Graswurzel-Talkshows statt Streit-Inszenierungen von Illner & Co. #Bloggercamp.tv

Talkshows

„Kopf hoch, Zähne zusammenbeißen, Hirn nicht abschalten: Wer bei ‚Maybrit Illner‘ als Studiogast eingeladen ist, muss sich schon mal mit einem Beruf abfinden, der am besten zur Sendung passt“, so leitet die FAZ einen interessanten Gastbeitrag des Schriftstellers Ulf Erdmann Ziegler ein. Die ZDF-Talkshow „verhandelte“ den Edathy-Fall. Ziegler gewährt einen wichtigen Einblick hinter die Kulissen des Geschehens. Qualitätsjournalismus, sorgfältige Vorbereitung, Diskurs-Kultur und Kompetenz sucht man in diesen Talkshow-Formaten wohl vergeblich. Mit der Brechstange wollte die Illner-Redakation den Autor zum Psychologen umwandeln, obwohl er Psychologie vor drei Jahrzehnten nur im Nebenfach studiert hat:

„Entgegen der Absprache erwähnte Illner, als sie sich vor laufender Kamera zum ersten Mal an mich wandte, dass ich Psychologie studiert hätte – auch wenn ich nicht praktiziere. Genauso gut hätte sie sagen können: Wir haben hier einen Bullen geordert, aber es ist leider nur ein Ochse geliefert worden.“

Die Expertise des Gastes ist völlig wurscht. Hauptsache er passt in das Schwarz-Weiß-Schema der Redaktion, die im Vorfeld einer Sendung auf krampfhaft auf Kandidatensuche geht. Wie das funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Das Team von Illner scheint in der Vorbereitung auf Recherchen keinen so großen Wert zu legen:

„Die wildesten Träume eines Romanciers hätten dies nicht antizipieren können: Die hatten sich nicht einmal meine Bücher besorgt. Sie kannten meinen Essayband nicht, in dem meine Kommentare zum Prozess gegen Magnus Gäfgen stehen, zum Verdacht gegen Woody Allen und zum türkischen Justizfall Marco Weiss. Sie wussten nichts von meiner Titelgeschichte in der Kunstzeitschrift ‚Monopol‘ zum Nacktkinder-Thema im Juni. Sie hatten keine Ahnung, wie mein neuester Roman heißt – oder von Rezensionen -, ja dass es überhaupt einen gibt. Da war es, das Backstageteam einer der beliebtesten Livesendungen überhaupt. Hauptstadt Mitte. Und es hatte komplett versäumt zu recherchieren, wer dieser Studiogast war. Oder auch nur sein könnte. Wenigstens grob“, schreibt Ziegler.

Aber es gibt ja Alternativen: Die Graswurzel-Talkkultur des Netzes, die weder illustre Gäste benötigt, noch fernsehtaugliche Themen bedienen muss. Statt abgedroschener Gespräche und Gästen mit Dauerkarte können Online-Talkrunden ohne Rollen-Korsett und dümmlichen Inszenierungen ablaufen.

„Die Talkrunden sind völlig ungezwungen und decken viele Themen ab, naturgemäß auch netzbezogene, die im Mainstream gar nicht vorkommen oder erst umständlich von Erklärbären für die C-Welt übersetzt werden. Das größte Plus sind jedoch die Gäste, die nicht nach Schema F ausgewählt werden und – statt Sprechblasen abzusondern – wirklich etwas zu sagen haben. Ganz gleich, ob man sie bereits aus dem Netz kennt oder nicht, es ist interessant, andere oder neue Standpunkte kennenzulernen. Die meisten Gäste kennen sich mit den Gepflogenheiten im Internet bestens aus, ‚Neulinge’ werden kurz gebrieft, und selbst kleine Pannen werden ganz unverkrampft bewältigt”, so Vera Bunse.

Die Hangouts seien viel unterhaltsamer, spannender und erkenntnisstiftender als ihre öffentlich-rechtlichen Vorgänger. Ausführlich nachzulesen im Livestreaming-Opus von Hannes Schleeh und meiner Wenigkeit, erschienen im Hanser-Verlag.

Nächste Woche geht es wieder los mit Bloggercamp-TV.

Man hört und sieht sich im SocialTV 🙂

Echte Gespräche statt halbgarer Meinungsbrei – Livestreaming-Graswurzel-Talks #StreamCamp14

Wie alles begann: Die Premierensendung von Bloggercamp.tv - ohne Rauchverbot
Wie alles begann: Die Premierensendung von Bloggercamp.tv – ohne Rauchverbot

“Weltpremiere” nannten wir vollmundig schon vorab das erste virtuelle Bloggercamp, das man “weltweit” am 28. September live verfolgen konnte und für das die Bayerische Landesmedienanstalt eine Sendelizenz erteilt hatte. Vielleicht haben wir ja sogar Fernsehgeschichte geschrieben, wenn in einigen Jahren und Jahrzehnten auf die ersten Gehversuche beim TV-Livestreaming zurückgeblickt wird. Zum Start des NWDR im Dezember 1952 waren jedenfalls die Voraussetzungen wesentlich schlechter. Nur magere 300 Teilnehmer konnten die Geburtsstunde des deutschen Fernsehens damals an ihren Bildschirmen verfolgen. Da sind die Bedingungen im Netz doch sehr viel komfortabler. Wer einen Internet-Zugang hat, kann das Livestreaming-Geschehen betrachten. Die ersten Reaktionen auf die Bloggercamp-Premiere gingen runter wie Öl: So schreibt Dosentelefon-Blogger Marcus Surges:

„Die Sessions liefen sehr professionell ab und waren tief gehend: Gunnar Sohn moderierte die einzelnen Panels souverän, die Teilnehmer fielen sich nicht ins Wort (bei Video- und Telefonkonferenzen häufiger durchaus ein Problem) und blieben beim jeweiligen Thema. Besonders angenehm habe ich die entspannte Atmosphäre empfunden: mal ein Späßchen, mal ein Lachen, nebenbei rauchen oder einfach die Ansprache ‚Liebes Internet‘. Genial war letztlich die Entscheidung, dass Bloggercamp virtuell mit dem Tool Hangout on Air umzusetzen, das es erst seit Mitte August 2012 in Deutschland gibt! Mein Tipp: Einfach mal in die Sessions reinschauen, auch wenn die Themen für den einen oder anderen vielleicht nicht interessant sind. Das Reinschauen gibt jedoch einen guten Einblick, wie Veranstaltungen über ein Hangout on Air ablaufen können.“

Vera Bunse wertet unser Medienexperiment und Formate wie das digitale Quartett sogar als “die besseren Talkshows”. Zum Bloggercamp urteilt sie:

„Die lockere Atmosphäre und das umfangreiche Themenspektrum haben mir gut gefallen, auch die rechtzeitig bekannt gegebene Einteilung in Panels, so konnten die Zuschauer ihr Interessengebiet vorher heraussuchen und die Zeit einplanen, falls sie selbst teilnehmen wollten.”

Das Format erlaube spontane Diskussionen, Live-Übertragungen oder Interviews, es eignet sich aber noch zu viel mehr, wenn die Kinderkrankheiten erst überwunden sind (in einem der Talks wurde das „50er-Jahre-Fernsehen” genannt).

„Die Talkrunden sind völlig ungezwungen und decken viele Themen ab, naturgemäß auch netzbezogene, die im Mainstream gar nicht vorkommen oder erst umständlich von Erklärbären für die C-Welt übersetzt werden. Das größte Plus sind jedoch die Gäste, die nicht nach Schema F ausgewählt werden und – statt Sprechblasen abzusondern – wirklich etwas zu sagen haben. Ganz gleich, ob man sie bereits aus dem Netz kennt oder nicht, es ist interessant, andere oder neue Standpunkte kennenzulernen. Die meisten Gäste kennen sich mit den Gepflogenheiten im Internet bestens aus, ‚Neulinge’ werden kurz gebrieft, und selbst kleine Pannen werden ganz unverkrampft bewältigt”, so Bunse.

Die Hangouts seien viel unterhaltsamer, spannender und erkenntnisstiftender als ihre öffentlich-rechtlichen Vorgänger:

„Experiment gelungen, wird fortgesetzt. Ich freu mich drauf.”

Ein Leser-Kommentar des Debattenmagazins „The European“ hebt den Unterschied zu den Polit-Gesprächen im klassischen Fernsehen hervor:

„Die ewig gleichen Runden von profilierungssüchtigen Promis, die sich gegenseitig das Wort abschneiden und die oft hilflos dazwischen sitzenden Moderatorinnen, die dem Zuschauer fast jeden Wochentag angeboten werden oder den eingeschlafenen Herrn Jauch schauen wir schon lange nicht mehr an.“

In das gleich Horn bläst Peter Tuch:

„Die klassische TV-Talkshow ist eine Mischung aus Selbstdarstellung der Talker, Information über ein Thema und Unterhaltung für das Publikum. Aktuell hat man den Eindruck, dass der Unterhaltungswert für die Zuschauer ständig sinkt. Das hat mit dem Überangebot an Talk-Runden zu tun, aber auch damit, dass die Themen sich häufig wiederholen und die Selbstdarstellung der einzelnen Talker langweilig wird, wenn man sie zu häufig sieht, weil man sie und ihre Meinung schon zu kennen glaubt. Wenn man die Talk-Runde in ein anderes Medium setzt, wird es erst einmal besser. Das neue Medium ist interessanter, weil es eben neu ist, die Talker sind interessanter, weil man sie nicht schon kennt, und die Themenvielfalt kann größer werden, weil man nicht wegen der Einschaltquote auf die größte Zielgruppe abstellen muss.“

Beifall auf die ersten Sendungen von Bloggercamp und des Digitalen Quartetts kam auch von den klassischen Medien. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ überraschte mit dem Aufmacher: „Graswurzel-Talkkultur lässt Fernsehen alt aussehen“. Bildschirm, Bildschirm an der Wand, was ist die beste Talkshow im ganzen Land, fragt sich Zeit-Autor Eike Kühl und und meinte damit nicht die von Stefan Raab aus der Taufe gehobene Sendereihe „Absolute Mehrheit“.

„Statt bissigem Polit-Talk servierte der Entertainer nur die nächste Portion halbgaren Meinungsbreis und das neuste Symptom einer kränkelnden deutschen Talkshowkultur, in der Abend für Abend die scheinbar immergleichen Gäste ihre Meinung wahlweise nach Parteibuch oder zur Selbstvermarktung feilbieten. Vielleicht hat der Kabarettist Georg Schramm Recht, wenn er fragt : Wieso schalten wir eigentlich noch Talkshows ein, wenn doch niemand mehr etwas zu sagen hat? Dabei gibt es Alternativen zu den Gesprächsrunden im Fernsehen. Seit einiger Zeit wächst im Internet eine Form der Graswurzel-Talkkultur heran, die weder illustre Gäste benötigt, noch fernsehtaugliche Themen bedienen muss“, schreibt Kühl.

Der Vorteil liege in der thematischen Breite.

„Statt abgedroschener Gespräche und Gästen mit Dauerkarte könnten Online-Talkrunden zusätzliche Standpunkte und Gegenstimmen einfangen. Das eingeschränkte Themenspektrum wäre kein Hindernis, sondern eine Chance, weil es den Weg für zusätzliche Formate neben dem TV-Programm ebnet“, meint Kühl.

Deshalb haben die Videochats das Potenzial, sich als die besseren Talkshows zu etablieren.

Buch für die TV-Autonomen
Buch für die TV-Autonomen

Kleiner Auszug aus dem Kapitel „Die besseren Talkshows – Gesprächskultur im Netz“ aus unserem Livestreaming-Buch, das am 4. September im Hanser-Verlag erscheint. Eine weitere Anregung, um eifrig das Opus vorzubestellen 🙂

Am 18. September gibt es eine Lesung in Siegburg.

Plakat zur Lesung

Und beim StreamCamp in München am 18. und 19. Oktober werden wir sicherlich auch einiges vom Stapel lassen. Ticketvorverkauf läuft schon.

Wir singen übrigens nicht für Merkel, sondern besiegen sie nur 🙂

Siehe: Als wir von Bloggercamp.tv die Bundeskanzlerin Angela Merkel besiegten. Über den Piratensender der Regierungschefin.