
Wettbewerb und wirtschaftliche Freiheit sind das normative Fundament der Sozialen Marktwirtschaft. Nur eine funktionierende Wettbewerbsordnung verbindet Wachstum mit sozialer Gerechtigkeit. In Zeiten tiefgreifender Umbrüche muss dieser Kern aktiv verteidigt werden: Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Innovation und Wohlstand. Die soziale Komponente verlangt zugleich, dass staatliche Rahmenbedingungen Fairness garantieren. Ein klares Wettbewerbsregime bildet so das „Salz in der Suppe“ einer gerechten Wirtschaftsordnung.
Reiche räumt auf: Agenda 2030 und marktwirtschaftlicher Reformkurs
Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche umriss auf dem Symposium eine Art Agenda 2030 für Deutschland. Im Geiste Ludwig Erhards proklamierte sie: „Mehr Wettbewerb, weniger Staat“. Sie skizzierte fünf Leitlinien, um die Wirtschaft wieder „in Fahrt“ zu bringen.
- Mehr Freiräume und Eigenverantwortung
- Tragfähige Staatsfinanzen (Schuldenabbau)
- Verbesserte Aufstiegschancen und Bildungschancen
- Verzahnung von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
- Starkes europäisches Teamplay
Dabei forderte Reiche einen konsequenten Entbürokratisierungs‑ und Deregulierungs‑Kurs: Die staatliche Steuerung „bis ins allerkleinste Detail müsse ein Ende haben“. Subventionen sollen „rückwirkend auf den Prüfstand“ und Förderprogramme strikt auf ihre Wirksamkeit hin gestutzt werden. Energiepolitik müsse marktwirtschaftlicher gestaltet und Kosten gesenkt werden. Insgesamt betonte die Ministerin, Deutschland brauche einen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel – weniger kleinteilige Planung, mehr Wachstumsanreize. Mit anderen Worten: Die Regierung signalisiert, mit der Heckenschere statt der Kettensäge zu schneiden – gezielt reformieren statt radikal umstürzen.
Wettbewerb stärken statt Protektion: Haucaps ordnungspolitische Lektion
Der Wettbewerbsökonom Prof. Justus Haucap mahnte in die gleiche Richtung: Statt neue Sonderrechte zu gewähren, müsse der Wettbewerb überall gestärkt werden. Er stößt sich etwa am geplanten Besonderen Schutz für Apotheker und warnt, dass solche Sonderregelungen kontraproduktiv seien. Deutlich positiver bewertet Haucap dagegen Vorstöße zu mehr Wettbewerb in Bereichen wie Post, Bahn und Energie. Sein Credo ist ordnungspolitisch klassisch: Marktöffnung und Konkurrenzdruck statt Protektionismus. Damit liegt er ganz auf Reiches Linie, denn echte Dynamik entsteht nur, wenn Unternehmen miteinander konkurrieren können. Praktisch heißt das: Monopolen und Staatskonzernen auf die Finger schauen, Marktzutritt erleichtern und Privatisierungen dort vorantreiben, wo der Staat zum Wachstumshemmnis wird. Haucap mahnt also eine marktorientierte Reformökonomie an, die sich von Erhards Grundregeln leiten lässt.
Resilienz als Gärtnerarbeit: Brunnermeiers Metapher
Der Internationale Finanzökonom Markus Brunnermeier brachte das Bild eines Gärtners ins Spiel: Eine widerstandsfähige Wirtschaftspolitik müsse behutsam, nicht zerstörerisch sein. Die Metapher lautete sinngemäß: Anstatt mit der Kettensäge radikal alles abzuschneiden, sollte man mit der Heckenschere gezielt trimmen und den Boden düngen. In der Analogie kultiviert der Gärtner den Garten – er pflanzt Vielfalt, beseitigt nur verkorkstes Wachstum und stärkt das Ökosystem Dieses Bild war in Zeiten geopolitischer Spannungen und mehrfacher Krisen zentral. Es steht für ein Maßhalten: Eingriffe und Reformen sind nötig, aber in Maßen. Brunnermeier warnte implizit davor, ökonomische Risiken vollständig auszuschließen – die Krisenresistenz wächst nicht durch Abschottung oder Extremschnitte, sondern durch kluge Diversifizierung und Stabilitätsmechanismen. Seine Botschaft: Pflegen wir unseren wirtschaftlichen „Garten“ sorgfältig, sonst büßen wir langfristig an Prosperität.
Sondervermögen: Pflaster oder Wachstumstreiber?
Der neue Sondervermögenstopf „Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK) soll Milliarden für Verkehr, Bildung, Digitalisierung und Forschung mobilisieren. Rein technisch könnte er enormes Wachstumspotenzial freisetzen. Doch bisher gleicht er eher einem kurzfristigen Pflaster: Der Bund nutzt den Topf teils, um Haushaltslöcher zu stopfen, statt neue Projekte zusätzlich zu finanzieren. Anstatt echten Investitionszuwachs ermöglicht das Sondervermögen kaum zusätzliche Hebelwirkungen – es transferiert nur Gelder aus dem normalen Etat. Das unterhöhlt das ohnehin hohe Investitionsdefizit. Branchenkenner warnen, dass SVIK ohne klare Zusätzlichkeit nur eine „Stimmungsaufhellung“ bleibt, die über strukturelle Reformschwächen hinwegtäuscht. Was zu tun ist, liegt auf der Hand: Die Mittel müssen stringenter verwendet werden – weg von Pauschalhaushaltsauflagen, hin zu konkreten, nachhaltigen Großprojekten. Investitionen sind nötig, aber nur wenn sie Produktivitäts- und Innovationskapazitäten stärken (z.B. Netzausbau, KI, erneuerbare Energiequellen). Einfaches Geldausgeben kann keine Dauerlösung sein – ohne tiefgreifende Entbürokratisierung bleiben Milliarden wirkungslos.
Globales Gerangel um Wirtschaftsmodelle
Deutschland steht zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite propagieren Tech-libertäre wie Elon Musk und Argentiniens Präsident Javier Milei radikale Kürzungen: Mit der Kettensäge treten sie an (symbolisch gesehen) und wollen Staatsausgaben und Bürokratie stutzen Auf der anderen Seite gibt es staatsdirigistische Ansätze, etwa von US-Politiker Zohran Mamdani, der als demokratischer Sozialist Mietendeckel, kostenlosen Nahverkehr und Kinderbetreuung durch höhere Spitzensteuern fordert. Beide Modelle haben in jüngster Zeit Zulauf: Die einen versprechen frischen Aufbruch durch „freiheitsfixierte“ Reformen, die anderen soziale Gerechtigkeit durch staatliche Allokation. Die deutsche Soziale Marktwirtschaft muss sich da positionieren – nicht im Gleichschritt hinter ideologische Extremen her. Sie braucht weder einen Überwachungsstaat noch eine Enthemmung der Märkte. Stattdessen gilt es, international zu vermitteln: Zwischen den Prophezeiungen der Kettensäge-Ökonomik und den Utopien bürokratisch zentralisierter Planwirtschaft setzt man auf europäische Kooperation, faire Spielregeln im Welthandel und ethische Standards (etwa bei KI oder Lieferketten). Deutschland kann zeigen, dass Freiheit und Sozialstaat kein Gegensatz sind, sondern sich ergänzen: Eine exportorientierte Industrie neben einer handlungsfähigen Sozialversicherung, technologische Pionierleistungen neben Klimaengagement.
Heckenschere statt Kettensäge
Wirtschaftspolitisch konkret bedeutet das: Wir brauchen Wachstum durch Innovation und fairen Wettbewerb, jedoch durchdacht und nachhaltig. Fünf Schritte könnten den Kurs vorgeben: erstens bürokratische Hürden abbauen (Heckenschere statt Kettensäge), zweitens in Bildung und Zukunftstechnologien investieren (substanziell, nicht nur symbolisch), drittens den Sozialstaat klug reformieren (Anreize statt Überbürokratie), viertens Energie- und Infrastrukturkosten senken (marktwirtschaftlich und diversifiziert) und fünftens die europäische Zusammenarbeit vertiefen. Dabei darf man weder das Marktrad auf unkontrolliertem Tempo beschleunigen noch den Steuervogel mit einem allzu breiten Netz ersticken. Wettbewerb und Freiheit bleiben unser Kompass – als Gießkanne für Gemeinwohl und Motor für Wachstum. Jetzt geht es darum, den Garten der Sozialen Marktwirtschaft weitsichtig zu pflegen: gezielt schneiden, wo nötig düngen, und nicht alles über den Haufen werfen. Nur so kann Deutschland mit festem Wurzelwerk in den Böden von Freiheit und Verantwortung in die Zukunft wachsen.
















