Treu und Glauben – Das Gesetz, das uns trägt: Eine Karfreitagsbetrachtung

Es gibt Sätze, die wirken wie Gesänge aus einer alten Liturgie, obwohl sie aus weltlichstem Zusammenhang stammen. Einer dieser Sätze steht im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch, Paragraph 242: „Der Schuldner ist verpflichtet, die Leistung so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern.“

In einer Zeit, in der „Disruption“ zum Heilsbegriff geworden ist und moralische Werte sich oft in Compliance-Papiere verflüchtigen, klingt dieser Satz fast wie ein Gebet – leise, verbindlich, alt, aber nicht überholt.

Ein Grundgesetz ohne Orgelklang, aber mit geistlichem Kern

Rupert Felder, Arbeitsrechtler, Personalmanager und erfahrener Beobachter der betrieblichen Welt, hat in der „ZP Nachgefragt Week“ einen Gedanken ausgesprochen, der in den Tagen vor Ostern eine stille Wucht entfaltet: Dass dieses Gesetz – 125 Jahre alt – mehr ist als juristisches Regelwerk. Es ist die säkulare Schwester der theologischen Idee von Bund und Verantwortung.

„Treu und Glauben“ – das ist nicht bloß ein Vertragsprinzip. Es ist eine Erinnerung daran, dass Vertrauen nicht kontrolliert, sondern gewährt wird. Dass man handeln kann, ohne zu berechnen, was es bringt. Und dass Gemeinschaft nicht durch Regeln allein entsteht, sondern durch das aufrichtige Bemühen um das, was der Theologe Bonhoeffer „die Stellvertretung“ nannte: Eintreten für den anderen – auch dann, wenn es einen selbst etwas kostet.

Krisen, Kompromisse, Karfreitag

Felder spricht von multiplen Krisen: geopolitisch, ökonomisch, sozial. Er spricht von einer Zeit, in der viele meinen, der Lauteste habe recht. Und von einer Gesellschaft, die das Zuhören verlernt hat.

Das ist nicht bloß Diagnose – es ist eine säkulare Passionserzählung. In diesen Tagen erinnern Christen weltweit an das Schweigen des Gerechten, an das Verstummen der Wahrheit unter dem Druck der Macht. Doch Karfreitag war nie das letzte Wort. Er ist der Punkt, an dem alles auf der Kippe steht – zwischen Verzweiflung und Verwandlung.

Auch in der Arbeitswelt sind wir an diesem Punkt: Die Verrohung der Sprache, der Verlust gemeinsamer Werte, das Spiel mit Halbwahrheiten. Felder sagt: „Es kommt auf die Worte an.“ Und zitiert Gottfried Benn: „Am Anfang war das Wort – und nicht das Geschwätz.“

Der ehrbare Kaufmann und die christliche Ethik

Der „ehrbare Kaufmann“ – eine Figur aus dem Mittelalter – taucht bei Felder mehrfach auf. Einer, der seine Geschäfte „über den Tag hinaus“ führt, der nicht nur auf Rendite, sondern auf Verantwortung achtet. Auch das erinnert an christliche Vorstellungen vom guten Hirten, von Gerechtigkeit nicht nur als Ausgleich, sondern als Fürsorge.

Felder sagt: „Arbeitsverträge sind Verträge, die auf Treu und Glauben beruhen.“ Und man möchte hinzufügen: Sie sind, wie jede menschliche Bindung, nie nur formal – sondern existentiell. Wo Menschen sich verpflichten, ist immer ein Versprechen enthalten, das tiefer geht als das Kleingedruckte.

Der Kreuzweg der Führung

Karfreitag lehrt nichts über Karriereplanung, aber viel über das Wesen von Verantwortung. Es gibt Momente, da hilft kein Excel-Sheet, keine Strategiepräsentation. Nur das stille Wissen: Ich darf diesen Weg jetzt nicht abkürzen. Ich muss ihn gehen – für andere, für das Ganze.

Rupert Felder hat das auf weltliche Weise formuliert: „Manche Entscheidungen trifft man nicht, weil sie vorteilhaft sind, sondern weil sie richtig sind.“

Und vielleicht ist das die Botschaft dieses Karfreitags – jenseits von Kanzel und Konferenzraum: Dass es ein Gesetz gibt, das uns tragen kann. Wenn wir es nicht nur zitieren, sondern leben.

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