Bonn im Schatten Luxemburgs – Ein Weckruf für den Kommunalwahlkampf #OBStichwahl

Es ist ein Satz, der mitten in den Wahlkampf schneidet: „Die Kaufkraft in Luxemburg liegt pro Kopf bei rund 41.000 Euro, im Rhein-Sieg-Kreis bei 26.000, in Bonn bei knapp 27.000. Das ist ein erheblicher Unterschied.“ Hermann Simon, Vater der Hidden Champions, hat damit eine Debatte eröffnet, die die Bonner Kommunalpolitik nicht länger umgehen darf.

Denn der Vergleich ist nicht aus der Luft gegriffen. Luxemburg zählt 653.000 Einwohner, Bonn und Rhein-Sieg zusammen 930.000 – also vergleichbare Größenordnungen. Und: Beide Regionen sind intellektuelle Kraftzentren. Bonn-Rhein-Sieg verfügt über sechs Exzellenzcluster, vier Max-Planck- und vier Fraunhofer-Institute – mehr als ganze Bundesländer vorweisen können. Luxemburg hingegen hat nicht die stärkeren Forscher oder klügeren Köpfe, wie Simon nüchtern bemerkt, „aber sie gestalten ihr System so, dass ein höheres Pro-Kopf-Einkommen herauskommt“.

Die schnelle Replik ließ nicht auf sich warten: Luxemburg sei eben eine Finanzhochburg, ein Sonderfall. Doch dieses Argument greift zu kurz. Erstens: Luxemburg hat sich bewusst in diese Rolle hineinentwickelt, es hat aus einer Schwäche – Kleinstaat ohne Industrie – eine Stärke gemacht. Zweitens: Bonn-Rhein-Sieg hätte ebenfalls die Chance, seine vorhandene Stärke – Forschung, Wissenschaft, internationale Institutionen – in Wertschöpfung zu verwandeln. Dass dies nicht geschieht, ist kein Naturgesetz, sondern politisches und unternehmerisches Versagen.

Simon bringt es auf den Punkt: „Wieso sind unsere Pro-Kopf-Einkommen dann nur zwei Drittel der Werte von Luxemburg?“ Die Antwort liegt nicht im Fehlen von Talent, sondern im Fehlen von Unternehmertum. Wo Luxemburger aus Steuergesetzen und EU-Institutionen einen Standortvorteil gemacht haben, verharrt Bonn in Strukturen und Fakultätsdenken.

Der Vorschlag von Hermann Simon ist ebenso pragmatisch wie radikal: eine Business School in Bonn, die Naturwissenschaftler und Informatiker zwingt, ein Jahr lang Wirtschaft zu studieren – wie am MIT oder in Stanford. Denn Wissen ohne Umsetzung bleibt akademische Fingerübung. Innovation entsteht erst, wenn Köpfe lernen, wie man Ideen am Markt durchsetzt.

Für den Kommunalwahlkampf bedeutet das: Die Frage nach der wirtschaftlichen Zukunft Bonns ist nicht technokratisch, sondern politisch. Wer Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister werden will, muss erklären, warum eine Region mit Weltklasse-Instituten sich mit Provinzeinkommen zufriedengibt. Luxemburg zeigt, dass selbst kleine Einheiten global mitspielen können – wenn sie eine klare Strategie verfolgen. Bonn zeigt bisher, wie man Chancen verpasst.

Die eigentliche Auseinandersetzung lautet daher: Wird Bonn zum intellektuellen Biotop ohne ökonomische Kraft – oder zur europäischen Modellregion, die Wissenschaft, Unternehmertum und internationale Sichtbarkeit verbindet? Die Wählerinnen und Wähler dürfen erwarten, dass die Kandidaten Antworten geben, die über Floskeln hinausgehen.

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