
Wer durch das digitale Dickicht unserer Gegenwart flaniert, merkt schnell, dass die Kanäle eng geworden sind. Die Luft riecht nach Konformität, die Bewegung ist getaktet, das Denken algorithmisiert. Es sei denn, man tritt zur Seite. Tritt aus. Nicht dramatisch. Nicht mit dem Knall eines Twitter-Ausstiegs. Sondern mit dem leisen, poetischen Rückzug eines Flaneurs, der die begradigten Straßen der Plattformordnung verlässt, um in einen schattigen Nebenweg zu biegen: ins Antiquariat, in die Langsamkeit, in das Nachdenken.
In ihrem Buch „Ästhetik des Ungehorsams“ setzen Albert C. Eibl und Jan Juhani Steinmann genau hier an. Sie rufen nicht zur Revolution auf, sondern zur Haltung. Sie fordern keine Abkehr vom System, sondern dessen Durchquerung im Modus des Freigangs. Ihre Helden: keine Aktivisten, keine Hashtag-Kämpfer, keine disruptiven Entrepreneure. Sondern Dichter, Leser, Spaziergänger, Gestaltverweigerer. Figuren mit Stil.
Wie etwa der Protagonist im Kapitel „Das Antiquariat“, der eine Schwelle übertritt – nicht nur physisch, sondern existenziell. „Ich wusste sofort, dass ich hier länger bleiben würde, als ich mir erlaubt hatte“, heißt es dort. Das Antiquariat ist ein Ort der Resonanzverzögerung, der entschleunigten Bedeutung. Hier wird nicht reagiert, sondern gezögert, gelesen, sinniert. Genau das ist bereits eine Form des Ungehorsams: Nicht mitzuspielen. Nicht zu klicken. Nicht sofort zu antworten.
Diese Form der Kontemplation erinnert an eine Sentenz von Jürgen Kaube: „Die Diktatur des Antiquariats“ – eigentlich als polemische Figur gedacht, lässt sich daraus eine Tugend gewinnen. Denn im Verweilen liegt Widerstand. Und im Zettelkasten liegt Weltverständnis. Ich selbst habe diesen Gedanken einmal weitergetrieben: Eine „Digitale Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit“ schwebte mir vor – ein Ort der Disputation, nicht der Deklaration. Der Fragmente, nicht der Formulare.
Thomasius, dieser akademische Störenfried der Frühaufklärung, veranstaltete universitäre Krawalle mit Lust. Seine „Monatsgespräche“ verbanden Satire mit Systemkritik, seine Lehrveranstaltungen waren unentgeltlich, seine Bibliothek öffentlich. Ein radikaler Gedanke, der ins Heute übertragen werden muss: Die Universität als Agora, nicht als Akkreditierungsfabrik. Die Wissenschaft als Geselligkeit. Die Theorie als Möglichkeit zur Störung.
Eibl und Steinmann denken ähnlich, aber literarischer. In „Leibniz im Exil“ erschaffen sie eine absurde Figur, einen Toten, der dennoch spricht. Der Satz „Ich bin nicht. Aber habe mich.“ hallt nach. Er ist Hermetik, Metaphysik, Parasit zugleich. Denn: Die Sprache lebt weiter – selbst, wenn der Sprecher abwesend ist. In dieser poetischen Chiffre liegt die eigentliche Sprengkraft des Textes.
Hier greift meine These vom parasitären Denken: Der Parasit nach Michel Serres ist kein Saboteur, sondern ein Störer zweiter Ordnung. Er sendet Rauschen. Er verlangsamt. Er bringt das System nicht zum Absturz, sondern zum Innehalten. Und dieses Innehalten ist der Beginn einer neuen Aufmerksamkeit.
Im Kapitel „Der Freigänger“ taucht er dann auf: die zentrale Figur. Weder Waldgänger noch Anarch. Kein Jünger’scher Held, sondern ein Antiheld mit Haltung. Der Freigänger ist „einer, der Wege kennt“ – Wege aus der digitalen Haftanstalt, wie es dort heißt. Er bezahlt bar. Trägt keine Smartwatch. Liest auf Papier. Liebt Kerzenlicht. Lebt die Störung.
Das ist keine Nostalgie. Das ist Stil als Widerstand. Ästhetik als Ungehorsam. Ein Konzept, das nicht nach Macht strebt, sondern nach Integrität. Kein Konsumverzicht, sondern Bedeutungssinn.
Im Kapitel „Ins Offene“ fragen die Autoren dann: „Ob wir Axt oder Eis sein wollen – dies ist eine der großen Fragen unserer Zeit.“ Eine starke Metapher. Axt: zerstörend, aktivistisch, laut. Eis: kühlend, verlangsamend, formend. Die Ästhetik des Ungehorsams entscheidet sich für das Eis. Für die langsame Erosion statt für den Knall.
Alexander Kluge hätte das gemocht. Seine Idee von den „Obertönen der Rebellion“ lebt genau in solchen Texten fort. Das Ungeheuerte, das Unfertige, das Sichverweigern im stillen Modus. Ich habe das oft gedacht: Man müsste weitermachen, wo die 68er nur die Grundtöne legten. Die Stadt gehört uns? Vielleicht. Aber noch mehr: Die Sprache. Die Theorie. Die Form.
Das Gespräch mit Eibl und Steinmann wird also keine Debatte über Tagespolitik. Sondern ein Versuch, Theorie zu bewohnen. Literarisch, widerständig, elegant. Wir werden flanieren – von Leibniz ins Exil, vom Antiquariat ins Offene, vom Zettelkasten in die Öffentlichkeit. Und dabei Rauschen erzeugen. Signale stören. Aber mit Stil.
Widerstand ist möglich. Und manchmal beginnt er in einem Satz, der sich weigert, lesbar zu sein.