Transformation ohne große Geste: Unfrieds Rezension von Nassehis Buch im Licht von Poppers Stückwerk-Sozialtechnik @peterunfried @ArminNassehi

Der Mensch ist nicht so! So beginnt Peter Unfrieds Rezension von Armin Nassehis neuem Buch, und der Satz trifft wie ein Vorschlaghammer. Nassehi, der Münchner Soziologe und Systemtheoretiker, seziert die große Geste der Veränderung, die nichts als eine Fassade ist. „Die Erde ist rund und Transformation dauert länger als 90 Minuten“, schreibt Unfried und hält uns den Spiegel vor. Seit Jahren beschwören wir die sozialökologische Transformation, doch es bewegt sich nichts – zumindest nicht in dem Maße, das notwendig wäre. Wir klagen, schimpfen, fordern, aber die Systeme bleiben starr. Union und SPD? Unbeirrt fossile Parteien. Wähler? Bleiben lieber in ihrer Komfortzone, statt sich dem Wandel zu stellen.

Armin Nassehi fordert uns auf, Transformation anders zu denken. Die „große Geste“ muss weichen einer differenzierteren Betrachtung der Gesellschaft. Diese besteht aus stabilen Teilsystemen – Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien – die zwar Halt geben, aber auch Veränderung erschweren. Ein Paradoxon der Moderne: Stabilität in einer Zeit der Krisen. Nassehi mahnt, dass die Gesellschaft keine Einheit ist, sondern ein Netzwerk unterschiedlicher, oft widersprüchlicher Systeme. „Die Gesellschaft“ gibt es nicht, sie ist ein Konstrukt unserer Phantasie. Wir sind kein monolithisches „Wir“, sondern eine Vielzahl von Individualisten mit eigenen Interessen und Lebensentwürfen.

Popper und die Stückwerk-Sozialtechnik: Genau hier setzt Karl Popper an. Seine „Stückwerk-Sozialtechnik“ ist eine Methode des vorsichtigen, schrittweisen Vorgehens. Keine revolutionären Umwälzungen, sondern kontinuierliches Herumbasteln, Versuch und Irrtum. Helmut Schmidt, der pragmatische Kanzler, war ein Verfechter dieses Ansatzes. Er wusste, dass Politik ein ständiges Navigieren auf offener See ist. „Es gibt keine tabula rasa. Wir sind wie Schiffer, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen zu können“, schrieb Popper.

Poppers Ansatz war nie radikal, sondern geprägt von Skepsis gegenüber großen, utopischen Plänen. Veränderung, ja, aber in kleinen, kontrollierten Schritten. „Man könnte vielleicht sagen“, bemerkte Popper bescheiden, „dass es da eine Anzahl gemeinsamer Gedanken gibt.“ Für Schmidt war das genug. In seinem Vorwort zu „Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie“ betonte er, dass große Reformen in einem einzigen Schritt Risiken bergen, die für Millionen von Menschen unkalkulierbar sind. Popper und Schmidt verband eine nüchterne, pragmatische Sicht auf politische Veränderungen. Kein Raum für ideologische Dogmen, sondern für flexible, anpassungsfähige Lösungen.

Die Gesellschaft der Vielfalt: Nassehi und Unfried sehen das ähnlich. Die Gesellschaft ist ein Mosaik verschiedener Interessen und Bedürfnisse. Eine funktional differenzierte Gesellschaft hat uns Freiheit, Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand gebracht. Sie ist keine autoritäre Struktur, sondern eine dynamische Ordnung, die durch die Vielfalt der Stimmen stabil bleibt. Unfried zitiert Nassehi: „Gesellschaftliche Praxis ist von Wiederholung und Selbstbestätigung geprägt.“ Wer Veränderung will, muss diese Realität anerkennen und in den Alltag der Menschen integrieren.

Abschied vom großen „Wir“: Die große Geste der Revolution, die Unfried und Nassehi kritisieren, ist eine Illusion. Sie fordert ein imaginäres „Wir“, das es nicht gibt. Die Idee, dass wir durch eine gemeinsame Anstrengung die Welt grundlegend ändern können, ist verlockend, aber unrealistisch. Stattdessen müssen wir anerkennen, dass die meisten Menschen konservativ sind, zumindest was ihre Alltagsrealität betrifft. „Fast alle Menschen sind konservativ“, schreibt Unfried, „sie brauchen Sicherheit, verlässliche Bindungen und Routinen.“

Transformation praktisch gedacht: Nassehi plädiert für eine Transformation, die sich in konkreten, praktischen Schritten vollzieht. Die „große Geste“ führt zu Resignation, weil sie die Komplexität und Beharrlichkeit der Systeme unterschätzt. „Gesellschaftliche Transformation muss sich praktisch ereignen“, betont Nassehi. Dies ist eine Lehre, die auch Schmidt von Popper übernommen hat. Stückwerk-Sozialtechnik bedeutet, dass Veränderungen nicht auf einmal kommen, sondern in kleinen, überschaubaren Schritten. „Arbeite lieber für die Beseitigung von konkreten Missständen als für die Verwirklichung abstrakter Ideale“, zitiert Rupps den negativen Utilitaristen Popper. Dies ist eine pragmatische und dennoch transformative Sichtweise.

Unfried, Nassehi und Popper in der heutigen Zeit: Die Dringlichkeit der Klimakrise und anderer globaler Herausforderungen verlangt nach Lösungen, die sowohl effektiv als auch umsetzbar sind. Die Idee, dass wir durch einen radikalen Wandel sofortige Ergebnisse erzielen können, ist trügerisch. Stattdessen müssen wir die Geduld und die Fähigkeit entwickeln, in kleinen Schritten voranzugehen und dabei ständig zu lernen und uns anzupassen. Dies ist die Essenz der Stückwerk-Sozialtechnik und der Schlüssel zu einer nachhaltigen Transformation.

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