Ein literarischer Globetrotter: Lawrence Ferlinghetti und seine Reisebeschreibungen #fbm23

Lawrence Ferlinghetti: Notizen aus Kreuz und Quer. Travelogue 1960-2010, Kupido-Verlag. Ein faszinierender Blick auf das Leben und die Reisen eines der bedeutendsten amerikanischen Autoren. Erfahrt mehr über seine Begegnungen mit literarischen Größen und seine Reisen rund um die Welt. Taucht ein in eine literarische Reisebeschreibung der besonderen Art.

In „Notizen aus Kreuz und Quer“ präsentiert uns Lawrence Ferlinghetti eine faszinierende Sammlung von Reisebeschreibungen, die einen Zeitraum von 1960 bis 2010 abdecken. Der Autor, bekannt für seinen berühmten Buchladen City Lights in San Francisco, entführt uns auf Exkursionen durch verschiedene Länder und Kontinente.

Das Buch ist eine Hommage an die englischsprachige Tradition der Travelogues und zeigt Ferlinghettis einzigartigen Blick auf die Welt. Mit über 500 Seiten und illustriert mit Zeichnungen des Autors ist es ein beeindruckendes Werk. Der Verlag Kupido hat mit dieser Veröffentlichung eine seiner Programmlinien fortgesetzt, die sich auf literarische Reisebeschreibungen spezialisiert.

Ferlinghetti geht es nicht nur um die Landschaften und Städte, sondern auch um die Menschen, die er trifft und die literarische Szene, der er begegnet. Das Buch ist nicht nur eine persönliche Reiseerzählung, sondern auch eine Art literarische Geschichtsstunde, in der Ferlinghetti uns seine Zeitgenossen vorstellt und uns an seinen Begegnungen mit ihnen teilhaben lässt.

„Lawrence Ferlinghetti war für mich nicht nur ein bemerkenswerter Autor, sondern auch eine zentrale Figur in der literarischen Geschichte Amerikas, besonders in der Zeit der Beat-Generation, obwohl er, wie du schon erwähnt hast, sich selbst nie wirklich als Teil dieser Gruppe sah“, erläutert die Übersetzerin Pociao im Gespräch mit dem Moderator David Eisermann:

„Lawrence Ferlinghetti stand für Freiheit, Aufbegehren und Kritik am etablierten System, und seine Texte sind voller Leidenschaft, Poesie und politischer Schärfe. Das Übersetzen dieses Buches war daher nicht nur eine rein technische Aufgabe, sondern auch eine Reise in die Tiefe seiner Gedanken und Gefühle. Die Herausforderung bei der Übersetzung war nicht nur die Länge des Werks, sondern auch die Tatsache, dass Ferlinghetti oft mit verschiedenen Stilen, Formaten und Genres spielte. Das Buch ist nicht nur ein Reisebericht, sondern auch eine Reflexion über Kultur, Geschichte, Politik und Gesellschaft. Er mischt Poesie mit Prosa, Fakten mit Fiktion und gibt so dem Leser einen einzigartigen Einblick in seine Sicht der Welt.“

Es sei bemerkenswert, wie aktuell einige seiner Beobachtungen und Reflexionen auch heute noch sind. In einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen bietet Ferlinghetti’s Werk einen erfrischenden Blick auf die Welt, der uns daran erinnert, stets kritisch zu bleiben und unsere eigene Position in der Welt ständig zu hinterfragen.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt seines Charakters und seiner Schreibweise ist, dass er nicht nur ein Beobachter war, sondern auch ein aktiver Teilnehmer am kulturellen und sozialen Leben der Orte, die er besuchte. Er hat sich mit lokalen Künstlern und Schriftstellern angefreundet, hat an Diskussionen teilgenommen, hat oft in den lokalen Sprachen geschrieben und manchmal sogar literarische Werke in andere Sprachen übersetzt.

Digitaler Staat in Sicht? Noch lange nicht!

Ein Melancholiker, ein Flaneur, ein Suchender, ein Leidender: Roland Barthes

Roland Barthes, einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, hat nicht nur die literarische Welt, sondern auch die politische und intellektuelle Szene maßgeblich beeinflusst. Barthes betont die Bedeutung der Bilder und der Sprache, die den Text zum Leben erwecken. Er war ein Meister darin, verschiedene Facetten des Schreibens zu erforschen und zu hinterfragen.

Wie kann man Roland Barthes definieren? War er ein Akademiker, ein Literaturkritiker, ein Essayist, ein Semiologe, ein Soziologe oder ein Philosoph? Barthes selbst wehrte sich gegen Etiketten und Grenzen und versuchte, die Kategorien zu verändern. Er betont, dass der Autor nicht im Mittelpunkt stehen sollte, sondern die Bilder und die Sprache des Textes. Barthes selbst war immer bestrebt, sich zu fragmentieren. Sein publizistisches Schaffen war nicht darauf aus, ein komplexes und unumstößliches Gedankengebäude zu erreichen – im Gegensatz zu Jean-Paul Sartre. Seine Notizbücher sind offen für alles, für Theorien und Phantasmen und Erzählungen und Materialien und Abschweifungen. Die Zusammenhanglosigkeit zog Barthes der Ordnung vor und konzentrierte sich auf das Rauschen der Sprache. Bücher zusammengesetzt aus kurzen, eruptiven Zwischen-Texten, Apercus. Es zeigt sein eigenes Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von einigem Notwendigen und viel Zufälligem.

Barthes‘ Schreiben war nicht nur intellektuell und literarisch, sondern auch politisch. Er war ein engagierter Intellektueller, der sich für die politische Kultur seiner Zeit interessierte. Er war gegen den Dogmatismus der Kommunistischen Partei und versuchte, neue Wege des Denkens zu finden.

Was von Roland Barthes bleibt, ist sein Einfluss auf die intellektuelle und literarische Welt. Seine Fähigkeit, die Zeit zu erfassen und in ihr zu sein, ist ein Vermächtnis, das uns dazu anregt, über unsere eigene Zeit nachzudenken. Sein Schreiben erinnert uns daran, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, sich selbst zu verstehen und seine eigene Zeit zu erleben.

Er war ein Mensch, der sich nicht mit der Oberflächlichkeit zufrieden gab und immer nach neuen Herausforderungen suchte: Ein Melancholiker, ein Flaneur, ein Suchender, ein Leidender.

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Großteil der Personalverantwortlichen hat Bedenken gegenüber Künstlicher Intelligenz: Schlecht für die Rekrutierung von KI-Fachpersonal

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Laut einer aktuellen Umfrage von Randstad-ifo haben 86 Prozent der deutschen Personalverantwortlichen Bedenken hinsichtlich des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz (KI) in ihren Unternehmen. Die häufigsten Gründe dafür sind fehlendes Know-how (62 Prozent), rechtliche Aspekte (48 Prozent), mangelndes Vertrauen in KI (34 Prozent) und fehlende Akzeptanz (25 Prozent). Darüber hinaus sehen 22 Prozent keinen Mehrwert in der Nutzung von KI aufgrund des damit verbundenen Aufwands (19 Prozent) und der hohen Kosten (18 Prozent).

Aktuell nutzen lediglich 5 Prozent der befragten Unternehmen KI in ihren Personalabteilungen, während weitere 25 Prozent dies in Zukunft planen. „Die Personalverantwortlichen sehen in der Rekrutierung, dem Bewerbermanagement und in der Automatisierung von Personalprozessen Chancen für die KI“, erklärt Johanna Garnitz, Forscherin am ifo-Institut.

Die Befragten schreiben dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf die Personalplanung im Unternehmen eher geringe Bedeutung zu. 84 Prozent gehen davon aus, dass KI in den nächsten fünf Jahren keinen Einfluss auf die Personalplanung haben wird. Lediglich 13 Prozent rechnen damit, dass der Einsatz von KI zu einem Personalabbau führen wird. Besonders im Handel (17 Prozent), der Industrie (15 Prozent) und bei Dienstleistern (9 Prozent) wird mit einem solchen Abbau gerechnet.

Das sind erschütternde Befunde. Wie wollen denn die Unternehmen KI-Fachpersonal an Bord holen? Oder ein Thema wie Prompt-Engineering mit Leben erfüllen? Im öffentlichen Sektor sind die Folgen dieser Geisteshaltung gut zu beobachten:

Im Hinblick auf die Kompetenzen einer digitalen Verwaltung verzeichnet man zur Zeit eine doppelte Kompetenzlücke.

Zum einen fokussieren aktuelle Kompetenzmodelle für E-Government auf IT-Rollen als die für eine IT-gestützte Verwaltungsmodernisierung zuständigen Spezialisten. Unter der Bezeichnung E-Kompetenzen werden hierbei primär spezielle technikzentrierte Kenntnisse und Fähigkeiten betrachtet, wobei Methoden- und Sozialkompetenzen zur Entwicklung und Einführung technischer Lösungen inkludiert werden. Wenig Berücksichtigung finden allerdings digitale Kompetenzen, die auf Fachseite von Verwaltungsbehörden dringend benötigt werden, um unter Betonung von Innovations-, Kollaborations- und Agilitätsaspekten aktiv am fortwährenden digitalen Wandel teilzuhaben und die Digitalisierung der Verwaltung über alle Ebenen und in der gesamten Breite voranzutreiben.

Zum anderen lässt sich in Ergebnissen der Stellenanzeigenanalyse erkennen, dass diese digitalen Kompetenzen in aktuellen Stellenanzeigen für fachliches Verwaltungspersonal mit einer relativen Häufigkeit von unter einem Prozent so gut wie gar nicht nachgefragt werden.

Dies könnte im besten Fall mit der Verwendung ungeeigneter Fachbegriffe bei der Datenanalyse begründet sein, nach anderer Lesart aber auch darauf hindeuten, dass bei der Personalgewinnung für die öffentliche Verwaltung digitalen Kompetenzen wenig oder keine Relevanz für die Durchführung fachlicher Verwaltungsaufgaben beigemessen werden.

Um in der KI Ballhöhe zu erreichen, sollten die Personalverantwortlichen sehr schnell ihre Abwehrhaltung gegenüber ChatGPT und Co. ablegen.

Deutschland braucht eine neue Innovationskultur: Wie die Technologieökonomik helfen kann @FraunhoferIMWL #GreenMonday

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Was steckt hinter Technologie-Ökonomik und der doppelten Transformation? Dazu befragten wir Christian Growitsch, Leiter des Fraunhofer-Zentrums für Internationales Management und Wissensökonomie.

Die doppelte Transformation beziehe sich auf die gleichzeitige Veränderung wirtschaftlicher Strukturen in Bezug auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Auf der einen Seite gehe es um den Ersatz fossiler Rohstoffe und energieintensiver Prozesse durch erneuerbare Energien und nachhaltige Rohstoffe. Auf der anderen Seite gehe es um die Transformation unternehmerischer und gesamtwirtschaftlicher Prozesse hin zu digitalen Strukturen. „Diese Kombination aus Nachhaltigkeitstransformation und digitaler Transformation wird als doppelte Transformation bezeichnet. Für den deutschen Mittelstand stellt dies eine große Herausforderung dar, bietet aber auch Chancen, wenn sie schnell und effektiv umgesetzt wird“, so Growitsch.

Besonders in Anbetracht des Ukrainekrieges, der Coronapandemie und den aktuellen Problemen werde deutlich, wie brüchig diese Themen sind und wie dringend daran gearbeitet werden muss. Die Globalisierung, von der Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten profitiert hat, zeigte nun ihre Grenzen auf und offenbart die Verwundbarkeit der deutschen Volkswirtschaft. „Um diese Verwundbarkeit zu verringern, müssen wir uns von bisherigen Lieferstrukturen unabhängiger machen. Dies war ohnehin Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie, wird aber nun beschleunigt. Wir benötigen eine nachhaltige Rohstoffversorgung, um unsere industriellen Strukturen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, beim Wiederaufbau der Ukraine zu helfen“, erläutert der IMW-Leiter.

Die Technologieökonomik spiele dabei eine wichtige Rolle. Sie beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung der technoökonomischen Zusammenhänge und insbesondere mit den volkswirtschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien. In einer Zeit der Unsicherheit und technologischen Risiken könne die Technologieökonomik Politik und Unternehmen dabei unterstützen, die Transformation zu beschleunigen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

„Es ist wichtig, dass verschiedene Disziplinen zusammenarbeiten und dass wir über den Tellerrand hinausblicken. Die Verbindung von Verteidigungsforschung und Energieversorgungssicherheit ist ein Beispiel dafür. Es müssen neue Regeln und Ansätze entwickelt werden, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken und gleichzeitig positive Impulse für Innovation und Wachstum zu generieren. Eine deutsche Version der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) ist dabei nicht unbedingt erforderlich, aber bestimmte Elemente und Denkweisen können durchaus genutzt werden“, betont Growitsch.

Es sei auch wichtig, dass wir eine Hightech-Armee entwickeln, die sowohl militärische als auch zivile Werkzeuge nutzt. Dies könne zu einer Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und zu Innovationen führen. Allerdings müssten dafür auch die entsprechenden Regeln und Rahmenbedingungen geschaffen werden. Das deutsche Haushaltsrecht und das restriktive Vergaberecht stellen hierbei oft Hindernisse dar. Es braucht eine neue Kultur der Forschungsförderung, die auch Scheitern zulässt und hochriskante Innovationen ermöglicht.

Insgesamt ist die doppelte Transformation eine große Herausforderung, aber auch eine Chance für Deutschland. Durch eine enge Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft könnten wir die Transformation beschleunigen.

Im November besprechen wir diesen Themenkomplex beim ersten in Düsseldorf.

Am 20. November 2023, um 17.30 Uhr. TechHub.K67, Kasernenstr. 67, 40213 Düsseldorf. Teilnahme kostenfrei. Jetzt anmelden.

Wenn politisch fragwürdige Silicon-Valley-Vulgärkapitalisten mit staatlichen Sicherheitsbehörden paktieren und sich an Überwachungssoftware beteiligen

Ich habe ja schon einiges über Vulgärkapitalisten wie Thiel geschrieben. Etwa über das Ansinnen dieser Pappenheimer, den Staat möglichst auszuhebeln, Gewinne zu maximieren und auf die gesellschaftliche Wohlfahrt zu scheißen. Aber die Veröffentlichung von Business Insider ist nun mehr als katastrophal: Tech billionaire Peter Thiel was an FBI informant.

Noch zweifelhafter sind die Beteiligungen von Thiel:

So hält er einen Anteil von 10 Prozent an Palantir, einem Datenunternehmen, das Software und damit verbundene Dienstleistungen im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar an die US-Bundesregierung verkauft hat, darunter das Pentagon, die CIA, die National Security Agency und das FBI. Ein 250-Millionen-Dollar-Vertrag mit der US-Armee im September ist ein weiterer Beweis dafür, dass Palantir im Wesentlichen „ein Regierungsdienstleister“ ist, so ein Finanzanalyst.

Thiel unterstützte auch Boldend, ein Spionageprogramm-Unternehmen, das sich als amerikanischer Konkurrent der israelischen NSO Group vermarktet, wie Forbes im vergangenen Jahr berichtete. Die Produkte von NSO wurden vom FBI gekauft und getestet.

Alles Entwicklungen, die für den demokratischen Rechtsstaat sehr ungesund sind. Da bin ich gut beraten, weiterhin auf paradoxe Interventionen gegen staatliche und private Überwacher zu setzen im Geiste von Michel Serres:

„Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt, dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Deshalb ist es wichtig, als parasitärer Störenfried auf Facebook, Twitter-X und Co, zu bleiben. Der Parasit kann seinen Wirt veredeln, aber auch aus dem Gleichgewicht bringen. Diese Option sollte man nutzen.

Wie viele Vollpfosten, Dummschwätzer, unterbelichtete Politologen, wichtigtuerische Spione und paranoide Aktenknechte sitzen wohl in den Sicherheitsdiensten von BKA, FBI, NSA & Co., die sich selbst verwalten, krampfhaft nach äußeren Feinden fahnden und innere Feinde im Kollegenkreis, in der Familie und bei Freunden vermuten? Jeder verdächtigt jeden. Ein ewiger Kreislauf, der sich aus einem grundlosen Misstrauen speist und auf öffentliche Finanzmittel wie ein Schwarzes Loch wirkt. Wenn es allerdings um strategischen Sachverstand, Intuition, Kombinatorik, politischen Spürsinn und Recherchefähigkeit ankommt, versagt das Schlapphut-Idiotensystem kläglich. Helfen da Verschlüsselungen als Gegenstrategie wirklich weiter? Oder gibt es andere Methoden, die Totalüberwacher in den Wahnsinn zu treiben? Darüber diskutierte ich vor einigen Jahren mit Winfried Felser:

Welche paradox-dadaistischen Interventionen bieten sich denn an? Man könnte den privaten und staatlichen Sicherheits-Gichtlingen sinnentleerte Botschaften schicken, die NSA-Hotline in eine Warteschleifen-Krise stürzen, Liegenschaften einer Dauerbeschallung mit dem Technolied von Blümchen aussetzen, Briefkästen der Sicherheitsunternehmen mit PET-Flaschen-Leergut vollstopfen und an die Sicherheitszentralen billige Spionage-Kugelschreiber mit Fotos von Dieter Bohlen schicken. Habt Ihr noch Ideen?

Suhrkamp Theorie: Die faszinierende Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte – FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Gespräch mit Morten Paul #fbm23 @JKaube @mortenpaul @SpectorBooks @kwi_essen

Das Jahr 2023 steht im Zeichen mehrerer Jubiläen, darunter das 50-jährige Bestehen der Buchreihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ (stw). Die Aufnahme in diese renommierte Reihe bedeutet eine breite Wahrnehmung eines Titels. Weniger bekannt ist, dass es zuvor und parallel bis 1986 die Buchreihe „suhrkamp Theorie“ gab und viele Titel später in die stw übernommen wurden.

Morten Paul hat in seinem Buch „Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg“ die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Reihe detailliert untersucht. Suhrkamp Theorie war bis 1986 eines der anspruchsvollsten geisteswissenschaftlichen Programme in der Bundesrepublik. Die enge Zusammenarbeit mit den Herausgebern Jürgen Habermas, Dieter Henrich, Jacob Taubes, Hans Blumenberg und später Niklas Luhmann spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Auf der Frankfurter Buchmesse führte FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube ein Gespräch mit dem Autor Morten Paul über dieses spannende Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Das Interview beleuchtete die einzigartige Position der Theorie-Reihe, die über die reine Philosophie hinausgeht.

Im historischen Kontext betonte Paul die Rolle der Herausgeber, die in den Jahren 1923 bis 1929 geboren wurden und ihre Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht haben. Die Buchreihe spiegelt den Wissenshunger und den Wunsch wider, sich von der Allmachtsfantasie der Philosophie abzusetzen. Sie repräsentiert auch das Bestreben, Wissenslücken in Deutschland nach 1945 zu schließen und sich von ausländischen Forschungsprogrammen inspirieren zu lassen.

Paul wies darauf hin, wie das Suhrkamp-Projekt eine skeptische Vorstellung von Aufklärung und Wissenschaft vermittelt. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den vier Hauptfiguren der Buchreihe und ihrer Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Programms.

Trotz der Unterschiede zwischen den Hauptfiguren des Suhrkamp-Projekts führte ihr gemeinsames Engagement zu einem vielseitigen Programm.

Besonders bemerkenswert sind die Bedenken von Hans Blumenberg bezüglich des Druckformats der Theorie-Bände. Er hinterfragte, ob Taschenbücher als Werkzeuge des Markenbrandings und als Manifestationen des geistigen Kapitalismus wirklich sinnvoll für die Gesellschaft sind. Diese Perspektive ist heute von besonderem Interesse, da Taschenbücher als selbstverständlich angesehen werden.

Auch die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft wurde hinterfragt. In einer Zeit, in der Fortschritt und Technologie rasch voranschritten, war die Art und Weise, wie Wissen vermittelt und verbreitet wurde, von großer Bedeutung. Dies führte zu Überlegungen über die Legitimität und den Wert wissenschaftlicher Publikationen. Welche Rolle spielen Bücher dabei? Wie können Ideen am besten vermittelt werden?

In dieser Ära gab es auch wachsende Bedenken hinsichtlich der technologischen Kontrolle über die Natur, insbesondere in Bezug auf Atomenergie und Atomwaffen. Die Expansion der Universitäten und die Sorge vor einer wissenschaftlichen Überlegenheit der Sowjetunion aufgrund des Sputnik-Schocks waren ebenfalls wichtige Themen dieser Zeit.

Trotz der tiefgründigen Reflexionen und hohen Ideale rückten die Praktikabilität des Büchermachens und ein gewisser Pragmatismus in den Vordergrund. Die Debatte über das Verhältnis von Theorie und Praxis, insbesondere im politischen Kontext, war ein zentrales Thema.

Im Gespräch erörterten Kaube und Paul die Herausforderungen einer Buchreihe, die ursprünglich als innovative und avantgardistische Veröffentlichung konzipiert war, sich aber im Laufe der Zeit nicht so erfolgreich durchsetzte, wie der Verleger Siegfried Unseld gehofft hatte. Trotz der eher geringen Verkaufszahlen spielte die Reihe eine wichtige Rolle bei der Etablierung des Verlags in wissenschaftlichen und theoretischen Kreisen.

Das Erscheinen von „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ (stw) markierte schließlich einen Wendepunkt, der zur Einstellung der Theorie-Veröffentlichungen im Jahr 1986 führte. Viele Theorie-Bände fanden dort eine Wiederveröffentlichung mit besseren Verkaufszahlen.

Eine Rezension des Buches von Morten Paul wird folgen.

Lust am Diskurs

So ein wenig erinnert das Theorie-Projekt von Suhrkamp an die Gründung des Merve-Verlages:

Dazu meine Netzpiloten-Kolumne: Kontrollvakuum – Der Leser als Partisan 

1970 wurde in Berlin der Merve-Verlag gegründet und galt nach anfänglichen marxistischen Ausflügen als publizistische Zentrale von Postmoderne und Dekonstruktion. So bilanzierte der entkollektivierte Merve-Gründer Peter Gente Ende der 1970er Jahre, dass man an der Dialektik irre wird. Das Verlags-Kollektiv zerbröselte irgendwann. Unter dem Deckmantel „proletarischen Erfahrungsinteresses“ flüchteten die Genossen ins partikulare Private: Bluesmusik, Nietzschelektüre, Malen, Biokost und Esoterikliteratur. Peter Gente entdeckte das Nachtleben. 

Die Verlockungen der Kneipe

Seine Unlust am Diskutieren soll in dem Maß gewachsen sein, wie er den Lockungen der West-Berliner Kneipenlandschaft erlag, erläutert Philipp Felsch, der dazu ein wunderbares Buch geschrieben hat: „Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990“.

Der hausmeisterliche universitäre Diskurs stand jedenfalls nicht mehr auf der Agenda des Verlages und bescherte uns doch wahnsinnig interessante Bücher. Aus der Internationalen Marxistischen Diskussion wurde ein Internationaler Merve Diskurs. Man entdeckte die Kunstszene und die Neuen Wilden, die sich im Schöneberger „Dschungel” tummelten: Markus Oehlen, Rainer Fetting, Martin Kippenberger. Entstanden sind eine Reihe von Künstlerbüchern: Godard, Heiner Müller, Minus Delta t, Blixa Bargeld und Werke über ästhetische Theorie: Roland Barthes’ Cy Twombly, Böhringers Begriffsfelder oder  Hosokawas Walkman-Effekt. Dann natürlich die Merve-Champions Foucault, Virilio, Baudrillard oder Deleuze.

Entdeckung der Systemtheorie 

Später widmete sich der Berliner Verlag die Systemtheorie. Lesenswert der Luhmann-Band „Archimides und wir”. Nachgeholfen hatte der Luhmann-Schüler Dirk Baecker mit einem Brief an Gente: „Heute würde ich Ihnen gerne zwei Buchprojekte vorstellen, die sehr gut in Ihre Tradition innovativen Traditionsverzichts passen würden. Im ersten Projekt handelt es sich um einen kleinen Band mit den gesammelten Interviews von Niklas Luhmann. Sie haben sicherlich mitverfolgt, zum Beispiel in der FR und in der taz, dass Luhmann einen sehr kühlen und ironischen, manchmal bissigen und in der Selbstkommentierung an ‚Monsieur Teste’ erinnernden Interviewstil entwickelt hat, der diesem Genre wieder etwas literarischen Schwung verleiht. Allesamt immer etwas launige, auf Tagesgeschehen und –eindrücke bezogene Kommentare, können sie doch auch als Einführungen in den spezifisch luhmannschen Theoriestil dienen“, so der Auszug des Becker-Schreiben, abgedruckt im äußerst lesenswerten Felsch-Band „Der lange Sommer der Theorie – Geschichte einer Revolte 1960 – 1990“, erschienen im C.H.Beck-Verlag. Baecker und Georg Stanitzek liefern in der Einleitung des Luhmann-Buches noch eine kleine Epistemologie des Interviews. So könne man von dem Systemtheoretiker lernen, dass Kommunikation immer auch eine Operation der Beobachtung füreinander unerreichbarer Köpfe ist. In kaum einer Gesprächsform werde dies anschaulicher als im Interview. Es wird nicht der Versuch unternommen, Köpfe kurzzuschließen. Die Gesprächsform lebt von der Zufälligkeit der Fragen, was allerdings durch Autorisierungen oder vorgefertigte Skripte häufig genug in eine aseptische und damit ungenießbare Metamorphose kippt. 

Diskurse ohne Volkerziehung 

Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, ein weiterer sehr wichtiger Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren. 

Peter Gente und Heidi Paris kultivierten ihre gute Laune: „Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“ 

Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Leser. Das lebt auch nach dem Tod von Gente und Paris weiter. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen, von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen. Als Netzpartisan ist Merve meine Leitstelle. 

Wahlster: Deutschland ist auf dem richtigen Weg in eine glänzende KI-Zukunft

In einer Episode von Sohn@Sohn diskutierten wir mit Professor Wolfgang Wahlster, dem ehemaligen Chef des Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), über den rapiden Fortschritt in der KI-Welt. Wahlster sieht in der steigenden Aufmerksamkeit für künstliche Intelligenz sowohl überraschende als auch erwartete Trends.

Er betont, dass die Möglichkeit, Systeme wie Chat GPT zu testen – dank Open Access – zu einer erhöhten Interaktion bei den Nutzern geführt hat. Journalisten haben das System mit extremen Fragen herausgefordert, was teils erstaunliche, teils bedenkliche Ergebnisse lieferte.

Wahlster weist darauf hin, dass trotz des aktuellen Hypes die Technologie, die dem Ganzen zugrunde liegt, solide ist und sich über 40 Jahre entwickelt hat. Es handelt sich nicht um Magie, sondern um harte Arbeit, unterstützt durch enorme Rechenkapazitäten. Das heutige System basiert auf Daten, Mustererkennung und Kombinatorik.

Zu den entscheidenden Entwicklungen im Bereich KI zählt laut Wahlster die Einführung von riesigen Modellen mit Milliarden von Parametern, der Einsatz sogenannter „Embedings“ und „Attention-Mechanismen“, und das sogenannte „Finetuning“.

Wahlster erinnert sich an eine Pressekonferenz im Jahr 2006, bei der er die Vision einer Antwortmaschine im Gegensatz zur Linküberflutung, wie sie bei Google vorherrscht, vorstellte. Wahlster argumentiert, dass die Nutzer konkrete Antworten auf ihre Fragen suchen und nicht durch unzählige Links navigieren möchten, um diese Antworten zu finden. Es ist nicht nur eine Frage des Komforts, sondern auch der Effizienz und Relevanz.

„Wir brauchen keine Suchmaschinen, sondern Findemaschinen“, sagt Wahlster. Statt einer Liste von Links möchte er eine klare Antwort.

In Anbetracht der monumentalen Investitionen, die Giganten wie Microsoft in den USA tätigen, scheint Europa in einem Wettrennen um technologische Dominanz zu liegen. Doch während einige behaupten, Europa könne nicht mithalten, betont Wolfgang Wahlster, dass nicht allein die Finanzkraft den Unterschied ausmacht.

„Wir in Europa müssen uns auf Ressourceneffizienz und innovative Algorithmen konzentrieren.“ Er hebt hervor, dass Europa zwar nicht die finanziellen Mittel hat, um in allen Sprachen zu konkurrieren, aber die Region kann sich durch qualitativ hochwertige und ethisch verantwortungsbewusste KI-Systeme auszeichnen. Er vergleicht dies mit dem Sicherheitssektor, wo viele Länder Technologien aus den USA oder China vermeiden und sich stattdessen auf europäische Produkte verlassen, weil sie den hohen Standards vertrauen.

In einem früheren Gespräch reagiert Wahlster auf die Kritik von Thomas Sattelberger, dem früheren Personalchef der Deutschen Telekom und Ex-Politiker, an der angeblich verfehlten KI-Forschung in Deutschland. Allein das DFKI könne sich vor Aufträgen aus dem staatlichen und industriellen Sektor kaum noch retten, führte Wahlster aus. Die Kritik von Sattelberger sei nicht nachvollziehbar.

“Er ist ja nicht der absolute Spezialist für KI und war doch eher für Personalpolitik zuständig. Ich kenne ihn nicht als KI-Experten. Das soll er mal gründlicher anschauen. Wir haben 80 Spin-Off-Firmen generiert. Wir haben Firmenwerte von über einer Milliarde Euro generiert. Wir haben gerade in den vergangenen zwei Jahren Firmen für über 100 Millionen Euro verkauft. Das ist nun wirklich ein Witz, was Thomas Sattelberger behauptet. Da müsste er etwas genauer recherchieren”, so die Replik von Wahlster.

Das #DFKI habe allerdings auch Forschungsaufgaben. “Wir bilden die nächste Generation von Hochschullehrern aus und bringen KI-Talente hervor. 96 Professoren für KI, die in Deutschland tätig sind, wurden bei uns ausgebildet”, betont der frühere DFKI-Chef. Man sollte bei der Beurteilung der Forschungsarbeit nicht nur auf Spin-Off-Firmen schauen. Auch die etablierten Unternehmen in Deutschland würden die Relevanz der KI erkennen und sich erfolgreich innovieren. Etwa Bosch und Siemens, denen das in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gelungen sei. “In den USA sind viele große Unternehmen den Abgrund runter gestürzt. Man hat dort zwar erfolgreiche Spin-Offs, es werden in der Öffentlichkeit allerdings immer die gleichen Beispiele genannt. Siemens, Bosch und andere Unternehmen in unserem Land waren und sind über Generationen hinweg Flaggschiffe. Das muss man erst einmal können. Diese Unternehmen haben KI-Abteilungen errichtet und setzen lernende Systeme bis in die Produktentwicklung ein”, erläutert Wahlster. Sattelberger sollte eine Deutschlandtour machen und sich diese Anwendungen anschauen. Wahlster würde ihn dabei begleiten. Ist leider nicht zustande gekommen.

Sattelberger hat nachgelegt: Die verlorenen KI-Jahre: Tragik deutscher Forschungspolitik. „Die Bundesregierung verharrte lange auf einer fast ausschließlichen Förderung von symbolischer KI. Sie engagierte sich erst sehr spät im Zuge der Ausschreibung der Kompetenzzentren für Maschinelles Lernen (ML-Kompetenzzentren) im Jahr 2017 für die seit 2012 stärker sichtbar gewordenen Ansätze der neuronalen KI.“  Über symbolische KI würde ich gerne mal mit Sattelberger sprechen…..

Experten oder Laien: Wer hat die besseren Antworten?

Experten warnen und schlaumeiern ständig herum, doch sind sie wirklich die wahren Kenner? Eine provokante These stellt die Kompetenz der sogenannten Profis in Frage. Sind Laien und Dilettanten vielleicht sogar erfolgreicher? Ein Blick auf die Irrtümer der Experten und die Macht des Zufalls.

Die Grenzen zwischen Experten und Laien verschwimmen im Zeitalter des Internets. Doch sind Experten wirklich immer die besseren Ratgeber? Oder können Laien mit ihrem frischen Blick und ihrer Unvoreingenommenheit manchmal sogar bessere Lösungen finden? In diesem Essay werden wir uns mit dieser Frage auseinandersetzen und die Vor- und Nachteile von Expertenwissen und Laienmeinungen beleuchten.

Experten werden oft als unfehlbare Quellen des Wissens angesehen. Doch sind sie wirklich immer die besseren Entscheidungsträger? Der Philosoph Paul K. Feyerabend argumentiert, dass Experten oft von Vorurteilen und Dogmatik geprägt sind. Ihre Fachkenntnisse können sie manchmal dazu verleiten, störrische Esel anstelle von Pferden zu besteigen und auf wirre Wege zu geraten. Feyerabend weist darauf hin, dass auch Dilettanten wie Schliemann, der das bronzezeitliche Troja entdeckte, oft erstaunliche Ergebnisse erzielen können. Einstein, Bohr und Born waren ebenfalls Dilettanten, die bei zahlreichen Gelegenheiten bahnbrechende Entdeckungen gemacht haben.

Die Wissenschaft kennenzulernen sei keine einfache Aufgabe, betont Feyerabend. Das Lesen wissenschaftlicher Abhandlungen vermittelt oft ein falsches Bild. Noch problematischer wird es, wenn man sich auf bestimmte Wissenschaftstheorien verlässt. Natürlich sollte man diese nicht komplett ausschließen. Schließlich können Menschen auf vielfältige Weise Ideen entwickeln – sei es beim Kaffeetrinken oder in der Natur. Der menschliche Geist ist faszinierend.

Aber kann man sich wirklich auf Wissenschaftstheorien und Wissenschaftler verlassen? Die Antwort lautet nach Auffassung von Feyerabend: Nein. Weder Wissenschaftstheorien noch Wissenschaftler sind zuverlässig. Letztere sind sogar weniger verlässlich als erstere. Wenn man wirklich etwas erreichen möchte, muss man selbst forschen. Jeder Philosoph oder Arzt hat einen anderen Kollegen, der das Gegenteil behauptet.

Wenn man dann neugierig in die Bibliothek geht, stellt man fest, dass es auch andere Meinungen gibt. Die Bibliothek ist voll von Menschen, die unterschiedliche Alternativen vertreten. Man muss sich selbst durch diese Vielfalt arbeiten und seine eigene Meinung bilden. Für die eigene Bildung und Erziehung muss man selbst Verantwortung übernehmen. „Niemand wird das für einen tun“, so der Rat von Feyerabend.

Experten sind selbst abhängig von weit verbreiteten Gerüchten, Vorurteilen und den gerade dominierenden Schlagzeilen in klassischen Medien und im Social, die außerhalb ihres Fachgebiets liegen. Und selbst im eigenen Fachgebiet predigen sie das, was gerade alle hören wollen. In der Finanz- und Wirtschaftswelt sind Makroökonomen, Statistiker und Berater oft nicht in der Lage, das Unvorhergesehene zu prognostizieren. Sie verlassen sich zu sehr auf statistische Methoden und schauen zu oft in den Rückspiegel, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Doch Friktionen, Zufälle und politische Katastrophen lassen sich nicht mit mathematischen Modellen berechnen.

Der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer argumentiert, dass das Management der Zukunft unter den Bedingungen von Komplexität und Zufall stattfindet. In unsicheren Informationsräumen können Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden. Der Zufall spielt eine große Rolle bei Einfällen und Innovationen, die oft als plötzliche Ereignisse auftreten. Mainzer betont, dass es keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit gibt. Politiker, Entdecker und Unternehmer sollten weniger auf Top-down-Planung setzen und stattdessen maximales Herumprobieren und das Erkennen von Chancen in den Vordergrund stellen.

Nassim Taleb, Autor des Buches „Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als Idioten‘ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete Albernheit des Laien‘ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das Lob der Torheit‘ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, empfiehlt eine Strategie des Ausprobierens und Ergreifens von Chancen. Experten, die glauben, dass sie mehr wissen als die Gesamtbevölkerung, sind oft nicht besser informiert als diese. Sie können lediglich ihre Erkenntnisse besser präsentieren oder mit komplizierten mathematischen Modellen beeindrucken. Taleb betont, dass es in Umgebungen, in denen es zu unvorhersehbaren Ereignissen kommen kann, keine Vorhersagen geben kann. Daher sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Experten immer die besten Antworten haben.

Als Verteidigungsstrategie gegen den elitären Diskurs könnte das Credo des dadaistischen Cabaret Voltaire dienen. Der Dadaist spielt mit den Fragen des Lebens und erfindet zwingende Gründe für unvernünftige Theorien. Er vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.

In einer Welt, in der die Grenzen zwischen Experten und Laien verschwimmen, sollten wir offen sein für neue Perspektiven und Ideen. Expertenwissen ist wichtig, aber Laien können mit ihrem frischen Blick und ihrer Unvoreingenommenheit manchmal bessere Lösungen finden. Es ist an der Zeit, den elitären Diskurs zu hinterfragen und Raum für neue Stimmen zu schaffen. Denn letztendlich sind es die Vielfalt und die Kreativität der Menschen, die zu echtem Fortschritt führen.

Siehe auch:

deutschlandfunk.de – Dada und die Folgen – Subversive Kunst

literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de – Dadaismus I: Cabaret Voltaire (Zürich)

faz.net – Cabaret Voltaire: Zürich feiert 100 Jahre Dada

geschichtedergegenwart.ch – Back to the Future. 100 Jahre Dada und die Zukunft des …

deutschlandfunkkultur.de – 100 Jahre Dadaismus – Cabaret Voltaire in Zürich eröffnet

Junge Leute gucken nur noch TikTok-Videos und sind zu faul zum Lesen, lautet das gängige Vorurteil. Nur stimmt das offenbar nicht. Die Buchbranche boomt bei den Jungen.

Zusammenfassung:

Experten vs. Laien: Wer hat recht?

Wir alle haben es erlebt. Ein Experte tritt auf die Bühne, wirft mit Fachbegriffen um sich und verkündet seine Prognosen. Doch wie oft liegen diese Experten tatsächlich richtig?

Das Expertendilemma

Historische Fehltritte Schauen wir uns einmal die Geschichte an. Experten haben oft genug danebengelegen. Ob es nun um den Untergang der Titanic ging oder die Behauptung, das Internet sei nur eine Modeerscheinung.

Die Blase der Experten Experten sind oft in einer Echo-Kammer gefangen, in der ihre Ansichten ständig verstärkt werden. Dies kann zu einem Tunnelblick führen, der andere Perspektiven ausschließt.

Der Triumph des Laien

Erfolgsgeschichten Es gibt unzählige Geschichten von Dilettanten, die da, wo Experten scheiterten, triumphierten. Denken Sie an Steve Jobs, der kein Ingenieur war, aber die Tech-Welt revolutionierte.

Warum unterschätzen wir Dilettanten? Vielleicht, weil wir annehmen, dass Wissen gleichbedeutend mit Weisheit ist. Doch oft sind es die frischen Perspektiven und das unkonventionelle Denken, die zum Erfolg führen.

Die Macht des Zufalls

Zufall vs. Expertise Manchmal ist es reiner Zufall, der den Unterschied ausmacht. Ein glücklicher Zufall kann eine Idee zum Erfolg führen, auch wenn alle Experten dagegen waren.

Kann der Zufall planbar sein? Natürlich nicht! Aber wir können lernen, uns für unerwartete Möglichkeiten zu öffnen, anstatt uns stur auf das Urteil der Experten zu verlassen.

Wann sollte man auf Experten hören?

Expertise ist nicht gleich Erfahrung Expertise basiert oft auf Studien und Büchern. Aber wahre Weisheit kommt aus Erfahrung. Und manchmal haben Laien diese in Hülle und Fülle.

Die Kraft der Intuition Oft haben wir ein Bauchgefühl, das sich als richtig erweist. Sollten wir dieser Intuition mehr vertrauen als den Ratschlägen der Experten?

Ein Fazit: Expertise neu bewerten

Fehler sind menschlich Und ja, auch Experten sind nur Menschen. Sie können und werden Fehler machen.

Die Mischung macht’s Vielleicht sollten wir lernen, sowohl die Meinungen von Experten als auch von Laien zu schätzen. Eine ausgewogene Mischung aus beidem könnte der Schlüssel sein.

Zum Schluss, wer sagt eigentlich, was richtig oder falsch ist? Vielleicht ist die Antwort nicht schwarz-weiß. Vielleicht ist die wahre Erkenntnis, dass jeder von uns, Experte oder Laie, einen wertvollen Beitrag leisten kann. Wer weiß, vielleicht sind Sie der nächste „Laie“, der die Welt verändert!

KfW-Mittelstandspanel: Finanzierungssituation für Unternehmen wird zur Herausforderung – Banken agieren restriktiv bei Kreditvergabe

Steigerung der Unternehmensinvestitionen im ersten Halbjahr 2023: Trotz schwierigem Umfeld und hoher Belastungen haben die Unternehmensinvestitionen im ersten Halbjahr 2023 deutlich zugenommen. Doch wie geht es weiter? Die Erwartungen der Unternehmen sind gespalten. Gleichzeitig steigt die Kreditfinanzierung im Mittelstand, aber es zeichnet sich eine Trendwende bei den Kreditverhandlungen ab. Zudem gibt es einen Umsatzzuwachs im letzten Jahr, aber belastete Gewinnmargen. Die Finanzierungssituation für Unternehmen wird zur Herausforderung. Doch trotz allem zeigen sich solide Eigenkapitalquoten und ein Rückgang von Zombie-Unternehmen. Lest mehr über die aktuellen Entwicklungen im Mittelstand.

Auch in Krisenzeiten zeigt sich der deutsche Mittelstand in seiner Gesamtheit robust. Das belegt das KfW-Mittelstandspanel 2023. Sowohl Umsätze als auch Investitionen der 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen legten der repräsentativen Befragung von KfW Research zufolge im zurückliegenden Jahr 2022 zu, in moderatem Umfang auch die Beschäftigung. Die durchschnittliche Eigenkapitalausstattung der Unternehmen bleibt stabil und ihre Schuldentragfähigkeit ist weiter gegeben. Die Umsatzrendite fiel zuletzt allerdings auf den niedrigsten Stand seit 2015. Vor allem die kleinen Unternehmen blieben offenbar häufig auf den gestiegenen Kosten sitzen. „Seit dem Jahr 2020 wird die Resilienz des deutschen Mittelstands durch sich überlappende Krisen auf eine harte Probe gestellt. Doch auch 2022 sind allen Belastungsfaktoren wie Krieg in der Ukraine, Energiekrise und steigenden Preisen zum Trotz die Blessuren bei den kleinen und mittleren Unternehmen überschaubar geblieben“, so Köhler-Geib.

Die Unternehmensinvestitionen im ersten Halbjahr 2023 seien deutlich gestiegen. Großunternehmen verzeichneten eine nominale Steigerung um 7 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Investitionen nominal um 9,6 Prozent und real um 3,1 Prozent. Trotz der hohen Belastungen und des schwierigen Umfelds für Unternehmen war der Start ins Jahr also stark. „Es bleibt jedoch fraglich, ob dieser positive Trend anhalten wird. Laut einer Umfrage erwarten nur 50 Prozent der Unternehmen, dass ihre geplanten Investitionsvorhaben wie geplant umgesetzt werden. 37 Prozent erwarten eine Verminderung oder Verschiebung und 13 Prozent gehen sogar von einer vollständigen Aufgabe aus“, erläutert die KfW-Chefvolkswirtin.

Banken verhandeln restriktiv

Die Finanzierungssituation stellt eine weitere Herausforderung dar. Im letzten Jahr stieg die Anzahl der Kreditnehmer im Mittelstand für Investitionszwecke deutlich auf 763.000. Das Volumen der Kreditfinanzierung von Investitionen erhöhte sich im Jahr 2022 auf 76 Milliarden Euro, was etwa 32 Prozent der Investitionen entspricht. Für dieses Jahr zeichnet sich jedoch eine Trendwende ab. Im dritten Quartal gaben 32 Prozent der mittelständischen Unternehmen zu Protokoll, auf restriktive Banken bei Kreditverhandlungen gestoßen zu sein. „Obwohl dies nicht bedeutet, dass sie keinen Kredit erhalten haben, zeigt es doch, dass die Verhandlungen schwieriger waren. Im letzten Jahr gab es einen Rekord an erfolgreich abgeschlossenen Kreditverhandlungen, ob sich dies in diesem Jahr wiederholen wird, ist jedoch fraglich“, betont Köhler-Geib.

Rückgang von Zombie-Unternehmen zeigt solide Finanzlage

Trotz der schwierigen Lage seien die mittelständischen Unternehmen finanziell gut aufgestellt. Fast 60 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Liquiditätslage als sehr gut oder gut, weitere 30 Prozent als ausreichend. Die Eigenkapitalquoten im Mittelstand sind nach wie vor hoch, mit einem leichten Rückgang von 31,4 auf 31,2 Prozent im vergangenen Jahr. „Besonders erfreulich ist, dass ein höherer Anteil von Unternehmen eine Eigenkapitalquote von über 30 Prozent aufweist. Nur noch ein Viertel der Unternehmen hat eine niedrige Eigenkapitalquote von weniger als 10 Prozent. Die Finanzlage der mittelständischen Unternehmen ist also solide“, sagt Köhler-Geib auf der Pressekonferenz der KfW.

Der Anteil von Unternehmen sei zurückgegangen, bei denen der operative Gewinn kleiner als die Zinsverpflichtung ist. Also die so genannten Zombie-Unternehmen. Insgesamt sei die Lage besser als die Stimmung, betont Köhler-Geib. Und das entspricht auch meiner Wahrnehmung, die ich in meiner Kolumne für Haufe New Management dargelegt habe.