
Die Versuchung trägt heute Maßanzug, fliegt ins All und wirbt auf LinkedIn: ein Beitrag über Faust, Freischütz und den Hunger nach Bedeutung – inspiriert von Thomas Frankes szenischer Lesung am 17. April in der Theatergemeinde Bonn.
Ein gut gekämmter Silicon-Valley-Manager, reich, schön und bereit, die Welt neu zu codieren – das ist der neue Faust. Nur trägt er keine Gelehrtenrobe mehr, sondern Hoodie und Aktienpakete. Der Teufel, das wurde bei der Lesung von Thomas Franke deutlich, hat sein Kostüm gewechselt. Er ist Investor, Heilsbringer, Technologie-Guru – und flüstert mit der Stimme Peter Thiels, Jeff Bezos’ oder Donald Trumps.
Franke schlug mit seiner dramatischen Stimme den großen Bogen durch die Literaturgeschichte des Teufelspakts. Und was da zum Vorschein kam, war eine Welt der Sehnsüchte, der Täuschungen, der kurzsichtigen Deals. Wer Macht wollte, verkaufte seine Seele. Wer Ruhm wollte, schwor der Wahrheit ab. Wer Bedeutung suchte, verließ das Ethische. Und das alles – wohlgemerkt – lange vor dem ersten Bitcoin, lange vor der Bezos-Rakete.

Die Parade der Paktierer
Wir hörten von Albertus Magnus, der mitten im Schnee ein Sommerbankett veranstaltete – durch Magie und Teufelslist. Ein PR-Coup avant la lettre, ein Naturgesetzbruch mit Applaus. Heute wäre er ein Tech-Investor, der in Davos das Wetter manipuliert und dabei lächelt wie ein Chatbot.
Es folgte Dr. Theophrast, der dem Teufel Aufträge erteilte wie ein überheblicher CEO seinen Praktikanten: Brücken bauen, Tunnel graben, Zeit und Raum ignorieren. Der Doktor als Projektleiter der Unmöglichkeit – ein Prototyp der disruptiven Visionäre, die Fortschritt verheißen, aber nur Schatten werfen.
Dann kam Tannhäuser, der in der Venusgrotte der ewigen Lust versank – um später, schuldbewusst, vor dem Papst zu stehen. Der aber, wie ein Algorithmus ohne Gnade, den Sündigen abweist: „Wie dieser dürre Stock nie wieder grünt, wirst auch du keine Gnade finden“. Und wie viele einstige Moralapostel fallen heute auf die Knie vor ihren eigenen Skandalen, nur um dann – Netflix-Verträge in der Tasche – in eine neue Venusgrotte der Eitelkeit zurückzukehren?
Der Schuss, der alles ändert: Der Freischütz
Besonders düster: die Geschichte des Freischützen von Johann August Apel. Ein junger Jäger, der mit Hilfe teuflischer Freikugeln sein Liebesglück und Karriereziel sichern will. Es ist eine Blaupause jener Glückssucher, die heute durch Motivationsseminare, Krypto-Versprechen und Coaching-Mythen geistern – bereit, jede Kugel abzufeuern, solange sie trifft. Und wehe, wenn sie einmal fehlgeht.
Der große Pakt: Faust
Der Höhepunkt der Lesung – wie könnte es anders sein – war Goethe. Nicht der schulische Osterspaziergänger, sondern der metaphysische Profiteur. Faust, dieser zerrissene Titan, will wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Doch er handelt nicht in Demut, sondern in Größenwahn. Mit Mephisto schließt er den Deal wie ein Start-up-Gründer: alles für sofortigen Erfolg.
Wie grotesk aktuell das klingt. Auch Peter Thiel, der erklärte Bewunderer römischer Imperien, träumt nicht von Gerechtigkeit, sondern von Unsterblichkeit, Suprematie, Singularität. Und wenn er in Silicon Valley mit seinen Paladinen den „ewigen Fortschritt“ beschwört, dann hallt Fausts „Verweile doch, du bist so schön“ durch die kalten Büros. Doch das Schöne ist hier nicht Erkenntnis – es ist Einfluss, es ist Image, es ist IPO.
Und Jeff Bezos? Der schießt mit Prominenten ins All, als sei die Himmelstür nun ein PR-Coup. Fausts Himmelfahrt wird zur Amazon-Inszenierung. Trump? Ein Präsident, dem man jede mephistophelische Maske zutraut. Täuschung, Hybris, Blendwerk – der Stoff der alten Pakte, heute auf TwitterX gestreamt oder Twitch
Und wir?
Franke zeigte an diesem Abend, wie tief das Motiv des Pakts mit dem Teufel in der abendländischen Kultur verwurzelt ist. Aber mehr noch: wie modern es ist. Denn heute braucht es keinen höllischen Boten mehr. Der Teufel trägt Turnschuhe, lächelt in Keynotes und nennt sein Labor „Moonshot Factory“.
„Teuflisch! Der Mensch und sein Bündnis mit dem Bösen“ – das war kein nostalgischer Literaturabend, das war ein Spiegel, ein Flammenbild, ein Faustschlag. Wer hinhörte, hörte seine eigene Stimme – flüsternd, fordernd, verführbar.
Und am Ende? Wird es hell – oder heiß?
„Der Worte sind genug gewechselt,
lasst mich auch endlich Taten sehn.“Faust hatte es eilig. Wir heute auch. Vielleicht zu sehr.
Am 28. Mai kann man Thomas Franke wieder erleben in der Bonner Theaternacht.
Siehe auch:
Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
„Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ – dieser Satz ist so berühmt, dass man fast vergisst, wie tückisch er ist. Denn er klingt wie eine Rechtfertigung im Nachhinein. Ein teuflisches Rebranding. Als würde Mephisto sich ins LinkedIn-Profil schreiben: Transformationsexperte mit Nebenwirkungen.
Aber was, wenn es keine dialektische Rettung gibt? Wenn das Böse nicht kreativ, sondern bloß bequem ist? Wenn es nicht zu Höherem drängt, sondern uns in der Illusion hält, dass jede Täuschung schon durch die Absicht entschuldigt sei?
Gerade in Zeiten der Tech-Verheißungen, in denen die Mephistos im Hoodie auftreten und mit der Sprache von Fortschritt und Disruption locken, sollte man diesen Satz noch einmal neu lesen – nicht als Entlastung, sondern als Warnung. Nicht alles, was in Bewegung ist, ist Evolution. Nicht jede Zerstörung schafft Raum für das Bessere.
Vielleicht wäre es an der Zeit, auch Mephistos PR-Agentur in die Schranken zu weisen.