Mit Bücherhaufen, Barthes und Luhmann einen Autorenwettbewerb gewinnen #24hDeutschland

rolandbarthes

„Wir wollen eure Stories und eure Photos! Alle Beiträge ergeben zusammen ein buntes (oder tristes?) Panorama des Alltags – quer durch Deutschland, quer durchs Leben. Sammle mit deiner Veröffentlichung bis Ende Januar 2017 die meisten Likes auf Juptr.io und gewinne Bares. Die drei erstplatzierten Beiträge erhalten als Gewinn jeweils 500, 300 und 200 Euro“, schreiben die Macher von Juptr. Mit den Likes sind auf der Plattform Juptr übrigens Sternchen gemeint. Habe einen Beitrag gedichtet und hoffe jetzt auf Eure Unterstützung – also Sterne 🙂

Den Beitrag findet Ihr unter „Roland Barthes, Niklas Luhmann und das tägliche Ritual der Recherche – Was Bücherhaufen und Notizzettel mit meinem Tagesablauf zu tun haben #24hDeutschland“

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sterne

Und jetzt geht es in trauriger Gemütsverfassung nach Berlin 🙁

Die Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit

Bücherhaufen

1970 wurde in Berlin der Merve-Verlag gegründet und galt nach anfänglichen marxistischen Ausflügen als publizistische Zentrale von Postmoderne und Dekonstruktion. So bilanzierte der entkollektivierte Merve-Gründer Peter Gente Ende der 1970er Jahre, dass man an der Dialektik irre wird. Das Verlags-Kollektiv zerbröselte irgendwann. Unter dem Deckmantel „proletarischen Erfahrungsinteresses“ flüchteten die Genossen ins partikulare Private: Bluesmusik, Nietzschelektüre, Malen, Biokost und Esoterikliteratur. Peter Gente entdeckte das Nachtleben.

Die Verlockungen der Kneipe

Seine Unlust am Diskutieren soll in dem Maß gewachsen sein, wie er den Lockungen der West-Berliner Kneipenlandschaft erlag, schreibt Philipp Felsch in einem Beitrag für die “Zeitschrift für Ideengeschichte” (Schwerpunkt: Die Insel West-Berlin).

Der hausmeisterliche universitäre Diskurs stand jedenfalls nicht mehr auf der Agenda des Verlages und bescherte uns doch wahnsinnig interessante Bücher. Aus der Internationalen Marxistischen Diskussion wurde ein Internationaler Merve Diskurs. Man entdeckte die Kunstszene und die Neuen Wilden, die sich im Schöneberger „Dschungel” tummelten: Markus Oehlen, Rainer Fetting, Martin Kippenberger. Entstanden sind eine Reihe von Künstlerbüchern: Godard, Heiner Müller, Minus Delta t, Blixa Bargeld und Werke über ästhetische Theorie: Roland Barthes’ Cy Twombly, Böhringers Begriffsfelder oder Hosokawas Walkman-Effekt. Dann natürlich die Merve-Champions Foucault, Virilio, Baudrillard, Deleuze oder der von mir geschätzte Autor Michel Serres.

Entdeckung der Systemtheorie

Später widmete sich der Berliner Verlag die Systemtheorie. Lesenswert der Luhmann-Band „Archmides und wir”. Nachgeholfen hatte der Luhmann-Schüler Dirk Baecker mit einem Brief an Gente:

„Heute würde ich Ihnen gerne zwei Buchprojekte vorstellen, die sehr gut in Ihre Tradition innovativen Traditionsverzichts passen würden. Im ersten Projekt handelt es sich um einen kleinen Band mit den gesammelten Interviews von Niklas Luhmann. Sie haben sicherlich mitverfolgt, zum Beispiel in der FR und in der taz, dass Luhmann einen sehr kühlen und ironischen, manchmal bissigen und in der Selbstkommentierung an ‚Monsieur Teste’ erinnernden Interviewstil entwickelt hat, der diesem Genre wieder etwas literarischen Schwung verleiht. Allesamt immer etwas launige, auf Tagesgeschehen und –eindrücke bezogene Kommentare, können sie doch auch als Einführungen in den spezifisch luhmannschen Theoriestil dienen“, so der Auszug des Becker-Schreiben, abgedruckt im äußerst lesenswerten Felsch-Band „Der lange Sommer der Theorie – Geschichte einer Revolte 1960 – 1990“, erschienen im C.H.Beck-Verlag.

Baecker und Georg Stanitzek liefern in der Einleitung des Luhmann-Buches noch eine kleine Epistemologie des Interviews. So könne man von dem Systemtheoretiker lernen, dass Kommunikation immer auch eine Operation der Beobachtung füreinander unerreichbarer Köpfe ist. In kaum einer Gesprächsform werde dies anschaulicher als im Interview. Es wird nicht der Versuch unternommen, Köpfe kurzzuschließen. Die Gesprächsform lebt von der Zufälligkeit der Fragen, was allerdings durch Autorisierungen oder vorgefertigte Skripte häufig genug in eine aseptische und damit ungenießbare Metamorphose kippt.

Diskurse ohne Volkerziehung

Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, ein weiterer sehr wichtiger Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren. Peter Gente und Heidi Paris hingegen kultivierten ihre gute Laune:

„Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“

Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Bücherleser. Das lebt auch nach dem Tod von Gente und Paris weiter. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen, von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen.

Das #NotizAmt plädiert für eine Luhmann-Suchmaschine – Entwickler sollten nach Bielefeld fahren @paderta #sck15

Luhmann statt Google
Luhmann statt Google

Das 760 laufende Meter umfassende Tessiner Archiv des legendären Ausstellungsmachers Harald Szeemann wird von einem Chaos der Ordnungen in allen Ebenen beherrscht. Zettel an Schnüren von der Decke, Karteikästen mit Registern auf Tischen, Schubladenschränke, Regale, Kisten und Tüten, Versuche des Reihens und Stapelns, der Serien- und Haufenbildungen. „Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung“ steht unter einem Regalbrett: „Das Wichtigste ist für mich, mit geschlossenen Augen durchzugehen, und meine Hand wählen zu lassen.“

Szeemann baut also einen Zufallsmechanismus in seine analoge Sammlung ein. Im wissenschaftlichen Kontext geht man bekanntlich anders vor. Wenn Forscher sehr sicher sind, was genau sie wissen wollen, entsteht dabei zwischen Lesen und Schreiben keine große sachliche und zeitliche Lücke.

„Man bibliografiert, welche Beiträge geleistet worden sind, und notiert sich, was ihnen entnommen werden kann“, schreibt Jürgen Kaube in seinem Beitrag „Luhmanns Zettelkasten oder Wie ist gedankliche Ordnung möglich? im Ausstellungskatalog „Serendipity – Vor Glück des Findens“, erschienen im snoeck-Verlag.

Nachdenken, Weiterlesen, Rechnen, Experimentieren, Datenausschöpfen, Fragen und Antworten formulieren. Die Lektüre und Recherche erfolgt zielgerichtet.

Der berühmte Zettelkasten, den der Soziologe Niklas Luhmann schon im Alter von 25 Jahren anlegte und bis zwei Jahre vor seinem Tod 1998 geführt hat, um seine Gedanken und Lektüren zu dokumentieren, funktioniert anders. Eine Erkenntnis wollte er nicht in Stein meißeln, sondern auf verschiedene Wege weiterführen. Wie Szeemann entscheidet eher der spontane Griff in den Zettelkasten das Sucherergebnis. Bei einer Suchmaschine müssen wir irgendeinen Begriff in die Tasten kloppen und werden angetrieben von einer zielgerichteten Suche. Oder sollte man vielleicht eingeben „Ich will mich von Dir überraschen lassen, liebwerteste Google-Suchmaschine“. Beim Flanieren in der Bibliothek, beim Stöbern im Zettelkasten, beim Durchblättern eines Buches oder irgendwelcher Notizen findet man Dinge, die man eigentlich gar nicht gesucht hat. Genau das leisten Google und Co. nicht:

„Je besser die Algorithmen von unseren Suchmaschinen werden – in der Regel Google -, desto weniger stoßen wir auf neue Sachen. Wir bekommen nur das geliefert, was ganz viele andere User schon eingegeben haben“, bemerkt Damian Paderta beim stARTcamp Köln.

Zudem kommt noch die personalisierte Analyse bei Google dazu, in dem das Verhalten des Suchenden in der Historie getrackt und gespeichert wird. Auch das verringert das Serendipity-Phänomen.

Die Google-Funktion „Auf gut Glück“ befördert nur mäßig das Zufallsprinzip.

Luhmann’s Zettelkasten ist besser als der Google-Algorithmus.

Baut doch in Europa eine Suchmaschine im Geiste des Bielefelder Soziologen. Ausführlich nachzulesen im Notiz-Amt der Netzpiloten.

Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen

Lust am Diskurs
Lust am Diskurs

Erst marxistisch, dann daneben. Der Publizist Peter Gente hielt sich nicht an die Regeln – und schuf so ein erfrischend GUT gelauntes Lebenswerk.

Lesenswert der Luhmann-Band „Archmides und wir”. Nachgeholfen hatte der Luhmann-Schüler Dirk Baecker mit einem Brief an Gente:

„Heute würde ich Ihnen gerne zwei Buchprojekte vorstellen, die sehr GUT in Ihre Tradition innovativen Traditionsverzichts passen würden. Im ersten Projekt handelt es sich um einen kleinen Band mit den gesammelten Interviews von Niklas Luhmann. Sie haben sicherlich mitverfolgt, zum Beispiel in der FR und in der taz, dass Luhmann einen sehr kühlen und ironischen, manchmal bissigen und in der Selbstkommentierung an ‚Monsieur Teste’ erinnernden Interviewstil entwickelt hat, der diesem Genre wieder etwas literarischen Schwung verleiht. Allesamt immer etwas launige, auf Tagesgeschehen und – eindrücke bezogene Kommentare, können sie doch auch als Einführungen in den spezifisch luhmannschen Theoriestil dienen“, so der Auszug des Becker-Schreibens, abgedruckt im neuen und äußerst lesenswerten Felsch-Band „Der lange Sommer der Theorie – Geschichte einer Revolte 1960 – 1990“, erschienen im C.H.Beck-Verlag.

Baecker und Georg Stanitzek liefern in der Einleitung des Luhmann-Buches noch eine kleine Epistemologie des Interviews. So könne man von dem Systemtheoretiker lernen, dass Kommunikation immer auch eine Operation der Beobachtung füreinander unerreichbarer Köpfe ist.

In kaum einer Gesprächsform werde dies anschaulicher als im Interview. Es wird nicht der Versuch unternommen, Köpfe kurzzuschließen. Die Gesprächsform lebt von der Zufälligkeit der Fragen, was allerdings durch Autorisierungen oder vorgefertigte Skripte häufig genug in eine aseptische und damit ungenießbare Metamorphose kippt.

Diskurse ohne Volkerziehung

Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, ein weiterer sehr wichtiger Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren.

Peter Gente und Heidi Paris kultivierten ihre GUTE Laune:

„Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“

Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Leser. Das wird auch nach dem Tod von Gente und Paris weiterleben. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen. Liebwerteste Gichtlinge sollten Merve-Bände lesen.

Ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen. Drum teilet und kommentiert das heutige Stück 🙂

Sympathisch respektlos die Blogrebellen: Warum Social-Media oft zum Kotzen ist und was du daran ändern kannst.

Niklas Luhmann und die unberechenbaren Computer-Kommunikatoren

Die kulturellen Katastrophen der Kommunikation
Dirk Baecker über die kulturellen Katastrophen der Kommunikation

Als System-Theoretiker bewahrt sich der Soziologe Dirk Baecker den Blick für das Wesentliche. Seit Einführung der Schrift werde eine Überforderung durch neue mediale Möglichkeiten beschrieben.

„Platon schaut nach Ägypten und befürchtet die Bürokratisierung der griechischen Polis und das Erkalten der menschlichen Kommunikation, wenn man beginnt, sich auf die Schrift und damit eine mechanische Gedächtnisstütze zu verlassen. Das Gegenteil war der Fall. Die Griechen erfanden in der Auseinandersetzung mit der Schrift die Philosophie, und die frühe Neuzeit erfand in der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle.“

Nach allem, was man bisher erkennen könne, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen.

„Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können”, so Baecker.

Soziale Netzwerke seien die Spielform der nächsten Gesellschaft. Hier könne jeder ausprobieren, was es heißt, im Medium der vernetzten Computer zu kommunizieren. Sie seien so wichtig wie die Computerspiele. Kommunikation, Interaktion und Wahrnehmung werden hier neu verschaltet, neue Befindlichkeiten und neue Begrifflichkeiten einstudiert.

Die Entmachtung der Experten

Google oder das Internet machen uns nicht blöd, wie es Feuilletonisten herunterleiern. So war der große Systemtheoretiker Niklas Luhmann von der Computerkommunikation regelrecht begeistert, obwohl er gar keinen hatte, sondern mit seinem legendären Zettelkasten operierte. Der Bildschirm des Computers sei das einzige Interface, das uns mit der Tiefe der Rechner und ihrer Netzwerke verknüpft.

„Google is making us smart, wenn wir nur darauf achten, dass wir erst seit Google anfangen, uns über die Intelligenz von Netzwerkeffekten Gedanken zu machen, und auch erst seit Google darüber nachdenken, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Welt weniger der Normalverteilung von Gauß als vielmehr den Potenzgesetzen von Zipf folgen”, erklärt Baecker.

Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der so genannten Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich nur schwer überprüfen. Sie lässt sich jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in irgendwelche Ideologie gießen. Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computerkommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll.

Epochenwechsel

TV-Journalisten wie Ranga Yogeshwar erkennen den Paradigmenwechsel, der sich in der Mediennutzung abzeichnet und ein Vorbote für den Niedergang klassischer TV-Formate ist:

„Mit meinem neuen iPhone habe ich das Rechenzentrum meiner Studienzeit in der Hosentasche. Mit der WDR-Sendung Quarks & Co erreichen wir rund 500.000 Podcast-Downloads im Monat. Hier erreichen wir Größenordnungen, wo wir im normalen TV-Programm als öffentlich-rechtliche Anbieter zwar sehr viele jungen Menschen verlieren, aber durch die Hintertür im Internet wieder zurückgewinnen. Das zeigt sehr deutlich, mit welchem Tempo der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft. Wenn Sie das Gefühl haben, es ging in den vergangenen Jahren schnell, dann legen Sie den Gurt an: Es wird noch schneller“, so Yogeshwar.

Der Astronom

Den Epochenwechsel machte der Wissenschaftsjournalist an zwei Bildern des Malers Vermeer fest, die im Abstand von einem Jahr entstanden. Das Werk mit dem Titel „Der Astronom“ aus dem Jahr 1668 zeigte noch eine Welt, in der Menschen etwas betrachten.

„Der Astronom wagt nicht, etwas zu verändern. Ein Jahr später entsteht ‚Der Geograph’, der aktiv gestaltet und am Fortschritt arbeitet sowie das Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Es gibt viele Kunsthistoriker, die sagen, dass es sich um ein Scharnierbild handelt. Es dokumentiert den gesellschaftlich-kulturellen Wandel dieser Zeit. Von einer kontemplativen Welt zu einer Epoche, die Dinge tut. Meine These ist, wenn Vermeer noch leben würde, müsste er heute ein drittes Bild malen, denn wir leben in einer Zeit, die wieder einem Scharnier entspricht“, erläutert Yogeshwar.

Scharnierbild signalisiert den Epochenwechsel
Scharnierbild signalisiert den Epochenwechsel

Fortschritt sei im 17. Jahrhundert noch sehr langsam verlaufen. Das war eine Geschichte, die von einer Menschengeneration zur nächsten übermittelt wurde. Das ist ein großer Unterschied zu heute. Jeden Tag werden weltweit 20.000 wissenschaftliche Abhandlungen publiziert, jede Minute gibt es irgendwo auf der Welt eine neue chemische Substanz, die synthetisiert wird, alle drei Minuten gibt es eine neue physikalische Erkenntnis. Und das Tempo legt zu“, prognostizierte Yogeshwar. Noch nie zuvor sei derart viel erfunden worden. Das Telefon brauchte rund 100 Jahre, bis es sich durchsetzte. Auf ein Ferngespräch nach Indien wartete Yogeshwar früher noch 48 Stunden und wenn die Leitung zustande kam, mussten seine Eltern schreien, um sich verständlich zu machen. „Das Internet wächst in einer Dynamik, die man nicht mehr verstehen kann. Wer meint, das Internet zu verstehen, liegt falsch. So hat die Distribution in der Musikindustrie einen Einbruch von 30 Prozent erlebt. Und man darf sich fragen, ob der Job des Verlegers ein Auslaufmodell ist.“

Dead Terrorist überflügelt Gottschalk

„Wetten, dass“ hatte in guten Zeiten rund elf Millionen Zuschauer und zählte zu den Einschaltquoten-Champions.

„Die Jeff Dunham-Show ist viel bekannter. Sein Internet-Video ‚Ahmed the Dead Terrorist’ hat über verschiedene Internetkanäle allein in England 96 Millionen Downloads erreicht. Die Musik spielt nicht mehr bei ‚Wetten, dass’, die Musik spielt im Web“, prognostizierte Yogeshwar bereits vor rund fünf Jahren.

Mit Diensten wie Apple TV, Watchever, Netflix oder Amazon wird sich der Niedergang des linearen Fernsehprogramms verstärken. Das TV-Gerät wird wohl auch in Zukunft im Wohnzimmer stehen – also der Bildschirm. Die Inhalte bestimmen aber nicht mehr ARD, ZDF und Co., die Inhalte bestimmen die Zuschauer selber. Die TV-Macher sehen die Gefahr des Niedergangs bislang nicht: Ein Beispiel für Realitätsverdrängung lieferte beispielsweise ZDF-Sprecher Alexander Stock mit Blick auf die Original Channels von YouTube. Hierbei handelt es sich um werbefinanzierte und somit kostenfreie Spartenkanäle.

„Eine Wirkung auf den TV-Markt werden diese webbasierten Plattformangebote nicht haben. Dafür ist die Internetnutzung am TV-Gerät zu gering.“

Die Reaktion von ARD-Programmdirektor Volker Herres geht in die gleiche Richtung:

„Für uns sind neue Themenkanäle keine Konkurrenz. Das Erste werde seine Schwerpunkte anlässlich des Starts des Youtube-Programms nicht verändern“.

Diese Einschätzung könnte sich rächen:

„Es ist besser, eine solche Herausforderung, die zu Beginn nur Teile des eigenen Geschäftsmodells gefährdet, früh anzunehmen und darauf zu reagieren. Denn gerade Werbekunden könnten an den zielgruppenspezifischeren Angeboten der YouTube-Channel einen großen Gefallen finden. Und jüngere Zielgruppen, die bereits heute regelmäßig Youtube nutzen, nehmen das Angebot gerne in Anspruch nehmen. Durch den individuellen Abruf verschiedener Clips kann man nicht nur ein individuelles Spartenprogramm erstellen. Es lässt sich sogar problemlos auf mobilen Geräten wie Handys und Tablet-PCs abrufen – und nicht nur bei Internet-tauglichen Smart-TVs. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass sich für immer mehr Nutzer das klassische Lean-Back-TV zu einem Lean-Forward-TV entwickelt. Und man hat den Eindruck, dass beitragsfinanzierten TV-Anstalten darauf nicht vorbereitet sind“, so Professor Ralf T. Kreutzer, Co-Autor des Buches „Digitaler Darwinismus – der (stille) Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke – Welche Macht Social Media wirklich innewohnt“.

Videokommunikation ist spätestens seit den Erfolgen von Diensten wie Skype oder Google-Hangout ein beherrschendes Thema für Beruf und Freizeit:

„Vor allem die Erfahrungen aus der privaten Nutzung übertragen sich auf die Wirtschaftswelt“, so die Erfahrung von Johannes Nowak, Produktmanager von Aastra, die sich auf Kommunikationstechnologie spezialisiert hat.

72 Stunden Videomaterial pro Minute

Pro Minute werden auf Youtube mittlerweile 72 Stunden Videomaterial hochgeladen, so Google-Sprecher Stefan Keuchel. 77 Prozent der Internet-Nutzer in Deutschland schauen Online-Videos. 50 Prozent sehen Filme und 47 Prozent schauen bei Live-Events über das Internet zu, in beiden Fällen etwa 12 Prozent auf mindestens wöchentlicher Basis. Das ist das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW). Bei der jüngeren Bevölkerungsgruppe geht es dabei weniger um reine Download-Angebote, sondern um Streaming-Dienste.

„Diese Entwicklung wird durch Social Media und Social TV weiter gesteigert, so dass rund um Bewegtbildinhalte die zwischenmenschliche Kommunikation begünstigt wird“, sagt Holger Schöpper, Sprecher des Forums Bewegtbild im BVDW. „Video ermöglicht eine persönlichere Kommunikation, als es das geschriebene Wort jemals bieten kann. Und anders als beim geschriebenen Wort, benötigt Video keine Vorbildung, keinen Duden und keine Schönschrift. Video ist kein Abbild, sondern ein echter Einblick in unser Leben. Video ist gelebte Kulturtechnik”, resümiert Markus Hündgen, Organisator des Webvideopreises.

Ausführlich nachzulesen im Kapitel “Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint. Man kann das Opus schon vorbestellen.

Die Autoren des Buches – also Hannes Schleeh und ich – stehen übrigens für Lesungen, Keynotes und Talkrunden zur Vorstellung unserer prosaischen Ausflüge zur Verfügung. Einzige Bedingung für die Veranstalter: Unsere Auftritte müssen live ins Netz gestreamt werden mit Hangout on Air. Wir helfen auch gerne bei der technischen Bewältigung dieser Aufgabe.

Das müssen wir wohl beim nächsten Buchprojekt beachten:

Christiane Frohmann: „Digitales Publizieren sollte sich von der klassischen Buchkultur emanzipieren“

Literatur-Lesung: Luhmann und die Erfindung des deutschen Skandalfußballs

Neue Zettelkasten-Literatur
Neue Zettelkasten-Literatur

Handkuss oder Zungenkuss? Luhmann macht’s mit Charme, Lesung aus dem Buch: Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?, Kadmos-Verlag.

Luhmann und die Außerirdischen – Nachschub für die Zettelkasten-Literatursammlung #Kadmos

Neue Zettelkasten-Literatur
Neue Zettelkasten-Literatur

Kadmos zählt bekanntlich zu meinen Lieblingsverlagen, weil er immer wieder höchst ungewöhnliche Titel auf den Markt bringt, die sich vom Besteller-Einheitsbreit abheben. Höchst lesenswert sind auch die liebevoll formulierten Newsletter, die ich vom Team des Kulturverlags bekomme. Etwa das jüngste Opus über den nicht ummerkwürdigen Umgang mit Außerirdischen. So wird mir in angespannten Zeiten die soziologische Gelassenheit Niklas Luhmanns empfohlen, wie in dem von Klaus Dammann herausgegebenen Band „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?“ zu lesen ist (Lektüre könnte auch für NATO, EU, Putin und Co. sinnvoll sein).

„Mittlerweile sind, noch vor Öffnung seines Nachlasses, fast zweihundert Interviews und Gespräche gefunden worden, deren Existenz selbst Luhmann-Kennern kaum bekannt sein dürfte. Ausgewählt haben wir für diesen Band einige Diskussionen, in denen Luhmann in nicht unmerkwürdiger Gesellschaft auftritt: in linken und rechten, in ungenderisierten und feministischen Alternativblättern, bei SPIEGEL und FOCUS, in Talks mit einem links verorteten politischen Theologen, aber auch mit einem Rasseforscher. Darüber hinaus wird hier Niklas Luhmann als „Popstar ohne Zettelkasten“ sichtbar, mit fast schon sprichwörtlich trockenem Humor. Freilich wäre man bei seiner Antwort auf die Titelfrage auch auf die Teesorte neugierig: eher beruhigend oder anregend oder gar ein Power-Chai?“

Also ein notwendiger Band für meine Zettelkasten-Literatursammlung, die ich zur Vorbereitung der Zettelkasten-Stammtische wie ein Eichhörnchen horte – auch wenn es diesmal nicht um den legendären Zettelkasten des Soziologen geht. Indirekt sind es gedankliche Ableitungen seiner Zettelkasten-Recherchen.

Ungewöhnliche Umstände begleiteten den Luhmann-Band, seien es die höchst sonderbaren Kornfeldmarkierungen auf dem Kadmos-Fußabtreter, sei es die lange Produktionszeit des Buches, das nun in doppelter Weise fertig geworden ist.

„Zwar war diesmal nicht der Palettenschieber oder der Druckfehlerteufel tätig, sondern sein weniger gemeiner Bruder, der Druckauftrag-Beelzebub (oder waren gar Außerirdische am Werk?). Ihm bzw. ihnen ist es zu verdanken, dass wir nolens volens zwei verschiedene Fassungen haben, eine gebundene und eine broschierte: ein nicht ganz unmerkwürdiger Umstand, dem wir nun durch eine gewisse Preisdifferenz abhelfen wollen, die gebundene Ausgabe wird wie angekündigt 19,90 Euro kosten, die broschierte 14,90 Euro“, teilt der Verlag mit.

Diesen und viele andere schöne Bände kann man auch auf der Leipziger Buchmesse in Augenschein nehmen, die vom 13. bis 16. März stattfindet, darunter auch alle wichtigen Neuerscheinungen:

Christine Kirchhoff/Falko Schmieder: „Freud und Adorno. Zur Urgeschichte der Moderne“
Die Beiträge des Bandes spüren gemeinsamen Motiven und Fragen Freuds und Adornos nach und untersuchen die Rezeptionsgeschichte von Psychoanalyse und Kritischer Theorie.

Mark Butler: „Das Spiel mit sich (Kink, Drugs & Hip-Hop). Populäre Techniken des Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts“
Das Modifizieren des Körpers, das Fetischisieren von Dingen und die Rituale des BDSM; die Einnahme von Cannabis, Kokain, Amphetamin und MDMA; Writing, DJing, Breaking und MCing – allen untersuchten Praktiken ist gemeinsam, dass es Spiele sind bei denen der Einsatz das Selbst ist.

Oliver Ruf: „Wischen und Schreiben. Von Mediengesten zum digitalen Text“:
In diesem Band geht es sowohl um die Verortung »bewegten Schreibens« im Kontext einer „postmodernen Epochenschwelle“ (Lyotard) als auch um die Fokussierung der Provokationen des Poststrukturalismus auf zentrale theoretische Fluchtlinien.

André Meinunger: „Sick of Sick?“
Die humorvolle Antwort der Sprachwissenschaft auf Bastian Sick (erweiterte und durchgesehene Auflage).

Der Kadmos-Verlag freut sich auf Euren Besuch in Halle 3 am Stand G208, auch Außerirdische sind willkommen und auf einen Tee eingeladen. Leider werde ich es in diesem Jahr wieder nicht nach Leipzig schaffen. Aber Frankfurt dann im Herbst. Versprochen.

Bibliophile Streifzüge: Von der Zettelkasten-Literatur zum Zettelkasten-Stammtisch

Zettelkasten-Literatur
Zettelkasten-Literatur

Das Resultat meiner literarischen Streifzüge in den vorzüglichsten Buchhandlungen dieser Republik ist immer gleich und ähnelt den Erlebnissen des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom:

“Schränke voll knurriger, grollender, vorwurfsvoller Bände, die an der schlimmsten Bücherkrankheit leiden, die es gibt: dem Ungelesensein – ein Schmerz, der in Wut umschlägt, wenn das Buch daneben zum zweiten- oder zum drittenmal gelesen wird.“

Die Standardfrage unserer Gäste beim Betrachten der Bibliothek ist immer die gleiche. „Wie viele von diesen Büchern hast Du denn wirklich gelesen???“

Umberto Eco antwortet darauf:

“Gelesene Bücher sind längst nicht so wertvoll wie ungelesene.“

Eine Bibliothek sollte so viel von dem , was man nicht weiß, enthalten, wie der Besitzer angesichts seiner finanziellen Mittel hineinstellen kann. Dann entwickelt sich so langsam ein Depot für Zufallsfunde, für neue Gedanken und Ideen. Um so mehr, wenn man kein Freund von Ordnungssystemen ist 😉 In meinem Fall ist das noch eine vornehme Formulierung. Ich bin ein bibliophiler Vollchaot, der nur erahnen kann, wo sich ein Werk befindet. Mal da, mal hier, mal im Keller, mal im Arbeitsbüro, mal in der Bibliothek, mal in irgendwelchen Bücherstapeln in der Küche oder am Bett.

Meine Frau merkt sofort, wenn ich auf subtiler Jagd bin. Mit manischem Blick stapfe ich die Treppen hoch und runter. Folgt auf die Frage meiner Liebsten, was ich denn suchen würde, nur die knappe und etwas genervte Antwort „ein Buch“, lässt sie mich in Ruhe. Weitere Erklärungen über Autor, Titel, Verlag oder Erscheinungsjahr des begehrten Objektes wären sinnlos, da ich ja der Übeltäter bin, der das Opus nach irgendeinem Gesichtspunkt irgendwo hingestellt hat.

Auf der Suche nach der verschwundenen Literatur stoße ich dann meistens auf ganz andere Kostbarkeiten. Am Wochenende war das wieder einmal der Fall beim Umräumen meiner Keller-Bücher, die einer unüberschaubaren Zahl von Blumen weichen müssen. Also räumte ich die Holzmedien nach oben in die Bibliothek – was aber nur die halbe Wahrheit ist. Ich habe einfach den Esstisch als Zwischenlager annektiert und wurde beim Durchblättern einiger antiquarischer Trophäen in meiner Rolle als Bücherstapel-Transporteur immer langsamer. Status heute: Die Bücherregale im Keller sind noch ziemlich voll 😉

Und das brachte mich auf eine Idee. Ich könnte ja im ichsagmal-Blog ab und zu etwas über meine Fundstücke schreiben und auch die Ergebnisse des kursorischen Lesens schildern. Etwa über die zeitlosen und zeitgemäßen Betrachtungen von Richard Schaukal, die er in einer Art Zettelkasten-Literatur festgehalten hat. Zwei Bände kann ich da vorweisen, die im Georg Müller-Verlag 1913 und 1918 erschienen sind. So gleich bildete ich einen Zettelkasten-Literatur-Stapel oder Haufen, den ich für das obige Foto dann wieder ausbreitete. Dem Betrachter fallen sicherlich die Niklas Luhmann-Traktate auf. Und das ist mehr als ein Zufall: Denn ich schätze den kauzigen Soziologen, den ich bei einem Fachvortrag an der Uni Mainz hautnah erleben durfte. Das muss so Anfang der 90er Jahre gewesen sein – 1998 ist Luhmann bekanntlich gestorben.

Im Zettelkasten-Labyrinth
Im Zettelkasten-Labyrinth

Sein Aufsatz „Die Kommunikation mit Zettelkästen“ verführte mich zu einer intensiveren Lektüre. Da geht es um Überraschungseffekte, Informationen und Systeme – was jetzt für Luhmann-Kenner keine Überraschung ist. Aber seine Gedanken können sehr schön in die digitale Welt transformiert werden. Denn im Vordergrund stehen systematische Zufälle in der Kommunikation. Man kann ja Zufälle systematisch in Systeme einbauen.

„Auf Notizensammlungen übertragen: Man kann den Weg einer thematischen Spezialisierung (etwa: Notizen über das Staatshaftungsrecht) oder den Weg einer offenen Anlage wählen.“

Luhmann entschied sich bekanntlich für den zweiten Weg. Wie der Zettelkasten des Systemtheoretikers genau konzipiert ist, lasse ich jetzt außen vor. Das kann man dem Schrifttum von Luhmann entnehmen – beispielsweise in „Universität als Milieu“, herausgegeben von André Kieserling.

Für das Innere des Zettelkastens, für das Arrangement, für sein geistiges Leben sei entscheidend, dass man sich gegen eine systematische Ordnung entscheidet, so Luhmann. Man benötigt beliebige innere Verzweigungsfähigkeiten.

„Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann.“

"System" der Bücher-Haufen
„System“ der Bücher-Haufen

Die Gesamtheit der Notizen lasse sich nur als Unordnung beschreiben, immerhin aber als Unordnung mit nichtbeliebiger innerer Struktur – das würde meinen Bücherhaufen entsprechen, die ich immer wieder nach neuen Themen zusammen stelle.

„Manches versickert, manche Notiz wird man nie wieder sehen (Schicksal auch einiger Bücher, die bei mir hoffnungslos vergraben sind, gs). Andererseits gibt es bevorzugte Zentren, Klumpenbildungen und Regionen, mit denen man häufiger arbeitet als mit anderen. Es gibt groß projizierte Ideenkomplexe, die nie ausgeführt werden; und es gibt Nebeneinfälle, die sich nach und nach anreichern und aufblähen, die an untergeordneter Textstelle angebracht mehr und mehr dazu tendieren, das System zu beherrschen“, schreibt Luhmann.

Es ist die Kombination von Unordnung und Ordnung, die mich bei diesem Zettelkasten-System fasziniert. Ein Ideen-Gewimmel mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten, das erst im Moment der Auswertung produktiv wird. „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann. Einige digitale Dienste adaptieren übrigens schon seit einigen Jahren diese Zettelkasten-Methodik. Hier kann man sich beispielsweise verzetteln.

Das brachte mich dann auf die Idee, einen Zettelkasten-Stammtisch ins Leben zu rufen. Also ein Forum für Ideen-Gewimmel, für organisierte und unorganisierte Zufälle, für Gedankenblitze, für überraschende Kombinatorik von digitalen und analogen Dingen, für interdisziplinären Meinungsaustausch und für überraschende Erkenntnisse. Eine Plattform für Flausch, Plausch und Geselligkeit. In Köln/Bonn, Hamburg, Berlin und München, so dass sich die Zettelkasten-Idee ausbreiten kann. Einen Sponsor kann ich vermutlich für diese Sache begeistern.

Vielleicht startet die Zettelkasten-Stammtisch-Tournee schon im Frühjahr. Wäre das für Euch interessant? Wir könnten ja im Vorfeld schon virtuelle Zettelkasten-Stammtisch-Formate starten: Zettelkasten-Radio, Zettelkasten-TV und, und, und. Vorschläge für Kultorte als Behausung für die Zettelkasten-Stammtische wären nicht schlecht 🙂

Ein Zettelkasten-Barcamp würde mich übrigens auch reizen. Euch auch?

Literaturtipp für die Bücherjagd: Cees Notebook, Notebooms Hotel, Suhrkamp Taschenbuch, hier das vor allem das Kapitel „In Ecos Labyrinth“.

„Der Kontrollverlust darf nicht hingenommen werden“: Äh ja, was wollen Sie dagegen tun, Frau Leutheusser-Schnarrenberger?


In meiner Kolumne für den Fachdienst MarketingIT der absatzwirtschaft beschäftige ich mit dem Ausspruch: „Der Kontrollverlust darf nicht hingenommen werden. “ Das proklamierte trotzig Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. „Als Marshall McLuhan ‚Das Medium ist die Botschaft‘ schrieb, meinte er damit, dass in jeder Technologie zum Ausdruck komme, wie sie den Intellekt der Menschen anregt, welche Sinne sie anspricht und welche Erwartungen sie vernachlässigt. Der Glaube an einen ohnehin nicht mehr aufzuhaltenden Kontrollverlust ist Selbstaufgabe. Der Post-Privacy-Ansatz gibt die falsche Antwort auf die neuen Herausforderungen, denn er setzt auf Gleichgültigkeit und damit letztlich auf intellektuelle Kapitulation. Datenschützer und Verbraucherorganisationen führen auch keineswegs letzte Rückzugsgefechte, sondern bremsen die Datensammelwut von Staaten und Großkonzernen“, führt die FDP-Politikerin aus. Sie seien unverzichtbare Helfer beim Schutz der Bürgerrechte, auch gegen eine vermeintliche technische Übermacht. „Gegen innovative Geschäftsmodelle ist selbstverständlich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn aber einige wenige Konzerne wie Google oder Facebook unüberschaubare Datenberge und Informationen über Millionen Menschen anhäufen, aus denen sich Persönlichkeitsprofile erstellen lassen und die tiefe Einblicke in Privates ermöglichen, dann ist das beunruhigend. Die damit verbundene Machtfülle droht sich auf wenige private Großunternehmen zu konzentrieren, die sich grenzüberschreitend betätigen, was eine demokratisch legitimierte Kontrolle immer schwieriger macht“, meint die Ministerin.

Mal abgesehen von den üblichen Plattitüden über vermeintliche Datenkraken aus Übersee, bewegt sich die trotzige Haltung der liberalen Dame zum Kontrollverlust auf Sandkastenniveau. Hinter diesem Wort stecken kein Ziel, keine Programmatik und auch keine Utopie. Es beschreibt schlichtweg die normative Kraft des Faktischen. Die Justizministerin sollte nicht nur Marshall McLuhan lesen, sondern auch die Werke der Systemtheoretiker um den Soziologen Niklas Luhmann. Morgen ab 9 Uhr weiterlesen unter: http://www.marketingit.de/content/news/datenschuetzer-sollten-luhmann-lesen-von-der-trotzigen-verweigerung-des-kontrollverlustes;73956

Die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation: Luhmann lesen

Der Soziologe Dirk Baecker hat die kulturkritischen Töne zum Internet in einem FAZ-Interview recht hübsch widerlegt, auch wenn der Fragesteller vielleicht anderes beabsichtigte. Als System-Theoretiker bewahrt sich Baecker den Blick für das Wesentliche. Seit Einführung der Schrift werde eine Überforderung durch neue mediale Möglichkeiten beschrieben. „Platon schaut nach Ägypten und befürchtet die Bürokratisierung der griechischen Polis und das Erkalten der menschlichen Kommunikation, wenn man beginnt, sich auf die Schrift und damit eine mechanische Gedächtnisstütze zu verlassen. Das Gegenteil war der Fall. Die Griechen erfanden in der Auseinandersetzung mit der Schrift die Philosophie, und die frühe Neuzeit erfand in der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle“.

Nach allem, was man bisher erkennen könne, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen. „Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können“, so Baecker.

Soziale Netzwerke seien die Spielform der nächsten Gesellschaft. Hier könne jeder ausprobieren, was es heißt, im Medium der vernetzten Computer zu kommunizieren. Sie seien so wichtig wie die Computerspiele. Kommunikation, Interaktion und Wahrnehmung werden hier neu verschaltet, neue Befindlichkeiten und neue Begrifflichkeiten einstudiert.

Google oder das Internet machen uns nicht blöd, wie es Feuilletonisten herunterleiern. So war der große Systemtheoretiker Niklas Luhmann von der Computerkommunikation regelrecht begeistert, obwohl er gar keinen hatte, sondern mit seinem legendären Zettelkasten operierte.
Der Bildschirm des Computers sei das einzige Interface, das uns mit der Tiefe der Rechner und ihrer Netzwerke verknüpft. „Google is making us smart, wenn wir nur darauf achten, dass wir erst seit Google anfangen, uns über die Intelligenz von Netzwerkeffekten Gedanken zu machen, und auch erst seit Google darüber nachdenken, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Welt weniger der Normalverteilung von Gauß als vielmehr den Potenzgesetzen von Zipf folgen“, erklärt Baecker.

Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen. Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll.

Siehe auch:
Interessantes Interview mit Dirk Baecker über die Krisen der Computer-Gesellschaft. Hier der Teil 1 von 6 Teilen.