
Deutschland steckt nicht nur in einer Konjunkturflaute, sondern in einer strukturellen Sackgasse. Hermann Simon, Chronist und Architekt der Hidden Champions, spricht im Autorengespräch mit Gunnar Sohn und Winfried Felser von einem Problem, das kaum einer ausspricht: „Die Unternehmerlücke, über die ja kaum jemand diskutiert, gehört zu unseren größten Erkenntnisproblemen“.
Während Politiker von Fachkräftemangel und Rentenpolitik reden, bröckelt die Basis: eine alternde Unternehmerschaft, die kaum noch investiert und keine Nachfolger findet. Simon schildert Beispiele, die symptomatisch sind: „Ein Metallbauer mit 23 Mitarbeitern, 79 Jahre alt, kein Nachfolger. Ein Ingenieur-Genie, 69 Jahre alt – ohne Nachfolger. Ein Weltmarktführer mit über einer Milliarde Umsatz, 65 Jahre alt – auch ohne Nachfolger“.
Die verweigerte Zukunft
Die junge Generation flüchtet ins Beamtentum und in Konzerne. Simon warnt: „In Bonn haben wir mehr Exzellenzcluster als München – aber keine Roboterfirma, obwohl unsere Informatiker die Fußball-Weltmeisterschaft der Roboter gewinnen. (…) In China heben bei meinen Vorträgen 50 Prozent der jungen Leute die Hand, wenn ich frage, wer Hidden Champion werden will. In Deutschland nur fünf Prozent“.
Es ist ein mentaler Stillstand, ein verweigerter Aufbruch. Während in Nanjing und Hefei – Städte, die hierzulande kaum jemand kennt – Wissenschaft und Märkte in einem Atemzug gedacht werden, redet Deutschland über Zuständigkeiten und Fakultäten.
Luxemburg versus Bonn-Rhein-Sieg
Und dann dieser Vergleich, den Simon mit einer fast provokanten Nüchternheit zieht: Luxemburg mit seinen 653.000 Einwohnern gegenüber Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis mit zusammen 930.000 Menschen. „Die Kaufkraft in Luxemburg liegt pro Kopf bei rund 41.000 Euro, im Rhein-Sieg-Kreis bei 26.000, in Bonn bei knapp 27.000. Das ist ein erheblicher Unterschied“.
Dabei, so Simon, verfüge die Region Bonn-Rhein-Sieg über eine „enorme intellektuelle Potenz“ – sechs Exzellenzcluster, mehr als ganz Bayern, dazu vier Max-Planck-Institute, vier Fraunhofer-Institute. „Wieso sind unsere Pro-Kopf-Einkommen dann nur zwei Drittel der Werte von Luxemburg?“ fragt er.
Luxemburg, das „Ländchen“, hat sich als Finanzplatz, als politisches Machtzentrum, als steuerlich raffinierter Magnet neu erfunden. Bonn dagegen, eingeklemmt zwischen Geschichte und Bürokratie, bleibt Provinz – obwohl die intellektuelle Infrastruktur einer Weltstadt vorhanden ist. Simon spitzt zu: „Ich schlage vor, an der Universität Bonn eine Business School einzurichten, in der Naturwissenschaftler und Informatiker ein Jahr lang Business studieren – wie am MIT oder in Stanford. Erst dann entsteht Unternehmertum“.
Der Befund ist vernichtend: Was nützt Exzellenz ohne Umsetzung? Was nützt Wissen ohne Kapitalisierung? Luxemburg zeigt, dass kleine Einheiten sich global positionieren können. Bonn-Rhein-Sieg dagegen illustriert die deutsche Krankheit: Forschen ohne Gründen, wissen ohne handeln.
Deep Tech statt Massenmarkt
Simon zieht daraus die Konsequenz: Deutschland könne in den Massenmärkten der Digitalisierung nie gegen USA und China bestehen. „Keine Chance“, sagt er. Aber im industriellen Deep Tech, in Nischen, in hochkomplexen Prozessen – dort liegt die Zukunft. „50 Prozent des weltweit verbrauchten Stroms laufen durch einen Laststufenregler von Reinhausen, einem Unternehmen, das kaum jemand kennt“.
Statt auf Prestigeprojekte wie Volocopter oder Lilium zu setzen, fordert Simon, das unsichtbare Rückgrat der Industrie zu stärken. „Ministerien und Agenturen wissen gar nicht, dass es diese Unternehmen gibt“, sagt er. Die Agentur für Sprunginnovationen sei mit ihren 250 Millionen Euro ein „lächerliches“ Gegenstück zur DARPA mit 4,5 Milliarden.
Politische Forderungen
Seine Empfehlungen an Bundeskanzler Friedrich Merz sind unmissverständlich: „Eine Befreiung der Wirtschaft, vor allem des Mittelstandes. Abschaffung unsinniger Gesetze wie Lieferkettenpflichten und Zwang zur Zeiterfassung. Und vor allem: Geschwindigkeit. Wir brauchen nicht 20 Genehmigungen von 20 Behörden“.
Kapitalmacht und deutsche Grenzen
Ein Blick auf die globalen Zahlen zeigt, warum Deutschland in den Massenmärkten kaum mithalten kann. „Zum ersten Mal im vergangenen Jahr hat eine Firma mehr als 100 Milliarden Dollar Nettogewinn gemacht – Alphabet, die Mutter von Google“, so Simon. Apple lag mit über 90 Milliarden kaum dahinter.
Und Deutschland? Roland Koch, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, verwies jüngst auf die IT-Offensive der Schwarz-Gruppe aus Neckarsulm. Lidl-Schwarz erwirtschaftet 115 Milliarden Euro Umsatz – ein Gigant im Einzelhandel. Doch der Gewinn liegt bei zwei bis drei Milliarden Euro.
„Da wird die Revolution nicht aus Deutschland kommen, wenn es um Kapitaleinsatz geht“, resümiert Simon. Für die großen Sprünge in Künstlicher Intelligenz, Cloud oder Nukleartechnologien fehle schlicht die Kapitalmacht. Deutschlands Stärke müsse im industriellen Deep Tech liegen – komplexe Prozesse, Nischenmärkte, Spezialtechnologien. Dort zählt Wissen mehr als Kapital, Geschwindigkeit mehr als Größe.
Wissenschaft ohne Wirkung
Ein weiterer Angriffspunkt: die akademische Welt. „Die Forschung orientiert sich nur noch am Hirsch-Index. Es gilt als schädlich, im Handelsblatt oder in der FAZ zu publizieren. Mit Hidden Champions kannst du wissenschaftlich nichts reißen“, berichtet Simon aus Gesprächen mit Professoren.
Während sich BWL und VWL in Zitationsrankings erschöpfen, haben Managementdenker, die Wissenschaft mit Praxis verbinden, das Ohr der Unternehmen. Der Mannheimer Professor Winfried Weber hat es auf den Punkt gebracht: Der Einfluss klassischer Wirtschaftswissenschaftler auf Unternehmen schwindet, Antworten suchen Manager längst bei „Philosophen des Managements“ – bei Namen wie Peter Drucker, Friedmund Malik und eben Hermann Simon.
Simon selbst ist das lebendige Gegenmodell: Berater, Gründer, Professor – ein Grenzgänger, der Wissenschaft und Praxis verschränkt und damit mehr Einfluss auf die reale Wirtschaft entfaltet als viele Fachjournale zusammen.
Die Chinesen und die Champions
Und die Chinesen? Sie haben die Lehre aus Simons Hidden-Champions-Konzept längst gezogen. „Es gibt Regierungsprogramme, 1000 chinesische Hidden Champions zu schaffen. Drei Wochen nach der Verabschiedung in Peking kam die erste Provinzregierung auf mich zu“.
Während Berlin diskutiert, handeln andere. Während Bonn seine Exzellenzcluster pflegt, bauen chinesische Unternehmer Business Schools auf Basis von Simons Büchern.
Das eigentliche Versäumnis
Was bleibt, ist die Diagnose einer Gesellschaft, die ihren Unternehmergeist verloren hat. „Hört nicht auf eure Eltern“, rät Simon den Jungen. „Die leben in einer alten Welt“.
Doch solange Politik und Wissenschaft in Routinen verharren, solange Sprunginnovationen in Ministerien versanden und Universitäten den Markt scheuen, bleibt Deutschland im Blindflug. Am Ende bleibt der Eindruck einer Summe aus fünf Jahrzehnten Denken und Handeln. „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt“ ist kein Lehrbuch, sondern ein Kompass. Führung bleibt für ihn das zentrale, aber unerklärbare Phänomen. Innovation braucht Mut zur Lücke und Geduld gegen alle Widerstände.
Zeit ist die knappste Ressource, härter als Kapital. Digitalisierung erweist sich als Produktivitätsparadox – ob Künstliche Intelligenz daran etwas ändert, ist offen. Und Unternehmertum, so Simon, ist der härteste und zugleich schönste Job der Welt: ein Beruf voller Demut und Verantwortung, aber auch die einzige Quelle echten Fortschritts.