Jeff Dunham-Show statt „Wetten, dass“

Jedermann-TV beim StreamCamp in Köln
Jedermann-TV beim StreamCamp in Köln

Ich möchte jetzt eigentlich gar nicht so viel über die Absetzung der ZDF-Show „Wetten, dass“ schreiben. Da sind Blogger wie Richard Gutjahr viel besser im Thema. Beim Durchwühlen meines digitalen Archivs stieß ich aber auf Ausführungen des TV-Journalisten Ranga Yogeshwar, die er vor einigen Jahren beim Fachkongress in Nürnberg machte und die zum Niedergang von klassischen TV-Formaten sehr gut passen.

„Mit meinem neuen iPhone habe ich das Rechenzentrum meiner Studienzeit in der Hosentasche. Mit der WDR-Sendung Quarks & Co erreichen wir rund 500.000 Podcast-Downloads im Monat. Hier erreichen wir Größenordnungen, wo wir im normalen TV-Programm als öffentlich-rechtliche Anbieter zwar sehr viele jungen Menschen verlieren, aber durch die Hintertür im Internet wieder zurückgewinnen. Das zeigt sehr deutlich, mit welchem Tempo der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft. Wenn Sie das Gefühl haben, es ging in den vergangenen Jahren schnell, dann legen Sie den Gurt an: Es wird noch schneller“, so Yogeshwar.

Der betrachtende Astronom
Der betrachtende Astronom

Den Epochenwechsel machte der Wissenschaftsjournalist an zwei Bildern des Malers Vermeer fest, die im Abstand von einem Jahr entstanden. Das Werk mit dem Titel „Der Astronom“ aus dem Jahr 1668 zeigte noch eine Welt, in der Menschen etwas betrachten.

„Der Astronom wagt nicht, etwas zu verändern. Ein Jahr später entsteht ‚Der Geograph’, der aktiv gestaltet und am Fortschritt arbeitet sowie das Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Es gibt viele Kunsthistoriker, die sagen, dass es sich um ein Scharnierbild handelt. Es dokumentiert den gesellschaftlich-kulturellen Wandel dieser Zeit. Von einer kontemplativen Welt zu einer Epoche, die Dinge tut. Meine These ist, wenn Vermeer noch leben würde, müsste er heute ein drittes Bild malen, denn wir leben in einer Zeit, die wieder einem Scharnier entspricht“, sagte Yogeshwar in Nürnberg.

Vermeer: Der Geograph
Vermeer: Der Geograph

Fortschritt sei im 17. Jahrhundert noch sehr langsam verlaufen. Das war eine Geschichte, die von einer Menschengeneration zur nächsten übermittelt wurde. Das ist ein großer Unterschied zu heute. Jeden Tag werden weltweit 20.000 wissenschaftliche Abhandlungen publiziert, jede Minute gibt es irgendwo auf der Welt eine neue chemische Substanz, die synthetisiert wird, alle drei Minuten gibt es eine neue physikalische Erkenntnis. Und das Tempo legt zu“, prognostizierte Yogeshwar.

Noch nie zuvor sei derart viel erfunden worden. Das Telefon brauchte rund 100 Jahre, bis es sich durchsetzte. Auf ein Ferngespräch nach Indien wartete Yogeshwar früher noch 48 Stunden und wenn die Leitung zustande kam, mussten seine Eltern schreien, um sich verständlich zu machen.

„Das Internet wächst in einer Dynamik, die man nicht mehr verstehen kann. Wer meint, das Internet zu verstehen, liegt falsch. So hat die Distribution in der Musikindustrie einen Einbruch von 30 Prozent erlebt. Und man darf sich fragen, ob der Job des Verlegers ein Auslaufmodell ist. Die letzte ‚Wetten, dass‘-Sendung hatte gut elf Millionen Zuschauer (das waren noch die guten Zahlen von Tommy Gottschalk, gs) und zählt zu den Einschaltquoten-Champions. Die Jeff Dunham-Show ist viel bekannter. Sein Internet-Video ‚Ahmed the Dead Terrorist’ hat über verschiedene Internetkanäle allein in England 96 Millionen Downloads erreicht. Die Musik spielt nicht mehr bei ‚Wetten, dass’, die Musik spielt im Web“, meinte Yogeshwar vor knapp fünf Jahren.

Mit Diensten wie Apple TV, Watchever, Netflix oder Amazon wird sich der Niedergang des linearen Fernsehprogramms verstärken. Das TV-Gerät wird wohl auch in Zukunft im Wohnzimmer stehen – also der Bildschirm. Die Inhalte bestimmen aber nicht mehr ARD, ZDF und Co., die Inhalte bestimmen die Zuschauer selber.

Jeder ist sein eigener Programmdirektor.

Siehe auch:

Das Lagerfeuer wärmt nicht mehr.

Die hausgemachten Fehler bei „Wetten, dass“ dürfen allerdings auch nicht vernachlässigt werden.

Literatur-Lesung: Beratendes Gedicht-Fragment – Aktion: Mehr Literatur auf Youtube!

Ab heute jeden Tag ein paar Minuten Literatur auf Youtube.

Die Generation „V“ und Tipps für die Youtube-Suchmaschinenoptimierung @schleeh

Lasst uns das Werk teilen
Lasst uns das Werk teilen

In einem höchst lesenswerten Sammelband mit dem Schwerpunkt „SEO & Social Media im Einsatz“, mit der sympathischen Aufforderung des Hanser Verlages „Teilen ausdrücklich erwünscht“, hat sich auch mein Bloggercamp.tv-Kollege Hannes Schleeh verewigt.

Ab Seite 54 geht es natürlich um Youtube und Hangout on Air – so gehört es sich auch 🙂

Einen Trend wird man wohl nicht mehr bestreiten können:

„Videos auf YouTube zu schauen, ist bei meinen Kin- dern die zweithäufigste Beschäftigung im Internet. Da bekommt der Name Generation ‚Y‘ eine völlig neue Bedeutung. Noch haben die heutigen Teenager keinen Namen für Ihre Generation. Sie könnten aber eines Tages Generation ‚V‘ für Video oder Generation ‚M‘ für Mobil genannt werden“, schreibt Hannes.

Und das gilt nicht nur für junge Menschen, sondern auch für alte Knacker wie mich. Im Netz dominiert zwar noch die Verschriftung, wie es Wired-Autor Clive Thompson im Interview mit dem Internet Magazin skizziert.

„Wir schreiben so viel wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.“

Pro Tag werden im Netz rund 3,5 Billiarden Worte verbreitet. Tendenz steigend. Parallel sehen wir aber auch einen Anstieg von Videos und Fotos. Thompson sieht bei den Youtube-Videos einen klaren Unterschied zum klassischen Fernsehen:

„TV ist etwas, das für den Hintergrund entworfen wurde. Niemand schenkt dem Fernsehen die volle Aufmerksamkeit – außer das läuft gerade eine richtige Katastrophe. Bei Online-Videos entscheiden sich die Leute sehr bewusst dafür, hinzuschauen. Video, je nachdem, wie man es nutzt, ist also sehr mächtig.“

Entsprechend wichtig wird die Frage des Suchens und Findens von visuellen Inhalten. Und da kommt dann auch wieder die Verschriftung zum Zuge:

„Der erste Ansatz, um seine Videos im Netz auffindbar zu machen, ist der Titel. Ein guter Titel sollte zum einen Appetit auf das Anschauen des Videos machen und auf der anderen Seite möglichst exakt den Inhalt beschreiben. Die- sen Text kann die Suchmaschine lesen. Und genau wie man als Mensch vom Titel eines Buches auf den Inhalt schließt, wirken die beschreibenden Worte eines Video-Titels bei der Suchmaschine. Suchmaschinen-Experte Jens Altmann empfiehlt die wichtigsten Worte an den Anfang des Titels zu stellen, denn YouTube gewichtet die ersten Worte des Titels höher. Das Fokus-Thema muss also immer zuerst genannt werden“, so Hannes in seinem Buchbeitrag.

Unterhalb des Titels findet man die Beschreibung zum Video. Bei einem Hangout on Air wird der Titel von YouTube noch einmal in die Beschreibung eingetragen. Hier hat man die Möglichkeit, weitere Details zum Inhalt des Videos einzufügen. In die Beschreibung dürfen auch Hyperlinks auf andere Internetseiten eingepflegt werden. Immer sinnvoll, wenn man beispielsweise in dem eigenen Blog auf das Video eingeht.

„Wer es seinen Zuschauern und der Suchmaschine noch bequemer machen will, der fügt auch noch ‚Shownotes‘, also Informationen zu den Inhalten mit Sprungmarken ein. Sprungmarken generiert YouTube selbstständig als Links. Sie geben den anzuspringenden Zeitpunkt im Video nach dem Muster ‚hh:mm:ss‘ in der Beschreibung an. Daraus wird dann beim Abspeichern automatisch ein Link, mit dem Ihre Zuschauer direkt zu der angegebenen Stelle im Video springen können. Damit lässt sich ein etwas längeres Video für das Publikum kundenfreundlich in passende Segmente aufteilen“, weiß Hannes.

An das Ende sollte man am Besten eine kurze prägnante Beschreibung mit den richtigen Keywords oder Schlüsselwörtern setzen, unter welchen das Video auch in den Suchmaschinen gefunden werden soll.

„Direkt unter der Beschreibung befinden sich die Tags, zu Deutsch die Etiketten. Hier schlägt Ihnen YouTube schon zum Titel und zur Beschreibung passende Tags vor. Mit Tags kann die Suchmaschine den Inhalt Ihres Videos noch besser einordnen. Nicht übersehen sollten Sie die richtige Einordnung ihres Werkes in die von YouTube vorgegebenen Rubriken. Ein medizinischer Tipp, der unter Automobil eingepflegt ist, wird nicht so leicht gefunden werden. Besser man wählt dafür Gesundheit, Wissenschaft oder allenfalls noch Tipps und Tricks als passende Kategorie aus“, schreibt Hannes und verweist auf einen „Geheimtipp“:

Untertitel oder Transskripte!

„YouTube versucht schon während der Verarbeitung Ihres Films auf der Plattform den gesprochenen Inhalt in lesbaren Text umzuwandeln. Bei wenig Nebengeräuschen und einem sehr deutlich Hochdeutsch sprechenden Menschen gelingt das schon sehr gut. Bei einem Bayer mit fränkischem Akzent und häufigen ‚Ähms‘ sieht das Ergebnis nicht ganz so vorzeigbar aus. Aber Sie haben die Möglichkeit, das nachzubessern. Der Suchmaschinen-Experte empfiehlt schon beim Erstellen des Videos drauf zu achten, dass die Schlüsselwörter, unter welchen das Video später gefunden werden sollen, im gesprochenen Beitrag auch erwähnt werden. Damit kommen sie auch in das automatisch erstellte Transskript und dies dient dem Suchalgorithmus als Hinweis auf den Inhalt.“

Die Speech-to-Text-Funktion von Youtube ist allerdings noch ausbaufähig und kommt noch nicht einmal in Ansätzen an die Spracherkennungsrate von professioneller Diktiersoftware heran. Mit Nuance habe ich über dieses Problem gesprochen. Es wird wohl noch einige Zeit daher, bis ein entsprechender Transkriptionsdienst die nötige kontextuelle Verarbeitung von Sprache leistet mit einer Erkennungsrate, die weit über 60 Prozent liegt. Sollte Nuance da was auf den Markt bringen, würde die Software wohl durch die Decke gehen.

Aber das sei nur nebenbei bemerkt. Insgesamt bietet der Sammelband von Hanser ein breites Themenspektrum für die tägliche Arbeit im Social Web. Sehr löblich, dieses eBook kostenlos zu publizieren.

Siehe auch:

YouTube: frisches Design mit Fokussierung auf neues Menü rollt aus.

Vine und Chaos im #hangoutonair bei Bloggercamp.tv – mal schauen, ob sich dieser Videodienst in Deutschland durchsetzt.

Aufruf zur Seo Blogparade: Was hat sich für dich geändert?

Coca-Cola-Momentum – Mem-Apparatur für doppelte Aufmerksamkeit :-)

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Auf Facebook, Youtube und Co. wird gerade ein Werbefilmchen von Coca-Cola kommentiert und geteilt. Eine Mem-Apparatur für Aufmerksamkeit mit doppelter Wirkung. Eine genial einfache Idee, die filmisch super in Szene gesetzt wurde und gleichzeitig ein sympathisches Plädoyer für zwischenmenschliche Aufmerksamkeit 🙂

Einen ähnlichen Effekt erzielte bei mir der legendäre Sparkassen-Spot mit „Kuchen“.

Was steht denn bei Euch so auf der Mem-Hitliste?

Siehe auch:

Dog collars for everyone.

Battle 2014: Vom Tod des Dalli-Dalli-Fernsehens – Jeder ist sein eigener Programmdirektor

Dalli-Dalli

Um die Veränderungen in der Medienbranche einschätzen zu können, fordert Thomas Nowara von Schnittpunkt jedes Jahr einen Medienschaffenden zu einem Meinungs-Wettstreit heraus. Im Battle 2014 fiel die Wahl auf mich und ich habe die Herausforderung gerne angenommen.

Hier nun meine erste Steilvorlage für Thomas:

Webvideos haben sich in den vergangenen sieben Jahren zu einem Massenphänomen entwickelt, so Markus Hündgen aka Videopunk bei der Präsentation des neuen Buches “Einfach fernsehen” vom Grimme-Institut in Köln. Das sei kein Hype und das ist auch keine Internet-Blase, wie im Jahr 2000. Als Beleg für seine These verweist Hündgen auf die Popularität des Webvideopreises, der 2011 erstmalig vergeben wurde. Die Idee dabei: Webvideo kills the TV-Star.

„Eine Revolution von ganz unten. Zwei Jahre weiter – wir sind alle ein bisschen erwachsener geworden – spiegelt der Deutsche Webvideopreis den kulturellen Umbruch in der Gesellschaft wider. Gekürt werden die besten Werke und ihre Macher aus dem Vorjahr, eine Retrospektive fernab agentur-verseuchter Viral-Hits und medial-geschwängerter Schluckaufe. In den vier Monaten des Wettbewerbs 2013 nahmen fast eine Millionen Menschen teil. Sie reichten Lieblingsvideos ein, stimmten für ihre Favoriten – oder sich selbst (hat Konrad Adenauer ja auch gemacht, gs)”, schreibt Hündgen gemeinsam mit Dimitrios Argirakos für den Sammelband des Grimme-Instituts.

Die Autoren verweisen auf das Credo des amerikanischen Kulturwissenschaftlers Tom Sherman, der noch vor dem Youtube-Siegeszug ein radikales Umdenken forderte: Nicht nur sei der Zuschauer der neue Programmchef, er habe auch die Aufgabe, einem neuen Mediengenre neue Deutungen zu geben. Video müsse eine eigene Sprache finden, um sich von der TV-Vergangenheit zu emanzipieren.

Davon lässt sich auch Borja Schwember – in Webvideo-Kreisen als Dr. Allwissend bekannt – treiben. Er grenzt sich ein wenig von Katrin Bauernfeind ab. Sie mache im Fernsehen nichts anderes als im Netz. Ihre Web-Show war nichts anderes als klassische Moderation.

“Was viele Leute auf Youtube machen, ist ein bisschen mehr. Es ist die Interaktion und der Dialog mit dem Publikum. Was wir machen, ist mehr Social Media als Fernsehen.“

Ob die neuen technologischen Möglichkeiten wie Livestreaming, Google Glass oder OneShot-Videojournalismus auch von professionellen Fernsehjournalisten für neue Medienexperimente genutzt werden können, sieht Markus Hündgen kritisch. Warum stehen Fernsehen und die handelnden Personen vor dem Aus? Hündgen stört die Haltung vieler Akteure, Produktionen, die man für das Fernsehen nicht vermarkten kann, im Netz unterzubringen. Mit dem Netz müsse man anders umgehen:

„Das ist Social Media, wie Borja das sagt. Das begreifen viele dieser TV-Stars nicht. Sie meinen, jetzt mit Hangouts anzufangen oder irgendetwas zu twittern oder zum Twittern noch ein Team einzusetzen und halten das für einen starken Auftritt im Netz.”

Sie würden vielleicht ihre Fernseh-Reichweite ins Internet mitnehmen – mehr nicht. Am Ende des Tages passe das Mind-Set nicht zum Social Web. Das sei nicht kompatibel.

„Das ist auch nicht kompatibel zu einer neuen Generation von Medienproduzenten im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, wo das einfach nicht mehr zusammenpasst”, sagt Hündgen.

Damit setzen sich die Etablierten nicht auseinander. Es sei mehr als ein Handwerk, um Bewegtbild zu produzieren. Es sei eine andere Herangehensweise, eine andere Denke und ein anderes Feeling, die in der Webvideo-Bewegung zum Ausdruck kommt. Das würde den meisten professionellen TV-Machern abgehen. Was Markus ausführt, gilt sicherlich für die selbstgefälligen Großkaliber des TV-Geschäftes, nicht jedoch für TV-Journalisten wie Kai Rüsberg, die sehr offen sind für Medienexperimente.

StreamCamp Profi-Equipment
StreamCamp Profi-Equipment

Livestreaming als Experimentierlabor

Spannend dürfte es sein, was die Webvideo-Szene an neuen Formaten und Ausdrucksformen fürs Livestreaming an den Start bringt. Denn hier steht man noch in den Kinderschuhen, wie beim Start von Youtube vor sieben Jahren. Nicht nur der Mitherausgeber des Grimme-Buches Lars Gräßer zählt das zu den interessantesten Entwicklungen, die aktuell ablaufen. Auch Dr. Allwissend sieht das Livestreaming als Grundlage für experimentelle Webvideos. Die Technik biete tolle Möglichkeiten und auch aus dem kulturellen Blickwinkel heraus könnte da was entstehen – aber was genau, wird man noch sehen müssen.

Und genau hier sehe ich den wichtigsten Medientrend für 2014.

Selbst für bewegte Bilder, die live übertragen werden, steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau und ohne schweres technisches Gerät Fernsehen machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Streaming-Dienste wie Hangout on Air sind die technische Basis für Jedermann-TV.

Die massenmediale Bastion des klassischen Fernsehens ist vor der Eigendynamik der autonomen TV-Produzenten nicht mehr sicher. Was bewirkt die Graswurzel-Talkultur? Bislang wird ja das so genannte Social TV in der Kategorie des “Second Screen” gesehen – also als Begleitmedium für TV-Sendungen, wo etwa über Twitter „Wetten, dass” mit Markus Lanz hoch und runter kommentiert wird. In der Streaming-Wundertüte steckt mehr drin.

Zur Replik von Thomas nur eine kleine Randbemerkung, die ich im nächsten Beitrag etwas ausführlicher begründe: Ob nun das klassische Fernsehen sterben wird oder nicht, ist mir eigentlich egal. Das lineare Dalli-Dalli-Fernsehprogramm, bei dem die ganze Familie vor der Glotze hockte und einen Tag später am Arbeitsplatz über irgendeine Straßenfeger-Sendung sich die Köppe heiß redete, gehört der Vergangenheit an.

Webvideos, Livstreaming und die Graswurzel-Talkkultur #StreamCamp13 @grimme_akademie @videopunk

Vorstellung des Grimme-Buches "Einfach fernsehen"
Vorstellung des Grimme-Buches „Einfach fernsehen“

Webvideos haben sich in den vergangenen sieben Jahren zu einem Massenphänomen entwickelt, so Markus Hündgen aka Videopunk bei der Präsentation des neuen Buches „Einfach fernsehen“ vom Grimme-Institut in Köln.

Das sei kein Hype und auch keine Internet-Blase wie im Jahr 2000. Als Beleg für seine These verweist Hündgen auf die Popularität des Webvideopreises, der 2011 erstmalig vergeben wurde. Die Idee dabei: Webvideo kills the TV-Star.

„Eine Revolution von ganz unten. Zwei Jahre weiter – wir sind alle ein bisschen erwachsener geworden – spiegelt der Deutsche Webvideopreis den kulturellen Umbruch in der Gesellschaft wider. Gekürt werden die besten Werke und ihre Macher aus dem Vorjahr, eine Retrospektive fernab agentur-verseuchter Viral-Hits und medial-geschwängerter Schluckaufe. In den vier Monaten des Wettbewerbs 2013 nahmen fast eine Millionen Menschen teil. Sie reichten Lieblingsvideos ein, stimmten für ihre Favoriten – oder sich selbst (hat Konrad Adenauer ja auch gemacht, gs)“, schreibt Hündgen gemeinsam mit Dimitrios Argirakos für den Sammelband des Grimme-Instituts.

Die Autoren verweisen auf das Credo des amerikanischen Kulturwissenschaftlers Tom Sherman, der noch vor dem Youtube-Siegeszug ein radikales Umdenken forderte: Nicht nur sei der Zuschauer der neue Programmchef, er habe auch die Aufgabe, einem neuen Mediengenre neue Deutungen zu geben. Video müsse eine eigene Sprache finden, um sich von der TV-Vergangenheit zu emanzipieren.

Davon lässt sich auch Borja Schwember – in Webvideo-Kreisen als Dr. Allwissend bekannt – treiben. Er grenzt sich ein wenig von Katrin Bauernfeind ab. Sie mache im Fernsehen nichts anderes als im Netz. Ihre Web-Show war nichts anderes als klassische Moderation.

„Was viele Leute auf Youtube machen, ist ein bisschen mehr. Es ist die Interaktion und der Dialog mit dem Publikum. Was wir machen, ist mehr Social Media als Fernsehen.“

Ob die neuen technologischen Möglichkeiten wie Livestreaming, Google Glass oder OneShot-Videojournalismus auch von professionellen Fernsehjournalisten für neue Medienexperimente genutzt werden können, sieht Markus Hündgen kritisch.

Warum stehen Fernsehen und die handelnden Personen vor dem Aus? Hündgen stört die Haltung vieler Akteure, Produktionen, die man für das Fernsehen nicht vermarkten kann, im Netz unterzubringen. Mit dem Netz müsse man anders umgehen:

„Das ist Social Media, wie Borja das sagt. Das begreifen viele dieser TV-Stars nicht. Sie meinen, jetzt mit Hangouts anzufangen oder irgendetwas zu twittern oder zum Twittern noch ein Team einzusetzen und halten das für einen starken Auftritt im Netz.“

Sie würden vielleicht ihre Fernseh-Reichweite ins Internet mitnehmen – mehr nicht. Am Ende des Tages passe das Mind-Set nicht zum Social Web. Das sei nicht kompatibel.

„Das ist auch nicht kompatibel zu einer neuen Generation von Medienproduzenten im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, wo das einfach nicht mehr zusammenpasst“, sagt Hündgen.

Damit setzen sich die Etablierten nicht auseinander. Es sei mehr als ein Handwerk, um Bewegtbild zu produzieren. Es sei eine andere Herangehensweise, eine andere Denke und ein anderes Feeling, die in der Webvideo-Bewegung zum Ausdruck kommt. Das gehe den meisten professionellen TV-Machern ab.

Was Markus ausführt, gilt sicherlich für die selbstgefälligen Großkaliber des TV-Geschäftes, nicht jedoch für TV-Journalisten wie Kai Rüsberg, die sehr offen sind für Medienexperimente.

Spannend dürfte es sein, was die Webvideo-Szene an neuen Formaten und Ausdrucksformen fürs Livestreaming an den Start bringt. Denn hier steht man noch in den Kinderschuhen, wie beim Start von Youtube vor sieben Jahren. Nicht nur der Mitherausgeber des Grimme-Buches Lars Gräßer zählt das zu den interessantesten Entwicklungen, die aktuell ablaufen. Auch Dr. Allwissend sieht das Livestreaming als Grundlage für experimentelle Webvideos.

Die Technik biete tolle Möglichkeiten und auch aus dem kulturellen Blickwinkel heraus könnte da was entstehen – aber was genau, wird man noch sehen müssen. So sei Katerfrühstück ein Versuch, es anders als im Fernsehen zum machen. Was viele in den üblichen Talkshows abnerven würde, seien die immer gleichen Floskeln, die Politiker und Experten zum Besten geben. Das ist ein wichtiger Punkt, den Hannes Schleeh und ich als Macher von Bloggercamp.tv am Wochenende beim StreamCamp in Köln in einer Session diskutieren wollen. Natürlich gehen wir da auch noch ausführlich auf das neue Fachbuch des Grimme-Instituts ein.

Einen Vorschlag habe ich schon für Markus Hündgen: Eine gesonderte Kategorie Livestreaming-Videos für den Webvideo-Preis 2014 🙂

Man sieht und hört sich spätestens am Samstag und Sonntag beim StreamCamp13 im Kölner Startplatz. Es gibt noch Tickets für schlappe 20 Euro.

Siehe auch:

10 Bewegtbild-Thesen.

Technik-Experimente auf dem #StreamCamp13 in Köln @ruhrnalist

TV-Studio

Der Fernsehjournalist Kai Rüsberg – besser bekannt als @ruhrnalist – hat im Bloggercamp.tv-Interview demonstriert, wie man mit einfachen Mitteln Nachrichtenfilme aufnehmen kann. Er nennt das OneShotVideos, die mit dem Smartphone aufgenommen werden.

Der Einsatz einer Pausentaste, den man noch von Musikaufnahmen mit dem Kassettenrekorder kennt, ermöglicht kleine Ortswechsel und zeitraffende Einstellungen. Auf iOS-Geräten funktioniert das beispielsweise mit der App MoviePro.

Für den mobilen Einsatz also eine perfekte Lösung. Das funktioniert auch bei der Liveübertragung einer einzelnen Veranstaltung via Hangout on Air. Man braucht sich nur den Hangout-Link per Mail selbst zuschicken und öffnet die Session über verschiedene Geräte. Ich habe das heute mit einem alten iPhone und dem iPad 4 ausprobiert – es klappte problemlos. Die Bildqualität beim leistungsstärkeren iPad war natürlich um Längen besser.

Auf dem StreamCamp im Kölner Startplatz werden wir am 16. und 17. November noch viel mehr ausprobieren. Also eine gute Gelegenheit, um sich mit Session-Ideen auszutoben, Formatideen zu entwickeln, Geräte vorzustellen und im Dialog mit den Barcampern Erfahrungen auszutauschen. Es gibt noch Tickets.

Hersteller wie Logitech oder auch Händler sind ebenfalls herzlich willkommen, in Köln Geräte und Dienste vorzustellen.

Thomann hat leider abgesagt. Sie seien auf Musik fokussiert und das StreamCamp ist da eher uninteressant. Dabei geht es natürlich auch um Musik, um Gaming, um Mikrofone, um Live-Podcasting und, und, und. Schön blöd.

Fürs Podcasting haben die doch schöne Komplettangebote. Auch Livestreaming schreit nach solchen Paketlösungen. Vielleicht sind andere Fachhändler schlauer. Das StreamCamp ist die perfekte Bühne, um Geräte, Software und Dienste vorzustellen sowie testen zu lassen.

BoinxTV wird mit zwei Vertretern nach Köln kommen und die Software demonstrieren.

Heute Abend sind Hannes Schleeh und ich übrigens live beim Webmontag in Köln zugeschaltet, um das StreamCamp-Konzept zu erläutern.

Wie relevant mittlerweile Videos sind, demonstrieren die Zahlen, die Wiwo-Redakteur Michael Kroker veröffentlicht hat.

So habe YouTube in den USA bei den 18- bis 34-Jährigen bereits das Fernsehen abgelöst – die Google-Tochter erreicht in jener Gruppe mehr Nutzer als jeder Kabelnetzbetreiber.

NRW-Polizei macht sich zum Rap-Horst #Youtube

Generalverdächtigungspolitik
Generalverdächtigungspolitik

Ganz übel dieses locker daherkommende Video auf Möchtegern-Rap-Niveau. So cool seid Ihr nicht, werte NRW-Polizisten.

Erinnert sei an Eure Kampagne gegen vermeintliche Sprayer, die gleichzeitig als Drogendealer stigmatisiert werden. Siehe: Achtung, liebe Eltern! Ihr Kind ist vielleicht ein Hacker, Nerd oder noch schlimmer: ein Sprayer.

Oder wie steht es mit dem blitzenden Populismus – unterstützt von blitzsauberen Wutbürgern, die der Polizei Wutpunkte für die Verkehrskontrollen benennen konnten.

Die vielen Daumen runter auf Youtube habt Ihr Euch redlich verdient, liebwerteste NRW-Polizei.

Warum sich Call Center in der Weisheit der Vielen verflüssigen #StreamCamp

Wie berechenbar ist der Mensch?
Wie berechenbar ist der Mensch?

Egal, ob sich Big Data-Gurus als Welterklärer inszenieren, Social Media-Tool-Boys von der perfekten Steuerung der Internet-Nutzer schwadronieren oder die NSA aus Nutzerprofilen vermeintliche Terrorgefahren generiert, die niemand überprüfen oder verifizieren kann: Die zur Schau gestellten Gewissheiten über die Entwicklung des Netzes sind langweilig, überflüssig oder auch gefährlich (Stigmatisierung durch die NSA-Zahlendreher).

Wer tiefgründige Prosa lesen möchte, sollte sich das Matthes & Seitz-Bändchen „800 Millionen“ von Alexander Pschera besorgen und studieren. In schönster Prosa erschließt er das Wesen sozialer Netzwerke fernab von der lauten Ich-weiß-was-Geräuschkulisse der vermeintlichen Social Web-Insider.

Es geht Pschera um eine humane Sprache und nicht um die üblichen technischen Beschreibungen von Netz-Phänomenen. Soziale Medien sind eine poetische Konstruktion, die uns auf eine neue Ebene des Sprechens und des sozialen Miteinanders heben kann.

„Als bloße Mode wären die sozialen Medien etwas, das uns zufällt und wieder entfällt, etwas Beliebiges, das stets in sich selbst endet: Leerlauf des Gegenwärtigen, totale Immanenz. Vor allem: reiner Ich-Bezug.“

Es geht aber nicht um eine modische Opportunität, mit der man irgendwelche Begehrlichkeiten befriedigen kann – auch wenn das Online-Marketing-Bubis anders darstellen.

„Das soziale Netz der Interaktion ist nicht etwas, dem wir gegenüberstehen, sondern es ist ein sich allein durch unsere Aktivität ausdehnender Raum“, so Pschera.

Soziale Medien werden von einer Logik der Versprachlichung beherrscht. Alles, was ausgesprochen werden könne, kommt zur Aussprache. Die Netz-Anarchie der Privatsprachen zersetze den Code allgemeingültigen Sprechens. Das soziale Netz sei ein System der sozialen Unordnung – auch wenn das Tool-Freaks und NSA-Agenten wieder in eine Form der Ordnung bringen und mit ihren Zahlen-Friedhöfen irgendetwas erklären wollen.

„Die Bewegung der Netzkommunikation ist ein stetes Sagen, Weiter-Sagen, Kommentieren, Anfügen. Alles ist hier verflüssigt, nichts verhärtet sich zum Dokument“, so der Matthes & Seitz-Autor.

Das Social Web sei diskontinuierlich, unverbindlich und momentbezogen. Nichts schließt an anderes an, alles beginnt wieder von Neuem. In Anlehnung an die Zwitscher-Maschine von Paul Klee gibt es keine Mechanik des Zweckhaften. Bildhaft erinnert das an die Logik von Twitter. Es geht um das spontane Festhalten von Lebensmomenten und verhilft uns zu einem neuen Sprechen des Augenblicks. Das Netz ist eine unlesbare Textur von Millionen Autoren – auch wenn Zielgruppen-Marketing-Fliegenbeinzähler das Gegenteil insinuieren.

Schlaue Antworten über Twitter

Aus dieser unlesbaren Textur kann Idiotisches und auch sehr Intelligentes hervor scheinen. Es geht dabei nicht um die Klugheit der Masse, die als Schwarmintelligenz verklärt wird. Mit den Möglichkeiten der Vernetzung im Web erhöht sich allerdings die Wahrscheinlichkeit enorm, auf kluge und weise Menschen zu stoßen, die einen hilfreichen Beitrag zu einem Thema leisten können – ohne zentrale Steuerung, ohne skriptgesteuerte Kunden-Hotline-Dressur und ohne Zehn-Goldene-Regeln-für-den-Social-Web-Erfolg.

Es ist also weniger echte Weisheit gemeint, „sondern vielmehr ein implizites Wissen, das sich aus den miteinander vernetzten Handlungen vieler einzelner Menschen speist“, so Sascha Lobo in seinem Essay „Vom Wert der Vielen“.

Das Internet wirke wie eine verlängerte Wissenswerkbank. Eine konkrete Frage, in das soziale Netzwerk Twitter eingespeist, werde von der Verfolgergemeinschaft oft präziser und verständlicher beantwortet, als es eine Suchmaschine wie Google, Bing oder WolframAlpha je könnte – ab einer bestimmten Größe der vernetzten Gemeinschaft weiß immer irgendjemand die richtige Antwort. Erst die soziale Vernetzung und die dazugehörende Anerkennung – das soziale Kapital – machten die Suche erfolgreich. „Human Google“ laute daher ein augenzwinkernder, aber nicht unberechtigter Spitzname für Twitter.

Controlling-Schamanen mit Schwimmflügelchen

Man könnte soziale Netzwerke und die Welt der Controlling-Gichtlinge auch als Antipoden im Sinne von Hans Magnus Enzensberger definieren: Zufall versus Kalkül. Die Controlling-Gichtlinge zappeln hilflos in einem Meer der Ungewissheit und verkaufen der Öffentlichkeit ihre Kontroll-Schwimmflügelchen als stabile Garanten gegen die Gefahr des Ertrinkens. Sie sind die neuzeitlichen Schamanen, Wahrsager, Magier, Sterndeuter und Priester des Kalküls – sie sind die Wegbereiter zur Rationalisierung des Glücks. Sie sind die Apologeten, die das Ende des Zufalls einleiten und sich als Klatschbasen der Statistik verdingen. Lebensmotto: Was scheren mich meine Fehlprognosen von gestern – das rechnet doch eh keine Sau nach. Ziehen wir die Wissensanmaßung der Algorithmen-Jünger ab, bleiben eben nur die Plastik-Schwimmflügel übrig. Eine magere Ausbeute.

Wie groß ist da der Kosmos des Zufalls sowie das Prinzip von Versuch und Irrtum. Das ist kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern ein Denkanstoß für die Vorteile eines Netzes ohne zentrale Steuerung. Wer auf die Netzwerkeffekte und die Weisheit der Vielen setzt, erhöht die Optionen, um auf nützliches Wissen zu stoßen.

Bei meinem Sohn kann ich das sehr gut beobachten. Es gibt kaum noch ein Problem seines Alltagslebens, das er nicht über irgendein How to-Video in der zweitgrößten Suchmaschine namens Youtube löst. Etwa die Installation unserer Android-Spielekonsole OUYA, Bindungsprobleme seines Snowboards oder die Startfunktion eines RC-Modellautos. Weltweit geben Privatmenschen ihr Expertenwissen preis, um anderen Menschen zu helfen.

Unternehmen sind übrigens, so die Erfahrung des Youtube-Profis Andreas Graap, merkwürdiger Weise sehr zurückhaltend, entsprechende Videos für ihre Produkte ins Netz zu stellen. Und wenn Service-Abteilungen nicht in der Lage sind, auf die Netzwerkeffekte bei der Kundenbetreuung zu setzen, dann macht es eben Google mit dem Dienst Helpouts. Das geht vom Geigen-Unterricht bis zum Koch-Kurs – natürlich über Video-Chats.

Ausführlich bei Hannes Schleeh nachzulesen und Grund für den Titel meines Blog-Beitrages, den ich als Session-Thema auf dem StreamCamp in Köln vorschlagen werde.

Siehe auch:

Hangout on Air bleibt wohl das Schicksal von Google Reader erspart.

Barcamp am Bodensee und BGH #bcbs13 #youtube #framing

Das passt ja wie die Faust aufs Auge. Mit Oliver Gassner, der das Barcamp am Bodensee organisiert, habe ich über mögliche Themen gesprochen, die man vom 31. Mai bis 2. Juni möglicherweise diskutieren wird. Und da fiel natürlich auch die Frage nach dem Urheberrecht beim Einbetten von Youtube-Videos und den Konsequenzen der heutigen BGH-Entscheidung. War allerdings nur eine Randbemerkung.

Und schwupp kam die Pressemitteilung des BGH:

Der für das Urheberrecht zuständige I. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat dem Gerichtshof der Europäischen Union die Frage vorgelegt, ob der Betreiber einer Internetseite eine Urheberrechtsverletzung begeht, wenn er urheberrechtlich geschützte Inhalte, die auf anderen Internetseiten öffentlich zugänglich sind, im Wege des „Framing“ in seine eigene Internetseite einbindet.

Die Klägerin, die Wasserfiltersysteme herstellt und vertreibt, ließ zu Werbezwecken einen etwa zwei Minuten langen Film mit dem Titel „Die Realität“ herstellen, der sich mit der Wasserverschmutzung befasst. Sie ist Inhaberin der ausschließlichen Nutzungsrechte an diesem Film. Der Film war – nach dem Vorbringen der Klägerin ohne ihre Zustimmung – auf der Videoplattform „YouTube“ abrufbar.

Die beiden Beklagten sind als selbständige Handelsvertreter für ein mit der Klägerin im Wettbewerb stehendes Unternehmen tätig. Sie unterhalten jeweils eigene Internetseiten, auf denen sie für die von ihnen vertriebenen Produkte werben. Im Sommer 2010 ermöglichten sie den Besuchern ihrer Internetseiten, das von der Klägerin in Auftrag gegebene Video im Wege des „Framing“ abzurufen. Bei einem Klick auf einen elektronischen Verweis wurde der Film vom Server der Videoplattform „YouTube“ abgerufen und in einem auf den Webseiten der Beklagten erscheinenden Rahmen („Frame“) abgespielt.

Die Klägerin ist der Auffassung, die Beklagten hätten das Video damit unberechtigt im Sinne des § 19a UrhG öffentlich zugänglich gemacht. Sie hat die Beklagten daher auf Zahlung von Schadensersatz in Anspruch genommen.

Das Landgericht hat die Beklagten antragsgemäß zur Zahlung von Schadensersatz in Höhe von je 1.000 € an die Klägerin verurteilt. Auf die Berufung der Beklagten hat das Berufungsgericht die Klage abgewiesen. Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision begehrt die Klägerin die Wiederherstellung des landgerichtlichen Urteils.

Das Berufungsgericht hat zwar – so der Bundesgerichtshof – mit Recht angenommen, dass die bloße Verknüpfung eines auf einer fremden Internetseite bereitgehaltenen Werkes mit der eigenen Internetseite im Wege des „Framing“ grundsätzlich kein öffentliches Zugänglichmachen im Sinne des § 19a UrhG darstellt, weil allein der Inhaber der fremden Internetseite darüber entscheidet, ob das auf seiner Internetseite bereitgehaltene Werk der Öffentlichkeit zugänglich bleibt. Eine solche Verknüpfung könnte jedoch bei einer im Blick auf Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2001/29/EG zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft gebotenen richtlinienkonformen Auslegung des § 15 Abs. 2 UrhG ein unbenanntes Verwertungsrecht der öffentlichen Wiedergabe verletzen.

Der Bundesgerichtshof hat dem Gerichtshof der Europäischen Union daher die – auch unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Gerichtshofs nicht zweifelsfrei zu beantwortende – Frage vorgelegt, ob bei der hier in Rede stehenden Einbettung eines auf einer fremden Internetseite öffentlich zugänglich gemachten fremden Werkes in eine eigene Internetseite eine öffentliche Wiedergabe im Sinne des Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2001/29/EG vorliegt.

Diese höchst fragwürdige Problematik bleibt also noch in der Schwebe. Gute Gründe, sich auch auf dem Barcamp mit dieser Geschichte weiter zu beschäftigen – neben vielen anderen digitalen Themen, die in Konstanz besprochen werden.

Es wird beim Barcamp im Süden Deutschlands sicherlich sonnig und spaßig. Gute Gründe, um sich anzumelden 🙂