Mihály Csíkszentmihályi konnte ich im Sommer 1990 in Chicago zu seiner Forschung befragen. Muss mal auflisten, wen ich so alles schon kennenlernen durfte. Der Aufenthalt an der Uni Chicago wurde abrupt unterbrochen durch die Nachricht meiner Mutter über den Unfalltod meines Vaters. Das sind so die Dinge, die das Leben schwer machen.
Vor sechs Jahren schrieb ich für das prmagazin eine Kolumne unter dem Titel „Automaten-Kommunikation können Chatbots besser“. Da konnte man im Social Web ChatGPT noch nicht einmal buchstabieren. Es ging um eine Abkehr von mechanistischen Konzepten im Management und um veraltete Strategien im Personalmanagement. Dazu führte ich ein Gespräch mit dem Organisationswissenschaftler Professor Martin Kornberger, der mittlerweile wieder in Wien lehrt. Damals war er noch an der Lyon Business School. Seine These: Wer marktorientiert sein will, muss Silos abschaffen. Müssen Nachwuchskräfte mit einem anderen Denken rekrutiert werden? „Die ganze Idee mit Anstellen und dann Einstellen ist der Kern der Hierarchie. Der oder die Richtige soll für einen genau definierten Job gefunden werden. Im Netzwerk läuft das anders.“ Wann werde dort jemand mit seinem Wissen relevant? Das sei abhängig von der Resonanz, vom Kontext und nicht vom Organigramm. „Die individualisierte Personalauswahl in Unternehmen tut sich damit schwer. Auf Plattformen ist diese Frage ausgelagert. Die behandeln das sehr viel flüssiger und dynamischer“, resümiert Kornberger. Was bedeutet das für die Kommunikatoren in Unternehmen? Auf einer Pilgerreise nach Münster fanden wir Anworten – also Winfried Felser und icke.
„Wenn Sie marktorientiert werden wollen, müssen Sie als Letztes eine Marketingabteilung gründen“, antwortet der MARKETING-Professor Klaus Backhaus von der Uni Münster im Gespräch mit dem prmagazin. Er zählt zu den Pionieren der Marketinglehre in Deutschland. Umso überraschender dürfte seine kritische Analyse des Marketings sein. Jetzt werden die PRler wohl tief durchatmen und sich entspannt zurücklehnen.
Zu früh gefreut. Niemand könne sich heute noch in seinen Abteilungen verkriechen. Alle sind den Gesprächen im Markt ausgesetzt. Das gilt für Redakteure, die sich nicht mehr hinter Redaktionsmauern verschanzen dürfen, wie für Vorstandschef und Führungskräfte in unterschiedlichen Funktionen. Coaching und Koordination für die gesamte Organisation seien wichtig. Beim Marketing ist das Defizit am deutlichsten sichtbar. „Das ist ins rein Operative abgerutscht. Niemand sitzt am Tisch des Vorstandes. Die Vorstände wollen die nicht. Meine Befürchtung ist eher die Machtübernahme durch die Dataisten – also jene, die über die Daten wachen, sie analysieren und für Geschäftsstrategien einsetzen“, erklärt Backhaus. Wer weiterhin mit mechanistischen Botschaften hausieren geht, wird morgen von Chatbots mit künstlicher Intelligenz ersetzt. Wer jetzt schon auf Automatisierung und Erbsenzählerei-Systeme baut, braucht sich nicht wundern, wenn KI-Systeme das Kommando übernehmen.
2017 schrieb ich folgende Zeilen in meiner wöchentlichen Kolumne für die Netzpiloten: Der fünfte Ideenmarkt #BestofStartups der IHK-Bonn/Rhein-Sieg in der CampusMensa in Poppelsdorf war nicht nur eindrucksvoll bestückt mit Gründerideen, sondern beförderte auch klare Bekenntnisse der beteiligten wissenschaftlichen Institutionen zum Unternehmertum ans Tageslicht. Etwa von Professor Michael Hoch, Rektor der Universität Bonn. Traditionell werde die Universität nicht mit dem Thema Unternehmertum verbunden. Er wolle einen Gründergeist bei Hochschullehrern und Studierenden verankern und macht das sogar zur Chefsache. „Die Gesellschaft muss von unterschiedlichen Talenten bespielt werden. Wir müssen den jungen Menschen helfen, den richtigen Lebensweg zu finden“, so Hoch. Und das könne eben auch der Weg in die Selbständigkeit sein.
An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist man da schon ein wenig weiter, wie der Rektor Professor Hartmut Ihne in seinem Statement darlegte: „Wir machen seit 13 Jahren den Business-Campus gemeinsam mit dem Rhein-Sieg-Kreis und der Kreissparkasse Köln. Wir haben auch eine Reihe anderer Formate entwickelt, um das Gründertum in verschiedenen Facetten zu fördern – in der Forschung, Lehre und im Transfer.“
Ausbildung zum Angestellten-Dasein
Man neige leider in den Bildungseinrichtungen dazu, Menschen für die Angestelltentätigkeit oder für die Beamtenlaufbahn auszubilden. Das könnte an Hochschulen anders praktiziert werden. Wissenschaftler seien zwar formal Angestellte, aber sie sind nach ihrer Mentalität eher Unternehmer:
„Sie suchen etwas, sie gehen Risiken ein, probieren etwas aus, sie scheitern oder sie sind erfolgreich. Deshalb sollte man an Hochschulen viel stärker das Unternehmertum stimulieren. Wir müssen ein Umfeld erschaffen, wo junge Menschen angeregt werden, nicht nur wissenschaftliche Unternehmer zu werden, sondern auch ökonomische Unternehmer, die der Welt etwas Neues zur Verfügung stellen. Und das ist ein Stück unserer Mission“, proklamiert Ihne.
Bescheidene Unternehmensgründungen
Das sei eine Kultur, die man braucht in diesem Land, um die relativ bescheidenen Unternehmensgründungen etwas zu intensivieren. Das wäre auch bitter nötig: Die Anzahl der Existenzgründer ist im vergangenen Jahr laut KfW-Gründungsmonitor auf einen neuen Tiefstand gesunken. Mit 672.000 Personen haben 91.000 weniger eine neue selbstständige Tätigkeit begonnen als im Jahr 2015.
Das wäre doch ein schöner Anlass für Professor Hoch, für Professor Ihne, für die IHK, für die Stadt Bonn und für den Rhein-Sieg-Kreis eine Schumpeter-Akademie oder ein Schumpeter-Gründer-Lab aus der Taufe zu heben, um dynamische Unternehmerinnen und Unternehmer hervorzubringen. Die Erinnerung an Schumpeter soll hier keine Totenbeschwörung sein und erst recht keine Totenklage, um uns die geistige Gestalt Joseph Schumpeters vor unser inneres Auge zu rufen. Wir sollten diese Institution schaffen, weil Schumpeter „mehr als irgendein anderer Anspruch darauf erheben darf, als sozialwissenschaftlicher Spiritus rector unserer Bonner Alma Mater zu gelten“, so der Soziologe Gottfried Eisermann, der seine Bonner Antrittsvorlesung im Jahr 1962 Schumpeter widmete.
Gottfried Eisermann würdigt Schumpeter
Eisermann weist auf wichtige Erkenntnisse im Werk des Nationalökonomen hin, der 1925 dem Ruf auf den Lehrstuhl für wirtschaftliche Staatswissenschaften als Nachfolger von Heinrich Dietzel an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität folgte. Schumpeter warnte vor den Routine-Unternehmen, die eigentlich nur aus geschulten Spezialisten-Truppen bestehen. Konkret meinte er angestellte Manager und ihre bezahlten Vollzugsorgane in großen Konzernen, die zu wachsenden Spannungen in der Gesellschaft führen und Ressentiments gegen den Kapitalismus nähren. Wir könnten das mit aktuellen Beispielen gut belegen.
Generell ist es erstaunlich, dass bei der inflationären Verwendung des Begriffs „Innovation“, der Ökonom Schumpeter als Vater der Innovationstheorie in betrieblichen und volkswirtschaftlichen Gestaltungsfragen ein Schattendasein führt. Man braucht sich nur den Lehrplan der Bonner VWL-Fakultät anschauen.
Schumpeter wird zitiert, aber nicht gelesen
Die Wortwendung „schöpferische Zerstörung“ fehlt in kaum einem Vortrag eines digital-transformatischen-Keynote-Sprechautomaten unserer Tage. Doch niemand scheint sich die Mühe zu machen, die Werke von Schumpeter zu lesen, bemängelt Professor Jochen Röpke in der Einführung der Schumpeter-Frühschrift „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Das gilt auch für die Wirtschaftswissenschaften. So kommt die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, in der ersten Auflage 1911 erschienen, auf rund zwanzig Besprechungen. Eine magere Bilanz.
Die Rezeption dieses unterschätzten Bandes wäre aber wichtig, um den digital-schöpferisch-zerstörten Debatten-Dompteuren ordentlich in die Parade zu fahren. Die Gründe für diese Ignoranz des ersten Hauptwerkes von Schumpeter in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik liefert Röpke. In der Schrift von 1911 werde der grundlegende und theoretisch nicht überbrückbare Gegensatz zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und dem „normalen“ Wirtschaftsleben herausgearbeitet.
Die ökonomische Lehre ist leer
„Dies erfolgt in einer für moderne Leser schockierenden Brutalität, Klarsichtigkeit und poetischen Formulierungsgabe.“ Niemand – auch heute nicht – der so argumentiere wie Schumpeter 1911, hätte nur im entferntesten die Chance, einen Professorenruf zu erlangen, einen Beratungsauftrag zu ergattern, Drittmittel zu internalisieren, geschweige denn, in eines der Gremien berufen zu werden, welche das ökonomische Schicksal postmoderner Ökonomien zu gestalten hoffen.
Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um Entwicklungsprozesse zu erklären oder anzustoßen: „Sie ist leer und nichtssagend, soweit sie richtig ist, und falsch, soweit sie etwas sagt“, schreibt Schumpeter in der Entwicklungstheorie (Seite 471 in der Neuauflage aus dem Jahr 2005).
Ob in der Euro-Krise, in der Flüchtlingsdebatte oder in Fragen der Arbeitslosigkeit: Wissenschaft und Wirtschaftspolitik setzen auf exogene Faktoren bei der Steuerung des Wirtschaftslebens. Aktuell zu bewundern bei der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Betrachtet wird der Wald – ignoriert werden einzelne Bäume. In der schumpeterschen Theorielogik existieren zwei theoretische und empirische Parallelwelten: Der statische Kreislauf und das Innovationssystem. Darauf verweist auch Eisermann in seiner Schumpeter-Schrift.
Endogene Faktoren werden unterschätzt, liebwerteste Makroökonomen
Während im statischen System Änderungen von außen angestoßen werden – beispielsweise über die Politik des billigen Geldes, über Subventionen oder Steuersenkungen – ist dies im sich entwickelnden System völlig anders: „Entwicklung entsteht im System selbst, aus der Wirtschaft selbst heraus, endogen, sich selbst herstellend, ist ein autopoietischer Prozess, sich unaufhörlich reproduzierend“, so Röpke.
Die Außenwelt interessiert dabei nicht – siehe die Erfolglosigkeit der EZB-Geldpolitik. Die Ursachen der Entwicklung müssen „aus der Wirtschaft selbst erklärbar sein“, erläutert Schumpeter auf Seite 168. Der technische Fortschritt fließt in der Mainstream-Ökonomie als reine „Datenänderung“ in die Analyse ein. Sozusagen ein unternehmerloser Automatismus.
Es dominiert das Routineunternehmen
In diesem statischen Modell gibt es keine relevanten Unterschiede im wirtschaftlichen Handeln verschiedener Mitglieder einer Volkswirtschaft. In dieser Sichtweise dominiert das Routineunternehmen:
„Es ist das Anwenden dessen, was man gelernt hat, das Arbeiten auf den überkommenden Grundlagen, das Tun dessen, was alle tun. Auf diese Art wird nie ‚Neues‘ geschaffen, kommt es zu keiner eigenen Entwicklung jedes Gebietes, gibt es nur passives Anpassen und Konsequenzenziehen aus Daten“, bemerkt Schumpeter auf Seite 125. Es sind Protagonisten, die nicht in der Lage sind, mit Neuem zu experimentieren.
Als zweite Gruppe definiert Schumpeter Menschen, die zwar mit einer scharfen und beweglichen Intelligenz ausgestattet sind, zahllose Kombinationen und neue Ideen entdecken, dieses Wissen am Markt aber nicht durchsetzen. Ich bezeichne das als „Fraunhofersches mp3-Syndrom“.
Dann gibt es eine dritte, minoritäre Gruppe, die selbst- oder fremdproduziertes Wissen in neuen Kombinationen durchsetzt. Dieser dynamische Typus orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern erzeugt neue Märkte und neue Nachfrage. Also Steve-Jobs-Unternehmer.
Können Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis Schumpeter-Unternehmer hervorbringen?
Wir brauchen also mehr Schumpeter-Unternehmer, die das Neue organisieren und durchsetzen. Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus:
„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“ Die Neukombination beruht nur wenig auf Faktoren, die von außen einwirken. Das Ganze ist primär auch kein Preisproblem. Es liegt am unternehmerischen Können und Wollen. Das Problem liegt in der klassischen Sichtweise von Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik und Managementdenken: Ohne Neuerungen lassen sich zwar auch in der vorherrschenden Ökonomie-Lehre kurzfristig Wachstum und Beschäftigung erzeugen. Die Konsequenzen sind nach der Logik von Schumpeter für eine Volkswirtschaft allerdings fatal: Innovationsarmut erzeugt Einkommensarmut.
„Kein Unternehmen kann dauerhaft existieren und keine Volkswirtschaft den Lebensstandard ihrer Bürger erhalten, geschweige denn erhöhen, wenn nur die Kosten verringert, aber keine neuen Märkte mit neuen Güter erschlossen werden“, warnt Röpke. Organisationen werden auf Effizienz getrimmt und zehren von Substanz.
Röpke fordert die theoretische Konstruktion einer Alternative: eine Ökonomie der Entwicklung, eines sich selbst reproduzierenden Systems von Neukombinationen. Das Notiz-Amt sendet diese Botschaft an die IHK, an den Rektor der Uni Bonn und an den Präsidenten der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Erschaffen wir eine Schumpeter-Institution für die Förderung von dynamischen Jung-Unternehmerinnen und Jung-Unternehmern, die der Welt etwas Neues zur Verfügung stellen, wie es Professor Ihne so trefflich formuliert hat.
Soweit mein Beitrag vor sechs Jahren. Bleibt aktuell. Es werden immer noch zu wenig Firmen gegründet. Ist meine Idee blöd?
„Jetzt, da wir vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges, des Klimawandels und potenzieller Pandemien dringend technologische Souveränität benötigen, ist der Jammer groß. Hightech-Nationen brauchen Standbeine und Spielbeine in der Innovation. Leider stehen wir selbst mit unserem letzten verbliebenen Standbein, dem Maschinen-, Anlagen- und Autobau, mit dem Rücken zur Wand. Und nach wie vor haben wir – wie im Tiefschlaf – weder ein Sprind-Freiheitsgesetz noch eine Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (Dati)“, schreibt Thomas Sattelberger in seiner Table-Kolumne. Man kennt das Mantra von Sattelberger.
Dazu sagt Hermann Simon im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview:
In meiner Kolumne für Haufe New Management werde ich ausführlich auf dieses Thema eingehen. Hier der April-Beitrag.
Hab mal ein wenig gerechnet und das Potenzial für eine Reduktion von klimaschädlichen Emissionen durchgerechnet. Allein die Veränderung der Arbeitsorganisation in Deutschland könnte rund 26 Millionen Tonnen an klimaschädlichen Emissionen einsparen. Beim Essen ist der Hebel ähnlich: Die Boston Consulting Group geht global von einem Reduktionspotenzial von 4,4 Milliarden Tonnen CO2 aus , wenn man eine Billion Dollar in pflanzliche Proteine investiert. Der weltweite CO2-Ausstoß liegt bei rund 50 Milliarden Tonnen jährlich.
Der #Fachkräftemangel ist in vielen Branchen längst Alltag geworden. Gleichzeitig ist die Bereitschaft den Arbeitgeber zu wechseln bei vielen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen sehr hoch – ein Risiko für Unternehmen.
„Wenn es dir dreckig auf der Arbeit geht, ruiniert das dein Leben“, sagt Gallup-Chef Jon Clifton im FAZ-Interview.
Frage der FAZ: „Welche Faktoren belasten die Arbeitszufriedenheit besonders?“
Antwort von Clifton: „Der größte Faktor ist der Vorgesetzte. Er kann die Arbeitnehmer auf die Palme bringen. Es geht um Manager, die keine klaren Erwartungen formulieren, keine ermunternden Beurteilungen abgeben und einem nie das Gefühl geben, Teil einer wichtigen Sache zu sein.“
Siehe dazu auch das Interview mit dem Gallup-Analysten Marco Nink:
Gesucht werden neue und innovative Produkte, Dienstleistungen, Technologien oder Lösungen für HR, die anschließend von einer Fachjury unter Mitwirken des Personalmagazins bewertet werden. Marktpotenzial, Innovationsgrad, Wirtschaftlichkeit, Relevanz, wissenschaftliche Grundlage und Implementierungsaufwand – das sind, unter anderem, die Kriterien, nach denen die Neuentwicklungen bewertet werden. In jeder der fünf Kategorien kürt die Jury mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Presse und Verbänden einen Sieger. Die Preisverleihung findet am 12. September 2023 statt.
Vorwort von Klaus Töpfer, dem ersten Bundesumweltminister in Deutschland: Die Offenheit, Wissen zu revidieren oder zumindest weiterzuentwickeln, ist daher verpflichtend – die Forschung nach Verifizierung trägt die gefährliche Tendenz in sich zu ideologisieren. Dies verpflichtet, Entscheidungen so zu ent- wickeln und umzusetzen, dass sie offen und zwingend auf Veränderungen ausgerichtet sein müssen für Revision, fehlerfreundlich sind und auf die Dynamik der Veränderungen in einer Welt mit über acht Milliarden Menschen zwingend geeignet sein müssen.
Der Leser mag diese Anmerkungen zum kritischen Rationalismus in diesen Zeitenwenden überraschend finden. Sie hat für die Gestaltung der Zukunft jedoch eine zentrale Bedeutung. Von entscheidender Bedeutung bleibt festzustellen, dass „Nachhaltigkeit“ nicht ein allein „grünes“ Konzept ist, der Verpflichtung also gerecht werden muss, die bisher in die Wohlstandsrechnung der Menschheit nicht eingepreisten Abschreibungen und Reinvestitionen in das Naturkapital erhält.
„Nachhaltigkeit“ verpflichtet zur Optimierung von drei herausfordernden Zielsetzungen: der ökonomischen Stabilität, der sozialen Gerechtigkeit und der ökologischen Zukunftsfähigkeit.
Buchautor Philipp Krohn:
Ökoliberalismus ist etwas anderes als die ökologisch-soziale Marktwirtschaft der CDU. Diese hält um jeden Preis am Wachstumsdogma fest. Ökoliberalismus setzt sich zum Ziel, Wachstum und Naturverbrauch zu entkoppeln. Gelingt das nicht, liegt die Priorität auf dem ökologischen Ziel. Denn es geht um das gute Überleben der Menschheit. (Klingt aber nicht wie FDP, gs).
Mein Beruf hat es mir erlaubt, wunderbare Vordenker dieses Buchs zu treffen. Zweimal sprach ich mit Amartya Sen und Herman Daly, ich begleitete Nachhaltigkeitsforscher Uwe Schneidewind in seinem ersten Jahr als Oberbürgermeister von Wuppertal. Mit Maja Göpel, Angelika Zahrnt, Dennis Meadows, Ralf Fücks, dem Unternehmer Eduardo Gordillo, Joseph Stiglitz, Veronika Grimm, Brigitte Knopf, Meinhard Miegel und Fred Luks habe ich fruchtbare Gespräche geführt. Malte Faber und seine Schüler aus Heidelberg sind mehr als das: Inspiration zu allem, was hier steht: Andreas Kuhlmann, Reiner Manstetten, Stefan Baumgärtner, Andreas Löschel, Christian Becker. Was für eine ergiebige Schule!
Frederic Vester und Fritjof Capra blieben prägende Einflüsse. Der heutige Nachhaltigkeitsdiskurs neigt dazu, technokratisch und geistig arm zu sein. Etwa so: Wie schaffen wir die Infrastruktur für grünen Wasserstoff, um uns genauso fortzubewegen wie bisher? Die beiden Professoren dagegen strebten eine ganzheitliche Perspektive auf den Menschen in Natur und Ökonomie an. Philosophie, Physik, Biologie, Ingenieurswissenschaften, Religion, Soziologie, Design und Volkswirtschaftslehre flossen zusammen. Diese Sichtweise fehlt heute.
Die Realität der Elektromobilität sieht so aus, dass der risikofreudige Unternehmer Elon Musk der Welt beibringt, wie man durch E-Luxusautos irgendwann den E-Kleinwagen massentauglich macht. Energiekapazitäten werden ausreichen, seine Tesla-Modelle sind sexy, sportlich und halten technisch mit. Sie sind ästhetisch, aber total konventionell. Moderne Elektromobile werden auch künftig eineinhalb Tonnen und mehr wiegen, um achtzig Kilogramm Mensch zu transportieren.
Der Ökopioniergeist der 1980er Jahre klingt heute leider selten durch. Bei Vester heißt es: „Auch in Kriterien wie ‚kleiner‘, ‚leiser‘, ‚schöner‘, ‚langsamer‘, ‚gemütlicher‘, ‚handgemacht‘, ‚einfacher‘ können wir Fortschritt sehen.“
In „Leitmotiv vernetztes Denken“ stellt Vester drei mögliche Entwicklungspfade gegenüber: ein Zurück zur Natur (Primitivität), die vollständige Unterwerfung der Umwelt durch die Wissenschaft (absolute Technokratie) und ein fundiertes Verstehen der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur, mit dem Regelkreise ausgenutzt werden. Seine Wahl ist klar: Von der Biokybernetik lasse sich lernen, wie die Umwelt zu gestalten sei. Denn sie komme seit Milliarden Jahren ohne Rohstoff- und Abfallsorgen aus, kenne keine Energieprobleme und keine Arbeitslose. Vester war ein Vordenker der Kreislaufwirtschaft, der Energie- und der Verkehrswende.
„Wir müssen uns fragen, wie wir künftiges Leben schüt- zen können und wie wir es ermöglichen, dass auch künftiges Leben in Freiheit und Wohlstand erblüht“, spricht mir Sen in mein Radiomikrofon. Dieser Gedanke dagegen ist im Jahr 2022, in dem Klimaproteste extremer und mit der Sabotage fossil betriebener Transportmittel verbunden werden, nicht mehr überall Konsens. Die von ihm zwar kritisierte, aber leidenschaftlich bejahte Marktwirtschaft stellen nicht nur Aktivisten in Frage. Bedenklich angesichts ihrer Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen.
Als die deutschen Wahlsieger SPD, Grüne und FDP im Herbst 2021 in Koalitionsverhandlungen treten, ver- öffentlicht das Feuilleton der F.A.Z. einen Artikel von mir mit dem Titel „Die Freiheit nehm‘ ich mir“. Auf Twitter bewerbe ich den Beitrag mit diesen Worten: „Die Lösung der Klimakrise kann nur eine liberale sein. Dafür braucht die FDP mehr Mill, die SPD mehr Sen, und die Grünen müssen ihren Hayek entdecken.“
Frei gebildete Preise signalisierten Knappheiten und seien somit die wichtigste Informationsquelle für wirtschaftliche Akteure. In einer Planwirtschaft werde dieser Mechanismus ausgesetzt. Zentrale Planer maßten sich Wissen über wirtschaftliche Entwicklung an, das viel zu komplex und daher nicht zu beherrschen sei. Eine Wettbewerbsordnung, die durch einen sorgfältig erstellten Rechtsrahmen geschützt sei, hält er für unendlich überlegen. „Es ist wichtig, die Gegnerschaft zu dieser Art von Planung nicht mit einer Laissez- faire-Haltung zu verwechseln“, schreibt Hayek im „Weg zur Knechtschaft“. „Das liberale Argument bevorzugt es, den bestmöglichen Gebrauch vom Wettbewerb zu machen als Mittel, menschliche Leistungen zu koordinieren, nicht als Argument, Dinge so zu lassen, wie sie sind.“ (Ist das so? Was ist mit der Frage der Macht und der Durchsetzung von Preisen. Kein Unternehmen hat Interesse an Wettbewerb und die Preistheorie in der VWL ist eine allzu simple Ex-Post-Betrachtung. Ökonomen betrachten bekanntlich die gehandelte Menge an Gütern und Dienstleistungen als Ergebnis eines Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage. Studierende der Wirtschaftswissenschaft werden damit in Kurvendiagramm-Vorlesungen gelangweilt. Problem: In den Modellen arbeitet man mit Interpretationen, die erst im Nachhinein der Öffentlichkeit präsentiert werden. Für Voraussagen sind die Kurvenspielchen völlig ungeeignet. Noch problematischer wird es, wenn man Preiserwartungen in die Rechnungen einbezieht. Dann gehen die Wirkungen sogar ihren Ursachen voraus. Was in der Realität passiert: „Die Modelle können in nahezu jeder vorhandenen Datenreihe mehr oder weniger passend gemacht werden“, schreibt Tobias Schmidt in einem Beitrag für die Zeitschrift Merkur.)
Nun begebe ich mich mit einem Buch, das versucht, einen neuen ismus (Ökoliberalismus) zu etablieren, zwangsläufig selbst in ein Lager. Es soll aber nicht hermetisch sein. Überrascht hat mich eine Äußerung des schwedischen Humanökologen Andreas Malm in der Ausgabe Herbst 2020/21 des „Philosophie-Magazin“. Er begreift sich als Marxist und will den Kapitalismus überwinden. Aktivisten fordert er auf, Klimaproteste zu eskalieren, und regt an, Pipelines zu sprengen.
Das Lagerdenken und Aufzeigen von Dichotomien verhindert intelligente Lösungen der Klimakrise. In einer zunehmend dramatisierenden politischen Diskurskultur treffen sie auf fruchtbaren Boden.
Die Münchener Politikwissenschaftlerin Astrid Séville hat darüber ihre Doktorarbeit geschrieben. 2016 gewann sie damit einen der Deutschen Studienpreise der Körber- Stiftung. Populärwissenschaftlich hat sie ihre Thesen im Buch „Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft“ aufbereitet. Es ist hoch interessant für die Frage, wie wir über klimapolitische Instrumente sprechen. In der Klimabewegung ist zu beobachten, wie Handeln gegen den Klimawandel als alternativlos beschrieben wird. Das darf nicht in Diskursverweigerung münden. Weder von Seiten der Zivilgesellschaft noch der Politik.
In einem Interview für faz.net anlässlich ihres Preises habe ich Séville gefragt, ob Politik umstrittene Projekte nur noch umsetzen könne, wenn sie diese als alternativlos beschreibt. „Ich plädiere dafür, dass Politik schwierige politische Reformen oder Maßnahmen gerade dadurch legitimiert, dass sie sagt, was auf dem Spiel steht und welche Optionen es gibt“, antwortete sie. Das Reden über Alternativlosigkeit von Thatcher bis Blair, von Schröder bis Merkel habe die Funktion, parteiinterne Kritiker in Schranken zu weisen oder Projekte in einem scheinbar herrschaftsfreien Dialog als erstrebenswert darzustellen.
Eine Politik als alternativlos zu beschreiben, wie es Angela Merkel in der Eurokrise tat, führe zu Ohnmacht der Bürger. „Wähler unterliegen einer Politik, von der sie das Gefühl haben, sie nicht mitbestimmen zu können. Das schürt Konflikte“, sagte Séville. „In aufgeladenen Konfliktsituationen kommt es oft dazu, dass sich die politische Klasse abschottet und noch apodiktischer und kategorischer argumentiert.“
Was sie hier sagt, möchte ich in den Kontext mit dem Ökomoralismus setzen, den ich beklage. Politik sollte bemüht sein, dem Ohnmachtsgefühl gegenüber scheinbarer Alternativlosigkeit etwas entgegenzusetzen: Partizipation, Freiheit, Handlungsspielraum.
Wenn Ulrike Herrmann argumentiert, eine Planwirtschaft mit Privateigentum nach Vorbild der britischen Kriegswirtschaft sei nötig, gehen diese Kategorien verloren (Herbert Gruhl sah übrigens die Sowjetunion als Vorbild für eine ökologische Wende….Sehnsuch nach geschlossenen Gesellschaftsmodellen).
Wie ein politisches Vakuum in der wichtigsten Frage der Menschheit einen destruktiven Ökomoralismus befördert, hat Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, in seinem Buch „Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie“ beschrieben. „Reine private Ökologie ohne begleitende, verstärkende und ordnende Politik führt zu Philistertum und grüner Spießbürgerei – erbitterte Zankereien an den Milieugrenzen inklusive. Auch das ist eine Hinterlassenschaft der späten Ära Merkel“, schreibt er. Er beabsichtigt einen Perspektivwechsel und sieht die Ökologie als dominante Herausforderung unserer Epoche.
Ich war ungeplant einkaufen. Im Rucksack hatte ich einen Stoffbeutel, aber es wurde mehr, als in ihn hineinpasst. Also kaufte ich an der Kasse eine Papiertüte. Die Ökobilanz siebenmal so schlecht wie die einer Tüte aus Recyclingplastik. Wie oft sind mir solche Tüten schon mit dem halben Familieneinkauf gerissen? Diesmal habe ich Glück: Sie reißt direkt am Fahrradständer. So muss ich den Joghurt wenigstens nicht von der Straße kratzen. Aber wofür das? Plastik ist ein Symbol unserer Ökokrise geworden. Des- halb sind Plastiktüten in deutschen Supermärkten verboten.
Vermeidung, bessere Abfallsysteme und Wiederverwertung in der Kreislaufwirtschaft.
Und etwas Kritik, weil sie auf Verbote setzt, wo aus meiner Sicht eher degressive Obergrenzen sinnvoll wären. Ich schreibe, sogar Umweltschützer vom Naturschutzbund Deutschland warnten vor einem Plastiktütenverbot, weil sich sonst die ebenfalls schädlichen Papiertüten verbreiteten. Statt aktionistischer Ideen warb ich, über Stoffkreisläufe und Umwelteffekte präziser zu sprechen.
„Gestern Abend ist mir eine Wassermelone heruntergefallen. Im Supermarkt gab es eine Tüte, mit der ich sie nach Hause transportieren konnte. Nach dem #Plastiktütenverbot von @SvenjaSchulze68 ginge das nicht mehr. Ich bin dagegen. Warum, steht auf @faznet“, tippe ich ins Tablet.
Bis heute 246.000 Impressions, 11.000 Link-Klicks, 28.000 Interaktionen. Artikel in der taz und auf dem Nachhaltigkeitsportal Utopia („#Wassermelone: Journalist blamiert sich mit Tweet über Plastiktüten – die Reaktionen sind großartig“). Von hasserfüllten Antworten über witzige Repliken alles dabei. Ein Lehrstück über die Emotionalisierung von Politik, das Framing homogener sozialer Gruppen und Lagerdenken in Debatten.
Der Papier-Tüte schrieb ich, sie sei ein tolles Symbol dafür, wie wir in Deutschland über Umwelt und Technik diskutieren: pauschal, hysterisch, irrational. Stoffbeutel müsste man nach EMPA-Untersuchungen 82 mal verwenden, nach einem WDR-Bericht sogar 131 mal, um auf die Ökobilanz wie einer Recycling-Plastiktüte zu kommen.
Vom US-amerikanischen Sprachwissenschaftler George Lakoff haben wir gelernt, attraktive Sprachformeln zu kreieren. „Benutzt Eure Frames, nicht ihre Frames. Benutzt sie, weil sie zu den Werten passen, an die Ihr glaubt“, schrieb er in „Don’t think of an Elephant!“ Dies gelinge konservativen Denkfabriken besser. „Die wissenschaftlichen Fakten über die Erderwärmung wurden Tag für Tag um die ganze Welt zitiert und rezitiert, aber sie fallen auf konservative taube Hirne – Hirne, mit Frames, die nicht zu diesen Fakten passen.“ Besonders um Hochwertworte wie Freiheit lohne sich der politische Wortstreit.
Deshalb ist so wertvoll, wie tief sich der britische Historiker Timothy Garton Ash im Dezember 2020 in der Zeitschrift „Prospect Magazine“ mit der Krise des Liberalismus – auch vor dem Hintergrund der Klimakrise – auseinandersetzte. Trump, der britische Tory-Populismus, die illiberale Politik Ungarns – dazu China als erfolgreiche Autokratie: Das nimmt er zum Anlass für die Generalüberholung einer Idee. Liberalen fehlten Antworten auf Ungleichheit, Bildungsmisere, wachsende Spannungen zwischen Metropolen und Provinz. Liberale Politiker wurden zu Vertretern einer „Davos“-Oligarchie. Hayekianer störten sich nicht am Monopolkapitalismus von Google und Amazon.
In das Vakuum fehlender Lösungen dringe die Identitätspolitik. Parallel müssten schwache liberale Staaten des Westens in Partnerschaften mit China ökologische Probleme lösen. „Der Kampf des Planeten, die globale Erwärmung zu verlangsamen, wird uns abverlangen, die Macht übermächtiger Kohlenstoff-ausschlachtender Konzerne zu drosseln mit Mitteln, die vom Divestment bis zur Regulierung reichen“, schreibt Garton Ash. Die Kohlenstoffnutzung müssten wir dramatisch mindern. „Kosten unseres persönlichen Lebensstils werden besonders steil ansteigen, wenn wir die Argumente für historische und intergenerationelle Gerechtigkeit ernst nehmen“, schreibt der Direktor des European Studies Centre am St Antony’s College in Oxford. All diese Aufgaben müssten wir gleichzeitig lösen.
Wir brauchen Bilder, wie wir in einer Nullemissions-Gesellschaft leben werden. In den Antworten der Kandidaten-Interviews vor der Bundestagswahl kann ich keines erkennen. Nachhaltigkeit aus der Freiheit lässt sich konstruktiv gestalten. Was auf dem Schlachtfeld sozialer Medien als nachhaltig verhandelt wird, ist es tatsächlich nur in Ausnahmefällen.
Es kommt auf alle und auf alle Systeme an. Der Markt kann mal besser, mal schlechter helfen. Eine Denkart, die in der Waagschale liegende Werte sorgfältig abwägt, nennt sich Ökoliberalismus. Mit ihr ist ein Weg zur Klimaneutralität möglich. Er vermittelt zwischen Suffizienz und Technik, erkennt das Ende einer expansiven Epoche stetig steigenden Durchsatzes an Energie und Materie an, vertraut auf die Kre- ativität eines funktionierenden und durch Befürworter des Wettbewerbs überwachten Marktes. Und er bejaht das rechte Aristotelische Maß. Gern hedonistisch und mit Freude. Aber es wird kein Zuckerschlecken. Fangen wir an. Wir sind zu spät.
GS: Mehr Kant, weniger Hobbes. Pflichtethik versus Nützlichkeitsethik.
Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangen Marit Hansen, Tobias Keber, Stephan Rixen und Rolf Schwartmann in einem Gastbeitrag für die FAZ. Headline: Es bringt nichts, ChatGPT zu verbieten
Die italienische Datenschutzbehörde sei mit einer Prüfung von ChatGPT vorgeprescht und hat das Angebot einstweilen verboten: „Keine Rechtsgrundlage für die intensive Verarbeitung personenbezogener Daten zum Training des Algorithmus, unzureichende Information der Nutzerinnen und Nutzer über die Verarbeitung ihrer Daten, falsche Daten und keine Regelung des altersgerechten Zugangs – im Klartext: die Gefährdung Minderjähriger – sind ihre Kritikpunkte. Zu hoffen ist, dass das Unternehmen OpenAI als Anbieter von ChatGPT auf die Kritik reagiert, kurzfristig die nötigen Informationen bereitstellt und vor allem die sich aus dem Datenschutzrecht ergebenen Anforderungen der italienischen Behörde umsetzt.“
Vorschlag der Autoren: „Wie wäre es in der EU mit einer Expertenkommission aus Aufsichtsbehörden, Verwaltungspraxis, Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft, die den Auftrag der EU erhielte, nach sechs Monaten Lösungsansätze für einen Umgang mit der neuen Technik zu unterbreiten? Die Zahl der Sachverständigen, ihre fachliche Herkunft, ihr Prüfauftrag und ihre Befugnisse wären konkret festzulegen. Womit sollte sich die Expertenkommission befassen? Wer sich die Vielfalt der Zuständigkeiten in den einzelnen Mitgliedstaaten der EU, aber auch auf EU-Ebene vor Augen führt, muss über eine verbesserte (europäische) Verwaltungskooperation und Koordination nachdenken, die die sich überlappenden oder nebeneinander liegenden Regulierungsansätze, beispielsweise zwischen Datenschutz- und Medienrecht, neu konzipieren. Die Expertenkommission müsste sich ferner mit der Produktverantwortung der Anbieter und der professionellen Anwender oder der privaten Nutzenden der Software (zum Beispiel Microsoft und SAP) befassen. Das heißt, bestehende Haftungsprinzipien und -regeln wären weiterzuentwickeln.“ Halte ich für einen sinnvollen Vorschlag. Vorschnell mit Sperrungen zu drohen, ist hingegen keine Lösung.
Zu den Autoren:
Dr. h.c. Marit Hansen ist Landesbeauftragte für Datenschutz Schleswig-Holstein und Leiterin des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Kiel.
Professor Dr. Tobias O. Keber ist Leiter der Abteilung Recht des Instituts für Digitale Ethik (IDE) an der Hochschule der Medien Stuttgart sowie Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit (GDD) e.V.
Professor Dr. Stephan Rixen ist Direktor des Instituts für Staatsrecht der Universität zu Köln und Mitglied des Deutschen Ethikrats.
Professor Dr. Rolf Schwartmann ist Leiter der Kölner Forschungsstelle für Medienrecht an der TH Köln und Vorsitzender der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit (GDD) e.V.