Die zunehmend vernetzte Welt lässt traditionelle Grenzen verschwimmen, zwischen Unternehmen, zwischen Menschen und Maschinen, in Forschung und Wissenschaft und dergleichen. „Neue Technologien beeinflussen die Art, wie wir arbeiten und wie wir lernen. In welchem Ausmaß künstliche Intelligenz bisher von Menschenhand ausgeübte Tätigkeiten ersetzen oder sie in der Ausführung übertreffen wird, ist noch nicht vollständig aufgeklärt“, schreiben Julia Lischka und Professorin Ina Kohl in einem Beitrag für den Sammelband „Wissensmanagement in digitalen Arbeitswelten“.
Entsprechend werden neue Kompetenzen erforderlich sein. Eine Herausforderung für die Weiterbildung und für die Rekrutierung von neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ohne die richtigen Kompetenzen im Unternehmen, könne dieses nicht auf Dauer wettbewerbsfähig sein. Es sei daher wichtig, ein strategisches Kompetenz-Management zu etablieren, um es kontinuierlich an den globalen gesellschaftlichen Wandel und dessen Anforderungen anzupassen.
Vernetzungsfähigkeit findet sich in Befragungsrankings zum Thema Kompetenzen in der digitalisierten Welt durchgehend auf den vordersten Plätzen.
„Traditionelle Werte, wie zum Beispiel Stabilität, Perfektion oder Zielvorgaben, werden größtenteils reformiert hin zu Veränderungsbereitschaft, Schnelligkeit, Inspiration und dem Denken in Netzwerken . Organisationen werden zunehmend von netzwerkartigen oder auch agilen Strukturen geprägt, so dass Arbeitsteams stärker dezentral strukturiert werden. Die Fähigkeit zum Denken und Agieren in Netzwerken stellt daher eine zentrale Anforderung an Mitarbeiter in modernen Unternehmen dar. Virtuelle Netzwerke werden seit Beginn der zunehmenden Technologisierung als wahrscheinliche Zukunftsform der Organisation gehandelt. Verschiedene Vorteile machen das Arbeiten in Netzwerken attraktiv: Kapazitäten werden besser ausgelastet, firmenexternes Know-How wird einbezogen, strategische Wettbewerbsnachteile können abgebaut werden. Netzwerkarbeit ist auch charakterisiert durch eine Zeit-, Raum- und Organisationsunabhängigkeit“, erläutern Lischka und Kohl.
Unternehmen müssen in die Lage versetzt werden, Bewerberinnen, Bewerber und eigenes Personal zu identifizieren, die über relevante Kernkompetenzen verfügen.
„Kompetenzen zu beschreiben und zu definieren ist nicht trivial. Das Erfolgsrezept für Unternehmen besteht darin, eine gemeinsame Sprache innerhalb der Organisation zu finden, diese im Anforderungsprofil zu verankern“, so die beiden Autorinnen. Wie viel Vernetzungskompetenz und Bereitschaft zum vernetzen Arbeiten steckt in den Organisationen? Relevant seien organisatorische Stellschrauben, sagt der Organisationswissenschaftler Martin Kornberger: „Die Kreativität der Crowd kann schon sehr beeindruckend sein, wenn man sie richtig organisiert.“
Wie kann das traditionelle Management dort hinkommen? Viele Unternehmen operieren doch noch nach Methoden des 19. Jahrhunderts. Sie sollten sich diese Methoden anschauen und damit experimentieren. „Das ist nicht Rocket Science. Die Top-Manager sollten endlich ihre Kontrollverlust-Ängste ablegen“, empfiehlt Kornberger. Ob die alte Führungsgarde die dafür nötige Imagination mitbringt, darf bezweifelt werden. Müssen Nachwuchskräfte mit einem anderen Denken rekrutiert werden? „Die ganze Idee mit Anstellen und dann Einstellen ist der Kern der Hierarchie. Der oder die Richtige soll für einen genau definierten Job gefunden werden. Im Netzwerk läuft das anders.“ Wann werde dort jemand mit seinem Wissen relevant? Das sei abhängig von der Resonanz, vom Kontext und nicht vom Organigramm.
„Die individualisierte Personalauswahl in Unternehmen tut sich damit schwer. Auf Plattformen ist diese Frage ausgelagert. Die behandeln das sehr viel flüssiger und dynamischer“, resümiert Kornberger.
Podcaster Gabriel Rath hat die vernetzte Zusammenarbeit in seiner Keynote auf die Agenda gesetzt.
Kann sich noch jemand an die semantischen Atompilze eines gewissen Herrn Brüderle im Kreise der um Machterhalt bemühten Atomstrom-Lobbyisten erinnern. Damals schrieb ich ja regelmäßig meine Kolumne „Die liebwertesten Gichtlinge“ für „The European“ unter der Ägide des Gründungsherausgebers und Chefredakteurs Alexander Görlach. Ich war da einer der Rekordhalter, was die Zahl der Kolumnen angeht.
Jedenfalls schrieb ich im Jahr 2011, dass die FDP-Liebe zur zentralistisch organisierten und mit Steuergeldern vollgepumpten Atomindustrie als provinzielle Randnotiz oder Lachnummer in die Geschichtsbücher eingehen würde. Damals zitierte ich einen SZ-Beitrag von Christian Nürnberger: „Darf ein Staat die Atomenergie durchsetzen, obwohl keine Versicherung das Restrisiko versichert? Obwohl es keine Endlager für den Atommüll gibt? Und obwohl stets klar war, dass ein einziger Super-GAU das Vielfache dessen kosten wird, was zuvor von allen Atomkraftwerken zusammen erwirtschaftet worden war?“ Wenn es um die großen Themen wie die Sicherheitsüberprüfung aller Atomkraftwerke der EU-Mitgliedsstaaten geht, baut man auf Freiwilligkeit. Verbindliche Regelungen bewegen sich halt nur auf Glühbirnen-Niveau. Demokratie ist im Netzzeitalter kein Zuschauersport mehr, so der Slogan des Online-Netzwerks MoveOn. Das erleben wir nur noch in den Fernseh-Talkshows mit den immer gleichen Polit-Nasen, die ihre Worthülsen zum Besten geben. Die Laberkultur im Bescheidwisserduktus entspricht nicht mehr den Beteiligungsmöglichkeiten, die das Netz bietet. Egal ob nun Rote, Grüne, Gelbe oder Schwarze regieren, Hinterzimmerpolitik, Vereinsmeierei, Sesselkleber-Karrieren, Machtspielchen und alternativlose Politphrasen erzielen kaum noch Wirksamkeit. Liebwerteste Gichtlinge in den Parteien, reißt die Mauern eures engen Klosters nieder und führt ein freies Mönchsleben, wie es Francois Rabelais in seiner Abtei Thelema erdacht hat: „Wo Mauern sind, da ist hinten und vorn nur Murren und Knurren, Trauern, Versauern, Neid, einer macht wider den andern Meut.“ Das Leben der Thelemiten hingegen „ward nicht geführt nach Satzung, Regel noch Statuten, sondern nach eigner freyer Wahl!“
Zentralistisch, großindustriell, subventionsbelastet, wettbewerbsfrei – die Atomindustrie ist ein Fossil, schrieb ich in einem weiteren Beitrag für „The European“ vor 12 Jahren. Es ist höchste Zeit, unsere Energieversorgung anders zu organisieren. Dezentrale und hocheffiziente Konzepte versprechen die Energiewende und schaffen die Innovation gleich mit.
Die Romantiker des alten und überkommenen Industriekapitalismus zählen zur reaktionären Fraktion im Lande. Sie halten an einer Großtechnologie von vorgestern fest, um die liebgewonnenen Pfründe ihrer oligopolistischen Macht zu bewahren. Mit einer zentralistischen Energieversorgung lassen sich sattere Renditen einfahren. Wo käme man denn hin, wenn Städte und Kommunen auf dezentrale und hocheffiziente Konzepte setzen würden, sich abkoppeln von den Stromkonzernen und damit unabhängiger das Energiemanagement regeln. Das stinkt nach mehr Wettbewerb, schwächt die Möglichkeiten für politische Muskelspiele und verringert das Spielfeld für die Lobbyisten der zerbröselnden Deutschland AG. Wer von den Preisrisiken eines Atomausstiegs redet, sollte über das Abwälzen von Kosten und Risiken der Atomenergie auf die Steuerzahler nicht schweigen. Würde man die Gesamtkosten in den Strompreis einrechnen und die Milliarden Euros an Fördergeldern für AKWs raus rechnen – Ökonomen nennen das Internalisierung externer Effekte – müssten wir schon längst weitaus mehr für eine Kilowattstunde berappen.
Die Atomenergie bindet gigantische Finanzmittel, personelle Ressourcen und konserviert unwirtschaftliche Großorganisationen der Energiewirtschaft. Wenn wir eine Energiewende erreichen wollen, brauchen wir allerdings mehr als nur Anti-Atom-Demos. Wir benötigen „Technikoptimismus“, wir brauchen Hochleistungen der Ingenieure, Investitionen in moderne Infrastrukturen und Offenheit für neue Verfahren, Kraftwerke und Leitungen, auch wenn sie in der eigenen Nachbarschaft errichtet werden.
Wer Nein zur Atomenergie sagt, darf nicht gleichzeitig technische Innovationen behindern, die als Kompensation unverzichtbar sind. Jährlich fallen beispielsweise rund 400 Millionen Tonnen Abfälle, die man als Energiequelle nutzen könnte über mechanisch-biologische Verfahren in Kopplung mit Blockheizkraftwerken. Mit einem computergesteuerten Rotteverfahren kann man organische Abfälle trocknen, metallische Werkstoffe und mineralische Störstoffe aussortieren. Als Ergebnis entsteht ein kompaktes Endprodukt mit einem Brennwert auf dem Niveau von Braunkohle. Wird Energie aus Abfall mit einem hohen biogenen Anteil gewonnen, trägt das zudem zur Einsparung von klimarelevanten Kohlendioxid-Emissionen bei. Das Treibhauspotenzial wird um den Faktor 10 reduziert. Nur ein Beispiel, wie man die klimapolitischen Argumente der AKW-Befürworter kontern kann. Wenn wir den Atomausstieg wollen und die alten Energieträger in den Ruhestand verabschieden, brauchen wir eine neue Infrastruktur.
„Wir brauchen ein positives Leitbild, wie eine saubere, zukunftsfähige und sichere Energieversorgung gestaltet werden soll – national und auf europäischer Ebene. Viele Ansätze bestehen bereits; die müssen jetzt gebündelt werden“, sagte 2011 der IT-Fachmann Bernd Stahl. Der Branchenverband Bitkom hatte kürzlich auf der Cebit an die Bundesregierung appelliert, den Aufbau des sogenannten „Smart Grids“ zu forcieren. Nur im Zusammenspiel von Stromerzeugern, Netzbetreibern, Geräteherstellern, Unternehmen und Verbrauchern realisieren wir nicht nur eine grüne und smarte Energieversorgung. Die ITK-Branche tüftelt bereits an diesem intelligenten Stromnetz der Zukunft. Denn das Netz wird über das Internet gesteuert und reagiert flexibel auf die schwankende Einspeisung etwa durch Windkraft und Sonnenenergie. Erzeuger und Verbraucherhaushalte sind über intelligente Stromzähler und andere Geräte miteinander verbunden, so sollen zum Beispiel E-Autos automatisch Energie laden, wenn zu viel davon im Netz ist. Auch in Deutschland experimentieren Unternehmen und Forschungsinstitute, wie das Netz jederzeit fehlerfrei und mit garantierter Dienstgüte laufen kann. Ein zentraler Punkt: Die Sicherheit muss jederzeit gewährleistet sein:
„Die Netze müssen vorbereitet werden, damit in einem Katastrophenfall lebensvitale Funktionen nicht unkontrolliert wegbrechen“, so Stahl. Dem Smart Grid könnte dabei eine alte Technik helfen – das ISDN-Netz. Für manch einen noch als aktueller Standard angesehen, ist das ISDN-Netz längst veraltet. 15 Jahre ist die Hardware über den Daumen gepeilt im Einsatz – vergleichbar mit einem Computer aus dem Jahr 1995, der durchs Internet des Jahres 2011 kriecht. Doch das ISDN-Netz hat auch seine Vorteile: garantierte kurze Antwortzeiten zu jedem Ziel, sehr hohe Verfügbarkeit, Unabhängigkeit vom öffentlichen Stromnetz und ein kontrolliertes Verhalten im Katastrophenfall. Gerade im Notfall wird durch Prioritäten gesteuert, dass wichtige Einrichtungen bevorzugt versorgt werden. „Im Internet muss diese Kombination von Leistungsmerkmalen noch implementiert werden, damit es für Smart Grid und andere Applikationen robust genug ist“, sagt Stahl. Die Qualitätsmerkmale des ISDN müssen praktisch im Smart Internet der Zukunft neu erfunden werden, „so wie aus einer Raupe ein Schmetterling wird, wenn die richtige DNA vorhanden ist“, sagt Stahl. Eine ähnliche Metamorphose steht dem Smart Grid noch bevor. Es geht also beim Atomausstieg nicht um Maschinenstürmerei, sondern um eine Innovationsoffensive. Soweit mein Text 2011.
Was ist davon realisiert worden? Da ist eine Menge Luft nach oben. Und was schreibt der FAZ-Redakteur Marcus Theurer heute: Deutschland muss die fruchtlose Atomdebatte hinter sich lassen. Für das langfristige Gelingen der Energiewende ist sie ein Randthema. Die größere Herausforderung wird der Ausstieg aus der Kohle (nachzulesen bei Stefan Pfeiffer). Und ein paar andere Dinge, die ich in meiner The-European-Kolumne beschrieben habe.
Mit Gesterndebatten schaffen wir die Energiewende nicht. Mit den Anregungen meiner Kolumne vor 12 Jahren schon 🙂
Der Roundtable über digitale Wasserzeichen zur besseren Verwertung von Kunststoffverpackungen ist der beliebteste Beitrag 2022 mit über 40.000 Aufrufen.
Das freut mich aus sehr unterschiedlichen Gründen: Es zeigt, dass das Interesse an einer Verbesserung der Kreislaufwirtschaft gigantisch groß ist. Gerade bei Plastik gibt es seit Jahrzehnten einen Bedarf an innovativen Technologien, um die Verwertung auf ein besseres Niveau zu bringen.
Der Anteil der Einwegverpackungen aus Plastik steigt und steigt, aber das Niveau der STOFFLICHEN Verwertung OHNE Exporte und OHNE die ominöse thermische Verwertung, die schlichtweg nur eine schnöde Verbrennung mit einem kümmerlichen Wirkungsgrad in Müllverbrennungsanlagen darstellt, ist dürftig.
Es fehlt darüber hinaus ein klares Bekenntnis zur Reduktion der Abfallberge via Monoverpackungen, mehr Mehrweg und technisch hochwertiges Recycling. All das kam in dem Roundtable im Allgäu zur Sprache.
Diskutanten waren: Michael Baumeister, COO von Brückner Maschinenbau; Guido Frohnhaus, technischer Geschäftsführer von Arburg; Thomas Hartkaemper, CEO von Kautex Maschinenbau; Bernd Reifenhäuser, CEO der Reifenhäuser Group; Guido Spix, Group President der Multivac-Gruppe. Mal schauen, welches Thema 2023 vorne liegt.
Als Wirtschaftswissenschaftler und Sozialtheoretiker hat sich Joseph Schumpeter zeitlebens mit dem Thema der wirtschaftlichen Entwicklung auseinandergesetzt. Seine Forschungen haben gezeigt, dass Innovationen das Herzstück des wirtschaftlichen Fortschritts bilden. Doch wie können diese Innovationen gefördert werden und welchen Einfluss hat der Staat dabei?
Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass Innovationen nicht einfach so aus dem Nichts entstehen. Es bedarf einer besonderen Kombination aus Kreativität, Risikobereitschaft und Unternehmergeist, um neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen. In diesem Prozess spielen sowohl private als auch staatliche Akteure eine wichtige Rolle.
Eine wichtige Rolle kommt hierbei dem Staat zu. Dieser kann durch gezielte Fördermaßnahmen dazu beitragen, dass Unternehmen und Start-ups die finanziellen Mittel erhalten, die sie benötigen, um neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Hierbei ist es wichtig, dass die Fördermittel nicht als bloße Subventionen verstanden werden, sondern als Investitionen in die Zukunft der Wirtschaft.
Der Staat kann hierbei auf unterschiedliche Weise tätig werden. Zum einen kann er direkte Finanzhilfen bereitstellen, zum Beispiel in Form von Zuschüssen oder Darlehen. Zum anderen kann er indirekte Fördermaßnahmen ergreifen, indem er beispielsweise Infrastrukturprojekte finanziert oder die Ausbildung von Fachkräften unterstützt.
Allerdings muss der Staat bei der Vergabe von Fördermitteln äußerst sorgfältig vorgehen. Denn eine zu großzügige Vergabe von Fördermitteln kann dazu führen, dass Unternehmen und Start-ups nicht mehr gezwungen sind, sich auf dem Markt durchzusetzen. Dies kann langfristig dazu führen, dass die Innovationskraft des Landes abnimmt.
Es ist also eine Gratwanderung, die der Staat hierbei zu bewältigen hat. Einerseits muss er dafür sorgen, dass Unternehmen und Start-ups die finanziellen Mittel erhalten, die sie benötigen, um innovative Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Andererseits darf er dabei aber nicht vergessen, dass es letztendlich der Markt ist, der darüber entscheidet, welche Innovationen sich durchsetzen und welche nicht.
Innovationen sind letztendlich der Treibstoff für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand. Ohne innovative Ideen und Produkte ist es schwer, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Der Staat kann hierbei dazu beitragen, dass die Rahmenbedingungen für Innovationen stimmen, indem er gezielt Fördermaßnahmen ergreift. Dabei ist es jedoch wichtig, dass er seine Rolle als Moderator und Unterstützer versteht und nicht als Dirigent, der den Markt zu stark beeinflusst.
Immer wieder gibt es reflexhafte Debatten, wenn es um die Möglichkeiten der Produktion im eigenen Land geht. Also Made in Germany oder USA first. Siehe beispielsweise die Kommentare auf LinkedIn als Reaktion auf die neue Ausgabe des Sohn@Sohn-Newsletters:
Wegen angespannter Lieferketten, Energiekrisen und Rohstoffabhängigkeiten wird ja auch von der Rückverlagerung von Produktion und einer Revitalisierung der Rohstoffgewinnung im eigenen Land geträumt gesprochen: Nennen wir es Re-Industrialisierung. Wie realistisch ist dieser Ansatz? Stichwort Fertigungstiefe, globale Spezialisierung und Arbeitsteilung, Kostenvorteile, Außenhandel, Wirtschaftsverflechtungen, Facharbeitskräfte in Asien, Absatzmärkte in China und Co., Direktinvestitionen in anderen Ländern. Würden wir das alles zurückdrehen, wäre im Vergleich die Bankenkrise 2008/2009 nur ein laues Lüftchen.
Auch ein Blick in die Wirtschaftsstatistik könnte helfen. Etwa in das Fachbuch von Werner Abelshauser “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″:
Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, “dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.
Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus. Das stellt nicht die Höchstleistungen der Maschinenbauer in Frage. Aber selbst die können ohne die internationalen Verflechtungen überhaupt nicht existieren. Wir sollten uns endlich als Wissensökonomie verstehen mit einem guten industriellen Kern von Hidden Champions. Alles, was diese Wissensökonomie schädigt, sollten wir abstellen. Beispielsweise die unsinnigen Verbots-Gedankenspiele des Bundesdatenschutzbeauftragten. Der Bonner Ulrich Kelber kann mal nachschlagen in einer wissenschaftlichen Abhandlung des Ökonomen Joseph A. Schumpeter, die er in seiner Zeit an der Uni in Bonn geschrieben hat. Erschienen 1928 unter dem Titel „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“. Hier untersucht Schumpeter die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren Gebräuchen und Gewohnheiten nach wie vor in ländlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute industriekapitalistisch.
Zur Reichsgründung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf Gütern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfünffacht, während der Anteil der Landbevölkerung um die Hälfte zurückgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der Agrarproduktivität. Während 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon über 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die Städte. Landjunker, barfüssige Propheten, Zurück-zur-Scholle-Ideologen dominierten die Berliner Politik. Jetzt träumen wir von einer Re-Industrialisierung, die uns als Volkswirtschaft massiv zurückwerfen würde.
Am Nachmittag führe ich ein Gespräch mit Marco Nink zum aktuellen Gallup-Engagement-Index über die Arbeitszufriedenheit in Deutschland. Siehe auch: Innere Kündigung am Arbeitsplatz so hoch wie zuletzt 2012 – Nur jeder Vierte ist zufrieden mit dem direkten Vorgesetzten.
Mir kommt es so vor wie das Höhlengleichnis von Platon: wann werden die Führungskräfte endlich in der Realität ankommen? Im Moment hat man das Gefühl, dass man permanent in Panels diese Themen mit großer Empathie diskutiert, aber in der Praxis kommt nichts an, obwohl die Erkenntnis hinlänglich vorhanden ist. Also wie können Führungskräfte die Wand zur Praxis durchbrechen und endlich die Themen im Sinne der Mitarbeitenden umsetzen?
Mich würde mal interessieren, wieviele Unternehmen Ergebnisse wie Mitarbeiterzufriedenheit/ Kündigungszahlen usw. in ihrem Bonussystem für Führungskräfte berücksichtigen.
Klar ist das auch ein Thema von Führung, aber sicherlich nicht nur: Auch die Veränderung der Erwartungen, Vorstellungen und Ansprüche hinsichtlich des eigenen Arbeitsplatzes haben sich verändert.
Vielleicht auch jenseits von „Führungskräften“ und Mitarbeiterzufriedenheit nach dem gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kontext fragen. Hier haben sich durchaus eine Menge an Verwerfungen und Vertrauensverlusten ereignet, die soziale Bindungen allgemein belasten.
Dr. Lars Immerthal genau. Viele Erwartungen lassen sich gar nicht erfüllen, aber viele Unternehmen haben auch noch nicht begriffen, dass sie die Rahmenbedingungen verbessern sollten, um Personal zu gewinnen und zu binden.
Keine Frage, aber Gedanken. Hast Du nicht neulich geschrieben, dass Stress die neue Staublunge ist? Woher kommt der Stress? Du schreibst, dass mit steigender Bindung (psychological ownership?) die Burn-out Gefahr zunimmt. Wir sehen, dass Schrauben in der Prozesssteuerung gerade bei vermeintlich flachen Strukturen stark angezogen werden. Prozesse, die gut laufen, entziehen sich zunehmend dem Menschen (psychologische Kontrollbedürfnisse werden nicht erfüllt). Selbst, wenn sie schlecht laufen, kann der Mensch immer weniger oder gar nicht eingreifen. Handeln ist allenfalls dann gefragt, wenn der Prozess, von dem sich der Mensch längst entfremdet hat, völlig klemmt. Da es klemmende Prozesse per Definition möglicherweise gar nicht gibt, sind dafür keine Ressourcen vorgesehen. Hinzu kommen oft ungeeignete Führungskräfte. Habe gerade wieder einen Fall gehabt, wo sehenden Auges eine ungeeignete Führungskraft in ihrer Position bleibt, um diese zu schützen. Dafür wird massive Fluktuation stillschweigend hingenommen. In Zeiten des demographischen Wandels eine ziemlich irrsinnige Vorgehensweise. Auch selbst Ausbildung wird m. M. kaum reichen. In einer idealen Welt würde es vielleicht eine Art MPU für Manager:innen geben.
Es wäre interessant zu erfahren bei welchen Unternehmen die Zuversicht und Zufriedenheit besonders hoch ist. Haben hier Familienunternehmen einen Vorteil?
Ulrike Malmendier, Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft der Bundesregierung, fordert mehr mutiges Engagement für die Zukunftsfähigkeit des Landes: Deutschland befinde sich „in einem Moment, den wir nutzen könnten, um mal etwas zu wagen und anders zu machen als bisher, und nicht einfach die klassische Industrie in der herkömmlichen Konstellation und Produktionsweise zu bewahren“, sagte Malmendier dem stern. Mein Wunsch wäre, dass wir uns zukunftsorientierte Felder suchen und da gezielt investieren.“ Die Ökonomieprofessorin an der kalifornischen Elite-Universität Berkeley fügte hinzu: „Ich sehe aber noch nicht, dass dieser Pfad wirklich eingeschlagen wurde.“
Die 49-jährige Malmendier ist seit September 2022 Mitglied des Sachverständigenrats. Sie lebt seit rund 20 Jahren in den USA. Nach ihrer Darstellung ist das Image Deutschlands dort noch immer gut. „Deutschland gilt als Land, wo manchmal etwas langsamer vorgegangen, manches gut überlegt wird, und man sich dann aber auch darauf verlassen kann, dass es funktioniert. Das hört man gerade auch von Unternehmen im Silicon Valley, die Beziehungen nach Deutschland haben.“ Zugleich wünsche sie sich mehr vom amerikanischen Unternehmergeist, den sie an den Universitäten erlebe. „Diese ganzen Studenten, deren Traum es ist, irgendein Gadget zu erfinden und daran herumzubasteln: Könnte man diesen Service nicht anders machen? Können wir diese App nicht neu erfinden? Und dann auch Scheitern als wertvolle Erfahrung zu verstehen. Diese Haltung würde uns Deutschen guttun“, sagte Malmendier.
Dazu unser Interview mit dem Wirtschaftsweisen Professor Achim Truger:
Die Konjunkturprognose des Sachverständigenrates für Deutschland im Jahr 2023 hat sich gegenüber der Prognose vom November 2022 geringfügig verbessert. Es wird erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt um 0,2 % wachsen wird. Die kurzfristigen Abwärtsrisik… https://t.co/240TR365l4