Empedokles: Über die Ausflüsse der Dinge und den ewigen Zyklus

Textpassagen von Philosophen vor Platon sind eine Seltenheit, fast wie verlorene Schätze einer längst vergangenen Welt. Doch in den 1990er-Jahren ereignete sich eine Sensation, berichtet die FAZ in ihrem Wissenschaftsteil. Ein antikes Stück Papyrus tauchte auf, das einem Werk des vorsokratischen Denkers Empedokles zugeschrieben wurde. Empedokles, berühmt für seine Lehre von den vier Elementen – Erde, Wasser, Luft und Feuer – sowie den Mächten der Liebe und des Streits, war plötzlich wieder greifbar. Die Entdeckung erhellte ein neues Licht auf einen der bedeutendsten Denker der Antike.

Nun, nach Jahrzehnten, geschah das Unfassbare erneut. Ein weiteres Fragment eines Empedokles-Werkes wurde entdeckt – diesmal in den Archiven des Institut français d’archéologie orientale in Kairo. Es handelt sich um ein kleines, aber bedeutungsvolles Stück, das vielleicht mehr Aufschluss über die Weltanschauung dieses geheimnisvollen Philosophen geben könnte. Doch was steht auf diesem neu entdeckten Fragment? In einer vorsichtigen Rekonstruktion wird die Tiefe der Gedankenwelt des Empedokles offenbar, die uns in den Kosmos seiner Naturphilosophie eintauchen lässt.

Die folgenden Zeilen versuchen, aus den verstreuten Bruchstücken einen vollständigen Text zu formen, der den Geist und die Lehren des Empedokles wiederbelebt:

Auch jetzt noch, wie einst im großen Zyklus des Kosmos, wirken die Kräfte der Elemente, immerwährend und unaufhaltsam. Denn stets, wenn die Körper der Menschen schwitzen, ist es nicht nur das Wasser, das aus ihnen fließt, sondern ein Zeichen des uralten Streits, der auch in den kleinsten Dingen die Trennung erzwingt.

So wie der duftende Weihrauch in den Tempeln der Götter seinen Wohlgeruch verströmt, so scheiden auch die Wesen der Welt ihre Essenzen aus – Ausflüsse, die unsichtbar den Raum erfüllen und doch so wahrnehmbar sind wie das Licht, das aus dem Feuer hervorgeht.

Und wie die Abflüsse der Schlacke, die in den Schmieden des Menschen rotglühendes Eisen hinterlassen, so wirken die Kräfte des Streits, die alles scheiden und trennen. Alles in der Welt scheidet Abflüsse aus, sei es das Blut der Erde oder die Gedanken der Menschen. In diesen Prozessen zeigt sich der ewige Zyklus, der das All in seinem ständigen Wandel hält.

Höret meine Worte, denn sie sind Zeugnisse des kosmischen Gesetzes, das nichts in seiner Ganzheit lässt, sondern alles in seine Elemente zerlegt. Doch wisset auch, dass, wie der Streit die Elemente auseinanderreißt, die Liebe sie wieder vereint. Es ist die Liebe, die das Eisen formt, das der Streit rotglühend gemacht hat, und die das Licht des Feuers zu einem Schein der Erkenntnis wandelt.

So wisset: Alles scheidet Abflüsse aus, sei es aus Liebe oder aus Streit, und in diesen Ausflüssen offenbart sich das Geheimnis der Welt. Denn durch die Beobachtung des Jetzt können wir die Zyklen des Werdens und Vergehens verstehen, die den Kosmos durchziehen und das Eine zu Vielen machen, nur um sie wieder in das Eine zurückzuführen.

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