PVC-Entsorgungsprobleme wachsen und Recyclingbetriebe stehen vor dem Aus

Der dramatische Nachfrageeinbruch bei Recyclaten und Mahlgütern wirkt sich immer bedrohlicher auf die Recyclingwirtschaft aus: „Schon heute stehen tausende Tonnen PVC Mahlgüter und Regenerate bei deutschen und europäischen Verwertern auf dem Hof und warten auf ihren Absatz“, skizziert Sebastian Frings-Neß, Vorsitzender des Europäischen PVC- Recyclingverbandes EUPVcycle die aktuelle Situation der Verwertungsindustrie.

Noch nie seien bei Entsorgern so viele Kooperationsangebote, Beteiligungen und Betriebsübernahmen eingegangen, wie in den vergangenen Monaten. Der Grund: „Das Material liegt in den Unternehmen, die Überziehungskredite sind fast überall am Anschlag angekommen und der Absatz fehlt. Ohne funktionierenden Cash flow ist das Ende dieser Unternehmen absehbar. Die erste Welle an Insolvenzen ist in den letzten Wochen schon auf uns zu gekommen und das war vermutlich nur der Anfang“, warnt Fings-Neß.

So mute es nach seiner Meinung fast zynisch an, wenn Werner Preusker, Chef der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AGPU) und der Deutschen Gesellschaft für PVC Recycling (DPR) über ein erfolgreiches Recycling von mehr als 221.000 Tonnen alleine in Deutschland spricht. „Recycling endet jedoch nicht bei der Halleneinfahrt des Verwerters. Es ist erst dann vollständig abgeschlossen, wenn die Produkte auch tatsächlich wiederverwertet werden. So scheinen auch die Mengenziele der europäischen Selbstverpflichtungsorganisation vinyl 2010 unter einem schlechten Stern zu stehen. Wenn die aktuelle Situation sich noch einige Zeit fortsetzt, brauchen wir uns um Mengenziele beim PVC Recycling keine Gedanken mehr zu machen – denn dann gibt es viele Verwerter nicht mehr“, fasst Frings-Neß die aktuelle Situation zusammen.

Es müssten viel mehr finanzielle Anreize geschaffen werden, um das PVC Recycling massiv zu unterstützen. Das Duale System für das Verpackungsrecycling habe zu Beginn der 1990er Jahre massive Unterstützung der Industrie erhalten, die sich Jahre später ausgezahlt hat. Aber genau das fehle bei der PVC-Verwertung. Frings-Neß fordert deshalb ein größeres Engagement der betroffenen Industrie. Ziel seines Verbandes sei es, auch in der jetzigen Situation, in der die Marktlage bedrohlich ist, aktiv den Prozess für morgen zu gestalten und schon jetzt belastbare und effiziente weltweite Wege zum Absatz von recyceltem PVC zu finden. Daher werde der Verband in Kürze sein Konzept vorstellen, wie man Mahlgüter, Regenerate und auch Ballenware auf einer internationalen Plattform anbieten könne.

Mehrweg adé: Das leise Sterben einer Branche und die Umweltverbände tun nichts

Mindestens zwei Jahre feilschten Politiker, Lobbyisten und Umweltverbände über die Gestaltung der fünften Novellierung der Verpackungsverordnung. Mit dem Zusammenbruch des Mehrwegsystems für Getränke muss Bundesumweltminister Sigmar Gabriel nach dem gescheiterten Umweltgesetzbuch einen weiteren umweltpolitischen Niederschlag hinnehmen. Die vor rund 19 Jahren als europäisches Vorzeigemodell eingeführte Verpackungsverordnung steht vor einem Scherbenhaufen. „Das, was kritische Stimmen bei der Einführung der Pfandregelung für Einweggetränke prophezeit haben, hat sich bewahrheitet. Das so genannte Dosenpfand wurde zu einem Rohrkrepierer für die Mehrwegquote“, kritisiert ein Brancheninsider der Getränkewirtschaft im Gespräch mit mir, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Pfandgewinne über nicht zurück gebrachte Einwegflaschen, pro Flasche immerhin 25 Cent, bescherten den Discountern nicht nur zusätzliche Einnahmen zur Quersubventionierung von Einweggetränken, sondern verdrängten fast irreversibel Mehrweg vom Markt. Gefälligkeitsgutachten und Beschwichtigungen der Einweglobby hätten lange genug die katastrophale Entwicklung des Mehrweganteils vor der Öffentlichkeit verschleiert. Es sei an der Zeit, dass die realen Bedingungen für die Umwelt- und Energiebilanz bei Einwegflaschen öffentlich gemacht werden. Nach Berechnungen des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen verkaufen Discountläden Mineralwasser in 1,5-Liter Einwegflaschen für den Spottpreis von 19 Cent. Getränkefachmärkte seien gegen diesen Dumping-Preis chancenlos.

Nach Informationen des Spiegels lasse der Bundesumweltminister nunmehr prüfen, ob Einwegverpackungen für Mineralwasser verboten werden können. „Die Überlegungen von Gabriel sind ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Das wird die Wirtschaft nicht zulassen. Unvergessen bleiben die jahrelangen juristischen Schlachten um die Einführung des Pflichtpfandes. Ähnliches wird uns bei einem ministeriellen Verbot von Einwegflaschen drohen“, warnt Sascha Schuh, Abfallexperte des Bonner Beratungshauses Ascon.

Gut einen Monat nach Inkrafttreten der novellierten Verpackungsverordnung habe sich bei den Umweltpolitikern schon wieder Ratlosigkeit eingestellt. „Neben dem Mehrwegdebakel ist auch die Absicherung Dualer Systeme für die haushaltsnahe Sammlung des Verpackungsabfalls gescheitert. Mit EKO-Punkt scheidet der erste Wettbewerber um Duale Systeme aus. Die neuesten Zahlen beweisen das: Der frühere Monopolist DSD ist nach wie vor mit rund 70 Prozent Marktanteil dominant“, kritisiert Schuh.

Zwar seien die ungeliebten Selbstentsorgersysteme abgeschafft worden. „Heute heißen sie Branchenlösung und haben einen Marktanteil von bis zu 15 Prozent. Und schon jetzt haben sich mehr als 120 neue Branchenlösungen angemeldet, die keinen flächendeckenden Abholservice für Verpackungsabfall mehr bieten. Und in ein paar Monaten können wir unser Wasser vielleicht nur noch beim Discounter kaufen, da das Mehrwergsystem wie erwartet kollabiert“, prognostiziert Schuh. Da verwundere es nicht, wenn sich die ersten Arbeitsgruppen zusammensetzen, um die sechste Novelle vorzubereiten. „Ob es eine Novelle oder eine Revolution gibt, hängt sicherlich von der nächsten Bundestagswahl ab. Aber eines scheint klar, so kann und wird es nicht bleiben“, resümiert Schuh.

Im nächsten Jahr muss nach dem Verordnungstext ohnehin die Wirksamkeit des Dosenpfandes überprüft werden. Experten sind sich sicher, dass die Debatte früher einsetzen wird, um Mehrwegsysteme vor dem Zusammenbruch zu retten.

Mal eine Frage an die Blogosphäre: Bei der Einführung des Dosenpfandes haben sich die Umweltverbände, vor allen Dingen die DUH überschlagen mit Aktionen. Jetzt herrscht fast Totenstille beim Zusammenbruch von Mehrweg.

Gibt es dafür eine Erklärung? Warum wird das Free-Rider-Verhalten der Discounter beim Dosenpfandgewinn klein geredet? Es gibt genügend Indizien, dass der 19 Cent-Kampfpreis nur über Quersubventionierung möglich ist. Von Resch und Co. kommen da nur laue Anmerkungen. Schwach.

Einzelhandel muss die großen Probleme lösen: Arbeitsplätze, Umwelt und Vertrauen in die Wirtschaft – New Yorker Fachkonferenz Retail’s Big Show im Zeichen der Wirtschaftskrise

Wal Mart-Chef H. Lee Scott
Wal Mart-Chef H. Lee Scott
Nach Ansicht von Wal Mart-Chef H. Lee Scott tritt der neue US-Präsident Barack Obama sein Amt in einer der schwierigsten Zeiten in der Geschichte der USA an. Es gehe um Arbeitsplätze, um die Stabilisierung der Hauspreise und um die Wiederstellung des Vertrauens in die Wirtschaft. „Wir brauchen mutige und entschlossene Maßnahmen in jedem dieser Bereiche, um unsere Wirtschaft wieder in Schwung bringen“, sagte Scott zum Auftakt der Fachkonferenz Retail’s Big Show in New York.

Jetzt sei die Zeit gekommen, die wirklich großen Probleme des Landes zu lösen. Es müsse eine finanzierbare medizinische Versorgung für alle Menschen geben, über alternative Energiequellen müsse man sich unabhängig vom Öl machen und das Bildungssystem dürfe nicht länger eine Schande für die USA sein. „In guten Zeiten werden die harten Fragen nur selten gestellt – das hat sich nun geändert“, so Scott. Die Bevölkerung wolle in Washington keine Machtspiele und keinen kleinkarierten Egoismus erleben: Republikaner gegen Demokraten, Liberale gegen Konservative, Unternehmer gegen Gewerkschaften. „Politischer Entscheider sind jetzt gefordert, ihre Differenzen beiseite zu schieben und sich auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen“, fordert Scott.

Neben der wirtschaftspolitischen Gemengelage zählen Strategien für einen grünen Einzelhandel zu den Top-Themen der New Yorker-Konferenz. So präsentierte der Technologieanbieter Bizerba beim Presserundgang des Veranstalters National Retail Federation (NRF) sein Frischwaren-Management-System bestehend aus dem neuen Ladenwaagensystem K, dem von Bizerba entwickelten Retail Framework und einer umfangreichen Content-Datenbank. Damit wolle das Balinger Unternehmen die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Einzelhändler beispielsweise den Carbon Footprint für ihre Produkte darstellen können.

„Die Content-Datenbank, auf die Verkaufsmitarbeiter per Touchscreen zugreifen können, verfügt nicht nur über umfangreiche Informationen zu Herkunft, Inhaltsstoffen und Zubereitungsmöglichkeiten von Produkten. Sie bietet Verkaufsmitarbeitern auch die Möglichkeit, sämtliche bei der Herstellung und dem Vertrieb der einzelnen Produkte entstandenen Treibhausgase für die Kunden darzustellen“, erläuterte Bizerba-Sprecherin Claudia Gross. Vor allen Dingen der Carbon Footprint habe eine sensibilisierende Wirkung und veranlasse die Konsumenten stärker dazu, einheimische und regionale Produkte zu kaufen als solche, die eine lange Produktions- und Lieferkette durchlaufen. Allerdings müsste das Problem der derzeit noch unterschiedlichen Berechnungsmethoden für den CO2-Fußabdruck schnellstens gelöst werden. Denn verlässliche Aussagen seien nur durch eine einheitliche Methodik zu treffen.

Ähnlich sehen es die Analysten von Deloitte. „Die Ökologisierung des Einzelhandels wird durch die regulatorischen Bedingungen und das wachsende Umweltbewusstsein der Käufer angetrieben“, sagte Deloitte-Vice Chairman Stacy Janiak bei der Vorstellung der Studie „A retail outlook for 2009 and beyond“. Generell werden strategische IT-Investitionen wichtiger, Business Intelligence, RFID, Online-Shopping, Personalisierung und eine stärkere Kundenorientierung. „Viele Händler wissen zuwenig über ihre Kunden und tappen bei ihren Verkaufsstrategien im Dunkeln“, so das Resümee von Janiak.

Rezession schafft ein besseres Klima – Krise für eine Effizienzrevolution nutzen!

Michael Miersch hat in der Welt einen klugen Kommentar geschrieben: Die Krise vermindert den Ausstoß von Treibhausgasen weitaus effektiver als Ökosteuern und Klimaschutzverträge. Jeder Motor, der nicht angeworfen wird, jede Maschine, die nicht läuft, jedes Flugzeug, das am Boden bleibt, hätte in Zeiten guter Konjunktur Treibstoffe verbrannt und damit Kohlendioxid erzeugt. Wirtschaftskrisen waren schon früher CO2-Senker. Als 1973 die Opec-Länder den Ölhahn zudrehten, führte das nicht nur zu einer Konjunkturflaute, sondern auch zur Effizienzrevolution. Es schärfte das Bewusstsein für die Möglichkeiten des Energiesparens und beförderte die Suche nach Alternativen. Der Untergang der DDR reduzierte die Treibhausgase noch heftiger. Nur weil in den frühen 90er-Jahren Stahlwerke, Chemiekombinate und Autofabriken im Osten pleitegingen, wurde es möglich, dass Deutschland die Ziele des Kyoto-Protokolls bereits vier Jahre vor dem Stichtag erreichen konnte. Gernot Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sagt: „Rezession bringt Klimaschutz, und Weltrezession bringt massiven Klimaschutz. Allein wenn sich das chinesische Wirtschaftswachstum halbieren sollte, geht der Anstieg der Treibhausgasemissionen um ein Viertel zurück. Es könnte sogar sein, dass die Konjunkturkrise dieses Jahr das globale Emissionswachstum stoppt.“

Die Krise sollte – wie schon die Ölkrise der 70er-Jahre – genutzt werden, um effizientere Techniken voranzutreiben, die den Verbrauch fossiler Ressourcen weiter senken. Liest man die Aussagen der kommenden US-Regierung, wird wahrscheinlich genau dies geschehen.

PVC-Industrie mit Kreislaufproblemen – EU-Abfallrahmenrichtlinie sorgt für Recyclingstress

Die europäische PVC-Industrie steht in den nächsten zehn Jahren nach Prognosen des Bonner Abfallexperten Sascha Schuh vor einer ihrer größten Herausforderungen. Spätestens bis 2020 muss sie ihren Beitrag zu einer werkstoffliche Recyclingquote von mindestens 70% leisten“, sagte Schuh auf der Bonner Fachtagung „PVC – Rohstoff und Sorgenkind der Entsorger“. Auslöser dafür sei die Verabschiedung der Novelle der EU-Abfallrahmenrichtlinie. Bis 2020 müssten 70 Prozent der verwendeten Produkte aus Bau- und Abbruch wiederverwendet oder werkstofflich verwertet werden. „Da mehr als 75 Prozent der in Verkehr gebrachten PVC-Produkte auf dem Bau landen, müssen die Verantwortlichen in den nächsten Jahren noch ihre Hausaufgaben erledigen“, so Schuh, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ascon. Bei einem europäischen Marktvolumen von 6,4 Millionen Tonnen PVC und einem Produktanteil von 75 Prozent ergäbe sich ein Recyclingpotential von mehr als 4,8 Millionen Tonnen. Davon 70 Prozent seien immer noch mehr als drei Millionen Tonnen PVC, die dann auf ihre werkstoffliche Verwertung warten, es sei denn, dass sich die Kunststoffindustrie hinter den Bemühungen anderer Branchenteilnehmer verstecke.

„Wenn die Organisation Vinyl 2010 sich in den nächsten zwei Jahren rund 200.000 Tonnen PVC-Verwertung auf die Fahne geschrieben hat, dann können sie ihre Ziele für 2020 getrost um das sechzehnfache erhöhen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Richtlinie das Recycling von Produktionsabfällen und so genannten postindustriellen Abfällen – wie es in Deutschland zur Zeit geschieht – ausdrücklich ausschließt“, erklärte Schuh. Dabei gebe es nur noch einen Ausweg. Die Verordnung zielt auf Verwertungsquoten der gesamten Masse ab. „Im Endeffekt könnte sich die Industrie künftig mengenmäßig hinter der Steine- und Erdverwertung verstecken. Ich glaube aber nicht, dass sie diesen riskanten Weg einschlagen wird, der in Deutschland in anderen Bereichen schon einmal für strenge gesetzliche Reaktionen sorgte“, so die Bedenken von Schuh. Mittelständische Verwertungssysteme für gemischtes PVC-Recycling vermisst Frank Arleth, Leiter der Ascon-Systemverwertung. Es gebe in Deutschland und Europa zwei hervorragende technische Anlagen zur Verwertung von PVC. „Die Dow Chemical Anlage in Schkopau und die Vinyloop Anlage in Ravenna überzeugen durch ihre Konzeption und ihr Durchsatzvolumen. Doch beide Betriebe kein werkstoffliches Recycling von gemischten PVC-Abfällen leisten. Dow Chemical benötigt ein speziell aufbereitetes Mahlgut zur Weiterverwertung, das schon in der Vorbereitung und Endverwertung so kostenintensiv ist, dass selbst die Sondermüllverbrennung als kostengünstigere Alternative erscheint“, weiß Arleth.

Es fehle ein Unterbau für die werkstoffliche Verwertung gemischter PVC-Abfälle. Man könne nicht jede Sortieranlage zwingen, drei, vier oder mehr PVC-Fraktionen auszusortieren, um sie dann gegen Zuzahlung an einen Verwerter abgeben zu müssen. „Entsorger brauchen Alternativen, wo sie mit ihrem Material hingehen können. Da hilft es nicht, einen Abnehmer für Rohre, für Fenster und für Dachbahnen zu präsentieren. Ziel muss es sein, geeignete werkstoffliche Verwerter aufzubauen, zu unterstützen und als Alternative für die Entsorger zu installieren“, forderte Arleth. Kritik äußerte Sebastian Frings-Neß, Vorsitzender der neuen Recyclingorganisation EUPVcycle, an den nebulösen Recyclingstatistiken der Verbände AGPU http://www.agpu.de und Vinyl 2010: „Wenn zwei Verbände zusammen eine Erklärung abgeben und sich gegenseitig zwei gegensätzliche Zahlen bestätigen, charakterisiert dies den Zustand des europäischen PVC-Recyclings“, kommentierte der Vorsitzende des Vereins die Presseerklärung der beiden Lobbyistenvereinigungen. „Ich empfehle jedem, erst die Zahlen der AGPU und dann die von Vinyl 2010 zu lesen und sie mit aktuellen Verordnungen zu vergleichen. Dann kann man sich ausmalen, was auf diese Industrie in Zukunft zukommt“, warnte Frings-Neß. Er kündigte für dieses Jahr einen eigenen zertifizierten Mengenstrom für das werkstoffliche Recycling von nicht regulierten PVC-Abfallströmen an. „Es wird nicht leicht, aber unser Ziel ist es, in den nächsten zwei Jahren europaweit eine werkstoffliche Verwertung nicht regulierter PVC-Abfälle zu dokumentieren, die den Anforderungen der Abfallrahmenrichtlinie entspricht und somit den PVC-Verwertern auch langfristig eine Perspektive aufzeigt“, sagte Frings-Neß in Bonn.

Exkurs zur Glühbirne – Gutgemeinte Verbote und die Gefahr eines paternalistischen Staates

Es gehört mittlerweile zu den bevorzugten Beschäftigungen von Beamten, Abmahnvereinen und Politikern, die Bürger in Deutschland zu schurigeln, zu kujonieren und zu schikanieren. Das Hochgefühl, das diesem Tun entspringt, ist umso köstlicher, je mehr es mit dem Bewusstsein des Rechthabens verbunden ist. Dann kann man die Behandlung, die man dem Untertan angedeihen lässt, zu einer Form von notwendiger Bestrafung aufwerten. Das ist der Grund, weshalb die selbst erklärten Moralapostel ständig nach der guten Sache Ausschau halten, in deren Dienst sie treten können – und in deren Dienst sie die anderen treten können. Glücksspiele, Flatrate-Partys, Mülltrennung, Hunde, Klimaschutz, Killerspiele oder Rauchen: Hier bietet sich eine gigantische Palette von Zurechtweisungs- und Erniedrigungsmöglichkeiten unter dem Horizont polizeilicher Verfolgungsphantasien: „Wenn Argumente fehlen, kommt meist ein Verbot heraus“, so ein Aphorismus des Schriftstellers Oliver Hassencamp (555 kandierte Sätze: Aphorismen, 1987) der mit den Burg Schreckenstein-Geschichten bekannt wurde. „Wenn Hassencamp recht hat, dann steht es ziemlich schlecht um die Debatte in Deutschland“, schreibt die FAZ und die Zeitschrift Focus ergänzt: „Abschaffen, verbieten, neu regeln: Symbolpolitik hat Konjunktur. Wenn im Land der Ideen die großen Würfe nicht mehr gelingen, entwickelt die politische Klasse als Ersatz populistische Energie. Von Eigenverantwortung wird viel geredet, in Wirklichkeit aber lieber mit Verboten und Geboten regiert“.

Der verbale Feinstaub kenne keine Grenzen und der dirigistische Zeitgeist schon gar nicht. Wenn der Bürger schon selbst nicht weiß, was für ihn gut ist, dann ist es mit Sicherheit die Politik. So lautet die Fanfare der Machtanmaßung. Niemand traue mehr dem mündigen Bürger eigene Verantwortung zu. „Er muss stets wie von einem Kindermädchen betreut werden“, spottet der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff. Die politische Elite leidet wohl immer stärker am Borderline-Syndrom: Sie möchte den technischen Fortschritt und den anarchischen Freihandel eindämmen, verlangt nach dem starken Staat, mehr Institutionen, mehr Gremien, mehr Gesetzen, mehr Steuern und „Regeln und noch mal Regeln“. Das Lieblingswort der Polit-Hausmeister ist „Grenze“: Grenzen entdecken sie überall – allerdings weniger die Grenzen des eigenen Horizonts. Und wo sie keine Grenzen finden, müssen schnellstens Grenzen gezogen werden.

Beispiel: Stand-by-Schalter. „Weil diese Dauerbrenner unnötig viel Energie verschlingen und der Bürger nicht bereit ist, bei seiner Stromrechnung zu sparen, will die Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, die Technik abrüsten“, so Focus. Dadurch lasse sich der Strom aus zwei Kernkraftwerken einsparen, behauptet die frühere Verbraucherschutzministerin. „Problematisch wäre ein Stand-by-Verbot vor allem für Geräte wie Video-, DVD- und Festplattenrecorder, weil sie sich nicht mehr selbstständig einschalten könnten“, schreibt Focus. Und was macht Künast mit Kunden, die ihre Geräte via Internet im Ausland kaufen? Bekommen wir eine Stand-by-Spezialeinheit des Ordnungsamtes auf den Hals gehetzt und müssen entsprechend Bußgelder abdrücken unter Androhung von strafrechtlichen Sanktionen? Genauso idiotisch ist die Forderung nach einem Verbot der Glühbirne. Bei allen Maßnahmen sollten auch die ökologischen und ökonomischen Folgen bedacht werden. So kann die Energiesparlampe im Gegensatz zur herkömmlichen Glühbirne nicht im Hausmüll entsorgt werden, denn sie enthält bis zu acht Milligramm Quecksilber. Eine Substanz, die nicht nur für die Umwelt schlecht ist, sondern auch die Gesundheit beeinträchtigen kann. Hier droht ein gigantischer Sondermüll.

„Beispiel: Killerspiele. Wer von den Abgeordneten wirklich glaubt, durch ein deutsches Verbot dieser Computersimulationen Kinderzimmer gewaltfrei zu gestalten, der hat sich lange nicht mehr mit Jugendlichen unterhalten. Die gehen per Internet inzwischen auf Reisen nach Asien oder in die USA, wo sich keiner für bayerische Bundesratsinitiativen interessiert“, führt Focus aus.

Beispiel Flatrate-Partys: „Die neueste Idee all jener Gesundheitspolitiker, die im Gespräch bleiben wollen, aber keine Lust haben, die Gesundheitsreform zu überarbeiten. Kaum trinkt sich ein unkluger Sechzehnjähriger mit 45 Tequila ins Koma, fordern die Drogenbeauftragten der Großen Koalition ein absolutes Alkoholverbot für Jugendliche – und heißen damit einen Plan der Europäischen Union gut. Dass Alkohol in solchen Mengen alten wie jungen Menschen schadet, ist unbestritten. Aber wer sich mit 14 oder 16 Jahren regelmäßig bewusstlos trinkt, braucht Information und Hilfe – und kein zusätzliches Verbot“, so das Plädoyer der FAZ.

Beispiel Mülltrennung: In den Gelben Säcken und Tonnen des Grüne Punkt-Müllregimes landet immer mehr Restmüll. Windeln, Essensreste, Schuhe oder Elektroschrott. Entsorger und Müllkontrolleure sprechen martialisch sogar von „illegaler Abfallentsorgung“. Und: „Wir gehen dem hinterher“, heißt es bei den privaten und kommunalen Müllsheriffs. Wenn die Müllsammler schon beim Abfahren der Gelben Säcke und Tonnen feststellen, dass da was Falsches drin ist, dann kleben sie einen Zettel an das Sammelgefäß und lassen es stehen. Die Betroffenen müssen nachsortieren. Einige Kommunen bitten die Müllsünder sogar zur Anhörung und sprechen ein Verwarngeld aus. In schweren Fällen und wenn die Betroffenen uneinsichtig sind, schaltet sich das Rechtsamt ein. Mögliche Folge: ein Bußgeld, das bei sehr schweren Abfall-Vergehen bis zu 5000 Euro betragen kann. Dabei lässt sich nach einem Bericht der ARD-Wissenschaftsendung Quarks & Co. http://www.quarks.de/pdf/Q_Muell2.pdf der Inhalt von Gelben und Grauen Tonnen kaum noch unterscheiden. Deshalb fordern Experten seit Jahren, den gesamten Hausmüll sortieren zu lassen – mit Ausnahme von Papier und Glas, die schon vor Einführung des Grünen Punktes ohne Probleme recycelt wurden. „So sagt dann auch das Umweltbundesamt: Wenn man auf die Gelbe Tonne verzichtet, wird es billiger. Und man kann viel mehr Wertstoffe direkt aus dem Hausmüll holen, als es jetzt möglich ist“, berichtete Quarks & Co. Dann kann man die Trennvorschriften getrost vergessen, die rechtlich sowieso auf wackligen Beinen stehen. Die bundesweit gültige Verpackungsverordnung entzieht den Kommunen die Zuständigkeit für die Entsorgung von Verpackungsabfällen.
Nach dem Verursacherprinzip sind dafür Handel und Industrie zuständig. Es existiert allerdings keine Trennpflicht. Kein Bürger kann gezwungen werden, Verpackungen getrennt zu sammeln. Schmeißen die privaten Haushalte ihre vergammelten Joghurtbecher oder Folien in die Restmülltonne, ist die Kommune am Zuge – sie muss diesen Abfall abholen. Umgekehrt können die kommunalen und privaten Müllhausmeister allerdings auch keine Repressionen gegen Sortiermuffel verhängen, wenn Gelbe Säcke und Tonnen mit stinkendem Müll falsch befüllt werden. Das ist das Privatvergnügen der Hüter des Grünen Punktes, die im Zweifelsfall nur die Möglichkeit haben, ihre Behälter abzuziehen.

Beispiel Glücksspiele: Die FAZ weist süffisant darauf hin, dass mit dem Auftauchen privater Konkurrenz zahlreiche Landesregierungen „plötzlich die Gefahren der Spielsucht erkannten und ihre Pflicht, die Bürger vor sich selbst zu schützen, nachdem sie diese jahrzehntelang selbst ungehemmt zum Lotto- und Toto-Spiel animiert hatten“. Unter der daraus resultierenden regulatorischen Unsicherheit hatten staatliche wie private Anbieter zu leiden, was sich vielfach geschäftsschädigend auswirkte. Die Mehrheit der Ministerpräsidenten will doch nur staatliche Pfründe retten und die Lotteriegesellschaften weiterhin als Verschiebebahnhof für altgediente Politfunktionäre nutzen. Mit der Bekämpfung der Spielsucht hat das ganze Theater überhaupt nichts zu tun. Die Halbwertzeit dieser Entscheidung wird aber nicht in Berlin vorgegeben, sondern in Brüssel.

Beispiel Hunde: Alle Hunde an die Leine! „Seitdem ein Gesetz in Hamburg es so verlangt, herrscht unter den Hundehaltern der Hansestadt der Ausnahmezustand. Denn es gibt nur eine Chance, der umfassenden Leinenpflicht zu entkommen: den Hundeführerschein. Und so pilgern in diesen Tagen tausende brave Hundehalter zu einem der städtisch anerkannten Sachverständigen, um die sogenannte Gehorsamsprüfung abzulegen. Erst wenn Komm!, Sitz!, Platz!, Steh! und Bleib! überzeugend vorgeführt wurden, dann gibt es – gegen eine Gebühr – den Führerschein. Hiermit dürfen Hunde in bestimmten Arealen frei laufen. Darüber wacht in Hamburg der Städtische Ordnungsdienst, ‚Hundepolizei’ im Volksmund. Wird ein Halter erwischt, dessen Hund frei läuft, obwohl er es an dieser Stelle gar nicht darf, dessen Hund keine Chipnummer oder keine Registrierung vorweisen kann, droht ein Bußgeld zwischen 25 und 300 Euro“, so Spiegel TV. „Wirklich unverantwortlichen Haltern oder gar gefährlichen Hunden kommt man so nicht auf die Spur“, sagt Hundeprüfer Bernd Grabau. Beißvorfälle werde es weiter geben. Hier müssten alle Hundehalter für das Fehlverhalten von wenigen büßen. Eine Interessengemeinschaft will Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz einlegen.

Die ordnungsrechtlichen Auseinandersetzungen mit Behörden, die man täglich erlebt, nehmen ständig zu und belasten das Klima zwischen Staat und Bürger. Die Veranstaltung öffentliche Verwaltung soll nicht den Darstellern, sondern dem Publikum gefallen. Die staatlichen Stellen leisten nur mangelhaft einen echten Service für ihre ‚Kunden’. Stattdessen malträtieren sie uns mit Gebühren, Bußgeldern und Schnüfflern im Stil einer Hunde-GEZ.

 

Zum Glühbirnen-Wahn ist folgende Debatte interessant auf Xing: https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=16334513;articleid=16334906#16334906

Dort erschien mein Beitrag zuerst.

Discounter tragen Mehrweg zu Grabe: Politik gibt freies Geleit – Geheimniskrämerei um Dosenpfandgewinne

Hier nun die komplette Dosenpfandstory:

Bundesumweltministerium, Wirtschaftslobbyisten und selbst Umweltaktivisten bestreiten hartnäckig die negativen Folgen des falsch konstruierten Dosenpfandes auf die Mehrwegentwicklung – obwohl die Warnschüsse mittlerweile zu Salven werden: „Es ist klar, dass viele Wirtschaftsvertreter keinerlei Daten veröffentlichen. Sie würden sonst eine ihrer schönsten und geheimsten Einnahmequellen offenbaren. Es ist leider so, dass die Interessenlagen von Industrie und Umweltministerium so weit auseinanderliegen, dass sie sich schon wieder decken. Die geheimen Kassen des Handels durch den Pfandschlupf und die damit verbundene Geheimniskrämerei deckt sich mit dem Wunsch des Bundesumweltministerium, ja keine negativen Zahlen in die Öffentlichkeit zu bringen“, weiß der Abfallexperte Sascha Schuh, Chef des Bonner Beratungshauses Ascon http://www.ascon-net.de. Seine Firma habe deshalb Abfallanalysen durchführen lassen. „Beprobt wurden PET-Mischballen aus dem Dualen System von verschiedenen Sortieranlagen. Pro Ballen haben wir im Durchschnitt 1803 Pfandflaschen feststellen können. Davon waren 724 Mehrwegflaschen zu 0,15 Euro und 1079 Einwegflaschen zu 0,25 Euro. Rechnet man das auf eine Ladung von 54 Ballen hoch, dann ergibt sich daraus ein Pfandwert von rund 22.000 Euro pro Ladung. Mehr als das Zwanzigfache des Materialwertes“, so Schuh gegenüber NeueNachricht.

Auch ein Branchen-Insider bestätigt, dass die Discounter satte Dosenpfand-Gewinne einstreichen: „Die Discounter drücken die Preise für Mineralwasser immer weiter nach unten. Dahinter steht ein brutaler Verdrängungswettbewerb, der die kleineren Getränkefachmärkte zwingt, aufzugeben. Ist diese Konkurrenz erst einmal ausgeschaltet, können Lidl, Aldi & Co. die Preise diktieren. Dann wird der Verbraucher die Zeche zahlen. Der Kampf um den Getränkemarkt wird sich beim Geschäft mit Bier entscheiden. Wird diese letzte Bastion der kleinen Fachmärkte geschleift, ist die Aldisierung des Getränkehandels nicht mehr aufzuhalten“. Die Einführung des Dosenpfands durch die Verpackungsverordnung bedrohe mehr als 30.000 Arbeitsplätze. „Auf ein Konjunkturprogramm wie bei der Autoindustrie werden wir allerdings vergeblich hoffen. Entsprechende Maßnahmen zur Förderung von ökologische vorteilhaften Getränkeverpackungen würden nicht nur Arbeitsplätze sichern, sondern auch die Umwelt entlasten. Und es würde den Steuerzahler nicht einen Euro kosten. Dazu muss man nur die handwerklichen Fehler der Verpackungsverordnung beheben“, fordert der Handelsexperte, der namentlich nicht genannt werden will.

Die novellierte Verpackungsverordnung habe den Discountern jährliche Subventionen von mindestens 400 Millionen Euro beschert. Dieses Geld werde nicht nur eingesetzt, um die eigene Branche zu stützen, sondern um die benachteiligte Konkurrenz der Getränkefachmärkte auszuschalten. Es sei höchste Zeit, diesen politisch veranlassten Unfug zu beenden und die krasse Wettbewerbsverzerrung zu beseitigen. Ähnlich kritisch äußert sich Trinkgut-Chef Torsten Toeller http://www.trinkgut.de im Interview mit der Lebensmittel Zeitung http://www.lz-net.de. Die Geschwindigkeit von Geschäftsaufgaben im Getränkefachmarktbereich habe drastisch zugenommen. Allein in diesem Jahr liege die Zahl der Schließungen bei etwa 500. Als Hauptursache benennt Toeller die völlig misslungene Einwegpfand-Regelung: „Stümperhaft hat der Gesetzgeber versucht, die Mehrwegquote zu stabilisieren und über 70 Prozent zu heben. Trotz Milliardeninvestitionen ist die Mehrwegquote bei alkoholfreien Getränken innerhalb weniger Jahre auf unter 30 Prozent gesunken. Einwegpfand nebst Pfandschlupf und PET-Verwertungserlösen haben dazu geführt, dass die Getränke durch fremde Kalkulationsbestandteile unter Einkaufspreis angeboten werden können. Dieser Trend zu ‚billig’ verschaffte den Discountern enorme Zuwächse zulasten des Fachhandels“, moniert Toeller.

Der Getränkegroßhandel müsse kräftig Federn lassen. „Er verliert in der Gastronomie, durch die Einwegorientierung bei alkoholfreien Getränken und jetzt auch bei Bier. Und er verliert durch die Konzentration im Einzelhandel. Hinzu kommt noch der Druck durch politische Regulierungsinstrumente wie Nichtraucherschutz oder Werbeverbote. Und die Sandwich-Position, ein altes Problem der Großhandelsstufe, entwickelt sich immer mehr zum Gattungsproblem“, so Toeller. Auch die Großbrauereien mit ihrer derzeitigen Pfandkasten- und Flaschenvielfalt würden den Prozess beschleunigen. Das Mehrwegsystem werde auf Kosten der Getränkefachgroßhändler verkompliziert und verteuert. „Damit machen wir selbst das Chaos nach den politischen Fehleinscheidungen rund um den Einwegpfand perfekt. Ich nehme da eine gewisse Rücksichtslosigkeit war, die Logistikkosten der Zwischenstufe aufzubürden und zwar stärker denn je. Das trifft auch uns bei trinkgut“, beklagt sich Toeller.

Kritik an PVC-Recyclingzahlen: Verbrennung ist keine Verwertung – Branche weist Vorwürfe zurück – Bonner Tagung behandelt das Thema „PVC – Rohstoff und Sorgenkind der Entsorger?“

Der Europäische Verein für PVC-Recycling (EUPV) in Bonn fährt schwere Geschütze gegen die PVC-Industrie auf: So rechne angeblich die Branche ihre Recyclingmengen schön und führe Politiker, Umweltverbände und die Recyclingwirtschaft hinters Licht. Auslöser der Kritik ist ein Schreiben Arbeitsgemeinschaft PVC und Recycling (AGPU) http://www.agpu.de. Dort werde verkündet, dass bundesweit 70 Unternehmen im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Tonnen PVC werkstofflich recycelt haben. „Diese Verwertungszahlen sind eine Frechheit. Im Fortschrittsbericht von vinyl 2010 stehen für Deutschland im Jahr 2007 nur 35.000 Tonnen als werkstofflich verwertete PVC-Mengen“, empört sich Rechtsanwalt Sebastian Frings-Neß, Vorsitzender des EUPV. Die auf der AGPU-Homepage veröffentlichten Verwertungszahlen würden einen an das Ausschlussprinzip wie bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ erinnern. „Zu Beginn wird eine Studie erstellt, die die jährliche PVC-Abfallmenge errechnet. Im Rahmen einer retrograden iterativen Annäherung werden dann die tatsächlich nachgewiesenen Verwertungsmengen abgezogen. Weil kein PVC mehr auf der Strasse liegt, es auf Deponien nicht mehr abgelagert werden kann, muss es logischerweise in Müllverbrennungsanlagen rohstofflich verwertet worden sein“, vermutet Frings-Neß. Das sei nicht nur Schönfärberei, sondern ökologisch höchst fragwürdig. „PVC setzt bei der Verbrennung Chlor frei und greift die Öfen der Müllverbrennungsanlage an. Bei den normalen Verbrennungstemperaturen bildet sich Dioxin, das durch die Umweltskandale in Seveso und Bhopal noch in furchtbarer Erinnerung ist. So überrascht es nicht, wenn MVA-Betreiber PVC-Abfälle strikt ablehnen“, sagt Frings-Neß.

AGPU und Vinyl 2010 http://www.vinyl2010.org weisen entschieden die Vorwürfe des Bonner Vereins zurück, dass Statistiken zu PVC-Recyclingzahlen in Deutschland durch die Industrie in gewisser Weise irreführend manipuliert worden seien. Auf der Grundlage der von der Marktforschungsgesellschaft Consultic durchgeführten Erhebung war es eine Gesamtmenge von 221.000 Tonnen PVC, die in Deutschland im Jahr 2007 werkstofflich recycelt wurde, teilen die beiden Organisationen mit und erklären weiter: „Aufgrund des langen Lebenszyklus vieler PVC-Anwendungen wie zum Beispiel von Rohren und Fensterrahmen ist der Anteil von PVC, der in den allgemeinen Abfall gelangen kann, zur Zeit immer noch äußerst gering. Kommunale Müllverbrennungsanlagen werden strengstens kontrolliert und reguliert. PVC ist nur einer von verschiedenen Einträgen zu dem Chloranteil von städtischem Abfall und daher werden Müllverbrennungsanlagen so konzipiert, dass sie sauren Rauchgasen standhalten“.

Unabhängige und gut dokumentierte wissenschaftliche Studien hätten zudem bewiesen, dass Emissionen von Dioxinspuren Ergebnis von Verbrennung des normalen Mülls ist, „unabhängig davon, ob PVC in der Mischung vorhanden ist oder nicht, und dass Emissionen von Dioxinen in die Atmosphäre über die vergangenen Dekaden dramatisch gefallen sind, während die Menge an produziertem PVC stark angestiegen ist“, so die AGPU und Vinyl 2010. „Bemerkenswert ist, das AGPU und Vinyl 2010 sich gemeinsam auf die Daten einer selbst in Auftrag gegebenen Studie beziehen. Es liegen weder national noch international Erhebungen unabhängiger Institutionen zur werkstofflichen PVC-Verwertung vor, auf die sich die deutschen und europäischen Interessenverbände der PVC-Industrie stützen können“, kontert der EUPV-Vorsitzende Frings-Neß. Die in Auftrag gegebenen Zahlen des Marktforschungsunternehmens Consultic würden auf Stichproben basieren und seien mit Hilfe statistischer Mittel berechnet worden. „Die im Verwertungsszenario dargestellten Säulen der PVC Verwertung brechen bei näherer Betrachtung weitgehend zusammen. Die PVC-Industrie ist die einzige Branche, die mit der Verwertung von 144.000 Tonnen Produktionsresten aus der Verwendung von Primärmaterialien, ihre Recyclingquote beweist. Keine einzige europäische Recyclingverordnung lässt zu, Verwertungsquoten mit der Aufbereitung von Produktionsresten darzustellen. Das ist genau das gleiche, wenn die Verwertungsquote für Kunststoffe im Rahmen der Verpackungsverordnung durch das Recycling von Stanzresten aus der Produktion von Joghurtbechern belegt wird. Damit wird die PVC-Industrie einer Recyclingquote nach europäischen Maßstäben nicht gerecht“, moniert Frings-Neß.

Auf Rückfrage hätte die Dachorganisation der europäischen Grüne Punkt Systeme Pro Europe in Brüssel bestätigt, dass in keinem ihrer Mitgliedssysteme PVC- Verpackungen im Rahmen einer nationalen Verpackungsverordnung recycelt werden, da dieser Kunststoff den gesamten werkstofflichen und rohstofflichen Verwertungsprozess störe. PVC werde bei Verwertungsbetrieben und Produktionsanlagen für Ersatzbrennstoff extra durch hoch technisierte automatische Erkennungssysteme ausgetragen, um den weiteren Verlauf des Produktionsprozesses nicht zu behindern. „Vergleichbare Sortierprozesse finden auch bei Elektronikschrottverwertung und der Automobilaufbereitung statt“, erklärt Frings-Neß. PVC werde in der Regel aus dem Verwertungsweg ausgeschlossen. „Wohin verschwindet das gesammelte und aussortierte PVC? Eine Sortieranalyse gemischter Hartkunststoffballen für den asiatischen Exportmarkt aus dem Jahr 2007  kann weiteren Aufschluss geben. Zwischen 16 und 23 Prozent der als PE, PP und PS verkauften Mengen bestanden aus PVC, welches als Abfall besonders in ostasiatische Staaten exportiert wird“, sagt Frings-Neß.

 

Am 26. November 2008 wird es in Bonn zu dieser Problematik eine Tagung geben. Thema: PVC – Rohstoff und Sorgenkind der Entsorger?. Ort: Internationales Informationszentrum für

Umwelt, Abfall und Recycling. Margaretenstr. 1, 53175 Bonn. Beginn um 9,30 Uhr. Siehe auch: http://www.ascon-net.de

Deutsche Umwelthilfe: „PET-Einwegflaschen sind eine Pest“ – Handel soll Verkauf von chemisch belasteten Billig-Mineralwasser einstellen

Ungewöhnlich hohe Verunreinigungen der Chemikalie Acetaldehyd beeinträchtigen Mineralwässer in Kunststoff-Einwegflaschen, wie eine aktuelle Untersuchung der Stiftung Warentest belegt. Besonders bei den billigen Mineralwässern der Discounter seien die Lebensmittelchemiker fündig geworden. „PET-Einwegflaschen sind eine Pest. Mit ihrer Herstellung werden wertvolle Rohstoffe zum einmaligen Gebrauch verschwendet, die Produktion und Entsorgung belasten erheblich die Umwelt, die Kohlendioxid-Bilanz ist gegenüber Mehrweg verheerend und nun stellt sich auch noch heraus, dass der Verbraucher ein mit unerwünschten Chemikalien angereichertes Produkt in den PET-Flaschen angedreht bekommt“, kritisiert Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Die Stiftung Warentest hat 30 Mineralwässer in PET-Einweg und Mehrweg-Flaschen getestet und wurde schnell fündig. In zehn PET-Einwegflaschen fanden die Analytiker große Mengen an Acetaldehyd. Es verdirbt bei geschmackssensiblen Produkten wie Mineralwasser schon in sehr kleinen Mengen den Geschmack, weshalb eine Geschmacks- oder Geruchsveränderung von Getränken in PET-Flaschen verboten ist. Die Hersteller sind nach geltenden Richtlinien daher dazu verpflichtet, den Übergang der Chemikalie Acetaldehyd aus der Verpackung in ein Getränk zu verhindern. Das jedoch ist teuer – und für die Discounter und Lebensmittel-Billig-Händler offensichtlich zu teuer. Sie verkaufen 1,5-Liter Wasser in der PET-Einwegflasche für 19 Cent. So genannte Acetaldehyd-Blocker, die bei der PET-Herstellung beigemischt werden, könnten verhindern, dass die flüchtige Verbindung Acetaldehyd aus dem Kunststoff entweicht. Wasser in PET-Mehrwegflaschen, die bis zu 20 Mal wiederbefüllt werden, werden grundsätzlich mit Kunststoff-Blockern vor dem chemischen Geschmack geschützt. „Die Geiz-Mentalität bei den Discountern kennt keine Grenzen. Um Kampfpreise durchzusetzen, verwenden sie minderwertigen Kunststoff und der Verbraucher erhält ein unangenehm chemisch schmeckendes Plastikwasser. Wir fordern den Handel auf, den Verkauf dieser belasteten Wässer sofort einzustellen“, so Resch.

„Der Mineralwasserkampfpreis der Discounter wirke nach Expertenmeinung nicht nur negativ auf die Qualität, er vernichte zudem die mittelständisch geprägten Mineralbrunnen-Unternehmen. Die Todesspirale für den Mittelstand ist in vollem Gange. Einen vergleichbaren Preisunterschied zwischen Discountern und dem Getränkehandel mit einem Faktor von 4,5 findet man in keinem anderen Zweig der Lebensmittelbranche. Die Politik liefert den Discountern ein kostenloses Kundenbindungsprogramm. Normalerweise kalkulieren diese Konzerne einen Erlös von 10 Prozent. Mit den Pfandeinnahmen über die nicht zurückgebrachten Einwegflaschen erwirtschaften die Discounter mit dem Segen der Bundesregierung eine Spanne von über 40 Prozent. Die lachen sich ins Fäustchen“, moniert Ullrich Schweizer, Marketing-Geschäftsführer der Firma Hassia Mineralquellen.

Durch die eingesparten Gebühren für den Grünen Punkt, durch Pfandschlupf und Recyclingeinnahmen für das sortenreine Verpackungsmaterial erzielen die Discounter nach Berechnungen von Branchenexperten jährliche Mehrerlöse von über 400 Millionen Euro. Mit diesem Geld könnten sie über Quersubventionen den Preis für Mineralwasser in Einwegflaschen künstlich niedrig halten. Die Mehrwegquote bei Mineralwasser sei deshalb dramatisch eingebrochen. Vor elf Jahr habe sie bei über 87 Prozent gelegen. Aktuell dürfte sie auf 30 Prozent gefallen sein.

Vertreter der Getränkewirtschaft fordern deshalb von der Bundesregierung kurzfristig eine Änderung der Verpackungsverordnung. So sollte künftig das Einwegpfand treuhänderisch unter staatlicher Kontrolle verwaltet werden. Die Discounter hätten dann keinen Zugriff mehr auf Pfandgewinne.

„Bioplastik-Herstellung verursacht umweltschädliche Emissionen“ – NeueNachricht-Interview mit dem Verpackungsexperten Christian Pladerer vom Österreichischen Ökologie-Institut in Wien

NeueNachricht: Hersteller und Interessenvertreter von Bioplastik behaupten, dass durch die Verwendung von biologisch-abbaubaren Verpackungen (BAW) kein Treibhauseffekt entstehe und diese Produkte CO2-neutral seien, da nachwachsende Rohstoffe durch Sonnenlicht aus Wasser und Kohlendioxid ständig neu gebildet werden. Was halten Sie von dieser Einschätzung?

Christian Pladerer: Ich halte wenig von dieser Einschätzung. Um die tatsächliche Umweltbelastung einer Verpackung festzustellen, müssen alle relevanten Umweltauswirkungen entlang des gesamten Lebensweges vom Abbau der Rohstoffe, inklusive Hilfsstoffe und Energieträger, über die Transportwege bis hin zur Entsorgung betrachtet werden. Es dürfen also nicht nur einzelne Emissionen wie CO2 für einzelne Abschnitte des Lebensweges berechnet werden. Es stimmt schon, dass Pflanzen im Gegensatz zu fossilen Rohstoffen durch Sonnenlicht aus Wasser und Kohlendioxid ständig neu gebildet werden. Ob das auch für Einwegverpackungsmaterial gilt, ist sehr fraglich: Die rohstoff- und energieintensive industrielle Agrarwirtschaft und Verpackungsherstellung sowie die von den BAW Herstellern empfohlene Kompostierung sind Aktivitäten, die umweltschädliche Emissionen verursachen. Aus meiner Sicht sind somit BAW-Verpackungen keinesfalls CO2-neutral.

 

 

NeueNachricht: In Ihrer Studie schreiben Sie, dass selbst die Kompostierung der PLA-Becher keinen nennenswerten ökologischen Nutzen bringen würde. Die Auswirkungen der Entsorgung seien nur marginal im Vergleich zur Herstellung der Becher. Die Möglichkeit der Kompostierung wird aber von den Herstellern immer wieder in den Vordergrund gestellt. Wie beurteilen Sie die Entsorgungsmöglichkeiten der PLA-Becher unter den verschiedenen Verwertungsmöglichkeiten (Verbrennung, Biogas, Kompost) und welche Umwelteffekte hat das auf die gesamte Ökobilanz der PLA-Becher?

Pladerer: Die privaten und kommunalen Kompostwerke in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz, die Kompost mit hoher Qualität herstellen, sind wenig begeistert von der Diskussion über ‚kompostierbare’ Kunststoffe. Hier muss zwischen biologisch abbaubar und kompostierbar unterschieden werden. Organische Materialien wie Küchenabfälle, Strauchschnitt oder Papier sind biologisch abbaubar. Durch natürliche Prozesse und durch Mikroorganismen sind diese Materialien in ihre Bausteine zerlegbar. Kompostierung ist eine technisch gesteuerte exotherme biologische Umwandlung abbaubarer organischer Materialien in ein huminstoffreiches organisches Material. Ziel der Kompostierung ist der möglichst rasche und verlustarme Abbau der organischen Ursprungssubstanzen und gleichzeitig der Aufbau stabiler, pflanzenverträglicher Humussubstanzen. Dass ein Werkstoff biologisch abbaubar ist, bedeutet noch lange nicht, dass diese Umwandlung in einem Rotte- oder Mieteprozess der technischen Kompostierung tatsächlich im gewünschten Ausmaß erfolgt. Im Unterschied zu ‚biologisch abbaubar’ wird für ‚kompostierbar’ ein Zeitrahmen vorgegeben. Es fehlt nun an der Glaubwürdigkeit, dass biologisch abbaubare Kunststoffe auch kompostierfähig sind. Zusätzlich werden BAW-Verpackungen wie herkömmliche Kunststoffverpackungen von automatischen und mechanischen Sortierschritten erkannt und als Fremdstoff aussortiert. Das gilt nicht nur für die Kompostierung sondern auch für Biogasanlagen. Schließlich bleibt die Müllverbrennungsanlage als einzige derzeit praktikable Entsorgungsschiene übrig. Die Ergebnisse unserer Ökobilanz von verschiedenen Getränkebechern zeigen deutlich, dass die Rohstoffbereitstellung und die Becherherstellung beim PLA Becher (biologisch abbaubarer Einwegkunststoffbecher) rund 95 Prozent der gesamten Umweltbelastung ausmachen.

NeueNachricht: Ist die Kompostierung von Bioplastik überhaupt sinnvoll? Was sagen die Kompostbetreiber?

Pladerer: Von den Kompostwerken wird die Annahme von biologisch abbaubaren Kunststoffen zur Zeit nicht akzeptiert. Sie haben eine längere Verweilzeit und einen zu hohen Störstoffanteil.

NeueNachricht: Was halten Sie von der vom Bundestag und der Bundesregierung beschlossenen Novelle der Verpackungsverordnung, biologisch-abbaubare Verpackungen von Verwertungspflichten freizustellen? Welche Wirkung wird das auf die Verpackungsindustrie haben?

Pladerer: Die Novellierung der deutschen Verpackungsverordnung ist aus ökologischer Sicht nicht nachvollziehbar und es gibt für den Gesetzgeber keine Rechtfertigung, biologisch abbaubare Verpackungen von den Entsorgungspflichten und damit von den Kosten zu befreien. Wie oben angeführt, landen biologisch abbaubare Kunststoffe in den Öfen der Müllverbrennungsanlagen – und diese brennen auch nicht ‚gratis’. Aus meiner Sicht ist die Reaktion der Verpackungsindustrie natürlich verständlich, da unterschiedliche Entsorgungskosten auch zu Wettbewerbsverzerrungen führen können. Ökologische Lenkungsmaßnahmen über Entsorgungskosten sind prinzipiell zu begrüßen.