Zwischen Kettensäge und Gießkanne: Wie die Soziale Marktwirtschaft neu kultiviert werden muss @haucap @BMWE_ @GrimmVeronika

Wettbewerb und wirtschaftliche Freiheit sind das normative Fundament der Sozialen Marktwirtschaft. Nur eine funktionierende Wettbewerbsordnung verbindet Wachstum mit sozialer Gerechtigkeit. In Zeiten tiefgreifender Umbrüche muss dieser Kern aktiv verteidigt werden: Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Innovation und Wohlstand. Die soziale Komponente verlangt zugleich, dass staatliche Rahmenbedingungen Fairness garantieren. Ein klares Wettbewerbsregime bildet so das „Salz in der Suppe“ einer gerechten Wirtschaftsordnung.

Reiche räumt auf: Agenda 2030 und marktwirtschaftlicher Reformkurs

Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche umriss auf dem Symposium eine Art Agenda 2030 für Deutschland. Im Geiste Ludwig Erhards proklamierte sie: „Mehr Wettbewerb, weniger Staat“. Sie skizzierte fünf Leitlinien, um die Wirtschaft wieder „in Fahrt“ zu bringen.

  • Mehr Freiräume und Eigenverantwortung
  • Tragfähige Staatsfinanzen (Schuldenabbau)
  • Verbesserte Aufstiegschancen und Bildungschancen
  • Verzahnung von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
  • Starkes europäisches Teamplay

Dabei forderte Reiche einen konsequenten Entbürokratisierungs‑ und Deregulierungs‑Kurs: Die staatliche Steuerung „bis ins allerkleinste Detail müsse ein Ende haben“. Subventionen sollen „rückwirkend auf den Prüfstand“ und Förderprogramme strikt auf ihre Wirksamkeit hin gestutzt werden. Energiepolitik müsse marktwirtschaftlicher gestaltet und Kosten gesenkt werden. Insgesamt betonte die Ministerin, Deutschland brauche einen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel – weniger kleinteilige Planung, mehr Wachstumsanreize. Mit anderen Worten: Die Regierung signalisiert, mit der Heckenschere statt der Kettensäge zu schneiden – gezielt reformieren statt radikal umstürzen.

Wettbewerb stärken statt Protektion: Haucaps ordnungspolitische Lektion

Der Wettbewerbsökonom Prof. Justus Haucap mahnte in die gleiche Richtung: Statt neue Sonderrechte zu gewähren, müsse der Wettbewerb überall gestärkt werden. Er stößt sich etwa am geplanten Besonderen Schutz für Apotheker und warnt, dass solche Sonderregelungen kontraproduktiv seien. Deutlich positiver bewertet Haucap dagegen Vorstöße zu mehr Wettbewerb in Bereichen wie Post, Bahn und Energie. Sein Credo ist ordnungspolitisch klassisch: Marktöffnung und Konkurrenzdruck statt Protektionismus. Damit liegt er ganz auf Reiches Linie, denn echte Dynamik entsteht nur, wenn Unternehmen miteinander konkurrieren können. Praktisch heißt das: Monopolen und Staatskonzernen auf die Finger schauen, Marktzutritt erleichtern und Privatisierungen dort vorantreiben, wo der Staat zum Wachstumshemmnis wird. Haucap mahnt also eine marktorientierte Reformökonomie an, die sich von Erhards Grundregeln leiten lässt.

Resilienz als Gärtnerarbeit: Brunnermeiers Metapher

Der Internationale Finanzökonom Markus Brunnermeier brachte das Bild eines Gärtners ins Spiel: Eine widerstandsfähige Wirtschaftspolitik müsse behutsam, nicht zerstörerisch sein. Die Metapher lautete sinngemäß: Anstatt mit der Kettensäge radikal alles abzuschneiden, sollte man mit der Heckenschere gezielt trimmen und den Boden düngen. In der Analogie kultiviert der Gärtner den Garten – er pflanzt Vielfalt, beseitigt nur verkorkstes Wachstum und stärkt das Ökosystem Dieses Bild war in Zeiten geopolitischer Spannungen und mehrfacher Krisen zentral. Es steht für ein Maßhalten: Eingriffe und Reformen sind nötig, aber in Maßen. Brunnermeier warnte implizit davor, ökonomische Risiken vollständig auszuschließen – die Krisenresistenz wächst nicht durch Abschottung oder Extremschnitte, sondern durch kluge Diversifizierung und Stabilitätsmechanismen. Seine Botschaft: Pflegen wir unseren wirtschaftlichen „Garten“ sorgfältig, sonst büßen wir langfristig an Prosperität.

Sondervermögen: Pflaster oder Wachstumstreiber?

Der neue Sondervermögenstopf „Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK) soll Milliarden für Verkehr, Bildung, Digitalisierung und Forschung mobilisieren. Rein technisch könnte er enormes Wachstumspotenzial freisetzen. Doch bisher gleicht er eher einem kurzfristigen Pflaster: Der Bund nutzt den Topf teils, um Haushaltslöcher zu stopfen, statt neue Projekte zusätzlich zu finanzieren. Anstatt echten Investitionszuwachs ermöglicht das Sondervermögen kaum zusätzliche Hebelwirkungen – es transferiert nur Gelder aus dem normalen Etat. Das unterhöhlt das ohnehin hohe Investitionsdefizit. Branchenkenner warnen, dass SVIK ohne klare Zusätzlichkeit nur eine „Stimmungsaufhellung“ bleibt, die über strukturelle Reformschwächen hinwegtäuscht. Was zu tun ist, liegt auf der Hand: Die Mittel müssen stringenter verwendet werden – weg von Pauschalhaushaltsauflagen, hin zu konkreten, nachhaltigen Großprojekten. Investitionen sind nötig, aber nur wenn sie Produktivitäts- und Innovationskapazitäten stärken (z.B. Netzausbau, KI, erneuerbare Energiequellen). Einfaches Geldausgeben kann keine Dauerlösung sein – ohne tiefgreifende Entbürokratisierung bleiben Milliarden wirkungslos.

Globales Gerangel um Wirtschaftsmodelle

Deutschland steht zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite propagieren Tech-libertäre wie Elon Musk und Argentiniens Präsident Javier Milei radikale Kürzungen: Mit der Kettensäge treten sie an (symbolisch gesehen) und wollen Staatsausgaben und Bürokratie stutzen Auf der anderen Seite gibt es staatsdirigistische Ansätze, etwa von US-Politiker Zohran Mamdani, der als demokratischer Sozialist Mietendeckel, kostenlosen Nahverkehr und Kinderbetreuung durch höhere Spitzensteuern fordert. Beide Modelle haben in jüngster Zeit Zulauf: Die einen versprechen frischen Aufbruch durch „freiheitsfixierte“ Reformen, die anderen soziale Gerechtigkeit durch staatliche Allokation. Die deutsche Soziale Marktwirtschaft muss sich da positionieren – nicht im Gleichschritt hinter ideologische Extremen her. Sie braucht weder einen Überwachungsstaat noch eine Enthemmung der Märkte. Stattdessen gilt es, international zu vermitteln: Zwischen den Prophezeiungen der Kettensäge-Ökonomik und den Utopien bürokratisch zentralisierter Planwirtschaft setzt man auf europäische Kooperation, faire Spielregeln im Welthandel und ethische Standards (etwa bei KI oder Lieferketten). Deutschland kann zeigen, dass Freiheit und Sozialstaat kein Gegensatz sind, sondern sich ergänzen: Eine exportorientierte Industrie neben einer handlungsfähigen Sozialversicherung, technologische Pionierleistungen neben Klimaengagement.

Heckenschere statt Kettensäge

Wirtschaftspolitisch konkret bedeutet das: Wir brauchen Wachstum durch Innovation und fairen Wettbewerb, jedoch durchdacht und nachhaltig. Fünf Schritte könnten den Kurs vorgeben: erstens bürokratische Hürden abbauen (Heckenschere statt Kettensäge), zweitens in Bildung und Zukunftstechnologien investieren (substanziell, nicht nur symbolisch), drittens den Sozialstaat klug reformieren (Anreize statt Überbürokratie), viertens Energie- und Infrastrukturkosten senken (marktwirtschaftlich und diversifiziert) und fünftens die europäische Zusammenarbeit vertiefen. Dabei darf man weder das Marktrad auf unkontrolliertem Tempo beschleunigen noch den Steuervogel mit einem allzu breiten Netz ersticken. Wettbewerb und Freiheit bleiben unser Kompass – als Gießkanne für Gemeinwohl und Motor für Wachstum. Jetzt geht es darum, den Garten der Sozialen Marktwirtschaft weitsichtig zu pflegen: gezielt schneiden, wo nötig düngen, und nicht alles über den Haufen werfen. Nur so kann Deutschland mit festem Wurzelwerk in den Böden von Freiheit und Verantwortung in die Zukunft wachsen.

Europa am Kipppunkt der KI-Ära – Sam Altman und Mathias Döpfner eröffnen die politische Debatte über Souveränität, Freiheit und die Zukunft des Menschen

Mit der Premiere seines neuen Gesprächsformats „MD MEETS“ legt Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner die Latte hoch: Kein Politiker, kein Showgast – sondern Sam Altman, der mächtigste KI-Architekt der Gegenwart, CEO von OpenAI. In 45 Minuten sprechen die beiden über nichts Geringeres als das Schicksal Europas, den Sinn des Fortschritts und die Frage, ob der Mensch in der Ära künstlicher Intelligenz überlebt – moralisch, ökonomisch und kulturell.

Dieser Podcast ist mehr als Medienunterhaltung. Es ist eine politische Zäsur. Döpfner, einer der wichtigsten publizistischen Köpfe Europas, trifft den Entwickler jener Technologie, die unsere Demokratien, Arbeitsmärkte und Wahrheitsbegriffe zugleich beflügelt und bedroht. Der Springer-Chef fragt, Altman antwortet – und im Subtext steht die neue Weltordnung der Intelligenzsysteme.

Europas letzte Chance

„Europa darf nicht Weltmeister der Regulierung werden“, warnt Altman. Der Satz klingt technokratisch, ist aber Sprengstoff. In Wahrheit sagt er: Wenn Europa weiter bremst, wird es von der Landkarte der Innovation verschwinden. Altman kündigt den Aufbau einer „OpenAI-Souverän-Cloud für Deutschland“ an – gemeinsam mit SAP und Microsoft. Eine strategische Kampfansage an die digitale Abhängigkeit vom Silicon Valley und zugleich ein Testfall für Europas Selbstbehauptung im Zeitalter der KI.

Döpfner legt den Finger auf die Wunde: Europas Regierungen verteidigen Datenschutz, aber verlieren den Anschluss. Altman kontert höflich, aber bestimmt – KI sei längst weiter, als die meisten wüssten. „Wir haben Systeme, die unsere klügsten Menschen in den schwersten intellektuellen Disziplinen schlagen“, sagt er. Der Satz ist so beiläufig wie beunruhigend. Er beschreibt das Ende des kognitiven Monopols des Menschen – und den Beginn eines Wettlaufs zwischen technologischer Geschwindigkeit und politischer Trägheit.

Arbeit, Würde, Kontrolle

Döpfner fragt nach den Jobs der Zukunft. Altman antwortet, als sähe er in Zeitlupe zu, wie sich eine Zivilisation neu ordnet: „Kurzfristig wird KI viele Jobs zerstören. Langfristig werden völlig neue entstehen.“ Es ist die klassische Fortschrittsformel – und doch schwingt Skepsis mit. Die Frage, was bleibt, wenn Maschinen denken, berühren, komponieren, ist keine ökonomische mehr, sondern eine anthropologische. Altman glaubt an das „unerschöpfliche Bedürfnis des Menschen, gebraucht zu werden“. Eine tröstliche These, die aber zur Nagelprobe wird, wenn ganze Branchen automatisiert werden – von der Anwaltschaft bis zur Redaktion.

Gerade letzteres führt zum Kern des Gesprächs: der Zukunft des Journalismus. Altman erkennt die Paradoxie seiner eigenen Schöpfung: ChatGPT ist zugleich Werkzeug und Risiko für die Öffentlichkeit. „Ich wäre traurig, wenn KI den Journalismus zerstört“, sagt er. Aber er weiß auch, dass sie ihn verwandeln wird. Döpfner bringt das Prinzip auf den Punkt: „Ohne Vergütung für Inhalte trocknet das System aus – dann gibt es nichts mehr, was sich ‚scrapen‘ lässt.“ Eine präzise Beschreibung des neuen Urheberkriegs zwischen Maschine und Medium.

Der neue Prometheus

Philosophisch wird es, als Döpfner Harari und Oscar Wilde zitiert: Wird der Mensch zum Gott? Will Sam Altman ewig leben? Seine Antwort ist überraschend nüchtern: Nein. Ewigkeit sei kein Ziel, sagt er, sondern ein Irrtum. Fortschritt brauche Erneuerung, Sterblichkeit, Übergang. Altman träumt vom Leben als Landwirt, wenn die KI seine Arbeit übernimmt – der Schöpfer, der sich selbst abschafft. Das ist mehr als Anekdote. Es ist ein modernes Gleichnis: Der neue Prometheus will nach der Erleuchtung zurück in den Ackerboden.

Doch zwischen Technikglaube und Natursehnsucht bleibt die offene Frage: Wer kontrolliert die Schöpfung? Altman denkt in geopolitischen Kategorien. KI, sagt er, werde Kriegsführung, Propaganda und Machtbalance grundlegend verändern. Wenn „ein böser Akteur“ Zugang zu Superintelligenz habe, könne er ganze Systeme destabilisieren. Die Konsequenz: globale Governance, ähnlich der nuklearen Rüstungskontrolle. Der Vergleich ist nicht zufällig. KI ist längst eine strategische Waffe – unsichtbar, allgegenwärtig, unkontrolliert.

Freiheit im Zeitalter der Antwortmaschinen

Döpfner und Altman verhandeln schließlich, was auf dem Spiel steht: die Freiheit des Wortes. Für Altman ist sie „einer der schwierigsten, aber zentralsten Werte der westlichen Zivilisation“. Für Döpfner ist sie Geschäftsgrundlage und Überzeugung zugleich. Beide wissen: Wenn Wahrheit von Algorithmen berechnet wird, wird Journalismus zur Gegenmacht – oder verschwindet.

Altman plädiert für neue ökonomische Modelle: Mikropayments für Inhalte, faire Vergütung für journalistische Recherche, eine Rückkopplung von digitalem Nutzen und menschlicher Arbeit. Eine Idee, die Döpfner offen aufnimmt. Der Verleger und der Entwickler eint die Einsicht, dass Information eine Ressource ist, die sich nur dann erneuert, wenn sie einen Wert behält.

Der wahre Inhalt

Die Premiere von „MD MEETS“ ist deshalb mehr als ein Medienereignis. Sie markiert den Moment, in dem KI, Medien und Politik ihre gemeinsamen Bruchstellen öffentlich verhandeln. Altman und Döpfner sprechen über Technologie – und meinen Zivilisation.

Für Europa ist das Gespräch eine Einladung, die eigene Zukunft nicht länger als Beobachter, sondern als Akteur zu gestalten. Wenn Döpfner Altman fragt, was er Europa rät, antwortet der nüchtern: „Reguliert die großen Risiken, aber lasst die kleinen zu.“ In diesem Satz steckt eine Doktrin für die neue Epoche – und vielleicht das letzte Zeitfenster, um nicht endgültig Zuschauer im Theater der Superintelligenz zu werden. Für Sohn@Sohn wäre es wichtig, auf eine granulare Regulierung zu verzichten. Die trifft in der Regel die Kleinen und nicht die Großen, gell Herr Voss…..

Bonn im Schatten Luxemburgs – Ein Weckruf für den Kommunalwahlkampf #OBStichwahl

Es ist ein Satz, der mitten in den Wahlkampf schneidet: „Die Kaufkraft in Luxemburg liegt pro Kopf bei rund 41.000 Euro, im Rhein-Sieg-Kreis bei 26.000, in Bonn bei knapp 27.000. Das ist ein erheblicher Unterschied.“ Hermann Simon, Vater der Hidden Champions, hat damit eine Debatte eröffnet, die die Bonner Kommunalpolitik nicht länger umgehen darf.

Denn der Vergleich ist nicht aus der Luft gegriffen. Luxemburg zählt 653.000 Einwohner, Bonn und Rhein-Sieg zusammen 930.000 – also vergleichbare Größenordnungen. Und: Beide Regionen sind intellektuelle Kraftzentren. Bonn-Rhein-Sieg verfügt über sechs Exzellenzcluster, vier Max-Planck- und vier Fraunhofer-Institute – mehr als ganze Bundesländer vorweisen können. Luxemburg hingegen hat nicht die stärkeren Forscher oder klügeren Köpfe, wie Simon nüchtern bemerkt, „aber sie gestalten ihr System so, dass ein höheres Pro-Kopf-Einkommen herauskommt“.

Die schnelle Replik ließ nicht auf sich warten: Luxemburg sei eben eine Finanzhochburg, ein Sonderfall. Doch dieses Argument greift zu kurz. Erstens: Luxemburg hat sich bewusst in diese Rolle hineinentwickelt, es hat aus einer Schwäche – Kleinstaat ohne Industrie – eine Stärke gemacht. Zweitens: Bonn-Rhein-Sieg hätte ebenfalls die Chance, seine vorhandene Stärke – Forschung, Wissenschaft, internationale Institutionen – in Wertschöpfung zu verwandeln. Dass dies nicht geschieht, ist kein Naturgesetz, sondern politisches und unternehmerisches Versagen.

Simon bringt es auf den Punkt: „Wieso sind unsere Pro-Kopf-Einkommen dann nur zwei Drittel der Werte von Luxemburg?“ Die Antwort liegt nicht im Fehlen von Talent, sondern im Fehlen von Unternehmertum. Wo Luxemburger aus Steuergesetzen und EU-Institutionen einen Standortvorteil gemacht haben, verharrt Bonn in Strukturen und Fakultätsdenken.

Der Vorschlag von Hermann Simon ist ebenso pragmatisch wie radikal: eine Business School in Bonn, die Naturwissenschaftler und Informatiker zwingt, ein Jahr lang Wirtschaft zu studieren – wie am MIT oder in Stanford. Denn Wissen ohne Umsetzung bleibt akademische Fingerübung. Innovation entsteht erst, wenn Köpfe lernen, wie man Ideen am Markt durchsetzt.

Für den Kommunalwahlkampf bedeutet das: Die Frage nach der wirtschaftlichen Zukunft Bonns ist nicht technokratisch, sondern politisch. Wer Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister werden will, muss erklären, warum eine Region mit Weltklasse-Instituten sich mit Provinzeinkommen zufriedengibt. Luxemburg zeigt, dass selbst kleine Einheiten global mitspielen können – wenn sie eine klare Strategie verfolgen. Bonn zeigt bisher, wie man Chancen verpasst.

Die eigentliche Auseinandersetzung lautet daher: Wird Bonn zum intellektuellen Biotop ohne ökonomische Kraft – oder zur europäischen Modellregion, die Wissenschaft, Unternehmertum und internationale Sichtbarkeit verbindet? Die Wählerinnen und Wähler dürfen erwarten, dass die Kandidaten Antworten geben, die über Floskeln hinausgehen.

Digitale Transformation und Kollaboration – Abschied vom großen Tool-Durcheinander: Christoph Kappes und Thomas Jenewein im Gespräch

Beim Sohn@Sohn-Roundtable stand die Nutzung von Kollaborationstools im Zentrum einer tiefgründigen Diskussion. Unter den Teilnehmenden befanden sich Christoph Kappes, der Gründer von Together.biz, und Thomas Jenewein von SAP, die ihre Expertise und Visionen zur Zukunft der digitalen Arbeitsumgebung teilten.

Christoph Kappes, der bereits seit Jahrzehnten in der digitalen Szene aktiv ist, erläuterte die Wichtigkeit einer integrierten Nutzungskultur bei der Implementierung von Kollaborationstools. „In vielen Unternehmen gibt es eine Vielzahl von Tools, aber keine gelebte Kultur, wie diese sinnvoll genutzt werden sollten“, erklärte Kappes. Er kritisierte die oft isolierte Nutzung verschiedener Systeme innerhalb derselben Organisation:

„Es gibt ein großes Tool-Durcheinander und vor allem eine mangelhafte Kultur, wann, wer, auf welchem Wege spricht und Probleme löst.“

Auf die Bedeutung von Schriftlichkeit in digitalen Werkzeugen eingehend, führte Kappes aus: „Wir brauchen Schriftlichkeit, weil sie den höchsten Abstraktionsgrad bietet und am nachhaltigsten ist. Unsere Plattform fördert bewusst die schriftliche Auseinandersetzung, um tiefere und bleibende Diskussionen zu ermöglichen.“

Thomas Jenewein, zuständig für Business Development und Training bei SAP, sprach über die Herausforderungen und Lösungen im Bereich der Technologieakzeptanz:

„Es ist entscheidend, dass die Tools nicht nur eingeführt, sondern auch akzeptiert und sinnvoll genutzt werden. Hierbei spielt das Technologieakzeptanzmodell eine große Rolle, welches die wahrgenommene Nützlichkeit und einfache Nutzung betont.“

Jenewein wies auch auf das bevorstehende SAP Training and Adoption Forum hin, das am 19. Juni in Walldorf und virtuell unter dem Motto „Future Learning, Leading Change“ stattfindet. „Wir freuen uns darauf, in inspirierenden Impulsvorträgen und interaktiven Knowledge Cafés tiefergehend zu diskutieren, wie wir Lernen und Wandel in Unternehmen führen können.“

Die Veranstaltung ist ein Treffpunkt für Fachleute, die sich mit den neuesten Trends in der digitalen Bildung und Transformation auseinandersetzen möchten. Jenewein fügte hinzu: „Die Anmeldung ist bereits möglich, und angesichts der begrenzten Plätze vor Ort empfehle ich eine frühzeitige Registrierung, um sicherzustellen, dass man teilnehmen kann.“

Insgesamt unterstreicht der Sohn@Sohn-Roundtable die Notwendigkeit, bei der Einführung neuer Technologien sowohl die kulturellen als auch technischen Aspekte zu berücksichtigen, um eine erfolgreiche digitale Transformation in Organisationen zu gewährleisten.

Meine Sicht: Es geht mir wirklich auf den Geist, wenn in Kollaborationsumfeldern jeder etwas anderes macht. Medienbrüche stören den Workflow erheblich, und das führt oft zu Frustration. Ich thematisierte auch das Problem der Überflutung mit digitalen Informationen und das Fehlen einer klaren Struktur in der Dokumentenverwaltung. Es ist essentiell, dass Arbeitsräume so organisiert sind, dass man schnell auf die neueste und relevante Version eines Dokuments zugreifen kann – jenseits von digitalen oder analogen Ordner-Logiken.

Constantin Sohn fokussierte sich auf die Anforderungen an moderne Kollaborationstools aus der Sicht eines Mediengestalters. Er betonte die Bedeutung von Schnelligkeit und einfacher Bedienbarkeit beim Austausch von Mediendateien zwischen verschiedenen Plattformen. „In meinem Arbeitsalltag ist es entscheidend, dass ich Videos und Bilder schnell zwischen Diensten teilen kann. Tools wie Canva und Photoshop sind dabei unerlässlich, weil sie die Zusammenarbeit und das Teilen von Inhalten erleichtern.“

„Kommen Sie früh und bleiben Sie bis zum Ende“: Ausblick auf die Zukunft Personal Nord am 23. und 24. April in Hamburg #ZPNord #MesseTV #ZPNachgefragt

Mit Blick auf die Zukunft Personal Nord in Hamburg, die am 23. und 24. April stattfindet, lud die Sendung „Zukunft Personal Nachgefragt“ zu einer Diskussion über die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in der Arbeitswelt ein. Heike Riebe, Program Director der Zukunft Personal, Daniel Thiemann, Professor für Wirtschaftspsychologie an der International School of Management (ISM), sowie Nicole Wendt-Herbst, Head of Group Talent Acquisition & Employer Branding bei Schnellecke Logistics SE, teilten ihre Einsichten zu den Schwerpunktthemen der Veranstaltung: KI, Gesundheitsmanagement, Logistik und die Auswirkungen der Klimakrise auf die Arbeitswelt.

Die strategische Rolle von HR in einer sich wandelnden Arbeitswelt

Nicole Wendt-Herbst beleuchtete die Kunst des erfolgreichen „Pitchens“ von HR-Themen vor der Geschäftsführung und unterstrich die Notwendigkeit, die Sprache der Entscheidungsträger zu sprechen. „Es geht nicht nur darum, eine KPI zu haben. Es geht um Networking, es geht darum, eine Community im Unternehmen zu schaffen“, erklärte Wendt-Herbst. Ihre Erfahrungen zeugen von den Herausforderungen und Erfolgen beim Aufbau einer starken HR-Präsenz in Unternehmen.

Professor Thiemann sprach über die zunehmende Relevanz der HR-Abteilung im strategischen Kontext des Unternehmens. „HR muss in der heutigen Zeit eine wichtige Stimme in der Unternehmensstrategie sein. Wir müssen proaktiver werden, um Talente nicht nur zu gewinnen, sondern sie auch langfristig zu binden“, so Thiemann.

Klimakrise und Arbeitswelt: Eine neue Dimension der HR-Arbeit

Ein weiteres zentrales Thema der Diskussion war die Klimakrise und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Die Gäste diskutierten über die Rolle von HR beim Aufbau einer nachhaltigen Unternehmenskultur und der Implementierung von ESG-Reporting. „Die Fragen von Bewerbern richten sich zunehmend darauf, wie Unternehmen zum Klimaschutz beitragen“, berichtete Wendt-Herbst aus ihrer Praxis. Dies spiegelt einen Wertewandel wider, der besonders bei der jüngeren Generation zu beobachten ist und Unternehmen dazu zwingt, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen zu verstärken.

Der Einsatz von KI in der Führung und HR

Spannend ist zudem der Einsatz von KI im Personalmanagement und generell bei Führkungskräften. Thiemann wies auf die Chancen und Herausforderungen hin, die KI für die Personalentwicklung und -führung mit sich bringt. „KI kann uns unterstützen, aber es ersetzt nicht die Notwendigkeit, eine Kultur der Wertschätzung und des Vertrauens aufzubauen.“ Wendt-Herbst fügte hinzu: „KI im Recruiting macht uns das Leben leichter, aber am Ende entscheiden immer noch Menschen.“

Tipps zur Vorbereitung auf die Zukunft Personal Nord

Zum Abschluss gab es praktische Tipps für die Vorbereitung auf die Messe. „Kommen Sie früh und bleiben Sie bis zum Ende. Nutzen Sie die Gelegenheit zum Networking und tauschen Sie sich aus“, riet Heike Riebe den Teilnehmern.

Im Multistream war wieder auf LinkedIn am meisten los.

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#Fundstücke Sitzen machen – Moderne Käfighaltung im Büro

Wir starten mit einer Reise in die Vergangenheit, in das Jahr 1961. Der Regisseur Billy Wilder zeigt in seiner Komödie „1, 2, 3“, wie der preußische Drill die Fabrikhallen verlässt und in die junge deutsche Dienstleistungsgesellschaft einzieht. Der Film spielt in der Westberliner Niederlassung von Coca-Cola. James Cagney spielt den Manager, der in einem riesigen Raum voller Schreibtische und Büroangestellten das Kommando führt. Bei seinem Erscheinen springen alle auf und nehmen eine militärische Haltung ein. Cagney brüllt: „Sitzen machen!“ und alle gehorchen.

Vergleichen wir das mit den Großraumbüros von heute. Damals saß ein Vorarbeiter vor den fleißigen Mitarbeitern, die unermüdlich an Schreib- oder Rechenmaschinen arbeiteten. Heute geht es vordergründig um bessere Kommunikation, Team- und Gruppenarbeit. Die 60er und 70er Jahre, als Großraumbüros populär wurden, waren eine Zeit, in der sozialwissenschaftliche Theorien am lebenden „Objekt“ getestet wurden. Ein Paradies für soziale Ingenieure, die nicht nur Arbeitsplätze optimieren wollten, sondern auch die Menschen selbst.

Die kleinen, mit halbhohen Sichtschutzwänden abgetrennten Arbeitseinheiten in Großraumbüros haben einen treffenden Namen: Raumzelle. Ein halboffener Strafvollzug, sozusagen. Wer nicht beobachtet werden will, muss sich ducken und am Schreibtisch sitzen bleiben. Die Insassen kontrollieren sich selbst. Manager betonen in Umfragen immer wieder die besseren Kontrollmöglichkeiten im Großraumbüro. Dazu kommt, dass Platz und Kosten gespart werden.

Eine Vielzahl von Studien belegt, dass sich die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser in dieser Atmosphäre gestört fühlen. Sie leiden unter Lärm, Ablenkung und ständiger Kontrolle. Das spielt in harten Zeiten wie diesen keine Rolle. Und wir sprechen hier nicht über die Ablenkung durch das Internet.

Das etablierte Management sieht die Arbeit der Belegschaft als Routine, bei der man sich nicht groß konzentrieren muss. Wer bei der Arbeit gestört werden kann, macht Arbeit, die nicht wertgeschätzt wird. Es ist Handlangerarbeit. Die wichtige Arbeit wird von leitenden Angestellten im Einzelbüro erledigt. Das ist ihr Privileg.

Hans-Peter Kohn kennt die Geschichte des Großraumbüros – egal mit welchen neumodischen Etiketten das versehen wird: Er weiß, welche Bedingungen Wissensarbeiter brauchen. Die Realität regt ihn auf. „Das Großraumbüro wurde in einer Zeit entwickelt, in der Wissensarbeit keine Rolle spielte. Das waren Galeeren, die da gebaut wurden und die in keiner Weise zur Produktivität beigetragen haben“, sagt er. Heute würden Büros wieder schlecht gemacht, weil alles nur noch im Namen der Kommunikation geschieht. Tatsächlich hätten Wissensarbeiter in einer offenen Bürolandschaft nichts verloren. Sie brauchen Konzepte für gemischte Bürowelten. Es geht nicht um Arbeitsplätze, es geht um eine Infrastruktur für die Wissensarbeit. Das wollen die Controller wahrscheinlich nicht hören.

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Künstliche Intelligenz und Demografie: Zukunftsthemen im Fokus der Fachmesse Zukunft Personal #ZPNord

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Professor Karl-Heinz Schwuchow, ein Experte auf dem Gebiet des internationalen Personalmanagements, betont die Wichtigkeit, zwischen echter KI und simplen automatisierten Systemen zu unterscheiden. Er kritisiert, dass der Begriff der KI oft irreführend verwendet wird, um einfache Chatbots oder algorithmische Prozesse zu beschreiben. Dabei hebt er die Notwendigkeit hervor, auf Fachmessen wie der Zukunft Personal eine Plattform für einen kritischen Diskurs zu bieten, der über den bloßen Hype hinausgeht und einen fundierten Einblick in die realen Potenziale und Grenzen der KI bietet.

Ein weiteres zentrales Themaist die demografische Entwicklung. Schwuchow beschreibt die wachsende Herausforderung, die der demografische Wandel mit sich bringt, insbesondere vor dem Hintergrund der abnehmenden Erwerbsbevölkerung durch den Eintritt der Babyboomer-Generation in den Ruhestand. Er betont die Dringlichkeit, durch Automatisierung, Robotik und KI die entstehende Lücke zu schließen, und fordert eine Neuausrichtung im HR-Management, um diesen Veränderungen gerecht zu werden.

Darüber hinaus wird die Bedeutung der Anpassung von Qualifikationsprofilen und die Notwendigkeit, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Arbeitsprozess zu halten und weiterhin zu nutzen, hervorgehoben. Schwuchow weist auf eine Studie hin, die zeigt, dass insbesondere ältere Beschäftigte eine stärkere Anerkennung und Wertschätzung innerhalb des Arbeitsumfeldes suchen, was Unternehmen dazu veranlassen sollte, alle Generationen adäquat anzusprechen und zu fördern.

Man hört, sieht und streamt sich zu diesen Themen wieder auf der Zukunft Personal Nord in Hamburg am 23. und 24. April.

Inspirationen durch die Forschung von Dan #Kahneman – So eine Art Nachruf

In vielfacher Hinsicht hat mich die Forschungsarbeit des Mathematikers und Psychologen Daniel Kahneman inspiriert. Vor allem die Zerschlagung der Rationalitätsmythen, die in der Ökonomik und in der Managementlehre umherschwirren. Im Alter von 90 Jahren ist Kahneman gestorben. Statt eines Nachrufs erscheinen hier noch einmal zwei Beiträge für Zeitschriften, die ich in den vergangenen Jahren schrieb. Sie haben nichts an Aktualität eingebüßt.

Beitrag Nummer 1:

Mut zur Bescheidenheit: Kahneman lesen und öfter in den Zoo gehen

Es war ein umstrittenes Jahr für die internationale Ökonomen-Debatte (. „Griechenland schrammte um Haaresbreite am Bankrott vorbei und die Wirtschaftsforscher rund um die Welt diskutierten heftig über die richtige Lösung“, so die FAZ. In diesem Streit positionierte sich der New Yorker Volkswirtschaftler Paul Krugman als heftiger Gegner der Sparauflagen für Griechenland und der deutschen Politik. Damit wurde er auch bei uns zu einem der bekanntesten Volkswirtschaftler: wie schon im Vorjahr fiel der Name Krugman am häufigsten, wenn Politiker und Ministerialbeamte gefragt wurden, auf wen sie hören. In den Medien holte er zusätzlich auf.

Kahneman verschwindet aus der öffentlichen Diskussion

2014 hatte noch der Verhaltensökonom Daniel Kahneman die Liste angeführt, der mit seiner gewaltigen Forschungsleistung punktet. „Doch Kahnemans großes Buch ‚Schnelles Denken, langsames Denken‘ verschwindet langsam aus der aktuellen öffentlichen Diskussion“, schreibt FAZ-Redakteur Patrick Bernau.

Bei der Ökonomen-Rangliste der FAZ geht es darum, wer in Medien, Politik und Forschung wirkt. In der Berechnung machen die Maße für den Einfluss der Wirtschaftsforscher in Politik und Medien gemeinsam die Hälfte des Gewichts aus. Der politische Einfluss eines Ökonomen wurde bei Abgeordneten und hohen Ministerialbeamten in Bund und Ländern erfragt. Die Bedeutung in der Öffentlichkeit wurde gemessen, indem die Zitate in überregionalen Medien, im Fernsehen und im Radio ausgezählt wurden. Die Forschung macht die andere Hälfte der Wertung aus.

Kahneman rangiert zwar noch auf dem zweiten Platz – allerdings nur gestützt durch seine Präsenz in der Forschung mit 500 Punkten. In der Politik kommt er auf ganze Null und in den Medien auch nur auf magere 14 Punkte. Krugman erzielt in den Medien 175, in der Politik 250 und in der Forschung 103 Punkte. Das Endergebnis lautet also: 529 Punkte.

Warum sich Entscheider mit System 1 und und 2 beschäftigen sollten

Das ist betrüblich. Besonders Journalisten, Manager und Politiker sollten Kahneman auf ihre Agenda setzen. Der erste Nichtökonom, der 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ein vorzüglicher Ratgeber in komplexen und schwierigen Fragen. Mit dem Biologen, Informatiker, Imker und Wissensarbeiter Erich Feldmeier habe ich deshalb via Live-Hangout einen furiosen Ritt durch die Geschichte beliebter und weit verbreiteter Entscheidungs-Irrtümer unternommen, die Kahneman dokumentiert.

Es geht um Zufall, Glück und Selbstüberschätzung im Management, in der Politik und im täglichen Leben. Eine Anleitung zum kursorischen Lesen im Opus „Schnelles Denken, langsames Denken“. Das automatische und das willentliche System in unserem Gehirn reduziert Kahneman auf System 1 und 2. Das sei schneller aussprechbar und würde bei der Lektüre zu einer geringeren Arbeitsgedächtnis-Belastung beitragen sowie unser Denkvermögen von Ballast befreien. Schließlich muss System 1 rund 20.000 Entscheidungen pro Tag treffen. Den größten Teil könne unser Gehirn nur automatisiert bewältigen. Es schaltet ohne unser Zutun in den Modus des Autopiloten. System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf die anstrengenden mentalen Aktivitäten. Die Operationen gehen oftmals mit dem subjektiven Erleben von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher.

Autopilot dominiert

Wenn wir uns selbst beschreiben, identifizieren wir uns natürlich mit System 2, dem bewussten, logisch denkenden Selbst, das Überzeugungen hat, Entscheidungen trifft und sein Denken sowie Handeln bewusst kontrolliert. Nur steht leider System 2 nicht im Zentrum unseres Denkapparates. System 1 übernimmt allzu oft das Kommando, ist die Hauptquelle unserer Überzeugungen, Eindrücke und Gefühle.

Nur selten gelingt es System 2, die ungezügelten Impulse und Assoziationen unseres Autopiloten zu bändigen oder gar zu verwerfen. Etwa die Auslotung von Ursachen für Erfolg. Das Erfolg auf Talent und Glück beruht und großer Erfolg auf ein wenig mehr Talent und sehr viel Glück zurückzuführen ist, ist für unser Ego eine echte Kampfansage.

Glück und Zufall bringen keine Schlagzeilen

Nur allzu gern versuchen wir krampfhaft, den Faktor Glück zu ignorieren und für unser Tun eine gehörige Portion Kausalität schlichtweg zu erfinden. Wenn ein durchschnittlicher Golfer bei einem zweitägigen Turnier einen überdurchschnittlichen Start hinlegt, gehen wir davon aus, dass er auch am zweiten Tag eine gute Leistung zeigt. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass er wohl eher wieder ein normales Ergebnis bringt, weil das außerordentliche Glück des ersten Tages nicht anhalten wird. Für Sportreporter ist das keine Neuigkeiten.

Was Kahneman als Regression zum Mittelwert bezeichnet, bringt keine Schlagzeilen. Die Headline muss daher anders lauten: „Der Golfer zeigte Nerven und konnte dem Druck nicht standhalten“. Oder: „XY ist kein Siegertyp“. Oder auch: „Der Gegner zermürbte den Champion des ersten Tages“. Mit folgender Schlagzeile geben wir uns nicht zufrieden: „Der Golfer hatte ungewöhnlich viel Glück“. Da fehlt die kausale Kraft, die unser Intellekt bevorzugt.

Kausale Geschichten erfinden

Wir suchen krampfhaft nach einer eindeutigen Beziehung von Ursache und Wirkung, tappen damit aber in die Falle ungerechtfertigter kausaler Schlüsse. Glück oder Zufall passen nicht zur Attitüde der Welterklärer. Das gilt auch für Rückschaufehler. Ex post ist man immer schlauer und erkennt Gründe, die vorher niemanden interessierten. So erhielt am 10. Juli 2001 die CIA Informationen, wonach El Kaida einen größeren Angriff gegen die USA plane. Der damalige CIA-Direktor George Tenet unterrichtete nicht George Bush, sondern die Sicherheitsberaterin Rice.

Als das nach den Anschlägen auf das World Trade Center publik wurde, schrieb der Washington-Post-Chefredakteur Ben Bradlee: „Es erscheint mir selbstverständlich, dass man eine solche Nachricht, die Geschichte schreiben wird, direkt dem Präsidenten mitteilt.“ Was für ein Schlaumeier. Am 10. Juli wusste niemand, dass diese Neuigkeit Geschichte schreiben würde. Den gleichen Mumpitz fabrizieren jeden Tag neunmalkluge Börsenanalysten, die in ihren Ex-post-Kommentaren immer schon alles wussten, aber eben erst im Nachgang des Geschehens. Niemand würde sich vor die Kamera der einschlägig bekannten Börsensendungen stellen und sagen, dass man schlichtweg keine Peilung hat, warum es zu irgendwelchen Schwankungen an den Finanzmärkten kam.

Eine weitere Methode der Wahrheitskonstrukteure ist die ständige Wiederholung von Aussagen, um Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben. Das erzeugt Vertrautheit, die sich nur schwer von der Wahrheit unterscheiden lässt. Man reduziert damit die kognitive Beanspruchung des Publikums und zahlt auf das Konto der Bequemlichkeit ein.

Konstruierte Erfolgsprinzipien

Ärgerlich sind auch jene Zeitgenossen, die aus der Untersuchung von erfolgreichen Firmen konkrete Handlungsanweisungen ableiten, um genauso erfolgreich wie jene untersuchten Firmen zu werden. Kahneman zitiert eines der bekanntesten Beispiele dieses Genres: „Immer erfolgreich“ von Jim Collins und Jerry I. Porras. Es enthält eine gründliche Analyse von 18 konkurrierende Unternehmenspaarungen, bei denen eines erfolgreicher war als das andere. Jeder Vorstandschef, Manager oder Unternehmer sollte nach Auffassung der beiden Autoren dieses Buch lesen, um visionäre Firmen aufzubauen.

„Wenn man weiß, wie wichtig der Faktor Glück ist, sollte man besonders argwöhnisch sein, wenn aus dem Vergleich von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Firmen hochkonsistente Muster hervorgehen. Wenn der Zufall seine Hand im Spiel hat, können regelmäßige Muster nur Illusionen sein“, warnt Kahneman. Nach dem Erscheinen des Buches schwand der Abstand in Ertragskraft und Aktienrendite zwischen den herausragenden und den weniger erfolgreichen Firmen praktisch auf null. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren erzielten die Unternehmen mit den schlechtesten Bewertungen im weiteren Verlauf viel höhere Aktienrenditen als die meistbewunderten Kandidaten. Und wenn es um Vorhersagen von Experten geht, sind die Ergebnisse noch erschütternder.

„Menschen, die ihre Zeit damit verbringen und ihren Lebensunterhalt damit verdienen, sich gründlich mit einem bestimmten Sachgebiet zu beschäftigen, erstellen schlechtere Vorhersagen als Dartpfeile werfende Affen, die ihre ‚Entscheidungen’ gleichmäßig über alle Optionen verteilt hätten. Selbst auf dem Gebiet, das sie am besten kannten, waren Experten nicht deutlich besser als Nichtexperten“, schreibt Kahneman. Also öfter in den Zoo gehen.

Göttin Fortuna 

Besonders von Top-Managern wird die Rolle von Können und Geschick maßlos überbewertet. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Kahneman. Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. 

Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus. Man könne sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen, meint Kahneman. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch sind. Das Opus von Kahneman hat sich zwar gut verkauft, wird aber von Entscheidern in Politik und Wirtschaft wenig genutzt. Zeit zum ändern. 

Beitrag Nummer 2:

Helden des Glücks 

In seinem neuen Buch „Luck: A Key Idea for Business and Society“ fordert der Verhaltensforscher Chengwei Liu ein Ende des Kults um Vorstandschefs und hochrangige Persönlichkeiten – dazu würde ich auch Parteivorsitzende zählen. Seine These: Der Faktor Glück spielt besonders in Top-Positionen eine entscheidende Rolle.„Wir haben eine romantische Vorstellung von Anführern und denken, dass das Wohl der gesamten Gruppe, des gesamten Unternehmens oder gar der Nation von ihnen abhängt. Das tut es nicht. Forschungen zeigen, dass die Ernennung von CEOs den Erfolg von Unternehmen viel weniger beeinflusst, als die Finanzmärkte anfangs glauben. Topmanager können einfach nicht so viel ausrichten, wie wir es gern hätten.“

Auch Chefs sollten daher per Zufallsverfahren ausgewählt werden, schlägt Liu vor. Anführer im antiken Griechenland wurden per Losentscheid rekrutiert. Vieles weise darauf hin, dass dies auch für Unternehmen sinnvoll wäre. Zufallsmechanismen würden zu besseren Ergebnissen führen. Ein derartiges Vorgehen werde als fairer wahrgenommen, es kann Korruption verhindern und zu mehr Stabilität führen.

Unternehmen sollten zudem bedenken: Wer hochrangige Führungskräfte über die pseudo-rationale Bewertung von Leistung bestimmt, schafft Interessenkonflikte: „Es kommt zu politischen Spielen. Die Bewerber arbeiten gegeneinander, um hervorzustechen, und schaden so dem Unternehmen. Ein Losentscheid macht dies überflüssig. Weil die Manager auf der höchsten Ebene ohnehin alle gleich gut qualifiziert sind, kann dies tatsächlich die beste Wahl sein“, resümiert Liu, Professor für Strategie- und Verhaltensforschung an der Berliner Business School ESMT. 

Und was machen Führungskräfte in Politik und Wirtschaft? Sie perfektionieren Methoden der Täuschung, sie bauen glitzernde Fassaden auf, suchen Sündenböcke, wenn mal etwas schief geht, hauen andere in die Pfanne und erfinden für dieses Ego-Management nette Fantasie-Namen wie Agiles Management, Shareholder Value oder Scorecard-Leadership-Schnick-Schnack. Sie landen in der Falle der Maßlosigkeit und der Selbstüberschätzung. So wollten die Google-Gründer nach einem Jahr ihr Unternehmen für eine Million Dollar verkaufen, aber dem potenziellen Käufer war der Preis zu hoch und der Deal platzte. Weil jede folgende Entscheidung des Suchmaschinen-Giganten mehr oder weniger positiv ausging, deutet die Geschichte auf ein beinahe makelloses Vorauswissen hin – „aber Pech hätte jeden einzelnen der erfolgreichen Schritte zunichtemachen können“, bemerkt Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman.

Die Aura der Unbesiegbarkeit und des Heldentums im Management ist in Wahrheit ein Werk der Göttin Fortuna. In der Rückschau neigen wir zu Scheinkorrelationen, die sich bei eingehender Betrachtung als Hirngespinst herausstellen. Die meisten Vorstandschefs beeinflussen den Erfolg ihres Unternehmens nur minimal. Das interessiert aber die Konstrukteure von Geschichten über Sieger oder Verlierer nur minimal. Das gilt vor allem für den Wirtschaftsjournalismus und für die PR-Einflüsterer. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass sich Menschen in Flughafenbuchhandlungen anstellen würden, um ein Buch zu kaufen, das euphorisch die Methoden von Topmanagern beschreibt, deren Leistungen im Schnitt nur geringfügig über der Zufallsrate liegen. Die Öffentlichkeit lechzt nach eindeutigen Botschaften über die bestimmenden Faktoren von Erfolg und Misserfolg im Wirtschaftsleben, und sie brauchen Geschichten, die ihnen Sinnzusammenhänge vermitteln, auch wenn sie noch so trügerisch oder verlogen sind. Krampfhaft versuchen die „Siegertypen“ des politischen und wirtschaftlichen Systems, ihre Handlungen und Intentionen umzuschreiben. Da werden Ursachen den Wirkungen zugeordnet, obwohl es diesen Zusammenhang gar nicht gibt. Höchste Zeit, dieses Regime der Selbstüberschätzung zu sabotieren und zu ignorieren. 

Innovative Unternehmen, die Rolle des Staates und die Kompetenz beim Erkennen von Innovationen

Forschungen zeigen, dass Gegenden mit vielen kleinen, innovativen Unternehmen und Neugründungen, die etablierte Organisationen bedrängen und vom Markt fegen, langfristig erfolgreicher sind und mehr Arbeitsplätze schaffen sowie erhalten als solche mit wenig innovativen Unternehmen. Philippe Aghion, Céline Antonin und Simon Bundel haben das auf den Spuren der Theorien von Joseph Schumpeter untersucht. Sie stellen fest: Es gibt eine positive Korrelation zwischen den beiden Messgrößen. „Die amerikanischen Bezirke mit den höchsten Raten bei der Schaffung und Vernichtung von Arbeitsplätzen waren im Durchschnitt auch die Bezirke, die zwischen 1985 und 2010 die meisten neuen Patente hervorgebracht haben. Diese Daten umfassen mehr als 1.100 Bezirke, und die Korrelation beträgt 0,456. Diese Korrelation ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass die innovativsten Unternehmen die kleinen, jungen Unternehmen sind, die auch die meisten Arbeitsplätze schaffen und vernichten. Je größer das Unternehmen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es innovativ ist. Darüber hinaus sind die Innovationen kleinerer Unternehmen radikaler und bedeutender als die größerer Unternehmen. Das Paradigma der schöpferischen Zerstörung löst eine Reihe von Rätseln im Zusammenhang mit dem Wachstum“, schreiben die drei Autoren in ihrem Opus „The Power Of Creative Destruction“. Nachzulesen in dem Beitrag „Schumpeter revisited: Die Kraft der kreativen Zerstörung“.

Welche Ableitungen kann man auf dieser Grundlage für die Wirtschaftspolitik machen? Die drei Autoren haben sich auch damit beschäftigt. Eine zu starke Exekutive könne in Richtung Autokratie abdriften, Korruption zum Nachteil von Innovationen erzeugen und so den Wohlstand eines Landes schwächen. „Genauso wie es ein optimales Maß an Wettbewerb gibt, das Innovation und Wachstum fördert, gibt es auch ein optimales Maß an Exekutivgewalt. Zu wenig Exekutivgewalt kann die Fähigkeit des Staates zur Durchführung von Reformen lähmen; zu viel Exekutivgewalt kann zu einer ‚illiberalen Demokratie‘ oder zu Autokratie führen. Der optimale Kompromiss zwischen zu viel und zu wenig Macht hängt von Überlegungen wie der Bedeutung von Reformen einerseits und dem Risiko und den Kosten von Enteignungen andererseits ab. In Kriegszeiten, in einer Krise oder bei dringendem Reformbedarf ist es wünschenswert, der Exekutive mehr Macht zu geben. In normalen Zeiten ist es jedoch vorzuziehen, die Macht der Exekutive zu begrenzen.“ Werde die Macht der Exekutive nicht begrenzt, werden die etablierten Unternehmen wahrscheinlich ihre Renten nutzen wollen, um den Markteintritt neuer, innovativer Unternehmen zu verhindern, und sie werden zu diesem Zweck Lobbyarbeit bei den politischen Entscheidern betreiben. Je ungezügelter die Macht der Exekutivbeamten sei, desto größer ist die Versuchung für Unternehmen, sie zu beeinflussen oder sogar zu bestechen.

In ihrem Buch „Why Nations Fail“ verweisen Daron Acemoglu und James Robinson auf Beispiele, in denen amtierende Beamte Wachstum blockierten, weil sie befürchteten, dass die daraus resultierende schöpferische Zerstörung ihre Macht gefährden würde. „So wurde im Osmanischen Reich die erste Druckerpresse erst 1727 zugelassen, mehr als 300 Jahre nach ihrer Erfindung durch Gutenberg. Ziel war es, die Verbreitung neuer Ideen einzuschränken, indem eine niedrige Alphabetisierungsrate gewährleistet wurde, die bis 1800 tatsächlich unter 3 Prozent der Bevölkerung blieb. Die Autoren verweisen auch auf das Spanien des 15. Jahrhunderts, wo der Handel mit den neuen amerikanischen Kolonien unter der strengen Kontrolle eines Zunftwesens stand“, schreiben Aghion, Antonin und Bundel.

Das wäre ein Blick auf die volkswirtschaftliche Ebene. Betriebswirtschaftlich sind Erkenntnisse von Lysander Weiß und Lucas Sauberschwarz interessant: Innovation sei Hochleistungssport. Und der ist geprägt von Freiraum UND Vorgaben:

„Dass diese Kombination im Arbeitsumfeld tatsächlich erfolgversprechend ist, zeigt eine groß angelegte Studie unter 4.195 Personen aus 41 Geschäftsbereichen in zehn multinationalen Unternehmen. Dabei wurde der Grad an Alignment und Autonomy der verschiedenen Einheiten bestimmt und deren Leistung gemessen. Das Ergebnis: Eine (selten so klare) Korrelation zwischen den Organisationseinheiten mit hohem Alignment und hoher Autonomy („agile Organisation“) und hoher Leistung.“

Arbeitsumgebungen können dabei schnell in unerwünschte Gefilde abdriften:

  • Instrumente, welche für hohe Zufriedenheit, aber nicht für hohe Leistung sorgen, führen zu einer sog. „Country Club-Umgebung“, in der es zwar allen Mitarbeitenden gut geht, jedoch wenig Ergebnisse erzielt werden.
  • Instrumente, welche für hohe Leistung, aber nicht für hohe Zufriedenheit sorgen, führen zu einer sogenannte „Burnout-Umgebung“, in der kurzfristig gute Ergebnisse erzielt werden, diese mittelfristig jedoch stark abfallen, da Mitarbeitende ausbrennen oder abwandern.
  • Wenn weder für hohe Zufriedenheit noch für hohe Leistung gesorgt wird, besteht die Gefahr einer Niedrigleistungsumgebung, in der es niemandem wirklich gut geht, und auch kaum Ergebnisse erzielt werden.

Die von Jesko Dahlmann erforschten Innovatoren zeichnen sich zudem durch Kompetenz aus. Sie glänzten durch ein sicheres Urteilsvermögen in ihrem Fachgebiet und konnten bei der Anwendungen von Erfindungen die richtigen Entscheidungen treffen. Eine gute Ausbildung und die Nähe zur Wissenschaft seien unabdingbar, schreibt Dahlmann in seiner Forschungsarbeit „Das innovative Unternehmertum im Sinne Schumpeters: Theorie der Wirtschaftsgeschichte“. Dazu zählt er auch die räumliche Nähe zu Universitäten, Forschungsinstituten und den Informationsaustausch zwischen Innovatoren und Inventoren. Die fachliche Expertise und den Erfindungsreichtum anderer Menschen wirtschaftlich nutzbar zu machen, sei eine Fähigkeit, die von Schumpeter besonders hervorgehoben wurde. Die ist bei vielen Kompetenz-Simulanten aber häufig gar nicht vorhanden. Da stehen sich auf der Seite der Auftraggeber und der Auftragnehmer technologische Blindfische gegenüber. Von denen habe ich in meinem Berufsleben schon viele kennengelernt.

Wolf Lotter hat das gut auf den Punkt gebracht:

#Vaude verlässt TwitterX und prüft Verbleib auf Tiktok

„Unser Rückzug von X sowie der Social Media Werbestopp“. So titelt Manfred Meindl von Vaude auf LinkedIn. Und er schreibt:

„Twitter, eine der Plattformen, mit denen ich einst als Nutzer und Kommunikator aufgewachsen bin, hat sich gewandelt. Das ist (nicht nur für mich) emotional schmerzhaft aber die zunehmende Verbreitung von Desinformation, Hassrede und Rassismus unter der Leitung von Elon Musk, insbesondere durch die Wiederzulassung kontroverser Accounts wie jene der Identitären Bewegung und die Unterstützung rechtsextremer Figuren wie Martin Sellner, widerspricht allem, wofür wir stehen. Ein Unternehmen muss sich fragen: Kämpfen wir weiter auf einer Plattform, die sich so stark von unseren Werten entfernt hat, oder ziehen wir uns zurück, um unsere Prinzipien zu wahren? Wir bei VAUDE haben uns für den Rückzug entschieden.“

Man könnte auch sagen: Unter jedem Dach ein Ach. Alle privatisierten Öffentlichkeiten sind problematisch. Bei allen findet man kritische Punkte. Werbestopp ist ok. Aber TwitterX zu verlassen wegen Musk, halte ich für diskussionswürdig. Bei allen Vulgärkapitalisten, die Träger von Social-Web-Plattformen sind, gibt es einiges zu bemängeln: Von Mark Zuckerberg bis Evan Spiegel. Und im unternehmerischen Kontext wird man auch bei anderen Firmen fündig, wenn man genauer hinschaut. Siehe auch: https://lnkd.in/gk88qBkx Und bei Tiktok mischt Vaude weiter kräftig mit? Schöne Grüße an die KP-China, die Tiktok in China nicht zulässt. Mit Wolf Lotter habe ich darüber ausführlich gesprochen.

Als Replik postet Meindl folgenden Kommentar: „wie schon geschrieben, ich kann absolut nachvollziehen, dass andere Marketing-Entscheider für ihr Umfeld zu anderen Entscheidungen kommen … In unserem Fall haben wir das gründlich angeschaut, abgewägt und entschieden. … würde daher logischerweise sagen, dass ich es nicht für falsch halte. 😉 Bei Twitter vs dem Rest muss man auch anerkennen, dass es meines Wissens die derzeit einzige der großen Plattform ist, die sich nicht an die DSA halten will/kann und deshalb auch eine Prüfung am Hals hat.“ https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_23_6709

@vaudesport Nächstes Mal dann mit einem Radler 😉🍻#ichhabnochnie #neverhaveiever #wandern #hiking #trekking #wandernmachtglücklich #ceo #viral #outdoor #vaude ♬ FEEL THE GROOVE – Queens Road, Fabian Graetz

Äh und was schrieb der Spiegel vor ein paar Wochen: Die EU habe laut ein Verfahren gegen Tiktok eingeleitet. Das berichtet der Spiegel unter Berufung auf einen Schriftverkehr zwischen EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton und dem FDP-Europaabgeordneten Moritz Körner. Die Kommission habe „konkrete und belastbare Hinweise“ gefunden, dass die chinesische Plattform gegen den Digital Services Act (DSA) der EU verstoße, schrieb Breton demnach. Die Kommission habe deshalb am 19. Februar „ein förmliches Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet“, zitiert der Spiegel den Kommissar. Der FDP-Politiker hatte die Kommission zuvor auf eine US-amerikanische Studie hingewiesen, die zu dem Ergebnis kam, dass TikTok wahrscheinlich „systematisch Inhalte fördert oder zurückstuft, je nachdem, ob sie mit den Interessen der chinesischen Regierung übereinstimmen“, wie Körner schrieb. Der Brief und die Studie hätten „unsere vollste Aufmerksamkeit erhalten“, hieß es in einer Antwort von Breton.

Gerade kam dann noch eine Antwort von Meindl:

„prüfen wir genauso wie andere Themen auch. 🙂 sollten wir bei Tiktok zum selben Schluss kommen wie bei X. Dann kann das auch eine Konsequenz sein. … ich sehe das komplett unemotional und sachlich.“

Mal schauen, welche Social-Web-Plattformen dann noch übrig bleiben. Sohn@Sohn können gerne noch nachschieben, was die Silicon-Valley-Vulgärkapitalisten auf anderen Diensten so treiben. Etwa im Open-Source-Umfeld, wo Investitionen verschleiert und Spenden nicht transparent dargelegt werden.