Enzensberger und das Alphabet der Krise

title_121In der Literaturbeilage der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Hans Magnus Enzensberger ein entzückendes Alphabet der Krise veröffentlicht.

Da heißt es zu Berater, der; „Bankangestellter, der ebenso im Nebel stochert wie seine Kunden, aber wenigstens solange der Umsatz stimmt, Geld damit verdient, statt es einzubüßen.“

Oder Analyst, der; „einer, der es aus guten Gründen nicht wagt, sich einen Analytiker zu nennen. Wehe dem, der sich einem Therapeuten anvertraut, dem selber auf keiner Couch mehr zu helfen ist.“

Noch schöner Wirtschaftsweisen, die; „eine staatlich geprüfte Ansammlung von hochdotierten Kaffeesatz-Lesern“. Jawoll. Nur staatlich geprüft sind die doch gar nicht, sondern staatlich alimentiert….Siehe Haushaltsplan S. 13 ff.

Im Heft findet sich eine schöne Besprechung von Wirtschaftsbüchern zur Krise. So wird deutlich, dass der hochgelobte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman (Die neue Weltwirtschaftskrise, Campus-Verlag) ein höchst eigenwilliges Verständnis von ökonomischen Prozessen hat und eigentlich auch nur zur profanen Gattung der Makro-Klempner zählt. Die Politik müsse nur an den richtigen Stellschrauben drehen und schon funktioniert alles wieder von alleine. Krugman ist also auch nur ein VWL-Mechaniker. Man schaut nach dem defekten Einspritzer oder einer kaputten Kurbelwelle und schon kann der kapitalistische Reparaturbetrieb zur Geltung kommen.

akerlofGanz anders positionieren sich die Ökonomieprofessoren George Akerlof und Robert Shiller in ihrem Opus „Animal Spirits – Wie Wirtschaft wirklich funktioniert“, ebenfalls im Campus Verlag erschienen. Sie grenzen sich vom simplen Machbarkeitsglauben eines Paul Krugman ab, der sicherlich bei den staatsgläubigen Lenkern und Denkern Hochkonjunktur hat. Unternehmer und Verbraucher sind eben keine emotionslos kalkulierenden Roboter, wenn sie sich von Moden, Gruppendruck und Massenhysterie beeinflussen lassen. Deshalb kann das ständige Auf und Ab der Wirtschaftskonjunktur nicht durch das Drehen von makroökonomischen Schrauben gesteuert werden. Mit diesem Konzept der Globalsteuerung ist man schon in den 1970er Jahren auf die Schnauze gefallen. „Wer weiß schon, wie sich eine Herde wilder Pferde im nächsten Moment verhalten wird“, schreibt der Zeit-Rezensent Wolfgang Uchatus. Wird sie wirklich friedlich grasen oder durch die Gegend springen? Kann die staatliche Zentralbank mit einer Senkung der Leitzinsen die unternehmerischen Investitionen ankurbeln, wie Alan Greenspan jahrelang glaubte, oder sorgt sie eher für eine Spekulationsblase an den Finanzmärkten, wie es tatsächlich der Fall war?

Akerlof und Shiller sind die richtigen Ratgeber, um der Wissensanmaßung in der Wirtschaftspolitik zu widerstehen. Sie sollte eher als Staatskunst verstanden werden, als schwere und mitunter nicht erfüllbare Aufgabe. Die beiden Autoren holen den Faktor „Ungewissheit“ wieder zurück in die Volkswirtschaftslehre, die immer noch glaubt, dass die Wirtschaft berechenbar sei und sich mehr dafür interessiert, an mathematischen Formeln zu feilen und die Beobachtung der Realität vernachlässigt.

3593379260Liebe VWL-Professoren, Akerlof und Shiller sollten Sie lesen, dazu noch eine Portion Niklas Luhmann und das von mir schon mehrfach zitierte Werk von Stephan Grünewald, „Deutschland auf der Couch – Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft“. Und liebe Frau Bundeskanzlerin, Sie sollten nicht nur verkopfte Spieltheoretiker als Berater ins Kanzleramt holen, sondern einige profilierte Wirtschaftspsychologen – dann läuft es auch mit der Motivation der Bevölkerung besser oder kopieren Sie einfach Barack Obama.

Hähne auf dem Misthaufen und die Krisenprognosen der so genannten Wirtschaftsexperten

Fünf Prozent Rückgang des Bruttoinlandsprodukts, wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank in als Prognose in die Welt gesetzt hat, mehr, weniger oder was. Die Kassandra-Rufer überbieten sich im Krisen-Konzert und suhlen sich in ihrem Negativismus. Jetzt hat der neue Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor zu pessimistischen Prognosen gewarnt. „Wir hören derzeit viele Aussagen auch zur konjunkturellen Entwicklung“, sagte Guttenberg gegenüber dem ZDF. „Wir dürfen uns jetzt allerdings auch nicht in einen Wettlauf begeben jede Woche um die möglichst härteste oder auch schwächste Aussage, sondern wir müssen doch insgesamt vernünftig und besonnen an die Sache herangehen.“
Helfen wird das nicht viel, denn auch DIW-Chef Zimmermann hatte Ende vergangenen Jahres ähnliches gesagt. Hilfreich wäre die Empfehlung von ZDF-Blogger Thorsten Alsleben: „Vielleicht sollten sich die ‚Experten‘ besser auf die Bewertungen der Gegenmaßnahmen konzentrieren. Sie könnten ihre Energie darauf verwenden, die Konjunkturpakete der Regierung zu analysieren, die internationalen Vorschläge zu untersuchen, vielleicht auch eigene Ideen zu entwickeln. Oder sie können Prognosen mit Bandbreiten angeben, die nicht nach wenigen Tagen oder Wochen schon wieder überholt sind. So etwas wie: Die deutsche Wirtschaft wird schrumpfen – zwischen 2 und 10 Prozent. Das bringt zwar nichts, schadet aber auch nicht so wie falsche, ständig revidierte Prognosen“. Oder wie wäre es mit der Weisheit: Weniger reden, mehr arbeiten und sein Ding machen – frei nach Oli Kahn.

Trittbrettfahrer der Wirtschaftskrise

Das Wirtschaftsministerium registriert massenweise Anfragen zum Konjunkturpaket. „Wenn wir alle Anträge genehmigen würden, kämen wir mit den geplanten 100 Milliarden Euro nicht aus“, sagt ein Insider nach einem Bericht des Spiegels. Viele Firmen sind offenbar gesund – Bürgschaften wollen sie nur, um an billige Zinsen zu kommen. Verdächtig ist auch, wie in Wirtschaftsbranchen, die kaum von Exporten abhängig sind oder die nicht zum Industriekern zählen, Kurzarbeit angemeldet und das Geschrei nach einem Rettungsschirm des Staates zelebriert wird. Das öffentliche Meinungsklima liefert für diese Trittbrettfahrer auch noch die Munition.

Empfehlung für Manager: „Drücke dich schlicht aus“, dann läuft die Wirtschaft besser

Nach Erfahrungen des Managementexperten und FAZ-Autors Erhard Glogowski verarmt die deutsche Muttersprache durch gedankenlose Verwendung von Anglizismen, fehlerhafte Grammatik und Unkenntnis des reichen Wortschatzes. „Dabei ist es nicht kompliziert, die Sprachkultur zu verbessern. Zur Kunst des geschmeidigen Redens haben die Meister der deutschen Sprache prägnante Regeln formuliert“, weiß Glogowski. Die Sprachverwilderung habe sich besonders in der Unternehmenswelt ausgebreitet. Wenn Manager im Ausland unterwegs seien auf der Suche nach neuen Märkten, handele es sich nicht um eine Erkundungsreise, sondern um eine „fact finding mission“. An den Börsen werde „getradet“ statt wie einst gehandelt. Unternehmensbilanzen wurden früher von Analysten durchleuchtet, jetzt werden sie „gescreent“.

„Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken“, so Glogowski. Seine Empfehlung lautet daher: „Drücke dich schlicht aus!“ Die Kunst der Rede bestehe seit der Antike darin, seine Zuhörer durch einfache Worte zu fesseln. So beruhte Luthers Wortgewalt auf der Einfachheit des Ausdrucks. „Alle Prediger sollen sich gewöhnen, dass sie schlicht und einfältig predigen, und sollen bei sich bedenken, dass sie jungen, unverständigen Leuten predigen. Einfältig zu predigen ist eine große Kunst. Man muss nicht predigen und tapfer mit großen Worten prächtig und kunstreich herfahren, dass man sehe, wie man gelehrt sei.“

Knapper bringt es Schopenhauer auf den Punkt: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ Man solle den Hörer zügig, aber nicht abrupt mit den Kernaussagen vertraut machen, rät Schopenhauer. „Demgemäss vermeide man Weitschweifigkeit und alles Einflechten unbedeutender, der Mühe des Lesens nicht lohnender Bemerkungen“. Man müsse sparsam mit der Zeit, Anstrengung und Geduld des Menschen umgehen. Dadurch werde man bei ihm sich den Kredit erhalten; immer noch besser, etwas Gutes wegzulassen, als etwas Nichtssagendes hinzusetzen. Für geschmeidiges Reden gibt es kein Patentrezept, aber eine von den Meistern der deutschen Sprache empfohlene Grundregel: Lasse Dich nicht gehen und feile am Stil. Dazu nehme man wiederum Nietzsche als Vorbild: „Den Stil verbessern – das heißt den Gedanken verbessern und gar nichts weiter!“

Krise als Katalysator für die Telekommunikation: Notwendige Marktkonsolidierung wird beschleunigt

Die Finanzierungsbedingungen am Kapitalmarkt haben sich in den vergangenen Monaten auch für die Telekommunikationsbranche deutlich verschärft. Zu diesem Urteil gelangte Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg, der sich auf der Euroforum-Jahrestagung „Telecom Trends“ in Düsseldorf zu den Auswirkungen der Finanzkrise für die Bonitätseinschätzung der Unternehmen äußerte. „Der kurzfristige Commercial-Paper Markt war als alternative Finanzierungsquelle nur begrenzt nutzbar und Neuemissionen von Unternehmensanleihen sind ins Stocken geraten. Die Finanzierungsoptionen der Unternehmen werden unseres Erachtens derzeit ausschließlich von dem Motto ‚Cash is King’ getrieben“, so Burkert.

Die Unsicherheit an den Märkten dürfte nach Einschätzung des Bankmanagers die Finanzierungsperspektiven für die Unternehmen auch in den nächsten Monate mitbestimmen, was aufgrund der deutlich gestiegenen Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen die Finanzierung für die Firmen verteuern werde. „An dieser Stelle sind Unternehmen mit einer mittelständischen Unternehmerkultur, die stark auf Eigenkapital setzen, klar im Vorteil. Sie können jetzt ihre Stärken ausspielen. Zum einen stehen für solche Unternehmen immer noch sehr wettbewerbsfähige Konditionen zur Verfügung, zum anderen blockieren die Finanzierungsfragen nicht das Management“, erläutert Branchenkenner Andreas Latzel, Deutschlandchef des TK-Konzerns Aastra. Sein Unternehmen habe seit mehr als zehn Jahren ununterbrochen einen positiven Cash Flow. „Trotz großer Akquisitionen, können wir uns voll auf das operative Geschäft konzentrieren und gleichzeitig die Chancen nutzen, die sich in der aktuellen Situation ergeben“, sagt Latzel.

Nach Marktanalysen des Beratungshauses Booz & Co. wird die Rezession eine Katalysatorfunktion für die notwendige Marktkonsolidierung und Strukturanpassung der Industrie übernehmen. „Nur durch Übernahmen, Zusammenschlüsse und Kooperationen lassen sich für die Netzbetreiber noch Skaleneffekte erzielen. Gleichzeitig ermöglichen neue Netzbetriebsmodelle wie Outsourcing, Netzwerk-Sharing oder die Integration des Festnetz- und Mobilfunk-Netzbetriebs deutliche Kostensenkungen“, führt Booz & Co. aus. Das laufende Geschäft sei auf allen europäischen Kernmärkten geprägt von sinkenden Preise, stagnierenden oder sogar abnehmenden Umsätzen. Sprachtelefonie und Internetanschlüsse böten im weitgehend gesättigten deutschen Markt kaum noch Wachstumspotenziale für Fest- und Mobilfunknetzbetreiber. Harte Einschnitte werden auch bei Handy-Herstellern erwartet. „Der branchenweite Handy-Absatz war 2008 geschätzt um neun Prozent gestiegen. Nach dieser schnellen Expansion ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Markt jetzt regelrecht abgewürgt wird. Ein Schrumpfen um bis zu zehn Prozent im laufenden Jahr wird vorhergesagt. Gemessen am Volumen würde der Markt damit doppelt so stark zurückgehen wie während des Platzens der Internetblase“, berichtet Breaking News.

Generell herrsche ein dramatischer Mangel an Führungsstärke und geeigneten Strategien, um den besonderen Anforderungen einer Wirtschaftskrise historischen Ausmaßes adäquat zu begegnen. So konzentrieren sich nach der Booz & Co.-Studie 65 Prozent der finanziell angeschlagenen Unternehmen trotz akuter Refinanzierungsprobleme am Kapitalmarkt nur unzureichend auf Aufbau und Erhalt ihrer Liquidität. „Es gab Zeiten, da hat man Unternehmen belächelt, die selbst im Rahmen von Akquisitionen zum überwiegenden Teil die Eigenkapitalfinanzierung gewählt haben, weil es schien, dass sie mit dem Marktwachstum von Wettbewerbern nicht mithalten können. Was es bedeutet, solches Wachstum fremd zu finanzieren, zeigt sich jetzt am Beispiel großer Konzerne. Mit den auch in den besten Zeiten gewahrten Finanzdisziplin ist die Liquidität für uns kein Thema, das Managementressourcen bindet“, gibt sich Latzel selbstbewusst. Eine solide Finanzierung zahle sich in der Krise aus – als Risikovorsorge und gegenüber schwächer aufgestellten Wettbewerbern. Gezielte Investitionen in Produkte und Absatzmärkte hätten dann einen viel größeren Hebel.

Klinsi als Kanzler – Wir brauchen jemanden, der Teamgeist beschwört

Der Soziologe Stephan Grünewald hat es in der Sendung Scobel in 3sat am 22. Januar auf auf den Punkt gebracht: Vor allen Dingen die Eliten in Wirtschaft und Politik versagen zur Zeit bei der Vermittlung von Leitbildern und Aufbruchstimmung. „Was mit der Finanzkrise in der Wirtschaft geschieht, ist die bekannte self-fulfilling prophecy. Man fürchtet die Rezession und tut dummerweise das, was sie begünstigt: Investitionen aussetzen, Arbeitsplätze abbauen“, sagte er in einem Interview mit dem Stern.
Wenn sich die staatlichen Eingriffe auszahlen, die Konjunktur sich nur abschwächt und die Arbeitslosenzahlen halbwegs stabil bleiben, könnte der Optimismus zurückkehren.
Was die Deutschen brauchen, um wieder guter Stimmung zu sein, sei ein „Klinsi“, jemanden der Teamgeist beschwört, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. „Der Ziele formuliert, die wir gemeinsam stemmen können“, so Grünewald, Autor des sehr lesenswerten Buches „Deutschland auf der Couch – Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft“ (Campus-Verlag, 2006 erschienen). Deckt sich auch mit meinen Beiträgen!!!

Die Krise als Chance für einen Neustart der Wirtschaft – Fordistische Geschäftsprinzip hat ausgedient

Die herannahende Rezession blockiert das stark vernetzte Wirtschaftssystem in weiten Teilen. Nicht nur die Finanzströme stocken, auch die gesamten Warenströme fließen nicht mehr reibungslos. Man legt Produktionen still und kann Mitarbeiter gar nicht oder nur teilweise auslasten. Diese Denkpause sollten Firmen nutzen, um vom kurzfristigen und reaktiven in ein strategisches Handeln umzuschwenken, so der Ratschlag des Schweizer Systemarchitekten Bruno Weisshaupt. „Statt lediglich unbefriedigende Entwicklungsstände bei den aktuell am Markt angebotenen Produkten zu korrigieren, zu reparieren oder marginal zu verbessern, muss fundamental umgedacht werden. Jedes Unternehmen, das jetzt diese Zeit nicht für die eigene Rollenfindung nutzt, gerät bald in Rückstand. Die in dieser Situation gefragte Fähigkeit, mit disruptiven Innovationen aus dem intimen Verständnis des Marktes heraus zu handeln, wurde in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt“, beklagt Weisshaupt. Das vor allen Dingen die Autoindustrie von der Finanzkrise so gebeutelt wird, sei kein Wunder. „Das hängt nicht nur mit dem Konjunkturzyklus zusammen, sondern auch mit der Produktpolitik. Es ist doch sehr auffällig, dass in der Automobilindustrie technologisch schon lange kein großer Sprung nach vorne gelungen ist. Im Grunde fahren wir schon seit hundert Jahren mit den gleichen, wenn auch optimierten Vehikeln herum“, sagt Weisshaupt.

Der Finanzcrash beschleunige nur die Tatsache, dass man am Ende des natürlichen Entwicklungszyklus angekommen sei. Mit einer linearen Weiterentwicklung der Produkte komme man nicht weiter. Überlieferte Lösungen seien geprägt von aufgeblähten Funktionen und überbordender Technik. So sieht das auch Alexander Horn, Autor der Frankfurter Zeitschrift Novo: „Die gegenwärtigen Absatzprobleme der Automobilhersteller resultieren nicht aus der Not der am Abgrund stehenden Finanzwirtschaft – beide Krisen haben vielmehr die gleichen Wurzeln. Die Lösung kann nur darin liegen, dass wieder Autos gebaut werden, die die Kundschaft auch ohne nachgeworfenes Geld haben will“.

Weisshaupt fordert neue Systeme und Geschäftsmodelle, um das On-Demand-Verhalten der Menschen zu unterstützen und ihnen die Technik unauffällig zur Verfügung zu stellen. „Urbanität, Identität, Mobilität, Interaktion, Integration, Individualität, Automatisierung sind die zukunftsfähigen Infrastrukturen und die Basis für jede Systeminnovation.“ Produkte, die man irgendwo auf der Welt als Module herstellt, würden zu Gunsten von Applikationen an Marktbedeutung verlieren. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration. „Zwar wird die bessere Technologie auch in Zukunft ein wesentlicher Grundstein für den Erfolg einer neuen Anwendung sein. Wer würde bezweifeln, dass man mit der Entwicklung einer funktionierenden Brennstoffzelle nicht gute Geschäfte machen kann. Der Erfolg am Markt wird aber nicht an der Technologie hängen, sondern an ihrer kundenorientierten Umsetzung“, sagt Weisshaupt. Wer sich auf die Produktion der Basisprodukte konzentriere, werde das Ausscheidungsrennen gegen Länder wie China oder Indien nicht gewinnen. „Im täglichen Geschäft verlieren das fordistische Geschäft und das tayloristische Prinzip längst an Bedeutung, was beileibe nicht nur für die Internetwirtschaft gilt“, schreibt Zeit-Redakteur Götz Hamann in einem Beitrag für das Buch „Die Kunst, loszulassen – Enterprise 2.0“ (Rhombos-Verlag).

Wer sich aber die Strukturen von Konzernen und straff organisierter Mittelständler anschaue, werde erkennen, dass das Erbe von Ford und Taylor noch sehr lebendig sei: Vertrieb, Marketing, Entwicklung, Produktion, Buchhaltung, Innenverwaltung, IT-Abteilung – und natürlich der Vorstand. Die meisten Unternehmen würden aus Schubladen bestehen und wer in einer von ihnen stecke, habe in den anderen meist nichts zu suchen. „Die traditionelle Arbeitsteilung gilt noch immer als sicherste Form der Herrschaftsausübung und als wirkungsvollste Methode, um eine Organisation zu kontrollieren“, bemängelt Hamann.

Andreas Rebetzky, Vorstandsmitglied des cioforums, verweist auf ein Zitat von Schiller: „Nur vom Nutzen wird die Welt regiert“. So müsse ein IT-Chef aus seiner verträumten Technikecke rauskriechen und sich als Gestalter und nicht als Verwalter im Unternehmen profilieren. „Das tradierte Wissen aus dem vergangenen Jahrhundert sitzt oft starr in den Köpfen der IT-Entscheider. Hier erwarte ich Impulse von der jungen Generation, die als Digital Natives auch die Berufswelt umpflügen werden“, prognostiziert Rebetzky, Director Global Information der Firma Bizerba, die Systemlösungen der Wäge-, Informations- und Food-Servicetechnik anbietet. Mit der gegenwärtigen Sparhysterie werde die Wettbewerbsfähigkeit vieler Firmen eher negativ beeinflusst. „Es sollte mehr investiert werden in wirkliche Prozessinnovationen“, fordert der IT-Interessenvertreter des cioforums.

Nachtrag zu Konjunkturprognosen: Günter Ogger, Autor des Buches „Nieten in Nadelstreifen“ empfiehlt einen Dummschwätzer-Boykott

Als Reaktion auf meinen Blog-Beitrag zu den Forderungen von DIW-Chef Zimmermann schickte mir Bestseller-Autor Günter Ogger http://www.guenterogger.de folgende Mail:

Versuchen Sie es doch mal mit einer Initiative „Dummschwätzer-Boykott“:
Wenn man die Chefredakteure der sog. Leitmedien dazu verpflichtete, ab sofort die Nonsens-Verlautbarungen der Ökonomen und Analysten zu ignorieren, würde das zur Medienhygiene beitragen. Volkswirtschaft
ist nun mal keine Wissenschaft, sondern Religionsersatz. Wenn schon
Gesundbeterei erwünscht ist, dann sollte sie als solche deklariert werden und nicht im Gewand preusdowissenschaftlichen Geschwätzes daherkommen.
Freundliche Grüße,
Günter Ogger

Das sollten wir beherzigen. Weiterführend sind auch die Xing-Beiträge unter: https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=16477028;articleid=16478516#16478516 

So schreibt Knut Eric Wingsch:
Die Experten, Politiker und Manager haben ihre Kopfnuss kassiert. Um alle Klischees zu bedienen bitte ich um Hinzufügung der Banker ;-))

Das die Experten, die über Experten, Politiker, Manager und Banker richten, sich selbst zu Experten stilisieren wird auffallend häufig nicht berücksichtigt oder nur dann, wenn es in die eigene Story passt. Komischerweise werden die Berufsgruppen nie gelobt, wenn alles bestens läuft und die Vorhersagen im positiven Sinne zutreffend sind – ist doch irgendwie eigenartig oder?

Und Michael R. RUOFF meint:

Glaube keinem Experten, er redet nur pro Auftraggeber.
Glaube keiner Prognose, sie sind alle zweckorientiert.
Glaube keiner Statistik und daraus abgeleiteten Analysen. Denn auch Statistiken sind oft gefälscht durch Weglassen und Ausgrenzen. Wer es noch nicht kennt, dem rate ich zur Lektüre: Walter Krämer, So lügt man mit Statistik.
Praktische Beispiele findet man jeden Tag in der FAZ, beim ZDF, im Spiegel und in den Regierungspublikationen. Vor allem in den Schaubildern. Beispiel: Ölpreisentwicklung in Dollar, Benzinpreiskurve in der gleichen Grafik in Euro. Sah dann so aus, als ob der Benzinpreis kaum sinkt.
„Get your facts first, and then you can distort them as you please“ (Mark Twain, 1835-1910)

Die Debatte wird uns wohl längere Zeit beschäftigen, Gruß GS

Narren, Chaotiker, Außenseiter und Regelbrecher: Strategen für turbulente Zeiten – Warum Unternehmen ihre Controller entlassen sollten

Der Philosoph des politischen Absolutismus, der Engländer Thomas Hobbes, machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. Planungs- und Regelungsfanatiker scheinen auch heute noch dieses Weltbild zu lieben. Thomas Waschke, Leiter der Society and Technology Research Group von Daimler, warnt vor der verführerischen Kraft mechanistischer Denkmodelle im Management. „Drop your tools“ ist eine seiner zentralen Botschaften. Wer sein Unternehmen mit starren Instrumenten führe, scheitere an dem Unvorhersehbaren. Der Nutzen eines Werkzeugs kann nur darin liegen, dass es auf Phänomene anwendbar ist, die in der Vergangenheit stabil waren. In Phasen vollkommener Stabilität muss man lediglich wissen, wie man die Werkzeuge richtig einsetzt. Doch in Zeiten, die von raschem Wandel geprägt sind, darf man ihnen nicht mehr vertrauen. „Heute kann man es sich nicht mehr leisten, nicht zu verstehen, wie Innovationen zustande kommen. Heute kann man es sich nicht mehr leisten, die Rolle von Zufällen und die komplexen Voraussetzungen ihrer Ausbeutbarkeit zu unterschätzen“, schreibt der Soziologe Dirk Baecker in seinem Buch „Postheroisches Management“ (sehr empfehlenswert – erschienen im höchst originellen Merve Verlag).

Es gehörte auch in weniger turbulenten Tagen zum Mythos des kontrollierenden Managers, dass niemand zugeben konnte, dass Innovationen häufig durch glückliche Zufälle zustande kommen. Als sei es kein des Managers würdiges Verdienst und Risiko, Zufälle nicht nur zu erkennen, sondern auch zu wissen, was man aus ihnen machen kann. Kontrollsüchtige Führungskräfte sollten vielleicht einmal den Roman von Lawrence Sterne „Leben und Ansichten von Tristam Shandy“ studieren, um sich mehr Weitsicht zu verschaffen. Denn dieses Werk befasst sich mit komplizierten erkenntnistheoretischen Fragen, die auch im Unternehmen jeden Tag gelöst werden müssen: Wie können die vielen widersprüchlichen Ereignisse eines Lebens zu einem irgendwie gearteten einheitlichen Ganzen werden? Wie kann denn einer Angelegenheit, die eben so gut hätte ganz anders verlaufen können, Sinn zugeschrieben werden? Wie kommt das Ich inmitten dieser Fülle von Erlebnissen und Möglichkeiten ihrer Auslegung zu einer identifizierbaren Form? Sterne erzählt vom Konjunktiv des Seins. Eine literarisch-empfindsame Chaostheorie liegt dem Erzählen zugrunde – Chaos, verstanden als ein Wort nicht so sehr für Wirrwarr als vielmehr für Unvorhersehbarkeit. Das Ich, das da erzählt, gerät dank seiner sensiblen Reaktionsfähigkeit, seiner psychischen Flexibilität, unaufhörlich an Stellen, die es zu Abschweifungen vom schematischen Hauptstrang verführen. Und dieses Abschweifen, dieses Abzweigen, ist die Methode, dem Augenblick und seiner Erfahrungssubstanz ein Höchstmaß an Bedeutung zuzumessen.
Es ist der Punkt der Kreativität – das Ganze mag darüber vergessen werden. Das Buch ist chaotisch in dem Sinn, dass es mit dem Unvorhersehbaren spielt, und darin mag eine Vorstellung der heutigen Chaos-Theorie anklingen. Sterne verweist darauf, dass nicht vorhersehbar ist, wann, wo, in welche Richtung sich ein Blitz oder ein Baum verzweigt.

Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme können in Katastrophen enden. Vorhersagen lässt sich das nur schwer – auch wenn jetzt einige Crashpropheten das natürlich anders sehen.

Man denke an die Auflösung der Sowjetunion, den Absturz der New Economy oder den Zusammenbruch des Finanzsystems, wie wir ihn zur Zeit erleben. In dieser Unvorhersehbarkeit liegen Chance und Risiko nebeneinander. Das erkannte schon im 19. Jahrhundert der große Militärstratege und preußische General Carl von Clausewitz. Sein berühmtestes Traktat „Vom Kriege“ kann als eine allgemeine Anleitung gelesen werden, wie sich ein Weg aus dem rätselhaften Widerspruch zwischen Theorie und Praxis finden lässt. Clausewitz ging in seinen Analysen bewusst das Risiko ein, sowohl die Theoretiker als auch die Praktiker vor den Kopf zu stoßen: Die Theoretiker, indem er auf die Suche nach kategorischen Wahrheiten verzichtete, die Praktiker, indem er zeigte, wie schnell sie mit ihrem Latein am Ende sind, wenn sie vom Zufall oder kreativen Gegnern überrascht werden. Clausewitz versucht nicht, Widersprüche zu beseitigen. In seinen Augen besteht die Aufgabe weniger in der Auflösung von Gegensätzen, sondern im ewigen Wechselspiel zwischen gegensätzlichen Vorstellungen von der Wirklichkeit im Denken des Befehlshabers. Clausewitz’ ständiges Beharren darauf, dass Strategie die intelligente Verknüpfung einzelner Schlachten zur Gestaltung eines langfristig erfolgreichen Feldzuges ist, passt gut zum unternehmerischen Befund, dass der Marktwettbewerb weder durch Zeit noch Raum begrenzt ist.

Der sparsame Ressourceneinsatz, die Verfolgung von Visionen, die Sammlung von Nachrichten und der Einsatz der übrigen Fähigkeiten einer großen Organisation dürfen nicht länger auf die gegenwärtige Schlacht beschränkt bleiben. Die Auseinandersetzung auf dem Markt müsse man sich als einen niemals endenden Feldzug vorstellen. Dabei müssen Unternehmensführer in der Lage sein, Ungewisses, Rätselhaftes und Unvorgesehenes zu ertragen, ohne ständig aufgeregt nach Fakten und Logik zu suchen. Entscheidungen, die im Bewusstsein der Zweifel getroffen werden, sind nach Ansicht von Clausewitz meist besser, als Entscheidungen, bei denen die Zweifel verdrängt wurden. Richtig gehegte Zweifel kann man nutzen, eine wohl durchdachte Handlung zu unterstützen. Friktionen, Zufälle, bahnbrechende Entdeckungen, konjunkturelle Bewegungen oder politische Entwicklungen sind nicht hinreichend planbar. Sokrates’ Ausspruch, dass die Erkenntnis unserer Unwissenheit der Anfang der Weisheit ist, sollte die Richtschnur für das Handeln in Krisenzeiten sein. Planung ist gerade dann notwendig, wenn man eine komplexe Tätigkeit organisiert. Jedoch gleichzeitig davon auszugehen, dass diese sorgfältig ausgelegten Pläne keine große Gültigkeit haben können, ist für viele Führungskräfte in der Wirtschaft schwer nachzuvollziehen. Absolute Planbarkeit war für Clausewitz eine gefährliche Illusion. Je genauer und klüger man plant, desto wahrscheinlicher scheitert man an nicht kalkulierbaren Friktionen.

Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman beschrieb 1984 in ihrem Buch „Die Torheit der Regierenden“ anhand von Beispielen einige Kardinalfehler, die von Regierenden zum Nachteil ihrer Länder und entgegen aller Vernunft und ihren eigenen Interessen begangen wurden. Dabei zählt sie nur Fehler auf, dich nicht erst im Nachhinein, sondern schon von Zeitgenossen als solche erkannt worden sind. Die Antike erklärte diese Fehler mit der Hybris des Menschen, der es Göttern gleichtun wolle und darum von ihnen mit Blindheit geschlagen wurde. Heute sucht man psychologische Erklärungen. Barbara Tuchman schreibt: „Engstirnigkeit, die Quelle der Selbsttäuschung, ist ein Faktor, der eine überaus wichtige Rolle in Wirtschaft und Politik spielt. Sie besteht darin, eine Situation nach vorgefassten, festen Anschauungen einzuschätzen und gegenteilige Anzeichen zu missachten oder zu verleugnen. Daraus erwächst ein ‚Wunschhandeln‘, das sich von den Tatsachen nicht beirren lässt“. Wie soll man sich in dieser Situation verhalten? Je dringlicher von Werkzeugen, Gesetzen und Patentrezepten die Rede ist, desto gründlicher scheint sich die Zukunft von Wirtschaft, Technologie und Bildung der Planbarkeit zu entziehen. Die entscheidungsoffenen Spielräume nehmen zwar zu, gleichzeitig aber auch die unbeabsichtigten Folgen.

„Von einem Ameisenhaufen können wir mehr über Organisationsformen und Prozesse lernen als durch Rechenmodelle“, postuliert Kevin Kelly, einer der Pioniere des Netzwerkgedankens und frühere geschäftsführende Herausgeber des amerikanischen Internet-Magazins „Wired“. Die Wirtschaft ist ein komplexes, dynamisches System: Alle Ereignisse werden permanent durch das Zusammenspiel von Ordnung und Chaos, Gesetz und Zufall, Freiheit und Strukturierung beeinflusst. Rationale Berechnung zukünftiger Ereignisse, letzte Gewissheit für Voraussagen sind nicht möglich – Zukunft ist nicht berechenbar. Deshalb sei die Furcht vor zentralistisch angelegten Großorganisationen, die uns global beherrschen wollen, nach Ansicht von Kelly unsinnig. „Man kann sich die zukünftige Gestalt von Unternehmen so vorstellen: Sie dehnen sich aus, bis sie zu echten Netzwerken geworden sind. Ein Unternehmen, das ein echtes Netzwerk darstellen würde, hätte folgende Eigenschaften: verteilt, dezentralisiert, auf Zusammenarbeit bedacht und anpassungsfähig. Es gibt nicht nur einen einzigen Ort, an dem das Geschäft abgewickelt wird. Das Geschäft läuft an vielen Orten gleichzeitig ab. Das Unternehmen hat vielleicht nicht einmal nur eine einzige Zentrale“, skizziert Kelly seine Vision.

Trotz der Tendenz, die Netzwerke so weit wie möglich auszudehnen, werden die Unternehmen nach seiner Meinung nicht zu einem Netzwerk allein vor sich hin arbeitender Individuen verkommen: „Sowohl die bisher gesammelten Fakten als auch meine Erfahrung besagen, dass die natürliche Auflösung eines vollständig aufgeteilten Unternehmens zu Arbeitsgemeinschaften von acht bis zwölf Personen führt, die an einem Ort zusammenarbeiten. Ein sehr großes globales Unternehmen, das ganz die Form eines Netzwerks annehmen würde, kann als ein System von Zellen mit jeweils einem Dutzend Personen angesehen werden, das folgendes umfasst: Kleinfabriken mit einem Dutzend Leuten, eine Zentrale mit einem Stab von zwölf Menschen, Profit Centers, die von acht Personen geleitet werden, und Zuliefererbetriebe, bei denen zehn Menschen arbeiten“.

Die besten Systeme würden über die lebendige Qualität weniger Regeln nahe dem Chaos verfügen. Es gäbe genügend bindende Übereinkünfte zwischen Mitgliedern, so dass sie nicht in Anarchie verfallen. Technischer Fortschritt, Ideen oder Kreativität könne man nur schwer institutionalisieren. „Tatsächlich bedeutet Innovation definitionsgemäß, aus etablierten Mustern auszubrechen, was wiederum bedeutet, dass sie bekannte Formeln missachtet. In Zeiten heftigen Flusses, wie dem Übergang von einer ressourcenbasierten zu einer wissensverknüpften Wirtschaft, in dem wir uns derzeit befinden, betritt der Wandel andere Ebenen“, so Kelly. „Zahlen sie den Preis radikalen Durcheinanders: Akzeptieren Sie die Weitschweifigkeit und Ineffizienz, und versetzen sie die Braven in Aufregung. Wenn sich die Leute nicht darüber beschweren, wie chaotisch es bei Ihnen sei, haben sie ein Problem. Es ist nicht notwendig, dass die gesamte Organisation im Chaos aufgeht“, führt Kelly aus. Die Buchhaltung sollte man davon mit Sicherheit aussparen. Doch bei den Kernbereichen eines Unternehmens würden die üblichen Führungsprinzipien schaden. Der Internet-Pionier plädiert für eine Maximierung der Möglichkeiten. Eine Möglichkeit im Unternehmen soll die andere ablösen, um eine explosionsartige Beschleunigung zu erreichen. Doch wenn eine Möglichkeit zehn weitere auslöst, handelt es sich um einen Schneeballeffekt, der weit und schnell wirkt. Eine entscheidende Frage müssten sich Unternehmen stellen: „Wie viele weitere Technologien oder Geschäfte können von anderen auf der Grundlage dieser Möglichkeiten begonnen werden?“

Chance schlägt das einseitige Streben nach Effizienz. Obwohl ein Vermögen damit gemacht werden kann, Maschinen auf größere Effizienz zu trimmen, kann noch weit größerer Reichtum dadurch erworben werden, dass ineffiziente Strategien preisgegeben und neue Möglichkeiten geschaffen werden. Doch von diesem Modell der Selbstorganisation sind viele Unternehmen in Deutschland weit entfernt. Der globale Wettbewerb funktioniert nicht mehr wie ein Schachspiel – mit Eröffnung, Mittelphase und Endspiel. So komplex das Spiel auch sein mag, so dient dieser geordnete Ablauf der Phasen, die jeweils den Einsatz eigener, ganz spezieller Fähigkeiten und Künste erfordern, dem Schachgroßmeister doch als zuverlässige Orientierungshilfen. Früher galt das auch für das Wirtschaftsleben. Auf die Eröffnungsphase der Innovation folgten die Nachahmung durch Konkurrenz und ein intensiver Wettbewerb, der schließlich in eine Branchenkonsolidierung mündete. Übrig blieben einige wenige Unternehmen mit annähernder Monopolmacht. Unternehmerischer Erfolg bestand folglich darin, das Spiel beendet zu haben. Der Sieger konnte unangefochten die Früchte seiner Investitionen ernten. Heute sind Verbraucher und Märkte nicht mehr bereit, dem Sieger diesen Preis auf Dauer zuzugestehen. Trotzdem dominiert immer noch der Wunsch, das Endspiel zu gewinnen: Er ist der geistige Vater vieler Fusionen und Akquisitionen, der sich fast immer als fataler Irrtum erweist und Unternehmenswerte zerstört.

Selbsttäuschung und konstruierte Wirklichkeit prägen den Alltag von Topmanagern in unübersichtlichen Organisationen. Protegés und Kriechern fehle es typischerweise an Gradlinigkeit und geistiger Unabhängigkeit, bemängelt der Managementexperte Erhard Glogowski. Für ein Unternehmen können die übertriebene Sicherheit des Managements, exzessiver Stolz und Arroganz häufig verheerende Folgen nach sich ziehen. Kluge Führungskräfte sollten daher immer sehr kritisch überprüfen, ob das, was Sie reden, mit dem übereinstimmt, was Sie tun. Von den eigenen Mitarbeitern oder Aufsichtsräten ist eine kritische Reflexion kaum zu erwarten. Zu stark ist der Konformitätsdruck. „In Anbetracht der ungleichen Beziehung zwischen Führungspersonen und ihren Untergebenen halten viele Führungskräfte es für selbstverständlich, Regeln zu übertreten, die für normale Sterbliche Gültigkeit besitzen“, führt der Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe Manfred F. R. Kets de Vries aus. Das Problem bestehe darin, die Unternehmenschefs auf die Gefahrensignale der Hybris aufmerksam zu machen, denn dies sei die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass sie nur das sehen, was sie sehen wollen – ein Prozess, dem die Idealisierung durch ihre Gefolgschaft Vorschub leiste. Weitsichtige Vorstände oder Geschäftsführer sollten deshalb die Position eines Hofnarren einrichten, der die Außen- und Innensicht des Unternehmens kritisch beleuchtet. Er hätte die Aufgabe, „Wahrheiten“ zu überbringen, die kein anderer auszusprechen wagt, ohne Angst vor den Folgen haben zu müssen. Nur so könnte man verhindern, Opfer der eigenen Eitelkeit und Selbstüberschätzung zu werden. Starrheit und Verblendung verhindern die Wahrnehmung von Chancen.

In seinem im 16. Jahrhundert veröffentlichten Buch „Lob der Torheit“ untersucht der Humanist Erasmus von Rotterdam die traditionelle Beziehung zwischen dem Narren und dem Führer sowie die spezifische Bedeutung, die dieser Beziehung dabei zukommt, die Folgen des Hochmuts zu begrenzen:

Das ist nun der wunderliche Vorzug meiner blöden Gefolgschaft, dass man von ihnen nicht nur die Wahrheit, sondern sogar Beschimpfungen mit Vergnügen annimmt. Es geht so weit, dass das gleich Wort, das im Munde eines Weisen zu einem todwürdigen Verbrechen würde, im Munde des Narren unglaubliches Vergnügen hervorruft“, schreibt Erasmus. Der Narr schafft eine emotionale Atmosphäre und erinnert den Führer an die Vergänglichkeit der Macht. Er wird zum Hüter der Realität und verhindert in paradoxer Weise närrische Handlungen. Indem der Narr die Torheit von Entscheidungen aufzeigt, die auf einen verzerrten und verengten Blickwinkel zurückzuführen sind, kann er der Führungskraft helfen, an einer soliden Realitätsgrundlage festzuhalten. Wenn wir unterstellen, dass der Narr ein unentbehrliche Rolle für das gesunde Funktionieren des sozialen Lebens spielt, müssen wir die Frage stellen, ob jene Rolle überhaupt in das Organisationsleben eines Unternehmens integriert werden kann: „Ebenso wie der Weise, der Narr als Künder der Wahrheit mit dem Feuer spielte, wenn er dem König unangenehme Wahrheiten sagte, ist es auch riskant, geheime Machenschaften innerhalb einer Organisation ans Licht zu befördern“, so de Vries. In Organisationen sei es trotz bester Absichten immer schwierig, offene Kommunikation zu praktizieren. „Zumeist wirkt die Struktur des Unternehmens einem solchen Prozess entgegen, so dass dem Grundsatz der Offenheit letztlich nur Lippendienste geleistet werden“, betont de Vries. Führungskräfte haben eher das Bedürfnis, jegliche Form von Kommunikation nach innen und außen zu kontrollieren. Der britische Unternehmensberater Paul Bate vertritt die Ansicht, dass eine Firma mit starker Kultur lustig sein sollte. Da lachen die Angestellten viel und laut, erlauben sich Albereien und ziehen Maskenkostüme an. Sie veranstalten regelmäßig Bierpartys und überreichen sich witzige Geschenke und Preise.

Als Vorstandschef muss man sich ja nicht gleich eine Pappnase aufsetzen. Aber ein närrischer Humor trägt zur Spannungsminderung bei, wenn ein sensibles Thema angesprochen werden muss. Humor erleichtert die Aufnahme einer unbequemen Information – ohne das Ganze der Lächerlichkeit preiszugeben. „Mit Humor und offener Kommunikation spielen der ‚Narr’ und der ‚König’ ein tiefgründiges Spiel, in dessen Mittelpunkt fundamentale Fragen des Menschseins stehen – Kontrolle, Rivalität, Passivität und Aktivität“, so de Vries. Wenn der Humor kontrolliert bleibt, so dass er nicht zerstörerisch, aggressiv und zynisch wird, kann er eine Atmosphäre des Vertrauens fördern. George Bernard Shaw hat einmal ausgeführt, „dass jeder Despot einen ungetreuen Untertan haben muss, damit er geistig gesund bleibt“. Das ist die Funktion des Narren. Führungskräfte sollten von ihrem hohen Sockel runtersteigen und so souverän sein, dieses Narrentum zuzulassen und zu fördern, um die eigenen destruktiven Kräfte des Hochmuts unter Kontrolle zu halten. Das erfordert allerdings Weisheit und Mut.

„Nur vom Nutzen wird die Welt regiert“: Mit disruptiven Innovationen die Krise überwinden – Neustart für Wirtschaftssystem statt Reparaturbetrieb

Die herannahende Rezession blockiert das stark vernetzte Wirtschaftssystem in weiten Teilen. Nicht nur die Finanzströme stocken, auch die gesamten Warenströme sind fließen nicht mehr reibungslos. Man legt Produktionen still und kann Mitarbeiter gar nicht oder nur teilweise auslasten. Diese Denkpause sollten Firmen nutzen, um vom kurzfristigen und reaktiven in ein strategisches Handeln umzuschwenken, so der Ratschlag des Schweizer Systemarchitekten Bruno Weisshaupt http://www.origonet.ch. „Statt lediglich unbefriedigende Entwicklungsstände bei den aktuell am Markt angebotenen Produkten zu korrigieren, zu reparieren oder marginal zu verbessern, muss fundamental umgedacht werden. Jedes Unternehmen, das jetzt diese Zeit nicht für die eigene Rollenfindung nutzt, gerät bald in Rückstand. Die in dieser Situation gefragte Fähigkeit, mit disruptiven Innovationen aus dem intimen Verständnis des Marktes heraus zu handeln, wurde in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt“, beklagt Weisshaupt. Das vor allen Dingen die Autoindustrie von der Finanzkrise so gebeutelt wird, sei kein Wunder. „Das hängt nicht nur mit dem Konjunkturzyklus zusammen, sondern auch mit der Produktpolitik. Es ist doch sehr auffällig, dass in der Automobilindustrie technologisch schon lange kein großer Sprung nach vorne gelungen ist. Im Grunde fahren wir schon seit hundert Jahren mit den gleichen, wenn auch optimierten Vehikeln herum“, sagt Weisshaupt.

Der Finanzcrash beschleunige nur die Tatsache, dass man am Ende des natürlichen Entwicklungszyklus angekommen sei. Mit einer linearen Weiterentwicklung der Produkte komme man nicht weiter. Überlieferte Lösungen seien geprägt von aufgeblähten Funktionen und überbordender Technik. So sieht das auch Alexander Horn, Autor der Frankfurter Zeitschrift Novo http://www.novo-argumente.com: „Die gegenwärtigen Absatzprobleme der Automobilhersteller resultieren nicht aus der Not der am Abgrund stehenden Finanzwirtschaft – beide Krisen haben vielmehr die gleichen Wurzeln. Die Lösung kann nur darin liegen, dass wieder Autos gebaut werden, die die Kundschaft auch ohne nachgeworfenes Geld haben will“.

Weisshaupt fordert neue Systeme und Geschäftsmodelle, um das On-Demand-Verhalten der Menschen zu unterstützen und ihnen die Technik unauffällig zur Verfügung zu stellen. „Urbanität, Identität, Mobilität, Interaktion, Integration, Individualität, Automatisierung sind die zukunftsfähigen Infrastrukturen und die Basis für jede Systeminnovation.“ Produkte, die man irgendwo auf der Welt als Module herstellt, würden zu Gunsten von Applikationen an Marktbedeutung verlieren. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration. „Zwar wird die bessere Technologie auch in Zukunft ein wesentlicher Grundstein für den Erfolg einer neuen Anwendung sein. Wer würde bezweifeln, dass man mit der Entwicklung einer funktionierenden Brennstoffzelle nicht gute Geschäfte machen kann. Der Erfolg am Markt wird aber nicht an der Technologie hängen, sondern an ihrer kundenorientierten Umsetzung“, sagt Weisshaupt gegenüber pressetext. Wer sich auf die Produktion der Basisprodukte konzentriere, werde das Ausscheidungsrennen gegen Länder wie China oder Indien nicht gewinnen. „Im täglichen Geschäft verlieren das fordistische Geschäft und das tayloristische Prinzip längst an Bedeutung, was beileibe nicht nur für die Internetwirtschaft gilt“, schreibt Zeit-Redakteur Götz Hamann in einem Beitrag für das Buch „Die Kunst, loszulassen – Enterprise 2.0“ (Rhombos-Verlag) http://www.diekunstloszulassen.de.

Wer sich aber die Strukturen von Konzernen und straff organisierter Mittelständler anschaue, werde erkennen, dass das Erbe von Ford und Taylor noch sehr lebendig sei: Vertrieb, Marketing, Entwicklung, Produktion, Buchhaltung, Innenverwaltung, IT-Abteilung – und natürlich der Vorstand. Die meisten Unternehmen würden aus Schubladen bestehen und wer in einer von ihnen stecke, habe in den anderen meist nichts zu suchen. „Die traditionelle Arbeitsteilung gilt noch immer als sicherste Form der Herrschaftsausübung und als wirkungsvollste Methode, um eine Organisation zu kontrollieren“, bemängelt Hamann.

Andreas Rebetzky, Vorstandsmitglied des cioforums http://www.cioforum.de, verweist auf ein Zitat von Schiller: „Nur vom Nutzen wird die Welt regiert“. So müsse ein IT-Chef aus seiner verträumten Technikecke rauskriechen und sich als Gestalter und nicht als Verwalter im Unternehmen profilieren. „Das tradierte Wissen aus dem vergangenen Jahrhundert sitzt oft starr in den Köpfen der IT-Entscheider. Hier erwarte ich Impulse von der jungen Generation, die als Digital Natives auch die Berufswelt umpflügen werden“, prognostiziert Rebetzky, Director Global Information der Firma Bizerba, die Systemlösungen der Wäge-, Informations- und Food-Servicetechnik anbietet. Mit der gegenwärtigen Sparhysterie werde die Wettbewerbsfähigkeit vieler Firmen eher negativ beeinflusst. „Es sollte mehr investiert werden in wirkliche Prozessinnovationen“, fordert der IT-Interessenvertreter des cioforums.