YouTube als Zensor für gute Gespräche mit dem Präsidenten der EU-Kommission?

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Was ein YouTube-Mitarbeiter einer Video-Bloggerin ins Ohr geflüstert hat bei der „Vorbereitung“ eines Interviews mit dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, mag auf den ersten Blick nur wie eine übereifrige und ängstliche Vorgehensweise eines Mitarbeiters des Google-Alphaebet-Imperiums erscheinen. Wahrscheinlich wird das auch die Sprachregelung bei Medienanfragen sein. Aber es wirft doch wieder die Frage nach der politischen Plattform-Neutralität auf, die wir seit Jahren in der Netzszene diskutieren:

„Du stellst Mr. Juncker schon sehr schwierige Fragen, du sprichst über Lobbying von Unternehmen. Du möchtest nicht auf der falschen Seite von YouTube, der Europäischen Kommission oder den Leuten, die dir vertrauen, stehen … außer dir ist eine lange Karriere auf YouTube egal.“

Würde ein Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders in Deutschland so einen Spruch landen, käme es wohl zu einem medienpolitischen Erdbeben. Aus guten Gründen.

Bei YouTube und Co. kommt dann regelmäßig der Einwand, dass ja niemand gezwungen sei, die sittenwidrigen Geschäftsbedingungen und Praktiken der Plattform-Betreiber zu akzeptieren. Es ist wie bei einer Hausordnung. Wer das Hausrecht besitzt, könne auch sanktionieren. Bei einem Music-Club oder einer Bar nehmen wir das leider allzu oft hin, weil es genügend Alternativen gibt. Der Türsteher mokiert sich über meine krumme Nase, Hautfarbe oder mein schlampiges Outfit und lässt mich nicht rein.

Aber der Vergleich mit der Hausordnung hinkt etwas. Die Plattformen sind unverzichtbar bei der Herstellung von Netzöffentlichkeit. Das hat Sascha Lobo schon vor einigen Jahren betont. Man muss zu einer neuen Definition von Öffentlichkeit gelangen. Dass YouTube, Twitter, Facebook und Google öffentlich sind, dürfte wohl unbestritten sein. Aber sind sie auch Öffentlichkeit? Hier gebe es große Unterschiede zwischen den USA und Europa, so Lobo:

„Es gibt in Europa das Gefühl der Öffentlichkeit auf einem Platz. Das ist historisch entstanden. Da wurde dieser alte Marktplatz irgendwie zusammengemorpht. Bei der Dorf-Metapher schwingt die Allmende mit. Das ist ja etwas, was alle benutzen können und allen gehört. Und der Marktplatz ist etwas, wo eine Öffentlichkeit stattfindet. Der Besitz ist dabei zweitrangig – ob nun staatlich oder privat. Genau so eine Definition der Öffentlichkeit brauchen wir für die digitale Welt.“

Das ist eine Frage der politischen Plattform-Neutralität – also eine ordnungspolitische und normative Herausforderung, die man mit politischen Mitteln beantworten muss. Ansonsten züchten wir einen Staat im Staate der sich irgendwann von der Beachtung demokratischer Grundsätze verabschiedet. Man hat ja Hausrecht und kann daher als Hausmeister agieren.

Siehe auch: Interviews mit Juncker – YouTube übte massiven Druck auf Video-Bloggerin aus

Kleine Debatte auf Facebook.

Twitch und der Kampf für sauberes Livestreaming

Livestreaming mit Alkohol
Livestreaming mit Alkohol

Twitch kämpft mit Bekleidungsregeln für sauberes und moralisch einwandfreies Livestreaming.

Folgende Punkte sollten die Gaming-Moralhüter, die Richter und Staatsanwalt in Personalunion spielen, in ihre AGBs aufnehmen: Nicht mehr toleriert werden,

Stinkefüße und übel riechende Socken (hygienische Zumutung);

leise Fürze – gemeint sind rückwärtige Ausdünstungen durch eine verschämte Gesäßanhebung – im Volksmund auch “einen fahren lassen” genannt (gravierende Methan-Emissionen mit nicht kalkulierbaren Folgen für die Erderwärmung);

öffentlicher Hangout-Konsum von Mettbröttchen oder noch schlimmer von Mettigeln (Provokation für Vegetarier sowie Veganer und seelische Grausamkeit gegenüber Netzmenschen, die mit ihren Bloggerbäuchen hadern – also ich);

Livesendungen mit süß anmutenden Winkekatzen – die via Twitter mit dem Hashtag ‪#‎katzenlivestream‬ verbreitet werden. Noch ablehnungswürdiger sind jene Web-Zeitgenossen, die einen Blogbeitrag schreiben und dabei einen mit einer fetten und winkenden Glückskatze live übertragen (Tierquälerei und Propagierung von sinnlosem Glücks–Aberglauben, der in der Glücks-Themenwoche der ARD uns jeden Tag um die Ohren gehauen wurde);

Husten ins Mikrofon (Virenschleuder mit Pandemiepotenzial);
Interviews mit meinem Bloggercamp.tv-Kollegen Hannes Schleeh, die ihn als Henning oder Hans titulieren (üble Verleumdung).

Fallen Euch noch weitere Punkte ein, die man Twitch mit auf den Weg geben sollte?

Ärzte warnen: Virtuelles Passivrauchen gefährdet Livestreaming

Im Kreis der anonymen Raucher und Yps-Leser
Im Kreis der anonymen Raucher und Yps-Leser

In einer Google Plus-Community gab es heute früh eine sehr zerknirschte Warnmeldung für die Hangout on Air-Szene, die mich in tiefe Depressionen gestürzt hat. Bei vielen Livesendungen läuft wohl einiges aus dem Ruder, so dass der eine oder andere Operator nur noch mit den geschnittenen – also bereinigten – Versionen ruhig schlafen kann. Deshalb gab es freundliche Ermahnungen, was es künftig in den Hangouts nicht mehr geben darf (verlinken geht leider nicht mehr, weil der Beitrag wohl nicht mehr auffindbar ist). An erster Stelle steht, wie kann es anders sein,

ein R A U C H V E R B O T.

Daraufhin musste ich mich selbstkritisch und mit Schuldgefühlen getränkt aus dieser Hangout-Community verabschieden, da ich keine Belastung für dortige Gesprächsrunden sein möchte.

Man darf das Problem des virtuellen Passivrauchens nicht klein reden. Schön, dass so viele wohlmeinende Pädagogen in dieser Community mich in meiner rauchenden Lebenskrise therapeutisch begleiten:

„Ich denke, keiner verbietet das Rauchen an sich, du könntest im Hangout z. B. auch einfach die Kamera ausmachen, eine Raucherpause machen und danach wieder mit Kamerabild mitmachen…“

Was machen wir nun aber mit den vielen Videos auf Youtube, bei denen man vor lauter nikotingetränkter Nebelschwaden kaum die Gesprächsteilnehmer erkennen kann, wie etwa beim Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer oder den Talkshows in den 70er Jahren?

Man könnte diese Filme ex post verpixeln, löschen, Warnschilder einblenden oder zumindest den Yps-Balken nachträglich installieren via Mashup-Video-Neuproduktion.

Wie gehen wir mit den alten Sherlock Holmes-Filmen um, mit einem bekennenden Drogenabhängigen als Hauptperson? Wie können wir den kettenrauchenden Lucky Luke aus den Comics verbannen? Was machen wir mit dem Lehrer Lämpel bei Max und Moritz? Oder der trunksüchtigen Großmutter, die ihr Enkelkind mit dem roten Käppchen für den Nachschub an Rotwein instrumentalisiert?

Das alles muss im Livestreaming endlich ein Ende haben. Deshalb schlage ich folgende Verbotsliste vor, um endlich moralisch vollkommene Sendungen hinzubekommen:

Nicht mehr toleriert werden,

Stinkefüße und übel riechende Socken (hygienische Zumutung);

leise Fürze – gemeint sind rückwärtige Ausdünstungen durch eine verschämte Gesäßanhebung – im Volksmund auch „einen fahren lassen“ genannt (gravierende Emissionswirkung von Methan mit nicht kalkulierbaren Folgen für die Erderwärmung);

öffentlicher Hangout-Konsum von Mettbröttchen oder noch schlimmer von Mettigeln (Provokation für Vegetarier und seelische Grausamkeit gegenüber Netzmenschen, die mit ihren Bloggerbäuchen hadern – also ich);

Livesendungen mit süß anmutenden Winkekatzen – die via Twitter mit dem Hashtag verbreitet werden. Noch ablehnungswürdiger sind jene Web-Zeitgenossen, die einen Blogbeitrag schreiben und dabei einen #katzenlivestream mit einer fetten und winkenden Glückskatze live übertragen (Tierquälerei und Propagierung von sinnlosem Glücks–Aberglauben, der zur Zeit in der Glücks-Themenwoche der ARD uns jeden Tag um die Ohren gehauen wird);

Husten ins Mikrofon (Virenschleuder mit Pandemiepotenzial);

Interviews mit meinem Bloggercamp.tv-Kollegen Hannes Schleeh, die ihn als Henning oder Hans titulieren (üble Verleumdung).

Ja, ich bin schuldig
Ja, ich bin schuldig

Diese Liste ist aus dem Geist für hygienisch und aseptisch unbedenkliches Livestreaming geboren. Sie ist mit Sicherheit völlig lückenhaft und unvollkommen. Ich wäre Euch sehr dankbar, wenn Ihr mir bei der ganzheitlichen Suche nach dem heiligen Gral für das Arbeiten vor und hinter der Kamera helfen könntet. Bitte vervollständigt mich in meiner Unvollständigkeit.

P.S. Ich bin Yps so dankbar, meine Sucht in der Öffentlichkeit wenigstens anonym ausleben zu können.

Siehe auch:

DER MORAL-SPIESSER ALS ZENSOR.

Griebenwurst-Zensoren: Die Bigotterie der Moral-Spießer

EU-Repressionen gegen Raucher

Die schärfsten zensorischen Eingriffe kommen in Deutschland (noch) nicht von Wahrheitsministerien, sondern von Bürgerinnen und Bürgern wie du und ich. Das hat Werner Fuld in seinem lesenswerten Werk „Das Buch der verbotenen Bücher“ (Verlag Galiani Berlin) in dem Kapitel „Persönlich und privat“ eindrucksvoll dokumentiert. So sind die sogenannten „freiwilligen Selbstkontrollen“ ein beliebtes Instrument, um unter dem Deckmantel des Jugendschutzes willkürlich die Moralkeule zu schwingen und die Medien- und Informationsfreiheit zu beschränken.

Blockwarte des Kardinals

Besonders eifrig im Zensurzirkus war der aus dem „Kölner Männerverein zur Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit“ hervorgegangene „Volkswartbund“, der dem Erzbischöflichen Ordinariat der Stadt Köln untersteht. Heute heißt dieser Hausmeister-Verein etwas unverfänglicher „Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendschutz“. Die bigotten Wächter von Sitte und Anstand waren die eifrigsten Zuträger der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.

„Jahrzehntelang hat diese Vereinigung, meist unter dem Vorwand des Jugendschutzes, die bundesdeutschen Justiz- und Polizeibehörden zur Durchsetzung des eigenen Weltbilds missbraucht. Systematisch durchkämmten die Mitglieder die Buchhandlungen, stets auf der heimlichen Suche nach Publikationen, an denen sie Anstoß nehmen könnten, und stets waren eigene Rechtsanwälte zur Hand, um die moralische Entrüstung in Worte zu fassen und an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten“, schreibt Fuld.

Ob diese Herren auch bei der Aufdeckung von Missbrauchsskandalen in katholischen Jugendeinrichtungen ebenso eifrig die Staatsanwaltschaft einschalteten, ist mir allerdings nicht bekannt.

Lektüre-Empfehlung
Lektüre-Empfehlung

Jedenfalls brachten die „Blockwarte des Kardinals“ (eine Formulierung von Robert Neumann) alles zur Anzeige, was nicht ins regierungstreue Milieu passte.

„Gleichgesinnte Staatsanwälte setzten beflissen die Einsatzkräfte in Bewegung: Im Fall von Henry Millers ‚Opus Pistorum‘ durchsuchten 1985 mindestens 700 Polizisten insgesamt 285 Läden und beschlagnahmten alle vorhandenen Exemplare im Auftrag des Darmstädter Staatsanwalts“, erläutert Fuld.

Arno Schmidt zählte zu den bevorzugten Angriffszielen des Volkswartbundes. Seine „Pamphlete“ würden die Einrichtungen und Gebräuche der christlichen Religionsgemeinschaften beschimpfen und seien Gotteslästerung. Zu den beanstandeten Meinungsäußerungen zählte:

„Ich? Atheist, allerdings. Wie jeder anständige Mensch“.

Die Staatsanwaltschaft bejahte den literarischen Wert der Ausführungen von Arno Schmidt und stellte das Verfahren ein – wie großzügig.

Auch Griebenwurst kommt auf den Index

Auffällig ist mittlerweile die Tendenz zur Präventivzensur. Um sich Ärger und Aufwand mit umstrittenen Publikationen zu ersparen, achten viele Buchhandlungen mittlerweile darauf, welche Neuerscheinungen ihnen Schwierigkeiten ins Haus bringen könnten und vermeiden beim Einkauf entweder brisante Themen oder boykottieren Autoren und Verlage, die auf kritische Dokumentationen spezialisiert sind:

„Die Zensurpraxis generiert letzten Endes eine Gesellschaft, in der private Einzelinteressen über die Rechte der Allgemeinheit gestellt werden. Die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Informationsfreiheit wird damit zunichte gemacht“, klagt Werner Fuld und verweist auf eine um sich greifende Praxis, die europäische Literatur zur rauch- und alkoholfreien Zone zu degradieren.

Mein Vorbild
Mein Vorbild

Wo noch vor zehn Jahren Whisky und Zigaretten eine Selbstverständlichkeit gewesen wären, werde jetzt exzessiv Kaffee getrunken. Das Anzünden einer Zigarette bedarf heute einer Legitimation – etwa, um eine Person als Soziopath zu charakterisieren.

Ein Lektor würde wohl einen bekennenden Drogenabhängigen wie Sherlock Holmes nicht mehr tolerieren. So entwickelt sich neben dem Persönlichkeits- und Jugendschutz die Gesundheitsvorsorge zur dritten Säule der Zensur – ein Totschlag-Argument, das selbst vor bayerischen Bierzelten nicht mehr haltmacht, wie die Anti-Raucherkampagne des Lederhosen-ÖDP-Bubis Sebastian Frankenberger unter Beweis stellt.

Die Nichtraucher-Dämlichkeit schreckt noch nicht einmal davor zurück, künstlerische Werke zu säubern:

„Bei Fotografien wird sie bereits praktiziert: Sartre wurde in einer Ausstellung seiner obligaten Zigarette beraubt und das Cover für die Memoiren von Jacques Chirac musste zurückgezogen werden, weil es ihn mit Zigarette zeigte“, erklärt Fuld.

Irgendwann kommt auch hausgemachte Griebenwurst auf den Index, um den durchschnittlichen Cholesterin-Wert der Deutschen zu senken – im Sinne der Volkshygiene. Da mache ich mir doch gleich eine Schachtel Reyno White auf, um im blauen Nikotin-Dunst meines Schreibtisches ein neues T-Shirt zu kreieren mit einem Indianer-Spruch des Kolumnisten Harald Martenstein:

„Eines Tages, wenn erst der letzte Böller verknallt ist, die letzte Zigarette geraucht, das letzte Eisbein gegessen und der letzte Heizpilz gelöscht, wird der weiße Mann merken, dass man Verbote nicht essen kann“ (nachzulesen in den „Ansichten eines Hausschweins“, C. Bertelsmann Verlag).

Verdünnisiert Euch, Ihr Hüter der bigotten und repressiven Moral.

Wie wohltuend ist da das Blog-Motto meines Freundes Wolfgang Schiffer: Streifzüge und Rauchzeichen!

Und das ist ein programmatisches Bekenntnis 🙂 Im Interview waren wir damals noch beim „Sie“.

Über Propheten, Berge und netzpolitischen Provinzialismus

Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann

Wenn der Berg nicht zum Netz-Propheten kommt, muss der Netz-Prophet halt zum Berg gehen. So könnte man die Ausführungen von Michael Seemann in seinem Blogpost „Ich habe vergessen, wo vorn ist“ zum Scheitern des Widerstandes gegen das Leistungsschutzgesetz auf eine Kurzformel bringen. Und ich finde diese Analyse sehr zutreffend. Michael bezieht sich in seinen Ausführungen auf Sascha Lobo, der beklagt, dass es in der Debatte zum Verlegerschutzrecht nicht gelungen sei, die Youtube Generation abzuholen.

„Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter so zu finden ist. Insgesamt ist es nicht gelungen das Problem mit dem Leistungsschutzrecht meiner Mutter, meinem Vater – niemandem außerhalb unserer kleinen Filterbubble verständlich zu machen.“

Im ichsagmal.com-Interview mit Michael ist das ausführlich zur Sprache gekommen mit einigen interessanten Vorschlägen für künftige netzpolitische Kampagnen, die ich in meiner morgigen The European-Kolumne vertiefen.

Die Reaktionen auf die Löschung der papstkritischen Beitrage von Jürgen Domian durch Facebook-Moralwächter ist ein guter Indikator für die Selbstbezogenheit einiger Netzaktivisten. Sie reichten von „heul doch“ bis zu Empfehlungen an Domian, seine Anmerkungen zur bigotten katholischen Kirche auf einem eigenen Blog zu veröffentlichen und das Hosting selbst in die Hand zu nehmen. Das ist ein Ratschlag zum Ausschluss aus der Öffentlichkeit – so eine Art selbst gewähltes Exil der Bedeutungslosigkeit in einer netzpolitischen Filterblase.

Die Musik spielt aber auf Facebook, Youtube, Tumblr und WordPress.com.

„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – daneben stellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn Spiegel Online mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, schreibt Michael Seemann.

Wir predigen Blogs auf selbstgehosteten Webspaces laufen zu lassen, weil das mal eine gute Idee war, als wir 2005 das Netz für uns entdeckten.

Es werde Zeit, dass wir mal unsere eigene Narrativ-Mottenkiste entrümpeln. Netzgemeinde” sei auch deswegen der richtige Begriff für uns, weil es das provinzielle und selbstbezogene dieser unserer Filterblase zum Ausdruck bringt.

„Wir sind ein kleines, verschlafenes Bergdorf, das nicht mal mitbekommen hat, dass die Dampfmaschine längst erfunden wurde.“

Die Empfehlung “Zurück zur eigenen Infrastruktur” ist dann eher ein Ausdruck der Ignoranz. Genauso wie die juristische Haarspalterei, ob es überhaupt Facebook-Zensur geben könne oder nicht, weil angeblich Zensur nur vom Staat ausgeht. Dazu habe ich ja auch ein paar Takte geschrieben. Michael sieht es ähnlich:

„Facebook ist die derzeit wichtigste digitale Öffentlichkeit und deswegen ist es eben doch ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, wenn Facebook bestimmen darf, was gesagt werden darf und was nicht.“

Man könnte natürlich auch weiterhin die Mehrheit der Internet-Nutzer ignorieren und weiterhin hochnäsig auf Facebookianer herunterschauen. So wurde ja recht besserwisserisch kommentiert, warum Domian denn nun keinen eigenen Blog hat und sich dem Hausmeister-Regime von Facebook aussetzt.

Als Ergebnis droht der Tech-Elite ein weiteres Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Umgekehrt kann das nicht heißen, dass man sich widerstandslos den AGB-Diktatoren ergibt und die Notwendigkeit eines freien Netzes in den Wind schießt.

Deshalb halte ich den vierten Punkt im Blogposting von Michael für entscheidend.

„Man kämpft auf Facebook für Plattformneutralität. Wenn Facebook eine nicht offene, aber extrem populäre Inftrastruktur ist, dann machen wir sie eben zur offenen, populären Infrastruktur. Wir lobbyieren bei Facebook für die Öffnung der Plattform für Standards, etc. und kämpfen für Meinungsfreiheit und demokratische Prozesse.“

Und wir initiieren öffentlich-rechtliche Web-Projekte, die mehr Freiraum für Experimente schaffen.

Ich halte die Empfehlung der Metronauten übrigens für falsch, zur Tagesordnung überzugehen und nicht über Fehler der „Netzgemeinde“ weiter nachzudenken.

Dazu auch lesenswert, was Computerveteranen jetzt tun sollten. Ich zähle ja zu den alten Säcken, die in den 70er Jahren noch mit Lochkarten an IBM-Computern herum hantierten, die so groß waren wie ein ganzes Klassenzimmer.

Wie öffentlich sind Facebook und Co.?

Antje Schupp wird in der Debatte über die Aktion von Facebook gegen kirchenkritische Meinungsäußerungen des WDR-Moderators Jürgen Domian angst und bange, weil offenbar selbst professionelle Journalist_innen nicht mehr wissen, was Zensur eigentlich ist:

„Nämlich ein von staatlicher Seite unter Strafandrohung verhängtes Verbot, bestimmte Ansichten und Meinungen öffentlich zu äußern.“

Was Facebook hier mache, das ist keine Zensur, sondern eine Form der Kommentarmoderation.

„Möglicherweise eine, die nicht gefällt, möglicherweise auch eine, die staatlich reglementiert werden muss, aber eben keine Zensur.“

Aber natürlich zensiert Facebook Inhalte. Es ist einfach zu kurz gedacht, hier die alte juristische Diktion ins Spiel zu bringen und sich auf Rechtsbegriffe der Vergangenheit zu beziehen.

Es ist eine neue Form der Zensur. Und da reicht es eben nicht aus, Domian den Rat zu erteilen, seine Ansichten eben irgendwo anders ins Netz zu krakeln. Ohne Facebook oder Google findet Netzöffentlichkeit kaum noch statt.

Man müsse deshalb im Netz zu einer neuen Definition von Öffentlichkeit gelangen, sagte Sascha Lobo auf der Republica im vergangenen Jahr. Und er hat recht. Das Twitter, Facebook und Google öffentlich sind, dürfte wohl unbestritten sein. Aber sind sie auch Öffentlichkeit? Hier gebe es große Unterschiede zwischen den USA und Europa.

„Es gibt in Europa das Gefühl der Öffentlichkeit auf einem Platz. Das ist historisch entstanden. Da wurde dieser alte Marktplatz irgendwie zusammen gemorpht. Bei der Dorf-Metapher schwingt die Allmende mit. Das ist ja etwas, was alle benutzen können und allen gehört. Und der Marktplatz ist etwas, wo eine Öffentlichkeit stattfindet. Der Besitz ist dabei zweitrangig – ob nun staatlich oder privat. Genau so eine Definition der Öffentlichkeit brauchen wir für die digitale Welt. Wenn ich postuliere, Facebook ist Öffentlichkeit, dann ist das eine emotionale Definition“, sagt Lobo.

Hier gibt es einen Grundkonflikt, zwischen dem Gespür der Facebook-Nutzer und den juristischen Tatsachen. Der kluge Lawrence Lessig habe den Spruch geprägt „Code is Law“.

„Genau das muss der Kern der neuen Debatte sein. Wir müssen Gesetze haben, um den Raum und die Funktion der Öffentlichkeit zu fassen. Das geht bis zum preußischen Wasserrecht, wo Öffentlichkeit an Seeufern definiert wurde. Da gibt es tausende von Fragmenten, die gesetzlich festgelegt haben, wie diese gesellschaftliche und politische Funktion der Öffentlichkeit zu wirken hat. Und jetzt kommen wir in eine Phase, die über Code geprägt wird“, betont Lobo.

Mit den alten Metaphern würde man scheitern. Man brauche für eine Lösung des Problems wohl Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen: Von Ethik, Recht bis Technologie. Etwa eine Ethik-Kommission für virtuelle Öffentlichkeit. Man benötige einen fairen Interessenausgleich. Ansonsten spitzt sich die Frage zu, ob nun das Grundgesetz gilt oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Facebook. Wenn der politische Meinungsbildungsprozess auf privaten Servern stattfindet und Mark Zuckerberg nach Lust und Laune virtuelle Existenzen ein- oder ausschalten kann, dann sieht man das Konfliktpotenzial für die Netz-Gesellschaft. Dumm ist also die Disputation über die neuen Sittenwächter des Netzes ganz und gar nicht.

Auch die PR-Doktorin macht es sich etwas zu einfach: Wir disputieren und heulen nicht, werte Bloggerin.

In meiner heutigen The European-Kolumne beschäftige ich mich übrigens mit Big Data, ohne zu heulen: „Die grausame Welt der Daten“ beschreibe ich ohne Weinkrämpfe. Ist eher metaphorisch gemeint.

Der Kreml und die Pressearbeit von Facebook – Reaktionen zum Vorgehen gegen Domian

Facebook-Zensursula

Zur offiziellen Beschwichtigungserklärung von Facebook über das Vorgehen gegen den Fernsehjournalisten Jürgen Domian habe ich der Dame von Facebook noch ein paar Fragen gepostet:

Wer schwingt sich denn bei Facebook zur richterlichen Instanz auf, um zu entscheiden, was gelöscht werden muss oder was nicht? Etwa bei dem Punkt Hass-Reden und Mobbing. Aus welchem Grund wurden denn die Postings von Domian überprüft. Gab es eine Intervention/Beschwerde aus Kreisen der katholischen Kirche. Warum geht man nicht den rechtsstaatlichen Weg, um Gerichte entscheiden zu lassen, ob etwas strafrechtlich relevant ist oder nicht. Was hier abläuft ist Willkür. Wie kann man Sie telefonisch erreichen, Frau Tina Kulow? Habe noch einige Fragen. Die möchte ich als Journalist am Telefon klären.

Dann bekomme ich wohl nach Copy and Paste-Verfahren folgende Antwort von Tina Kulow.

„Hallo Gunnar Sohn hier nochmal „ein Pfund“ Infos zum Thema: Facebook ist eine globale Plattform, auf der sich Millionen von Menschen austauschen, sich untereinander verbinden und Dinge, die ihnen wichtig sind, mit anderen Menschen teilen. Dabei sind Authentizität und Sicherheit von höchster Priorität. Auf Facebook sind echte Menschen aktiv, die ihre echten Freunde finden und echte Geschichten erzählen. Dadurch entstehen echte, authentische Beziehungen, wie auch im realen Leben.

Die Gespräche auf Facebook, und die darin vertretenen Meinungen, sind ein Spiegelbild der Menschen, die Facebook nutzen in ihrer ganzen Verschiedenheit. Um den Bedürfnissen und Interessen einer globalen Bevölkerung gerecht zu werden, schützt Facebook Ausdrucksformen, die den auf dieser Seite angegebenen Standards der Gemeinschaft entsprechen. Informationen dazu finden Sie u.a. in den Standards der Facebook-Gemeinschaft unter: https://www.facebook.com/communitystandards.

Für Facebook ist die Sicherheit der Menschen auf Facebook von höchster Priorität. Grundsätzlich ist es so, dass alle Inhalte, die gegen die Richtlinien verstoßen, umgehend gelöscht werden. Solche Inhalte werden aus einer Kombination von technischen Vorkehrungen, den Nutzern selbst und einem Team ausfindig gemacht.

Nutzer können jegliche Inhalte, die gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen, melden. Dies kann jederzeit und überall gemacht werden, d.h. es können z.B. Seiten, Personen, Gruppen, Fotos oder Kommentare gemeldet werden. Nachdem eine Meldung bei Facebook eingegangen ist, wird diese von einem Team überprüft und anschließend eine passende Maßnahme ergriffen.

Weiterhin hat Facebook komplexe Systeme entwickelt, die die Erstellung von Inhalten, die gegen die Richtlinien verstoßen, entweder verhindern oder dies markieren, damit das Team so schnell wie möglich darauf aufmerksam wird. Seit seiner Gründung arbeitet Facebook kontinuierlich daran, die technischen Systeme und Techniken zu optimieren, um proaktiv Missbrauch auf der Plattform zu identifizieren und dagegen passende Maßnahmen zu ergreifen.

Möglicherweise hilft Ihnen diesbezüglich die Erklärung, was passiert, wenn man „Melden“ geklickt hat, noch weiter. Hierzu finden Sie eine Information unter: https://www.facebook.com/notes/facebook-deutschland/was-passiert-nach-anklicken-von-melden/452825074730336.

Weiterhin bietet Facebook einen extra Sicherheitsbereich für Familien. Mit ihm bietet Facebook eine weitere Anlaufstelle für Strafverfolgungsbehörden, Eltern, Lehrer und Organisationen. Diesen finden Sie unter: http://www.facebook.com/safety.“

Daraufhin postete ich: Sie haben meine Fragen nicht beantwortet Tina Kulow. Wer entscheidet, wann etwas als Missbrauch eingestuft wird in Sachverhalten, die den Regeln des Rechtsstaates unterliegen wie beispielsweise üble Nachrede. Wer spielt also bei Facebook eine Rolle, die in einem Rechtsstaat der Judikative obliegt? Auf die AGBs können Sie sich nicht zurückziehen. Facebook ist ein essentieller Teil der Netzöffentlichkeit. Warum wurden die Postings von Jürgen Domian „bearbeitet“? Gab es eine „Beschwerde“? Wer hat da von außen interveniert? Wer hat die Löschung der Postings von Domian veranlasst? Warum war das „nur“ ein Versehen? Und wie kann ich die Pressestelle von Facebook für ein Interview erreichen? Das ist doch alles nicht so schwer zu beantworten. Die Pressestelle des Kreml erreiche ich leichter.

Update 18,30 Uhr: Eine Antwort auf meine Zusatzfrage habe ich bislang von der Facebook-Vertreterin nicht bekommen.

Siehe auch:

Wie die Pressearbeit von Facebook „funktioniert“.

Facebooks Geschichte politischer „Zensur“.

Facebook und die Zensur – Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg!

Facebook-Zensur gegen Domian: Beiträge zum Papst gelöscht – Verfassungsklage!

AGB-Diktatoren

Jetzt hat Facebook den Limes überschritten. Mit der Löschaktion gegen den WDR-Fernsehrjournalisten Jürgen Domian wegen seiner Äußerungen zu dem bigotten und selbstgerechten katholischen Propagandisten Publizisten Martin Lohmann und seinen Ausführungen zum neuen Papst erweist sich der Zuckerberg-Konzern als übler Zensor. Auf die fragwürdigen AGBs der Infrastruktur-Betreiber, die einen massiven Einfluss auf die Netzöffentlichkeit haben, bin ich an dieser Stelle ja schon mehrfach eingegangen. Hier nur ein Beispiel: Wie frei ist die privatisierte und kommerzialisierte Netzöffentlichkeit?

Und der übliche Spruch, dass ja niemand gezwungen sei, bei Facebook und Co. mitzumachen, öffnet der Diskurs-Hausmeisterei Tür und Tor.

Die großen Social Networks repräsentieren mittlerweile den größten Teil der Netzöffentlichkeit und wer dort nicht präsent ist, existiert virtuell kaum noch. Wie gehen wir also mit dieser privatisierten Netzöffentlichkeit um, die von Konzernen bestimmt wird, auf die wir keinen Einfluss haben? Wir erleben jetzt hautnah die Demontage der Meinungsfreiheit im Netz. Deshalb sollte dieser Fall zum Anlass genommen werden, Facebook vor dem Bundesverfassungsgericht zu verklagen!

Hier noch das Posting von Domian:

„Ihr Lieben, ich bin äußerst verärgert und fassungslos:

Facebook hat meine Beiträge und ebenso eure Kommentare gelöscht. Stein des Anstoßes ist wohl mein kritischer Beitrag zu dem Auftritt des erzkonservativen Katholiken Martin Lohmann bei Günther Jauch. Diesen Beitrag haben immerhin 1,1 Millionen Menschen gelesen. Auch mein völlig harmloser (und durchaus wohlwollender) Text zum neuen Papst entspricht nicht den Richtlinien von Facebook (so wurde es mir heute mitgeteilt). Das ist ungeheuerlich. Mit Meinungsfreiheit hat das nun rein gar nichts mehr zu tun. Die Texte hätten als Kommentar in jeder öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt über den Sender gehen können, hätten in jeder Zeitung stehen können. Alle Grundbedingungen waren gefüllt.

Offensichtlich aber haben fanatische Kirchenanhänger bei Facebook so viel Wind gemacht, dass man dort eingeknickt ist. Das finde ich ausgesprochen erschreckend. Übrigens sind auch meine Posts zur Homo-Ehe verschwunden. Aber wen wundert das nun noch?

Mein Text zum neuen Papst endete (nach ein paar kritischen Fragestellungen) mit den Sätzen:

‚Manche Menschen wachsen mit und in ihrem Amt. Und so werden wir uns vielleicht noch über Franziskus wundern. Hoffen wir es! Geben wir ihm eine Chance! In einem halben, spätestens einem Jahr wissen wir mehr.‘

So etwas darf man nicht mehr schreiben? Hier schon übt Facebook Zensur aus? Mir wird angst und bange bei der Vorstellung, in unserem Land würden politische Kräfte erstarken, die die Demokratie bedrohen. Eine vermeintlich demokratische Plattform wie Facebook würde wohl sofort des neuen Herrn Diener sein.

Ich werde in der nächsten Zeit nichts posten, um die Dinge zu klären. Auch um zu vermeiden, dass meine Texte wieder gelöscht werden. Dennoch versuche ich euch auf dem Laufenden zu halten.

Ich bitte euch, diesen Text hier zu teilen. Euer Domian.“

Siehe auch:

Facebook löscht papstkritischen Beitrag von WDR-Moderator Jürgen Domian.

Jürgen Domian wirft Facebook Zensur vor.

Es ist lachhaft, wie Facebook auf diesen Fall reagiert: Einen „bedauernswerten Fehler“ nennt Facebook die Löschung mehrerer Beiträge auf Jürgen Domians Facebook-Seite – und sogar „frustrierend“ und „doof“, wie Sprecherin Tina Kulow erklärt.

Domian erhebt Zensurvorwürfe gegen Facebook.

Hier geht es zur offiziellen „Erklärung“ des Facebook-Konzerns.

Leistungsschutz-Pharisäer: Was zahlen eigentlich die Verleger für die Leistungen von Google? #lsr

Piraten und sogenannte Urheber 006

Ob jetzt die Google-Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht klug ist oder nicht, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter kommentieren. Ändert ja eh nichts mehr. Pharisäerhaft finde ich die gekünstelte Empörung über den Suchmaschinen-Gigant, der seine Marktmacht für öffentliche Kampagnen missbraucht. Da brüllen ja die richtigen Salon-Löwen. Eine Melange der Springer-Döpfner-Keese-Lobbyisten-Gesetzgebungsantreiber übt sich in einer perfiden Agitation nach dem Muster „Haltet den Dieb“. Gewichtige Kritik am Gesetzentwurf lassen die die Gralshüter des Qualitätsjournalismus so ganz nebenbei unter den Tisch fallen. Dafür rauscht seit Monaten im redaktionellen Teil eine Kampagne nach der anderen durch den Blätterwald. „Mein Kopf gehört mir“ und so weiter…..

Die Argumentation der liebwertesten Leistungsschutz-Gichtlinge ist so simpel wie bei eingeschaltetem Verstand fragwürdig, berichtet das Medienmagazin dwdl:

„Google verdiene ja Geld mit journalistischen Inhalten der Verlage. Gemeint sind jene kurzen Anreißer-Texte in den Suchergebnissen von Google und Google News. Man scheint bei den Verlagen keinerlei Vertrauen in die eigenen Inhalte zu haben, sonst müsste man sich kaum darum sorgen, dass die Leser sich mit diesen Info-Häppchen in der Suchübersicht von Google zufrieden geben würden. Aber eine ohnehin schon durch den verminderten Mehrwertsteuersatz staatlich subventionierte Branche, die seit Jahren mehrheitlich das Jammern und Klagen perfektioniert statt mit Leistungen zu überzeugen oder gar zu begeistern, ist sich zur Rechtfertigung eines Leistungsschutzrechtes nicht zu schade, journalistische Grundwerte über Bord zu werfen. Willkommen in der Propaganda eines Print-Kartells – und kaum jemand empört sich hörbar öffentlich, weil die veröffentlichte Meinung abgesehen von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und wenigen unanhängigen Bloggern und Online-Journalisten zum Kartell gehört.“

Was so alles unter der Decke bleibt, hat Stefan Niggemeier eindrucksvoll zusammengefasst. „Lügen fürs Leistungsschutzrecht.“

Warum werden eigentlich die Redakteure in den so genannten Qualitätsmedien angehalten, für die Online-Ableger ihrer Publikationen möglichst google-optimiert zu schreiben?

Sie werden angehalten, die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einzusetzen. Nur so schnellen die Zugriffe auf Artikel hoch und erzielen die gewünschte Aufmerksamkeit. Was zahlen eigentlich die Verleger für die Dienste von Google, die sie jeden Tag bislang kostenlos in Anspruch nehmen?

Wenn nun die Verleger Google zur Kasse bitten, könnte ich es verstehen, wenn der Suchmaschinen-Konzern den Spieß umdreht. Werden die Anreißer-Texte nicht mehr eingeblendet, brechen die Klickraten ein. Das Leistungsschutzrecht wird das Siechtum der Verlage sogar noch beschleunigen. An den strukturellen Defiziten ändert das nichts – sie werden eher konserviert und verlangsamen den Wandel, wie es Wolfgang Münchau in seiner Kolumne „Tod der Verleger“ ausführte.

Die Nabelschau der Printmedien

„Springer-Chef Matthias Döpfner beschwor neulich in der Welt ‚gute Zeiten für Verleger, die Wachstum gestalten wollen‘. Ich sehe das ganz anders. Die Krise ist eine fantastische Gelegenheit für neue Medienunternehmer, aber nicht für ihn und andere Großverleger vergangener Zeiten. Das hat nichts mit der Qualität des Managements zu tun, sondern ist eine Frage ökonomischer Logik. Das ‚Internet als Chance für Verleger‘ gehört – nach dem Satiriker H.L. Mencken – in die Kategorie von Thesen, die hübsch, plausibel und falsch sind.“

In den analogen Zeiten hätten sich die Verleger mit ihren Zeitungen und Magazinen dumm und dusslig verdient. Das digitale Zeitalter habe dieses Geschäftsmodell vollständig zertrümmert. Die Prozess sei mit einfacher mikroökonomischer Logik erklärbar.

„Zum Ersten sind die Eintrittsbarrieren verschwunden. Mit Plattformen wie WordPress kann jeder sein eigenes Blog, sogar bescheidene News-Webseiten gestalten. Mit Open-Source-Redaktionssystemen kann man mit geringem Aufwand die komplexesten Websites managen. Für wenige Tausend Euro und ein bisschen Fantasie kann man ein Online- und Mobilangebot hinbekommen, das denen fast aller deutscher Verlage überlegen ist. Die meisten quetschen immer noch ihre analogen Inhalte auf die Website oder auf das iPad, anstatt die kommunikativen Möglichkeiten auszunutzen, die diese neuen Medien bieten. Mit der Extrem-Absenkung der Eintrittsbarrieren verschwand das Oligopol der Verlage in kürzester Zeit. Außenseiter wie die Huffington Post überrundeten in den USA jahrhundertealte etablierte Organisationen wie die New York Times. Die Neuen haben ein von Grund auf multimediales Internetkonzept kreiert“, so Münchau.

Große Verlage seien weniger flexibel in der Ressourcenallokation.

„Ihre relative Größe ist heute kein Wettbewerbsvorteil mehr. Meine eigene Erfahrung mit Verlagsmanagern gerade in Deutschland ist, dass sie vorwiegend analog gestrickt sind. Wenn ich lese, dass ein Verlag sich damit brüstet, massiv in das Internet zu investieren, dann erahne ich ein massives Missverständnis: Der analoge Mensch sieht das Internet als einen weiteren Vertriebskanal für analoge Produkte“, führt der FTD-Kolumnist weiter aus.

Kommt mir irgendwie bekannt vor. Sagen die Manager in der Service-Industrie auch immer. Mit Kanälen ist in der digitalen Welt aber nichts mehr zu machen:

„In digitalen Medien sind Informationen aufteilbar. Die alte Zeitung war, technologisch bedingt, eine Art große Koalition aus Politik, Wirtschaft, Feuilleton und Sport. Die meisten Leser legen immer sofort mindestens zwei Teile einer solchen Zeitung weg, obwohl sie dafür bezahlt haben. Die Katze im Sack ist im Internet unverkäuflich, weil es genügend Katzen außerhalb der Säcke gibt“, meint Münchau.

IBM und Kodak seien zwei entgegengesetzte Beispiele dafür, wie man sich aufgrund einer monumentalen Marktverschiebung anpasst. Kodak gehe gerade den Bach runter, weil es auf sein Geburtsrecht des Marktführers pochte, das es im digitalen Zeitalter nicht aufrechterhalten konnte. IBM verkleinerte sich und flüchtete in eine Reihe lukrativer Nischen.

„Nach meinen persönlichen Erfahrungen droht den deutschen Verlagen das Schicksal von Kodak“, resümiert Münchau.

Das Leistungsschutzrecht wirkt dabei wie ein Katalysator. Und tschüs.

Woz warnt vor Benutzungsbestimmungen der Cloud-Dienste #AGB-Diktatur

Apple-Mitgründer Steve Wozniak warnt nach einem Bericht von Giga.de vor den populären Cloud-Diensten. Auch bei Woz stehen die Benutzungsbestimmungen im Zentrum der Kritik. Die habe ich ja als AGB-Diktatur bezeichnet:

“Ich mache mir sorgen darum, dass alles in die Cloud wandert”, so Wozniak. “Ich glaube, das wird entsetzlich werden. Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf Jahren viele schreckliche Probleme haben werden.” Mit der Cloud besäßen die Benutzer überhaupt nichts mehr, “das hat man schon beim Anmelden weggegeben”, so Woz.

“Ich möchte, dass ich das Gefühl habe, dass mir Sachen gehören. Viele Leute glauben: ‘Oh, das ist doch alles letztendlich auf meinem Computer’, aber ich sage, dass, wenn wir immer mehr ins Web und auf die Cloud übertragen, wir immer weniger Kontrolle darüber haben werden”, erklärt der Weggefährte von Steve Jobs.

So werden höchst sinnvolle Dienste ad absurdum geführt. Im Endergebnis ist das nicht anderes als maschinengesteuerter Paternalismus der zu politisch fragwürdigen Netzsperren führt. Die Regeln setzen bigotte Konzerne nach Gutherrenmanier. Solange Wettbewerb herrscht, relativiert sich die Moralkeule, die in den unlesbaren Geschäftsbedingungen eingemeißelt wird. Ich kann ja mit den Füßen abstimmen und den Anbieter wechseln. Was aber passiert, wenn auch das nicht mehr möglich ist?

Wenn ich als Kunde von Web-Konzernen keine Wahlfreiheit mehr habe und sich die Firmenlenker als Zensor meiner Daten in Szene setzen, kann von einer Wahrung meiner Privatsphäre keine Rede mehr sein. Und das ist wesentlich kritischer als die stümperhaft personalisierten Werbeeinblendungen, die man mir auf irgendwelchen Websites an den Kopf knallt. Im Prinzip müssten die Cloud-Anbieter die gleichen Regeln verfolgen wie Hersteller von PCs. Hier kann ich ja auf meiner Festplatte Daten speichern, ohne das die PC-Firma irgendwelche Eingriffsmöglichkeiten hat. Und ob das kriminelle oder sittenwidrige Handlungen sind, kann nur die Justiz entscheiden und sonst keiner, schon gar nicht die Moralprediger von Microsoft, Google oder Apple.

Siehe auch:

Die AGB-Diktatur – Plädoyer für politische Netzneutralität.

PORNO-VERBOT IN MICROSOFT-CLOUD.

Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur.