Festspielhaus Bonn – Noch viele Fragezeichen und kein klares Konzept für die Beethoven-Stadt

Am Mittwoch Donnerstag (24. November!) wird sich der Rat der Stadt Bonn noch einmal mit dem Festpielhaus beschäftigen. Interessant sind die Anlagen, die man zur Tagesordnung online abrufen kann. So die Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage des BBB:

Fragestellung

Wann und durch welche Vertreter haben die beiden Unternehmen Deutsche Telekom und Deutsche Postbank dem Oberbürgermeister gegenüber erklärt, dass sie für eine anteilige Mitfinanzierung des Festspielhauses Beethoven nicht mehr zur Verfügung stehen?

Um welche Unternehmen hat es sich gehandelt, mit denen der Oberbürgermeister, wie in seinem Interview mit dem Bonner General Anzeiger vom 14.02.2011 ausgeführt, „in Gesprächen“ stand und bei denen „man keine Angst haben“ musste, dass sie als Partner „nicht mehr zur Verfügung stehen“ würden?

Antwort

Die Deutsche Telekom AG hat im September 2010 öffentlich erklärt, dass das bisherige Bauherrenmodell (3 Unternehmen gründen eine Objektgesellschaft, die das Festspielhaus errichtet und an die Betreiberstiftung vermietet) nicht mehr realistisch sei. Der Leiter des Konzern-Sponsorings der Deutschen Telekom AG hat weiterhin ausgeführt, dass man sich vorstellen könne, den laufenden Betrieb zu unterstützen.

Die Deutsche Postbank AG hat im September 2011 erklärt, sich ebenfalls am Bau des Festspielhauses nicht mehr zu beteiligen.

Keiner der beiden Unternehmen hatte in der Vergangenheit einen Vorstandsbe­schluss herbeigeführt, der eine Beteiligung am Bau des Festspielhauses vorsah. Insofern gab es keine verbindlichen Zusagen. (ah, ja! Liest man die Kommentare auf meinem Blog, die von den Freunden des Festspielhauses kamen, wurde genau der gegenteilige Eindruck vermittelt. Dabei ist an Der Finanzierung überhaupt nichts klar, gs)

Lediglich die Deutsche Post/DHL ist nach wie vor bereit, sich mit 30 Mio. EUR an der Finanzierung eines neuen Festspielhauses zu beteiligen. Allerdings liegt auch hier bisher kein Beschluss des Vorstandes vor.

Die Anmerkungen des Oberbürgermeisters im General Anzeiger Bonn vom 14.02.2011 stehen nicht im Widerspruch zu der von der der Deutschen Telekom AG signalisierten Gesprächsbereitschaft über eine mögliche Beteiligung am laufenden Betrieb des Festspielhauses. Und auch die Deutsche Postbank AG ist bereit, als mögliche Kreditgeberin zu fungieren. Soweit die Antwort.

Hier die Beschlussvorschlage (vorbehaltlich der Anhörung der Bezirksvertretung Bonn)

Der Rat der Stadt Bonn bekräftigt vor dem Hintergrund seiner Beschlüsse vom 13.06.2007 (s. Anlage 1) und 29.04.2010 (s. Anlage 2) das Ziel, die Stadt als Ort der nationalen und internationalen Pflege des Erbes Ludwig van Beethovens auszubauen. Der Rat erkennt an, dass dieses Ziel nur erreicht werden kann, wenn Bonn über ein Konzerthaus verfügt, das den heutigen internationalen Standards gerecht wird und akustisch höchsten Ansprüchen genügt. Nur mit einem solchen Haus können die strukturellen Voraussetzungen zur Umsetzung eines überzeugenden Konzepts zur Beethovenpflege geschaffen und zugleich der Beethovenstadt und dem Wirtschaftsstandort Bonn neue und nachhaltige Impulse verliehen werden. Der Rat bekräftigt das Ziel, das Konzerthaus rechtzeitig vor dem Jahr 2020 fertig zustellen, um im Jubiläumsjahr den 250.Geburtstag des Komponisten würdigen und feiern zu können.

Dazu fasst der Rat unter Berücksichtigung seines Beschlusses vom 20.10.2011 (DS-Nr.: 1113009EB5 – s. Anlage 3) die nachfolgenden Beschlüsse:

Die Verwaltung wird beauftragt, auf der Grundlage des Beschlusses des Rates vom 29.04.2010 (s. Anlage 2) ein Konzept für die nationale und internationale Beethovenpflege zu entwickeln, das gleichzeitig der Sicherung der Zukunft des Konzertstandortes Bonn dient.

(auweia, es ist peinlich, dass über das Festspielhaus so lange sinniert wird und noch nicht einmal ein programmatisches Konzept in trockenen Tüchern ist, gs)

Mit der Errichtung eines neuen Konzerthauses soll zudem das Ziel verfolgt werden, den Wirtschaftsstandort durch die Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen zu stärken und den Kulturtourismus aus dem In- und Ausland nach Bonn zu fördern.

2. Für die Realisierung eines neuen Konzerthauses kommt ein Abriss der denkmalgeschützten Beethovenhalle nicht in Betracht. Im Falle der Realisierung eines Konzerthauses gemäß Ziffer 4 wird die Verwaltung beauftragt, zur künftigen Nutzung der Beethovenhalle als multifunktionale Halle ein tragfähiges Konzept zu erstellen und darzulegen, welche Betriebs- und Investitionskosten in welchem Zeitraum entstehen, um dieses Konzept umsetzen zu können.

3. Die Stadt Bonn wird sich an den Investitionskosten für ein neues Konzerthaus nicht beteiligen, daher appelliert sie an die Unternehmen aus Bonn und der Region sowie an die Bürgerinnen und Bürger, sich finanziell an dem Vorhaben zu beteiligen. Die Stadt Bonn begrüßt daher ausdrücklich die von der IHK Bonn/Rhein-Sieg geplante Initiative zur Co-Finanzierung.

4. Das Konzerthaus soll in der Rheinaue (in unmittelbarer Nähe des Post-Towers (da gibt es jetzt wohl Stress mit dem Architekten, gs), Charles-de-Gaulle-Straße) errichtet werden, sofern die Finanzierung für den Neubau und den Betrieb gesichert werden kann. Eine Realisierung des Bauvorhabens am Standort der Oper und an Stelle der jetzigen Beethovenhalle wird nicht weiter verfolgt.

Die Verwaltung wird für den Standort Rheinaue beauftragt,

a) zu prüfen, ob es möglich ist, die zur Errichtung eines Neubaus notwendigen Mittel bei privaten Unternehmen einzuwerben,

b) mit dem Bund, der Sparkasse KölnBonn, dem Rhein-Sieg-Kreis und ggf. weiteren Partnern die Gründung einer Betreiberstiftung vorzubereiten. Dabei sollen Doppelstrukturen zur bestehenden Beethovenfeste gGmbH vermieden werden,

c) einen Businessplan für den Betrieb des Hauses vorzulegen, auf dessen Grundlage der Rat darüber entscheiden kann, ob und in welchem Umfang sich die Stadt – neben anderen öffentlichen und privaten Zuschussgebern – mit einem vertraglich festzuschreibenden Zuschussbetrag an den laufenden Betriebskosten beteiligt,

d) mit dem Bauherren einen Vertrag für das in städt. Eigentum befindliche Grundstück – unter Berücksichtigung der von der Stadt zu tragenden Anteile an den Erschließungskosten und an der Umfeldgestaltung – auszuhandeln, sowie mit dem Land NRW über eine Förderung von städtebaulichen Begleitmaßnahmen aus Städtebauförderungsmitteln zu verhandeln. Darüber hinaus beteiligt sich die Stadt nicht an den Investitionskosten für den Neubau.

5. Zur Wahrung der zeitlichen Abläufe im Hinblick auf eine Projektrealisierung muss bis zum 30.06.2012 geklärt werden, ob die Errichtung und der Betrieb eines neuen Konzerthauses mit Unterstützung von Dritten finanziert werden kann.

6. Die Verwaltung wird beauftragt, den Projektbeirat Festspielhaus fortlaufend zu informieren und die notwendigen Beschlüsse für den Rat vorzubereiten.

Änderungsantrag von CDU und Grünen

Der Rat der Stadt Bonn unterstreicht mit diesem Beschluss den politischen Willen, sich nach Kräften dafür einzusetzen, einen akustisch höchsten Ansprüchen genügenden Konzertsaal in Bonn rechtzeitig vor dem Jahre 2020 zu errichten, um im Jubiläumsjahr den 250. Geburtstag Beethovens angemessen feiern zu können.

Unter der Voraussetzung, dass die Deutsche Post/DHL dem Rat bis zur Sitzung am 24.11.2011 die Bereitschaft alternativ zum bisherigen Standort Beethovenhalle den Bau des neuen Konzertsaales am Standort Rheinaue/Gronau einschließlich der anteiligen Baukostenfinanzierung in Höhe von 30 Mio. Euro verbindlich zusagt, fasst der Rat unter Berücksichtigung seines Beschlusses vom 20.10.2011 (DS-Nr.: 1113009EB5 – s. Anlage 3) nachfolgenden Beschlüsse:

1. Die Verwaltung wird beauftragt, auf der Grundlage des Beschlusses des Rates vom 29.04.2010 (s. Anlage 2) ein Konzept für die nationale und internationale Beethovenpflege zu entwickeln, das gleichzeitig der Sicherung der Zukunft des Konzertstandortes Bonn dient. Mit der Errichtung eines neuen Konzertsaales soll zudem das Ziel verfolgt werden, den Wirtschaftsstandort durch die Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen zu stärken und den Kulturtourismus aus dem In- und Ausland nach Bonn zu fördern.

2. Für die Realisierung eines neuen Konzertsaales kommt ein Abriss der denkmalgeschützten Beethovenhalle nicht in Betracht.

3. Die Stadt Bonn wird sich an den Investitionskosten für ein neues Konzerthaus nicht beteiligen, daher appelliert sie insbesondere an die Unternehmen aus Bonn und der Region sowie an die Bürgerinnen und Bürger, sich finanziell an dem Vorhaben zu beteiligen.

4. Das Konzerthaus soll in der Rheinaue (in unmittelbarer Nähe des Post-Towers, Charles-de-Gaulle-Straße) errichtet werden, sofern die Finanzierung für den Neubau und den Betrieb gesichert werden kann. Eine Realisierung des Bauvorhabens am Standort der Oper wird nicht weiter verfolgt.

Die Verwaltung wird beauftragt,

a) mit dem Bund, der Sparkasse KölnBonn, dem Rhein-Sieg-Kreis und ggf. weiteren Partnern die Gründung einer Betreiberstiftung vorzubereiten.

b) in den finanziellen Beitrag der Stadt für den Betrieb des Konzertsaales auf ein verantwortbares Maß, das sich am durch die mittelfristigen Finanzplanung vorgegebenen Handlungsrahmen orientiert und damit keine zusätzliche Belastung für den Haushalt generiert, zu begrenzen.

c) mit dem Bauherren einen Vertrag für das in städt. Eigentum befindliche Grundstück – unter Berücksichtigung der von der Stadt zu tragenden Anteile an den Erschließungskosten und an der Umfeldgestaltung – auszuhandeln, sowie mit dem Land NRW über eine Förderung von städtebaulichen Begleitmaßnahmen aus Städtebauförderungsmitteln zu verhandeln. Darüber hinaus beteiligt sich die Stadt nicht an den Investitionskosten für den Neubau. Dies muss ausschließlich auf privater Basis erfolgen.

d) die Sanierungskosten zu ermitteln, die eingesetzt werden müssen, um die Beethovenhalle
a. als Multifunktionshalle
b. als hochwertigen Konzertsaal
zu betreiben.

5. Zur Wahrung der zeitlichen Abläufe im Hinblick auf eine Projektrealisierung muss bis zum 30.06.2012 geklärt werden, wie die Investitions- und Betriebskosten eines neuen Konzerthauses verbindlich und auskömmlich finanziert werden können.

6. Die Verwaltung wird beauftragt, den Projektbeirat Festspielhaus fortlaufend zu informieren und die notwendigen Beschlüsse für den Rat vorzubereiten.

Soweit die Beschlussvorlagen. Das klingt nicht nach einer kommunalpolitischen Meisterleistung, die sich im Rat der Stadt abspielt…..

Siehe auch:

Beethoven und die angeblich erwachte Provinz im Bonner Rathaus.

Literarische Facebookparty in Bonn: Juckeldiduckel, Jakobsmuscheln in der Südstadt und die Burnout-Tournee von Miriam Meckel

Claus Recktenwald und Heidemarie Schumacher scheuten sich nicht, über Facebook zu einer Lesung ihrer Bücher ins Café des Bonner Kunstmuseums einzuladen. Die Bude war rappel voll. Literarische Interessierte zog es am Freitagabend in die Museumsmeile: Alles Menschen, die sich schon seit geraumer Zeit über Facebook kennen, aber im realen Leben noch nicht gesehen haben – mit wenigen Ausnahmen. Jazzmusiker, Journalisten, Juristen, Kulturschaffende, literarische Interessierte und, und, und. Der virtuelle Salon, den Claus Recktenwald pflegt, reicht ins Analoge.

Aber in einer ganz anderen Weise, als ihn die Zeit-Redakteurin Nina Pauer in einem kritischen Rundumschlag gegen die Neuausrichtung von Facebook beschrieben hat. Hier trafen sich nette Menschen, die auch im Netz nett miteinander umgehen.

„Für mich ist es die erste Facebook-Party“, sagte der WDR-Hörfunk-Redakteur und Moderator David Eisermann zur Eröffnung der Veranstaltung. Und er sei glücklich, dass es nicht zu einem Verbot gekommen ist. „Bonn ist ein Roman. Heidi Schumacher und Claus Recktenwald stellen das unter Beweis. Ihre Bücher sind ganz verschieden und haben doch viel gemeinsam. Menschen in Bonn tun unerhörte Dinge. Es wird geliebt und sich entliebt. Es gibt Verkehr. Leute fahren weg und kommen sogar wieder. Der Rhein fließt mitten durch die Handlung – in beiden Büchern übrigens“, so Eisermann. Im Erstlingswerk von Schumacher, „Ein helles und ein dunkles Haus“, gehe es um ein Viertel, in dem die Stadt Bonn besonders bei sich selbst ist und es geht um Kurfürst Clemens August, wie man ihn noch nicht erlebt hat. „Claus Recktenwald ist im wirklichen Leben Jurist, Anwalt und geborener Bonner. Einer, der andere Bonner noch überraschen kann. Beispielsweise mit seinem Buch ‚MY Juckeldiduckel – Ein Handheld-Roman‘. Wobei das MY für eine Motoryacht steht.

Das Interessante an dem Debüt-Roman von Schumacher sei sein sozialer Hintergrund, schrieb die FAZ in einer Rezension, „die sich in vielen Vierteln der Großstädte vollziehende „Gentrifizierung“, also der Zuzug Gutverdienender in bis dahin ärmlichere Stadtteile. Die Szene, in der Katharina Rautenberg in Pluderhosen und ihr Zepter – in Wahrheit ein Schraubenzieher – vor sich her tragend die Straße überquert, um der Fotografin Kristin, die sie für eine ‚Prinzessin‘ hält, die Ehre zu erweisen, bleibt einem ebenso lange im Gedächtnis wie ihr huldvoller Auftritt bei der Studentenfete nebenan.“

Hier ein erster Ausschnitt ihrer Lesung.

Dann die ersten Episoden aus dem Juckeldiduckel-Abenteuer von Claus Recktenwald:

Exkurs über Kurfürst Clemens August.

„Die professionelle Lebensgefährtin der Nachrichtenmoderatorin hatte in ihrem Buch ja geschrieben, sie habe nur endlich ‚mal ausschlafen müssen, sechs Wochen im Krankenhaus. Seine Frau hatte das gelesen und es dem Arztgatten erzählt. Alles, was der dazu beisteuern konnte und ihn immer noch begeisterte, war allerdings die Fernsehschlagzeile von Harald Schmidt: ‚Miriam Meckels Burnout, mein Rückzug aus der Öffentlichkeit, hier die Tourneedaten!‚“. Ein kleiner Auszug aus MY Juckeldiduckel, der mich an eine Passage in meiner gestrigen Kolumne erinnert:

Merkwürdig an der Algorithmen-Furcht ist die ambivalente Haltung der Bedenkenträger. Sie klagen über Datenfluten, Kontrollverlust, Burnout und mentaler Überforderung. Gleichzeitig betrachten sie das Internet wie eine Maschine, die nach einem Plan zusammen gesetzt sei und fordern die Rückkehr des Zufalls. Der Kern des Sozialen bestehe gerade nicht im totalen Erfasssenkönnen, meint Nina Pauer in ihrer Facebook-Abhandlung. „Also in dem, was jede Situation an Überraschendem, Unplanbarem, Ungesagtem, Angedeutetem birgt.“

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel fordert sogar einen planerischen Eingriff ins Internet, um wieder mehr Zufallselemente in die Algorithmen einzubauen. Zufall nach Plan? Algorithmen können doch nur Verhaltenswahrscheinlichkeiten ausrechnen und sind nie in der Lage, die Komplexität des Lebens und der Natur vollständig zu erfassen. Das wird auch Mark Zuckerberg nicht ändern.

Und hier die Passage aus der Lesung:

Was die komische Plattform Facebook so alles bewirkt.

Bis zur nächsten Facebook-Party!

Bonner Literaturzeitschriften zwischen anatomischer Spurensuche und göttlicher Eingebung

Der Porsche-Pop-Pomade-Publizist Ulf Poschardt vertritt die steile These, dass Deutschland „nur“ zwei klassische Kulturzeitschriften besitzt: den „Merkur“ und die „AD“ (Architectural Digest). Beide Blättchen sind von München nach Berlin gezogen. Selber schuld. In der Buchhandlung Böttger, einem Tempel des Bonner Literaturgeschehens, wurden vier höchst ambitionierte Zeitschriften vorgestellt, die alle in der Bundesstadt herausgegeben werden und sich mit Verve der literarischen Muse hingeben, Herr Poschardt: Die „Kritische Ausgabe“, „500 Gramm“, „Dichtungsring“ und „Kalliope“.

Wer kann in der Berliner Kulturszene schon behaupten, göttliche Schützenhilfe zu erhalten wie die Zeitschrift Kalliope. Angetrieben von Platons Symposion: Geprägt vom Rausch, von der Ästhetik, vom Suchen, von der Identität und Differenz, wie es der Mitherausgeber Ahmad Milad Karimi ausdrückte. Kolliope sei eine Komposition von Text und Bild, Literatur, Film, Theater und Musik: „Sie beginnen erst zu leuchten, wenn sie miteinander in Dialog treten.“ Deshalb wählte man den Namen Kalliope. Die Muse der epischen Dichtkunst. Die schönstimmige Kalliope, Tochter von Zeus.

Alle vier Projekte widmen sich mit großem Engagement der Dichtkunst und Prosa. Ein Experimentierfeld für Nachwuchsautoren, arrivierten Meistern und anarchischen Geistern.

Die Videoaufnahmen und die komplette Audioaufzeichnung der Präsentation bei Böttger sind hoffentlich ein kleiner Appetitmacher für eine ausgiebige Lektüre der Bonner Literaturzeitschriften. Neue Abonnements könnten dabei ja auch herausspringen, um die Reichweite der Publikationen zu erhöhen und die steile These von Poschardt zu widerlegen.

Audioaufzeichnung:

Heftbestellungen sind hier möglich:

Kalliope.

Kritische Ausgabe.

500 Gramm.

Dichtungsring.

In der Buchhandlung Böttger, hier lohnt generell ein Besuch, sind die Zeitschriften auch zu erwerben.

Steidl reist schneller als sein Jetlag – Der Film über den Buch-Künstler

Martin Parr gibt eine kurze Einführung – Gerhard Steidl packt die Koffer – Ed Ruscha gestaltet ein Künstlerbuch – Günter Grass schreibt noch einmal „Die Blechtrommel“ – Joel Sternfeld fotografiert mit dem iPhone – Karl Lagerfeld dirigiert im Grand Palais – Robert Adams sucht Schwarz und Weiß – Jeff Wall zeigt sein neues Studio – Robert Frank braucht noch ein Polaroid – Gerhard Steidl reist schneller als sein Jetlag – und Gereon Wetzel und Jörg Adolph sind mit der Kamera dabei! So könnte man im Stakkato-Arbeitstil von Steidl den grandiosen Film „How to Make a Book with Steidl“ zusammenfassen. Er lief gestern in 3sat und kommt im Dezember als DVD auf den Markt.

Über ein Jahr lang waren Wetzel und Adolph immer wieder in der Göttinger Düsteren Straße 4, um das organisierte Chaos im Steidl Verlag zu filmen, das sich Arbeitsalltag nennt. Von der ersten Konzeptidee bis zum Layout und vom Lektorat bis zum Druck dokumentieren sie, wie Steidl den Buchdruck zur Perfektion bringt – keine Massenware, sondern bibliophile Meisterwerke, die sich von der Haptik bis zum Geruch unterscheiden. Sie begleiten Steidl auf seinen Reisen zu Künstlern und Galerien nach New York und Mabou, Doha und Vancouver. Dabei porträtieren Wetzel und Adolph nicht allein den Verleger – vor allem sind sie mit ihrer Kamera ganz nah dabei, wenn Charaktere aufeinanderstoßen und kreative Prozesse stattfinden. Er trifft weltberühmte Künstler wie Robert Frank, Jeff Wall, Günter Grass, Ed Ruscha, Robert Adams und Karl Lagerfeld. „Er lässt sich in einer dunklen Limousine durch New York chauffieren, sitzt teetrinkend in der arabischen Wüste an einem Lagerfeuer und begutachtet zusammen mit Karl Lagerfeld die letzten Vorbereitungen zur großen Fashionshow von Chanel in Paris. Neben Lagerfeld wirkt praktisch jeder, als hätte er einen alten Kittel an, nur Gerhard Steidl nicht. Steidl sieht neben Lagerfeld aus wie jemand, der seinen alten Kittel gerade schrecklich vermisst“, schreibt Hubert Spiegel in der FAZ.

Was zeichnet Steidl aus, was unterscheidet ihn von den Verlagen, die auf auswechselbare Buchware setzen? Er vereinigt sämtliche Produktionsschritte unter einem Dach – von der Programmarbeit über die Bildbearbeitung, Grafik und Herstellung bis zum Marketing und Druck in der hauseigenen Druckerei. Einmalig im Produktionsablauf ist wohl die Möglichkeit zur engsten Einbindung der Fotografen und Künstler in sämtliche Arbeitsschritte. Das dokumentiert der Film sehr eindrücklich. „Vor allem Joel Sternfelds Buch „iDubai“, dessen Entstehungsprozess sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, ist hier aufschlussreich. Das Buch enthält Fotografien, die Sternfeld mit seinem iPhone in Dubai geschossen hat, und seine allmähliche Entstehung demonstriert, wie Steidl seine Überzeugung, dass Buchkunst individuell sein müsse, also nicht auf standardisierte Formate und Layouts zurückgreifen dürfe, in die Tat umsetzt“, so Hubert Spiegel. Der FAZ-Redakteur vermisst Fragen der Filmemacher zu Leben und Arbeit von Steidl. Das macht die Dokumentation erst recht interessant. Ich möchte nichts über die Schulzeit, über die Erlernung des Druckerhandwerks und über das Privatleben von Steidl wissen. Entscheidend ist die Buchkunst, die er kreiert. Und wer die Dialoge mit den Künstlern genau verfolgt, wird einiges zum Charakter des Verlegers erfahren.

Doofmann, Dorftrottel und Weltbürger – Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek begeisterte in der Buchhandlung Böttger in Bonn

Der Schriftsteller und Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek hat seine mutterlose Kindheit in Ostdeutschland „als großen Schmerzensmonolog literarisiert“, so die FAZ. „Halb verhungert fand man den Zweijährigen 1956 zusammen mit seiner Schwester in der Wohnung, in der die Mutter die Kinder Tage zuvor zurückgelassen hatte. Sie war in den Westen gegangen, der Vater unbekannt. Der kleine Peter kam noch einmal mit dem Leben davon, aber über seine ‚mutterlosen ersten vier Lebensjahre‘ weiß der Sechsundfünfzigjährige bis heute nichts. Er hat niemanden, der ihm Vorfälle aus der frühen Kindheit überliefern, niemand, der sich für ihn erinnern kann. Der Anfang von allem ist für immer gelöscht. Erst als Vierjähriger tritt er aus dem Nebel der Vergessenheit hervor und gibt sich dem erinnernden Schriftsteller als der Kümmerling zu erkennen, der er 1958 war. Im Osten feiern die Bürger den russischen Sputnik I im All, zwischen West und Ost hängt der Segen schief, und Peter, das ramponierte Kind, wird wieder in ein neues Heim gebracht und dort einem Arzt zur Begutachtung vorgeführt. Der Junge ist mager, zurückgeblieben, und er spricht nicht. Am meisten aber irritiert die Anwesenden, dass das Kind, als der Arzt das Wort ‚Mutter‘ laut ausspricht und ihm dabei den Puls fühlt, nicht reagiert. Das Wort, erinnert sich Wawerzinek fünfzig Jahre später, flog durch seinen Kopf hindurch ‚wie ein Pfeil durch eine leere Halle‘. Es bedeutete nichts“, schreibt die FAZ.

Auf mehr als vierhundert Seiten hat Wawerzinek seine Kindheitserlebnisse fast therapeutisch beschrieben. Er hat diese Zeit mit all seinen Sinnen erspürt und rekonstruiert. Er ist nicht interessiert an einer keimfreien journalistischen Recherche der Geschehnisse. Seine Erinnerungen wurden wachgerufen durch Gerüche, Geräusche und dem Berühren von Bäumen, Sträuchern und Sand, sagte Wawerzinek bei der Lesung in der Bonner Buchhandlung Böttger.

Wawerzinek findet Bilder „von großer trauriger Schönheit, etwa wenn er sich erinnert, wie er als sprachloses Kind im ‚Haus Sonne‘ Franz von Assisi gleich mit den Vögeln sprach und ihre Laute perfekt nachzuahmen verstand. Prägnant ist auch der Moment, als er erkennt, wie ihn die eigene Erinnerung in die Irre führt. Dass Peter nur dreizehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem Chauffeur ins Kinderheim gebracht wird, wie er Jahrzehnte später felsenfest glaubt, ist ausgeschlossen. Trotzdem fährt das Waisenkind auf seiner Erinnerungsreise in einer Limousine ins Heim und nicht, was der Wahrheit näher kommen dürfte, mit dem Sammeltransporter. Wenn Peter wieder von den Schwestern im Gitterbett festgebunden wird, flüchtet er sich in Schattenspiele an der Zimmerdecke: Gaukeleien gegen die Trostlosigkeit, die nicht zu heilen ist, sondern mit ihm, Wawerzinek, ‚groß wird und erst zum Lebensende hin, am Schluss mit mir sterben wird‘“, berichtet die FAZ.

Und weiter heißt es in der FAZ-Rezension: „Während sich das Waisenkind im Heim in Ohnmachten flüchtet, geht es in der dritten Familie, die es schließlich gegen seinen Willen aufnimmt, in die innere Emigration. Die spießige DDR-Idylle des konformistischen Lehrerehepaars mit dicken Vorhängen an den Fenstern und steifen Kissen im Bett wird für den Pubertierenden unerträglich.“ Im Roman nennt er seine neuen Eltern konsequent nur „Adoptionsmutter“ und „Adoptionsvater“. Angeekelt ist der Autor beispielsweise vom morgendlichen Waschritual des Adoptivvaters. Es findet, wie fast alles in dieser neuen Familie, in der Küche statt: „Der Adoptionsvater lässt vor dem Becken recht bald die Schlafanzughose runter, gibt allmorgendlich die nackte untere Teilansicht von sich zu sehen, wie einem modernen Ölgemälde entnommen oder als Teil eines gewollt skandalösen Theaterstücks der jüngeren Zeit. Lässt den Waschlappen auf- und abtauchen. Spiel mit dem Waschlappen Verstecken. Kann klatschende Waschlappenaufprallgeräusche nicht vermeiden. Verrät durch das Klatschen, wo sich der unsichtbare Lappen befindet, weil morgens alles so schnell gehen soll und er sich stets mit kaltem, manchmal eiskaltem Wasser waschen muss. Ein wascherprobter, alter Waschlappen klatscht an müde, alte Männerhüfte, verschwindet Bauchunterseite und Innenschenkel, blitzt am Gesäß auf, erzeugt dabei ein Glucksen wie von Stiefeln beim Wasserwaten im modrigflachen Gewässer. Mich kräuselt das Waschlappenklatschen. Ich habe bis heute kein anderes Wort zur Beschreibung des Vorganges gefunden als das Wort kräuseln, das dem Erlebten als Begriff in etwa Ausdruck verleiht.“

Seine Lebensgeschichte schildert er mit einem ironischen und komischen Unterton. Peter Wawerzinek ist ein Autor ohne Eitelkeit und Allüren. Er geht offen mit seinen Macken, Schwächen und Erlebnissen um. Er schwankt zwischen „intellektuell und Doofmann, zwischen Dorftrottel und Weltbürger“, wie es Wawerzinek in der Buchhandlung Böttger ausdrückte – sehr sympathisch!

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman. Galiani Verlag. Berlin 2010. 428 S., geb., 22,95 Euro.

Hier die Audioaufzeichnung der Lesung in Bonn – am Anfang noch einige störende Nebengeräusche von verspätet eintreffenden Gästen: