
Von 1990 bis 1992 war ich bekanntlich am Institut für Demoskopie Allensbach tätig, genauer gesagt als Leiter des Bonner Büros. Es waren bewegte Jahre, geprägt vom großen Umbau eines geteilten Landes. Die Wiedervereinigung – ein historisches Ereignis, das auch unsere Arbeit massiv beeinflusste. Wir bekamen Sonderaufträge, um die erste gesamtdeutsche Wahl zu begleiten und die Transformation Ostdeutschlands zu vermessen.
Eines dieser Projekte war das Elite-Panel, das nun auch das Führungspersonal in Politik, Wirtschaft und Verwaltung im Osten einbezog. Da die Telefonleitungen zwischen Ost und West noch unzuverlässig waren, mussten wir improvisieren. Wir mieteten Büroräume unweit des Zentralkomitees der SED in Berlin. Eine skurrile Szenerie: Dort, wo einst die Polit-Autokraten tagten, summten nun unsere Plastiktelefone. Das Personal rekrutierten wir aus Ost-Berlin, ein paar West-Berliner gesellten sich auch dazu. Schon bald wurde in den stickigen Räumen telefoniert, bis die Ohren rot waren.
Abends, auf dem Weg zurück in die Unterkunft, schlenderte ich oft an den Bücherkisten vorbei, die vor dem einstigen ZK-Gebäude standen. Bibliophile Juwelen mit dem Ex-libris-Vermerk „ZK der SED“ lagen dort für ein paar Mark. Vielleicht hatte Honi selbst sie in den Händen gehalten, dachte ich mir, während ich einen Band mit Lenin-Zitaten durchblätterte.
Von Aufschwungträumen und Niedergangssorgen
Heute, fast 35 Jahre später, könnte der Kontrast kaum größer sein. Das aktuelle Elite-Panel, wie immer vom Institut für Demoskopie Allensbach für FAZ und Capital durchgeführt, zeichnet ein düsteres Bild der deutschen Wirtschaftslage. 85 Prozent der Führungsspitzen – Vorstände, Minister und Direktoren – sind stark beunruhigt. Besonders die Automobilindustrie, einst der Stolz des Landes, steht unter Druck. Vier von fünf erwarten eine langfristige Schrumpfung der Branche. Subventionen, so die Mehrheit, seien unabdingbar, um die Akzeptanz von Elektroautos zu fördern.
Auch die politische Führung kommt schlecht weg. Robert Habeck, Wirtschaftsminister der Grünen, wird von gerade einmal 20 Prozent als erfolgreich angesehen. Die Hoffnung ruht auf einem Regierungswechsel. 85 Prozent der Befragten setzen auf Friedrich Merz und die Union. Sie träumen von Schwarz-Gelb, während Schwarz-Grün als pragmatische Alternative in Betracht gezogen wird.
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Interessant ist, dass selbst unter den aktuellen Herausforderungen Optimismus aufblitzt. Der amerikanische Präsident, ein gewisser Donald Trump, wird zwar kritisch gesehen, doch 64 Prozent der Führungsspitzen erkennen auch Chancen in seiner Politik. Die deutsche Wirtschaft, so der Tenor, werde trotz Handelskonflikten und Zöllen ihre Stärke behaupten.
Und so bleibt eines klar: Die Gespräche am Plastiktelefon mögen verstummt sein, doch die Stimmen der Eliten klingen weiter. Immer mit dem Drang nach Veränderung, nach Stabilität, nach einer besseren Zukunft – und einem Hauch Nostalgie für die Zeiten, als man noch in Ost-Berlin die Fäden zog.