Oberschicht über kurz oder lang nach unten durchsickern.

Wirtschaftstheoretiker werden jetzt einwenden, dass es sich hier wohl eher um die extremistische Variante eines Nützlichkeitsideologen handelt. Im Großen und Ganzen gehe ja das Renditestreben der Unternehmen auf das Konto gesamtwirtschaftlicher Prosperität. Ich halte das für dürftig und naiv. Unternehmen sollten auch in der Wirtschaftstheorie als politische Akteure betrachtet werden – besonders im globalen Maßstab. Wir erleben immer häufiger ein Versagen des Staates bei der Durchsetzung von Normen und Pflichten für das Allgemeinwohl. Prominentestes Beispiel ist die Steuerflucht von Tech-Konzernen, die mit der EU Katz und Maus spielen. Unter diesen Bedingungen versagt häufig der ökonomische Imperativ.

Die Autoren Scherer, Palazzo und Butz subsumieren das unter dem Begriff „Global Governance“. Es müssen neue Formen der politischen Steuerung gefunden werden, um die politische Ordnung mittels neuer demokratischer Institutionen und Verfahren wieder herzustellen. Das sei nicht nur eine Angelegenheit der nationalen Regierungen und internationalen Institutionen, sondern auch eine Sache der privaten Akteure wie Nichtregierungsorganisationen, zivilgesellschaftlichen Gruppen, Konsumenten, Arbeitnehmer und eben auch Unternehmen.

Runde Tische sollten im Lichte der Öffentlichkeit Standards für Arbeitsleben, Menschenrechte, Korruptionsbekämpfung, Gesundheitswesen, Umweltschutz und Bildung entwickeln. Im transnationalen Diskurs kann man sich dann nicht mehr mit netten PR-Sprüchen, CSR-Hochglanzbroschüren und semantischen Nebelkerzen über Wasser halten.

In diesem Demokratiemodell sind Unternehmen dann Gegenstand demokratischer Mitentscheidung und Kontrolle. 

Vor diesem Hintergrund halte ich die Kritik des Beraters Reinhard Sprenger an dem politisch motivierten Tweet von Siemens-Chef Joe Kaeser zur Sea Watch-Affaire für fragwürdig. Es geht nicht nur um die Interessen der Aktionäre und Angestellten. Sprenger spielt wohl philosophisch zu viel auf der Seite von Thomas Hobbes.

Stefan Pfeiffer hat das trefflich formuliert: „Unternehmenslenker müssen öffentlich klare Ansagen machen und Aussagen treffen, wenn aus ihrer Sicht Grenzen überschritten werden. Mir sind solche Äußerungen lieber, als dass man still ist und still hält. Das hatten wir in der deutschen Geschichte schon einmal. Es wurde geschwiegen, geduldet, ja auch gespendet und gefördert. So etwas darf nicht mehr passieren.  Wegschauen gilt nicht mehr. Das sollten wir gelernt haben.“

Siehe auch:

Wie politisch soll/kann/darf ein CEO sein?

Sporthistorische Sensation in Niederzissen – Ein Ausrufezeichen in Richtung @digitalnaiv

Es gibt ja Fotos, die sind bei der ersten Betrachtung völlig unspektakulär. Doch bei dieser Aufnahme ist alles anders. Das ist eine sporthistorische Sensation. Am Wochenende gab es ein überraschendes Finale beim renommierten Tennisclub Niederzissen in der Eifel. Die Weltranglisten-Ersten im Doppel Deep Sy aka Serena Williams und Walter Warnecke aka Rafa Nadal mussten gegen die nicht gelisteten Außenseiter Nidzo Nidzo aka Novak Đoković und Gunnar Sohn aka Boris Becker ihren Titel als regionaler Doppel-Weltmeister verteidigen. Im ersten Satz sah es noch gut aus im Heimspiel für Sy-Warnecke.

Die Top-Favoriten konnten sich mit 6:4 knapp durchsetzen. Entscheidend waren dabei Erfahrung und Nervenstärke des Traum-Duos aus Niederzissen beim Stand von 5:4. Hier konnten sie einen drohenden Ausgleich verhindern und mit 1:0 in Führung gehen. Doch dann wendete sich das Blatt. Im zweiten Satz glänzten die Tennis-Anfänger Romic-Sohn mit Einfallsreichtum, Schnelligkeit und antizipierenden Tennis-Nasen. Sohn – genannt die Wand am Netz – konnte immer wieder harte KO-Schläge in der Offensive setzen. Nidzo Nidzo – genannt die Lunge – brillierte mit fantastischen Returns aus teilweise aussichtsloser Lage. Jedenfalls gelang es den Neulingen im globalen Eifeler Tenniszirkus, die amtierenden Doppel-Weltmeister mit 1:6 zu bezwingen. Im Dritten Satz sah es zeitweise nach einem souveränen Heimsieg von Deep Sy und Walter Warnecke aus. Am Ende entschied der fast unbändige Siegeswille von Romic-Sohn, die schon häufig in schwierigen Situationen mit Teamgeist und Durchhaltevermögen Berge versetzten und wohl auch in Zukunft versetzen werden. Der dritte Satz ging mit 9:11 vor ausverkauftem Haus auf dem Center Court in Niederzissen an die neuen Weltranglisten-Ersten Romic-Sohn. Das Publikum reagierte fair mit Standing Ovation.

Und Nidzo Nidzo wirkte an der Ergebnistafel, die das Geheimnis des dritten Satzes noch nicht lüftete, wie der junge Andre Agassi. Man wird noch viel von den völlig unerfahrenen Tennis-Champions aus der Bundesstadt Bonn hören. Eigentlich ein guter Grund für einen Empfang im Rathaus und für einen Eintrag ins Goldende Buch der Beethoven-Stadt Ashok-Alexander Sridharan General-Anzeiger Bonn. Ein Corso mir Rädern in der Ettighoffer Straße in Bonn-Duisdorf wird noch folgen.

Das große Finale im #BikiniBerlin #ThinkAtIBM #Livestudio

Nach sechs Wochen #THINKatIBM im Bikini in Berlin ziehe ich zusammen mit Geraldine Tenten, CMO IBM DACH, und Jan Fode, Head of Events IBM DACH, Bilanz. Wie sie die Pop-up-Experience im Herzen Berlins erlebt haben, erfahrt ihr hier im letzten IBM Livestudio Magazin live von der #THINKatIBM. War ne tolle Zeit 🙂

Transparente Verfahren zur Streitschlichtung vonnöten #Twittersperrt @EskenSaskia

Große Lücke für Internet Governance

Sie spielen Polizei, Geheimdienst, Sittenwächter, Zensor, Staatsanwalt, Richter und initiieren mittelalterliche Prangermethoden zur Verbannung von vermeintlichen Querulanten. Gaming-Anbieter, Netz-Giganten und Betreiber von Social Networks mutieren immer mehr zum Staat im Staate unter Missachtung rechtsstaatlicher Regeln.

Sie instrumentalisieren Allgemeine Geschäftsbedingungen für Sanktionen, schließen Nutzer willkürlich aus und erteilen nach Belieben Ermahnungen, gegen die sich keiner so richtig wehren kann. Was macht ein professioneller Computerspieler, der von der Gaming-Community unter Duldung des Betreibers in einem „Tribunal“ wie zu Zeiten der Jakobiner-Herrschaft lebenslänglich von der Plattform verbannt wird, weil er als unhöfliche Nervensäge einigen Konkurrenten auf den Keks gegangen ist? Der Betroffene ist hilflos, es gibt keine Schiedsgerichte, Mediatoren oder juristisch saubere Verfahren. Am Ende wirkt der Bannspruch wie ein Berufsverbot.

Schand- und Ehrenstrafen

Es sind Schand- und Ehrenstrafen, die die Reputation vernichten. Ab dem 12. Jahrhundert eine beliebte Methode der Herrschenden, um die Fassade der „ehrbaren“ Bürger zu wahren. Wenn der Delinquent nicht geköpft, erhängt oder gevierteilt wurde, sollte er zumindest der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die bigotte Community vertrieb den Außenseiter. An dieser Stelle folgt meistens der Einwand, dass ja niemand gezwungen sei, die sittenwidrigen Geschäftsbedingungen zu akzeptieren. Es ist wie bei einer Hausordnung. Wer das Hausrecht besitzt, könne auch sanktionieren. Bei einem Music-Club oder einer Bar nehmen wir das leider allzu oft hin, weil es genügend Alternativen gibt. Der Türsteher mokiert sich über meine krumme Nase, Hautfarbe oder mein schlampiges Outfit und lässt mich nicht rein. Wenn Plattformbetreiber meine virtuellen Accounts wegen irgendwelcher Regelverstöße löschen oder sperren, kann das meine komplette Arbeitsfähigkeit gefährden. Werden Applikationen inhaltlich zensiert, bleiben die Grundrechte auf der Strecke.

Betreiber verstecken sich hinter AGB-Prosa

Selbst wenn man sich die Mühe macht, die wenig erfrischende AGB-Prosa der Anbieter zu studieren, müsste danach noch die Konsultation bei einem Anwalt folgen, um am Ende auf den Button zu klicken, der besagt: „Ich habe die Allgemeinen Geschäftsbedingungen sorgfältig gelesen und akzeptiere sie.“ Wie muss ich denn folgende Formulierung interpretieren: „Die vorgenannten Haftungsbeschränkungen gelten nicht in den Fällen zwingender gesetzlicher Haftung – insbesondere nach dem Produkthaftungsgesetz – sowie bei Übernahme einer Garantie oder schuldhaft verursachten Körperschäden“? Hä? So geht es in der Regel noch 500.000 Zeichen weiter. Ohne Jura-Studium mit jahrelangem Besuch von überteuerten Repetitorien kommt man wohl nicht weiter. Und selbst Juristen legen sich bei diesem verschachtelten Gemurmel die Karten. Es sind Gummi-Paragrafen, die den Firmen maximale Bewegungsfreiheit gewähren, um gegen Anwender irgendwelche Knüppel zu schwingen oder sich bei Rechtsstreitigkeiten aus der Affäre zu ziehen.

Sohn vom Sohn bekommt Ärger

Was dem Sohn vom Sohn mit dem Dienst Tandem vor ein paar Jahren widerfuhr, ist symptomatisch für die Ignoranz vieler Angebote, die zwar hipstermäßig im freundlichen Jargon daherkommen und dann auf irgendein nicht nachvollziehbares Denunziantentum von anderen Nutzern mit einer lebenslänglichen Verbannung reagieren. Dabei wollte der Sohn mit der App doch nur koreanisch lernen. Das kollaborative Lernprinzip überzeugte ihn: „Du lernst ihre Sprache, sie lernen deine Sprache. Übe das Zuhören, verbessere deine Aussprache und lerne mit Nativespeakern. Keine Verabredungen, keine Skype-Termine – Tandem-Lernen geht überall und jederzeit.“ Also ein Geben und Nehmen. Nach der anfänglichen Euphorie, einer schnell wachsenden Community und ersten Erfolgen bei einer nicht ganz so einfachen Fremdsprache folgte die Ernüchterung. Der Sohn vom Sohn sei ausgeschlossen worden, da Verstöße gegen die Richtlinien der Plattform gemeldet wurden. Keine Anhörung, keine Gelbe Karte, keine Konkretisierung, kein Zugriff mehr auf die Peer-Group. Nur der lapidare Hinweis, dass man aus der Lerngemeinschaft für immer verbannt sei:

„Dear Constantin, our highest priority is to make Tandem a friendly, safe place to practice foreign languages. A ban happens when we receive a complaint from other members that you have broken Tandem rules. While we never monitor any calls, we take all reports very seriously, and take immediate action. Our decision is final and we will not revisit it. We will also not accept any of your further applications to join Tandem. Thank you for understanding. Julie“. Die heuchlerische Freundlichkeit kann sich Julie sparen.

Vorschläge für Internet Governance gefragt

Was folgt, ist klar. Es breitet sich das Gift von gegenseitigen Verdächtigungen aus. Wer hat mich gemeldet, warum ging ich einem anderen Teilnehmer auf den Keks, wer hat da ständig Hinweise auf konkurrierende Unternehmen gepostet, wie reagiert die Gruppe und, und, und. Auf Facebook ist über diese Bannflüche intensiv diskutiert worden.

Das Kopfschütteln ist in fast jedem Posting spürbar: Undifferenzierte Verbannungen seien nicht zielführend, so der Kommentar von Yanick. „Warum Nutzern nicht einfach ermöglichen, andere in der App zu blockieren, wenn sie sich belästigt fühlen.“ Total simpel. Tandem hatte übrigens die Verbannung nach unserem öffentlichen Protest zurückgenommen. Aber auch das ist reine Willkür. Was machen jene, die die Öffentlichkeit eher meiden wollen?

Internet Governance-Experte Professor Wolfgang Kleinwächter fordert im ichsagmal.com-Interview eine Abkehr von Prangermethoden, die im 15. oder 16. Jahrhundert üblich waren. So etwas gehört nicht in unsere Zeit. Auch Internet-Plattformen benötigen transparente Verfahren zur Streitschlichtung. Kleinwächter verweist auf die Uniform Domain-Name Dispute-Resolution Policy von Icann. Leider zählt das nicht zum Standard in Netz. „Hier sehe ich eine große Lücke für Internet Governance“, beklagt Kleinwächter. Wie könnte man das ändern?