Fritz-Erler-Allee, Neukölln. 1975.

Die Straße lag da wie ein leiser Vers, aus Beton gegossen, im Halbdunkel eines frühen Berliner Abends, als wäre sie nicht gebaut, sondern geschrieben worden. Haus Nummer 16 war mein Ausgangspunkt. Meine kleine Koordinate im Stadtplan der Kindheit. Davor die Straße, dahinter das Leben. Und gegenüber: Bonny und Frank Schulz – zwölfter Stock.

Frank, älter, cooler, ein bisschen unnahbar – sein Zimmer roch nach Filterzigaretten, Patchouli und pubertärer Euphorie. Er besaß eine Sammlung von Platten, die für mich damals das Maß aller Dinge war. Santana, Bowie, Uriah Heep – und natürlich: Led Zeppelin. Frank war ein Pförtner zur Welt der großen Fragen: „Mag sie mich?“ – „Was zieh ich an?“ – „Was zum Teufel ist eigentlich ein Breakdown im Refrain?“

Und dann war da diese eine Nacht.

Party bei Frank. Ich 14, zu jung für alles, was an diesem Abend hätte geschehen dürfen, aber genau richtig, um alles in mich aufzusaugen. Die Fenster waren beschlagen, der Teppich war klebrig, irgendjemand hatte Sekt mitgebracht, den alle schrecklich fanden, aber tranken, als wäre es ein Zaubertrank.

Die Musik drehte sich langsam auf, und dann –
„Oh-oh-oh-oh-oh / You don’t have to go“
D’yer Mak’er begann zu schwingen wie ein weicher Blitz durch die Zimmerluft.

Ich erinnere mich an sie.

Nicht an den Namen, nicht an ihre Jacke oder ihr Parfum. Aber an den Blick, den sie mir zuwarf. Halb gelangweilt, halb neugierig. Ein Blick, der sagte: „Du bist ein Kind. Aber du siehst mich an, als wärst du ein Dichter.“ Sie trug Jeans mit einem Ausbleichmuster, das aussah wie eine kosmische Karte. Ihre Haare lagen wie gefallener Sternenstaub auf ihren Schultern. Und als sie sich zu mir drehte, geschah es.

Nicht Kuss, nicht Wort – es war ein Blickkontakt zur Unendlichkeit.

Der Bass hämmerte, die Gitarre lachte, und sie sagte nichts. Sie tanzte. Nicht zu mir, nicht weg von mir – mit mir, ohne mich zu berühren. Und ich stand da, von Feuer erfasst, und konnte nur denken:
„Baby, please don’t go.“

Ich kannte den Text noch nicht. Aber ich fühlte ihn.

„When I read the letter you wrote me / Made me mad, mad, mad…”

Was mir erst viel später auffiel: D’yer Mak’er ist kein Song mit einem klassischen Breakdown – keine große Pause, keine Stille vor dem nächsten Einsatz. Und doch wirkt er so. Der Song spielt mit rhythmischen Lücken, schwebenden Momenten, und wenn Robert Plant fast flehentlich haucht:
„You don’t have to go…“,
dann klingt es, als würde der ganze Song für einen Moment zusammenbrechen, als wolle er sich verkriechen, ehe er sich wieder aufrichtet – wie ein Verliebter, der kurz zwischen Hoffnung und Verlust taumelt.

Ein emotionaler Breakdown, kein technischer. Aber genau das machte den Moment so gefährlich schön.

Ich wusste in diesem Augenblick: Da wird nichts draus. Aber es ist da. Wie ein Schatten, der nach Glanz schmeckt. Ich sah sie später noch auf Partys – sie kam, sie lachte, sie ging. Und jedes Mal, wenn sie ging, blieb ich zurück mit einer Melodie im Herzen, die mehr sagte, als mein vierzehnjähriger Mund hätte sprechen können.

Jahrzehnte später. Ich höre den Song.

„You don’t have to go / Oh, baby, please, please, please, please…”

Und ich bin wieder in diesem stickigen Wohnzimmer, wo jemand das Licht ausgemacht hat, weil es „romantischer“ ist. Ich bin wieder der Junge mit zu viel Herz und zu wenig Mut. Und sie – sie tanzt noch immer in meinem Kopf.

Denn Liebe – die erste – ist nie eine Frage des Besitzes. Sie ist ein Song.
Ein flüchtiger Refrain, der genau weiß, wann er dich erwischt.

„Oh-oh-oh-oh-oh-oh / I love you / Ooh baby, I love you, oh…”

Und ich weiß bis heute nicht, ob sie das Lied auch mochte. Ob sie wusste, dass sie für mich dieser Song geworden ist. Vielleicht war es nur eine Szene in ihrem Film. Vielleicht war ich nur ein Komparse.

Aber für mich war es das erste Mal: Liebe im Takt einer Band, die ich kaum kannte, in einem Wohnzimmer, das für immer mein Konzertsaal geblieben ist.

Und jedes Mal, wenn ich die ersten Takte höre, ziehe ich innerlich den Vorhang zur Seite und sage leise:

„Licht an, bitte. Der Junge von damals will noch einmal tanzen.“

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