Der 4.0-Spießercode für Stillstand: „Alles bleibt, wie es ist, nur mit Internetanschluss“

Thomas Sattelberger-Vortrag an der Hochschule Fresenius in Köln

Die digitale Diätkost in deutschen Vorstandsetagen ist kein Zufall. Wolf Lotter beleuchtet sie in seinem Prolog in der März-Ausgabe von brandeins:

„Alles bleibt, wie es ist, nur mit Internetanschluss.“

Dafür steht auch das elende Kürzel 4.0. Leerformel-Geschwätz zur Systemerhaltung – „ein Spießercode“, so Lotter:

„Der Wissensarbeiter wacht in einem Unternehmen und in einem Staat auf, der für die Fabrikgesellschaft entwickelt wurde, und Parteien und Institutionen, die im Schatten des Schornsteins erdacht wurden, erklären ihm die Welt.“

Nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne „Blender im Management werden keine Social-CEOs – sie bleiben unter sich“.

Die immer noch vorherrschende Fabriklogik zieht mit digitalen Mitteln auch in die Büroarbeit ein. Johannes Böhme hat das in der brandeins aufs Korn genommen und bezieht sich auf eine Studie des Soziologen Andreas Boes:

„Die Arbeit im Büro ähnele immer mehr der Arbeit in der Fabrik: Kleine, standardisierte Arbeitsschritte würden unter Zeitdruck wie an einem ‚digitalen Fließband‘ am Computer abgearbeitet und von Software protokolliert.“

Der „Wandel“ trage dabei verschiedene Namen wie „lean“ oder „agile“. Immer gehe es darum, die Arbeit in den Büros schneller, besser und effizienter zu machen.

„Lean“ sei vor allem ein Mittel, um aus den Leuten mehr rauszuholen, so Bettina Seibold vom Institut für Medienforschung und Urbanistik in Stuttgart.

„Jeden Tag treffen sich die Mitarbeiter vor einer Tafel, auf der ihre Arbeit in verschiedenen Farben abgebildet wird. Jeder muss kurz sagen, wie es bei ihm steht, und dann wird das übersetzt in Rot oder Grün. Rot heißt, dass Deadlines nicht eingehalten, Kosten überschritten, Probleme nicht gelöst werden“, schriebt Böhme.

Das Lean Management-Modell des MIT geht aber anders. Es soll das System im Ganzen betrachtet und verstanden werden, verbunden mit einer lebenslangen Beschäftigungsgarantie und Aufstiegschancen. Wenn man das in einer Blackbox in kleinen Arbeitsschritten praktiziert, wird darauf ein Dressur-Management im Hamster-Käfig.

Fast überall trifft man dabei auf „Vorgesetzte“, die eigentlich viel weniger wissen als ihre Mitarbeiter, ihnen aber qua Amt ständig sagen, wo es langgeht. So zitiert Lotter den IG-Metall-Berater und Informatiker Ulrich Klotz. Was von oben kommt, sind häufig hohle Befehle einer Positionselite, die ohne Positionen zu kleinbürgerlichen Gestalten schrumpfen. Zu bewundern an gescheiterten Heroen des Managements wie Martin Winterkorn oder Thomas Middelhoff. Als Symbol dieser aalglatten Ikonen rhetorischer Nichtigkeit sehe ich Johann Holtrop, die Hauptfigur im gleichnamigen Roman von Rainald Goetz. Das Werk ist ein erschreckendes Panoptikum der Wirtschaftselite. Holtrop ist auswechselbar. Ein Schnösel und Wichtigtuer, der sich mit abgedroschenen Plattitüden durchs Leben boxt. Er erzählt überall zusammengelesenes, letztlich nur nachgeplappertes Zeug.

„Holtrop selbst merkte nicht, wem er was nachplapperte, wo er sich bediente und von wem er was übernommen oder gestohlen hatte“ , so Goetz.

Jämmerliche Söldner meiden die Nahbarkeit

Durch diese Defizite entstand die besondere mimetische Energie, „die Holtrop das von außen anverwandelte, was ihm fehlte.“ Er implantierte der Außenwelt seine Ideen, indem er sie kopierte und zugleich so manipulierte, dass sie seine Ideen für ihre eigenen hielten – ein begnadeter Blender. Und diese Blender haben es schwer, sich offen und nahbar im Social Web zu bewegen. Es sind jämmerliche Söldner, die der Schweizer Publizist Frank A. Meyer so herrlich aufs Korn nimmt.

„Sie verfügen nicht über Produktionsmittel, sie stehen nicht mit eigenem Kapital in der Verantwortung, ihre gesellschaftliche Position entspricht der von Kleinbürgern: nicht unten, aber auch nicht wirklich oben.“

Unkultivierte Typen und neureiche VIPs, die ohne Positionen wieder zu Gartenzwergen schrumpfen. So eine neofeudal gestimmte Luxusclique, die ihre Kinder in der Potsdamer Luxus-Kita „Villa Ritz“ für eine Monatspauschale von mindestens 1.000 Euro (ein Schnäppchen) unterbringt, muss sich abschotten.

„Wer sich global wie lokal so behütet, so getrennt vor der wirklichen Wirklichkeit durch den eigenen Lebensfilm bewegt, dem fehlt die Lust am Engagement für die ferngerückte Gemeinschaft“, schreibt Meyer.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Suche nach Social-CEOs in der Deutschland AG so schwerfällt. Das passt nicht zum Mindset der Teleprompter-Topmanager.

Eigentlich eine gute Zeit für Machteliten-Hacking.

Siehe auch:

Horror-Job bei Apple: „Sogar die Klozeit war beschränkt“

Update

Die Debatte mit der Lean-Fraktion auf Facebook, damit wir den Diskurs mit den von mir zitierten Wissenschaftlern fortführen können.

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Leblose Metaphern: Wann hört sie endlich auf, die digital-transformatorische 4.0-Dudelei?

Einiger der wenigen Autoren mit Aussagekraft
Einiger der wenigen Autoren mit Aussagekraft

Ein Anstupser hier, ein Gewinnspiel da, ein wenig Storytelling dort oder alter Wein in neuen Schläuchen unter der Überschrift „Content Marketing“. Das Ganze degeneriert zur Fortsetzung der Berieselungswerbung mit anderen Mitteln: Spätestens wenn sogenannte Retargeting-Experten ins Schwärmen kommen, ist es Zeit, sich Kopfhörer aufzusetzen und Heavy Metal zu hören.

Wenn es um die vernetzte Ökonomie geht, wimmelt es von Allgemeinplätzen, Phrasen und Floskeln. Es dominieren tote Maschinen-Metaphern, bemerkt brandeins-Autorin Christine Künzel: Wir schalten unser Denken aus, wenn wir die Hitparade der Powerpoint-Dauerredner erleben.

„Wow, wie originell ist das denn, die Wirtschaft als Maschine zu beschreiben“, betont Künzel.

Es sind bürokratische und leblose Ingenieurs-Storys, die auf dem technischen Niveau von 1900 stehen geblieben sind. Statt hausbackene Definitionen nach dem Leierkasten-Prinzip zu verwenden, wären Überraschungen vonnöten, um neues Denken zu befördern.

Warum gibt es im netzökonomischen Diskurs keinen Franz Dobler? Ein begnadeter Autor, der mit Erzählkraft, Witz, Ironie und Charme wachrüttelt. Ein Rhetor erster Güte. Jemand, der sich quer zu den geltenden Normen stellt, der Haltung zeigt und sich nicht hinter irgendwelchen Leinwand-Schaubildern versteckt und über Prozesse oder Optimierungspotenziale labert. Verkümmerte und hohle Begriffe sind ein Indiz für… ach, lassen wir das.

Zur Diskussion: Plattformen und das Gefangenendilemma in der Industrie

spieltheorie

Dominiert in der digitalen Strategie von deutschen Industrieunternehmen die Ego- und Silo-Strategie?

Eigenes Wissen bunkern oder zurückhalten und gleichzeitig von der Kooperationsbereitschaft und den Informationen der Partner profitieren. Wobei die anderen Kooperationspartner natürlich dann genauso agieren würden wie Kuka, Klöckner und Co, was letztlich zum Scheitern der vorteilhaften Kooperation führt.

In meiner Vorlesung zur Wirtschaftsethik ist das intensiv diskutiert worden mit Beteiligung der Facebook-Community.

Das sollten wir vertiefen. Eure Vorschläge für Plattformkonzepte interessieren mich 🙂

Robotik, KI und Speedfactory – Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? #YouBusinessTalk

YouBusinessTalk

In der Premierensendung von YouBusinessTalk (bitte kräftig mit Abos auf Youtube unterstützen) haben wir uns unterhalten, wie sich in vernetzen Unternehmen und in der Netzökonomie Arbeitsoplätze entwickeln werden. Dystopisch, utopisch, realpolitisch und immer mit Blick auf aktuelle Debatten, die etwa im Spiegel oder der Wirtschaftswoche geführt werden.

Auf Youtube und Facebook live übertragen - ein Doppel-Livestream
Auf Youtube und Facebook live übertragen – ein Doppel-Livestream

Wer an solchen Fachgesprächen interessiert ist – ohne aseptische Teleprompter-Powerpoint-Rhetorik – möge uns kontaktieren. David Brych und ich produzieren diese Reihe, die man sehr gut im Unternehmen, bei Messen, Konferenzen oder Workshops einsetzen kann.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂 Dat gibt es übrigens jetzt auch als eBook.

#Industrie40 als deutscher Kastrat für Digitalisierung #YouBusinessTalk

Industrie 4.0 ist nach Auffassung von Thomas Sattelberger der deutsche Kastrat für Digitalisierung. Man könnte auch von einer Gehirn-Verneblung sprechen.

„Die ganze Frage, wie es mit Smart Services aussieht, mit Dienstleistungen allgemein, mit Bildung, Pflege oder Gesundheit, wird total vernachlässigt“, monierte Sattelberger auf der Next Economy Open in Bonn.

Es ist tragisch, dass die Industrie 4.0-Prediger im alten Effizienz-Denken der Massenfertigung verharren.

Fordismus verpuffte vor 60 Jahren

Dabei war die Dynamik des fordistischen Produktionsmusters bereits in den 1960er Jahre verpufft, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 belegt“. Seit rund 50 Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze in der Massenproduktion. Da ist keine Umkehr in Sicht.

Wenn wir unsere fabrik-fixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung nicht ablegen, schaffen wir keine Perspektiven für neue Arbeitsplätze und für neue Märkte.

Ausführlich in meiner heutigen Netzpiloten-Kolumne nachzulesen.

Das Ganze dient als Steilvorlage für unsere Sendung YouBusiness-Talk am 6. September – live via Youtube und Facebook übertragen von 16 bis 17 Uhr. Hashtag zum Mitdiskutieren #YouBusinessTalk

Die Thesen von Ralf Volkmer.

Die Thesen von Guido Bosbach.

Und eine Vor-Debatte auf Facebook.

Man hört, sieht und streamt sich spätestens am Dienstagnachmittag.

4.0-Begriffsgeklingel statt Taten

Industrie der Gesternzeit
Industrie der Gesternzeit

Inflationäres 4.0-Begriffsgeklingel und Konferenz-Gerede können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in Deutschland kaum Unternehmen wahrnehmen, die international in der ersten Liga der Netzökonomie spielen. Deutschland braucht eine Digitalisierungsstrategie, die über die Förderung der produktionsbezogenen Industrie 4.0 hinausgeht und die öffentliche Verwaltung ebenso einschließt wie das Gesundheitswesen, die Bildung und die private Nutzung des Internets der Dinge. So das Credo des “Jahresgutachtens der Expertenkommission Forschung und Innovation”, das ihr Vorsitzender Dietmar Harhoff vom Münchener Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb der Regierungschefin Angela Merkel überreicht hat. Die starke Fokussierung der Bundesregierung auf einen relativ kleinen Bereich der Digitalisierung sei nicht zielführend. So werde mit Industrie 4.0 einseitig auf Effizienzsteigerungen bei der Produktionstechnik abgehoben.

“Hier bedarf es dringend einer überzeugenden Gesamtstrategie. Die ‚Digitale Agenda‘ erfüllt diesen Anspruch nicht, auch wenn sie eine hilfreiche Sammlung von Analysen und Handlungsnotwendigkeiten liefert”, schreiben die Wissenschaftler.

Start-ups, die mit ambitionierten Geschäftsmodell-Innovationen neue Quellen der Wertschöpfung aufbauen, haben in Deutschland derzeit keinen ausreichenden Zugang zu Wagniskapital und Wachstumsfinanzierung. Die Expertenkommission erneuert ihre Empfehlung, auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Wagniskapital und die Einrichtung eines Börsensegments für Wachstumsunternehmen hinzuwirken.

“Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien und Geschäftsmodellen sind in der Breite zu fördern – in allen Ausbildungs- und Weiterbildungssegmenten.”

Selbst bei Firmenübernahmen spielen Deutschland und Europa keine Rolle

Kritisch sehen die Studienautoren auch die deutsche Informatik, die in weiten Teilen zu abstrakt aufgebaut sei und sich nur mühsam der praktischen Anwendung nähere. Dringend raten die Autoren der Politik, der internetbasierten Wirtschaft sehr viel mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Deutschland habe seine Förderung bisher zu defensiv auf die Erhaltung und Weiterentwicklung seiner klassischen Industrien wie Autoproduktion und Maschinenbau konzentriert:

“Die derzeitige Situation ist alarmierend. Deutschland hat nicht nur in den klassischen Informations- und Kommunikationstechnologien in den letzten Jahrzehnten an Boden verloren. Viel gravierender ist, dass deutsche Unternehmen in den neuen Bereichen der digitalen Wirtschaft, in denen Kompetenzen bei der Verwendung IT-basierter Prozesse ausschlaggebend sind, bisher keine Stärken aufbauen konnten. Es sind US-Unternehmen, die die Aktivitäten in der internationalen Internetwirtschaft dominieren.”

Allein die Marktkapitalisierung von Alphabet übertrifft die aller deutschen Unternehmen in der gesamten digitalen Wirtschaft. Zu den kapitalstärksten Unternehmen der Internetwirtschaft zählen hierzulande Zalando, United Internet und etablierte Unternehmen wie Axel Springer. Selbst deren Marktkapitalisierung ist im Vergleich zur Gruppe Silicon Valley-Konzerne nur sehr langsam gewachsen. Zu den Anwendungsfeldern, die zur weiteren Expansion der digitalen Wirtschaft führen, zählen Smart Home, Internet der Dinge, neue Formen der Kommunikation wie WhatsApp, Robotik, durch Computer und Datenbrillen erweiterte Realitätswahrnehmung (augmented reality), virtuelle Realität, sowie Mobilität oder Sicherheit. Also alles Aktivitäten, die von kapitalstarken Konzernen der Internetwirtschaft in Asien und USA beherrscht werden. Und selbst bei den Übernahmen, die von diesen Unternehmen ausgehen, spielen Deutschland und Europa eine untergeordnete Rolle.

Ausführlich könnt Ihr meine Ausführungen bei den Netzpiloten nachlesen.

De-Industrialisierung in Deutschland beschleunigt sich – Mit und ohne #Industrie40 Geschwätz #Boardreport

Industrie von gestern
Industrie von gestern

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung warnt der SAP-Mitgründer Henning Kagermann vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, wenn sie nicht stärker auf Automatisierung und Digitalisierung setzt.

„Wenn wir nichts tun, gehen also auf jeden Fall Arbeitsplätze verloren.“

Gemeint ist die Industrie 4.0-Blase, die als Allheilmittel der vernetzten Ökonomie von Verbandsvertretern und Informatikern gepriesen wird. Kagermann rechnet nicht mit Massenarbeitslosigkeit, schließlich sei auch die Automatisierungswelle in den 1980er Jahren glimpflich verlaufen. In Deutschland gebe es heute mehr Beschäftigte als damals.

„Industrie 4.0 kann ebenfalls so große Wachstumsimpulse bringen, dass der Verlust überkompensiert wird“, bemerkt Kagermann gegenüber der SZ.

Ich weiß nicht, in welche Statistiken der Leiter des Steuerungskreises „Innovationsdialog“ schaut, industrielle Arbeitsplätze kann er dabei nicht meinen. Seit den 1960er Jahren geht die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe runter. Seit 1980 sind wir nach den Daten des Statistischen Bundesamtes kein Industrieland mehr. Und aktuell gibt es andere „Maßnahmen“ der Industriekonzerne, die zu einer Beschleunigung der De-Industrialisierung in Deutschland beitragen, ganz ohne Industrie 4.0-Geschwätz und Digitalisierung. So richtig in Fahrt kam das Ende der 1980er Jahre, wie der Automotive-Experte Thomas Meichsner, Geschäftsführer Operations bei der Firma Faurecia Interior Systems, im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Boardreport deutlich macht:

„In der ersten Phase der Kostensenkung sind wir mit einer so genannten ‚verlängerten Werkbank in die neuen Bundesländer gegangen. Wenige Zeit später eröffnete ich unsere ersten Low Cost Standorte in Polen, Rumänien und dann in China. In diesen Werken sollte nur produziert werden, die Verwaltung mit der Entwicklung und der Hauptproduktion fand immer noch in Deutschland statt. In der zweiten Phase investierten wir massiv in die Kostenreduzierung durch eine hohe Automatisierung in der Produktion durch Roboter und spezielle CIM Fertigungslinien. Die Entwicklung stellten wir komplett vom manuellen Zeichenbrett auf CAD mit 3D Simulation aller Prozessschritte um.“

Das globale Wachstum führte zu einer Vervielfältigung der Produktionsstätten mit den modernsten Fertigungstechnologien rund um den Globus.

„Aus dem Erlernten in einer bestehenden Fabrik wurde jeweils das nächste Werk in einer verbesserten Version aufgebaut. Die modernsten Werke sind heute in China realisiert worden und das ist auch ein Teil der Erfolgsgeschichte der deutschen Automobilkonzerne in Asien“, erläutert Meichsner.

Aktuell lauten die Vorgaben der Einkäufer in der deutschen Automobilindustrie „Global Sourcing“ und „Target Cost Squeeze”.

„Lieferanten bei neuen Aufträgen werden nur berücksichtigt, wenn wir osteuropäische Löhne als Kalkulationsbasis zu Grunde legen. Zusätzlich fordern Firmen wie VW sogenannte Quick Savings, das sind sofort fällige Preisreduzierungen auf das bestehende Geschäft in Höhe von fünf Prozent als Gegenleistung für den Erhalt eines neuen Auftrages. Häufig ist es dann so, dass das Bestandsgeschäft noch in Deutschland produziert wird und hier der Nachlass gegeben wird, auch wenn die Produktion später in einem Low Cost Standort erfolgt. Bei jedem neuen Auftrag sinkt die Umsatzrendite im Altstandort immer weiter. Des Weiteren müssen vier Jahre lang je fünf Prozent an Preisreduktion zugesichert werden. Dieser Preisnachlass lässt sich durch Produktivitätssteigerung nur noch in den Low Cost-Standorten darstellen, da in Deutschland die meisten Abläufe bereits automatisiert wurden. Aufgrund des hohen Kostendrucks werden zusätzlich ganze Entwicklungsaufträge in Niedriglohnstandorte verlegt. In Indien arbeitet ein CAD-Entwicklungsingenieur für rund fünf Prozent des deutschen Gehaltsniveaus und zusätzlich ohne Arbeitszeitbegrenzung. Darüber hinaus erfolgt die Produktion der meisten Werkzeuge und Maschinen ohnehin schon in Asien“, weiß Meichsner.

Mit einem Lohnkosten-Unterschied von rund 40 Euro in Deutschland und vier bis sechs Euro in den osteuropäischen Ländern, werden immer mehr Industriearbeitsplätze in Niedriglohnländer verlagert.

Wer von Industrie 4.0 redet, sollte über die Realität nicht schweigen.

Das komplette Interview mit Thomas Meichsner erscheint in der Doppelnummer von Boardreport Ende Januar.

Mit der #Industrie40 Denke zur verlängerten Werkbank? Debatte zur #NEO15 via Live-Hangout mit @EbbeSand @PrivatMa2

Industrie Kreativwirtschaft

„Smarte Produkte transportieren Informationen, kommunizieren an den jeweiligen Punkten mit einem hybriden und störungsfreien Produktions- und Fördersystem – sind diese perfekten Prozessabläufe zudem automatisiert: et voilá Industrie 4.0“, schreibt Markus Henkel.

Der Mittelstand hierzulande sei bestens gerüstet und rüstet in Sachen Industrie 4.0 auch weiter auf:

„Lediglich am Tempo darf sich gerne etwas ändern, vorausgesetzt, die Sicherheit der industriellen Systeme ist gewährleistet. Und die Kritiker? Sie sind meist von Verbänden oder Unternehmen engagiert, die beratende Funktionen innehaben haben. Oder sie schreiben Artikel wie Henrik Müller ‚Deutschland ist für die digitale Revolution nicht gerüstet‘. Müller, immerhin Professor für wirtschaftlichen Journalismus an der Uni Dortmund, kritisiert in diesem die angebliche Überheblichkeit deutscher Wirtschaftsunternehmen. Er fokussiert sich allerdings gleichzeitig auf eine Studie zweier Oxford-Mitarbeiter, die für den US-Arbeitsmarkt schwarzsehen – natürlich wegen der digitalen Revolution. Gleichzeitig projiziert er deren Ergebnisse auf Europa, sieht das autonome Fahren bereits als Standard, auf den Meeren fahren seiner Meinung nach in Kürze vollautomatische Frachtschiffe, die die Crew und den Kapitän überflüssig machen und Handwerker werden auch nicht mehr benötigt; weil wir ja alle 3D-Drucker haben. Letztere übernehmen dann wohl auch den Einbau des Siphons beziehungsweise installieren die Küche direkt nach dem Ausdruck – inklusive der Elektronik. Henrik Müller und seine Mannen befinden sich meines Erachtens auf Zeitreise, katapultierten sich vor Jahren bereits in die Zukunft. Sie sollten aber endlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. So gestalten wir die Zukunft bereits neu und ja, sie wird so ähnlich ausschauen, wie Müller sie gerne hätte. Sprich, die digitale und industrielle Evolution hat bereits begonnen, sie benötigt lediglich mehr Entwicklungszeit als von den selbsternannten Experten gedacht. Eben weil von industriellen Prozessen mehr Robustheit und Zuverlässigkeit erwartet werden“, so Henkel.

Reicht das? Oder ist schon alleine der Begriff „Industrie 4.0“ eher eine Beruhigungspille für Mittelstand und Konzerne in Deutschland? Suggeriert er nicht die heile Welt der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten? Es soll Sicherheit, Kontinuität und Leistungsstärke demonstrieren wie in den Wirtschaftswunder-Zeiten:

„Ja gut, es wird ein bisschen digitalisiert, aber sonst bleibt alles beim Alten – eine Fabrik mit Fließband und Internetanschluss, festen Arbeitszeiten und einer dazugehörigen festen Lebensplanung bis zur Rente“, schreibt Wolf Lotter zur Maschinen-Thematik von „brandeins“.

Der Name sei Programm. Er rüttelt nicht auf, sondern begleitet uns in das Gestern:

„Industrie 4.0, ein Schritt nach vorn, zwei zurück.“

Die vermeintlich vierte industrielle Revolution sei die erste, die auf Geheiß von Politikern und Verbänden stattfinden soll. Über den Status von Rundlauf-Akten, die zwischen den drei beteiligten Bundesministerien zirkulieren, wird das großspurig verkündete Projekt nicht hinauskommen.

Statt hausbackene Definitionen aus dem Industriezeitalter zu verwenden, wären Überraschungen vonnöten, um neues Denken zu befördern. Wenn man mit Versionsnummern hausieren geht, wäre Wissen 1.0 ein Ausrufezeichen, um zu dokumentieren, dass wir seit 1980 statistisch gesehen gar keine Industrienation mehr sind. Knapp 25 Prozent der Beschäftigten arbeiten noch in der Industrie, Mitte der Sechzigerjahre waren es 49,2 Prozent. Seitdem geht es bergab.

„Gleichzeitig hat sich die Produktivität mehr als versechsfacht. Das versteht man klarer, wenn man weiß, dass die in der Statistik der Industrie zugeschlagenen Beschäftigten Wissensarbeiter sind, Ingenieure, Entwickler, Automatisierungs- und Prozessexperten“, erläutert Lotter.

Was wir also brauchen, sind kreative Köpfe und keine Maschinen-Prediger. Unser ökonomisches Verständnis oder Missverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge hängt zum großen Teil von unserer Art des Sprechens ab. Müssten wir nicht stärker über Anwendungen und weniger über Produkte nachdenken? Zukunftsentscheidend ist nicht mehr die Herstellung eines Kotflügels oder einer Einspritzpumpe, sondern die Verbindung von Daten, Software, Wissen und Algorithmen.

Das wollen wir genauer wissen im Vorfeld der Next Economy Open in Bonn. Bibliotheksgespräch mit Mathias Thomas, Geschäftsleitung von Dr. Thomas + Partner (Software für die Intralogistik-Industrie) sowie von der gaxsys GmbH (E-Commerce) und Markus Henkel. MORGEN, AM DIENSTAG, AB 11:30 UHR.

Zum Mitdiskutieren via Twitter das Hashtag #NEO15 einsetzen.

Oder den Frage-Button auf der Google Plus-Seite verwenden. Man hört, sieht und streamt sich morgen.

Industrielles Internet: Wenn aus Vorsprung Nachsprung wird – China hat die Nase vorn #FraunhoferIAO #Industrie40

Industrie 4.0-Vorsprung weggeblasen
Industrie 4.0-Vorsprung weggeblasen

Beim industriellen Internet ist China nach einer Meldung von Fraunhofer IAO bereits auf der Überholspur. Von 2013 bis 2015 haben chinesische Erfinder auf diesem Gebiet über 2500 Patente angemeldet und liegen somit deutlich vor den USA mit 1065 sowie Deutschland mit 441 Anmeldungen.

Die Patentanalyse zeige, dass Chinas Technologieaktivitäten derzeit inhaltlich mit hoher Priorität auf energie-effiziente industrielle Sensornetzwerke sowie auf künstliche Intelligenz abzielen.

Das Fraunhofer IAO wird ab Juni 2015 halbjährlich die englischsprachige Technologiestudie „Industry 4.0 – Chinese Patents“ anbieten. Die Studie enthält einen Überblick von rund 1000 chinesischen Patentveröffentlichungen.

Die Technologien der 50 wichtigsten chinesischen Patentveröffentlichungen eines Halbjahrs werden von Experten qualitativ analysiert und in Steckbriefen zusammengefasst. Sie enthalten Bewertungen für Neuheit, Innovationshöhe sowie Umgehbarkeit. Zielgruppe in Unternehmen: Forschung und Entwicklung, Vertrieb sowie Patente.

Wo ist nach diesen Infos der teutonische Industrie 4.0-Vorsprung nur geblieben?

Im April 2013 ging die so genannte Plattform Industrie 4.0 als Gemeinschaftsprojekt der Wirtschaftsverbände BITKOM, VDMA und ZVEI mit großen Erwartungen an den Start, um die Hightech-Strategie der Bundesregierung maßgeblich zu unterstützen. Die Initiative steht für die Anwendung des Internets der Dinge und der Dienste in industriellen Prozessen, in Produktion und Logistik, mit weitreichenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation. Was die drei Verbände zustande gebracht haben, die immerhin rund 6000 Mitgliedsunternehmen der deutschen Spitzenindustrie repräsentieren, ist spärlich.

Die USA sind dabei, auch bei der vernetzten Industrie Trendsetter zu werden, warnt Franz Eduard Gruber, Gründer und Chef der Software-Firma Forcan, die sich auf die Steuerung von Maschinen spezialisiert hat. Die Amerikaner haben nach seinen Erfahrungen erkannt, dass die Standardisierung in der Kommunikation von Maschinen und Sensoren entscheiden ist.

„Wer den Standard definiert, der definiert, in welche Richtung der Weltmarkt künftig läuft“, so der ehemalige SAP-Manager auf einer Fachtagung des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam.

Die USA hätten mit dem offenen Standard MTConnect bereits Fakten geschaffen. Und dann folgt eine denkwürdige Replik:

Kuka

Das sei einer Gründe, warum die Plattform unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministerium umorganisiert wird. Hat man das eigentlich bei der Gründung der Plattform nicht gewusst? Mit dem Fraunhofer-Zahlenwerk wird jedenfalls deutlich, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA und China verlieren könnten.

So langsam werden wir zur verlängerten Werkbank, die sich auf die Veredelung von Produkten und Diensten zurückzieht. Wie viele unserer Projekte in der Grundlagenforschung, Patente und Ingenieurleistungen bringen wir zum Markterfolg? Welchen Stellenwert hat bei uns die Digitalisierung und die Konzentration auf Anwendungen, die bei Produkten immer entscheidender wird? Von der Heimvernetzung bis zur großspurig verkündeten Energiewende, die im Streit um das EEG gerade kräftig zerredet wird, verspielen für wichtige Themen, die eng mit der vernetzten Ökonomie zusammenhängen.