Online-Journalismus: Zu zahlenhörig, zu platte Debatten, zu spießig und kaum Partizipation #djv_bo

Der knapp halbstündige Eröffnungsvortrag von Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de wurde von Moderator Peter Jebsen als einer der Höhepunkte auf dem gestrigen Besser Online-Kongress im Bonner Post Tower angekündigt. Und ich muss ihm zustimmen. Plöchinger selbst hat das selbst sehr pointiert in einem Tweet ausgedrückt:

In der verschrifteten Version im Blog von Plöchinger nachzulesen.

Oder auch als Audioversion von meiner Wenigkeit aufgezeichnet:

„Peinlich“: Mit diesem Wort hat Plöchinger in seiner Rede skizziert, dass die Journalisten in Deutschland in Summe noch viel zu wenig aus dem Medium namens Online machen. Es gehe daher um Antworten auf die Frage, wie Journalisten ihr Verständnis von Online ändern sollten, um besser zu werden, und was wir Onliner ändern können, um online besser zu machen.

Etwa bei der Einbindung von sozialen Netzwerken in die tägliche Recherchearbeit. Das findet nach meiner Meinung noch sehr verschämt oder zufällig statt.

So beschäftigte sich die Panelrunde über Social Media Newsdesk (ein Begriff, mit denen die Experten auf dem Podium wenig anfangen konnten) auffällig lange mit dem Pöbelniveau der Leserkommentare und dem zeitlichen Aufwand zur Kontrolle von Einträgen, die nicht das Licht der Netz-Öffentlichkeit erreichen dürfen wegen fragwürdiger Inhalte. Plöchinger verwies auf eine Analyse von der Zeit Online-Redaktion, die untersucht hätte, welcher User-Arten es gebe.

Darunter seien beispielsweise der „Pöbler“, der „Besserwisser“ und der „Möchtegern“. Andreas Hummelmeier von tagesschau.de ergänzte das noch mit dem „Ideologen“, der sich vielleicht noch an einem zweiten Gegen-Ideologen abarbeitet, und dem Egomanen, der sich über die Zahl der Kommentare definiert.

Man müsse User-Beiträge auch rausschmeißen, so Plöchinger. Wenn die Qualität von Debatten zu schlecht sei, schreckt das andere Nutzer ab. Ob man das nun reduziert über automatische Scheiße-Filter oder über Social Media-Redakteure händisch eingreift, ist mir eigentlich wurscht. Vielleicht ist das Pöbelniveau auch so hoch, weil sich hier wirkliche Dialoge gar nicht abspielen, sondern Leser auf die Einwegkommunikation der Massenmedien nur reagieren. Früher per Brief und heute halt in digitaler Form.

Wichtig seien halt Strategien zur Integration von Social Media, sagte der Berater Christoph Salzig. Vielleicht sogar neue Formate zur Einbindung der Netzöffentlichkeit. Etwa über Google Plus-Sessions via Hangout Broadcasting. Damit experimentiere beispielsweise das Aktuelle Sportstudio nach der Sendung unter Beteiligung von einigen Fußball-Bloggern. Salzig selber war gestern Abend auch mit der von der Partie.

Entsprechend niveauvoll lief der Dialog auch mit der ZDF-Sportredaktion ab. Das ist eben ein gelungenes Bespiel für einen aktiven Dialog mit dem Publikum – die Leserkommentare sind ausschließlich reaktiv. Von den Möglichkeiten des Dialogs via Hangout mit Livestream und Aufzeichnung via Youtube ist nicht nur Christoph Salzig begeistert.

Nach einigen Experimenten hat sich das bloggende Quartett entschlossen, am 28. September das Blogger Camp komplett virtuell über Hangout ablaufen zu lassen und auf eine Präsenzveranstaltung zu verzichten. Warum also immer auf die klassischen Formate mit Frontalunterricht setzen, wenn es im Netz viel bessere Möglichkeiten gibt, ein breiteres Publikum zu erreichen. Wie sich das auf den Programmablauf des Blogger Camps auswirken wird, schildere ich in den nächsten Tagen.

Die berühmte Quellenangabe Youtube oder Internet in der Tagesschau für Videos, die man aus dem Netz fischt, verteidigte Hummelmeier. Bei einem achtsekündigen Videoausschnitt könne man die Quelle nicht im Detail nennen. Eine Anregung aus dem Auditorium fand er aber nicht verkehrt: So könnte Tagesschau.de die verwendeten Videos in einer Trackliste veröffentlichen, wenn die Beiträge indizierbar sind. Hier die Audioaufzeichnung der Runde:

Gutes Zahlenmaterial lieferte das Panel „Neue Studien zum Online-/Crossmedia-Journalismus. Etwa die Langzeitstudie der FU-Berlin zum Online-Medienkonsum, vorgestellt von Professor Martin Emmer.

Professor Martin Welker stellte empirische Befunde zum partizipativen Journalismus vor und hätte auch gut in die Social Media-Newsdesk-Runde gepasst.

Welker subsummierte die Funktion des „Laien“ (der manchmal mehr weiß als Redakteure) bei der Recherchebeteiligung als Quelle, Ideengeber, Ideenbewertet, Faktenprüfer, Vor-Ort-Reporter, Quellensucher und Interviewer. Wer das aktiv fördert, bekommt auch weniger Pöbeleien serviert.

Entsprechend müsse sich wohl auch das Selbstverständnis der Journalisten ändern, so Dr. Wiebke Loosen vom Hans-Bredow-Institut.

Alle drei Vorträge kann man sich hier anhören:

Mein Gesamturteil über den diesjährigen Besser Online-Kongress. Wenig Höhepunkte, einige sehr langatmige Diskussionen, wenig kompakte Wissensvermittlung für die Praxis, zu lange Panel-Einheiten (würde ich von 90 auf 60 Minuten reduzieren). Oder wie es Christoph Salzig auf den Punkt brachte:

Konsequenterweise habe ich das Abschluss-Panel zugunsten der Sportschau geschwänzt: Es ging um das digitale Urheberrecht. Das kann ich als Podiums-Gelaber nicht mehr ertragen.

Da in drei Blöcken jeweils fünf Panel auf dem Besser Online-Kongress stattfanden, kann ich natürlich nur meine subjektive Sicht wiedergeben. Einen guten Überblick der restlichen Panels findet man hier. Jeder Teilnehmer hat also wohl ein anderes Besser Online-Erlebnis.

Tipp an das Besser Online-Team: Im nächsten Jahr sollte Ihr das Ganze mit dynamischen URLs publizieren, damit man auf einzelne Beiträge verlinken kann.