Vom Freigang der Vernunft und der heiteren Mühe, nicht normal zu sein


Gedanken zum Mittagsgespräch mit Albert C. Eibl und Jan Juhani Steinmann.

Es gehört zur Komödie unserer Gegenwart, dass die Vernunft nicht etwa wach ist – sondern entweder schläft oder schlaflos geworden ist. Sie befindet sich in einem Zustand, den man als metaphysisches Jetlag bezeichnen könnte: reizüberflutet, aber nicht mehr orientiert.

Albert C. Eibl hat dafür ein treffendes Bild gefunden:
„Die Vernunft hat schon lange einen Schlaf angetreten – einen selbstinduzierten Tiefschlaf, der nicht nur Ungeheuer gebiert, sondern auch ungeheure Geburten zeitigt.“

Eine davon: das World Wide Web.
Ein digitales Nervensystem, das heute „zum bestimmenden Pulsmesser unseres Lebens geworden ist“.
Es schlägt, ja – aber nicht mehr für uns.

Gegen diesen mechanischen Pulsschlag setzen Eibl und Jan Juhani Steinmann ein anderes Herz:
das „Herz der ästhetischen Revolte“.
Es taktet nicht in Millisekunden.
Es schlägt in Rhythmen – in Bildern, Zitaten, Gedichten, Spaziergängen.
Sie sprechen von einer „Ästhetik des Ungehorsams“.
Und sie meinen damit nicht bloß eine Haltung, sondern eine Lebensform.

Jan Steinmann bringt es im Gespräch auf den Punkt:
„Es geht darum, Widerstand zu leisten – in der eigensten Authentizität.“

Und so betritt eine Figur die Bühne, die älter ist als jeder Feed, aber aktueller denn je:
der Freigänger.

Er ist kein Aktivist, kein Waldgänger mit Tarnanzug.
Er kämpft nicht – er weicht aus.
Er fällt nicht auf – und ist gerade darin souverän.
Er zahlt bar, liest Gedichte, hat Zeit.
Er flaniert – nicht nur durch Straßen, sondern durch Gedanken.
Und Eibl sagt:
„Der Freigänger steht mit einem Bein in der Vergangenheit und mit einem in der Zukunft. Das ist die Gegenwart.“

Im Gespräch erinnerte ich an Gestalten wie Hugo Ball oder Franz Blei.
An die wilden Zeitschriften-Gründungen der 1920er Jahre.
An die kleinen Formate, die damals schon versuchten, mit Stil und Satire der Funktionalität zu entkommen.

Jan Steinmann griff den Faden sofort auf:
„Ein Instrument in den 20er Jahren war die Gründung von Zeitschriften – als intellektuelle Freiräume.“
Nicht um zu missionieren.
Sondern um Raum zu halten.
Raum für Vorstellungskraft, für Fantasie, für das Träumerische.

Denn, so Steinmann:
„Wir verlieren unsere Träume, wenn wir sie durch algorithmisch generierte Bilder ersetzen.“

Und was bleibt?
Vielleicht das Buch – als letzte Bastion gegen das Format.
Nicht der Bestseller, nicht das E-Book, sondern das Fadenheft.
Ein Artefakt.
Ein Widerstand gegen das Durchsuchbare, das Messbare, das Scannbare.

Eibl formuliert das lakonisch und klar:
„Wir wollten ein Buch schreiben, das die KI unter keinen Umständen schreiben kann.“

Und so wird auch das Denken selbst zur Tat.
Der Flaneur lebt – sagt Eibl – „mehr als alles andere in seinem Denken“.
Sein Antrieb: „funkelnde Paradoxa und explosive Scherze“.
Seine Sünde: Langeweile.
Denn, Zitat: „Langweilig zu sein reichte aus, um unter Gelächter der Allgemeinheit gesteinigt zu werden.“

Ein gefährlicher Lebensentwurf, das ist klar.
Denn wer denkt, arbeitet nicht.
Wer nicht arbeitet, lebt auf Kosten anderer.
Und wer dann auch noch denkt, er dürfte das Denken aufschreiben – der ist verdächtig.

So wird aus dem Denker ein Unruhestifter.
Nicht weil er hetzt – sondern weil er innehält.
Nicht weil er laut wird – sondern weil er schweigt.

Er setzt sich ins Antiquariat.
Er liest ein vergessenes Gedicht.
Er bleibt stehen, wo andere scrollen.
Er fragt nicht nach dem Sinn – sondern nach dem Maß.

Der Freigang beginnt nicht mit Protest.
Er beginnt mit einem anderen Takt.
Mit einer Zigarre.
Mit einem Buch.
Mit einem Gedanken, den man nicht sofort teilt.

Eibl und Steinmann erinnern uns daran:
Ungehorsam beginnt nicht mit dem Nein –
sondern mit der Weigerung,
immer Ja sagen zu müssen.

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