Sind wir nicht alle Idioten? Vom Niedergang der Experten-Deutungsmacht

Das Internet funktioniere wie ein Restaurant, das am Eingang mit der Affiche begrüßt, schreibt der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler in einem lesenswerten Essay für Zeit Online: „‚Hier kocht Ihr Tischnachbar für Sie!‘ Die Profis sind beurlaubt, die Laien übernehmen – nicht allein die Küche, auch die Medien, den Kommerz, das Sozialnetz. Das Internet, die Galaxie der Dilettanten? Für Eliten/Fachleute zum Fürchten? Die Antwort kann nur diffus ausfallen. Das Internet erklären zu wollen ist wie im Trüben fischen.“

Der Laie sei – frei nach Max Frisch – ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt. „Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als ‚Idioten‘ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete ‚Albernheit des Laien‘ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das ‚Lob der Torheit‘ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, so Hasler.

Er stellt die richtigen Fragen: Reiht sich die digitale Kultur in diese Laienbewegungen ein? Das Internet als Maschine zur Umverteilung der Macht – weg von den Experten, hin zu den »Idioten«? Wann zuvor waren Kunden so sehr Könige? Und er gibt die richtige Antwort: „Nie hatten plebiszitäre Neigungen eine vergleichbare Chance, sich selbst zu organisieren. Im Web fällt die traditionelle Grenze zwischen Fachmann und Amateur.“

Die Warnungen der so genannten Profis und Experten halte ich für elitäres Gehabe: „Seriöse“ Bewertungen von politischen Ereignissen, Büchern, Restaurants verlören gegen User-Sternchen und YouTube-Filmchen an Bedeutung. Die „Stunde der Stümper“ sieht Andrew Keen angebrochen, ein Internetpionier. Im Aufstieg der Dilettanten wittert er eine „kulturelle Verflachung, die die traditionelle Trennung von Künstler und Publikum, von Urheber und Verbraucher verwischt“. Entscheidend ist ja wohl, dass jeder (selbsternannte) Experte auf vielen Gebieten zugleich Idiot und Laie ist. Der eine kennt sich mit Naturwissenschaften aus und ist in der Philosophie oder Wirtschaftswissenschaft ein blindes Huhn und umgekehrt. Was noch entscheidender ist, habe ich in einem anderen Zusammenhang mit Verweis auf Niklas Luhmann beschrieben. Es ist die sinkende Deutungsmacht der Experten.

Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige autoritäre Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen.

Ähnlich sieht es auch Hasler in seinem Zeit-Essay: „Eliten leben davon, dass sie etwas wissen oder können, das die Menge nicht weiß und nicht kann – noch besser etwas, das die Menge zum Staunen bringt, etwas Geheimes, Geheimnisumwobenes, Sakrales. Die Abwehr neuer Medientechniken entspringt der Sorge um Ruhe und Ordnung – und der Angst der Elite, die Gesellschaft aus der Kontrolle zu verlieren.“

Siehe auch:
Narren, Chaotiker, Außenseiter und Regelbrecher: Strategen für turbulente Zeiten – Warum Unternehmen ihre Controller entlassen sollten.

Wer hat Angst vor Google TV?

Gerade kommt mit der Post ein neues Büchlein mit dem Titel „Maschinen, die unsere Brüder werden“. Verfolgt man die Debatte über die „Datenkrake“ Google, dann wird wohl zur Zeit ein anderes Bühnenstück inszeniert. Alles, was der Suchmaschinen-Konzern zur Zeit anpackt, wird eher als mephistophelisches Komplott gewertet. Unklar erscheint mir derzeit, wer in diesem Drama Faust und wer Mephisto ist.

Wir können das heute näher beobachten, denn die Google-Konferenz „I/0“ startet. Gemeinsam mit Intel und Sony stellt der Mountain View-Konzern das Programm „Smart TV“, das mit einer Set-top-Box empfangen werden kann. In San Francisco sollen neue Fernseher mit Android-Betriebssystem vorgestellt werden.

Vor ein paar Tagen hatte ich darüber bereits berichtet. Branchenkenner äußerten sich positiv: „Die Verschmelzung von Web und TV hat sich bereits in den letzten Jahren angekündigt. Unser Untersuchungen haben gezeigt, dass drei Kundenbedürfnisse diesen Trend treiben: Zeitsouveränität, Video-Nutzung aus dem Web auch im Wohnzimmer und der Bedarf das komplexe und vielfältige Web-Angebot zu strukturieren und so das ‚Beste‘ für sich aus dem Web zu holen. Aktuelle Markt-Prognosen für diese sogenannten Hybrid-TV Angebote sind sehr positiv“, so Christian Halemba von der Düsseldorfer Unternehmensberatung Mind Business.

Berücksichtigen die Apps auch die Nutzungssituation am TV-Gerät, könnte der Suchmaschinenkonzern den TV-Markt wachküssen. Die Möglichkeit, TV-Apps per Fernbedienung von der Couch aus zu kaufen, wird nach Analysen von Mind Business vielleicht ein Weg sein, die Barrieren gegen Pay-TV in Deutschland aufzubrechen. Wenn Sony, Samsung und andere Hersteller im Kampf um die Pole Position auf Android setzen, werde die Antwort von Apple nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht ist sie ja auch schon da: Denn das iPad bietet die Möglichkeit, externe Displays also auch den Fernseher anzuschließen. „Egal, welcher Web-Gigant das Rennen macht, es kommt Bewegung in die Applikationswelt – am Ende des Tages werden vor allen Dingen die Hersteller von TV-Geräten davon profitieren“, prognostiziert der After Sales-Spezialist Peter Weilmuenster, Vorstandschef von Bitronic. Soweit die Stellungnahmen. Auf Twitter spricht man von „Revolution“ und von der „größten Veränderung seit der Erfindung des Farbfernsehens“. Der Skeptiker vom Dienst, Andrew Keen, sieht das nicht so euphorisch. „Ich will nicht, dass Google weiß, was ich im Fernsehen anschaue“. Oder: „Wenn Google das Fernsehen so kontrolliert wie das Internet, sind wir alle f***“. Ist Keen der Gustav Gründgens der Webwelt? „Ich bin der Geist, der stets verneint – und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht.“ Hier geht es zum Livestream der Google-Konferenz.

Wie seht Ihr das. Hier eine kleine Umfrage. Kommentare sind natürlich auch erwünscht.