Wenn Führung verschwindet – Zum Start der Zukunft Personal Süd in Stuttgart #ZPSüd

In einer Zeit, in der Führungsfiguren an Autorität verlieren und gleichzeitig die Sehnsucht nach Orientierung steigt, präsentiert sich die Zukunft Personal Süd als eine Art innerbetriebliches Laboratorium für neue Sozialordnungen. Nicht selten erinnern diese Experimente an die politischen Hoffnungen der Aufklärung, in denen Rousseaus „volonté générale“ mit betriebswirtschaftlicher KPI-Logik kollidiert.

Was bei Steven Rottmanns Session zur Führung ohne Führung zum Vorschein kommt, ist weniger ein Entwurf der Anarchie als vielmehr ein Versuch, das Prinzip Verantwortung horizontal zu denken. Doch in der Enthierarchisierung liegt ein doppelter Boden: Zwar verspricht sie Autonomie, doch kann sie zugleich in einen Überforderungszustand umschlagen – eine libertäre Einsamkeit der Entscheidung. Das Paradoxe daran ist: Die Führung verschwindet nicht – sie wird verinnerlicht.

Es zeigt sich eine neue Form von Disziplin: weniger sichtbar, aber nicht weniger wirksam. Die neue Führung ist nicht weniger streng – sie ist nur subtiler geworden. Ihre Rhetorik ist durchzogen von Begriffen wie Empowerment, Entfaltung, Vertrauen und Peer-to-Peer. Doch bleibt die Frage, ob dies nicht eine Camouflage der alten Zweckrationalität ist, die sich nun mit emotionaler Bindung statt mit Anweisung legitimiert.

Bemerkenswert ist dabei der Kontrast zwischen der betriebsinternen Zuversicht in diesen Modellen und der gesellschaftlichen Melancholie, wie sie Marco Ning vom Gallup-Institut beschreibt: Eine Bevölkerung im emotionalen Krisenmodus, resignativ gestimmt, stressgeplagt, ohne nennenswerte Erwartung an eine bessere Zukunft. Wie kann unter solchen Voraussetzungen eine Reform der Arbeit gelingen?

Es ist dies ein Widerspruch, den die Messe nicht zu lösen, sondern auszutarieren versucht. Der Vorschlag lautet: Mit minimalem Budget maximale Wirkung erzielen. Ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch viele Sessions zieht. Fast wirkt es wie eine Absage an die alte Technikgläubigkeit – als müsse man zeigen, dass Kulturveränderung auch ohne Kapital machbar sei. Ein protestantischer Reformgeist durchzieht die Messe: sparsames Management, moralische Innovation und soziale Mechanik.

Dass dabei die Idee des HR als Architekt einer neuen Arbeitswelt auftaucht, lässt an die Figur des Einzelnen denken, der in einer zersplitterten Welt souverän bleibt – nicht durch Macht, sondern durch Haltung. Doch heroische Gesten passen nicht mehr in diese Zeit. Die Helden des neuen Arbeitszeitalters sind jene, die klug netzwerken, zuhören, Räume öffnen – kurz: die sich selbst als Plattform verstehen.

Diese Plattformlogik zeigt sich auch im Format der Peer-to-Peer Exchanges: kuratierte Gesprächsrunden in exklusiver Umgebung. Hier wird ein Idealtypus gepflegt, der mit dem klassischen Kongress nichts mehr gemein hat – kein Podium, keine Beschallung, sondern zirkulierende Intelligenz, wie sie einst im Pariser Salon oder in der Londoner Kaffeekultur des 18. Jahrhunderts florierte. Eine Rückkehr zur Kommunikation als Erkenntnisform, jedoch unter dem Vorzeichen der „Organizational Performance“.

Dass Christoph Burghard aus dem Silicon Valley die abschließende Keynote hält, ist mehr als ein symbolischer Akt. Es ist die geopolitische Geste einer HR, die sich inmitten technologischer Umwälzungen als Hüterin von Humanität positionieren möchte. Wenn innerhalb von 24 Stunden Bewerbungsgespräch und Arbeitsvertrag möglich werden, wird die Zeit selbst zur Ressource – und HR zum Zeitmanager.

Doch auch das bleibt ein fragiles Versprechen. Denn Geschwindigkeit ist nicht gleich Orientierung. Und Zuversicht ist nicht dasselbe wie Aktionismus. Sinnstrukturen sind brüchig geworden in einer Welt, die von Daten, Dashboards und Design-Thinking dominiert wird. Maß und Mitte gehen verloren, wenn alles flexibel, agil, skalierbar sein soll.

Der eigentliche Skandal wäre vielleicht gar nicht das Verschwinden von Führung – sondern ihr Überleben in versteckter Form: in den Algorithmen der Entscheidungsunterstützung, in den Feedbackschleifen der Kulturentwicklung, in den wohlmeinenden Agilitätsritualen, die das Ungewisse domestizieren sollen. Was bleibt, ist eine neue Dialektik zwischen Struktur und Freiheit, zwischen Kontrolle und Vertrauen – und die Hoffnung, dass sich aus ihr nicht nur funktionierende Organisationen, sondern auch mündige Menschen formen lassen.

Man hört, sieht und streamt sich am Dienstag und Mittwoch in Stuttgart.

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