Es gibt keine Bastelanleitungen für Innovation

Welche Persönlichkeiten brauchen wir für Innovationen? brand eins-Autor Wolf Lotter hat auf der Kölner Fachmesse Zukunft Personal einige ins Spiel gebracht, die man möglichst meiden sollte.

Etwa Propheten, die es in Glaubensgemeinschaften, in der Dogmatik und in der Ideologie gibt. „Entweder Du machst mit oder Du landest in der Hölle. Ich bin gut und Du bist böse, hier ist mein Evangelium. Das sind die nicht sehr anschlussfähigen Damen und Herren, die in ihren Bubbles leben und den anderen die Welt erklären“, so Lotter.

innovate or die-Gelaber

Es sind Bühnenkünstler, die von Disruption und kreativer Zerstörung labern, aber Clayton M. Christensen oder Schumpeter nie im Original gelesen haben. Es sind alarmistische Lautsprecher, die vom Darwinismus schwadronieren, aber die Evolutionstheorie schlicht nicht verstehen. Als weiteren Vertreter der Innovationstypologie benennt Lotter den Eroberer. Er folgt dem Propheten auf dem Fuß und erklärt Innovationen zum Maß der Dinge. Religionskriege, ideologische Eroberungen aber auch die darwinistische Variante des „innovate or die“ sind sein Credo. „Wer sich nicht digitalisiert, ist von gestern und dessen Unternehmen wird sterben. Das sind die Sprüche, die wir kennen“, erläuterte Lotter auf der Keynote Arena der Zukunft Personal-Messe. Artificial Intelligence sofort einführen und zum Segen der Industrie erklären. Wer noch ein paar Fragen zur Sinnhaftigkeit hat, ist von vorgestern und hat nichts kapiert.

Fragen zur Intelligenz nicht erwünscht

Dass mit der Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Intelligenz noch nicht alles geklärt ist, sei dahingestellt. Auch das Rätselraten von Biologen und Neurologen bei der Erklärung von natürlicher Intelligenz darf die KI-Verkäufer nicht stören. „Alles nur Marketing-Geschwurbel“, kritisiert Lotter.

„Selbst Erfinder werden uns wohl nicht mit volkswirtschaftlich relevanten Sprunginnovationen beglücken. Sie verbohren sich in ihrem Fach“, so Lotter. Ihre Metamorphose endet im Fachidiotentum.

Ich habe Patente, also bin ich?

Das systematische und planmäßige Erfinden in Konzernen produziert nach Auffassung von Lotter zuverlässig eine Vielzahl an Patenten und Rechten. Deren Wirksamkeit ist allerdings fraglich, lieber FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger. Da helfen dann auch nicht Erbsenzählereien in irgendwelchen Studien zur KI-Forschung weiter. Lotter verweist auf die amerikanische Innovationsforscherin Rosabeth Moss Kanter. Sie bringt dieses Dilemma sehr schön auf den Punkt: Meistens folgen den großartigen Innovationsankündigungen mittelmäßige Ausführungen, die anämische Resultate nach sich ziehen. Irgendwann schlägt dann das Controlling zu. Moss Kanter nennt diese Vertreter „Innovations-Ersticker“. Welche Typologien sind besser?

Lotter nennt sie Erkenner und Ermöglicher. Also Persönlichkeiten, die Ideen aufsaugen, orchestrieren und kombinieren. Sie führen keinen Krieg gegen Talente, sie belohnen nicht Opportunismus, sondern Individualismus. Man darf gespannt sein, ob das die neue staatliche Agentur hinbekommt. Der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft sieht übrigens mp3 als deutsche Erfolgsgeschichte. Das sollten Altmaier und Karliczek noch einmal jenseits der Lizenzgebühren, die Fraunhofer kassiert, mit Reimund Neugebauer ausdiskutieren.

Ausführlich nachzulesen unter: @WolfLotter über die Formel-Rhetoriker auf den Bühnen der Digitalisierung

Über den Sprachmüll von Führungskräften

Unternehmensberater Felix Frei, Autor des Buches „Böse Worte“ wundert sich im Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger über den Sprachmüll, der in grossen Firmen den Arbeitsalltag vergiftet. Und es ist ja nicht nur der Sprachmüll, sondern auch eine teilweise sehr heuchlerische Management-Methodik, die vorherrscht. Manches mutet gar mittelalterlich an. Etwa die unternehmensöffentliche Bloßstellung von Mitarbeitern, auf deren Mitarbeit man verzichtet. Früher nannte man das Schand- und Ehrenstrafen. Ab dem 12. Jahrhundert eine beliebte Methode der Herrschenden, um die Fassade der „ehrbaren“ Bürger zu wahren. Wenn der Delinquent nicht geköpft, erhängt oder gevierteilt wurde, sollte er zumindest der Lächerlichkeit preisgegeben werden. 

Merkwürdig Vorgehensweise

Im harmlosen Fall sind es Leeformeln, die inflationär zur Anwendung kommen. „So ist heute überall von Agilität die Rede, die Führung soll agil sein, die Organisation, die einzelnen Mitarbeiter, das HR, die Software – was damit gemeint ist und wo Agilität gar nicht erwünscht ist, wird kaum je konkretisiert. Die Leute sind aber nicht blöd. Wenn alles agil oder nachhaltig oder innovativ sein soll, wenn Manager bei jeder Gelegenheit Disruption und Diversität heraufbeschwören, wird jedem klar, dass hier nur Schaum geschlagen wird“, erläutert Frei gegenüber dem Tagesanzeiger. Weniger lustig sind Euphemismen, die nur die vulgärkapitalistischen Rüpelmethoden kaschieren sollen. Etwa wenn von der Bedeutung des Humankapitals gesprochen wird und im gleichen Atemzug die Notwendigkeit von Sparmaßnahmen zur Sprache kommt.

„Wenn Begriffe zu sehr strapaziert werden, ist das ein Hinweis darauf, dass es in Wahrheit an dem mangelt, was da so krampfhaft heraufbeschworen wird. In vielen grossen Unternehmen wird auf peinliche Art und Weise Nähe zelebriert. Man duzt sich durchs Band, installiert nach amerikanischer Sitte das Feierabendbier in der Kantine, richtet Vergnügungsareale ein, alles ist kollegial, alle sind ein grosses Team von Kumpels und Quasi-Freunden“, sagt Frei.

Das könne so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen, so der Soziologe Dirk Baecker. „Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, so der Soziologe Dirk Baecker. Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“ oder reagiert mit innerer Kündigung.

Wie viel Heizdecken-Verkaufspotenzial steckt in den immer gleichen digitalen Warnbotschaften? #ichsagmalUpdate

Hamburger Fischmarkt Ende der 1950er Jahre – keine Heizdecken, aber dennoch ein tolles Bild. Mein Vater war ein sehr guter Hobbyfotograf.

Wenn digitaler Alarmismus zu Panikkäufen irgendwelcher Beratungsangebote oder Techniklösungen führt. Gespräch mit Andreas Seidel, Lehrbeauftragter SCM/Logistik, Hochschule Düsseldorf (HSD) University of Applied Sciences #ichsagmalUpdate. 

Am Donnerstag, den 7. Februar.

Einschalten und mitdiskutieren, um 12:10 Uhr.

Digitalisierung sollte Vernunftfortschritt sein und nicht Resultat einer (Massen-)Hysterie

Reine KI-Forschung werde nicht genügen, solange es keine entsprechenden europäischen Unternehmen gibt, die diese Forschung auch verwerten, schreibt CIO-Kurator Stefan Pfeiffer in seinem Blog. „Das sind aber die Akzente, die gesetzt werden müssen.“ Stefan verweist allerdings auf Carsten Knop, der in einem Kommentar davor warnt, „mit viel Geld das nachzubauen, was andere schon haben“. Es seien bessere Ideen notwendig. Etwa die Idee von Michael Seemann: So sollte sicher der Staat als Plattformbetreiber für Open Source positionieren. Die geballte Einkaufskraft der öffentlichen Hand könnte hier den Silicon Valley-Riesen Konkurrenz machen. Der Nachbau von Google & Co. wird nicht gelingen. Zudem sollten wir noch einmal genauer auf unsere Stärken schauen. Und die liegen nicht nur in der KI-Forschung, sondern auch in der KI-Anwendung. Das hat doch Professor Wolfang Wahlster vom DFKI in unserem Cebit-Livestudio deutlich gesagt:

„Wir haben 80 Spin-Off-Firmen generiert. Wir haben Firmenwerte von über einer Milliarde Euro generiert. Wir haben gerade in den vergangenen zwei Jahren Firmen für über 100 Millionen Euro verkauft.“

Bei vielen Digitalthemen sind wir schwach. Aber gerade in der Forschung und Anwendung von KI sind wir gut. Interessant ist die Reaktion von Andreas Seidel auf LinkedIn:

„Durch meine LinkedIn-Beiträge bekomme ich immer wieder weltweit Rückmeldungen von Experten und Unternehmern der Digitalbranche, die vielleicht nicht dem Nerd-Klischee entsprechen. Immer wieder höre ich von der starken, oft sogar vorbildhaften Wahrnehmung der deutschen Digitalisierung, schaue ich dann wieder auf die deutschen Beiträge, habe ich das Gefühl, dass hier gerade zwei verschiedene Filme parallel ablaufen.
Dann habe ich den Verdacht, dass man hier die Leute, die Politik, die Unternehmen zu Panikentscheidungen, zu Panikkäufen irgendwelcher Beratungsangebote oder Techniklösungen treiben möchte. Digitalisierung sollte ein Vernunftfortschritt sein und nicht Resultat einer (Massen-)Hysterie.“

Auch das ist ein diskussionswürdiger Zwischenruf. Man sollte bei vielen Evangelisten für digitale Transformation etwas genauer hinschauen. Wie viel Heizdeckenverkaufspotenzial steckt in den immer gleichen Warnbotschaften?

„Die Rhetorik auf den Bühnen und in den Wirtschaftsmedien ist kriegerisch. Etwa in der Wirtschaftswoche mit der Headline ‚Die Einschläge rücken näher’. Das tut der Sache nicht gut und führt in die Irre. So desolat ist der Status quo überhaupt nicht“, so der Mittelstandsexperte Marco Petracca.

Die Rückständigkeit sieht er eher in der Berater- und Agenturbranche. Wer ständig nur über Social Web-Anwendungen aus der Sicht von Privatkunden trällert, kommuniziert an der Bedarfslage und Lebensrealität der Wirtschaft vorbei. Ein Maschinenhersteller, der Sensoren einführt, in den Lieferketten auf Künstliche Intelligenz setzt und bei der Produktion auf komplexe Software angewiesen ist, könne mit dem
Beraterquatsch auf Selfie-Niveau nichts anfangen.

„Wenn da ein Heiopei um die Ecke kommt, der noch nie in der Fertigungshalle gestanden hat und irgendetwas von verpassten Chancen in der Digitalisierung absondert, ist das nicht sehr glaubwürdig“, kritisiert Petracca.

Es gebe zwar besonders im industriellen Mittelstand eine stoische Haltung, sich neuen Themen zu öffnen, aber die wird nicht aufgebrochen mit Beispielen aus der Privatkunden-Ecke. „Es gibt Sanitärausstatter, die ihren Kunden 3-D-Brillen geben, um neue Badezimmer virtuell betrachten zu können. So ein Mann will nicht die neueste Facebook-VR-Technik um die
Ohren gekloppt bekommen. Der denkt in kleineren Dimensionen.“ In der Netzszene werde aber immer nur das große Rad gedreht – von Storytelling bis 4K-Videos. Kleine- und mittelständische Betriebe könnten damit nichts anfangen.

„Viele Berater interessieren sich nicht für die Probleme und Herausforderungen, die Firmen haben. Die interessieren sich dafür, einen tollen Vortrag zu halten und selbst gefeiert zu werden. Das schafft man, wenn man über die fünf großen digitalen Unternehmen spricht, die es weltweit geschafft haben. Es sind aber die falschen Beispiele, über die gesprochen wird“, sagt Leadership-Stratege Ralf Schwartz. Man könne wunderschöne Konferenzen abhalten über die digitale Welt und über Unternehmen, die digital funktionieren. Also Apple, Amazon, Google, Facebook und Microsoft.

„Dahinter gibt es aber zigtausende Firmen, die es nicht geschafft haben. Auch im Silicon Valley. Über die redet keiner“, moniert Schwartz. Man könne die Big Five nicht imitieren, man kann von ihnen noch nicht einmal etwas lernen. „Man kann eigentlich nur sagen, ich vergesse alles, was ich über mein Unternehmen und über meinen Markt weiß und ich nehme mir ein weißes Blatt Papier und fange von vorne an“, empfiehlt Schwartz.