
Was ist Erinnerung? Und wie wirkt sie in uns, ohne dass wir es merken? Das FAZ-Magazin vom 14. Juni 2025 widmet Hannah Monyer ein ausführliches Interview – und es ist ein leiser, eindrucksvoller Beitrag über Wissenschaft, Lebensentscheidungen und das, was der Mensch vom Menschen wissen kann.
Die renommierte Neurobiologin, 1957 im siebenbürgischen Großlasseln geboren, wollte früh Ärztin werden. „Ich wollte Menschen helfen“, sagt sie. Schon als Kind wurde ihr klar, dass Schmerz kein Schicksal ist, sondern ein Signal, das verstanden werden kann. Der Impuls, die heiße Herdplatte loszulassen, war für sie keine bloße Reaktion – sondern ein Wunder, das erklärt werden wollte. Sie fragte ihre Mutter, sie forschte weiter – und ließ das Denken seither nicht mehr los.
Mit 17 verließ sie das kommunistische Rumänien und ging allein nach Heidelberg, machte dort Abitur, studierte Medizin, forschte in Stanford, arbeitete in der Kinderpsychiatrie und in der Neuropädiatrie – bis sie schließlich in Heidelberg am Zentrum für Molekulare Biologie bei Peter Seeburg anlandete. Seit 1999 leitet sie als Ärztliche Direktorin die Klinische Neurobiologie an der Universitätsklinik Heidelberg – eine Forscherin, die immer auch Ärztin geblieben ist.
Und dann, mitten im Gespräch, kommt Marcel Proust ins Spiel. Kein Zufall – sondern ein Lichtstrahl.
„Manchmal ist etwas in unserem Gehirn, von dem wir gar nicht wissen, dass es da ist“, sagt Monyer. „Marcel Proust beschreibt das in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Sein Protagonist kommt an einem regnerischen Tag nach Hause, ist mürrisch und friert, und es wird ihm eine Tasse Lindenblütentee mit einer Madeleine gereicht. Ihn durchfährt ein Wohlgefühl, von dem er zunächst nicht weiß, woher es kommt. Er nimmt einen Schluck Tee, und dann, er beschreibt es so schön, steigt aus seiner Tasse das Zimmer von Tante Leonie auf, und dann das Haus, und plötzlich sieht er auch die Nachbarhäuser, die Straßen, die Kirche und dann das ganze Dorf.“
Was der Schriftsteller so poetisch beschreibt, ist für die Forscherin ein Modellfall. „Eine Erinnerung bringt die nächste hoch – eine Kettenreaktion“, sagt Monyer. Genau das könne man heute neurobiologisch erklären. Aber auch: Erinnerungen sind keine Abbildungen, sondern Erzählungen. Wenn etwas fehlt, ergänzen wir. Wenn etwas nicht passt, gleichen wir an. Das Gehirn will Sinn – und wenn nötig, erfindet es ihn. „Ein Teil davon dürfte wahr sein, ein anderer nicht.“
Diese Spannung – zwischen Wahrheit und Konstruktion, zwischen Signal und Interpretation – ist das Zentrum ihres Denkens. Und es ist zugleich das, was Monyers Arbeit so proustisch macht: Sie arbeitet nicht gegen die Subjektivität, sondern mit ihr. Sie forscht nicht am Menschen vorbei, sondern auf ihn hin.
Dass Ruhe, Schweifenlassen und innerer Leerlauf entscheidend fürs Lernen sind – das hat Monyer längst nachgewiesen. „Man braucht Leerlauf, um zu lernen.“ Unser Gehirn konsolidiert in den Pausen. Erst in Momenten der Inaktivität, wenn die äußere Welt verstummt, sortiert sich das Erlebte. Es sind Zwischenzeiten, die Gedächtnis schaffen. Kein Wunder, dass auch Prousts Erinnerungen immer dann aufsteigen, wenn sein Erzähler gerade nicht auf sie wartet.
Das hat Konsequenzen – nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Pädagogik, für das Selbstbild der Wissenschaft, für das Verhältnis von Gefühl und Erkenntnis.
Lernen mit Proust – das heißt: nicht nur Fakten speichern, sondern Räume schaffen für das Unbewusste, das Assoziative, das nicht Planbare. Es heißt auch: dem Gedächtnis zu vertrauen, ohne es zu überfordern. Und dem Unsichtbaren – den Zwischentönen, Gerüchen, Nebensätzen – jenen Platz einzuräumen, an dem Erkenntnis wachsen kann. In der Literatur. Und in der Forschung.