Die grausame Lust der Empörung

Endlich einmal ungestraft grausam sein dürfen – und sich dabei noch als tugendhafter Weltverbesserer fühlen. Was für eine Verlockung! Die Geschichte lehrt uns: Die meisten Menschen brauchen nur einen Vorwand, um Böses zu tun. Ein kleiner Schubs genügt, und aus dem braven Nachbarn wird ein Folterknecht, aus dem freundlichen Bürger ein williger Henker – vorausgesetzt, er wähnt sich im Recht. Ist es wirklich Gerechtigkeit, die uns da antreibt, oder lediglich die heimliche Freude daran, endlich strafen zu dürfen?

In der moralischen Empörung liegt eine eigentümliche Verlockung zur Grausamkeit. Der Schriftsteller Aldous Huxley bemerkte spöttisch: „Der sicherste Weg, einen Kreuzzug für eine gute Sache anzuzetteln, ist, den Leuten zu versprechen, dass sie jemanden quälen dürfen.“ Mit anderen Worten: Ein hehres Ziel liefert den perfekten Freibrief fürs Unmenschliche. „Mit gutem Gewissen zerstören zu dürfen“, so Huxley weiter, „ist der köstlichste aller moralischen Genüsse.“ Je heiliger die Sache, desto blutiger fällt das Spektakel aus.

Und wer glaubt, das sei nur Geschichte, der braucht sich nur in den Kommentarspalten oder Online-Meldestellen umzusehen. Wo das Denunziantentum einst flüsternd in dunklen Hausfluren blühte, gedeiht es heute mit einem Klick – öffentlich, stolz, unter dem Deckmantel der Zivilcourage. Da wird jemand als Sünder markiert, ohne Verfahren, ohne Verteidigung. Ein unbedachtes Wort, eine ironische Bemerkung – schon steht der Name auf der Anklagebank der digitalen Moralpolizei. Und wer nicht gleich mit dem Finger zeigt, macht sich verdächtig. Der moderne Pranger hat WLAN.

Die feige Tapferkeit der Andeutungen

Die neue Tugend heißt: andeuten, raunen, verdächtigen. Nichts wird gesagt, alles wird gemeint. Das ist die hohe Schule der moralischen Inszenierung: Geheimniskrämerei statt Argument, Getuschel statt Gespräch. Der Nachbar hat da mal was gesagt, und man habe gehört, da sei was nicht ganz richtig gelaufen – man wolle ja nichts unterstellen, aber so ganz sauber ist das alles nicht. Das Gerücht als Waffe, die Andeutung als Keule. Man bleibt selbst rein, doch lässt genug Dreck hängen, damit er woanders kleben bleibt.

Und während man noch feixend durchs Schlüsselloch späht, spielt man bereits Sheriff. Denn was der Staat nicht streng genug verfolgt, das erledigt man eben selbst. Man meldet. Man brandmarkt. Man straft. Nicht selten in anonymer Heldentat. Das Gewaltmonopol wird nicht infrage gestellt – es wird schlicht ignoriert. Die neue Ordnung wird nicht gewählt, sondern verlinkt.

Was bleibt von der alten Idee der Gerechtigkeit, wenn man sie durch Shitstorms ersetzt? Wenn sich Menschen zu Komplizen einer moralisch lackierten Lynchlust machen? Wenn Strafe zur Show wird und Vernichtung zum öffentlichen Ritual?

Die Süße der Strafe

So erschreckend es klingt: Ein Funke moralischen Eifers kann in fast jedem von uns einen selbstgerechten Sadismus entfachen. Eben noch empört man sich scheinheilig über das Unrecht – im nächsten Moment empfindet man eine dunkle Genugtuung dabei, den Schuldigen leiden zu sehen. Dieses heimliche Laster, die süße Wonne des Strafens, wartet nur auf seine Gelegenheit.

Gerissene Demagogen und selbstgerechte Anführer wissen dieses menschliche Laster geschickt auszunutzen. Wer die richtigen Feindbilder präsentiert und das Gewissen mit großen Worten betäubt, kann fast jede Grausamkeit als Tugend verkaufen. Brutalität wird dann als tragischer, aber notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer besseren Welt dargestellt. Man beklagt mit vorgespielter Trauer das „leider unvermeidliche“ Leid, während man eiskalt kalkuliert, wie viele Opfer das angebliche Paradies wohl kosten darf.

Seit Jahrhunderten hat sich dieses Schauspiel kaum verändert. Ob im Namen Gottes auf dem Scheiterhaufen der Inquisition oder im Namen der Gerechtigkeit am digitalen Pranger – das Prinzip bleibt dasselbe. Die Menge jubelt, weil sie glaubt, das Böse zu bestrafen, und merkt nicht, wie sie selbst Böses tut.

Hüten wir uns also vor dem Rausch der eigenen Rechtfertigung. Moralische Empörung kann zur Droge werden, die unsere schlimmsten Instinkte freisetzt. Wer allzu eifrig mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, genießt vielleicht insgeheim schon die Aussicht, die Faust zu ballen. Letztlich sollten wir uns fragen: Geht es um Gerechtigkeit – oder nur um das Vergnügen, andere leiden zu sehen? Die Antwort fällt nicht immer zugunsten der edlen Motive aus. Darum sei gewarnt: Wer im heiligen Zorn schwelgt, dem geht es selten um das Heil der Welt, sondern um die sadistische Seligkeit der moralischen Selbstverklärung.

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