
Der Ludwig-Erhard-Gipfel wird derzeit als Inbegriff eines politischen Kommerzformats skandalisiert: vierstellige Ticketpreise, Sponsorenpakete, Zugang zu Ministerinnen und Ministern als verkaufsförderndes Argument. Die Vorwürfe: politischer Kontakthof, Käuflichkeit durch Nähe, unzulässige Vermischung von Interessen. Der moralische Zeigefinger ist schnell erhoben – aber er zeigt in mehr Richtungen, als den Empörten lieb sein dürfte.
Denn exakt jene Mechanik, die hier als angeblicher Skandal auftaucht, ist seit Jahren verbreitete Praxis in der Medien- und Veranstaltungsbranche. Wer sich über die Preisgestaltung des Ludwig-Erhard-Gipfels entrüstet, müsste ebenso „Publisher’s Nights“, „Executive Summits“, „Leadership Circles“ oder die diversen Sonderformate großer Tageszeitungen kritisieren – Veranstaltungen, deren Teilnahmegebühren regelmäßig bei 1.000 Euro beginnen und deren Mehrwert gerade darin besteht, Sichtbarkeit und Austausch mit Führungspersonal zu organisieren. Dieses Modell ist nicht neu, nicht geheim, nicht illegitim. Es ist eine normale Form privatwirtschaftlicher Öffentlichkeitsarbeit.
Regierungssprecher Stefan Kornelius hat das im Kern präzise formuliert: Bundesministerinnen und Bundesminister nehmen an vielen Veranstaltungen teil, auch an solchen mit kommerziellem Interesse. Sie erhalten keine Honorare, keine Vergünstigungen, keine Sonderleistungen. Es geht um Sichtbarkeit staatlicher Politik – ein legitimer Teil ihres Amtes. Dass Veranstalter diese Präsenz wiederum nutzen, um Tickets zu verkaufen, ist kein staatliches Fehlverhalten, sondern ein marktwirtschaftliches Geschäftsmodell, das in der gesamten Branche praktiziert wird.
Die Frage, ob die Teilnahme von Regierungsmitgliedern „angesichts der preistreibenden Verkaufsrhetorik“ noch zumutbar sei, wirkt daher vorgeschoben. Denn wer die Mechanismen der Öffentlichkeitswirtschaft kennt – und viele der besonders lautstarken Kritiker kennen sie beruflich sehr genau –, weiß, dass Politik und private Veranstalter seit Jahrzehnten in solchen Formaten aufeinandertreffen. Das war nie ein Geheimnis, nie exklusiv, nie der verborgene Hinterraum der Republik. Es war immer öffentlich, sichtbar, ein Regelinstrument der politischen Kommunikation.
Dass ausgerechnet der Ludwig-Erhard-Gipfel nun zur moralischen Projektionsfläche wird, ist deshalb weniger ein Aufschrei der Integrität als ein Stück politischer Folklore: Der kritisierte Mechanismus ist ubiquitär, aber hier plötzlich skandalträchtig. Die Kritiker attackieren ein System, von dem sie selbst profitieren oder das sie selbst über Jahre akzeptiert haben.
Kurz gesagt: Die Kritiker der Elche sind selber welche.
Wer ernsthaft über Transparenz, Trennung von Interessen und die Rolle politischer Öffentlichkeitsarbeit sprechen will, braucht keine Empörungsdramaturgie – sondern eine ehrliche Debatte darüber, wie Politik heute kommuniziert und wie Medienhäuser Events monetarisieren. Das ist eine legitime Diskussion. Aber sie beginnt nicht mit dem Ludwig-Erhard-Gipfel. Sie beginnt bei der eigenen Teilnahme am selben Spiel.