Facebook, Google und die Vorzensur #KPChina

Gilt nicht nur für Mark Zuckerberg
Gilt nicht nur für Mark Zuckerberg

Mit analogen und digitalen Instrumenten werden immer intensiver Regel-Befolgungs-Automaten herangezüchtet:

„Fast überwunden geglaubte Herrschaftsformen leben wieder auf und verschärfen sich teilweise in Form von Benchmarking- und anderer Evaluationspraktiken. Im Grunde hat der Taylorismus nur eine andere Form angenommen und sich vertieft“, mahnt der Buchautor Reinhard K. Sprenger in seinem jüngsten Werk mit dem vielsagenden Titel „Das anständige Unternehmen“, erschienen im DVA-Verlag.

Mitarbeiter-Bashing mit Monitoring-Systemen

Freiräume werden immer mehr eingeengt, die letztlich in massiven Freiheitsbeschränkungen münden. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am meisten runterzieht, sei nach Auffassung von Sprenger nicht das offene Misstrauen der Vorgesetzten:

Es ist das Pseudovertrauen, das knitterfreie, korrekt-opportune Verbalvertrauen, das mit der Forderung nach Transparenz einhergeht und sich dadurch ad absurdum führt.

Man sagt seinem Gegenüber nicht mehr offen die Meinung, sondern versteckt die Giftpfeil-Attacken gegen Untergebene hinter Reporting- und Monitoring-Systemen. Denn Zahlen können ja nicht lügen – kleiner Scherz des Notiz-Amtes.

Mit Ethik-Seminaren zum betreuten Arbeiten

Mit den Tabula rasa-Steuerungsmethoden zerschlägt man das individuelle Anderssein. Jede Abweichung von einer Norm wird pathologisiert.

„Dahinter steckt eine weit verbreitete Optimierungsideologie“, so Sprenger, der von einer Pädagogisierung der Unternehmensführung spricht.

Unterschiede werden über das Personalmanagement wegtherapiert. Übrig bleibt eine geschmeidige Formmasse, die einer Sekte sehr nahe kommt. Dazu zählt Sprenger auch Mitarbeiterbefragungen, Ethik-Seminare oder ganzheitlich-idiotische Feedback-Rituale, die zur Entmündigung des Menschen beitragen. Übrig bleibt „betreutes Arbeiten“. Es werden immer mehr Distanzen und Freiräume verschüttet, die sich mit menschlichem Anstand nicht vereinbaren lassen. Die Distanzlosigkeiten werden als solche oft gar nicht wahrgenommen und falls doch, werden sie als Fürsorge und Hilfe interpretiert.

„Aber der Preis ist hoch. Man lebt wie unter einer Glasglocke“, führt Sprenger im Welt-Interview aus.

Wenn in Gesellschaften und Organisationen der dümmliche Spruch von Facebook-Chef Mark Zuckerberg „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ zum Maßstab des Zusammenlebens wird, bleibt am Ende nur noch die Führungsphilosophie der Kommunistischen Partei China übrig. Man landet in der Falle einer freiheitsfeindlichen Vorzensur, die sich im Kopf abspielt. Nachzulesen in meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten.

Tendenz zur Gleichförmigkeit
Tendenz zur Gleichförmigkeit

Dazu passt das von Professor Gerd Gigerenzer auf der re:publica kritisierte Big Nudging: Also eine Kombination von Big Data mit Nudging-Steuerung. Der Staat versucht, die Bürgerinnen und Bürger in die richtige Richtung zu lenken, ohne gesetzgeberische Hebel anzusetzen.

Die Regierungen in den USA und Großbritannien verfügen über Nudging-Teams, die täglich das volkspädagogische Steuerrad bewegen. Menschen seien einfach nicht in der Lage, Risiken richtig einzuschätzen, so dass sie ein wenig angestupst werden müssen.

Der chinesische Staatsrat hat Nudging mit Big Data verbunden und einen harmlos klingenden „Social Citizens Score“ eingeführt, der über die kommunalen Regierungsvertreter flächendeckend zur Anwendung kommen soll. Basis für die Korrektheitsberechnung ist der Sesame Credit Score der Ant Financial Services Group, einer Tochtergesellschaft von Alibaba. Neben der finanziellen Kreditwürdigkeit kommen Variablen zur Berechnung der sozialen und politischen „Kreditwürdigkeit“ in den Algorithmus des Plattform-Betreibers rein. Die Kommunistische Partei China macht das sehr transparent, so dass jedem Schäfchen des Landes klar ist, was die Parteiführung von „ihrem“ Volk erwartet.

Man kann in dem „moralischen“ Dokument der KP nachlesen, was zu einem schlechten Score-Wert führt. Ähnliches hat der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt formuliert:

„Wenn wir etwas tun, was andere nicht wissen sollten, dann sollten wir es besser nicht tun.“

Gigerenzer verortet erstaunliche Parallelen zwischen Google und der KP China. Ähnliches könnte man auch zum Zitat von Mark Zuckerberg sagen….

Was kann man tun? Mehr dadaistische Algorithmen produzieren, wie von @FrauFrohmann vorgeschlagen?

Weitere Ideen?

Lanier und der digitale Angstschweiß: Vom gescheiterten Unternehmer zum „Internet-Pionier“ #fbm14 #Lebenzerstört

Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört
Solche Abbildungen haben mein #lebenzerstört

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es bei einigen Verlagsmitarbeitern ein selbstzufriedenes Lächeln, wenn der diesjährige Friedenspreisträger Jaron Lanier zur Sprache kam. Er spricht das an, was viele andere schon immer mal sagen wollten:

„Das Internet zerstört unser Leben.“

Oder wie es Nico Lumma in einem ironischen Zwischenruf auf Facebook formuliert:

„Die Rückwärtsgewandten haben ihre Vaterfigur gefunden. Alles soll wieder so werden, wie es nie war.“

Lanier bedient zumindest in Deutschland den vorurteilsbeladenen Kanon der Internet-Skeptiker, die am liebsten wieder zur Tagesordnung des traditionellen Geschäfts übergehen wollen. Was der Friedenspreisträger und seine Apologeten in die Welt posaunen, sagt mehr über das Weltbild der Kritiker als über die Wirklichkeit aus, betont Tim Cole, Co-Autor des Opus „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“.

Sie sehen die Menschen als Vieh, das nur stumm wiederkäuen könne und sich im Rudel bewegt. Ohne mediale Hirten könnte man die Zumutungen des digitalen Lebens nicht überstehen.

In Wahrheit geht es beim kollektiven Gejammere um Machtverschiebungen oder um enttäuschte Erwartungen, wie bei Lanier, der das Internet für Maoismus hält und dabei wohl nur seine eigenen gescheiterten Projekte als Risikokapital-Unternehmer kompensiert.

#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier
#Lebenzerstört, zumindest das unternehmerische Leben von Jaron Lanier

Lanier gar als „Internet-Pionier“ zu titulieren, liegt wohl eher am Bestreben der Preisjury des Börsenvereins zur Glanzerhellung des gekürten Autors.

Der mediale Hype um den „Programmierer, Sänger und Autor“, der vor Jahren erfolglos mit Avataren herumexperimentierte, hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückt. Statt Inhalte werden nur Etikettierungen ausgetauscht.

Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm“ zu brüllen. Am Status quo der digitalen Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ändert das leider gar nichts.

Die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann hat das in einem interessanten Vortrag in der digitalen Arena der Frankfurter Buchmesse als „Angstgemeinschaften“ definiert, die sich bilden, um etwas Erhaltenswertes zu schützen und sich gegen Veränderungen zu sperren.

Man sucht Gleichgesinnte zur Abschottung und zur Ausblendung des nötigen Wandels. Dabei geht es der Content-Startup-Szene gar nicht darum, die Buchkultur in Frage zu stellen. Man sollte allerdings etwas unbefangener mit der Digitalisierung und den virtuellen Gütern umgehen.

Guter Content müsse in einer komfortablen und bezahlbaren Form zur Verfügung gestellt werden. Dem Leser müsse es leicht gemacht werden, digitale Formate abzurufen, fordert Frohmann. Das ist eine Lektion, die man in der Musikbranche mittlerweile gelernt hat.

Und das die Virtualisierung sogar die analogen Verlagsangebote beflügeln kann, belegen die Anbieter von Hörbüchern.

Hier wirken die Abrufe auf iTunes und anderen Plattformen als Katalysator für die klassischen Angebote, wie uns Heike Völker-Sieber, eine der Sprecher/innen des Arbeitskreises der Hörbuchverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Hörverlag-Pressechefin sowie dessen Verlagsleiterin Claudia Baumhöver im Wortspielradio-Interview auf der Buchmesse bestätigten.

Ob das auch bei Hörbüchern so bleibt, kann ich mir allerdings für die Zukunft nicht so ganz vorstellen. Zumindest, wenn es um die CD-Angebote geht.

Bei Vinyl sieht das anders aus, weil es hier mehr Möglichkeiten für die Cover-Gestaltung geht und es eine treue sowie wachsende Fangemeinde gibt.

Vielleicht hilft manchmal auch eine Portion Größenwahn weiter, um Neues zu wagen, wie die Gründer von Sobooks, die Amazon herausfordern wollen.

Gespannt bin ich auf die EDITION SOCIAL von Gerhard Schröder, der beim eBook neue Wege gehen will.

Ich selbst plane ein eBook im Frühjahr 2015 pünktlich zur Leipziger Buchmesse. Mehr dazu verrate ich in den nächsten Tagen.