E-Books im Denknebel des Literaturbetriebs: @FrauFrohmann bei #Bloggercamp.tv

Neue Plattformen jenseits des Literaturbetriebs gründen
Neue Plattformen jenseits des Literaturbetriebs gründen

Foucault sieht die Funktion des Autors vor allem als Begründer von Diskursen. Er schafft die Möglichkeit und die Bildungsgesetze für andere Texte. Am Ende könne vollständig auf die Funktion des Autors verzichtet werden, so der Philosoph in seinem berühmten Vortrag am Collège de France vor Mitgliedern der Französischen Gesellschaft für Philosophie.
E-Books werden sich wie Youtube-Videos als eigenständiges Genre etablieren. Der rund um das gedruckte Buch etablierte Literaturbegriff passt nicht mehr zur Poetik und Prosa, die sich in sozialen Netzwerken ausbreitet.

„Schon gar nicht passt er zu dem, was derzeit auf und zwischen den smarten Geräten passiert, die wir ständig bei uns tragen und über die wir längst den größten Teil unserer Textarbeit abwickeln“, so Stephan Porombka im Opus des Frohmann-Verlages mit dem Titel „Über 140 Zeichen“.

Der eingeschränkte Literaturbegriff der bildungsbürgerlichen Honoratioren trübt den Blick auf die Texte, die im Netz kursieren.

„Man neigt dazu, sie gar nicht zu beachten. Und wenn, dann nur verächtlich als Leichtgewichtiges, Flüchtiges, Beliebiges, Uninteressantes.“

Redakteure von Gestern-Medien degradieren das Netzgeflüster gerne als Klowand-Weisheiten. Jeder, der online ist und postet, twittert, faved oder liked steht erst einmal unter Verdacht, ein Protagonist der kulturellen Sinnentleerung zu sein. Aber selbst die neuen Schreib- und Leseweisen im 18. Jahrhundert haben nicht darauf gewartet, von den Autoritäten des alten Literaturbetriebs akzeptiert zu werden, erläutert Prorombka. Man habe sich seine Publikations- und Rezensions-Plattformen lieber gleich selbst erfunden. Ähnliches wird sich für das Schreiben und Lesen bei Twitter, Facebook, WhatsApp und Google Plus ergeben. Verlage wie Frohmann wirken als Teilchenbeschleuniger für experimentelle Poetiken, die sich vom Flow ihrer Timeline inspirieren lassen und sich wenig um die Rückzugsgefechte von Leistungsschutz-Denkern scheren.

Ausführlich in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ nachzulesen.

Wie sich E-Book-Verlage künftig positionieren, erläutert Christiane Frohmann im #Bloggercamp.tv-Gespräch: Über die Emanzipation des E-Books und den Tod des Autors. Mitdiskutieren kann man in unserer 11 Uhr-Sendung über die Frage-Antwort-Funktion von Google Plus. Die ist schon aktiviert.

Siehe auch:

Über Abmahn-Trittbrettfahrer oder: Die Geister, die man rief.

Auch nicht schlecht: Plagiatsverdächtiger zensiert Vroniplag mit Urheberrecht.

Entsprechend verstehe ich die Empörung: Das Urheberrecht für plagiierte Texte in Anspruch zu nehmen, um eine DMCA-Notice zu versenden und die daraus folgenden juristischen Konsequenzen in Kauf zu nehmen, stellt eine bisher einmalige Vorgehensweise in der Zeit der Dokumentation von wissenschaftlichem Fehlverhalten auf dieser Plattform dar.

Tools erzählen keine Geschichten – Über neue Mündlichkeit und aphoristische Twitteratur

Merkwürdige Marketing-Schwurbeleien - aber immerhin handgeschrieben
Merkwürdige Marketing-Schwurbeleien – aber immerhin handgeschrieben

Je höher die Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger veraltungsanfällig sind alte Lebensformen, so die überraschende Feststellung des Philosophen Odo Marquard, die wie eine Paradoxie klingt. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf wieder bei einem vorbeikommt. Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon zur Zeit des Buchdrucks so.

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Marshall McLuhan hat das in seiner Tetrade am Beispiel des Radios dokumentiert, das zu einem Wiederaufleben des gesprochenen Wortes führte. Ähnliches erlebt man in den Livestreaming-Diskursen der TV-Autonomen, die sich in der Kunst des guten Gesprächs üben. Bei Twitter gibt es gar eine Renaissance der Schriftkultur in aphoristischer Form. Man braucht sich nur die herrlichen Veröffentlichungen des Frohmann-Verlages anschauen. Twitteratur als neue Ausdrucksform einer experimentierfreudigen Autorenschaft, die auf der Bühne des Lebens mit digitalen Technologien spielen. Es zählt das Menschliche, es zählt das Leben, es zählen persönliche Erlebnisse und ungefärbte Betrachtungen. Weit entfernt von den Prozess-Exzessen, die Storytelling-Tool-Schamanen wie Benjamin Minack zum Besten geben. Er sollte nicht Omas Gutenacht-Geschichten beerdigen, sondern den Erzählungen von Menschen folgen, die etwas zu sagen haben. Tools können nichts erzählen.

Auf Facebook kann sich der Tool-Häuptling anschauen, was man von seinem Autoren-Nekrolog hält.