Über Powerpoint-Sabbelkönige und Vollkasko-Hütchenspieler

Da stellt man sich jeden Tag gut oder neu auf, optimiert Prozesse, reduziert Kosten, implementiert semantische Nebelkerzen: Was Politiker von der antiken Lehre der Rhetorik auch heute noch lernen können, ist bei Lord Chesterfield nachzulesen. Eine Ode an die Zeiten vor Powerpoint und Co.

So wurde im Sommer des vergangenen Jahres meine The European-Kolumne über die Powerpoint-Sabbelkönige eingeleitet. Es ist der Leidensweg über viele Fachkonferenzen, Messen und sonstige Präsentationen, die ich über die Jahre erlebt habe. Selten ragt mal ein Rhetor aus der grauen Masse heraus und brilliert mit freier Rede und sprachlicher Brillanz.

Eloquenz ist leider Mangelware bei den meisten Führungskräften. Einen vor der Veröffentlichung der Kolumne hatte ich den Beitrag angewärmt mit einer Powerpoint-Typologie des Schreckens, die nicht nur von Spiegel Online zitiert wurde, sondern auch bei den Ich sag mal-Bloglesern großen Anklang fand. Spon-Zitat:

Powerpoint polarisiert. Auch im Internet sind viele Nutzer genervt von überladenen Folien und Klickorgien. Kommentare und Blogeinträge erscheinen mit Titeln wie „Die Powerpoint-Sabbler – Fünf Typologien des Schreckens“ und „I hate Powerpoint“. Der Yale-Professor Edward Tufte schrieb 2003 in „Wired“: „Powerpoint is evil“.

Gleichermaßen gehen mir die Ablass-Händler der Sicherheitsbranchen auf den Keks. Und damit meine nicht nicht nur Versicherungskonzerne, sondern auch staatliche Institutionen, Innenpolitiker und die Apologeten eines „starken“ Staates. Deshalb handelt meine heutige The European-Kolumne von den Exorzisten der Angst-Industrie.

Auszug:

Nichts ist im politischen und wirtschaftlichen Diskurs so nebulös wie die Frage der Sicherheit. Hier sind eine ganze Menge Scharlatane und Falschspieler unterwegs. Egal, ob es sich um Vertreter von Krankenkassen, Konzernen, Softwarehäusern, Kirchen, Parteien, Ministerien oder Armeen handelt. Sie alle sind bei Kassandra in die Schule gegangen und übertreffen sich in der Meisterschaft, Gefahren heraufzubeschwören.

Die größtmögliche Verunsicherung von Kunden, Bürgern und Wählern gewährleistet die bestmöglichen Ablass-Geschäfte. Ihre Grundlage sind diffuse, künstliche oder konkrete Ängste der Menschen. Wer Verunsicherung schürt, hat leichtes Spiel bei der Durchsetzung seiner Interessen. Nur jeder weiß, wie die Protagonistin Renate Meissner in dem neuen Steinaecker-Roman mit dem langen Titel „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“, dass niemand letzte Sicherheit garantieren kann. Kein Verteidigungsminister, kein Datenschützer, kein Exorzist und auch kein aalglatter „Anlagemanager“ für Versicherungspolicen, der sich bei Hausbesuchen so intensiv über mein Wohlergehen auslässt, meiner Frau Blumen schenkt, sich über meine Kinder erkundigt und seine antrainierten Werbesprüche loslässt. Vielleicht investieren wir häufig in Sicherheitsversprechen, wo Unsicherheit gar nicht existiert oder nur in den Hirnen von Vollkasko-Hütchenspielern konstruiert wird.

Möge auch dieser Beitrag eine gute Resonanz erfahren.

Das obige Foto habe ich nur gewählt, weil es zufälliger Weise auch zu meiner Talkrunde am 9. Mai auf der Informare in Berlin passt (das Titelbild der neuen Ausgabe von Business Punk): Obi Wan Kenobi und das Future Internet :-).

Was sich die Versicherungsindustrie sonst noch so leistet, kann man im Panorama-Blog nachlesen: Versicherungsbranche manipuliert Panorama-Abstimmung. Schön doof.

Proaktive weiße Schwäne implementieren alternativlos semantische Nebelkerzen zur Optimierung von Prozessen


Da stellt man sich jeden Tag gut oder neu auf, optimiert Prozesse, reduziert Kosten, implementiert semantische Nebelkerzen: Was Politiker von der antiken Lehre der Rhetorik auch heute noch lernen können, ist bei Lord Chesterfield nachzulesen. Eine Ode an die Zeiten vor Powerpoint und Co. Gestern hatte ich mich ja mit den fünf Typologien der Powerpoint-Sabbler beschäftigt. Heute nun ein etwas längeres Opus auf den Spuren von Philip Dormer Stanhope – erschienen im Debattenmagazin „The European“.

Das zweibändige Werk „Briefe an seinen Sohn“ von Lord Chesterfield gibt es übrigens in einer vorzüglichen Ausgabe im legendären Georg Müller Verlag. Und selbstredend ist das Wer in der von Otto Julius Bierbaum gegründeten Reihe „Die Bücherei der Abtei Thelem“ erschienen – im Jahr 1912. Abtei Thelem? Da war doch was? Für den Thelemiten-Geheimorden anarchischer Literatur sind das jetzt genügend Hinweise, liebwerteste Gichtlinge. Tipps kann man auch den Tags entnehmen 😉

Die Powerpoint-Sabbler – Fünf Typologien des Schreckens

Das sprachliche und geistige Korsett von Führungskräften der Wirtschaft kann bei jedem x-beliebigen Kongress bestaunt werden: die Krankheit nennt sich Powerpoint-Rhetorik. Es ist wie mit jenen Abenden bei Freunden, die zwei Kästen mit Dias hervorkramen und über aufregende Urlaubserlebnisse berichten: Quälende Langeweile und schummriges Licht erzeugen ein unbezwingbares Bedürfnis zu schlafen.

Egal, welcher Gedanke, in Powerpoint wird er über einen Einheits-Kamm geschoren. Der „semantische Konformismus“ fängt mit den „Bullet Points“ an: Gedankenschritte und Argumente werden aufgelistet und in einer Folienfolge projiziert. Das Ende der Sabbelei hat selten Überraschungen parat: „Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.“ Schön, dass der Powerpoint-Langweiler diesen Satz noch an die Leinwand schmeißt. Diskutiert wird nur in Notfällen, denn das Publikum sehnt sich nach einer Kaffeepause.

Doch wer mit seinen Worten überzeugen will, kann sich das nicht leisten. Die rhetorische Verbesserung ist längst nicht mehr nur eine Sache für Vorstände oder Geschäftsführer, denn die Hierarchien werden flacher. Dem einzelnen Mitarbeiter kommt heute häufig die Verantwortung für einen Arbeitsbereich zu, der bis vor einiger Zeit noch von einem Abteilungsleiter betreut wurde. Und immer mehr Projekte werden mit anderen Firmen oder Dienstleistern bewältigt. Hier müsssen Konzepte, Zwischenergebnisse und der eigene Standpunkt souverän vertreten werden. Damit gilt: Wer sich im Unternehmen oder beim Kunden Gehör verschaffen will, der muss nicht bunter und lauter, sondern besser reden können als andere.

Der Buchautor Alexander Ross hat auf seinen Exkursionen in die Untiefen der Kongresslandschaft in Deutschland die Powerpoint-Rhetoriker in fünf Typologien einsortiert. Jeder kennt sie, jeder hat sie schon erlebt oder schlafend im Vortragssaal verpasst.

Der Überflieger hechelt mindestens zehn Folien pro Minute durch, weil er insgesamt 129 Folien hat. Die Psychofolter für das Publikum ist die Nummerierung der Folien mit Gesamtanzahl: 64 von 129, 65 von 129…

Der Vorleser hat deutlich weniger Folien – dafür sind sie randvoll in kleiner Schrift und mit Grafiken überladen. Weil sein Publikum nichts erkennen kann, muss er alles vorlesen: staubtrockene Zahlen und Fakten. Der geistige Phantomschmerz wirkt noch tagelang nach.

Der Im-Bild-Steher verdeckt die Projektion, weil er dauernd hin und her läuft zwischen Beamer und Leinwand und vor den Zuhörern auf und ab. Könner verbinden beides zu einem eleganten Ausdruckstanz – vorwärts, seitwärts, Drehung, Sprung, Verbeugung.

Der Autist steht zwar ruhig, redet jedoch kaum. Falls doch, dann leise. Aber nicht zum Publikum, sondern zur Folie, zur Wand oder zu sich selbst. Ermahnungen und Bitten lauter vorzutragen, sind zwecklos.

Der Kommandeur hat Befehlsempfänger für Folienproduktion und Laptop-Bedienung. Der Kommandeur tritt manchmal auch als machtvoller Ignorant in Erscheinung, kennt den Inhalt der Präsentation nicht und überspielt es mit halblaut gebellten Anweisungen: „Nein, noch mal kurz zurück“ – „Jetzt nächste Folie!“. Fallen Euch noch weitere Typologien ein? Dann bitte ergänzen.

Ein Vademekum gegen die Schwafel-Epidemie präsentiere ich morgen in meiner Kolumne für „The European“.

Empfehlung für Manager: „Drücke dich schlicht aus“, dann läuft die Wirtschaft besser

Nach Erfahrungen des Managementexperten und FAZ-Autors Erhard Glogowski verarmt die deutsche Muttersprache durch gedankenlose Verwendung von Anglizismen, fehlerhafte Grammatik und Unkenntnis des reichen Wortschatzes. „Dabei ist es nicht kompliziert, die Sprachkultur zu verbessern. Zur Kunst des geschmeidigen Redens haben die Meister der deutschen Sprache prägnante Regeln formuliert“, weiß Glogowski. Die Sprachverwilderung habe sich besonders in der Unternehmenswelt ausgebreitet. Wenn Manager im Ausland unterwegs seien auf der Suche nach neuen Märkten, handele es sich nicht um eine Erkundungsreise, sondern um eine „fact finding mission“. An den Börsen werde „getradet“ statt wie einst gehandelt. Unternehmensbilanzen wurden früher von Analysten durchleuchtet, jetzt werden sie „gescreent“.

„Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken“, so Glogowski. Seine Empfehlung lautet daher: „Drücke dich schlicht aus!“ Die Kunst der Rede bestehe seit der Antike darin, seine Zuhörer durch einfache Worte zu fesseln. So beruhte Luthers Wortgewalt auf der Einfachheit des Ausdrucks. „Alle Prediger sollen sich gewöhnen, dass sie schlicht und einfältig predigen, und sollen bei sich bedenken, dass sie jungen, unverständigen Leuten predigen. Einfältig zu predigen ist eine große Kunst. Man muss nicht predigen und tapfer mit großen Worten prächtig und kunstreich herfahren, dass man sehe, wie man gelehrt sei.“

Knapper bringt es Schopenhauer auf den Punkt: „Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“ Man solle den Hörer zügig, aber nicht abrupt mit den Kernaussagen vertraut machen, rät Schopenhauer. „Demgemäss vermeide man Weitschweifigkeit und alles Einflechten unbedeutender, der Mühe des Lesens nicht lohnender Bemerkungen“. Man müsse sparsam mit der Zeit, Anstrengung und Geduld des Menschen umgehen. Dadurch werde man bei ihm sich den Kredit erhalten; immer noch besser, etwas Gutes wegzulassen, als etwas Nichtssagendes hinzusetzen. Für geschmeidiges Reden gibt es kein Patentrezept, aber eine von den Meistern der deutschen Sprache empfohlene Grundregel: Lasse Dich nicht gehen und feile am Stil. Dazu nehme man wiederum Nietzsche als Vorbild: „Den Stil verbessern – das heißt den Gedanken verbessern und gar nichts weiter!“