Nach den Klischees folgt die Diskriminierung – Autorengespräch mit Dr. Irène Y. Kilubi #ZPSued

Altersdiskriminierung und eine Vielzahl von weiteren Schubladisierungen sind ein weit verbreitetes Problem in unserer Gesellschaft. Doch warum spielen solche Klischees überhaupt eine Rolle? In ihrem neuen Buch „Du bist mehr als eine Zahl“, erschienen im Murmann-Verlag, räumt Dr. Irène Y. Kilubi mit Stereotypen auf und zeigt auf, dass das Alter keine Rolle für die Kompetenz und Leistungsfähigkeit eines Menschen spielt. In sämtlichen Bereichen, von der Wirtschaft über die Politik bis hin zu den Medien, besteht dringender Handlungsbedarf.

Häufig beginnt die Diskriminierung mit reflexhaften Bemerkungen, die wir nicht kritisch hinterfragen. Ein Beispiel dafür ist die Art und Weise, wie über Joe Biden gesprochen wird. Sein Alter wird als Grund genommen, um ihn abzuwerten und als senil darzustellen. Doch Altersdiskriminierung geht weit über solche oberflächlichen Kommentare hinaus. Das Problem liegt darin, dass wir bestimmten Werten und Attributen bestimmte Altersgruppen zuordnen. Das Wort „alt“ ist leider negativ behaftet und wird oft mit dem Verlust von Kompetenz und Attraktivität assoziiert. Solche und andere Vorurteile führen zu Diskriminierung in verschiedenen Bereichen, wie beispielsweise der Annahme, dass Mädchen kein Mathe können oder dass ältere Menschen nicht mehr lernfähig sind. Die Liste der Diskriminierungsbeispiele ist endlos.

Junge Menschen werden oft als zu unerfahren oder unfähig angesehen, um Verantwortung zu übernehmen oder Führungspositionen zu bekleiden. Auf der anderen Seite werden ältere Menschen oft als alt und nicht mehr leistungsfähig abgestempelt. Doch das Alter korreliert nicht mit Leidenschaft, Potenzial und Leistung. Diese Eigenschaften sind unabhängig von der Zahl, die unser Alter repräsentiert. „Es ist an der Zeit, das Augenmerk auf Leidenschaft, Potenzial und Leistung zu legen, anstatt auf das Alter“, so Dr. Kilubi.

Eingefahrene Denkmuster haben weitreichende Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft. Menschen werden aufgrund ihres Alters ausgeschlossen und ihre Potenziale bleiben ungenutzt.

Dr. Irne Y. Kilubi hat in ihrem Buch „Du bist mehr als eine Zahl“ Lösungsansätze gegen Diskriminierungen zusammengetragen. Sie hat 60 Experten interviewt und 40 Statementgeber aus verschiedenen Bereichen zu Wort kommen lassen. Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in das Thema und enthält Methoden, Tools und Best Practices. Es ist ein Aufruf zum Umdenken und zur aktiven Teilnahme an der Veränderung.

Schöner Warten: Ein Blick auf die positiven Seiten des Wartens

Warten hat Konjunktur – und das nicht erst seit Corona! Denn ständig warten wir, sei es beim Einkaufen, beim Arztbesuch, auf dem Amt oder im Stau. Diese Momente können oft zur Geduldsprobe werden und manche empfinden sie als verlorene Zeit. Doch der Servicekünstler Armin Nagel zeigt uns, dass Warten auch anders sein kann: Schöner Warten beschäftigt sich auf positive und unterhaltende Weise mit der Kunst des Wartens und zeigt uns, welche Möglichkeiten dieser unerwartete Freiraum bieten kann.

In seinem Buch „Schöner Warten: Über den Umgang mit einem unvermeidlichen Zustand“ betrachtet Nagel das Thema Warten aus einem ganzheitlichen und kreativen Blickwinkel. Als Künstler und Redner für Unternehmen bringt er einen frischen und unkonventionellen Ansatz in die Diskussion. Er interviewt Experten und lässt ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven in seine Betrachtungen einfließen. Ein wichtiger Aspekt, den er thematisiert, ist die Erwartungshaltung. Wenn wir uns beispielsweise auf einen Flug vorbereiten, können wir das Warten als eine Zeit des Genusses und der Vorfreude gestalten. Doch es gibt auch das unerwartete und kafkaeske Warten, das uns das Gefühl von Machtlosigkeit vermittelt.

Übertragung auf LinkedIn.

Nagel zeigt uns, dass Warten in verschiedene Richtungen gehen kann. Während das Warten auf die Geburt eines Kindes eine Vorfreude und ein wunderbares Erlebnis sein kann, gibt es auch das furchterregende Warten auf den Tod, wie im Fall eines zum Tode verurteilten Häftlings. Hier wird deutlich, wie vielfältig das Thema Warten ist und welche unterschiedlichen Emotionen es hervorrufen kann.

Ein weiterer Aspekt, den Nagel in seinem Buch behandelt, ist die Bedeutung von Service und Kundenerlebnissen beim Warten. Er erzählt die Geschichte einer Supermarktchefin, die kreative Ideen entwickelt hat, um das Warten angenehmer zu gestalten. Zum Beispiel hat sie eine Eieruhr an der Kasse stehen, die alle paar Minuten klingelt. Wenn eine Frau an der Kasse steht, bekommt sie eine Blumenampel geschenkt, während ein Mann am Vatertag ein Fässchen Bier erhält. Die Kassiererinnen reichen Hustenbonbons an Kunden weiter, die husten, und begrüßen die Kunden morgens mit passender Musik. Diese kleinen Gesten machen das Warten zu einem angenehmen Erlebnis und zeigen, dass Service mehr ist als nur Effizienz.

Nagel betont, dass Service darin besteht, anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Es geht um Einfachheit, Leichtigkeit und Humor. Er stellt fest, dass viele Unternehmen sich bemühen, ihren Service zu verbessern, aber es gibt immer noch Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Große Unternehmen haben oft Probleme, personalisierten Service anzubieten und die Kundenperspektive einzunehmen. Nagel verweist auf die Service Design Expertin Frau Professor Mager, die betont, dass Service Design viel mit einem Drehbuch zu tun hat. Es geht darum, die Kundenperspektive einzunehmen und innovative, lustige Services zu entwickeln.

Nagel zeigt auf, dass es wichtig ist, die Bedürfnisse der Kunden zu verstehen und ihnen bereits vorab etwas anzubieten, das sie überrascht und zeigt, dass man sich mit ihnen beschäftigt hat. Er betont die Bedeutung von Menschlichkeit und kleinen Gesten, die oft mehr bedeuten als materielle Geschenke. Er ermutigt Unternehmen, sich von der klinischen und aufgesetzten Servicekultur zu verabschieden und stattdessen eine persönliche und spielerische Atmosphäre zu schaffen.

Service Design und die Kunst des Wartens sind eng miteinander verbunden. Es geht darum, den Service ganzheitlich zu betrachten und wie eine Choreografie zu gestalten. Es geht um Leichtigkeit, Einfachheit und Humor. Nagel betont, dass Service mehr ist als nur Effizienz und dass es darum geht, anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Er fordert Unternehmen auf, die Kundenperspektive einzunehmen und innovative, lustige Services zu entwickeln.

Insgesamt bietet Nagels Buch „Schöner Warten“ einen frischen und kreativen Blick auf das Thema Warten. Er zeigt uns, dass Warten nicht immer eine Geduldsprobe sein muss, sondern auch eine Chance für positive und unterhaltsame Erfahrungen bietet. Es ist an der Zeit, das Warten zu einem angenehmen und bereichernden Erlebnis zu machen.

Ein lustiges Experiment: Warum Arztpraxen auf alte Zeitschriften setzen sollten und stille Stunden im Supermarkt möglich sind – Autorengespräch mit Armin Nagel zu seinem neuen Buch „Schöner Warten“ #Notizzettel

Ursula Wintgens ist Deutschlands lustigste Supermarktchefin. „Ich bin Mitglied ihrer Facebook-Fangruppe, wo sie mehrere Tausend Kundinnen und Kunden mit viel Humor bei Laune hält. Sehr gerne warte ich an der Kasse ihres Supermarktes in Bensberg“, schreibt Armin Nagel in seinem Buch „Schöner Warten: Über den Umgang mit einem unvermeidlichen Zustand“, erschienen im Lübbe-Verlag.

„Rudi Carell meinte einmal: ‚Wenn du ein Ass aus dem Ärmel holst, musst du es vorher in den Ärmel hineinstecken.‘ Mit welchen Assen überrascht ihr eure Kunden beim Warten?“, fragt Armin Nagel. Antwort von Ursula Wintgens: „Wenn jemand an der Kasse hustet, bekommt er sofort ein Hustenbonbon überreicht, und wir wünschen gute Besserung. Am Muttertag haben wir einen Wecker an der Kasse. Immer wenn der klingelt, bekommt eine Mutter eine Blumenampel und die Väter am Vatertag ein Fünf-Liter-Fässchen Bier. Am Welttag des Schlafes machen wir Videos oder Fotos für unsere Facebook-Fangruppe. Da siehst du, wie die Mitarbeiter schlafend auf dem Kassenband liegen, hinter der Fleischtheke oder in den Regalen. Wir weisen darauf hin, dass es heute beim Bezahlen länger dauern kann, weil alle müde sind.“

„Bei euch im Supermarkt gibt es eine ‚Stille Stunde‘. Was ist das?“

„Die ist dienstags von 16–18 Uhr. Da schalten wir die Beschallung und einen Teil der Beleuchtung aus, fahren das Piepen an den Kassen runter und verräumen keine Ware. Das ist ein Service für Menschen, die Probleme haben, wenn in ihrer Umwelt zu viel los ist, die sich wohler fühlen, wenn alles leiser ist. Ich selber merke in diesen zwei Stunden, wie angenehm es ist, wenn du ein bisschen runterkommst.“

Weitere Ideen:

„Was uns vorschwebt, ist ein ‚Plauderbänkle‘, eine Bank, die wir im Markt aufstellen, wie so ein kleiner Minitreffpunkt. Da können sich die Leute hinsetzen und plaudern, auch mal eine Stunde mit mir oder dem Bürgermeister“, erläutert Wintgens. Sehr gute Idee.

„Frühmorgens begrüße ich die ersten Kunden mit ‚Guten Morgen, Sonnenschein‘ von Nana Mouskouri und abends als Rausschmeißer spielen wir Reinhard Meys ‚Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu geh’n‘.“

Exkurs:

Industriekapitäne, Verbandsfunktionäre und Politiker misstrauen immer noch dem Trend zur Wissens- und Service-Ökonomie. Ihr Standardargument seit Jahrzehnten: „Vom Haare schneiden alleine kann eine Volkswirtschaft nicht leben“. Diese Industrielogik erinnert ein wenig an eine Bemerkung von Adam Smith in seinem 1776 veröffentlichten Werk „The Wealth of Nations“: „Die Arbeit einiger der respektabelsten Berufsgruppen – Kirchenmänner, Anwälte, Ärzte – ist unproduktiv und ohne Wert“. Das waren die alten Zeiten der Dampfmaschine. Ein Blick in die Statistik belegt, dass der Konsum von Dienstleistungen in Deutschland inzwischen rund 69 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Die Wertschöpfungsketten in unserem Land werden schon lange nicht mehr von der industriellen Produktion getaktet. Der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat das gut in Szene gesetzt: Alleine mit Partys, Tourismus, Vergnügung, Theater oder Unterhaltung macht Berlin über ein Drittel des Umsatzes. Rund 21.000 Unternehmen stellt die Kulturwirtschaft: TV-Produktion, Design-Ateliers, Softwarefirmen oder Musiklabels. Mit 100.000 sozialversicherten Stellen ist dieser Sektor inzwischen so groß wie die kümmerlichen Reste der Berliner Industrie.

Das soll hier kein Industrie-Bashing sein. Wichtig: Die Produktion und der Absatz der Güter müssen durch intelligente Service-Konzepte angereichert werden.

Die amerikanische Soziologin Shoshana Zuboff beschreibt diese Entwicklung treffend als „Support-Ökonomie“. „Diese Tendenz lässt sich mittlerweile auch an den privaten Konsumausgaben ablesen. Seit 2003 geben die Deutschen zum ersten Mal mehr Geld für Dienstleistungen als für Produkte aus. Wir verabschieden uns vom Produkt-Paradigma und schwenken ein in eine Epoche, in der immaterielle Dienstleistungen die Märkte antreiben werden. Allerdings müssen Dienstleistungen in Zukunft mit der gleichen Akribie konzipiert und ‚gebaut’ werden wie die technologischen Innovationen des industriellen Zeitalter“, fordert Birgit Mager, Professorin für Service Design in Köln.

Die Dienstleistungsökonomie könne nur mit mehr Forschung und Entwicklung vorangebracht werden. „Deutsche Unternehmen der verarbeitenden Industrie investieren pro Jahr und Mitarbeiter im Schnitt rund 3.215 Euro in Forschung und Entwicklung. Dienstleister dagegen bringen es im Vergleich dazu gerade mal auf 67 Euro“, moniert Mager. Das Service-Design müsse einem Drehbuch folgen aus Sicht des Kunden. Wenn allerdings Führungskräfte im öffentlichen Dienst oder der Wirtschaft 70 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Rücken zum Kunden verbrächten, sei es kein Wunder, dass bei Dienstleistungen häufig der Erlebnischarakter fehle.

Dazu ein Interview mit Professorin Mager im Buch von Armin Nagel:

„Was kann ich als Service-Designer von der Kunst lernen?“ Mager: „Service-Design ist eine Choreografie von Menschen, Technologien und Prozessen. Das ist ästhetisch, kunstvoll, ein Tanz durch Zeit und Raum, der im besten Fall überraschende Momente hat.“

Lustiges Experiment in einer Arztpraxis:

„Am Ende des vierwöchigen Experiments waren knapp die Hälfte aller ausgelegten Hefte weg, und zwar fast ausschließlich die neueren Exemplare. Der tägliche Verlust betrug 1,32 Stück. Die Wahrscheinlichkeit, dass Qualitätspresse überlebte, war deutlich höher: Alle Ausgaben des Time Magazine waren zum Schluss noch vorhanden. Die aktuellen Klatschtitel mit mehr als fünf Prominenten auf dem Cover gingen weg wie Botox auf der Schönheitsfarm: Am Ende des Monats war nur noch ein Heft übrig. Fazit: Arztpraxen legen nicht absichtlich alte Magazine aus, sondern die neuen verschwinden. Um Verluste zu minimieren, sollten Ärzte in ihren Wartezimmern nur noch uralte Qualitätspresse zum Lesen anbieten. Oder am besten gleich hochwertige, anspruchsvolle Bücher, wie dieses hier.“

Warteschleifen-Musik – eine unendliche Geschichte.

Die meistgespielte Warteschleifenmusik der Welt stammt nicht von den Beatles, sondern von Darrick Deel, wie die amerikanische Journalistin Sara Corbett für die Radiosendung This American Life recherchierte. Deel komponierte sein 5,40 Minuten langes „Opus No. 1“ 1989 mit seinem Freund Tim Carleton.

Oder:

Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin.

„Lieber Anrufer. Herzlich willkommen in der Hotline von Familie Nagel. Dein Anruf ist uns wichtig. Leider sind alle Familienmitglieder derzeit im Gespräch. Wir sind aber gleich für dich da. Das nächste freie Familienmitglied ist für dich reserviert. Willst du mit Armin Nagel sprechen? Wähle bitte die Eins. Willst du mit Imke, Jakob

oder Till Nagel sprechen? Wähle bitte die Zwei. Ein Hinweis in eigener Sache: Der kleine Till schreibt demnächst einen Deutschtest. Deshalb werden alle Gespräche mit ihm zu Trainingszwecken aufgezeichnet. Piep …“

Ein Telefonat mit Reiner Calmund.

Fünf Minuten im Fußball können sich lang oder kurz anfühlen, je nachdem ob ein Team führt oder hinten liegt. Was waren die längsten fünf Minuten in deinem Fußballleben? „Im WM-Endspiel 2014 war ich auf einem Kreuzfahrtschiff und habe das Finale mit 1500 Menschen gemeinsam gesehen. In der Nachspielzeit der Verlängerung habe ich mich auf einer Toilette eingeschlossen, weil meine Nerven nicht mehr mitspielten. Es war eine schlimme Warterei, bis wir endlich jubeln konnten.“

Einen Roman wolltest Du schreiben

Das Leben macht Dich irgendwann kalt, 
Die Zeit verrinnt, der Mut verhallt.
Nichts scheint zu gehen, alles steht still,
Bald ist es vorbei, das scheint des Schicksals Wille.

Einen Roman wolltest du schreiben,
Deine Geschichten in Worte treiben.
Doch dazu fehlt dir nun die Kraft,
Die vergangenen Jahre haben dich geschafft.

Sie zehrten an deiner Substanz,
Ließen zurück nur den müden Glanz.
Nicht mehr viel Zeit bleibt dir nun,
Dein eigenes Leben neu zu tun.

Doch halt, es ist noch nicht zu spät,
Noch kannst du ändern deinen Lebenspfad, es geht.
Sortiere neu, was dir wichtig ist,
Finde zurück zu dem, der Du bist.

Nimm den Stift, lass die Worte fließen,
Lass deine Träume und Hoffnungen sprießen.
Der Roman deines Lebens, noch ungeschrieben,
Wartet darauf, von dir entdeckt zu werden, ungetrieben.

Ragnar Helgi Ólafssons „Lose Blätter“: Ein poetisches Kaleidoskop in zufälliger Harmonie

In ihrem neuesten Signaturen-Beitrag stellt Elke Engelhardt den Gedichtband „Lose Blätter“ von Ragnar Helgi Ólafsson vor, der von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übersetzt wurde. Ólafsson, ein vielseitiger Künstler aus Reykjavik, hat diesen Band in einer ungewöhnlichen Weise zusammengestellt: Nachdem er zunächst von seinem isländischen Lektor ermutigt wurde, einen neuen Gedichtband zu schreiben, entschied er sich, eine zufällige Auswahl aus 600 Seiten seiner Poesie zu treffen. Die ausgewählten Gedichte wurden dann wie bei einem Kartenspiel gemischt und in einem Buch gebunden.

Die Einzigartigkeit des Buches wird durch die Vorschläge für eine individuelle Lesereihenfolge der Gedichte weiter verstärkt. Jedes Exemplar von „Lose Blätter“ enthält ein Lesezeichen, das dem Leser eine persönliche Reihenfolge der Gedichte nahelegt. Ólafsson betont, dass er keine Kontrolle über die Interpretation der Gedichte durch den Leser ausüben möchte. Die Gedichte selbst bieten eine Vielfalt an Themen und Stilen, von Mini-Epen und Aphorismen bis hin zu absurden Gedankenspielen und genauen Beobachtungen.

Engelhardt hebt die poetische Qualität und die tiefe Zärtlichkeit in Ólafssons Werk hervor. Die Gedichte laden den Leser dazu ein, hinter die scheinbaren Wahrheiten des Lebens zu blicken und bei jedem erneuten Lesen neue Geheimnisse zu entdecken. Der zweisprachige Charakter des Buches ermöglicht es den Lesern, auch die isländische Sprachschönheit zu erleben.

Insgesamt präsentiert Engelhardt „Lose Blätter“ als ein Werk, das nicht nur durch seine poetische Kraft besticht, sondern auch durch seinen originellen Ansatz in der Präsentation und Strukturierung der Gedichte. Es ist ein Buch, das zu einer einzigartigen und persönlichen Leseerfahrung einlädt.

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Der Glaspavillon von Bruno Taut in Köln: Ein historischer Meilenstein der Architektur

Heute tauchen wir ein in die Welt der Literatur, genauer gesagt in Manfred Schneiders Werk „Transparenztraum: Literaturpolitik, Medien und das Unmögliche“. Wir beginnen mit einem Auszug aus Kapitel 7, „Die Träume von 1900: Spirituelle Glashäuser von Bruno Taut“, eingeleitet durch ein Gedicht von Paul Scheerbart: „Im Glashaus brennt es nimmermehr, man braucht da keine Feuerwehr.“

Die legendäre Werkbundausstellung in Köln. Bruno Taut, bekannt für seine Hufeisensiedlung in Berlin-Neukölln – genauer gesagt in Britz – und seine expressionistische Architektur, hat ein Konzept realisiert, das in die Fachgeschichte eingegangen ist. Wir beschäftigen uns mit seinem Glashaus, einem Highlight der Kölner Werkbundausstellung 1914.

Die Ausstellung präsentierte neue Baukultur. Prominente Vertreter des Werkbundes, gegründet 1907, lieferten markante Beispiele. Künstler, Architekten, Publizisten, Politiker und Industrielle hatten sich der Veredelung der gewerblichen Arbeit verschrieben, durch die Verbindung von Kunst, Industrie und Handwerk.

Bekannte Architekten wie Henry van de Velde und Walter Gropius steuerten Entwürfe und Gebäude bei. Sie empfahlen den Besuchern eine neue Formensprache und Materialkultur. Doch nur wenige Werke blieben im Gedächtnis der Architekturgeschichte haften, darunter das Glashaus von Bruno Taut.

Taut entwarf das Glashaus als Werbepavillon der zeitgenössischen Glasindustrie. Doch er schrieb seinem Bauwerk auch eine sakrale Funktion zu: Es sollte ein „Gewand für die Seele“ sein. Das Gebäude bestand aus einem Betonsockel, der für eine Freitreppe geöffnet war. Darauf ruhte ein polygonaler Stützenkranz aus 14 Elementen mit dicken Glasbausteinen, der in eine spitze Kuppel aus farbigen Gläsern überging. Über dem Eingang konnte man den Spruch lesen: „Das bunte Glas zerstört den Hass.“

Im Inneren führten glasüberzogene Metallstufen zum oberen Projektionsraum, in dem ein Farbenkaleidoskop spielte. Eine künstlich beleuchtete Wasserkaskade floss über sieben Stufen. Prismengläser zerlegten das einströmende Licht in Spektralfarben. Mosaikartige Glasbilder und farbige Gläser ergänzten den zauberhaften Eindruck dieses Kunstwerks.

Zum Abschluss empfehle ich den Ausstellungsband „Kristallisationen, Splitterungen“, der einen tieferen Einblick in das Werk von Bruno Taut bietet. Bekommt man mit Sicherheit im modernen Antiquariat.

Es ist bedauerlich, dass die Stadt Köln zum hundertjährigen Jubiläum der Werkbundausstellung nicht mehr getan hat. Sie hätte zumindest eine kleine Variante von Tauts Glashaus wieder errichten können. Aber das ist eine andere Geschichte.

Siehe auch:

Chatbots, Rechenknechte und personalisierte Services: Droht das Ende der Experten? Ausblick auf die Next Economy #NEO23 am 7. und 8. Dezember – Autorengespräch mit Stefan Holtel zu seinem neuen Buch

Gespräche mit virtuellen und intelligenten Computerprogrammen sind kaum noch von Dialogen mit Menschen zu unterscheiden.

Diesen Satz schrieb ich wann? Am 21. September 2005. Es geht um die Voice Days, die sich damals mit Spracherkennungstechnologie beschäftigte. Die Konferenz mit Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz als Schirmherr war ein echter Trendsetter.

Der Artikel geht so weiter:

Der britische Mathematiker Alan Turing hatte in den 50er Jahren postuliert, dass eine Maschine dann intelligent sei, wenn sich ein Gespräch mit ihr nicht mehr von einem Gespräch mit einem Menschen unterscheiden ließe. Beim Loebner-Preis, den der US-Soziologe Hugh Gene Loebner gestiftet hat und der mit 100 000 US-Dollar dotiert ist, führen seit 1991 Tester Dialoge mit sogenannten „Chatbots“ – „Chat“ steht für plaudern und „bot“ für Roboter. „Die Tester wissen dabei nicht, ob ihr Gegenpart aus Fleisch und Blut oder aus Silizium ist. Insgesamt gilt es, drei von zehn Juroren glauben zu lassen, sie hätten sich tatsächlich mit einem Menschen unterhalten“, berichtet die Welt. Mehr als eine Million verschiedene Antworten habe mancher der Chatbots parat. „Sie analysieren Sätze nach ihrem Aufbau, suchen nach Schlüsselwörtern und Wortmustern. Sie können sich merken, ob ein Tester ein Thema schon einmal behandelt hat und verweisen darauf zurück, stellen Verbindungen zu neuen Komplexen her“, führt die Welt aus.

Sie können beleidigt oder erfreut reagieren und die besten haben eine eigene Persönlichkeit mit Herkunft und Lebenslauf. „So gibt es einen Chatbot, der sich als Barkeeper ausgibt und alles über Hamster weiß, oder einen Außerirdischen, der auf der Erde gestrandet ist und die Wunder des Universums kennt“, so die Welt. Schnell entzaubern könnten Tester Chatbots, indem sie ihnen Wissensfragen stellen, zum Beispiel „Wie hoch ist der Kilimandscharo?“ Komme die Antwort prompt und exakt, ist es wahrscheinlich ein Chatbot. „Der Euphorie über Künstliche Intelligenz bei den Chatbots folgt die ernüchternde Erkenntnis, dass diese nur so gut sind, wie der Fundus an Frage- und Antwortenpaaren, mit dem Sie gefüttert wurden“, betont Bernhard Steimel, Sprecher der Brancheninitiative Voice Business.

Ob der Traum von der humanoiden Maschine überhaupt realistisch oder erstrebenswert sei, bezweifelt Peter Krieg, Dokumentarfilmregisseur und Autor des Buches „Die paranoide Maschine“ http://www.heise-medien.de: „Was wir keinesfalls erwarten oder gar wünschen sollten, sind intelligente Computer, die uns das Denken und alle Entscheidungen abnehmen“. Selbst die radikalsten Protagonisten der „Künstlichen Intelligenz“ müssten zugeben, dass man in der Forschung noch weit von intelligenten Maschinen entfernt sei. „Noch fehlt der ‚Saft‘, der den intelligenten Computer vom heutigen Schnellrechner trennt“, so Krieg. Das Problem liege nicht an der Rechnerleistung, sondern an der Dialogfähigkeit. „Jemanden, der stumm und folgsam seine Anweisungen zu befolgen hat, ohne eigene Entscheidungen zu fällen, nannte man früher einen ‚Knecht‘. In diesem Sinn sind unsere Computer dumme, aber fleißige und überaus pedantische Rechenknechte“, bemängelt Krieg.

Der Einsatz von Chatbots und Sprachcomputern weise nach Analysen von Steimel eine interessante Reihe von Parallelen auf: „Beide Technologien haben nach dem Auszug aus dem Labors nicht immer in der Praxis eine glückliche Figur gemacht. Überzogene Erwartungen haben so manche Applikation im Praxistest der Lächerlichkeit preisgegeben“, so Steimel. Die Illusion, den Maschinen ein natürliches Sprachverständnis einzuimpfen, erwecke den Anspruch „Alles“ sagen zu können. „Tatsächlich ist das ‚Verständnis’ der Sprachcomputer auf Grammatiken und Wortschatz beschränkt, den man ihnen vorher beigebracht hat. Nutzerbefragungen am lebenden Objekt stellen immer wieder unter Beweis, dass es ein tödlicher Fehler ist, wenn sich die Maschine als solche nicht zu erkennen gibt. Deshalb ist der Turing-Test für den Praxiseinsatz völlig ungeeignet“, kritisiert Steimel.

Im übrigen weisen Dialog-Designer darauf hin, dass der Benutzer beim Sprechen mit Computern automatisch sein Sprachregister, seine eingesetzten Sprachbefehle reduziere, wie beispielsweise beim Sprechen mit Tieren.  “Eine Parallele zum Menschen gibt es jedoch bei Chatbots und automatischen Sprachsystemen: Sie lernen ständig durch die Interaktion mit dem Nutzer hinzu. Das tun sie allerdings nicht selbst, sondern ähnlich wie beim Wizard-Oz müssen auch hier Menschen im Hintergrund die Maschine schlauer machen“, weiß Steimel. Das Beispiel der Chatbots zeige eine interessante Perspektive für den kombinierten Einsatz mit Sprachcomputern etwa in Infotainment-Diensten auf. Initiativen wie das Skype Voice Service Programm von Skype könnten dazu führen, dass man demnächst auch per Telefonie über das Internet Protokoll mit einem Chatbot nicht nur per Maus und Tastatur plaudern könne. „Es wird interessant sein zu hören, welchen ‚Stimm-Charakter’ die künstlichen Agenten erhalten und damit mehr Persönlichkeit und Taktgefühl gewinnen, als sich mit Icons ausdrücken lässt“, so der Ausblick von Steimel.

Soweit meine Agenturmeldung vor rund 18 Jahren. Was hat sich verändert? Was können wir erwarten?

Einige der wesentlichen Entwicklungen und Trends sind:

  1. Verbesserte Natürliche Sprachverarbeitung (NLP): Die Fähigkeit von Chatbots, menschliche Sprache zu verstehen und darauf zu reagieren, hat sich erheblich verbessert. Moderne Chatbots nutzen fortschrittliche NLP-Algorithmen, die es ihnen ermöglichen, die Absicht hinter den Worten eines Benutzers besser zu erkennen und relevantere, kontextbezogene Antworten zu geben.
  2. Integration in Alltagsgeräte: Chatbots und virtuelle Assistenten sind nun in alltäglichen Geräten wie Smartphones, Lautsprechern und sogar Haushaltsgeräten integriert. Beispiele hierfür sind Siri von Apple, Alexa von Amazon und der Google Assistant.
  3. Emotionale Intelligenz und Personalisierung: Moderne Chatbots sind zunehmend in der Lage, emotionale Nuancen in menschlichen Gesprächen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Sie können personalisierte Erfahrungen bieten, indem sie lernen und sich an die Vorlieben und das Verhalten der Benutzer anpassen.
  4. Einsatz in der Kundenbetreuung: Chatbots werden zunehmend in der Kundenbetreuung eingesetzt, um Anfragen zu bearbeiten, Unterstützung zu bieten und die Effizienz zu steigern. Sie können rund um die Uhr verfügbar sein, was den Kundenservice erheblich verbessert.
  5. Ethische und soziale Fragen: Mit der zunehmenden Verbreitung von Chatbots treten auch ethische und soziale Fragen in den Vordergrund, insbesondere in Bezug auf Datenschutz, Transparenz und die mögliche Ersetzung menschlicher Arbeitskräfte.
  6. Weiterhin begrenztes Verständnis: Trotz großer Fortschritte bleibt das Verständnis der Chatbots für natürliche Sprache und Kontexte im Vergleich zu menschlichen Fähigkeiten begrenzt. Die meisten Systeme sind immer noch auf spezifische Aufgabenbereiche beschränkt und können in unvorhergesehenen oder komplexen Situationen Schwierigkeiten haben.
  7. Zukünftige Entwicklungen: In der Zukunft können wir erwarten, dass Chatbots und KI-Systeme noch weiter in unser tägliches Leben integriert werden, mit Verbesserungen in der Personalisierung und der Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu bewältigen. Fortschritte in der KI könnten auch zu neuen Anwendungsbereichen führen, die derzeit noch nicht absehbar sind.

Wir werden das auf der Next Economy Open vertiefen am Donnerstag, den 7. Dezember, um 13. Uhr. Session mit Stefan Holtel. Autorengespräch zu seinem neuen Buch: Droht das Ende der Experten? ChatGPT und die Zukunft der Wissensarbeit.

Ihr könnt Euch beteiligen über die Chat- und Kommentarfunktionen von YouTube und Co. im Multistream oder direkt reingehen in den Zoom-Raum. Spielregeln dort sind klar: Kamera und Mic deaktivieren. Zu Wort melden und dann alles wieder aktivieren.

Virtuelle Programmzeitschrift für die Next Economy Open 2023 am Donnerstag, den 7. Dezember und am Freitag, den 8. Dezember.

Man hört, sieht und streamt sich auf der .

Apropos Experten und Wissensökonomie: Was schrieb noch der Soziologe Niklas Luhmann zur Computerkommunikation nach der Logik seines Zettelkastens?

Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. 

Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Logik des Netzes. 

Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Debatten-Dompteure an die Decke.

Die Albträume von Thomas Sattelberger und die Irrwege des heroischen Handelns

So schnell geht das. Nicht dicke Bretter bohren oder auf die Politik der kleinen Schritte setzen, sondern beleidigte Leberwurst spielen.

Thomas Vašek beschreibt in der Philosophie-Zeitschrift „Hohe Luft“ mit einem Exkurs zu den Schriften von François Julien, wie sinnlos es ist, Pläne für die Zukunft zu schmieden. „Unsere westliche Vorstellung ist geprägt von dem Bild des zupackenden Akteurs, der sich heroisch den jeweiligen Umständen entgegenstellt.“ Man könnte es auch Christian-Lindner-Syndrom nennen. Nach der Lektüre des jüngsten Buches von Thomas Sattelberger scheint das ein generelles FDP-Syndrom zu sein.
Unsere westlichen Denkgewohnheiten sind davon beseelt, Zweck-Mittel-Relationen festzulegen. Wir wählen ein Ziel und fangen dann mit der Planung an. „Dahinter steht die modellhafte Vorstellung, dass unser Handeln einen bestimmten kausalen Effekt auf den Lauf der Dinge hat. Wenn wir A tun, dann tritt die Wirkung B ein“, schreibt Hohe Luft-Chefredakteur Vašek.

Das chinesische Denken misstraut dem heroischen Handeln, weil es oft nur eine Pseudowirkung hat. Nur allzu gern versuchen wir krampfhaft, den Faktor Glück zu ignorieren und für unser Tun eine gehörige Portion Kausalität schlichtweg zu erfinden – auch bei der Begründung von Rücktritten im politischen Leben. Klugheitsstrategen hingegen nutzen die jeweiligen Umstände und loten Handlungsoptionen aus. Geschmeidigkeit und Anpassung ersetzen die rationale Planung. „Wir können die Wirkung unseres Handelns nicht beeinflussen“, betont Vašek. Besser ist das „Nicht-Handeln“. Damit ist nicht Passivität oder Trägheit gemeint, sondern die innere Haltung, Dinge nicht erzwingen zu wollen.

Für den chinesischen Strategen geht es um den Zeitpunkt, in dem eine günstige Entwicklung beginnt. Diesen Moment muss man erkennen und richtig zu nutzen wissen. In der Lehre vom „Nicht-Handeln“ steckt ein Korrektiv für alle selbsternannten Macher, Berater, Manager und Politiker, die Geschäftigkeit mit Effizienz verwechseln, Aktionismus mit Wirksamkeit. Wie kann man als Nicht-Handelnder agieren? Beim Wissenschaftstheoretiker und Philosophen Karl Popper wird man fündig. Er spricht von der „Stückwerk- Sozialtechnik“. Sein politisches Ideal ist das schrittweise Herumprobieren oder Herumbasteln.

Es geht nicht um die Durchsetzung von Tabula-Rasa-Methoden oder um die Allwissenheit von Politikern, die sich gerne in der Pose des Machers darstellen, sondern um Versuch und Irrtum. Niemand ist in der Lage, alles richtig zu machen. Niemand kann genau wissen, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln. Politische Ziele können nach Ansicht von Popper ehrgeizig formuliert werden. Im Regierungsalltag können sie aber auch fehlschlagen. Problematisch in der Politik sei häufig die Kombination von Wirrnis und Aggressivität in der politischen Debatte, so Popper. Mit der Stückwerk Sozialtechnik pflege man hingegen eine nüchterne Diskussionskultur, da es nicht um abstrakte Ideale geht, unter denen möglicherweise jeder etwas anderes versteht, sondern um kleine Schritte.

Popper ist der Auffassung, dass uns „die Anwendung der Methode des stückweisen Umbaus über die allergrößte Schwierigkeit jeder vernünftigen politischen Reform hinweghelfen wird, nämlich über die Frage, wie wir es anstellen sollen, dass bei der Durchsetzung des Programms die Vernunft und nicht die Leidenschaft und Gewalt zu Worte kommt.“ Schnelle Lösungen sind eine Illusion der
Sprücheklopfer. Da verweise ich auf das neue Buch von Thomas Sattelberger. In einer Politik der kleinen Schritte fällt es leichter, sich zu korrigieren und Fehler zu identifizieren. Für viele politischen Protagonisten ist diese Methode natürlich eine Zumutung. „Ein solches Herumbasteln entspricht nicht dem politischen Temperament vieler Aktivisten“, schreibt Popper. Die wollen eher schnelle Lösungen aus der Tasche zaubern und sich als unfehlbare Staatslenker profilieren. Mit den realpolitischen Gegebenheiten hat das aber nichts zu tun. Deshalb zählten Popper und Kant zu den Leitsternen der Politik von Altkanzler Helmut Schmidt. Sattelberger hat da wohl andere Leitsterne. So ist seinem Opus zu entnehmen, warum er als Parlamentarischer Staatssekretär und als FDP-Bundestagsabgeordneter nach kurzer Karriere im Reichstag hingeschmissen hat.

„Warum ich wirklich Schluss gemacht habe: das radikale Ende meiner Berliner Hoffnung 19. Mai 2022, der Donnerstag einer Sitzungswoche. Am Morgen hatte ich mich mit Professor Michael Baumann vom Deutschen Krebsforschungszentrum ausgetauscht. Nun nahm ich seit 11 Uhr virtuell an einer Sitzung des Senats der Fraunhofer-Gesellschaft teil, der heute drei neue Vorstände berief. Parallel verfolgte ich in kurzen Abständen meine Mail- und Messenger-Apps. Plötzlich erreichte mich die Kurznachricht eines Kollegen aus dem Haushaltsausschuss. Die Koalitionsmehrheit hatte soeben meine beiden großen Projekte für diese Legislaturperiode zerschossen. Die Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (DATI) erhielt nur minimale Gelder. Mehr Mittel gebe es erst, wenn wir ein ’schlüssiges Konzept‘ vorlegten. Und für die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SprinD) hielt der Haushaltsausschuss einen Großteil der Mittel zurück. Für die Entfesselung der SprinD hatte ich seit 2018 mit Herzblut gekämpft. Unverschämt war die Begründung für die Budgetverweigerung bei der DATI: auf dem Tisch lag das schlüssigste Konzept. Wenn die Opposition sowas fordert: geschenkt! Wenn es die eigenen Fraktionskollegen und Koalitionäre tun, greift man sich nur noch an den Kopf. Und bei SprinD war das schlüssige Konzept schon als Referentenentwurf in der interministeriellen Abstimmung unterwegs – dies aber war den Haushältern keine Silbe wert. Mein Herz und meine Seele erstarrten. Mein Entschluss stand binnen Sekunden fest. Ich nahm mein Mobiltelefon und tippte sofort meine Rücktrittserklärung als Parlamentarischer Staatssekretär an Ministerin Bettina Stark-Watzinger. Sie versuchte mich umzustimmen, aber mein Entschluss war unumstößlich. So wie die Entscheidung des Haushaltsausschusses in Stein gemeißelt war; sie lag dem Bundesfinanzministerium bereits offiziell vor.“

So schnell geht das. Nicht dicke Bretter bohren oder auf die Politik der kleinen Schritte setzen, sondern beleidigte Leberwurst spielen.

Theatralisch schreibt Sattelberger: „Nicht im schlimmsten Albtraum hätte ich eine derartige standrechtliche Erschießung meiner beiden Babys erwartet. Vor Tagen noch hatten SPD-Haushälterin Wiebke Esdar und ich uns ausgetauscht; und ich hatte geglaubt, ihre letzten Bedenken gegen DATI und SprinD ausgeräumt zu haben. Ich war ihr an mehreren Stellen entgegengekommen: etwas weniger Avantgarde, dafür etwas mehr Herz-Jesu-Sozialismus. Ich hatte Frau Esdar dabei klar gesagt, wo meine rote Linie im Haushalt verläuft: zum Beispiel bei einem Mindestbudget für DATI und SprinD über mehrere Haushaltsjahre hinweg sowie bei einer Projektförderlogik für die DATI, die nicht staatlich geprägt ist, sondern durch Entscheidungsprozesse vor Ort. Daneben war mir wichtig, dass die SprinD unabhängig werden müsse von der Fachaufsicht des Ministeriums.“

DATI war und ist immer noch umstritten, nicht nur bei Personen, die als vermeintliche Heckenschützen von dem ehemaligen DAX-Vorstand benannt werden. Auch die Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) zweifelte an der Notwendigkeit von DATI.

„Nach allem, was ich weiß, war der zweite Judas Otto Fricke, FDP-Chefhaushälter im Bundestag. Bis 2013, als die FDP aus dem Bundestag flog, war er Parlamentarischer Geschäftsführer, zwischen 2005 und 2009 saß er dem Haushaltsausschuss vor. Als die FDP 2017 in den Bundestag zurückkehrte, erhielt er keine relevante Position in der Fraktion. Und dies wiederholte sich 2021. Ich habe gehört: Otto Fricke war zwar in der Fraktion als kühler Rechner geschätzt, aber nicht als Mensch. Dass ich selbst einmal Gegenstand seines Spiels werden würde, hatte ich nicht vorausgesehen. Man unterliegt ja bisweilen der Gefahr, den wirklichen Gegner nicht zu erkennen. Freund, Feind, Parteifreund. Hätte ich es riechen müssen? Otto Fricke war aschfahl im Gesicht, als am 7. Dezember 2021 in der Fraktionssitzung meine Ernennung zum Staatssekretär öffentlich wurde. Er hingegen war erneut komplett leer ausgegangen. Seitdem konnte er mir nicht mehr in die Augen sehen. Physiognomie und Psychognomie“, erläutert Sattelberger.

So geht das munter weiter: „Und es kann sein, dass mein damaliger Kollege Jens Brandenburg (als ParlamentarischerStaatssekretär im BMBF auch zuständig für den Kontakt zu den Haushältern und die Haushaltsverhandlungen) sich nicht für mich verkämpft hat. Er und SPD-Haushälterin Wiebke Esdar wussten sehr klar im Vorfeld, wo bei mir die rote Linie überschritten sein würde. Ich habe der Machtpolitikerin Esdar vielleicht sogar eine Anleitung gegeben, wie sie mich loswird.“

Wer nun welche Vergeltungsgründe hatte, ist mir völlig wurscht. Vielleicht ist das alles auch nur eine Selbstprojektion. Mit der Agentur für Sprunginnovationen geht es weiter. Und auch die Gründungskommission für die Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (DATI) hat nun ihre Arbeit aufgenommen. Das Gremium besteht aus 16 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden, Start-ups, Ländern, dem internationalen Bereich sowie dem Parlament – aber ohne Sattelberger.

Man sollte in der Politik einfach mehr Geduld und chinesische Klugheit an den Tag legen. Als Buchlektüre kann ich Euch das Werk von Jack Nasher empfehlen: Die Staatstheorie Karl Poppers, erschienen im Mohr-Siebeck-Verlag

Wie preußisch ist die Architektur in Berlin? Sie ist sehr römisch, sehr athenisch, sehr florentinisch

Wer in politischen, kulturellen oder wissenschaftlichen Kontexten nur seine nationale Brille aufsetzt, über den deutschen Geist von Goethe und Schiller schwadroniert, sein Selbstwertgefühl mit nationalem Pathos tränkt, verkennt, wie international das Weltgeschehen zu allen Zeiten war. So schuf Goethe eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung.

Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. 
Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt.

Auch die Architektur von Preußen atmet einen internationalen Geist. Das ist mir beim Flanieren durch Berlin im Frühsommer wieder klar geworden. Da bin ich über das Berliner Bücherfest gestolpert mit einem fulminanten Auftritt des Kunsthistorikers Professor Horst Bredekamp.

Warnung vor der Ausbreitung von Promo-Viren: Auslöser ist diesmal die Verkehrssenatorin in Berlin @Tagesspiegel @TspCheckpoint

Der Tagesspiegel meldet einen weiteren Fall von Promo-Viren (dat hört nie auf): „Verkehrs-Rückwärtswende-Senatorin Manja Schreiner (CDU) hat die nächste Sorge im Amt: Die Doktorarbeit der Juristin von 2007 ist unter Plagiatsverdacht geraten. Öffentlich gemacht hat den Fall Rechtsprofessor Roland Schimmel aus Frankfurt am Main in der Fachzeitschrift ‚Neue juristische Wochenschrift‘. Darin beschreibt er anhand von Schreiners Arbeit sogenannte ‚Bauernopfer‚ in wissenschaftlichen Arbeiten. Gemeint sind damit undeutlich markierte Textübernahmen aus anderen Arbeiten. Dabei werden zwar die Quellen für betreffende Textstellen genannt, es werden aber keine Anführungszeichen genutzt oder eine Textübernahme geht womöglich absichtsvoll über den Verweis hinaus“, so der Tagesspiegel.

Gute Gelegenheit auf ein Werk aufmerksam zu machen, das vor einigen Jahren mit einem winzigen Beitrag aus meiner Feder erschienen ist. Hier ein Beitrag, den ich dann für das Buch als Grundlage genommen habe.

Die Weltgesundheitsorganisation hat eine Pandemiewarnung ausgegeben. Es handelt sich um die so genannten Promo-Viren, die zu promotionalen Infekten und chronischer Doktoritis führen können. Von den WH20-Gesundheitsexperten sind die Promo-Viren als besonders gefährlich eingestuft worden, da weltweit noch kein Impfmittel gegen die Krankheit verfügbar ist und wahrscheinlich nie verfügbar sein wird – im Gegensatz zu Rinderwahn, Schweinegrippe, Mums, Fall- und Geltungssucht.Als Entdecker der Viren gilt ein Forscherteam um den deutschen Wissenschaftler Thomas Meuser.

„Erst in jüngster Zeit wird ein Phänomen näher untersucht, das bisher als reflexartiger Automatismus angesehen wurde: Der Drang vieler Menschen, durch den Namenszusatz ‚Dr.‘ die tatsächliche Bedeutung der damit genannten Person für jeden sofort erkennbar zu machen. Die Untersuchung dieses auffallenden Zwanges ließ ein neues Forschungsgebiet entstehen, das als Promotionswissenschaft immer mehr Freunde und Anhänger findet“, schreibt Meuser in dem Kompendium „Promo-Viren – Zur Behandlung promotionaler Infekte und chronischer Doktoritis“.

Endlich könnten bisherige Theorien über unfassbare Phänomene auf dem Weg zum Doktortitel, wie plötzliche Nervenzusammenbrüche, anhaltende Schlaflosigkeit, potentielle Suchtgefahren und ähnliche beunruhigende Erscheinungsbilder wissenschaftlich fundiert verifiziert werden. Die Pandemiewarnung der WH2O bezieht sich auf eine besonders resistente Gattung der Promo-Viren, die landläufig auch als „Guttenberg-Virus“ bezeichnet wird. Sie tritt in Kombination mit Plagiats-Amnesie sowie verzweifelten Entschuldigungs- und Rechtfertigungsarien auf und gilt als unheilbar.

Benannt wurde das Virus nach einem berühmten Schriftsteller in Bayreuth, bei dem als Erster die Viruserkrankung diagnostiziert wurde. Guttenberg wurde durch einen dadaistischen Collage-Roman bekannt, der allerdings nur noch auf dem Schwarzmarkt und in gut sortierten Antiquariaten verfügbar ist. Es handelt sich um die einzige Publikation, die der bayerische Dadaist jemals verfasst hat.

Seit dem Bekanntwerden seiner Krankheit leidet Guttenberg unter Schreibhemmung. Guttenberg-Viren sind nur schwer zu erkennen. Bei Barfuß-Läufern besteht eine kleine Chance, Spuren von Fußnoten-Pilz auszumachen. Erfolgversprechender für die Diagnose sind die semantischen Auffälligkeiten, die man durch Anwendung hoch spezialisierter Analyse-Tools ans Tageslicht befördern kann. So neigen die infizierten Patienten zu arroganten, pseudo-demütigen und wirren Verbeugungsreden.

Sie verwechseln berufliche Tätigkeiten mit Praktika und verlieren in kritischen Situationen häufig den Überblick. Um von der Krankheit abzulenken, neigen Menschen mit Guttenberg-Virus zu Beschwichtigungsargumenten, wie sie die FAZ beschrieben hat: Da gibt es das „‚Die-paar-Fehler‘-Argument, das ‚Alles-Vorverurteilung‘-Argument, das ‚Gibt-es-denn-nichts-Wichtigeres?‘-Argument und das ‚Wir-brauchen-den-Mann‘-Argument.“

Besonders die Frage, ob es denn nichts Wichtigeres gibt als Fußnotenschwindel und akademische Unehrlichkeit, gilt als beliebter Verniedlichungsschachzug, um die Gefahr des Guttenberg-Virus herunterzuspielen, warnen die Virologen der FAZ:

„Selbstverständlich gibt es Wichtigeres. Es gibt auch Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, das Heraustelefonieren von Lustmädchen aus Untersuchungsgefängnissen durch Ministerpräsidenten, Vulgarität“ und dergleichen. „Soll man darum nicht mehr sagen dürfen, worum es sich handelt? Hier um Täuschung großen Stils, um Unehrlichkeit also“, schreibt die FAZ.

Für die Früherkennung von Fußnoten-Pilz und Plagiats-Amnesien hat der Rechtswissenschaftler Volker Rieble in seiner Abhandlung „Das Wissenschaftsplagiat“ wichtige Vorarbeiten geleistet. So gibt es bei Guttenberg-Patienten eine Melange aus unterschiedlichen Krankheitsbildern: Beinharte Plagiatstätigkeit, die Wort für Wort abkupfert; „butterweiche ‚Vorlagenausbeutung‘, bei der eine oder mehrere Vorbildveröffentlichungen in eigenen Worten ‚nacherzählt‘ werden“ (Malen nach Zahlen); Bauernopfer-Referenz: Ein kleiner Teil werde als Ergebnis fremder Geistestätigkeit gekennzeichnet, damit die Eigenautorschaft des übrigen Textes plausibler wird; Kettenabschreiben und Zitat-Weiterfresserschaden; Mehrfachverwertung und Bearbeiterwechsel würden in der Kombination zwangsläufig zum Plagiat führen. Die Lektüre des Rieble-Opus wird von Virologen empfohen. Es dient der schnelleren Diagnose des Krankheitsbildes und vor allem der Prophylaxe.

Chancen für eine Therapie haben nach Angaben der WH2O nur jene Patienten, bei denen die Symptome des Guttenberg-Virus im Frühstadium diagnostiziert werden. Sie sollten sofort den Doktorvater ihres Vertrauens aufsuchen und auf eine Promotion verzichten.Unter Pandemie versteht man nach Ausführungen von Wikipedia eine länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit, im engeren Sinn einer Infektionskrankheit. Im Gegensatz zur Epidemie ist eine Pandemie somit örtlich nicht beschränkt.„Auch bei Pandemien gibt es Gebiete, die nicht von der Krankheit betroffen werden. Durch ihre abgeschiedene Lage können manche Gebirgstäler, Völker im Urwald oder Bewohner abgelegener Inseln von einer Infektion verschont bleiben“, so die Erläuterungen von Wikipedia.