Agenda für Mensch-Maschine-Organisationen – Freistil-Kreativität gegen Software-Logik #NEO15

#NEO15 Session
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Als der holländische Großmeister Jan Hein Donner gefragt wurde, wie er sich auf ein Match gegen einen Computer vorbereiten würde, antwortete er: „Ich würde einen Hammer mitbringen.“ Es sah es also fast so aus, als hätte der Mensch nichts mehr zum Schachspiel beizutragen. Hatte doch der frühere Schachweltmeister Wladimir Kramnik das Mensch-Maschine-Duell in der Bonner Bundeskunsthalle gegen den von der Hamburger Firma Chessbase entwickelten Schach-Computer Deep Fritz im Jahr 2006 klar verloren. Als akkreditierter Journalist berichtete ich damals von dem ungleichen Duell. Schon im Vorfeld des Wettkampfes galt der Schachcomputer als klarer Favorit.

„Von einigen Spitzenspielern weiß ich, dass sie sehr beunruhigt wären, gegen den Computer überhaupt erst anzutreten und dass sie einen solchen Zweikampf vielleicht vermeiden würden. Dies ist verständlich, denn eine klare Niederlage kann dein künftiges Spiel stark beeinflussen. Es ist klar, dass sich dieses Rechenmonster jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag ständig verbessert und ich weiß, dass mein Gegner unglaublich stark ist. Vielleicht habe ich ja als letzter Mensch die Chance, die Maschine zu besiegen. Mein Team und ich werden alle Energie aufwenden, um die so genannte künstliche Intelligenz noch einmal in die Schranken zu weisen“, sagte Kramnik vor Beginn der auf sechs Partien angesetzten Veranstaltung, die der Schachcomputer mit 4 zu 2 Punkten für sich entschied.

Vier Jahre vorher erreichte Kramnik in Bahrein noch ein Unentschieden.

Die Erfindung von „Freistil“-Schachturnieren zeigt, wie sehr dieser Eindruck trügt, schreiben Eric Brynjolfsson und Andrew McAffee in ihrem preisgekrönten Buch „The Second Machine. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird“:

„Auf diesen Veranstaltungen können die Teams jede Kombination von menschlichen und digitalen Spielern einbeziehen.“

Die Mannschaften aus Mensch und Maschine dominierten selbst den stärksten Computer.

„Die Schachmaschine Hydra, ein schachspezifischer Supercomputer wie Deep Blue, war kein ebenbürtiger Gegner für einen starken menschlichen Spieler, der einen relativ schwachen Laptop benutzte. Die Kombination aus menschlicher strategischer Führung und dem taktischen Scharfsinn eines Computers war überwältigend. Die Überraschung kam am Ende der Veranstaltung. Der Gewinner entpuppte sich nicht als ein Großmeister mit einem hochmodernen PC, sondern als ein Paar amerikanischer Amateurschachspieler, die drei Computer gleichzeitig benutzten. Ihre Fähigkeit, ihre Computer zu bedienen und zu ‚coachen‘, um Stellungen sehr ausgiebig zu überprüfen, konterkarierte erfolgreich das überlegene Schachwissen ihrer Großmeistergegner und auch die größere Rechnerleistung anderer Teilnehmer. Schwacher Mensch + Maschine + bessere Methode waren einem starken Computer allein überlegen und, noch bemerkenswerter, sie waren auch besser als ein starker Mensch + Maschine + schwächere Methode„, so die MIT-Forscher.

machenunsmaschinenschlauer

Die zentrale Erkenntnis aus dem Freistil-Schach sei, dass Menschen und Computer an dieselbe Aufgabe nicht auf dieselbe Weise herangehen. Wenn dem so wäre, hätte der Mensch nichts mehr zu melden, seit Deep Blue Kasparov geschlagen hat und Deep Fritz Kramnik dominierte; wenn die Maschine erst einmal gelernt hätte, das menschliche Können im Schachspiel nachzuahmen, dann würde sie sich einfach nach dem Moore’schen Gesetz richten und voran preschen.

Ideenbildung ist ein Gebiet, auf dem die Menschen einen Vorteil gegenüber digitalen Technologien haben können:

„Wissenschaftler stellen neue Hypothesen auf. Journalisten wittern eine gute Geschichte. Küchenchefs ergänzen die Speisekarte um ein neues Gericht. Ingenieure in der Fabrik versuchen herauszufinden, warum eine Maschine nicht mehr richtig funktioniert. Steve Jobs und seine Kollegen bei Apple eruieren, was für einen Tablet-Computer wir uns wirklich wünschen. Viele dieser Tätigkeiten werden von Computern unterstützt und beschleunigt, aber keine wird von ihnen gesteuert“, erläutern Brynjolfsson und McAffee.

Sie prognostizieren, dass Menschen, die viele gute, neue Ideen haben, auch künftig noch längere Zeit einen relativen Vorteil gegenüber digitaler Arbeit haben werden, und diese Menschen werden begehrt sein. Mit anderen Worten glauben die MIT-Forscher, dass Arbeitgeber jetzt und noch eine geraume Zeit bei der Talentsuche dem Rat folgen werden, der dem großen Aufklärer Voltaire zugeschrieben wird: „Beurteile die Menschen eher nach ihren Fragen als nach ihren Antworten.“ Ideenbildung, Kreativität und Innovation werden oft als „Blick über den Tellerrand“ beschrieben, und diese Charakterisierung weist auf einen weiteren großen und ziemlich nachhaltigen Vorteil menschlicher gegenüber rein digitaler Arbeit hin.

Allerdings ist dieser Vorteil nicht in Stein gemeißelt, wenn wir uns die schwache Digitalkompetenz von Führungskräften in Wirtschaft und Politik anschauen.

Digitalkompetenz

Auch das Bildungssystem gibt noch nicht die richtigen Antworten für die Mensch-Maschine-Kombination. Es kommt jetzt darauf an, die Fähigkeiten zur kreativen Bildung von Ideen, Mustererkennung und zur komplexen Kommunikation auf die Agenda zu setzen. Es geht um die Einbindung der Menschen als Wissensarbeiter in die neuen Mensch-Maschine-Organisationen.

Siehe dazu auch: Digitale Industriegesellschaft – Pfadabhängigkeiten für Aktenknecht.

Auf der Next Economy Open in Bonn am 9. und 10. November wird Brightone-Analyst Stefan Holtel diesen Themenkomplex aufgreifen.

Semantisches Web und das Ende der Google-Erfolgsstory – Suchmaschinen sollen mit Alltagswissen ausgestattet werden

Vision und Praxis von so genannter Semantik- und Web-2.0-Technologie thematisierte die Konferenz Triple-I in Graz: Mit der Einbindung von Alltagswissen will Henry Lieberman vom MIT dafür sorgen, dass Computer Menschen tatsächlich verstehen.

„Wenn wir wollen, dass Computer Menschen wirklich helfen, dann brauchen die Rechner Zugriff zu Alltagswissen“, so Henry Lieberman, Leiter der Software Agent Gruppe am Massachusetts Institute of Technology MIT, auf der Wissensmanagement-Konferenz Triple-I.

Dazu sammelt sein Team grundlegende triviale Informationen und entwickelt daraus Ontologien, um beispielsweise die den Satz „Ich bin gefeuert worden“ richtig zu deuten. Mit deren Hilfe wird das Wissen in maschinenlesbare Informationen übersetzt.

Entsprechende Systeme könnten Anwender nach einem Bericht der Computer Zeitung (die es ja schon seit einiger Zeit nicht mehr gibt, gs) zum Beispiel bei der Terminplanung unterstützen. Die Software erkennt etwa, dass der Nutzer für eine bestimmte Verabredung einen Routenplaner oder eine Hotelreservierung benötigt. Dies kann das System verstehen, da es die grundlegende Information hat, dass ein Termin den Aufenthalt an einem anderen Ort erfordert.

„Solche Technologien können laut Lieberman auch in anderen Szenarien zum Einsatz kommen wie etwa bei der Kundenbetreuung oder beim Helpdesk. Ebenso gibt es Versuche, Suchmaschinen mit Alltagswissen auszustatten. Anwender könnten dann Anfragen in natürlicher Sprache eingeben. Damit verheißt der Wissenschaftler das Einlösen des Versprechens, das die semantischen Technologien von Beginn an begleitet: Die Möglichkeit, dass Computer ihre menschlichen Nutzer tatsächlich verstehen“, so die Computer Zeitung.

„Mit der semantischen Suche versucht man die Ergebnisse der Sprachforschung zu nutzen, um Suchbegriffe oder natürlich-sprachliche Suchanfragen tiefer zu analysieren und semantisch anzureichern. Suchergebnisse sollen am Ende präziser und besser strukturiert herausgegeben sowie um viele andere, nahe liegende Themengebiete angereichert werden. Idealerweise kann eine gestellte Frage dann auch in einem Satz beantwortet werden“, erklärt Sprachdialogexperte Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge in Berlin.

Diesem Trend entgegen komme die immer stärkere semantische Aufbereitung der Webinhalte in vielen Suchbereichen durch Internetnutzer, die weltweit in Netzwerken aktiv seien. Das beste Beispiel hierfür sei Wikipedia. Und genau da setzt die von Microsoft übernommene Firma Powerset an.

„Sie versucht, diese schon strukturiert eingegebenen Inhalte noch besser ‚suchbar’ zu machen und dabei auch natürlich-sprachliche Eingaben zu interpretieren. Das Ergebnis ist sehr viel spannender als die Google-Suche mit den endlosen Trefferlisten“, meint Pape gegenüber NeueNachricht. Das sei genau der richtige Weg und könnte der Anfang vom Ende der Google-Erfolgsstory werden.

Gekoppelt mit Spracherkennung und Sprachsynthese komme man zu ganz neuen Sucherfahrungen.

„Eine gesprochene Frage zu einem beliebigen Thema wird auch durch einen gesprochenen Satz beantwortet. Dieses Szenario ist keinesfalls Science-Fiction, denn parallel zu den Fortschritten in der Suchtechnologie macht auch die Spracherkennung Entwicklungssprünge. Auch die Dialogtechnologie spielt hier ein bedeutende Rolle, da bei vielen Anfragen weiterführende Fragen und Präzisierungen erforderlich sind, die einen intelligenten Dialog erforderlich machen“, sagt Pape.

Die Frage „Wie komme ich jetzt am schnellsten nach Berlin?” mache die Klärung erforderlich, ob man mit dem Zug, dem Auto oder dem Flugzeug reisen möchte.

„Es wird noch lange dauern, bis die vielen Fragen, die irgendjemand zu irgendeinem Zeitpunkt hat. beantwortet werden können. Aber in vielen Domänen, in denen die Informationen semantisch schon sehr gut erschlossen und die wichtigsten Nutzungsszenarien klar sind, ist jetzt schon vieles möglich. Beispielsweise Fahrplaninformationen und Navigationssysteme, um von A nach B zu kommen. Oder Wissensfragen, die über Dienste wie Wikipedia beantwortet werden“, resümiert Pape.

Update vom 26. August 2013: Die Prognose über das Ende der Google-Erfolgsstory lag wohl etwas daneben. Auch beim semantischen Web wartet man ja noch auf dem Durchbruch im Massenmarkt…..